#Giganten »Eine spannende Geschichte«

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© Die Weltwoche; 18.06.2015; Ausgaben-Nr. 25; Seite 66

Literatur

Glanz des Turms

Von Rolf Hürzeler

Bildhauer Frédéric-Auguste Bartholdi und Ingenieur Gustave Eiffel waren im 19. Jahrhundert unerbittliche Rivalen. Zumindest gemäss dem neuen Roman des Basler Schriftstellers Claude Cueni. Von Rolf Hürzeler

Der eine war der feinfühlige Künstler, der andere der kalte Rechner – Visionäre waren beide: Die beiden Franzosen Frédéric-Auguste Bartholdi und Gustave Eiffel setzten im 19. Jahrhundert Meilensteine. Eiffel mit dem nach ihm benannten Turm für die Weltausstellung von 1889 in Paris, Bartholdi mit der Freiheitsstatue im Hafen von New York, die drei Jahre zuvor auf Liberty Island eingeweiht worden war. Die beiden Männer sind die Protagonisten im neuen historischen Roman «Giganten» des Basler Schriftstellers Claude Cueni.

Der Autor ist mit diesem Buch zu seinen historischen Romanen zurückgekehrt, zu geschichtlichen Büchern wie «Cäsars Druide» oder «Das grosse Spiel» über den Finanzjongleur John Law im 18. Jahrhundert. Letztes Jahr konnte der 59-jährige Schriftsteller nun in einem neuen Genre mit dem teilweise autobiografischen Roman «Script Avenue» einen Auflagenerfolg feiern an einer Fortsetzung dieses Werks arbeitet er gegenwärtig. Zudem hat Cueni zahlreiche Drehbücher für Fernsehserien wie «Peter Strohm» geschrieben und Computerspiele entwickelt, unter anderem das weltweit verkaufte Anti-Aids-Game «Catch the Sperm» von 2001.

Im Bistro mit Engels

Der Autor erzählt nun mit «Giganten» eine spannende Geschichte über die angebliche Rivalität zwischen Eiffel (1832–1923) und Bartholdi (1834–1904), die er mit ereignisgeschichtlichen Episoden aus der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts schmückt. In Cuenis Worten ist der Roman eine «Fiktion aus historisch gesicherten Fakten und teilweise erfundenen Ereignissen».

So entzündet sich der Konflikt – nach jugendlicher Freundschaft – zwischen den beiden Pionieren im Wettbewerb um die Gunst einer fiktiven Angélique. Der flamboyante Eiffel kann ihr materielle Sicherheit bieten, Bartholdi viel Liebe; sie will beides. Wie in allen seinen Büchern setzt der Autor auf heftige Emotionen, etwa als die beiden Kontrahenten sich bei einem Zwist um die begehrte Geliebte gegenüberstehen: «Frédéric fixierte Gustave, lauerte auf eine Reaktion, doch Gustaves Gesicht zeigte keine Reaktion.» Die beiden Männer starrten sich an «und erkannten, dass sie Rivalen geworden waren».

Besonders reizvoll für den Leser ist die Begegnung mit historisch verbürgten Figuren. Da gibt es einen Besuch im Atelier des legendären Fotografen Gaspard-Félix Tournachon, genannt Nadar. Auf einer abenteuerlichen Reise der Protagonisten nach Ägypten tritt Ferdinand de Lesseps auf, der Erbauer des Suezkanals. Oder Cueni zollt dem schweizerisch-französischen Ingenieur Maurice Koechlin Tribut, der für seinen Meister Eiffel die Knochenarbeit bei der Konstruktion des Turms leistete. Selbst der kommunistische Philosoph Friedrich Engels fehlt nicht. Er zieht in einer Bistrorunde über die Schweiz her: «Derart von oben herab, derart schlecht wie die Schweiz ist noch kein anderes Land in Europa behandelt worden. Sie gab auf jede immer unverschämtere Forderung einen noch demütigeren Bescheid. Eine Infamie nach der andern wurde geschluckt, bis die Schweiz in Europa auf die tiefste Stufe der Verachtung gesunken ist.» Engels hatte dies zwar 1853 in der New York Daily Tribune geschrieben, aber Cueni weist ihm die Worte in schriftstellerischer Freiheit beim Trinken im Bistro zu.

Abenteuerlich ist die erzählerische Exkursion, auf die Cueni die halbfiktionale Figur Charles Bartholdi schickt, den älteren Bruder von Frédéric. Charles hatte zwar tatsächlich gelebt, aber es ist kaum etwas bekannt über ihn. Der Mann ist in der Version Claude Cuenis der Typ Gambler, dem das Leben nicht risikoreich genug sein kann. So trampt der Unglückliche in einen entlegenen Winkel Alaskas, wo Gold gefunden wurde. Wie unzählige andere Glückssucher kehrte er nicht mehr zurück; Cueni schildert dessen vergeblichen Kampf gegen die Unbilden der Natur im Stil einer fiebrigen Horrorgeschichte.

Cueni macht für den Leser tollkühne Eskapaden in der vor 150 Jahren vielfach unerschlossenen Welt erlebbar, und er veranschaulicht das rechtlose Leben in weiten Teilen Amerikas. Mit dieser Expedition ebenso wie mit der Nilfahrt zu den Pyramiden illustriert der Autor, wie gefährlich das Leben in jener Zeit für Reiselustige war – nicht nur wegen des fehlenden Komforts. Der Schriftsteller schildert ausführlich die Folgen kolonialer Sexabenteuer der Europäer im Orient – fast alle Männer kamen mit einer Syphilisinfektion heim.

Wie so häufig, wenn es im Leben um Erfolge und Niederlagen geht, findet sich der Schlüssel dazu in der Kindheit. Cueni beschreibt ausführlich das bürgerliche Leben der Familie Bartholdi im elsässischen Colmar. Die Familie zerfällt nach dem Selbstmord des Vaters, der sich mit Eisenbahnaktien verspekuliert hat. Trotz einer fast symbiotischen Mutter-Sohn-Beziehung konnte der Künstler Bartholdi Karriere machen; der sich vernachlässigt fühlende Charles fand dagegen den Tritt im Leben nicht. Er konnte sich dem Einfluss des toten Vaters nie entziehen und stand in einer schmerzhaften Liaison mit dessen Geliebter, die ihn unerbittlich erpresste.

Der Roman «Giganten» enthält schweizerisches Lokalkolorit. Eiffel wie Bartholdi waren mit der Stadt Basel verbunden. Bartholdis Strassburger Denkmal beim Bahnhof SBB begrüsst seit Ende des 19. Jahrhunderts den Besucher der Stadt mit imperialer Geste. Eine tragische Dimension dagegen hat die Verbindung von Gustave Eiffel zu Basel. Eine von ihm konstruierte Eisenbrücke stürzte am 14. Juni 1891 über dem Flüsschen Birs bei Münchenstein zusammen, als ein Personenzug darüberfuhr. Der Unfall kostete 73 Passagieren das Leben – das bis heute schwerste Eisenbahnunglück der Schweiz. Die Katastrophe war auf Konstruktionsmängel zurückzuführen, die dem Nachruhm Eiffels indes nichts anhaben konnten; der Glanz des Pariser Turms war zu gross.

Die Lektüre von «Giganten» ist ein unterhaltender Sommerlesestoff, der den Leser zu einer fantasievollen Reise einlädt. Man kann in all den Intrigen und Abenteuern mitschwelgen – und erfährt dabei Überraschendes vom Leben im 19. Jahrhundert.

© Die Weltwoche; 18.06.2015; Ausgaben-Nr. 25; Seite 66

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