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NZZ Folio 7/06
Der erste Millionär
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JOHN LAW OF LAURISTON (1671 – 1729)
Spieler, Duellist, Mörder, Mathematikgenie,
Nationalökonom, Bankier, Schotte
„Jede Strasse von Edinburgh bezeugt die Verkommenheit ihrer Bewohner. Die Stadt ist ein einziger Abort“, hatte der englische Anwalt Joseph Taylor Ende des 17. Jahrhunderts vor Gericht ausgesagt. Er hatte einen schottischen Ladenbesitzer verklagt, weil er vor dessen Edinburgher Geschäft in einem Haufen Kot ausgeglitten und sich den Arm gebrochen hatte. Die hygienischen Verhältnisse waren katastrophal. Nicht verwunderlich, dass sich William Law, der angesehene schottische Geldverleiher und Münzprüfer von Edinburgh, nicht in Edinburgh, sondern in Paris die Blasensteine herausoperieren liess. Er überlebte die Lithotomie trotzdem nicht. Er hinterliess zwei Söhne, verfeindet wie Kain und Abel. Der eine von ihnen, John Law, sollte eine der schillerndsten Figuren des anbrechenden 18. Jahrhunderts werden. John who?
John Law entstammte einem alten schottischen Geschlecht, das entweder Goldschmiede oder geistliche Würdenträger hervorbrachte. John Law wurde ein Kardinal des Geldes. Schon als junger Mann sorgte er an den Spieltischen für Furore. Damals wurde das Kartenspiel Pharao gespielt, ein Vorläufer des späteren Roulette. Als Gedächtniskünstler und Rechengenie war es ihm ein Leichtes die Chancen der einzelnen Karten blitzschnell zu berechnen und zu gewinnen. (Und nebenbei die Herzen der Damenwelt zu erobern). Aber er wollte mehr. Er wollte einen König, der bereit war, ihm sein Volk für ein Experiment zur Verfügung zu stellen. Für das Grosse Spiel des John Law.
Europa war von den zahlreichen Kriegen ruiniert und hatte kaum noch verfügbare Rohstoffe. Somit gab es kaum noch Metalle um Münzen herzustellen. Der Handel stand praktisch still, die Königshäuser waren verschuldet, die Staatskassen leeer, Armut und Hunger enorm. John Law entwickelte ein auf Papiergeld und Kredite gestütztes System, in dem das rare Hartgeld keine Rolle mehr spielte. Für die damalige Zeit eine absolut revolutionäre Vision, konnte doch nach landläufiger Meinung eine Metallmünze nicht mehr wert sein als das Metall das in ihr steckte. Und jetzt sollte wertloses Papier einen Geldwert verkörpern?
Durch seine legendären Auftritte in den europäischen Salons erhoffte sich der grossgewachsene und äusserst attraktive Beau eine baldige Einladung der verschiedenen Königshäuser. Doch voerst erwartete ihn kein König, sondern der Galgen. Im Duell tötete er einen anderen Beau. Er wurde in London, erst 23jährig, zum Tode verurteilt und erkaufte sich gerade noch rechtzeitig die Erlaubnis, „aus dem Gefängnis fliehen zu dürfen“. Er floh nach Paris. Dort traf er auf seinen grössten Widersacher, den Marquis d’Argenson, oberster Pariser Polizeipräfekt mit Ambitionen auf den Posten des Finanzministers. D’Argenson hatte nichts gegen Genies. Solange sie keine Ambitionen hatten.
(Leerzeile / Fontwechsel?)
„Meine Damen und
Herren, ich habe die grosse Ehre Ihnen heute Abend einen Mann vorzustellen, dem
der Ruf vorauseilt, einer der Besten an den
Spieltischen Europas zu sein. Monsieur John Law of Lauriston.”
Ein Mann betrat den
prunkvollen Salon von La Duclos, eine Erscheinung wie die eines Königs aus
einer neuen Welt. Mit seinen Einmeterneunzig überragte John Law alle anwesenden
Ducs, Marquis, Comtes, Schauspieler, Gelehrte, Wissenschaftler, weitgereisten
Beaus und Hasardeure. In seinem weiten, in dezenten Pastelltönen kollorierten
Samtrock mit weissen Schössen rauschte er herein wie eine Naturgewalt. Die Ärmel
waren ungewöhnlich breit und mit auffallend grossen Aufschlägen versehen, die
Rockschösse weit. Zielstrebig ging John Law auf den mittleren Spieltisch zu.
