NZZ Folio 7/06

Der erste Millionär


John Law of Lauriston erfand die Banknote und löste die erste Inflation aus. Er war Mörder, Mathematiker, Nationalökonom. Er war ein Wahnsinniger und ein Genie ­ und er war Schotte. Eine Einschätzung und Auszüge aus dem Roman «Das grosse Spiel».

Von Claude Cueni

«Jede Strasse von Edinburg bezeugt die Verkommenheit ihrer Bewohner. Die Stadt ist ein einziger Abort», hatte der englische Anwalt Joseph Taylor Ende des 17. Jahrhunderts vor Gericht ausgesagt. Er hatte einen Edinburger Ladenbesitzer verklagt, weil er vor dessen Geschäft in einem Haufen Kot ausgeglitten war und sich den Arm gebrochen hatte. Die hygienischen Verhältnisse waren katastrophal. Nicht verwunderlich, dass sich William Law, der angesehene Geldverleiher und Münzprüfer von Edinburg, in Paris die Blasensteine herausoperieren liess. Er überlebte die Lithotomie trotzdem nicht. Er hinterliess zwei Söhne, verfeindet wie Kain und Abel. Der eine von ihnen, John Law, sollte eine der schillerndsten Figuren des anbrechenden 18. Jahrhunderts werden. John who?
Der 1671 geborene John Law entstammte einem alten schottischen Geschlecht, das vor allem Goldschmiede und geistliche Würdenträger hervorbrachte. Er wurde ein Kardinal des Geldes. Schon als junger Mann sorgte er an den Spieltischen für Furore. Damals wurde das Kartenspiel Pharao gespielt, eine Kartenvariante des späteren Roulette. Als Gedächtniskünstler und Rechengenie war es ihm ein Leichtes, die Chancen der einzelnen Karten blitzschnell zu berechnen, zu gewinnen ­ und nebenbei die Herzen der Damenwelt zu erobern. Aber er wollte mehr. Er träumte vom ganz grossen Spiel.
Europa war von Kriegen ruiniert und hatte kaum noch verfügbare Rohstoffe, kaum noch Metall, um neue Münzen herzustellen. Ohne Münzen kein Handel, ohne Handel keine Arbeit. Die Königshäuser waren verschuldet, die Staatskassen leer. Law entwickelte ein System, in dem das rare Hartgeld keine Rolle mehr spielte, ein System, das auf Geld aus Papier und auf Krediten aufgebaut war. Für seine Zeit eine visionäre Vorstellung, konnte doch eine Metallmünze nicht mehr wert sein als das Metall, das in ihr steckte. Wie sollte da wertloses Papier einen Geldwert verkörpern?
Durch seine Auftritte in den europäischen Salons erhoffte sich John Law eine Einladung an Königshäuser. Doch vorerst erwartete ihn kein König, sondern der Galgen. Nachdem er in London im Duell einen Rivalen getötet hatte, wurde Law, erst 23-jährig, zum Tode verurteilt. Er erkaufte sich die Erlaubnis, «aus dem Gefängnis zu fliehen», und ging nach Paris.

