Medium Schweizer Familie, Schweiz
Datum 19. November 1998
Thema Caesars Druide / Interview
 

Schweizer Familie: 

Der erfolgreichste Krimi-Autor der Schweiz schreibt
einen 500 Seiten starken Römer-Roman. Was ist denn in Sie gefahren?

Claude Cueni: Das ist an sich gar nicht so erstaunlich. Ich stand immer
mit einem Bein in der römischen Antike und habe alles durch die Augen
eines Römers oder Kelten gesehen. Ich verbrachte meine halbe Kindheit mit kleinen Römerfigürli, für die ich Geschichten erfand. Es war für mich immer klar, dass ich eines Tages etwas mit dem Thema machen würde. Mein Sohn Clovis motivierte mich, diesen Roman zu schreiben. Er hat all die Römerromane von Maddox Roberts, Lindsey Davis etc. gelesen und wollte jetzt unbedingt einen von mir lesen.

SF: Da bekommt jeder Esoteriker leuchtende Augen: Sind Sie ein
Wiedergeborener Kelte?

Cueni: Keine Ahnung. Da müssten Sie schon die unsterblichen Götter
fragen. Aber opfern Sie zuerst einen weissen Stier.

SF: In Ihrem Buch hat Cäsar die Rolle eines Völkermörders, der sich
immer wieder über römisches Recht hinwegsetzt. An der Schule bekommt man ein ganz anderes Bild des römischen Feldherren. Wie weit halten Sie sich an die historischen Tatsachen?

Cueni: Cäsar war weder der geniale Staatsmann noch der fiese
Keltenschlächter. Mein Cäsar-Bild ist sehr differenziert und entspricht der neusten Forschung. Das Manuskript wurde von Historikern und Archäologen gegengelesen und abgesegnet.

SF: Das Buch erzählt nicht nur eine gute Geschichte, sondern wirft auch ein neues Licht auf einen Teil unserer eigenen Geschichte. Hatten Sie diesen Ehrgeiz?

Cueni: Ich war immer erstaunt darüber, wie einseitig und positiv Cäsar in den Geschichtsbüchern dargestellt wird. Ich wollte ihn in seiner
ganzen Komplexität darzustellen. Als ein Mensch, der permanent getrieben wurde vom Ehrgeiz, verfolgt von seinen Schuldnern und seinen politischen Gegnern. Cäsar war pausenlos damit beschäftigt, seinen Kopf aus der Schlinge zu ziehen.

SF: Er war ein Verbrecher, der mit aller Schlauheit versuchte, der
gerechten Strafe zu entgehen. Cäsar ist damit nicht mal so weit weg von den Figuren ihrer Krimis.

Cueni: Aus damaliger Sicht war Cäsar kein grosser Verbrecher. Er hat das getan, was seine Konkurrenten auch gerne getan hätten. Aber Sie haben schon recht, Geschichte wird fast immer als Kriminalgeschichte geschrieben. Deshalb liest sich "Cäsars Druide" auch fast wie ein Krimi.

SF: Hauptsache, es gibt einen Bösewicht. Warum ist das so faszinierend für Sie?

Cueni: Was mich am Cäsar fasziniert, ist seine Besessenheit und seine
Spielernatur. Er setzt stets alles auf eine Karte. Ich bin auch jemand, der
sehr gerne Risiken eingeht. Nur schon die reine Schreibzeit für
«Cäsars Druide» betrug etwa zweieinhalb Jahre. Ich habe diese
Schreibzeit selbst finanziert, und ich hatte keine Ahnung, ob ich dafür
überhaupt einen Verlag finden würde. Zweieinhalb Jahre zu schuften,
und nicht zu wissen, ob das Buch im Abfall landet. Das ist ganz nach
meinem Geschmack.

SF: Sie sind ziemlich extrem.

