| Medium | TV Plus |
| Datum | 09.07.1992 |
| Thema | TV Drehbuchautor |
Tvplus / Nr. 28 vom 8./9. Juli 1992 Von Susanne Rothenbacher Claude Cueni ist der ewig rackernde Schweizer Schreibtischtäter, der die Drehbücher zu knalligen TV-Krimis verfasst. Auch wenn es vor allem knallen muss: Krimis schreiben ist nichts für Schussel. Claude Cueni trifft als "Eurocops"-Perfektionist voll ins Schwarze. Einigermassen verloren, als sei er ein Fremder in seinem eigenen Haus, steht Claude Cueni im Flur und bittet mich herein. -Warme Nachmittagssonne taucht den verschlafenen Basler Vorort Ettingen in flirrendes Licht, träge Geräusche einer typischen Schweizer Reihenhäuschensiedlung füllen die Luft, unterbrochen nur vom Geschrei spielender Kinder, so dass der Wechsel in die kühle, äusserst karg eingerichtete und in den Unfarben Schwarz, Grau und Weiss gehaltene Wohnung fast schmerzhaft ist. Neugierig lasse ich meinen Blick durch die Räume schweifen. So also haust der Mann, der seit Jahren fast nach Belieben eine Szene beherrscht, die es in der Schweiz de facto gar nicht gibt: Die der Drehbuchautoren. Wändefüllende Bücher-regale, die Geist und Belesen-heit demonstrieren könnten, sucht man in Cuenis Umgebung vergebens. Nur ein paar schmale Gestelle, in Nischen versteckt und vollgepackt mit Sachbüchern, zeugen davon, dass hier einer der berüchtigtsten Schreibtisch-täter der Nation sein Unwesen treibt. Unter zehn Jahren Knast tuts der unauffällige Brillen-träger mit dem Outfit der personifizierten Sanftheit nämlich kaum. Mal mit viel Ballerei und Herumgerenne, mal eher tiefschürfend psy-chologisierend wühlt er in menschlichen Niederungen und bringt auch immer wie-der politischee brisante Themen in seinen Mordsgeschichten unter. Sieben «Eurocops», drei «Peter Strohm», die Entführungs-Serie «Auf der Suche nach Salome», vier Fernsehspiele, vier Kriminalromane, ein gutes Dutzend Theaterstücke und Hörspiele stammen bis jetzt aus der Feder des 36jährigen, oder besser aus dem Printer seines Computers. Eine weitere Peter-Strom--Episode und ein «Tatort», massgeschneidert für den Berliner Kommissar Günter Lamprecht, harren der Voll-endung. Berührungsängste gegenüber dem, was Feingeister als schubladisieren, kennt der Vielschrei-ber, der auch für dieses Eti-kett nur ein müdes Schulter-zucken übrig hat, keine. Das Denken in Kategorien findet er «ziemlich rückständig und oft opportunistisch». Es sei, sagt er, «ein tiefverwurzeltes Klischee, dass Fernsehen etwas Minderwertiges ist. In Wahrheit ist es ein Supermarkt, der viel Schrott, aber auch Juwelen bietet.» Medien, welche die Gren-zen des Geschriebenen sprengen, ziehen Cueni fast magisch an. So berichtet er mit sichtlicher Zufriedenheit - Stolz wäre zuviel gesagt - davon, dass sein erstes Com-puterspiel, eine historische Simulation von Hannibals Marsch gegen Rom, zu Weih-nachten auf den Markt kommt. Und bereits heute sorgt er vor, knüpft uner-müdlich Kontakte für den Tag, an dem die Technik es möglich macht, virtuelle Kri-mis über den Bildschirm lau-fen zu lassen. «Kriminalfil-me herzustellen, bei denen der Zuschauer unmittelbar eingreifen kann, ist etwas sehr Reizvolles. Da möchte ich dabei sein.» Denn nichts langweilt den Unermüdlichen so sehr wie Wiederholungen. In seinem Arbeitszimmer, dessen Wände «Peter-Strohm»-Hand-lungsstränge zieren, finden sich genügend Spuren, welche verraten, dass ihm das Skizzieren und Ausfeilen von Fernsehkrimis zur Routine wird. Diese Sachen erledigt er schon fast im geruhsamen Gang eines Bürolisten. Die 