Das Interview
  Es wird nur das Interview wiedergegeben. Ohne Porträt. Der vollständige Text ist zusammen mit 21 anderen Porträts und Interviews bei Orell Füssli, Zürich erschienen. Herausgeberin ist Dr. Petra Wüst.
   
 

„Kreativität muss geleistet werden. Mit Leidenschaft.“

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Petra Wüst: Sie haben Computerspiele entwickelt, verfassen Drehbücher und schreiben historische Romane: Wie lassen sich diese verschiedenen Tätigkeiten unter einen Hut bringen?
Claude Cueni: Wenn man in verschiedenen Disziplinen zu Hause ist, profitiert man in erster Linie von den Erfahrungen in den verschiedenen Branchen und Kulturkreisen. Ich habe nebenbei für Spielkasinos Software entwickelt, in China Fernsehsoftware verkauft und in Afrika Präventionsspiele. Das kommt meinen Figuren und Geschichten zugute. Die Geschichten werden interessanter und glaubwürdiger.

Was macht für Sie die Faszination des Schreibens aus?
Ich weiss es nicht. Es ist einfach so. Ich sprudle ständig vor Geschichten, und sie beschäftigen mich rund um die Uhr. Ich habe Mühe mich davon zu befreien. Deshalb ist es praktisch, dass ich damit mein Geld verdienen kann.

Welche beruflichen Ziele hatten Sie sich gesetzt?
Ich wollte einfach immer schreiben, und es war für mich selbstverständlich, dass ich damit eines Tages Erfolg haben würde. Im Nachhinein ist das eher erstaunlich, denn ich hatte keinerlei Kontakte zum Kulturbetrieb, meinen ersten Roman haben über 100 Verlage abgelehnt! Ich habe jahrelang ohne jeglichen Erfolg Tausende von Seiten geschrieben und eine manuelle Schreibmaschine nach der andern verschlissen. Aber ich habe nie eine Sekunde daran gezweifelt, dass es klappen wird. Es gab keinen Plan B. Nur ein Ziel. Und den Willen, dieses Ziel zu erreichen.

Ob Computerspiele, Drehbücher oder Romane: Alles, was Sie anpacken, scheint zu einem Erfolg zu werden. Wie machen Sie das?
In meinem Innern bin ich immer noch ein kleiner Junge, der unheimlich neugierig ist und ständig dazu lernen will. Ich kann gut beobachten und zuhören und lerne deshalb sehr rasch auch von den Erfahrungen anderer Leute. Aber entscheidend ist die Leidenschaft. Ich habe heute über zwei Stunden für eine Spaghetti Sauce aufgewendet. Ich hätte auch eine Büchse nehmen können. Aber genau das macht den Unterschied aus. Die Leidenschaft und der Spass, etwas ganz Besonderes zu tun, etwas Neues auszuprobieren.

Der Markt für historische Romane ist hart umkämpft. Wie ist Ihnen der Durchbruch zum Bestsellerautor gelungen?
Ein Casanova und Glücksspieler wie John Law, der sich duelliert, zum Tode verurteilt wird und Geld aus Papier erfindet, das musste einfach ein Bestseller werden. Es ist ein grossartiges Thema, das mir übrigens mein Sohn zum Geburtstag „geschenkt“ hat. Er hat diese vergessene historische Figur ausgegraben. Zum Erfolg beigetragen hat auch der neue Trend, wonach Wissen „sexy“ ist. Die Leserinnen und Leser wollen heute nicht mehr nur eine Story lesen, sondern etwas dabei lernen. Sie wollen beiläufig lernen, ohne belehrt zu werden. Das ist wichtig. Bloss keine Belehrungen. Und mindestens so wichtig wie das Buch ist auch der Agent. Ich habe einen wunderbaren Agenten, weil ich mich auf sein Urteil verlassen kann und er in der Branche ein hohes Renommee geniesst. 

In einem Interview haben Sie einmal gesagt, Sie hätten beruflich eine hohe Risikobereitschaft. Was heisst das?
Für den Roman über den Papiergelderfinder John Law habe ich drei Jahre gebraucht. Ich habe ohne Vertrag gearbeitet. Ich mag dieses Risiko: Drei Jahre schuften, und dann gibt’s entweder einen Vertrag oder den Papierkorb. Ich setze mich damit unter Druck. Ich muss wirklich alles geben. Das ist mein Naturell. Das sportliche Prinzip ist fest in mir verankert. Nebst dem Beruf gehört meine grosse Leidenschaft dem Fussball.