Cueni: Ich bin nicht der Typ Schriftsteller,
der immer schön sechs Stunden am Tag schreibt. Wenn ich schreibe, dann schreibe ich bis morgens um zwei. Dann schlafe ich einige Stunden und um sechs bin ich wieder dran. Ich liebe nun mal meine Figuren und will ihnen so schnell wie möglich wieder beistehen.

SF: Eine ganz schöne Zumutung für Ihre Umgebung.

Cueni: Das müssen Sie meine Familie fragen.

SF: Nein, so einfach mache ich es Ihnen nicht.

Cueni: Es ist höchstens eine Zumutung für meine Rückenmuskulatur
und meine Sehnen. Auf der anderen Seite kann ich auch mal ein
paar Tage freimachen. Für meinen Sohn hat es eigentlich nur Vorteile.
Wir unternehmen sehr viel zusammen. Während der Schulferien
begleitet er mich immer auf meinen Reisen.

SF: Bei Ihnen gilt also immer: Entweder, oder?

Cueni: Mit 17 habe ich die Schule abgebrochen und das Elternhaus
verlassen. Ich wollte entweder Schriftsteller werden oder gar nichts.
Heute kann ich darüber nur den Kopf schütteln. Aber es hat funktioniert.

SF: Bekannt wurden Sie mit Ihren Krimi-Drehbüchern. Jetzt mal ehrlich:
Was heute über die Mattscheibe flimmert, ist doch überwiegend öde
Ballerei, die immer nach demselben Muster abläuft.
Cueni: Genau, und man hat sogar das Gefühl, dass jeder dem anderen
abschreibt. Aber das läuft sich mit der Zeit zu Tode. Bei den privaten
Sendern arbeiten mittlerweile Leute, die das Handwerk der Dramaturgie
und des Geschichtenerzählens gar nie richtig gelernt haben. Wenn die
eine Person sympathisch machen wollen, hat sie Schulden oder Krebs, oder ein Kind verloren. Ganz primitiv und banal.

SF: Aber halt: Warum schreiben Sie überhaupt solche Drehbücher?

Cueni: Die Krimifolgen, die ich für "Peter Strohm", "Eurocops", "Tatort"
etc. geschrieben habe, finde ich auch heute noch okay, auch wenn ich das heute besser schreiben würde. Ich rede jetzt von den neuen Action-Serien für die Privaten, wie z.B. "Cobra 11" oder "Der Clown". Mit den Pilotfilmen erzielte RTL zwei Einschaltquotenrekorde, aber im Grunde genommen waren es nur noch linear erzählte Werbespots für Stuntschulen und Pyrotechniker.

SF: Aber Sie haben doch diese Pilotfilme geschrieben.

Cueni: Man muss unterscheiden zwischen dem Drehbuch, das man abliefert und dem Film, der dann ausgestrahlt wird. Regisseur, Drehbuchautor und Schauspieler kämpfen für ein Buch. Aber die Redaktion sägt alle Äste ab und am Schluss wird quasi nur noch der Baumstamm gesendet.

SF: Das ist hart.

Cueni: Am Anfang litt ich darunter, aber heute akzeptiere ich es. In
anderen Berufen ist es doch genau gleich. Architekten haben auch tolle
Pläne und dann kommt die Bauherrschaft und streicht alles wieder
zusammen.

SF: Sie sind über die verstümmelten Drehbücher kein bisschen frustriert?

Cueni: Es zwingt mich ja niemand, Drehbücher zu schreiben.
Ich geniesse es, am Computer zu sitzen und Geschichten zu
entwickeln. Ich habe meine Figuren so in Erinnerung, wie sie in meiner
Geschichte lebten, und nicht, was am Schluss von ihnen am Bildschirm
übrig blieb..

SF: Ihr Roman wird von der Kritik in der Schweiz praktisch
totgeschwiegen. Können Sie sich das erklären?

Cueni: Es dauert halt etwas länger, bis man ein solches Buch gelesen
hat.