Souverän und galant erwiderte er die anerkennenden Blicke. Alles an diesem
grossgewachsene Fremden mit der exklusiven Halsbinde wirkte echt, seine Ruhe war
nicht gespielt, seine Galanterie nicht erzwungen. Kein Vergleich mit dem
egozentrischen, kleingewachsenen Sonnenkönig auf seinen hohen Absätzen. Dieser
John Law füllte mit seiner Präsenz den gesamten Salon und zog die Anwesenden
unwiderstehlich in seinen Bann, bevor er auch nur ein einziges Wort gesprochen
oder eine einzige Karte verteilt hatte.
Le Marquis
d’Argenson stand neben dem mittleren Spieltisch und forderte Sir George mit
einem Nicken auf, sich gleich für eine Partie zu empfehlen. „Er trägt
Baumwolle“, flüsterte d’Argenson, „obwohl der König darauf ein
Importverbot erlassen hat.“
Sir George pflichtete
dem Pariser Polizeipräfekten mit bitterer Miene bei: „Es ist ein Affront,
eine gezielte Provokation. Will er damit andeuten, dass Frankreich seinen
Herrschaftsanspruch in der Welt verloren hat?“
„Offenbar hält er
die Kleiderordnung unseres Königs für veraltet“, lächelte d’Argenson.
„Wenigstens trägt
er noch eine Allongeperrücke“, lächelte Sir George, als er sich an den Tisch
setzte.
„Die wird er mit
beiden Händen festhalten müssen, weil ihm bald eine eisige Brise ins Gesicht
blasen wird.“
John Laws neuer
Dreiteiler war in der Tat ein Bruch mit allen Gepflogenheiten. Doch mancher, der
sich tuschelnd darüber schockiert zeigte, empfand insgeheim eine klammheimiche
Freude darüber, dass die starre Ordnung des absolutistischen Sonnenkönigs
weiter bröckelte. John Laws Auftritt liess erahnen, wie brüchig die Schale der
Monarchie bereits geworden war und wie alle Dämme auf einmal brechen würden,
wenn erst einmal die Kunde vom Tod des alternden Sonnenkönigs
verkündet würde.
John Law hatte von La
Duclos das Privileg erhalten, die Bank zu führen. Gegen ihn spielten Sir George
und zwei Adlige, deren Namen John Law nicht vertraut waren. D’Argenson hatte
sich entschieden den Tisch wie ein Löwen zu belauern. Er versuchte den Schotten
dadurch zu irritieren. Er blieb permanent in Bewegung. Manchmal stand er
seitlich von John Law, manchmal hinter Sir George und fixierte die breiten Ärmelaufschläge
von Laws neumodischem Mantel. Er versuchte omnipräsent zu sein und John Law
einzuschüchtern. Doch die Ruhe des Schotten war beispiellos. Seine Worte waren
überlegt, wohl durchdacht und exzellent formuliert, als würde er sie aus einem
Buch zitieren.
Man konnte den
Schotten mögen oder auch nicht. Er hinterliess auf alle, die ihm jemals
begegnet sind, einen bleibenden Eindruck. Schon nach wenigen Spielen,
verwickelte ein Gast den Schotten in ein Gespräch über den Nutzen der neugegründeten
Nationalbank in London. Während John Law konzentriert dem Kartenspiel seiner
Gegner folgte, erläuterte er die Schwächen dieser halbherzigen Banksysteme und
plädierte wie nebenbei für die Einführung von Papiergeld zur Ueberwindung der
Metallknappheit. Kaum einer im Salon konnte John Laws Ausführungen folgen. Man
verstand wohl die Worte, aber weder den Sinn noch den Nutzen für Frankreich.
