Sterben und sterben lassen

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Die Weltwoche publizierte kürzlich einen kritischen Artikel zur Sterbehilfe. Das Problem dabei: Ein gesunder Mensch kann nicht fundiert über das Thema urteilen. Niemand hat das Recht, mir vorzuschreiben, wie ich mein Leben beenden soll.

Von Claude Cueni

Mein Sohn hat mir abgeraten, diesen Beitrag zu schreiben. Er meint, ich würde in der Öffentlichkeit langsam als «Autor wahrgenommen, der niemals stirbt». Mein Sohn ist nicht nur das Beste, was mir jemals im Leben passiert ist, er ist auch seit einem Vierteljahrhundert mein fähigster Lektor, meine zuverlässige second opinion. Als Jurist und Strafrichter hat er eine andere Sicht der Dinge.

Ich zögerte noch aus einem anderen Grund, diesen Beitrag zu schreiben. Weil ich Matthias Ackeret zustimme, wenn er in seinem kritischen Artikel zur Sterbehilfe schreibt: «Dass ein alter, krebskranker Mensch, der dem Tod geweiht ist, sich für die Sterbehilfe entscheidet, ist nachvollziehbar.» Also machte eine Replik wenig Sinn. Ich hätte höchstens angefügt, dass es auch nachvollziehbar ist, wenn es sich um einen lediglich mittelalterlichen, krebskranken Mann handelt.

Was solche Debatten erschwert, ist stets der Umstand, dass jeder von einem anderen Fallbeispiel ausgeht. Ackeret legt den Fokus auf einen eher seltenen Fall: eine mehr oder weniger gesunde Frau, die sich entschied zu sterben. Den gibt es natürlich auch, aber er ist die Ausnahme.

Mut zum Weiterleben

Rico Bandle bat mich ein paar Tage später, meine Absage nochmals zu überdenken und einen Text zu schreiben, der meine eigene Situation beschreibt. Ich mag meine eigene Geschichte nicht mehr hören, und vielen Leserinnen und Lesern geht es vielleicht ähnlich. Aber als er mich fragte, ob sich denn ein Gesunder fundiert zum Thema Sterbehilfe äussern könne, setzte ich mich an den Computer.

Als ich im Herbst 2009 an Leukämie erkrankte und die Überlebenschancen gering waren, holte ich in Frankreich eine Zweitmeinung ein. Der Arzt meinte, an einer Leukämie zu sterben, sei kein schöner Tod und es sei in diesem fortgeschrittenen Stadium nicht falsch, das Leben zu beenden. Ich kontaktierte vom Spitalbett aus diverse Sterbehilfeorganisationen. Bei einem Verein hatte ich den Eindruck, es ginge um einen Termin für eine Fensterreinigung: «Wann können wir anfangen?» Grosses Vertrauen setzte ich hingegen in Frau Dr. med. Preisig von Lifecircle. Sie war die Einzige, die um meine vollständige Krankenakte bat, diese ausgiebig studierte und mich dann in einem dreistündigen Gespräch davon abhielt, voreilig zu handeln. Sie entsprach in keiner Weise dem negativen Bild, das die Medien von ihr zeichnen. Sie hat auch nie über Geld gesprochen oder um ein Honorar gebeten. Abschliessend sagte sie, sie sei einfach da, wenn es nicht mehr ginge. Eine Sterbehelferin, die Mut zum Weiterleben macht? Ja, das ist Frau Dr. med. Preisig.

Ich lebe wahnsinnig gerne. Das Leben ist hochinteressant. Wenn ich um zwei Uhr morgens aufstehe (unfreiwillig), freue ich mich, auf dem iPad die News der internationalen Presse zu lesen. Über Whatsapp erhalte ich täglich ein berührendes Video meiner Enkelin. Sie ist acht Wochen alt, ich will sie aufwachsen sehen. Wenn meine Frau um fünf in mein Arbeitszimmer kommt, umarmen wir uns nach zehn Jahren immer noch wie Frischverliebte. Wir haben es gut miteinander. Ich habe ein wunderbares Leben. Ich bin umgeben von humorvollen Menschen, ich mag Ironie, Sarkasmus und eine Prise Zynismus, Lachen ist eine gute Medizin.