SF: Jetzt sind Sie ganz schön hinterhältig. Lesen Kritiker nur dünne
Bücher, weil sie damit weniger arbeit haben?

Cueni: Nein, nein....

SF: Wie können Sie so ruhig bleiben? Vorhin haben wir doch
herausgefunden, dass Sie ein extremer Mensch sind. Sie müssten
rumschreien oder depressiv werden.

Cueni: Ich entspreche vermutlich dem Kliche des im Steinbock
Geborenen. Und die schreien halt nicht rum. Im Leben ist doch
alles eine Frage der Gewichtung, der Einstellung, des Blickwinkels.
Für mich gibt es einfach 100 Sachen, die wichtiger sind.

SF: Wichtiger als die Kritiker oder die öffentliche Meinung?

Cueni: Gesundheit und gute Freunde sind doch wichtiger. Aber
wieso soll ich mich beklagen? In Deutschland verkauft sich das
Buch sehr gut und das Leserecho ist überwältigend. In jeder
zweiten E-Mail wird "Cäsars Druide" mit dem "medicus" verglichen
und schneidet besser ab. Ich hab sowas in den letzten 20 Jahren noch
nie erlebt.

SF: Immerhin stehen Sie wirtschaftlich nicht mehr unter Druck.

Cueni: Das stimmt für den Augenblick.

SF: Fehlendes Geld kann auch Ansporn sein.

Cueni: Mich hat in den Anfangszeiten auch die chronische Geldknappheit nie aus dem Häuschen gebracht. Und so bringt mich jetzt auch die andere Seite nicht aus dem Häuschen. Wobei ich präzisieren muss. Geld ist für mich einfach die Vorfinanzierung meines nächsten Romans.

SF: Sie unterscheiden sehr stark zwischen wichtigen und unwichtigen
Dingen...

Cueni: ... ja, das tun wir doch alle...

SF: ...aber Sie setzen die Prioritäten etwas irritierend. Geld: nicht so
wichtig. Oeffentliche Anerkennung: nicht so wichtig.

Cueni: Ich habe in jungen Jahren so lange ohne Geld und Anerkennung gelebt und war dennoch stets ein zufriedener Mensch. Wieso sollte mein Wohlbefinden nun plötzlich davon abhängig sein?

SF: Sie haben am Abend, als «Der Clown» auf RTL zum ersten Mal
ausgestrahlt wurde, das Drehbuch auf Ihrer Internet-Homepage
veröffentlicht. Ein Akt der Selbstverteidigung?

Cueni: Ich dachte mir, wenn jemand wirklich wissen will, ob ich das so
holzschnittartig geschrieben habe, kann er das Originaldrehbuch im
Internet nachlesen. Dort sieht man schön, wo mit der grossen Motorsäge abgeholzt wurde. Als Internet-Freak hat es mir natürlich Spass gemacht, diese Option nutzen zu können.

SF: Offensichtlich tropft die Kritik doch nicht so an Ihnen ab.

Cueni: Es gibt auch Kritik, die berechtigt und lernreich ist.
Für die bin ich dankbar. Aber ich halte nicht gerne den Kopf für
dümmliche Filme hin, die ich selber verhindern wollte.

SF: Drehbücher sind im Moment sowieso nicht angesagt. Sie arbeiten
bereits am zweiten Teil Ihrer Cäsar-Saga. Sind Sie froh, im Moment
nichts mit dem Fernsehen zu schaffen zu haben?

Cueni: Ich habe eigentlich immer eine positive Einstellung zur Arbeit.
Alles was ich mache, mache ich gern und leidenschaftlich. Aber ich bin
natürlich auch sehr glücklich, dass mir der Verlag bereits einen Vertrag
für den nächsten historischen Roman vorgelegt hat. Möglicherweise
werde ich nur noch Romane schreiben, aber wie sagt mein Held Korisios in "Cäsars Druide": Wer Pläne schmiedet, bringt die Götter zum Lachen.

Interview mit Claude Cueni