Am Spieltisch Europas (aus: Das grosse Spiel)
«Meine Damen und Herren, ich habe die grosse Ehre, Ihnen heute Abend einen Mann vorzustellen, dem der Ruf vorauseilt, einer der Besten an den Spieltischen Europas zu sein. Monsieur John Law of Lauriston.»
Ein Mann betrat den prunkvollen Salon von La Duclos, eine Erscheinung wie die eines Königs aus einer neuen Welt. Mit seinen ein Meter neunzig überragte John Law alle anwesenden Ducs, Marquis, Comtes, Schauspieler, Gelehrten, Wissenschafter, weitgereisten Beaus und Hasardeure. In seinem weiten, in dezenten Pastelltönen kolorierten Samtrock mit weissen Schössen rauschte er herein wie eine Naturgewalt. Zielstrebig ging er auf den mittleren Spieltisch zu. Alles an diesem grossgewachsenen Fremden mit der exklusiven Halsbinde wirkte echt, seine Ruhe war nicht gespielt, seine Galanterie nicht erzwungen. Kein Vergleich mit dem egozentrischen, kleingewachsenen Sonnenkönig auf seinen zu hohen Absätzen. John Law zog die Anwesenden in seinen Bann, bevor er auch nur ein Wort gesprochen oder eine Karte verteilt hatte.
Der Marquis d'Argenson stand neben dem mittleren Spieltisch und forderte Sir George mit einem Nicken auf, sich gleich für eine Partie zu empfehlen. «Er trägt Baumwolle», flüsterte d'Argenson, «obwohl der König darauf ein Importverbot erlassen hat.» Sir George pflichtete dem Pariser Polizeipräfekten mit bitterer Miene bei: «Es ist ein Affront, eine gezielte Provokation. Will er damit andeuten, dass Frankreich seinen Herrschaftsanspruch in der Welt verloren hat?» ­ «Offenbar hält er die Kleiderordnung unseres Königs für veraltet», sagte d'Argenson lächelnd. «Wenigstens trägt er noch eine Allongeperücke», lächelte Sir George, als er sich an den Tisch setzte. «Die wird er mit beiden Händen festhalten müssen, weil ihm bald eine eisige Brise ins Gesicht blasen wird», sagte d'Argenson.
John Law hatte von La Duclos das Privileg erhalten, die Bank zu führen. Gegen ihn spielten Sir George und zwei Adlige, deren Namen Law nicht vertraut waren. D'Argenson hatte sich entschieden, den Tisch wie ein Löwe zu belauern und den Schotten dadurch zu irritieren. Doch dessen Ruhe war beispiellos. Seine Worte waren überlegt und wohldurchdacht, als würde er aus einem Buch rezitieren.
Man konnte den Schotten mögen oder nicht. Auf alle, die ihm jemals begegneten, hinterliess er einen bleibenden Eindruck. Schon nach wenigen Spielen verwickelte ihn ein Gast in ein Gespräch über den Nutzen der neugegründeten Nationalbank in London. Während Law dem Spiel seiner Gegner folgte, erläuterte er die Schwächen dieser halbherzigen Banksysteme und plädierte für die Einführung von Papiergeld zur Überwindung der Metallknappheit.
Kaum einer im Salon konnte John Laws Ausführungen folgen. Man verstand wohl die Worte, aber weder den Sinn noch den Nutzen für Frankreich. D'Argenson hingegen verstand nur zu genau, worum es dem Schotten ging. Und es gab noch einen weiteren Mann, der aufmerksam den Ausführungen folgte. Er war etwa im selben Alter wie John Law, und John bemerkte rasch, dass das weibliche Geschlecht diesem äusserst attraktiven jungen Mann sehr zugetan war. Als sich ihre Blicke trafen, huschte ein Lächeln gegenseitiger Anerkennung und Sympathie über ihre Gesichter. Ein Blick hatte genügt, um sich gegenseitig mitzuteilen, dass sie die Frauen liebten, den Wein, die Welt der Schönen und Mächtigen und die Salons, in denen gespielt und aufregende neue Gedanken ausgetauscht wurden.
Der junge Mann lächelte: «Möchte uns Monsieur Law of Lauriston nicht verraten, wo seiner Meinung nach die Gründe für die desolate wirtschaftliche Lage unserer Landes liegen?» John Law war sofort klar, dass der junge Mann besonderen Schutz am Hofe des Sonnenkönigs geniessen musste. Anders war nicht erklärbar, dass er öffentlich die Situation Frankreichs desolat nennen durfte. «Wäre ich Finanzminister, würde ich auf die Kriege verweisen: zwanzig Jahre Krieg, ein stehendes Heer mit über zweihunderttausend Soldaten, die übertriebene Bautätigkeit . . .» Ein Raunen ging durch den Raum, während John die Karten verteilte und ungerührt weitersprach: «. . . die Emigration von einer halben Million Hugenotten.»
Die Stimmen des Unmuts wurden lauter. D'Argenson schnitt ihm das Wort ab: «Ich glaube nicht, dass ein protestantischer Schotte Frankreich irgendwelche Ratschläge erteilen sollte.» ­ «Ich wurde ausdrücklich darum gebeten, Monsieur», lächelte Law und zeigte auf den jungen Mann. «Der Duc d'Orléans beliebt zu scherzen, Monsieur Law», sagte d'Argenson. «Ich auch», entgegnete John Law und erntete freundliches Gelächter. John Law nickte dem Duc anerkennend und wohlwollend zu und sammelte mit einer diskreten Handbewegung die Goldmünzen ein, die Sir George soeben verloren hatte.
«Der Duc d'Orléans ist der Neffe des Königs, Monsieur Law», murmelte Sir George mit unüberhörbarer Schadenfreude. Law wandte sich an den Duc und sprach ihm mit einer erneuten Verbeugung seinen Respekt aus. «Keine Angst, ich werde dem König nicht davon berichten», lächelte der Duc. «Ich wäre froh, Sie täten es. Ich bin nach Paris gekommen, um dem König meine Pläne zur Sanierung der französischen Staatsfinanzen zu unterbreiten.»