Hatten Sie beim Schreiben von „Das grosse Spiel“ auch Zweifel, ob das alles auch gut kommt?
Vom Stoff her war mir sofort klar, dass hier etwas Grosses entsteht. Mit jeder Seite wuchs die Gewissheit, dass es funktioniert. Aber in der Regel ist es einfach so, dass ich derart tief in der Geschichte drin stecke, dass ich gar nicht auf die Idee komme, über eventuelle Zweifel nachzudenken. Zweifel gibt’s in der Evaluationsphase, wenn man sich überlegt, welchen Stoff man als nächsten nehmen will. Zum Glück gibt es Zweifel. Das muss ja gut überlegt sein, schliesslich verbringt man nachher Jahre damit.

Was hat Sie in Ihrem Leben am meisten geprägt?
Die jahrelange schwere Krebserkrankung meiner Frau, die Pflege zu Hause, vierundzwanzig Stunden am Tag, stets am Rande der Erschöpfung, zwischen Morphin Ampullen und Sauerstoffflaschen. Hilflos mitanzusehen, wie meine grosse Jugendliebe stirbt.  Und dann der unbeschreibliche Schmerz und die Verzweiflung nach ihrem Tod. Das ist ein Crash-Kurs in Philosophie, weil man die elementaren Wahrheiten des Lebens mit grosser Brutalität erfährt.  

Geprägt hat mich auch die Geburt meines Sohnes. Er kam vor 26 Jahren als Spastiker auf die Welt. Das hat seinerzeit mein Leben und das meiner Frau komplett verändert. Waren wir bisher Bohemiens gewesen, die in jugendlichem Übermut das Leben genossen, begannen wir uns dafür einzusetzen, dass unser Sohn eine Chance hat. Meine Frau und ich trainierten ihn jahrelang fünf Stunden täglich nach den Anleitungen eines amerikanischen Neurologen, und dass dabei über 50 Filmdrehbücher entstanden, ist beinahe eine Nebenerscheinung. Die Geburt meines Sohnes ist das Beste, was mir in meinem Leben passiert ist. Er studiert heute an der Universität Basel Jus und ist bereits als  FIFA lizensierter Spielervermittler tätig.

Gibt es in Ihren Büchern auch autobiographische Elemente?
Nein. Dass mein Sohn die Vorlage für den spastischen Druidenlehrling in „Cäsars Druide“ geliefert hat, ist klar. Die Figur habe ich zusammen mit ihm entwickelt. Aber es ist kein autobiographisches Element. Autobiographisch ist eher die Farbe, der Geruch der Geschichte. Nach „Das Grosse Spiel“ erhielt ich zu meinem sehr grossen Erstaunen zahlreiche Mails, in denen sich Menschen für den Roman bedankten, weil er Ihnen Mut gemacht hat, eine schwierige Situation zu meistern. Das hat mich erstaunt, damit hatte ich nie gerechnet. Aber offenbar hat die schwierige private Situation, die meine Familie während der Entstehung durchlitt, auf einzelne Figuren abgefärbt. Die Romanfiguren sind nicht autobiographisch, aber ihre Schicksale wirken authentisch, glaubwürdig, echt.

Würden Sie von sich sagen, Sie haben eine Marke?
Ich denke kaum über solche Dinge nach. Aber jeder, der regelmässig in den Medien ist, hat mit der Zeit ein Image. Sie können es Marke nennen. Die meisten Leute würden wohl die Stichworte Glaubwürdigkeit, Zuverlässigkeit, Kreativität und Humor nennen. Ich gelte als einer, der für alles eine Lösung findet. Aber das, was sich alle Leute merken können, ist, dass ich täglich um fünf aufstehe und schreibe. Das liegt wohl daran, dass Frühaufstehen für die meisten ein Greuel ist.

