Medium Weltwoche
Datum 1. Februar 2007
Thema Das Grosse Spiel
   

Literatur: Claude Cueni, ein Meister der intelligenten Unterhaltung.


Das Buch, das alles kann


Reinhardt Stumm

«Das grosse Spiel» des Baslers Claude Cueni über einen genialen Geldtheoretiker ist schlichtweg grossartig. Vielleicht passt es deshalb nicht in den Raster gängiger Genreeinteilungen.

John Law of Lauriston, der Mann, um den es in dieser unglaublichen, aber wahren Geschichte geht, der grösste Geldtheoretiker aller Zeiten (wie der Verlag uns wissen lässt), hat wirklich gelebt. Er wurde 1671 in Edinburgh geboren und starb 1729 in Venedig. Er entstammt einer schottischen Adelsfamilie, die auch schon mit Geld zu tun hatte. Sein Vater William war Münzprüfer.

Wie geht man mit einem solchen Stoff um? Man kann Claude Cueni fragen. Dabei übt der noch. Drehbücher für Film und Fernsehen, ein gutes halbes Hundert, schrieb der 50-jährige Basler mittlerweile zwischen Zähneputzen und Frühstück. Jetzt sind es historische Romane. «Cäsars Druide», 1998 erschienen, verkaufte sich über 100000-mal (neuster Stand der Forschung). Im Herbst erschien «Das grosse Spiel», mittlerweile dritte Auflage, Lizenzen in vier Ländern. Gut, und noch mal:

Wie geht man mit einem solchen Stoff um? Man kann die Lebensgeschichte dieses Mannes zu Literatur machen – zur Geschichte einer Idee, die sich im Sein eines Menschen spiegelt. Das liesse sich gezielt geradeaus erzählen, mit geheimnisvollen Verdunkelungen nach bewährtem Muster: Einen Teil verstehen alle, einen Teil versteht nur der Autor, einen Teil versteht niemand. Was wiederum (ausser bei den Literaturkritikern) den Verdacht aufkommen liesse, dass sich hier ein Autor vor allem für sich und dann noch lange nicht für andere interessiert.

Man kann aus der Lebensgeschichte dieses Mannes einen historischen Roman machen. Das stellenweise furchteinflössende Gewirr von Fakten und Legenden verschafft den unschätzbaren Vorteil, sich mehr auf Fantasie als auf Recherche verlassen zu können. Wer will einem das Gegenteil beweisen?

Man kann diese Lebensgeschichte als Familiengeschichte verstehen – als Darstellung eines schwierigen Versuchs des Zusammenlebens von Menschen in Zeitläuften, die Familienleben schwierig oder gar unmöglich machten.

Man kann aus Lord Lauristons Lebensgeschichte eine psychologische Studie machen – die Geschichte einer Idée fixe, die das Leben eines Mannes beherrschte, der besessen war von einer Theorie, ein hochbegabter Spieler, der für seine Überzeugungen Kopf und Kragen riskierte.

Man kann die Lebensgeschichte dieses Mannes, der es 1716 fertigbrachte, in Paris eine staatliche Notenbank zu gründen, aus der zwei Jahre später die Banque Royale wurde, als Wirtschaftskrimi erzählen. Als Geschichte eines Mannes, der – als Mörder verurteilt – zeit seines Lebens auf der Flucht vor der Polizei war. Als Biografie eines Frühkapitalisten, den seine Gründung der Mississippi-Gesellschaft 1717 zum Besitzer halb Amerikas machte – für sehr kurze Zeit. 1720 führte eine durch die Torheit des regierenden Duc d’Orléans verursachte Finanzkrise Frankreich mitsamt Monsieur Law an den Rand des Ruins – wofür Law dann den Kopf hinhalten sollte. Da wäre doch endlich eine wundervolle Gelegenheit für den Autor, über die Eitelkeit allen menschlichen Strebens und Trachtens und die Wertewandel der Gesellschaft nachzudenken.

Nicht zuletzt wäre diese Lebensgeschichte ein herrlicher Stoff für einen Abenteurerroman – wenn man damit nicht die Grenzen des Erlaubten überschritte. Das hiesse ja nicht mehr und nicht weniger, als dass unser Autor einen Ehrgeiz entwickelte, der den Verfassern von Unterhaltungsliteratur ganz offenbar verboten ist.