D’Argenson hingegen
verstand nur zu genau, worum es dem Schotten ging. Und es gab noch einen
weiteren Mann, der aufmerksam den Ausführungen folgte. Er war etwa im selben
Alter wie John Law, und John bemerkte rasch, dass das weibliche Geschlecht
diesem äusserst attraktiven jungen Mann sehr zugetan war. Als sich ihre Blicke
trafen, huschte ein Lächeln gegenseitiger Anerkennung und Sympathie über ihre
Gesichter. Sie wussten auf Anhieb, dass sie einander mochten und verstanden. Ein
Blick hatte genügt, um sich gegenseitig mitzuteilen, dass sie die Frauen
liebten, den Wein, die Welt der Schönen und Mächtigen und die Salons, in denen
gespielt und alle aufregenden neue Gedanken ausgetauscht wurden.
Der junge Mann lächelte:
„Möchte uns Monsieur Law of Lauriston nicht verraten, wo seiner Meinung nach
die Gründe für die desolate wirtschaftliche Lage unserer Nation liegen?“
John Law war sofort
klar, dass der junge Mann besonderen Schutz am Hofe des Sonnenkönigs geniessen
musste. Anders war nicht erklärbar, dass er öffentlich die Situation
Frankreichs desolat nennen durfte.
„Wäre ich
Finanzminister, würde ich auf die zahlreichen Kriege verweisen: zwanzig Jahre
Krieg, ein stehendes Heer mit über zweihunderttausend Soldaten, die übertriebene
Bautätigkeit … “ Ein Raunen ging durch den Raum, während John die Karten
verteilte, auf die Einsätze der Mitspieler wartete und ungerührt weiter
sprach: „… die Emigration von einer halben Million Hugenotten… “
Die Stimmen des
Unmuts wurden lauter. D’Argenson, der ohnehin wütend war, dass er den
Schotten nicht beim Falschspielen ertappen konnte, schnitt ihm das Wort ab:
„Ich glaube nicht, dass ein protestantischer Schotte Frankreich irgendwelche
Ratschläge erteilen sollte.“
„Ich wurde ausdrücklich
darum gebeten, Monsieur“, lächelte Law und zeigte mit einer galanten Geste
auf den jungen Mann.
„Der Duc
d’Orléans beliebt zu Scherzen, Monsieur Law“, entgegnete
d’Argenson.
„Ich auch“,
entgegnete John Law und erntete freundliches Gelächter. John Law nickte dem Duc
anerkennend und wohlwollend zu und sammelte mit einer diskreten Handbewegung die
Goldmünzen ein, die Sir George soeben verloren hatte.
„Der Duc d’Orléans
ist der Neffe des Königs, Monsieur Law“, murmelte Sir George mit einer unüberhörbaren
Schadenfreude. John Law wandte sich erneut an den Duc und sprach ihm mit einer
erneuten Verbeugung seinen Respekt aus.
„Keine Angst,
Monsieur Law, ich werde dem König nicht davon berichten“, lächelte der Duc
d’Orléans.
„Ich wäre froh,
Sie täten es. Ich bin nach Paris gekommen, um dem König meine Pläne zur
Sanierung der französischen Staatsfinanzen zu unterbreiten.“
D’Argensons Blicke
verfinsterten sich nur noch mehr. John Law entging nicht, wie es in d’Argenson
brodelte. Freundlich wandte er sich dem Marquis zu und sagte: „Monsieur, ob
jemand befugt ist, einen monetären Ratschlag zu erteilen, ist nicht eine Frage
der Nationalität, sondern des Sachverstandes.“
D’Argenson wandte
sich lächelnd an La Duclos und flüsterte: „Ein Genie mit Ambitionen, Madame.
Ich habe es befürchtet.“
(Leerzeile)
(2. Romanausschnitt)
John Law blieb vor
einem bescheidenen Grab stehen. Es war mit Unkraut übersät. Es gab keinen
Grabstein. Nur eine kleine,
in den Boden eingelassene [ar1]Tafel,
auf der sich der Name seines Vaters fand. William
Law.
„Versprechen Sie
Ihrem Vater nicht zu viel“, spottete eine Stimme im Hintergrund, „ich
jedenfalls gebe nie Versprechen.“
John Law drehte sich
um. Der Marquis d’Argenson kam langsam auf ihn zu. Er hatte dieses ihm eigene
Lächeln aufgesetzt, das jedem mitteilte, dass man ihm, dem obersten Polizeipräfekten
von Paris, nichts anhaben konnte.
