| Medium | WEB deutsch |
| Datum | 13. Juli 2001 |
| Thema | Caesars Druide / Leseprobe deutsch |
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(Anmerkung: Nach der Schlacht von Bibracte:) Seite: 276
Cäsar sass konsterniert in seinem Zelt. Ein Kundschafter meldete, dass die Helvetier ihren Zug fortgesetzt hätten. Er schätzte die Ueberlebenden auf sechzig- bis siebzigtausend. Cäsar befahl, die Verfolgung aufzunehmen. "Dazu sind wir nicht mehr in der Lage", murmelte Labienus. Cäsar wusste, dass die Schlacht unentschieden geendet hatte. Er hätte genausogut als erster das Schlachtfeld verlassen können. Aber so wie ich Cäsar mittlerweile kannte, bin ich sicher, dass er den Ausgang der Schlacht als Zeichen der Götter wertete. "Wie lange werden wir brauchen, um die Toten zu bestatten?" fragte Cäsar in die Runde. "Mindestens drei Tage, Cäsar." Fast beschämt blickte er auf seine lehmverschmierten Lederstiefel. Drei Tage, das bedeutete, das er immense Verluste erlitten hatte. "Labienus, schick Boten zum Stamm der Lingonen. In ein, zwei Tagen werden die Helvetier ihr Gebiet erreicht haben. Ich verbiete den Lingonen, den Helvetiern zu helfen. Bei Zuwiderhandlungen werde ich die Lingonen so behandeln, wie ich die Helvetier behandelt habe. Sage es ihnen." "Cäsar", sagte einer der jungen Tribune, "wir haben im Lager der Helvetier Unmengen Gold gefunden. Sollen wir..." "Kann Gold meine toten Männer wieder zum Leben erwecken oder die Sterbenden heilen?" fauchte der Centurio Lucius Speratus Ursulus. Sein linkes Auge war blauunterlaufen. Unter dem zerschlissenen rechten Aermel seiner Tunika hatte sich eine Blutkruste gebildet. "In gewissem Sinne schon", antwortete Cäsar ruhig, "Gold bedeutet Legionen, Legionen bedeuten Macht, und Macht bedeutet Rom. Bringt mir das Gold der Helvetier!" In einem riesigen Zelt, das von Cäsars Leibgarde bewacht wurde, hatten die Rekruten das Gold der Helvetier gestapelt. Raubgold. Es waren ganze Wagenladungen von groben Goldbarren, unzählige Fässer mit keltischen, massaliotischen, römischen und griechischen Gold- und Silbermünzen. Cäsar hatte darauf bestanden, dass ich ihn begleite. Da der Boden zum Teil glitschig war, hatte ich Wanda mitgenommen. Cäsar nahm einem Soldaten seiner Leibwache die Fackel ab und schickte ihn raus. Jetzt stand er allein inmitten seines Goldes. Es hatte einen Gegenwert von einigen hundert Millionen. Und es war Cäsars Gold. "Bist du deswegen ins freie Gallien eingefallen?" fragte ich Cäsar. Cäsar griff in ein Fass mit massaliotischen Goldmünzen, nahm eine Handvoll und liess sie wieder ins Fass zurückfallen. "Druide", antwortete Cäsar in Gedanken versunken, während an den Zeltwänden die Schatten der Wachsoldaten patrouillierten, "hast du jemals Alexander gefragt, wieso er ein Weltreich erobert hat?" Cäsar war ein Besessener. Es war nicht das Gold, das ihn faszinierte, sondern die Möglichkeiten, die dieses Gold ihm nun bot. Es war ihm nicht möglich, das bisher Erreichte zu geniessen. In Gedanken war er bereits bei der Verwirklichung eines noch tollkühneren Planes. Cäsar war sogesehen der Sklave seines Ehrgeizes. Plötzlich erregte eine alte Holzkiste mit vergoldeten Scharnieren seine Aufmerksamkeit. Er kniete davor nieder und wollte sie öffnen. "Tu es nicht", warnte ich Cäsar. Er drehte sich um und reichte mir die Fackel, damit er beide Hände frei hatte. "Wieso sollte ich sie nicht öffnen, Druide? Die Kiste ist nicht mal verschlossen." "Sie ist deshalb nicht verschlossen, weil kein Kelte auf die Idee käme, sie zu öffnen." Cäsar drehte sich um. Er grinste über beide Ohren. Das gefiel ihm. Ein Kelte verbot ihm eine Kiste zu öffnen. "Es ist die Kiste eines Druiden. Du solltest sie zurückgeben, bevor die Götter dich bestrafen." Jetzt war für Cäsar endgültig klar, was er zu tun hatte. Ich hatte ihm mit der Strafe der Götter gedroht. Wenn er die Kiste öffnete, machte er sich die keltischen Götter zu Gegnern. Das war ganz nach