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„Kreativität
muss geleistet werden. Mit Leidenschaft.“
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Petra
Wüst: Sie haben Computerspiele entwickelt, verfassen Drehbücher und
schreiben historische Romane: Wie lassen sich diese verschiedenen Tätigkeiten
unter einen Hut bringen?
Claude
Cueni: Wenn
man in verschiedenen Disziplinen zu Hause ist, profitiert man in erster
Linie von den Erfahrungen in den verschiedenen Branchen und
Kulturkreisen. Ich habe nebenbei für Spielkasinos Software entwickelt,
in China Fernsehsoftware verkauft und in Afrika Präventionsspiele. Das
kommt meinen Figuren und Geschichten zugute. Die Geschichten werden
interessanter und glaubwürdiger.
Was
macht für Sie die Faszination des Schreibens aus?
Ich weiss es nicht. Es ist einfach so. Ich
sprudle ständig vor Geschichten, und sie beschäftigen mich rund um die
Uhr. Ich habe Mühe mich davon zu befreien. Deshalb ist es praktisch,
dass ich damit mein Geld verdienen kann.
Welche
beruflichen Ziele hatten Sie sich gesetzt?
Ich wollte einfach immer schreiben, und es war
für mich selbstverständlich, dass ich damit eines Tages Erfolg haben würde.
Im Nachhinein ist das eher erstaunlich, denn ich hatte keinerlei
Kontakte zum Kulturbetrieb, meinen ersten Roman haben über 100 Verlage
abgelehnt! Ich habe jahrelang ohne jeglichen Erfolg Tausende von Seiten
geschrieben und eine manuelle Schreibmaschine nach der andern
verschlissen. Aber ich habe nie eine Sekunde daran gezweifelt, dass es
klappen wird. Es gab keinen Plan B. Nur ein Ziel. Und den Willen, dieses
Ziel zu erreichen.
Ob
Computerspiele, Drehbücher oder Romane: Alles, was Sie anpacken,
scheint zu einem Erfolg zu werden. Wie machen Sie das?
In meinem Innern bin ich immer noch ein
kleiner Junge, der unheimlich neugierig ist und ständig dazu lernen
will. Ich kann gut beobachten und zuhören und lerne deshalb sehr rasch
auch von den Erfahrungen anderer Leute. Aber entscheidend ist die
Leidenschaft. Ich habe heute über zwei Stunden für eine Spaghetti
Sauce aufgewendet. Ich hätte auch eine Büchse nehmen können. Aber
genau das macht den Unterschied aus. Die Leidenschaft und der Spass,
etwas ganz Besonderes zu tun, etwas Neues auszuprobieren.
Der
Markt für historische Romane ist hart umkämpft. Wie ist Ihnen der
Durchbruch zum Bestsellerautor gelungen?
Ein Casanova und Glücksspieler wie John Law,
der sich duelliert, zum Tode verurteilt wird und Geld aus Papier
erfindet, das musste einfach ein Bestseller werden. Es ist ein
grossartiges Thema, das mir übrigens mein Sohn zum Geburtstag
„geschenkt“ hat. Er hat diese vergessene historische Figur
ausgegraben. Zum Erfolg beigetragen hat auch der neue Trend, wonach
Wissen „sexy“ ist. Die Leserinnen und Leser wollen heute nicht mehr
nur eine Story lesen, sondern etwas dabei lernen. Sie wollen beiläufig
lernen, ohne belehrt zu werden. Das ist wichtig. Bloss keine
Belehrungen. Und mindestens so wichtig wie das Buch ist auch der Agent.
Ich habe einen wunderbaren Agenten, weil ich mich auf sein Urteil
verlassen kann und er in der Branche ein hohes Renommee geniesst.
In
einem Interview haben Sie einmal gesagt, Sie hätten beruflich eine hohe
Risikobereitschaft. Was heisst das?
Für den Roman über den Papiergelderfinder
John Law habe ich drei Jahre gebraucht. Ich habe ohne Vertrag
gearbeitet. Ich mag dieses Risiko: Drei Jahre schuften, und dann
gibt’s entweder einen Vertrag oder den Papierkorb. Ich setze mich
damit unter Druck. Ich muss wirklich alles geben. Das ist mein Naturell.