„Sie stören die
Ruhe der Toten, Monsieur le Marquis.“
„Seit wann glaubt
ein derart vernunftbegabter Mensch wie Sie, dass die Toten Ruhe brauchen?“
D’Argenson kam bis
auf zwei Schritte an John Law heran. Nun stand er vor ihm und blickte ihm direkt
in die Augen.
„Sind meine Papiere
nicht in Ordnung?“ fragte Law.
„Ich habe Sie
gestern Abend im Salon von Madame Duclos nicht durchschaut, Monsieur Law. Ich
weiss nicht wie Sie es anstellen, aber Sie tricksen. Es ist irgend ein fauler
Kartentrick.“
John Law blieb
gelassen. Er sah das Feuer in d’Argensons Augen. Er wusste, dass d’Argenson
ihn gezielt provozieren wollte.
„Ich betreibe das
Kartenspiel nicht als Unterhaltung, sondern als wissenschaftliche Arbeit. Ich
berechne das Risiko. Wie ein Buchmacher. Wie eine Versicherungsgesellschaft.“
D’Argenson grinste:
„Und was machen Sie tagsüber? Was sucht ein protestantischer Schotte, der in
England zum Tode verurteilt worden ist, in Paris? Sie sind doch nicht nur
hergekommen um La Duclos zu schwängern?“
„Ich befasse mich
mit wirtschaftstheoretischen Schriften…“
„Sie sind ein
Hasardeur“, unterbrach ihn d’Argenson unwirsch, „einer von diesen elenden
Glücksrittern die durch Europa ziehen, von Salon zu Salon, ein bisschen
tricksen, ein bisschen bumsen…“
„Wollen Sie mich
beleidigen, Monsieur le Marquis?“
„Wollen Sie mich
zum Duell auffordern?“ grinste d’Argenson.
„Nein, ich werde
den König von meinen Ideen überzeugen!“
„Ich fürchte, dazu
werden Sie kaum noch Gelegenheit haben. Sie haben genau eine Stunde Zeit, um
Paris zu verlassen und weitere zwölf Stunden um Frankreich zu verlassen.“
„Mit welchem Recht,
Monsieur?“
„Ich kann Sie auch
ins Gefängnis werfen lassen, bis mir der entsprechende Gesetzesparagraph einfällt,
Monsieur Law.“
John Law lächelte:
„Ihre Argumente sind sehr überzeugend. Aber werden Sie auch den Duc d’Orléans
überzeugen?“
„Ich weiss nicht,
was ihnen der Neffe des Königs versprochen hat. Egal was es ist, er hat es
heute morgen bereits wieder vergessen. Ihre Kutsche wartet. Richtung Amsterdam
oder Venedig – oder ziehen Sie London vor?“
John Law nickte:
„Ich komme wieder, Monsieur.“
„Das sagen sie
alle. Aber nur die Pest kommt immer wieder.“
(Leerzeile / Fontwechsel?)
Doch John Law kam zurück. Wie kein anderer verkörperte der Schotte den Vorabend der Aufklärung, den Beginn einer neuen Epoche, in der die auslaufende „Monarchie“ vom aufstrebenden Bürgertum bedrängt und die „Kirche“, die zweite Säule der damaligen Gesellschaft, von den Wissenschaften demontiert wurde. Nichts war mehr niet- und nagelfest, alles wurde in Frage gestellt, neu vermessen, neu berechnet, neu interpretiert. Und alle wollten teilhaben und mitreden.
Als
der Sonnenkönig endlich starb, jubelten die Menschen in den Strassen und der
neue Regent, der Duc d’Orléans, verlieh seinem schottischen Freund die französische
Staatsbürgerschaft, liess ihn zum Katholizismus konvertieren, machte ihn zum
Generkontrolleur der Finanzen und gestattete ihm die Gründung der „Banque
Royale“. John Law hatte endlich die Gelegenheit, sein Grosses Spiel zu
spielen und an einer ganzen Nation die Richtigkeit seines Systems zu beweisen.