seinem Geschmack. Sich mit Göttern anzulegen. Sie besiegen oder untergehen. Als Cäsar die Kiste öffnete, wandte ich mich beschämt ab. Ich stellte die Fackel in einen eisernen Trichter, der an einer Stange in der Mitte des Zeltes befestigt war. Ich wollte nicht sehen, wie dieser gottlose Römer die heiligen Sicheln unserer Druiden beschmutzte. Seite: 293 Eines Morgens, die vierte Nachtwache war noch nicht vorüber, wurde ich von Lucias Knurren geweckt. Ich warf einen Blick auf Wanda, die sanft und friedlich neben mir schlief, und freute mich darüber, dass die Götter es bisher so gut mit mir gemeint hatten. Rückblickend war die Geschichte gar nicht so übel, die sie sich für mich ausgedacht hatten. Ich behaupte ja stets, dass die Wege der Götter oft unergründlich sind, und dass man den göttlichen Plan, der ihnen zugrunde liegt, erst viel später erkennen kann. "Korisos!" Jetzt hörte ich die Rufe. Die Stimme kam von draussen. Es war Krixos. Ein Praetorianer stand neben ihm. "Cäsar will dich sprechen!" Ich stand sofort auf und folgte dem Praetorianer zu Cäsars Feldherrenzelt. Wanda begleitete mich. Noch herrschte Ruhe im Lager. Die Wachen auf den Wällen waren in dicke Wollmäntel gehüllt und wärmten sich die Hände über kleinen Feuern. In den frühen Morgenstunden war es noch kühl. Von weitem schon sah ich den heissen Dampf aus Cäsars Zelt hochsteigen. Sklaven verliessen gerade mit leeren Bronzekesseln sein Zelt. Der Duft von warmgerührten Eiern lag in der Luft. Der Praetorianer schob die Zeltplane zur Seite und liess mich eintreten. Im Zeltinnern staute sich heisser Dampf. Man konnte nicht mal die eigene Hand vor dem Gesicht erkennen. Ohne Wanda wäre ich wohl über das erstbeste Hindernis gestolpert. "Setz dich Korisios", hörte ich Cäsars Stimme. Ich tastete mich vorsichtig zu einem Stuhl und setzte mich. Es war irgendwie unangenehm. Irgend etwas in meinem Rücken. Ich drehte mich um. Ueber der Stuhllehne hing ein ledernes Gehänge mit einem Gladius und einem Pugio. Ich war plötzlich hellwach. War heute der Tag, an dem sich die Prophezeihung des Druiden Santonix erfüllten sollte? Ich umklammerte den Griff des Gladius. Er war aus kunstvoll verarbeitetem Rindsknochen. Jeder Finger passte genau in die runden Einkerbungen. Ein kalter Luftzug drang ins Zelt und lichtete den Dampf. Ich erschrak. Cäsar lag vor mir, keine drei Schritte entfernt, in einer hölzernen Wanne, die randvoll mit warmem Wasser gefüllt war. Den Kopf hatte er zurückgelegt, die Augen geschlossen. Müde ruhte sein verschwitztes Haupt mit dem schütteren Haar auf dem Rand der Wanne. Aber es war nicht die Hitze die ihm zu schaffen machte. Cäsar schien zu leiden. Er hatte Schmerzen. Ein Diener hatte das Zelt betreten und stellte einige Schalen auf den kleinen Tisch, der vor der Wanne stand. Genauso leise wie er gekommen war verschwand er wieder. Dabei strömte erneut kalte Luft ins Zelt und machte die Sicht noch klarer. "Kannst du heilen, Druide?" fragte Cäsar mit matter Stimme. "Ich kann den heilen, den die Götter heilen wollen", antwortete ich. Cäsar schien zu überlegen. Nach einer Weile sagte er: "Druide, als die Kelten ihre Waffen abgelegt haben, hast du einen Krieger begrüsst. Basilus hast du ihn genannt." "Ja, wieso fragst du?" "Er hat dich gefragt, ob ihr euch jemals wiedersehen würdet." "Ja, das ist richtig." "Wieso hat er dich gefragt? Kannst du die Zukunft lesen? Sprichst du etwa mit den Göttern?" "Wovor hast du Angst, Cäsar? Stehst du nicht selber unter dem Schutz der unsterblichen Götter?" Cäsar richtete sich abrupt auf. Dabei schwappte das Wasser über den Rand der Badewanne. Cäsars Brust war glattrasiert. Nirgends auch nur ein einziges Härchen. "Ein Cäsar hat keine Angst, Druide. Meinst du etwa, ich hätte nachts Alpträume, nur weil ich die goldenen Sicheln deiner Druiden habe einschmelzen lassen." "Du hast die goldenen Sicheln nicht einschmelzen lassen, Cäsar", sagte ich mit absoluter Bestimmheit. Ich ging ein