Visionär der Aufklärung
Von diesem Schotten hatten d'Argenson und die alteingesessenen Pariser Banquiers tatsächlich eine ganze Menge zu fürchten. Polizeipräfekt D'Argenson wollte Finanzminister werden, und die Pariser Banquiers wollten weiterhin die «Bank des Königs» bleiben und in seinem Auftrag lukrative staatliche Aufgaben wahrnehmen, zum Beispiel das Einziehen von Steuern. Laws Pläne erschreckten die Pariser Finanzwelt, er wurde an allen Fronten bekämpft. Wie kaum ein anderer verkörperte er den ungestümen, visionären Geist am Vorabend der Aufklärung. Die Monarchie wurde vom aufstrebenden Bürgertum bedrängt, die Kirche, die zweite Säule der damaligen Gesellschaft, von den Wissenschaften demontiert. Alles wurde in Frage gestellt, neu vermessen, neu berechnet, neu interpretiert.
Wie ein Stafettenläufer eilte John Law in Paris an das Grab seines frühverstorbenen Vaters und nahm den Stock in Empfang, in dessen vergoldetem Griff der seit Generationen verpflichtende Wahlspruch «Non obscura, nec ima» («weder unbedeutend noch gering») eingraviert war.

Rien ne va plus (aus: Das grosse Spiel)
John Law blieb vor einem bescheidenen Grab stehen. Es war mit Unkraut übersät. Es gab keinen Grabstein. Nur eine kleine, in den Boden eingelassene Tafel, auf der sich der Name seines Vaters fand. William Law. «Versprechen Sie Ihrem Vater nicht zu viel», spottete eine Stimme im Hintergrund. Law drehte sich um. Der Marquis d'Argenson kam langsam auf ihn zu. «Sie stören die Ruhe der Toten, Monsieur le Marquis.» ­ «Seit wann glaubt ein vernunftbegabter Mensch wie Sie, dass die Toten Ruhe brauchen?»
D'Argenson kam bis auf zwei Schritte an John Law heran und blickte ihm direkt in die Augen. «Ich habe Sie gestern Abend im Salon von Madame Duclos durchschaut, Monsieur Law. Ich weiss nicht, wie Sie es anstellen, aber Sie tricksen. Irgendein fauler Kartentrick.» Law blieb gelassen. «Ich betreibe das Kartenspiel als wissenschaftliche Arbeit. Ich berechne das Risiko. Wie ein Buchmacher. Wie eine Versicherungsgesellschaft . . .» ­ «Sie sind ein Hasardeur», unterbrach ihn d'Argenson unwirsch, «einer von diesen elenden Glücksrittern, die durch Europa ziehen, von Salon zu Salon, ein bisschen tricksen, ein bisschen bumsen . . .»
«Wollen Sie mich beleidigen, Monsieur le Marquis?» ­ «Wollen Sie mich zum Duell auffordern?» grinste der Marquis d'Argenson. «Nein, ich werde den König von meinen Ideen überzeugen!» ­ «Ich fürchte, dazu werden Sie kaum noch Gelegenheit haben. Sie haben genau eine Stunde Zeit, um Paris zu verlassen, und weitere zwölf Stunden, um Frankreich zu verlassen. Ihre Kutsche wartet. Richtung Amsterdam oder Venedig ­ oder ziehen Sie London vor?»
John Law nickte: «Ich komme wieder, Monsieur.»