Er erwarb die Ueberseegebiete der französischen Krone in Louisana und wurde
Herrscher über einen Drittel von Amerika, strukturierte die Handelsgesellschaft
„Companie des Indes“ (Mississippi Companie) als Aktiengesellschaft und
verband diese mit dem Schicksal der französischen Staatsbank. Es begann der grösste
Aktienboom aller Zeiten, weil man in den amerikanischen Kolonien märchenhafte
Rohstoffvorkommen erwaretete. Die Mississippi Aktien explodierten. Aus Bettlern
wurden Millionaire, und aus dieser Zeit stammt die erste schriftliche Erwähnung
des Wortes Millionaire, als Bezeichnung für einen Menschen, der eine Million
besitzt. Der Mississippi Hype verhexte ganz Europa, und Angehörige aller Stände
und Berufe verfielen dem Börsenfieber. In allen Tagebüchern jener Zeit wird
der Irrsinn dramatisch geschildert, und man glaubt sich über weite Strecken an
die Berichtestattung über die New Economy im Jahre 2000 erinnert: Man erfindet
neue Worte, neue Begriffe, um zu erklären, wieso alles, was bisher galt, nicht
mehr gelten soll. Don’t
panic, but panic first. Als die Menschen
realisierten, dass der dekadente Duc d’Orléans heimlich die Notenpresse wie
eine Spielzeugmaschine angeworfen und das ganze Land mit Papiergeld überschwemmt
hatte, war es zu spät. Die Menschen verbrannten ihr Papiergeld und forderten
ihre Metallmünzen zurück. Der Schotte wurde zum Sündenbock der Nation. John
Law hatte in seinen mathematischen Modellen weder mit der Disziplinlosigkeit
seiner dekatenten königlichen Hoheit gerechnet noch mit der „madness
of crouds“. Unterschätzt hatte er auch die Handelsrisiken in den
Ueberseekolonien und die Macht und den Kampfgeist des düpierten Pariser
Geldadels, der als Geldverleiher des Königs jahrhundertelang die Rolle einer
Bank gehabt hatte.
(Leerzeile)
John Law starb am 21. März
1729 kurz vor Vollendung seines achtundfünfzigsten Lebensjahres während des
Karnevals in Venedig. Erst ein
halbes Jahrhundert später wurden in Frankreich wieder Banknoten eingeführt.[ar2]
John
Law gehört zu den bedeudensten Geldtheoretikern aller Zeiten. Die Finanzwelt
beruht noch heute auf dem Law’schen System, auch wenn wir in den modernen
Demokratien ausgereiftere und verfeinerte Kontroll- und Lenkungsmechanismen
eingebaut haben. Während John Law bereits Ende des siebzehnten Jahrhunderts die
Notwendigkeit erkannte, die Metalldeckung der neu eingeführten Banknoten fallen
zu lassen, verabschiedete sich die amerikanische Regierung (und mit ihr die übrige
Welt) erst im Jahre 1971 von der
Vorstellung, eine Währung mit Gold abdecken zu müssen. Mittlerweile gibt es
dazu sehr unterschiedliche Meinungen…
John
Law war vorübergehend der berühmteste, reichste, mächtigste, aber auch wohltätigste
(!) Mann seiner Zeit. John Law war definitiv ein
Idealist, von tiefer Humanität und visionärer Kraft getrieben, kein Schönredner
wie sein Zeitgenosse Daniel Defoe oder der Duc de Saint Simon, sondern ein
Macher, der wie kaum ein anderer die Kraft des Handelns verkörperte, die
Leidenschaft eines Besessenen, der mit dem Rohstoff Geld die Welt und die
Lebensbedingungen der Menschen verbessern wollte. Selbst Montesquieu, der John
Law und seinen Ideen feindlich gesinnt war (und ihn kurz vor seinem Tod in
Venedig besuchte), musste am Ende feststellen, dass John Law „mehr in seine
Ideen verliebt war, als in das Geld“.
Die Auseinandersetzung mit
dieser schottischen Biographie berührt unendlich tief und nachhaltig und
verleiht auch heutigen Zeitgenossen Mut, die widrigen und oft unverhofften Schläge
des Schicksals zu ertragen. John Laws Kraft ist überwältigend. Und doch ist er
heute vergessen. Liegt es daran, dass in der westeuropäischen Neidkultur, ein
reicher Bankier auch posthum kein guter Mensch sein kann?