Therapiebedingte Langzeitschäden

Im letzten Herbst setzte der Bürgerkrieg in meinem Körper wieder ein. Seit der leukämiebedingten Knochenmarktransplantation stossen die fremden Blutstammzellen meine Organe ab. Nach zehn Jahren sind sechzig Prozent der Lunge irreversibel zerstört. Mir reichen vierzig Prozent zum Schreiben. Zum Treppensteigen hätte ich gern ein bisschen mehr.

Je länger man eine solche Krankheit überlebt, desto wahrscheinlicher ist das Auftreten von therapiebedingten Langzeitschäden. Wie zum Beispiel die Polyneuropathie. Wenn Sie an gewissen Tagen einen Buchstaben in die Tastatur tippen, ist es so, als hätte der Zahnarzt einen Nerv getroffen. Ich musste deshalb mit Schreiben aufhören. Ich schrieb in meinem autobiografischen Roman «Script Avenue»: «Solange ich schreibe, werde ich nicht sterben.» Das gab mir zu denken.

Die Polyneuropathie begann bereits vor einigen Jahren. Zuerst verklebten nur die Fussgelenke, und es gab immer weniger Tage und Nächte, in denen ich nicht von Muskelkrämpfen und Nervenschmerzen gepeinigt wurde. Dauererschöpfung. Atemlos durch die Nacht. Aber ohne Helene Fischer.

Meine Wohnung gleicht heute einer Krankenstation. Manchmal möchte ich einschlafen und nie mehr aufwachen. Aber ich steige immer noch jeden Morgen auf mein Fitnessvelo, mache Kraftübungen und singe eine Stunde lang die Oldies und Chansons der siebziger Jahre. Singen ist gut für die Lunge, und man kann nicht gleichzeitig «Aux Champs-Elysées» singen und Trübsal blasen. Das Leben unter dem Damoklesschwert ist anspruchsvoll, es braucht Disziplin und Wille.

Bereits an Weihnachten 2017 musste ich mit einem schweren Lungeninfekt ins Spital. Die Behandlung wurde schwierig, weil ich noch den Rotavirus auflas. Als man mich in einem kritischen Zustand auf die Intensivstation verlegen wollte, warf ich das Handtuch. Ich rief Frau Dr. med. Preisig an, sie war im Urlaub und bereit, diesen zu unterbrechen. Wir vereinbarten den 13. Januar 2018. Meine Frau brachte mich mit einem Sauerstoffkonzentrator nach Hause und wurde meine Tag- und Nachtschwester. Die nächsten fünf Tage verbrachte ich meistens auf dem Klo. Als der Virus erledigt war, begannen die Lungenmedikamente zu wirken. Ich kriegte nochmals die Kurve, zum dritten Mal innerhalb von zehn Jahren. Ich hatte überlebt, aber auf einem nochmals tieferen Niveau.

Mangel an Empathie?

Die Gewissheit, dass ich das Leiden im allerschlimmsten Fall abkürzen kann, macht mein Martyrium erträglich. Das ist ein ganz wichtiger Punkt, den kaum ein Gesunder versteht. Ohne Handbremse würde kein Mensch in ein Auto steigen. Frau Dr. med. Preisig verdient deshalb für ihre Arbeit höchste Wertschätzung.

Wenn sich gesunde Leute über Sterbehilfe äussern, haben sie kaum eine Ahnung, wie tief man ins Elend abrutschen kann, wenn Schmerzen schwer kontrollierbar und Heilungsaussichten ausgeschlossen sind. Ist es ein Mangel an Vorstellungsvermögen oder ein Mangel an Empathie?