Das sportliche Prinzip ist fest in mir verankert. Nebst dem Beruf gehört
meine grosse Leidenschaft dem Fussball.
Hatten
Sie beim Schreiben von „Das grosse Spiel“ auch Zweifel, ob das alles
auch gut kommt?
Vom Stoff her war mir sofort klar, dass hier
etwas Grosses entsteht. Mit jeder Seite wuchs die Gewissheit, dass es
funktioniert. Aber in der Regel ist es einfach so, dass ich derart tief
in der Geschichte drin stecke, dass ich gar nicht auf die Idee komme, über
eventuelle Zweifel nachzudenken. Zweifel gibt’s in der
Evaluationsphase, wenn man sich überlegt, welchen Stoff man als nächsten
nehmen will. Zum Glück gibt es Zweifel. Das muss ja gut überlegt sein,
schliesslich verbringt man nachher Jahre damit.
Was
hat Sie in Ihrem Leben am meisten geprägt?
Die jahrelange schwere Krebserkrankung meiner
Frau, die Pflege zu Hause, vierundzwanzig Stunden am Tag, stets am Rande
der Erschöpfung, zwischen Morphin Ampullen und Sauerstoffflaschen.
Hilflos mitanzusehen, wie meine grosse Jugendliebe stirbt. Und dann der unbeschreibliche Schmerz und die Verzweiflung
nach ihrem Tod. Das ist ein Crash-Kurs in Philosophie, weil man die
elementaren Wahrheiten des Lebens mit grosser Brutalität erfährt.
Geprägt
hat mich auch die Geburt meines Sohnes. Er kam vor 26 Jahren als
Spastiker auf die Welt. Das hat seinerzeit mein Leben und das meiner
Frau komplett verändert. Waren wir bisher Bohemiens gewesen, die in
jugendlichem Übermut das Leben genossen, begannen wir uns dafür
einzusetzen, dass unser Sohn eine Chance hat. Meine Frau und ich
trainierten ihn jahrelang fünf Stunden täglich nach den Anleitungen
eines amerikanischen Neurologen, und dass dabei über 50 Filmdrehbücher
entstanden, ist beinahe eine Nebenerscheinung. Die Geburt meines Sohnes
ist das Beste, was mir in meinem Leben passiert ist. Er studiert heute
an der Universität Basel Jus und ist bereits als FIFA lizensierter Spielervermittler tätig.
Gibt
es in Ihren Büchern auch autobiographische Elemente?
Nein. Dass mein Sohn die Vorlage für den
spastischen Druidenlehrling in „Cäsars Druide“ geliefert hat, ist
klar. Die Figur habe ich zusammen mit ihm entwickelt. Aber es ist kein
autobiographisches Element. Autobiographisch ist eher die Farbe, der
Geruch der Geschichte. Nach „Das Grosse Spiel“ erhielt ich zu meinem
sehr grossen Erstaunen zahlreiche Mails, in denen sich Menschen für den
Roman bedankten, weil er Ihnen Mut gemacht hat, eine schwierige
Situation zu meistern. Das hat mich erstaunt, damit hatte ich nie
gerechnet. Aber offenbar hat die schwierige private Situation, die meine
Familie während der Entstehung durchlitt, auf einzelne Figuren abgefärbt.
Die Romanfiguren sind nicht autobiographisch, aber ihre Schicksale
wirken authentisch, glaubwürdig, echt.
Würden
Sie von sich sagen, Sie haben eine Marke?
Ich denke kaum über solche Dinge nach. Aber
jeder, der regelmässig in den Medien ist, hat mit der Zeit ein Image.
Sie können es Marke nennen. Die meisten Leute würden wohl die
Stichworte Glaubwürdigkeit, Zuverlässigkeit, Kreativität und Humor
nennen. Ich gelte als einer, der für alles eine Lösung findet. Aber
das, was sich alle Leute merken können, ist, dass ich täglich um fünf
aufstehe und schreibe. Das liegt wohl daran, dass Frühaufstehen für
die meisten ein Greuel ist.
Arbeiten
Sie aktiv an Ihrem Profil oder Ihrem Auftreten?
Nein. Schauen Sie doch den Woody Allen an.