Der reichste Mann seiner Zeit
John Law kam wieder. Nach dem Tod des Sonnenkönigs verlieh der neue Regent, der Duc d'Orléans, seinem schottischen Freund die französische Staatsbürgerschaft, liess ihn zum Katholizismus konvertieren, machte ihn zum Generalkontrolleur der Finanzen und gestattete ihm die Gründung der Banque Royale. John Law hatte endlich die Gelegenheit, sein grosses Spiel zu spielen. Er erwarb die Überseegebiete der französischen Krone in Louisiana und wurde Herrscher über einen Drittel von Amerika; er strukturierte die Handelsgesellschaft Compagnie des Indes (Mississippi Company) als Aktiengesellschaft und verband diese mit dem Schicksal der französischen «Staatsbank».
Es begann der grösste Aktienboom aller Zeiten. In den amerikanischen Kolonien wurden märchenhafte Rohstoffvorkommen erwartet. Die Mississippi-Aktien explodierten. Aus Bettlern wurden Millionäre ­ in dieser Zeit wird erstmals das Wort «millionnaire» schriftlich erwähnt. Der Hype verhexte ganz Europa, Angehörige aller Stände und Berufe verfielen dem Börsenfieber. In vielen Tagebüchern wird der Irrsinn geschildert, man glaubt die Berichterstattung über den New-Economy-Boom im Jahre 2000 zu lesen. Neue Worte, neue Begriffe tauchten auf, mit denen erklärt wurde, wieso alles, was bisher gegolten hatte, nicht mehr galt.
Als die Menschen realisierten, dass der dekadente Duc d'Orléans heimlich die Notenpresse angeworfen und das ganze Land mit Papiergeld überschwemmt hatte, war es zu spät. Die Menschen verbrannten ihr Papiergeld und forderten ihre Metallmünzen zurück. John Law wurde zum Sündenbock der Nation. Er hatte in seinen mathematischen Modellen weder mit der Disziplinlosigkeit Seiner Königlichen Hoheit gerechnet noch mit der «madness of crowds». Unterschätzt hatte er auch die Handelsrisiken in den Überseekolonien, die Macht und den Kampfgeist des düpierten Pariser Geldadels.
John Law starb am 21. März 1729, kurz vor Vollendung seines achtundfünfzigsten Lebensjahres, während des Karnevals in Venedig. Für eine Weile war er der berühmteste, reichste, mächtigste, aber auch wohltätigste Mann seiner Zeit gewesen. John Law war ein Idealist, von tiefer Humanität und visionärer Kraft getrieben ­ kein Schönredner wie seine Zeitgenossen Daniel Defoe oder der Duc de Saint-Simon, sondern ein Macher. Mit der Leidenschaft eines Besessenen wollte er mit dem Rohstoff Geld die Welt und die Lebensbedingungen der Menschen verbessern.
Heute wird der schottische Spieler zu den bedeutenden Geldtheoretikern gezählt. Was jeden, der sich mit ihm beschäftigt, jedoch am tiefsten berührt, ist sein Mut und die überwältigende Lebenskraft, mit der John Law die Schläge des Schicksals ertragen hat.

Claude Cueni ist Schriftsteller; er lebt in Basel. «Das grosse Spiel», aus dem die Auszüge stammen, erscheint im August 2006 bei Heyne / Random House.

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JOHN LAW OF LAURISTON (1671 – 1729)

Spieler, Duellist, Mörder, Mathematikgenie, Nationalökonom, Bankier, Schotte

 

„Jede Strasse von Edinburgh bezeugt die Verkommenheit ihrer Bewohner. Die Stadt ist ein einziger Abort“, hatte der englische Anwalt Joseph Taylor Ende des 17. Jahrhunderts vor Gericht ausgesagt. Er hatte einen schottischen Ladenbesitzer verklagt, weil er vor dessen Edinburgher Geschäft in einem Haufen Kot ausgeglitten und sich den Arm gebrochen hatte. Die hygienischen Verhältnisse waren katastrophal. Nicht verwunderlich, dass sich William Law, der angesehene schottische Geldverleiher und Münzprüfer von Edinburgh, nicht in Edinburgh, sondern in Paris die Blasensteine herausoperieren liess. Er überlebte die Lithotomie trotzdem nicht. Er hinterliess zwei Söhne, verfeindet wie Kain und Abel. Der eine von ihnen, John Law, sollte eine der schillerndsten Figuren des anbrechenden 18. Jahrhunderts werden. John who?

John Law entstammte einem alten schottischen Geschlecht, das entweder Goldschmiede oder geistliche Würdenträger hervorbrachte. John Law wurde ein Kardinal des Geldes. Schon als junger Mann sorgte er an den Spieltischen für Furore. Damals wurde das Kartenspiel Pharao gespielt, ein Vorläufer des späteren Roulette. Als Gedächtniskünstler und Rechengenie war es ihm ein Leichtes die Chancen der einzelnen Karten blitzschnell zu berechnen und zu gewinnen. (Und nebenbei die Herzen der Damenwelt zu erobern). Aber er wollte mehr. Er wollte einen König, der bereit war, ihm sein Volk für ein Experiment zur Verfügung zu stellen. Für das Grosse Spiel des John Law.

Europa war von den zahlreichen Kriegen ruiniert und hatte kaum noch verfügbare Rohstoffe. Somit gab es kaum noch Metalle um Münzen herzustellen. Der Handel stand praktisch still, die Königshäuser waren verschuldet, die Staatskassen leeer, Armut und Hunger enorm. John Law entwickelte ein auf Papiergeld und Kredite gestütztes System, in dem das rare Hartgeld keine Rolle mehr spielte. Für die damalige Zeit eine absolut revolutionäre Vision, konnte doch nach landläufiger Meinung eine Metallmünze nicht mehr wert sein als das Metall das in ihr steckte. Und jetzt sollte wertloses Papier einen Geldwert verkörpern?