Meine erste Frau starb nach vierzehnjähriger Krankheit an Krebs. Sie hatte sterben wollen wie ihre geliebten Hunde. Ihr Arzt hielt sie davon ab, er sagte, heute sterbe man schmerzfrei. Meine Frau hatte bis zuletzt Schmerzen, die Morphiumspritzen behinderten die Atmung. Ihr Arzt meinte später, sie hätte sich ins künstliche Koma versetzen lassen sollen, dann wäre sie schmerzfrei gestorben.

Auf den Tod warten ist definitiv nicht mein Ding. Als mein Vater vor einigen Monaten mit 95 im Sterben lag, fragte er mich bei jedem Besuch: «Was mache ich eigentlich hier? Auf den Tod warten?» Ich habe ihm nie geantwortet. Es war seine Entscheidung.

Ich bin leidensfähig, sehr sogar, ich bilde mir ein, ich sei ein schwerverletzter römischer Legionär vor Alesia. Ich kann mich gut mit fiktiven Figuren identifizieren. Tragikomische Szenen bringen mich zum Lachen, manchmal zum Weinen. Ich bin längst mein eigener Hofnarr geworden.

Ich habe mittlerweile mein Ableben sowohl mit meinem Arzt als auch mit meiner Familie besprochen. Mein Sohn und meine Frau werden sich die Asche teilen, wobei noch nicht klar ist, wer die Arme und wer die Beine kriegt.

An der Schwelle zum Tod

Ich liebe das Leben unglaublich, ich werde nicht leichtfertig aufgeben, ich bin es meiner Familie schuldig, ich bin es auch den Ärzten und dem gesamten Pflegepersonal schuldig. Sie haben sich enorm um mich bemüht und mir ein Leben in der Verlängerung geschenkt. Auch wenn die Zukunft abhandengekommen ist.

Je kürzer meine Lebenserwartung wird, desto mehr geniesse ich die Natur. Bücher verlieren an Bedeutung. Was überlebt, sind die Gene und die guten Taten.

Die Gerüchte über meinen baldigen Tod sind etwas verfrüht. Denn ich habe wieder mit Schreiben begonnen, bin an der letzten Überarbeitung meines neuen Romans. Ich glaube an die Fortschritte der Medizin, walking dead wird zur chronischen Erkrankung.

Ich werde immer wieder gefragt, ob man an der Schwelle zum Tod nicht doch noch religiös wird. Als Teenager bezeichnete ich Gott als Sankt Nikolaus für Erwachsene. Heute halte ich Religion für die grösste Betrugsgeschichte der Menschheit, für eine groteske Form des Aberglaubens. Manchmal schreiben mir Leute anonym, der liebe Gott bestrafe mich. Aber es sterben leider auch Babys an Leukämie, bevor man ihnen Religiosität wie eine Schluckimpfung verabreicht.

Wenn ich eines Tages das Palliativstadium erreiche, werde ich es akzeptieren, und niemand hat das Recht, mir vorzuschreiben, wie ich das Leben beenden soll. Dieser Niemand ist nicht derjenige, der mir um zwei Uhr morgens beisteht, wenn ich mich wie Kafkas Käfer vor lauter Krämpfen und Nervenschmerzen nicht mehr selber aufrichten kann. Wenn ich es eines Tages beenden muss, dann wird es kein Suizid sein, sondern Schmerzbefreiung mit Todesfolge. Wieso soll ein vernünftiger Mensch ausgerechnet das Sterben dem Zufall überlassen?

Leben und leben lassen. Sterben und sterben lassen. Jeder Film geht einmal zu Ende. Ist das etwa ein Grund, den Film nicht anzuschauen? Ich habe akzeptiert, dass jedes Leben ein Verfalldatum hat. Wie jedes Mandarinenjogurt auch. Seneca sagt, das Leben sei nicht zu kurz, wenn man es richtig genutzt habe. Das ist so, no bad feelings.

© Die Weltwoche vom 25. April 2019
 
 
 
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