hohes Risiko ein. Aber Cäsars Irritation bestätigte mich. "Warum weißt du das, Druide?" "Wenn du es getan hättest, hättest du keine Alpträume. Ich glaube nicht, dass unsere Götter derart nachsichtig mit dir umgehen würden." "Rom verlieh mir den Titel des Pontifex Maximus. Ich bin somit der oberste Priester der zivilisierten Welt. Wieso soll es mir nicht zustehen, eure Heiligtümer zu annektieren? Wem soll es zustehen, wenn nicht mir, dem Pontifex Maximus der Römischen Republik?" "Die menschliche Ordnung erheitert die Götter immer wieder, Cäsar. Das Gold hat deinen Verstand getrübt. Schon lechzt du nach mehr und denkst, du könntest nun auch über die heiligen Stätten der Kelten herfallen. Hast du nicht selber gesagt, dass die Götter einem manchmal eine längere Phase des Glücks gönnen, nur damit der jähe Absturz um so grausamer empfunden werde?" Cäsar lehnte sich wieder in der Wanne zurück und legte seinen Kopf auf den mit Leinentüchern gepolsterten Rand. Er schloss die Augen. Sein Kiefer war angespannt. Er schien Schmerzen zu haben. "Ich verstehe euch Kelten nicht", murmelte er. "Was habe ich denn getan, dass mir plötzlich ganz Gallien zu Füssen liegt?" "Der erste Schritt im Moor ist stets einfach, doch wenn dein Körper langsam verschlungen wird und du hilflos mit den Armen ruderst und wider Willen deinen Untergang beschleunigst, dann erst Cäsar, merkst du, dass der erste Schritt der verhängnisvollste gewesen ist." "Willst du damit sagen, dass mir all diese gallischen Fürsten, die hier vor mir im Staub kriechen, eine Falle stellen wollen?" "Nein, Cäsar, ihre kampflose Unterwerfung ist redlich. Es sind die Götter, die mit dir ihr Spiel treiben." 368 Als ich mitten in der Nacht in Cäsars Zelt geführt wurde, lag er in wilden Zuckungen auf der feuchten Erde und wand sich wie ein Wurm in Essigwasser. Weisser Schaum floss aus seinem Mund. Zwischen den Zähnen hatte er ein Stück Holz, die Vitis eines Centurios. Seine dunklen Augen waren weit aufgerissen. Sie kämpften, flehten um Hilfe, schrien ihr Leid zu den Göttern hinauf. Aber kein Wort kam über seine Lippen, kein Laut wollte diesem verkrampften Körper entweichen. Es war, als hätten die Götter ihn zu ihrem Spielzeug degradiert. Ich hatte die Lederbeutel, in denen ich die getrockneten Kräuter aufbewahrte, mitgenommen, weil man mir gesagt hatte, Cäsar liege im Sterben. Aber er lag nicht im Sterben. Ich verlangte sofort nach Wasser und Wein und begann mit der raschen Zubereitung einer Tinktur. Ich fügte ein zerbröseltes Mistelblatt hinzu, nicht zuviel, denn die Mistel kann töten, wie sie den Druiden Fumix getötet hatte. Die Mistel kann aber auch heilen. Und andererseits ist sie nahezu wirkungslos, wenn schäumende Wellen sich im Körper eines Menschen bilden. Sie unterstützt jedoch die anderen Kräuter, die den Wind aus den Segeln des Schiffes nehmen, das die Anderswelt anpeilt. Wenig später flösste ich ihm den dickflüssigen Sud ein. Natürlich hätte ich Cäsar töten können. Es wäre ein leichtes gewesen. Ich glaube nicht einmal, dass man mich dafür ans Kreuz geschlagen hätte. Der Medicus kannte die Kräfte des Waldes nicht. Er wusste, dass schäumende Menschen von den Göttern zu sich gerufen werden. Nein, ich glaube, man hätte mich nicht mal verdächtigt. Aber ich wollte Cäsar nicht töten. Ich wollte ihn heilen, ich wollte ihn retten. So wie auch er mich in der Schlacht gegen Ariovist gerettet hatte. Für uns Kelten ist es Pflicht, das eine mit dem andern abzugelten. Aber nicht nur deswegen rettete ich Cäsar. Ich half ihm, weil ich sein Druide war. Langsam erschlafften seine Muskeln, die Lider senkten sich müde. "Lasst mich mit dem Druiden allein", murmelte Cäsar. Alle atmeten auf, freudig und dankbar und liessen mich mit Cäsar allein. "Was ist es, Druide?" Ich schwieg. "Werde ich das noch öfter haben?" Ich schwieg. "Sprich Druide, was passiert, wenn ich das noch öfter habe?" "Dann wird man dieses Leiden nach dir benennen, Cäsar." |