Durch seine legendären Auftritte in den europäischen Salons erhoffte sich der grossgewachsene und äusserst attraktive Beau eine baldige Einladung der verschiedenen Königshäuser. Doch voerst erwartete ihn kein König, sondern der Galgen. Im Duell tötete er einen anderen Beau. Er wurde in London, erst 23jährig, zum Tode verurteilt und erkaufte sich gerade noch rechtzeitig die Erlaubnis, „aus dem Gefängnis fliehen zu dürfen“. Er floh nach Paris. Dort traf er auf seinen grössten Widersacher, den Marquis d’Argenson, oberster Pariser Polizeipräfekt mit Ambitionen auf den Posten des Finanzministers. D’Argenson hatte nichts gegen Genies. Solange sie keine Ambitionen hatten.

 

(Leerzeile / Fontwechsel?)

 

„Meine Damen und Herren, ich habe die grosse Ehre Ihnen heute Abend einen Mann vorzustellen, dem der Ruf vorauseilt, einer der Besten an den  Spieltischen Europas zu sein. Monsieur John Law of Lauriston.”

Ein Mann betrat den prunkvollen Salon von La Duclos, eine Erscheinung wie die eines Königs aus einer neuen Welt. Mit seinen Einmeterneunzig überragte John Law alle anwesenden Ducs, Marquis, Comtes, Schauspieler, Gelehrte, Wissenschaftler, weitgereisten Beaus und Hasardeure. In seinem weiten, in dezenten Pastelltönen kollorierten Samtrock mit weissen Schössen rauschte er herein wie eine Naturgewalt. Die Ärmel waren ungewöhnlich breit und mit auffallend grossen Aufschlägen versehen, die Rockschösse weit. Zielstrebig ging John Law auf den mittleren Spieltisch zu. Souverän und galant erwiderte er die anerkennenden Blicke. Alles an diesem grossgewachsene Fremden mit der exklusiven Halsbinde wirkte echt, seine Ruhe war nicht gespielt, seine Galanterie nicht erzwungen. Kein Vergleich mit dem egozentrischen, kleingewachsenen Sonnenkönig auf seinen hohen Absätzen. Dieser John Law füllte mit seiner Präsenz den gesamten Salon und zog die Anwesenden unwiderstehlich in seinen Bann, bevor er auch nur ein einziges Wort gesprochen oder eine einzige Karte verteilt hatte.

Le Marquis d’Argenson stand neben dem mittleren Spieltisch und forderte Sir George mit einem Nicken auf, sich gleich für eine Partie zu empfehlen. „Er trägt Baumwolle“, flüsterte d’Argenson, „obwohl der König darauf ein Importverbot erlassen hat.“

Sir George pflichtete dem Pariser Polizeipräfekten mit bitterer Miene bei: „Es ist ein Affront, eine gezielte Provokation. Will er damit andeuten, dass Frankreich seinen Herrschaftsanspruch in der Welt verloren hat?“

„Offenbar hält er die Kleiderordnung unseres Königs für veraltet“, lächelte d’Argenson.

„Wenigstens trägt er noch eine Allongeperrücke“, lächelte Sir George, als er sich an den Tisch setzte.

„Die wird er mit beiden Händen festhalten müssen, weil ihm bald eine eisige Brise ins Gesicht blasen wird.“

John Laws neuer Dreiteiler war in der Tat ein Bruch mit allen Gepflogenheiten. Doch mancher, der sich tuschelnd darüber schockiert zeigte, empfand insgeheim eine klammheimiche Freude darüber, dass die starre Ordnung des absolutistischen Sonnenkönigs weiter bröckelte. John Laws Auftritt liess erahnen, wie brüchig die Schale der Monarchie bereits geworden war und wie alle Dämme auf einmal brechen würden, wenn erst einmal die Kunde vom Tod des alternden Sonnenkönigs  verkündet würde.

John Law hatte von La Duclos das Privileg erhalten, die Bank zu führen. Gegen ihn spielten Sir George und zwei Adlige, deren Namen John Law nicht vertraut waren. D’Argenson hatte sich entschieden den Tisch wie ein Löwen zu belauern. Er versuchte den Schotten dadurch zu irritieren. Er blieb permanent in Bewegung. Manchmal stand er seitlich von John Law, manchmal hinter Sir George und fixierte die breiten Ärmelaufschläge von Laws neumodischem Mantel. Er versuchte omnipräsent zu sein und John Law einzuschüchtern. Doch die Ruhe des Schotten war beispiellos. Seine Worte waren überlegt, wohl durchdacht und exzellent formuliert, als würde er sie aus einem Buch zitieren.

