Medium Tages Anzeiger Schweiz
Datum 30.04.1999
Thema Caesars Druide / Mit Caesar durch Gallien - eine Ochsentour / v. Reinhardt Stumm
 

Mit Cäsar quer durch Gallien - eine Ochsentour
Geschichtsbücher zum Einschlafen gibt es genug. Es gibt aber auch welche zum ganz schön Wachbleiben. Dieses hier zum Beispiel.Mit Cäsar quer durch Gallien - eine Ochsentour

 

Geschichtsbücher zum Einschlafen gibt es genug. Es gibt aber auch welche zum ganz schön Wachbleiben. Dieses hier zum Beispiel.

Manchmal klappt man ganz atemlos vor Begeisterung ein Buch zu, dann kommt einer, der klipp und klar beweist, dass nur Unsinn drinsteht. Man schleicht missmutig und mit hängenden Ohren nach Hause und fragt sich, worauf es eigentlich überhaupt im Leben so ankommt. Das war so, als Felix Dahn noch gelesen wurde: "Ein Kampf um Rom". Ein historischer Roman. 1876 erschienen, heute ein Eintrag in "Kindlers Literatur Lexikon".

Wer damals bekannte, so was zu lesen - gar noch bekannte, "Ein Kampf um Rom" mit seinen Kindern zu lesen, musste sich auf schwere Vorhaltungen gefasst machen. Natürlich hatte der Autor die Quellen sorgfältig studiert, natürlich sind da kaum sachliche Fehler, aber die Haltung - mein Gott! Die Literaturwissenschaft nannte das "nationale und germanistische Germanenromantik" -, Geschichte als Produkt persönlicher Leidenschaften. Wenigstens musste sie einräumen, dass Dahn kein Chauvinist war.

Aber was wüssten wir heute von Rom, wenn wir diesen Dahn nicht gelesen hätten? Ist ein romantisch eingefärbtes Geschichtsbild schlimmer als gar keines? Sind junge Leserinnen und Leser kritischer Reflexe unfähig? Kann ich nicht glauben. Aber das kann ich glauben, dass sie mit roten Ohren lesen würden, wenn einer spannend erzählen und verzweigte Handlungskomplexe in einprägsame Szenen zerlegen kann. Da bildet sich am Ende doch Erfahrungssubstanz - und die ist ziemlich solide!

Wir haben so etwas Ähnliches. Ohne den literarischen Ehrgeiz, der Dahn antrieb, dafür mit einer Uhrmachergenauigkeit, die beeindruckend ist. Wer "Cäsars Druide" von Claude Cueni gelesen hat - mit 511 Seiten nicht gerade ein Taschenbuch -, hat eine spannende Geschichte gelesen und darf mit einigem Recht behaupten, dass er mehr vom Gallischen Krieg weiss als der Gymnasiast, der gottergeben den ersten Satz aus "Commentarii de Bello Gallico" von Gaius Julius Caesar (100-44 v. Chr.) herunterbetet: "Gallia omnis divisa est . . .", entstanden im Winter 52/51 v. Chr.

Cäsars Druide ist ein junger Kelte, der im heiligen Druidenzentrum auf der Insel Mona zum Druiden herangezogen werden soll. Aber die weisen alten Herren erkennen, dass sich die Götter über die Zukunft des jungen Mannes noch nicht recht einig sind. Er ist zu weltläufig, zu neugierig, zu unternehmungslustig. Er ist nicht nur intelligent, er ist auch pfiffig, und er weiss gerade genug von dem Gewerbe, für das er bestimmt ist, dass er es gelegentlich schlau benützen kann. Selbst wenn Cäsar Kopfweh hat. Korisios wird nämlich eine Art Privatsekretär des Römers, der den Gallischen Krieg führt, weil er Geld braucht für seine politische Karriere in Rom. Und ihm diktiert Cäsar die Lektüre für das humanistische Gymnasium. Eine Ochsentour.

Wir lernen ganz beiläufig. Cueni folgt der Geschichte sehr genau, dem neuesten Stand der Forschung gemäss (das bestätigte auch Eckhard Deschler vom Basler Institut für Ur- und Frühgeschichte). Sie bedarf ohnehin keiner Kosmetik, sie ist aufregend genug.

Aufregender ist noch, wie sie funktionierte. Also werden wir unterrichtet. Über keltische und römische Kriegs- und Kampftechniken, über Waffen und Rüstungen. Über kultische Rituale. Über diplomatische Finesse und politisches Ränkespiel, über Verhandlungsführung und Konferenzen auf Pferderücken. Über Vorurteile und Hochnäsigkeiten. (Was, der Ariovist, dieser Barbar, spricht perfektes Latein?) Über den florierenden Tauschhandel und eben (man kann es ja nicht verheimlichen) auch immer wieder über Wanda, die blonde germanische Sklavin, die ja wohl der Hauptgrund dafür ist, dass aus dem jungen Korisios einfach kein vernünftiger Druide werden will.

Cueni schreibt sehr direkt, geradeaus, ohne Schnörkel. Keine Literatursprache, aber er hat Verstand und rechten Sinn. Cueni zeigt, dass es möglich ist, Geschichte als Geschichte zu erzählen, ohne deshalb gleich ins Fantastische wegzugleiten. Im Gegenteil, der Mann ist so cool und vernünftig, dass er sich vermutlich gleich selber alles verboten hat, was bizarr aussehen könnte. Stattdessen gibt es ein seitenlanges "Who is Who" (mit Sternchen versehene Figuren sind historisch!), ein Glossar (was ist ein Frumentator?), eine Zeittafel und eine Karte von Mitteleuropa - damals! Von Felix Dahn ist das hundertzwanzig Jahre entfernt. Dahn hatte einen Zettelkasten, Cueni hat eine eigene Webseite (www.cueni.ch). Was den Austausch von Grüssen nicht verhindern muss. "Cäsars Druide" - sehr zum Lesen! (stu)