Aber wo tun wir sie hin, wo haben wir die hingetan, die nach der im Laufe des Aufklärungszeitalters im 18. Jahrhundert vorgenommenen Aufspaltung der schriftstellerischen Produktion aus Amt und Würden fielen? Im 18. Jahrhundert wandte sich die Dichtung von der Theorie der rhetorischen Wirkungsabsichten ab – denken wir an Christoph Martin Wieland, an den Zürcher Christian Fürchtegott Gellert, dem Dichtung noch dazu diente, «dass sie uns die Schändlichkeit des Lasters, das Thierische der Lüste und Sinnlichkeit, das Niederträchtige des Geitzes, das Kleine der Eitelkeit, das Schreckliche der Wollust, mit einem Worte, die Reitzungen der Tugend und die Hässlichkeit des Lasters empfinden lassen» – damit sollte es ein Ende haben. Man überliess es der Trivialliteratur, die Leser – auch moralisch – zu unterhalten.

Die Aufklärung in den Keller verbannt


Die Wissenschaft ihrerseits konzentrierte sich ganz aufs Belehren. Seitdem begegnet dem Sachbuch der Verdacht, es sei ein unsolides Zwischenwesen, weder literarisch noch wissenschaftlich befriedigend.

Der Olymp wurde in Stockwerke eingeteilt:

1. Beletage: Dichtung
2. Rez-de-chaussée Strassenseite: Literatur
Rez-de-chaussée Hofseite: Schriftstellerei
Die jährlichen Mietkostenzuschüsse für diese beiden Etagen belaufen sich zurzeit im Schweizer Literaturbetrieb auf 13 Millionen Franken, aufgebracht von der öffentlichen Hand und von den Stiftungen für die Literaturförderung.
3. Souterrain: Belehrung
4. Hinterhof: Trivialliteratur

Und damit ja nichts schiefgehen kann, wird uns bis auf den Tag von Fall zu Fall mit jedem neuen Bewohner vom Literatur-Kontrollbüro gleich die Etage bekanntgegeben. Wenn Sie historische Romane suchen, wenn Sie Cueni suchen, klingeln Sie Souterrain.

In anderen Ländern ist diese Art der Ausgrenzung eher unbekannt. Natürlich fragt man: langweilig oder spannend – platt oder gescheit – seicht oder Tiefgang. Im Übrigen vertraut man mehr auf so etwas wie Urteilsvermögen und geschulten Geschmack.

Wann ist ein Buch ein schlechtes Buch? Wenn Menschen nicht mehr erkennbar, wenn sie langweilig, schlecht erfunden oder einfach gelogen sind? Wenn dem Erzähler nichts einfällt? Wenn seine Geschichten hohl sind? Wenn sie in allen Gelenken quietschen?

Alles Gründe, zu einem Buch nein zu sagen. Ausser bei uns. Da handeln wir uns bestenfalls die Ermahnung ein, gefälligst unsere Kulturpflichten zu erfüllen. Da kann ich Ihnen auch helfen. Wenn Sie mal wieder richtig gähnen wollen, stöbern Sie in der österreichischen Literaturzeitschrift Manuskripte!

Popularität schliesst Ernsthaftigkeit aus


Irgendwann musste da mal einer kommen, der es genau wissen will. Die Berliner Humboldt-Universität und die Universität Hildesheim machen sich eben jetzt daran, «Das populäre deutschsprachige Sachbuch im 20. Jahrhundert» unter die Lupe zu nehmen. Sind Sachbücher tatsächlich unsolide Zwischenwesen, weder Literatur noch seriöse Wissenschaft? Versucht werden wird:

a) den Grundstock für eine empirische Forschung im Bereich Sachbuch zu legen;
b) die literaturhistorischen Grundlagen für das Genre Sachbuch zu erarbeiten;
c) die Curricula für das professionelle Konzeptionieren, Schreiben und Lektorieren im Bereich Sachbuch zu entwerfen und zu erproben.

Neben dem literaturwissenschaftlichen Fokus sollen dabei auch die kultur- und medienwissenschaftlichen Forschungen der letzten Jahre ins Blickfeld gerückt werden. Ein gesellschaftlich äusserst wirksames Genre – das Sachbuch – soll in den Wissenschaftsbereich aufgenommen werden. Die Wissenschaftler sind kühn genug, ihren Lernauftrag (nicht Lehr-!) zu erweitern und gegebenenfalls neu zu formulieren.