Man konnte den Schotten mögen oder auch nicht. Er hinterliess auf alle, die ihm jemals begegnet sind, einen bleibenden Eindruck. Schon nach wenigen Spielen, verwickelte ein Gast den Schotten in ein Gespräch über den Nutzen der neugegründeten Nationalbank in London. Während John Law konzentriert dem Kartenspiel seiner Gegner folgte, erläuterte er die Schwächen dieser halbherzigen Banksysteme und plädierte wie nebenbei für die Einführung von Papiergeld zur Ueberwindung der Metallknappheit. Kaum einer im Salon konnte John Laws Ausführungen folgen. Man verstand wohl die Worte, aber weder den Sinn noch den Nutzen für Frankreich.

D’Argenson hingegen verstand nur zu genau, worum es dem Schotten ging. Und es gab noch einen weiteren Mann, der aufmerksam den Ausführungen folgte. Er war etwa im selben Alter wie John Law, und John bemerkte rasch, dass das weibliche Geschlecht diesem äusserst attraktiven jungen Mann sehr zugetan war. Als sich ihre Blicke trafen, huschte ein Lächeln gegenseitiger Anerkennung und Sympathie über ihre Gesichter. Sie wussten auf Anhieb, dass sie einander mochten und verstanden. Ein Blick hatte genügt, um sich gegenseitig mitzuteilen, dass sie die Frauen liebten, den Wein, die Welt der Schönen und Mächtigen und die Salons, in denen gespielt und alle aufregenden neue Gedanken ausgetauscht wurden.

Der junge Mann lächelte: „Möchte uns Monsieur Law of Lauriston nicht verraten, wo seiner Meinung nach die Gründe für die desolate wirtschaftliche Lage unserer Nation liegen?“

John Law war sofort klar, dass der junge Mann besonderen Schutz am Hofe des Sonnenkönigs geniessen musste. Anders war nicht erklärbar, dass er öffentlich die Situation Frankreichs desolat nennen durfte.

„Wäre ich Finanzminister, würde ich auf die zahlreichen Kriege verweisen: zwanzig Jahre Krieg, ein stehendes Heer mit über zweihunderttausend Soldaten, die übertriebene Bautätigkeit … “ Ein Raunen ging durch den Raum, während John die Karten verteilte, auf die Einsätze der Mitspieler wartete und ungerührt weiter sprach: „… die Emigration von einer halben Million Hugenotten… “

Die Stimmen des Unmuts wurden lauter. D’Argenson, der ohnehin wütend war, dass er den Schotten nicht beim Falschspielen ertappen konnte, schnitt ihm das Wort ab: „Ich glaube nicht, dass ein protestantischer Schotte Frankreich irgendwelche Ratschläge erteilen sollte.“

„Ich wurde ausdrücklich darum gebeten, Monsieur“, lächelte Law und zeigte mit einer galanten Geste auf den jungen Mann.

„Der Duc d’Orléans beliebt zu Scherzen, Monsieur Law“, entgegnete d’Argenson.

„Ich auch“, entgegnete John Law und erntete freundliches Gelächter. John Law nickte dem Duc anerkennend und wohlwollend zu und sammelte mit einer diskreten Handbewegung die Goldmünzen ein, die Sir George soeben verloren hatte.

„Der Duc d’Orléans ist der Neffe des Königs, Monsieur Law“, murmelte Sir George mit einer unüberhörbaren Schadenfreude. John Law wandte sich erneut an den Duc und sprach ihm mit einer erneuten Verbeugung seinen Respekt aus.

„Keine Angst, Monsieur Law, ich werde dem König nicht davon berichten“, lächelte der Duc d’Orléans.

„Ich wäre froh, Sie täten es. Ich bin nach Paris gekommen, um dem König meine Pläne zur Sanierung der französischen Staatsfinanzen zu unterbreiten.“

D’Argensons Blicke verfinsterten sich nur noch mehr. John Law entging nicht, wie es in d’Argenson brodelte. Freundlich wandte er sich dem Marquis zu und sagte: „Monsieur, ob jemand befugt ist, einen monetären Ratschlag zu erteilen, ist nicht eine Frage der Nationalität, sondern des Sachverstandes.“

D’Argenson wandte sich lächelnd an La Duclos und flüsterte: „Ein Genie mit Ambitionen, Madame. Ich habe es befürchtet.“

 

 (Leerzeile)

 

(2. Romanausschnitt)

John Law blieb vor einem bescheidenen Grab stehen. Es war mit Unkraut übersät. Es gab keinen Grabstein. Nur eine kleine, in den Boden eingelassene [ar1]Tafel, auf der sich der Name seines Vaters fand. William Law.

