#chronos (1969)

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Unknown«Houston, Tranquility Base here. The eagle has landed.» Am 20. Juli 1969 landete «Apollo 11» auf dem Mond. Der Astronaut Edwin «Buzz» Aldrin wollte nicht als Erster den Mond betreten, er fürchtete die spätere Publizität. Er liess Neil ­Armstrong den Vortritt. Nach der Rückkehr behaupteten die üblichen Verschwörungstheoretiker, Stanley Kubrick habe die Landung in einem Studio gefakt, andere glaubten, eine UFO-­Landebasis entdeckt zu haben. «Buzz» sagte ­später: «Was danach kommt, nenne ich die ­Melancholie der erfüllten Aufgabe.» Er wurde Alkoholiker.

Verschwörungstheorien gab es auch nach dem tödlichen Autounfall auf einer Brücke in ­Chappaquiddick Island. Senator Edward Kennedy verfehlte nach einer Partynacht die Brücke und stürzte mit der 28-jährigen Sekretärin Mary Jo Kopechne in den Kanal. Er konnte sich retten, seine Begleiterin starb qualvoll. Richter Boyle bezichtigte Kennedy später der Lüge und ­verurteilte den «Löwen des US-Senats» (Obama) zu zwei Monaten Haft auf Bewährung, weil er sich unerlaubt vom Unfallort entfernt hatte.

Nebst Apollo-11- und Chappaquiddick-Büchern erschien auch der Bestseller «Theorie und Praxis der antiautoritären Erziehung – das Beispiel Summerhill». Seitdem erntet jeder ­Politiker Lachsalven, wenn er von roten Linien spricht. Staatsmännisch verkündete Red Lines haben nicht mehr Bestand als der Rasierschaum der Schiedsrichter.

In Mexiko-Stadt gab es am 26. Juni jedoch eine Fussballpartie zwischen Honduras und El Salvador, die auch mit zehn Dosen Rasierschaum nicht hätte gebändigt werden können. Sie ging mit ­gewalttätigen Auseinandersetzungen ausserhalb des ­Stadions in die Verlängerung. Unterstützt wurde das ­salvadorianische Team von der Luftwaffe, worauf auch Honduras Kampf­flieger ins Feld schickte. Nach vier Tagen endete die angeblich schönste Nebensache der Welt mit 2100 Toten und über 6000 Verletzten.

Am 15. März 1969 griff die Sowjetunion ­chinesische Truppen an und eroberte die Insel Zhenbao Dao. Bereits ein halbes Jahr früher ­startete die Sowjetunion mit ihren Verbündeten die grösste Militäroperation in Europa seit Ende des Zweiten Weltkrieges. Eine halbe Million ­Soldaten besetzten innerhalb weniger Stunden die Tschechoslowakei und beendeten den «Prager Frühling».

«Make Love Not War» war das Credo der ­jungen Generation, die weltweit gegen den ­Vietnamkrieg demonstrierte. Der Stellvertreterkrieg der beiden Grossmächte tötete oder ­verstümmelte über fünf Millionen Vietnamesen. Der grossflächige Einsatz des dioxinhaltigen ­Entlaubungsmittels «Agent Orange» verseuchte die Agrarflächen der Bevölkerung. Noch heute ­werden Kinder mit schwersten Missbildungen geboren. Eine Sammelklage von Geschädigten wurde 2005 in den USA mit der Begründung abgewiesen, dass es sich beim Einsatz von «Agent Orange» nicht um «chemische Kriegsführung» gehandelt habe und dass ­deshalb kein Verstoss gegen internationales Recht vorliege.

«All we are saying, is: give peace a chance», sagte John Lennon den Journalisten, die seiner Einladung zum «Bed-in» ins Queen Elizabeth Hotel in Montreal gefolgt waren. In Woodstock trafen sich Jugendliche zum legendären Festival. Für die Veranstalter war es zuerst ein finanzielles Desaster, später, dank Kinofilm und Alben, ein grosser finanzieller Erfolg. Die «Easy Riders» Peter Fonda und Dennis Hopper hatten mehr Bock auf LSD und fuhren auf ihren Scrambler-­Motorrädern durch Amerika: «Don’t bogart that joint, my ­friend, pass it over to me, roll another one, just like the other one.»

Claude Cueni ist Schriftsteller und lebt in Basel.

© Basler Zeitung; 06.11.2015

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