#chronos (1981)

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Bildschirmfoto 2015-02-26 um 15.34.11«Ich will den War Room sehen», sagte der ­frisch gewählte amerikanische Präsident Ronald ­Reagan, als er zum ersten Mal das Weisse Haus betrat. Man musste ihm schonend beibringen, dass der War Room, den er im Kino gesehen hatte, eine Kreation des Bühnenbauers Ken Adams war. Er hatte für die meisten James-Bond-Filme die futuristischen Bunker gebaut. «Bigger than life» war sein Credo.

Der ehemalige Cowboy-Darsteller Reagan hatte sich zum Ziel gesetzt, den Warschauer Pakt zu Tode zu rüsten und in Europa Mittelstrecken­raketen zu stationieren. Allein in Amsterdam ­marschierten fast eine halbe Million Menschen für den Frieden auf die Strasse und begründeten zusammen mit Atomkraftgegnern, Umwelt­aktivisten und Hausbesetzern eine neue Alternativkultur.

Die Abrüstungsverhandlungen in Wien waren nur gerade für den Russen Nikolai Koroljuk ­erfolgreich. Dank seinen guten Deutschkennt­nissen flüchtete der Dolmetscher noch während der Gespräche in den Westen, wo gerade mit dem «European Currency Unit» (ECU) die Verrechnungseinheit der Europäischen Gemeinschaft ­eingeführt wurde.

Während in Stuttgart der letzte Mercedes-Benz vom Band rollte, definierte IBM mit dem ­ersten «persönlichen Computer» den weltweiten Computerstandard. Der IBM PC 5150 hatte noch keine Festplatte, dafür aber 5,25-Zoll-Disketten mit 160 KB Speicherplatz. Shakin’ Stevens sang «You Drive Me Crazy».

Im gleichen Jahr wurde das Computer Science ­Network (CSNET) gegründet, der Vorläufer des Internets. Der US-Seuchenschutz berichtete erstmals über eine neue Immunkrankheit: Aids.

Im Fernsehen erklärte uns Tilli das neue Palmolive: «Sie baden gerade Ihre Hände darin.» Gleich nach der Werbung wurde die ­Hochzeit von Lady Diana Spencer und Prinz Charles übertragen. Charles hatte noch kurz vor dem Jawort seiner heimlichen Geliebten gemailt, dass er gerne ihr Tampon wäre. Camilla, die Duchess of Cornwall, erbarmte sich seiner und heiratete ihn später.

Die ARD startete die US-Serie «Dallas». J. R.: «Wenn ich nächstes Mal das Kriegsbeil begrabe, begrabe ich es in deinem Schädel!» Robert De Niro kämpfte «Wie ein wilder Stier», während Elias Canetti den Literaturnobelpreis erhielt und noch einen Sohn zeugte.

Das Licht der Welt erblickten auch Beyoncé und Britney Spears, das Licht erlosch für Bill Haley, Bob Marley und Georges Brassens. Der ägyptische Präsident Anwar al-Sadat wurde bei einer Militärparade erschossen, während sowohl Papst Johannes Paul II. als auch Ronald Reagan Opfer von Attentätern wurden und überlebten.

In Polen wurde der Kriegszustand verhängt, um die Solidarnosc in die Knie zu zwingen. Auf den Philippinen wurde das Kriegsrecht wieder auf­gehoben, nachdem Diktator Ferdinand Marcos über 30 000 Oppositionelle in Militärlagern ­inhaftiert und zahlreiche Gegner erschossen hatte. Das Land, das nach dem Zweiten Weltkrieg die zweitstärkste Wirtschaftsmacht in Südostasien war, verkam zu einem Drittweltland. Imelda ­Marcos sagte einmal: «Ich bin der Star und der Sklave der kleinen Leute, und es kostet mich weit mehr Arbeit und Zeit, mich für einen Besuch in den Elendsvierteln zurecht­zumachen als für einen Staatsbesuch.» Ihr Clan hatte dem Volk 30 Milliarden geraubt.

Eine weitere «Klapperschlange» machte von sich reden, der Science-Fiction-Film von John ­Carpenter. In schwedischen Gewässern dümpelte wieder einmal ein sowjetisches U-Boot und ­Freddie Mercury sang die Titelmelodie des ­Flash-Gordon-Remakes: «Gordon’s alive, flash, ah, ah, he’ll save ev’ry one of us.»

One more thing: Bill Gates verkündete: «640 Kilobyte sind genug für jeden.»

Claude Cueni ist Schriftsteller und lebt in Basel.

www.cueni.ch

© Basler Zeitung; 27.02.2015

 

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