16-Stunden-Tage, an denen er schreibt wie ein Wahnsinni-ger und ihn höchstens sein neunjähriger Sohn Clovis stören darf, spart er sich für Romane auf. Es fällt schwer, sich diesen Mann, der im Gespräch eher mundfaul wirkt, als kreativen Wüterich vorzustellen. Seine knapp ge-haltenen Sätze, mit leiser, fast brüchiger Stimme for-muliert, lässt er wie Seifen-blasen schweben - als sässe er in einem Polizeiverhör. Die greifbare Stille, in der sich die Dreh-Geräusche des Ton-bands ohrenbetäubend aus-nehmen, scheint ihn absolut nicht zu stressen, obwohl er den Eindruck erweckt, er würde bedeutend lieber mit Clovis über einem Compu-tergame hocken als einer Journalistin Auskunft über das zu geben, was ihn am wenigsten interessiert: Seine eigene Person. Dabei ist es vor allem sei-ne Biografie, die glaubhaft macht, dass in seinem Kopf stets zahlreiche Geschichten brodeln. Ein Jahr vor der Matura verliess der Sohn eines Bankangestellten das Gym-nasium und stürzte sich in zahlreiche teils exotisch an-mutende Gelegenheitsjobs. So nistete er sich als Archivar im Keller einer Versicherungsgesellschaft ein, ver-suchte sich als Privatsekretär eines iranischen Briefmar-kenhändlers oder stand hinter der Theke eines Waffen-ladens. Kellner, Briefträger, Werbetexter oder Bahnhofs-arbeiter sind weitere Statio-nen auf seiner ellenlangen Berufeliste. Auch wenn die Zeit des Wanderlebens durch düstere Mansardenzimmer längst vorbei ist - die Gefahr, dass sein Erfahrungsschatz einst erschöpft sein wird, weist Cueni weit von sich: «Nein, das kann ich mir nicht vorstellen, er wird mit dem Alter eher gehäufter. Ich kann das Leben immer mehr geniessen, habe immer mehr Einfälle.» Noch immer verschlingt er Unmengen von Sachbüchern, Zeitschriften und Zeitungen, archiviert Beiträge zu Themen, die ihn seit je her faszinieren: Geschichte, Politik, Wirtschaft. Mit Belletristik oder gar Phi-losophie hingegen kann er heute nicht mehr viel anfangen: «Romane selbst zu schreiben, macht Spass; doch sie zu lesen, dazu fehlt mir die Zeit.» Einzig in Spinozas Spruch «Der Nutzen ist das Mass und der Nerv aller menschlichen Handlungen» hat er sich verliebt, anerkennt ihn als philosophische Wahrheit, die sich leider rundherum bestätigt. Eher Zeit als Nutzen scheint ihm, der die irritie-rende Ausstrahlung eines ruhig-kribbeligen «depressiv-introvertierten Kerls» besitzt, ein äusserst wertvolles Gut zu sein. «Ziitvertubelig» ist ihm ein Graus. Dazu passt, dass nichts in seiner abwartend unbewegten Haltung auf Sinn für Humor hindeutet. Doch wie so oft bei Claude Cueni trügt der Schein. Stets unvermittelt und begleitet von amüsiertem Lachen lässt er trockene Ironie aufblitzen. «Gemessen an meinen Macken gehöre ich zu den grossen Künstlern in diesem Jahrhundert. Ich bin ein unheilbarer Hy-pochonder, das hat mit meinem Beruf zu tun oder umgekehrt. Aber unter Hypochondrie leiden noch viele Autoren. Deshalb heiraten sie so oft Krankenschwestern. Meine Frau ist Krankenschwester.» Und manchmal Co-Autorin. Und Korrektiv. Als ob er spürte, dass ein Gespräch mit ihm eher verwirrt als irgendetwas klärt, steckt er mir später unter der Haustüre sein Theaterstück «Tie-Break für Crazy Horse» zu. Und raunt, im Geist bereits meilenweit entfernt: «Da ist viel von mir selbst drin.» Der Held in dem Ein-Mann-Spiel, der einem Tennis-As wie aus dem Gesicht geschnitten ist, macht sich einen Spass daraus, seine Identität schneller als die Unterhose zu wechseln - bis er im Wahn sein eigenes Ich nicht mehr erkennt. Susanne Rothenbach |