#chronos (1903)

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great-train-robbery-1903-grangerNachdem die Eisenbahn die meisten Grossstädte miteinander vernetzt und das Leben beschleunigt hatte, begann der Siegeszug des motorisierten Individualverkehrs. Henry Ford gründete 1903 in Michigan mit 100 000 Dollar die Ford Motor ­Company, revolutionierte die Fliessbandtechnik und machte als Verfasser des antisemitischen Essays «The International Jew» von sich reden.

Im gleichen Jahr ratterte die berühmte ­Schauspielerin Anna Held mit ihrem futuristischen De-Dion-Bouton-Motordreirad durch ­Milwaukee und entflammte die Leidenschaft zweier Männer. Für ihr Motorrad. William Harley und Arthur Davidson zeichneten die erste ­Konstruktion eines eigenen 116-cm³-Motors und bezogen einen Schuppen hinter dem Haus. Vier Jahre später gründeten sie die «Harley-Davidson Motor Company of Milwaukee», die heute eine Marktkapitalisierung von 13 Milliarden hat.

In England setzten die beiden technikbesessenen Buben eines protestantischen Bischofs zum Höhenflug an. Zuerst flickten sie Fahrräder, ­verkauften die ersten Velos mit zwei gleich ­grossen Rädern, und entwickelten erste Flug­geräte. Die unverheirateten «Wright Brothers» gingen als Pioniere des ersten gesteuerten ­Motorflugzeugs in die Geschichte ein. Doch ­sieben konkurrierende Flugzeugpioniere bestritten diese Pionierleistung. Der Erfolg hat viele Väter, der Misserfolg bleibt ein Waisenkind.

Im russischen ­Kischinew mündete die von Armut und Arbeitslosigkeit geprägte Wirtschaftskrise in einen dreitägigen Massenpogrom von russischen Christen gegen Juden. Nach internationalen Protesten schritten die Behörden ein und ­Theodor Herzl organisierte in Basel den ersten Zionistischen ­Weltkongress.

In England wurde die «Women’s Social and Political Union» ­gegründet. In Berlin beschloss die internationale Währungskonferenz einen festen Wechselkurs zwischen Silber- und Goldwährungen.

Im Vatikan starb Papst Leo XIII. im Alter von 93 Jahren, nachdem er 86 päpstliche Rund­schreiben verschickt und mindestens so viele ­Fässer Vin Mariani genossen hatte. Das war ein berauschendes Getränk aus Rotwein und ­Extrakten des ­Coca-Strauches, dem historischen Vorläufer von Coca-Cola. Möglicherweise ­euphorisiert von ­diesem edlen Tropfen, verlieh ihm Papst Leo XIII., kraft seines Amtes, eine ­Goldmedaille, worauf Leo XIII. fortan die Etikette des Vin Mariani schmückte.

Edwin S. Porter drehte den ersten Western der Filmgeschichte, «The Great Train Robbery». In 14 realistischen Szenen erzählte Porter die Geschichte des Grossen Eisenbahnraubs und gilt seitdem als Pionier der Filmerzählung und ­Montagetechnik. In Farbe war natürlich nur das Filmplakat. Der Film hatte eine rekordverdächtige Länge von zwölf Minuten.

In der Schweiz wurde der erste Hooligan aktenkundig, ein Italiener namens Benito ­Mussolini, der im Polizeirapport als «notorischer, marxistischer Unruhestifter» bezeichnet wurde.

Dass die Auferstehung von den Toten ­durchaus möglich ist, bewies der 1893 ­verstorbene Sherlock Holmes, der in den ­Reichenballfällen den Tod fand und nach der ­Kündigung von 20 000 zornigen Abonnenten wieder zum Leben erweckt werden sollte. Obwohl Arthur Conan Doyle nicht nur Autor, sondern auch Arzt war, weigerte er sich, zu reanimieren: «Wenn ich ihn nicht töte, wird er mich ­umbringen!» Er stellte deshalb unerfüllbare ­Honorarforderungen, doch das Magazin erfüllte sie, und als selbst Doyles Mutter sich den ­Protesten anschloss, wachte Sherlock Holmes im Jahre 1903 in «The Return of Sherlock Holmes» wieder auf. «Elementary, my dear Watson.»

Claude Cueni ist Schriftsteller und lebt in Basel. www.cueni.ch © Basler Zeitung

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