Seine Auftritte sind beschissen. Er weiss es, es ist ihm egal, er ist
authentisch und ehrlich, und die Leute finden ihn interessant und
witzig. Und deshalb mögen sie ihn. Ich denke genauso. Wenn Sie
allerdings nur einmal im Jahr für ein paar Wochen in den Medien sind,
sollten Sie nicht jedes Mal ihr Äusseres komplett verändern. Eine
Schokolade steht auch nicht jeden Monat in einer anderen Verpackung im
Regal. Bei mir hat sich das jedoch von selbst ergeben, weil ich alle fünf
Jahre einmal unter Zwang Kleider und Schuhe einkaufe. So habe ich seit
meinem 20. Altersjahr immer ein ähnliches Outfit. Aber ich halte nichts
davon, wenn jemand ständig einen Cowboy Hut trägt oder mit 10 Uhren am
Arm herumläuft.
Zurzeit
sind Sie der erfolgreichste Schweizer Schriftsteller und Sie sind auch
international anerkannt. Trotzdem kennt man Ihren Namen kaum. Woran
liegt das?
Als Drehbuchautor ist man in der breiten Öffentlichkeit
nie bekannt. Man kennt meist nur die Schauspieler und die Regisseure.
Beim Romanschreiben ist das komplett anders. Da ist die Autorin oder der
Autor Teil des Produkts. Man muss beides vermarkten. Es hat eine Weile
gedauert, bis ich das begriffen habe. Wie viele Autoren habe ich zwar
gerne Erfolg, stehe aber nicht so gerne im Mittelpunkt. Interviews gebe
ich am liebsten per E-Mail. Auch hier muss man lernen, sich zu überwinden
und zu akzeptieren, dass das Publikum ein legitimes Interesse hat, die
Autoren bei Live-Veranstaltungen kennen zu lernen. Ich mache beim
Erscheinen des Buches einige Lesungen oder halte Vorträge zu
buchverwandten Themen, aber zu einer richtigen Lesetournee konnte ich
mich noch nie durchringen.
Wie
wichtig sind Werbung und Marketing für den Erfolg Ihrer Bücher?
Enorm wichtig. Es gibt hier unzählige
Theorien, einig sind sich alle aber einzig über die Rolle des
Fernsehens. Wenn Elke Heidenreich Ihr Buch bespricht, können Sie am
gleichen Abend die nächste Auflage drucken. Auch Regenbogenskandale
sind nützlich: Wenn Sie jung sind und mit Bill Clinton eine Affäre
hatten, ist das sicherlich von Vorteil. Ebenso, wenn Sie wie Günther
Grass im Herbst 06 bezeugen: „Hallo Jungs, ich war in der Waffen SS
und morgen erscheint mein neues Buch.“ Das funktioniert garantiert.
Aber immer sinnvoll sind regelmässige Kolumnen in Printmedien, die
gelesen werden, oder wenigstens journalistische Beiträge während der
Lancierung des Buches.
Wie
geschickt sind Sie, wenn es darum geht, die Werbetrommel für Ihr
neuestes Buch zu rühren?
Eher bescheiden. Da gibt es noch viel zu
lernen. Generell suche ich den Kontakt zu den Medien und versuche das
Beste in wenigen Sätzen zusammenzufassen, so, dass man mehr erfahren
will. Wenn mir das gelingt, gehe ich gerne Mittag essen und erzähle
mehr über die Epoche, die Menschen und die Bezüge zur heutigen Zeit.
Ich rühre also weniger die Werbetrommel, sondern ich tue das, was ich
den ganzen Tag tue: Ich erzähle.
Was
raten Sie einem jungen Menschen, der sich als Buchautor einen Namen
machen möchte?
Er muss es wollen. Unbedingt. Und er muss
wissen, dass Talent Voraussetzung ist, aber nicht ausreicht. Nebst
Talent braucht es Disziplin und Ausdauer. Im Sport werden diese
Voraussetzungen akzeptiert. Im Kulturbetrieb reagiert man oft irritiert,
weil man glaubt, Einfälle kämen zu einer besonderen Nachtstunde oder
nur nach einer Flasche Tignanello. Aber Kreativität muss geleistet
werden. Mit Leidenschaft. Da wären wir wieder bei der Spaghetti Sauce.
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