121 /  31. August 2003
Sonntags Zeitung / v. Daniel Metzger

Über Harry Buster kreist der Geier

P133545844113Atif.jpgEs hagelt Tomaten: Claude Cueni mit einem Abzocker-Geier (l.) und dem Erzkapitalisten Harry Buster
 
 

 

 

 

Spieleerfinder und Autor Claude Cueni lanciert den Moorhuhn-Nachfol ger

VON DANIEL METZGER

Jetzt also Tomaten. Und Geier. Claude Cueni, der Schweizer Romanautor und frühere Moorhuhn-Vermarkter, hat sich ein neues Computerspiel ausgedacht: den Börsenkalauer «Harry Buster». Seit Freitag flattert das Federvieh in Deutschland, ab diesem Wochenende in der Schweiz.

Harry Buster hat es im letzten Jahrhundert zu riesigem Reichtum gebracht, denn ihm kamen rechtzeitig Einfälle wie das Mobiltelefon und das Internet. Doch nun sitzt er kinderlos hoch in seinem Wolkenkratzer und sieht sein Reich bedroht: Seine Neffen, die Geier, zocken rücksichtslos an der Börse ab und reissen sein Imperium mit ins Verderben. «Ächtet sie!», bettelt Harry um Hilfe - und die Spieler dürfen helfen, indem sie die Neffen mit reifen Tomaten bewerfen.

 
Solche Ideen ereilen den Frühaufsteher Cueni, 47, im Badezimmer, meistens beim Zähneputzen kurz nach fünf. Dort in Binningen bei Basel ist der Geburtsort von PC-Spielen wie «Catch the Sperm», «Smoke Attack» und «Spacebar», die den Sinn für Gefahren wie Aids, Tabak und Alkohol schärfen sollen. Auf der Website des Bundesamtes für Gesundheit können sie gratis heruntergeladen werden; weltweit werden sie millionenfach gespielt. «Harry Buster» ist das erste Spiel von Cueni und seiner Black Pencil AG, für das Spieler bezahlen müssen.

Der erste Level des Spiels ist gratis, die weiteren kosten

Diesmal ist bloss die Vorspeise kostenlos. Wer «Harry Buster» beim Internetanbieter Bluewin herunterlädt, erhält den ersten Level geschenkt. Darin kreisen die Geier über dem Börsenparkett und entführen Aktienhändler. Zielsicheres Tomatenwerfen rettet die Broker aus den Krallen der Raubvögel. Für sieben Franken lassen sich weitere neun Level freischalten, in denen vier Geierarten mit eigenen Charakteren und Flugeigenschaften waghalsig kreisen, weshalb sie schwer zu treffen sind. Am Ende von Level zehn, nach vielen, vielen klatschenden Tomatenwürfen, erhält der Spieler das Diplom als «Retter der Börse».

In mehr als 190 Ländern vertreiben sich Menschen die Zeit mit den Softcore-Ballerspielen von Cueni. Dabei ist der Basler eigentlich Schriftsteller. Er verfasste Drehbücher für die Fernsehkrimis «Eurocops» und «Peter Strohm», entwickelte für RTL die Serienkonzepte «Cobra 11» und «Der Clown», schrieb Romane wie «Schneller als das Auge» und «Der vierte Kranz». 1998 erschien sein Historienroman «Cäsars Druide», an dessen Fortsetzung Cueni arbeitet.

So bewegt sich Cueni in zwei Welten: dem Literaturbetrieb und der Spieleszene. «Das», sagt er, «ist nur mit Disziplin zu schaffen.» Morgens schreibt er Romane, die Nachmittage widmet er den Spielen. Dass er sein Büro zu Hause hat, hält trotz 70 bis 80 Arbeitsstunden die Nähe zur Familie. Im Erdgeschoss nimmt Cueni die Geschäftskontakte wahr, nach oben führen Treppen ins private Leben.

Studienabbrecher, dann Weltenbummler und Gelegenheitsjobber - von Kind an wollte Claude Cueni nur Schriftsteller werden, «nichts anderes und ohne Auffangnetz». Zehn Jahre benötigte er, um für seinen Krimierstling «Ad acta» einen Verlag zu finden. Ebenfalls ein Jahrzehnt wendete er für die Recherchen und das Schreiben von «Cäsars Druide» auf. Das 500-Seiten-Werk erhielt freundliche Kritik als spannende Lektüre; Historiker bescheinigen Cueni höchste Präzision bei der Einarbeitung geschichtlicher Fakten.

Das Buch wurde auch auf Spanisch übersetzt. Eines Tages klingelte bei Cueni das Telefon, und es meldete sich ein Fussballer, der nach der Lektüre den Autor persönlich kennen lernen wollte. Man kam ins Gespräch und diskutierte angeregt auch über den FC Basel, dessen sämtliche Heimspiele Cueni seit Jahren besucht. Nach einer Weile dämmerte es dem Schriftsteller, dass er Berenguel Hector am Draht hatte, den Rechtsverteidiger des spanischen Spitzenvereins Deportivo La Coruña. Bei der Champions League traf man sich im Februar im St.-Jakob-Park. Seither hängt Hectors handsigniertes Leibchen mit der Rückennummer 24 in Cuenis Büro.

«Wie ein Staubsauger» sammelt Claude Cueni Eindrücke

Dort leuchtet ein halbes Dutzend PC-Flachbildschirme, daneben stehen Buchkollektionen in Regalen. Der Spagat zwischen zwei Welten ist allgegenwärtig. Cueni umgibt sich mit moderner Elektronik, führt Besuchern mit einem Videoprojektor die jüngsten Szenen von «Harry Buster» vor - und befindet sich gleichzeitig im London des Jahres 1660, wo die Stadt brennt und die Pest wütet. Das ist die Kulisse für einen weiteren Historienroman. In Excel-Tabellen plant Cueni die exakte Handlung, die über vierzig Jahre spielt. Anregungen findet er auch in der Neuzeit: «Wie ein Staubsauger» sammle er Eindrücke und beobachte Menschen, deren Eigenarten dann die Akteure im London der Renaissance profilieren.

Schon arbeitet Cueni an Fortsetzungen seiner Präventionsspiele. Ende Oktober erscheint das diesmal im Wilden Westen angesiedelte «Smoke Attack 2». Im nächsten Jahr sollen die Spermien von «Catch the Sperm» im Tenü der Fussballnationalmannschaft schwimmen, sofern die Schweizer sich für die Europameisterschaft in Portugal qualifizieren. «Eine Fussball-EM», sagt Cueni, «wird von vielen Menschen besucht, die in aufgeräumter Stimmung sind.» Sie sollen, lautet die Botschaft, neue Bekanntschaften bitte nur mit Kondom eingehen.

http://games.bluewin.ch