Medium Sonntagszeitung, Schweiz
Datum 20. Mai 2007
Thema Multimedia / Claude Cueni
 

 

 

Der Technik-Freak macht Schluss mit der Spielerei 

Claude Cueni, Game-Erfinder, hat mehr Zeit zum Schreiben


V
ON DANIEL METZGER
Neuerdings interessiert sich Claude Cueni für Bluewin-TV. In seinem Arbeitszimmer in Bin­ningen bei Basel hat er eine Empfangsanlage für das Tele­fonfernsehen aufgebaut. Noch ist er mit der Qualität der Technik nicht wirklich zufrieden: «Die Bildqualität ist schlecht und bei Livesendungen sind Bild und Ton nicht synchron», sagt der 50­jährige Cueni.
Seit vielen Jahren beschäftigt sich Cueni mit den Fortschritten der Kommunikationstechnik: «Ich bin ein Technik-Freak.» Vor allem das Telefon hat ihn schon immer fasziniert. 1991 erfand Cueni das erste interaktive TV­Spiel in Europa, bei dem die Zuschauer mit Telefonanrufen das Geschehen bestimmten. Es lief im Schweizer Fernsehen, der ARD, bei Pro7 und in Finnland. 15 Jahre lang führte er die Soft­warefirma Black Pencil AG, die unter anderem Kurzspiele für das Bundesamt für Gesundheit schrieb. Dazu gehörte «Catch the Sperm», das Jugendliche wegen Aids zum Gebrauch von Kon­domen animieren sollte und das auch auf Chinesisch übersetzt worden ist.
Jetzt hat Cueni das Kunststück geschafft, mit den Chinesen ins Geschäft zu kommen. Der Ba­selbieter hat der in Hongkong an­sässigen Firma Artificial Life sein Wissen über Fernsehunterhal­tung per SMS verkauft. Cueni macht Mobiltelefone zu Fern­steuerungen: Das Publikum lenkt die Spielfiguren am TV-Bild­schirm mit Kurznachrichten, die ins Studio geschickt werden. Schweizer Fernsehzuschauern ist die Technik seit vier Jahren als «SMS Galaxy» bekannt. Das SMS-Quiz für Kinder auf SF 2 handelt von Ausserirdischen.
Die Hauptrolle spielt ein steppender Kaiserpinguin

Bei Artificial Life wird Cueni keine Spiele-Drehbücher mehr schreiben. «Ich werde Mitglied des Beraterstabs sein sein.» Ar­tificial Life wurde 1993 in Boston gegründet und wollte während der Interneteuphorie mit virtu­ellen Verkäufern den Onlin­ehandel auf den Kopf stellen. Doch das klappte nicht. Die Fir­ma zog nach Asien und stieg dort in die Mobilunterhaltung ein. Zu ihren Angeboten gehören die vir­tuelle Freundin und der virtuel­le Freund fürs Handy. Die Be­ziehung zu den zweibeinigen Tamagochis wird mittels kosten­pflichtiger SMS geführt.
Zu den Kunden von Artificial Life gehören neben chinesischen Fernsehstationen europäische Mobilfunkanbieter wie TeliaSo­nera und Mobilkom Austria. Seit April sitzt René C. Jäggi, der frühere Präsident des FC Basel, im Aufsichtsrat der Firma. Zu­sammen mit dem Filmstudio Warner entwickelt Artificial Life für den japanischen Markt ein auf dem Animationsfilm «Happy Feet» basierendes Handyspiel. Ein steppender Kaiserpinguin spielt darin die Hauptrolle.
Cueni ist ein Frühaufsteher. Morgens schrieb er Romane und Drehbücher fürs Fernsehen, nachmittags beschäftigte er sich mit der Erfindung von Compu­terspielen. So entstanden Folgen für die TV-Krimiserien «Peter Strohm», «Eurocops» und «Tat­ort », aber auch Games wie «Han­nibal », «Harry Buster» und «Smoke Attack». Diese Präven­tionsspiele gegen Aids, Zigaret­ten und Alkohol waren für Cueni eine erfolgreiche Neben­beschäftigung. Die Software wurde auch an Gesundheitsämter in Deutschland, Spanien und Island verkauft und in insgesamt 180 Ländern gespielt. «Unser Hauptinteresse galt aber dem interaktiven Fernsehen», sagt Cueni. Hier gehörten auch das renommierte Britische Museum mit einem virtuellen Amphi­theater und die frühere Swissair zu den Kunden.
Erfindung des Papiergeldes als Romanvorlage

Der Handel mit Artificial Life be­endet Cuenis Leben als Software­Unternehmer. In Zukunft will er sich vorwiegend dem Schreiben von historischen Romanen wid­men. Diese verkauften sich gut, sagt Cueni. 2006 veröffentlichte er «Das grosse Spiel». Darin be­schreibt er, wie das Papiergeld vor 300 Jahren erfunden wurde. Das Werk ist das zweite einer Trilogie. Der letzte Teil erscheint nächstes Jahr. Im Roman geht es um Geld und Virtualität. Und um China.