„Versprechen Sie Ihrem Vater nicht zu viel“, spottete eine Stimme im Hintergrund, „ich jedenfalls gebe nie Versprechen.“

John Law drehte sich um. Der Marquis d’Argenson kam langsam auf ihn zu. Er hatte dieses ihm eigene Lächeln aufgesetzt, das jedem mitteilte, dass man ihm, dem obersten Polizeipräfekten von Paris, nichts anhaben konnte.

„Sie stören die Ruhe der Toten, Monsieur le Marquis.“

„Seit wann glaubt ein derart vernunftbegabter Mensch wie Sie, dass die Toten Ruhe brauchen?“

D’Argenson kam bis auf zwei Schritte an John Law heran. Nun stand er vor ihm und blickte ihm direkt in die Augen.

„Sind meine Papiere nicht in Ordnung?“ fragte Law.

„Ich habe Sie gestern Abend im Salon von Madame Duclos nicht durchschaut, Monsieur Law. Ich weiss nicht wie Sie es anstellen, aber Sie tricksen. Es ist irgend ein fauler Kartentrick.“

John Law blieb gelassen. Er sah das Feuer in d’Argensons Augen. Er wusste, dass d’Argenson ihn gezielt provozieren wollte.

„Ich betreibe das Kartenspiel nicht als Unterhaltung, sondern als wissenschaftliche Arbeit. Ich berechne das Risiko. Wie ein Buchmacher. Wie eine Versicherungsgesellschaft.“

D’Argenson grinste: „Und was machen Sie tagsüber? Was sucht ein protestantischer Schotte, der in England zum Tode verurteilt worden ist, in Paris? Sie sind doch nicht nur hergekommen um La Duclos zu schwängern?“

„Ich befasse mich mit wirtschaftstheoretischen Schriften…“

„Sie sind ein Hasardeur“, unterbrach ihn d’Argenson unwirsch, „einer von diesen elenden Glücksrittern die durch Europa ziehen, von Salon zu Salon, ein bisschen tricksen, ein bisschen bumsen…“

„Wollen Sie mich beleidigen, Monsieur le Marquis?“

„Wollen Sie mich zum Duell auffordern?“ grinste d’Argenson.

„Nein, ich werde den König von meinen Ideen überzeugen!“

„Ich fürchte, dazu werden Sie kaum noch Gelegenheit haben. Sie haben genau eine Stunde Zeit, um Paris zu verlassen und weitere zwölf Stunden um Frankreich zu verlassen.“

„Mit welchem Recht, Monsieur?“

„Ich kann Sie auch ins Gefängnis werfen lassen, bis mir der entsprechende Gesetzesparagraph einfällt, Monsieur Law.“

John Law lächelte: „Ihre Argumente sind sehr überzeugend. Aber werden Sie auch den Duc d’Orléans überzeugen?“

„Ich weiss nicht, was ihnen der Neffe des Königs versprochen hat. Egal was es ist, er hat es heute morgen bereits wieder vergessen. Ihre Kutsche wartet. Richtung Amsterdam  oder Venedig – oder ziehen Sie London vor?“

John Law nickte: „Ich komme wieder, Monsieur.“

„Das sagen sie alle. Aber nur die Pest kommt immer wieder.“

 

(Leerzeile / Fontwechsel?)

 

Doch John Law kam zurück. Wie kein anderer verkörperte der Schotte den Vorabend der Aufklärung, den Beginn einer neuen Epoche, in der die auslaufende „Monarchie“ vom aufstrebenden Bürgertum bedrängt und die „Kirche“, die zweite Säule der damaligen Gesellschaft, von den Wissenschaften demontiert wurde. Nichts war mehr niet- und nagelfest, alles wurde in Frage gestellt, neu vermessen, neu berechnet, neu interpretiert. Und alle wollten teilhaben und mitreden.