Ihr Forschungsprojekt ist zunächst vor allem historisch orientiert. Es strebt eine empirische Bestandsaufnahme des Sachbuchs im 20. Jahrhundert an und schreibt auf dieser Grundlage eine Literaturgeschichte zur generellen Bestimmung des Genres.

Im Klartext heisst das: Wenn schon die Literaturwissenschaft sich immer noch erfolgreich um einen Produktionsbereich herumdrückt, dem – nach ihrem Verständnis – die Aura des Auserwählten, Begnadeten, Erkorenen fehlt, dann müssen halt Medienwissenschaftler das Werkzeug erfinden, mit dem sie einem Phänomen auf den Pelz rücken können, das wahrhaftig nicht mehr zu übersehen ist.

In der eben erschienenen ersten Nummer der Zeitschrift «Non Fiktion. Arsenal der anderen Gattungen» (Weidler-Buchverlag, Berlin), die dem Projekt der Humboldt-Universität gewidmet ist, findet sich ein Interview mit der 1970 geborenen Kathrin Passig, die 2006 in Klagenfurt für ihren Text «Sie befinden sich hier» den Ingeborg-Bachmann-Preis verliehen bekam. In dem Interview wird allen Ernstes die Frage erörtert, ob es sich bei dem Text überhaupt um «ernstgemeinte» Literatur handele.

«Ein durch und durch konstruierter und auf einen Zweck hin geschriebener Text», urteilte zum Beispiel die NZZ. O.k., keine Literatur. Der Tages-Anzeiger hält denselben Text für «gelungene Dekoration». Wieder nichts. Aber ganz nebenbei und ex negativo bekommen wir eine Ahnung von den Urteilskriterien, wenn wir da lesen, dass der Text «nach den Regeln durchgestylt [ist] und anscheinend ganz ohne innere Kämpfe und künstlerische Verantwortung auskommt». Am schönsten die Schlusswendung: Diese Preisverleihung «weist in Richtung einer Literatur, die von ihren Kritikern und ihren Verwaltern selbst gemacht wird». Was ist an dieser Einsicht neu? Der beleidigte Aussenseiter.

Kritik ist gewiss nicht Vorurteil, hat aber mit Vorurteil zu tun. Wer sich den Usancen entzieht, den Spielregeln nicht beugt, kriegt auf die Jacke. So betrachtet, kann einer geradezu dankbar sein, wenn er – oder sie – gar nicht erst in das Kriteriengestrüpp der Kritik gerät, um sich dann da die Beine zu brechen.

Infotainment in der Tradition eines Horaz


Ich habe Claude Cueni nicht vergessen. Im Gegenteil, ich breche ja Lanzen für ihn! Ich habe vor ein Jahren «Cäsars Druide» mit Vergnügen gelesen. Ich finde «Das grosse Spiel» hinreissend. Ich weiss ziemlich genau, warum. Nicht zuletzt, weil auf so entwaffnende Weise deutlich ist, dass es sich um eine Liebesgeschichte handelt. Cueni liebt John Law.

Und ich liebe diesen Cueni. Nicht zuletzt, weil mir sein Scharfsinn, seine Genauigkeit, seine Neugier Spass machen, seine Komik und natürlich seine mit überlegener Strategie eingesetzte helvetische Trockenheit.

Nicht zuletzt, weil ich in seinem Buch von allen zu Anfang gesammelten Möglichkeiten etwas finde – und keine geht auf Kosten der anderen! Das muss man können. Er kann es. Aus den Menschen seines Romans liesse sich eine kleine Armee rekrutieren – jedes Mitglied dieser Armee ist unverwechselbar.

Was er nicht wissen kann, will ich ihm jetzt verraten: Wie er (Pars pro Toto) sich mit Montesquieu herumprügelt, wie er dem Robinson-Erfinder Daniel Defoe auf die Hacken tritt, das ist so vergnüglich, dass ich zu fragen vergesse, ob man das darf! Aber ich glaube sowieso, dass man darf, wenn man kann.

Horaz forderte: «Aut prodesse volunt aut delectare poetae aut simul» – entweder belehren oder unterhalten oder beides. Na bitte!


Claude Cueni: Das grosse Spiel.
Heyne, 2006, 448 S., Fr. 35.–

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