Arbeiten Sie aktiv an Ihrem Profil oder Ihrem Auftreten?
Nein. Schauen Sie doch den Woody Allen an. Seine Auftritte sind beschissen. Er weiss es, es ist ihm egal, er ist authentisch und ehrlich, und die Leute finden ihn interessant und witzig. Und deshalb mögen sie ihn. Ich denke genauso. Wenn Sie allerdings nur einmal im Jahr für ein paar Wochen in den Medien sind, sollten Sie nicht jedes Mal ihr Äusseres komplett verändern. Eine Schokolade steht auch nicht jeden Monat in einer anderen Verpackung im Regal. Bei mir hat sich das jedoch von selbst ergeben, weil ich alle fünf Jahre einmal unter Zwang Kleider und Schuhe einkaufe. So habe ich seit meinem 20. Altersjahr immer ein ähnliches Outfit. Aber ich halte nichts davon, wenn jemand ständig einen Cowboy Hut trägt oder mit 10 Uhren am Arm herumläuft.

Zurzeit sind Sie der erfolgreichste Schweizer Schriftsteller und Sie sind auch international anerkannt. Trotzdem kennt man Ihren Namen kaum. Woran liegt das?
Als Drehbuchautor ist man in der breiten Öffentlichkeit nie bekannt. Man kennt meist nur die Schauspieler und die Regisseure. Beim Romanschreiben ist das komplett anders. Da ist die Autorin oder der Autor Teil des Produkts. Man muss beides vermarkten. Es hat eine Weile gedauert, bis ich das begriffen habe. Wie viele Autoren habe ich zwar gerne Erfolg, stehe aber nicht so gerne im Mittelpunkt. Interviews gebe ich am liebsten per E-Mail. Auch hier muss man lernen, sich zu überwinden und zu akzeptieren, dass das Publikum ein legitimes Interesse hat, die Autoren bei Live-Veranstaltungen kennen zu lernen. Ich mache beim Erscheinen des Buches einige Lesungen oder halte Vorträge zu buchverwandten Themen, aber zu einer richtigen Lesetournee konnte ich mich noch nie durchringen.

Wie wichtig sind Werbung und Marketing für den Erfolg Ihrer Bücher?
Enorm wichtig. Es gibt hier unzählige Theorien, einig sind sich alle aber einzig über die Rolle des Fernsehens. Wenn Elke Heidenreich Ihr Buch bespricht, können Sie am gleichen Abend die nächste Auflage drucken. Auch Regenbogenskandale sind nützlich: Wenn Sie jung sind und mit Bill Clinton eine Affäre hatten, ist das sicherlich von Vorteil. Ebenso, wenn Sie wie Günther Grass im Herbst 06 bezeugen: „Hallo Jungs, ich war in der Waffen SS und morgen erscheint mein neues Buch.“ Das funktioniert garantiert. Aber immer sinnvoll sind regelmässige Kolumnen in Printmedien, die gelesen werden, oder wenigstens journalistische Beiträge während der Lancierung des Buches.

Wie geschickt sind Sie, wenn es darum geht, die Werbetrommel für Ihr neuestes Buch zu rühren?
Eher bescheiden. Da gibt es noch viel zu lernen. Generell suche ich den Kontakt zu den Medien und versuche das Beste in wenigen Sätzen zusammenzufassen, so, dass man mehr erfahren will. Wenn mir das gelingt, gehe ich gerne Mittag essen und erzähle mehr über die Epoche, die Menschen und die Bezüge zur heutigen Zeit. Ich rühre also weniger die Werbetrommel, sondern ich tue das, was ich den ganzen Tag tue: Ich erzähle.

Was raten Sie einem jungen Menschen, der sich als Buchautor einen Namen machen möchte?
Er muss es wollen. Unbedingt. Und er muss wissen, dass Talent Voraussetzung ist, aber nicht ausreicht. Nebst Talent braucht es Disziplin und Ausdauer. Im Sport werden diese Voraussetzungen akzeptiert. Im Kulturbetrieb reagiert man oft irritiert, weil man glaubt, Einfälle kämen zu einer besonderen Nachtstunde oder nur nach einer Flasche Tignanello. Aber Kreativität muss geleistet werden. Mit Leidenschaft. Da wären wir wieder bei der Spaghetti Sauce.

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