Als der Sonnenkönig endlich starb, jubelten die Menschen in den Strassen und der neue Regent, der Duc d’Orléans, verlieh seinem schottischen Freund die französische Staatsbürgerschaft, liess ihn zum Katholizismus konvertieren, machte ihn zum Generkontrolleur der Finanzen und gestattete ihm die Gründung der „Banque Royale“. John Law hatte endlich die Gelegenheit, sein Grosses Spiel zu spielen und an einer ganzen Nation die Richtigkeit seines Systems zu beweisen. Er erwarb die Ueberseegebiete der französischen Krone in Louisana und wurde Herrscher über einen Drittel von Amerika, strukturierte die Handelsgesellschaft „Companie des Indes“ (Mississippi Companie) als Aktiengesellschaft und verband diese mit dem Schicksal der französischen Staatsbank. Es begann der grösste Aktienboom aller Zeiten, weil man in den amerikanischen Kolonien märchenhafte Rohstoffvorkommen erwaretete. Die Mississippi Aktien explodierten. Aus Bettlern wurden Millionaire, und aus dieser Zeit stammt die erste schriftliche Erwähnung des Wortes Millionaire, als Bezeichnung für einen Menschen, der eine Million besitzt. Der Mississippi Hype verhexte ganz Europa, und Angehörige aller Stände und Berufe verfielen dem Börsenfieber. In allen Tagebüchern jener Zeit wird der Irrsinn dramatisch geschildert, und man glaubt sich über weite Strecken an die Berichtestattung über die New Economy im Jahre 2000 erinnert: Man erfindet neue Worte, neue Begriffe, um zu erklären, wieso alles, was bisher galt, nicht mehr gelten soll. Don’t panic, but panic first. Als die Menschen realisierten, dass der dekadente Duc d’Orléans heimlich die Notenpresse wie eine Spielzeugmaschine angeworfen und das ganze Land mit Papiergeld überschwemmt hatte, war es zu spät. Die Menschen verbrannten ihr Papiergeld und forderten ihre Metallmünzen zurück. Der Schotte wurde zum Sündenbock der Nation. John Law hatte in seinen mathematischen Modellen weder mit der Disziplinlosigkeit seiner dekatenten königlichen Hoheit gerechnet noch mit der „madness of crouds“. Unterschätzt hatte er auch die Handelsrisiken in den Ueberseekolonien und die Macht und den Kampfgeist des düpierten Pariser Geldadels, der als Geldverleiher des Königs jahrhundertelang die Rolle einer Bank gehabt hatte.

 

(Leerzeile)

 

John Law starb am 21. März 1729 kurz vor Vollendung seines achtundfünfzigsten Lebensjahres während des Karnevals in Venedig.  Erst ein halbes Jahrhundert später wurden in Frankreich wieder Banknoten eingeführt.[ar2]

John Law gehört zu den bedeudensten Geldtheoretikern aller Zeiten. Die Finanzwelt beruht noch heute auf dem Law’schen System, auch wenn wir in den modernen Demokratien ausgereiftere und verfeinerte Kontroll- und Lenkungsmechanismen eingebaut haben. Während John Law bereits Ende des siebzehnten Jahrhunderts die Notwendigkeit erkannte, die Metalldeckung der neu eingeführten Banknoten fallen zu lassen, verabschiedete sich die amerikanische Regierung (und mit ihr die übrige Welt) erst im Jahre 1971  von der Vorstellung, eine Währung mit Gold abdecken zu müssen. Mittlerweile gibt es dazu sehr unterschiedliche Meinungen…

John Law war vorübergehend der berühmteste, reichste, mächtigste, aber auch wohltätigste (!) Mann seiner Zeit. John Law war definitiv ein Idealist, von tiefer Humanität und visionärer Kraft getrieben, kein Schönredner wie sein Zeitgenosse Daniel Defoe oder der Duc de Saint Simon, sondern ein Macher, der wie kaum ein anderer die Kraft des Handelns verkörperte, die Leidenschaft eines Besessenen, der mit dem Rohstoff Geld die Welt und die Lebensbedingungen der Menschen verbessern wollte. Selbst Montesquieu, der John Law und seinen Ideen feindlich gesinnt war (und ihn kurz vor seinem Tod in Venedig besuchte), musste am Ende feststellen, dass John Law „mehr in seine Ideen verliebt war, als in das Geld“.

Die Auseinandersetzung mit dieser schottischen Biographie berührt unendlich tief und nachhaltig und verleiht auch heutigen Zeitgenossen Mut, die widrigen und oft unverhofften Schläge des Schicksals zu ertragen. John Laws Kraft ist überwältigend. Und doch ist er heute vergessen. Liegt es daran, dass in der westeuropäischen Neidkultur, ein reicher Bankier auch posthum kein guter Mensch sein kann?