Es hagelt Tomaten:
Claude Cueni mit einem Abzocker-Geier (l.)
und dem Erzkapitalisten Harry Buster
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Spieleerfinder und Autor
Claude Cueni lanciert den Moorhuhn-Nachfol ger
VON DANIEL METZGER
Jetzt also Tomaten. Und Geier. Claude Cueni,
der Schweizer Romanautor und frühere
Moorhuhn-Vermarkter, hat sich ein neues
Computerspiel ausgedacht: den Börsenkalauer «Harry
Buster». Seit Freitag flattert das Federvieh in
Deutschland, ab diesem Wochenende in der Schweiz.
Harry Buster hat es im letzten Jahrhundert zu
riesigem Reichtum gebracht, denn ihm kamen
rechtzeitig Einfälle wie das Mobiltelefon und das
Internet. Doch nun sitzt er kinderlos hoch in
seinem Wolkenkratzer und sieht sein Reich bedroht:
Seine Neffen, die Geier, zocken rücksichtslos an
der Börse ab und reissen sein Imperium mit ins
Verderben. «Ächtet sie!», bettelt Harry um
Hilfe - und die Spieler dürfen helfen, indem sie
die Neffen mit reifen Tomaten bewerfen.
Solche Ideen ereilen den Frühaufsteher Cueni, 47,
im Badezimmer, meistens beim Zähneputzen kurz
nach fünf. Dort in Binningen bei Basel ist der
Geburtsort von PC-Spielen wie «Catch the Sperm»,
«Smoke Attack» und «Spacebar», die den Sinn für
Gefahren wie Aids, Tabak und Alkohol schärfen
sollen. Auf der Website des Bundesamtes für
Gesundheit können sie gratis heruntergeladen
werden; weltweit werden sie millionenfach
gespielt. «Harry Buster» ist das erste Spiel von
Cueni und seiner Black Pencil AG, für das Spieler
bezahlen müssen.
Der erste Level des Spiels ist gratis, die
weiteren kosten
Diesmal ist bloss die Vorspeise kostenlos. Wer «Harry
Buster» beim Internetanbieter Bluewin herunterlädt,
erhält den ersten Level geschenkt. Darin kreisen
die Geier über dem Börsenparkett und entführen
Aktienhändler. Zielsicheres Tomatenwerfen rettet
die Broker aus den Krallen der Raubvögel. Für
sieben Franken lassen sich weitere neun Level
freischalten, in denen vier Geierarten mit eigenen
Charakteren und Flugeigenschaften waghalsig
kreisen, weshalb sie schwer zu treffen sind. Am
Ende von Level zehn, nach vielen, vielen
klatschenden Tomatenwürfen, erhält der Spieler
das Diplom als «Retter der Börse».
In mehr als 190 Ländern vertreiben sich Menschen
die Zeit mit den Softcore-Ballerspielen von Cueni.
Dabei ist der Basler eigentlich Schriftsteller. Er
verfasste Drehbücher für die Fernsehkrimis «Eurocops»
und «Peter Strohm», entwickelte für RTL die
Serienkonzepte «Cobra 11» und «Der Clown»,
schrieb Romane wie «Schneller als das Auge» und
«Der vierte Kranz». 1998 erschien sein
Historienroman «Cäsars Druide», an dessen
Fortsetzung Cueni arbeitet.
So bewegt sich Cueni in zwei Welten: dem
Literaturbetrieb und der Spieleszene. «Das»,
sagt er, «ist nur mit Disziplin zu schaffen.»
Morgens schreibt er Romane, die Nachmittage widmet
er den Spielen. Dass er sein Büro zu Hause hat, hält
trotz 70 bis 80 Arbeitsstunden die Nähe zur
Familie. Im Erdgeschoss nimmt Cueni die Geschäftskontakte
wahr, nach oben führen Treppen ins private Leben.
Studienabbrecher, dann Weltenbummler und
Gelegenheitsjobber - von Kind an wollte Claude
Cueni nur Schriftsteller werden, «nichts anderes
und ohne Auffangnetz». Zehn Jahre benötigte er,
um für seinen Krimierstling «Ad acta» einen
Verlag zu finden. Ebenfalls ein Jahrzehnt wendete
er für die Recherchen und das Schreiben von «Cäsars
Druide» auf. Das 500-Seiten-Werk erhielt
freundliche Kritik als spannende Lektüre;
Historiker bescheinigen Cueni höchste Präzision
bei der Einarbeitung geschichtlicher Fakten.
Das Buch wurde auch auf Spanisch übersetzt. Eines
Tages klingelte bei Cueni das Telefon, und es
meldete sich ein Fussballer, der nach der Lektüre
den Autor persönlich kennen lernen wollte. Man
kam ins Gespräch und diskutierte angeregt auch über
den FC Basel, dessen sämtliche Heimspiele Cueni
seit Jahren besucht. Nach einer Weile dämmerte es
dem Schriftsteller, dass er Berenguel Hector am
Draht hatte, den Rechtsverteidiger des spanischen
Spitzenvereins Deportivo La Coruña. Bei der
Champions League traf man sich im Februar im
St.-Jakob-Park. Seither hängt Hectors
handsigniertes Leibchen mit der Rückennummer 24
in Cuenis Büro.
«Wie ein Staubsauger» sammelt Claude Cueni
Eindrücke
Dort leuchtet ein halbes Dutzend
PC-Flachbildschirme, daneben stehen
Buchkollektionen in Regalen. Der Spagat zwischen
zwei Welten ist allgegenwärtig. Cueni umgibt sich
mit moderner Elektronik, führt Besuchern mit
einem Videoprojektor die jüngsten Szenen von «Harry
Buster» vor - und befindet sich gleichzeitig im
London des Jahres 1660, wo die Stadt brennt und
die Pest wütet. Das ist die Kulisse für einen
weiteren Historienroman. In Excel-Tabellen plant
Cueni die exakte Handlung, die über vierzig Jahre
spielt. Anregungen findet er auch in der Neuzeit:
«Wie ein Staubsauger» sammle er Eindrücke und
beobachte Menschen, deren Eigenarten dann die
Akteure im London der Renaissance profilieren.
Schon arbeitet Cueni an Fortsetzungen seiner Präventionsspiele.
Ende Oktober erscheint das diesmal im Wilden
Westen angesiedelte «Smoke Attack 2». Im nächsten
Jahr sollen die Spermien von «Catch the Sperm»
im Tenü der Fussballnationalmannschaft schwimmen,
sofern die Schweizer sich für die
Europameisterschaft in Portugal qualifizieren. «Eine
Fussball-EM», sagt Cueni, «wird von vielen
Menschen besucht, die in aufgeräumter Stimmung
sind.» Sie sollen, lautet die Botschaft, neue
Bekanntschaften bitte nur mit Kondom eingehen.
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