3.9.26 Weltwoche: Anatomie eines Verbrechens

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Die Weltwoche
03.09.2026 02:00
DAS FLOSS DER MEDUSA
4213
Kunst
Anatomie eines Verbrechens
Claude Cueni


Nach dem Sturz Napoleons kam 1815 die Bourbonenmonarchie wieder an die Macht. Frankreich erhielt vom Vereinigten Königreich seine Besitzungen im Senegal zurück. Im Juni 1816 machte sich deshalb ein französischer Schiffsverband auf den Weg nach Westafrika, um die Besitznahme zu sichern. An Bord befanden sich rund 400 Soldaten, Beamte, Wissenschaftler, Kolonisten und Julien-Désiré Schmaltz, der zukünftige Gouverneur des Senegals, mit seiner Familie. Flaggschiff war die Fregatte «Méduse», ihr Kapitän der Adlige Hugues Duroy de Chaumareys. Er verdankte seine Ernennung weder Erfahrung noch nautischen Fähigkeiten, sondern der Vetternwirtschaft der restaurierten Monarchie. Hugues Duroy de Chaumareys war seit Jahren nicht mehr zur See gefahren und wollte sich beweisen und den König und seine Entourage beeindrucken. So begann eine der grausamsten und lückenlos dokumentierten Schiffskatastrophen des 19. Jahrhunderts.

Trotz eindringlicher Warnungen seiner erfahrenen Offiziere setzte sich der ehrgeizige Kapitän vom Schiffskonvoi ab, um schneller ans Ziel zu kommen. Er wählte eine riskante Route nahe der afrikanischen Küste. Am 2. Juli 1816 lief die Fregatte auf der Arguin-Sandbank vor der heutigen Küste Mauretaniens auf. Das Schiff sass fest, man musste es aufgeben.

Die sechs Rettungsboote an Bord reichten jedoch nur gerade für Hugues Duroy de Chaumareys, den designierten Gouverneur Julien-Désiré Schmaltz, die ranghohen Offiziere und ihre Soldaten. Für 147 Seeleute, Soldaten und Passagiere blieb kein Platz. Blitzschnell zimmerten sie aus den Masten der «Méduse» ein Floss und banden es mit Seilen an den Rettungsbooten fest. Doch aufgrund der Überbelastung geriet das Floss rasch unter Wasser. Die Offiziere im Rettungsboot kappten das Verbindungsseil und liessen die Menschen zusammengepfercht auf dem manövrierunfähigen Floss zurück, allein auf dem Atlantik.

Sie hatten kaum Trinkwasser, geschweige denn Nahrungsmittel, aber einige Fässer Wein, was die Situation dramatisch verschärfte. Bereits in der ersten Nacht brachen blutige Kämpfe aus. Täglich wurden Menschen massakriert, einige sprangen aus Angst freiwillig in den sicheren Tod, andere starben vor Hunger. Dreizehn Tage trieben die Überlebenden im offenen Ozean. Schliesslich begannen sie sich gegenseitig aufzuessen.

Als das französische Erkundungsschiff «Argus» das Floss am 17. Juli 1816 zufällig entdeckte, lebten von den rund 147 Menschen nur noch 15. Einige davon starben kurz nach ihrer Bergung. Die französische Regierung versuchte das Desaster unter den Teppich zu kehren, doch es gab prominente Überlebende: den Schiffsarzt Henri Savigny und den Ingenieur Alexandre Corréard. Wohl zum Entsetzen von Hugues Duroy de Chaumareys hatten die beiden den Horror überlebt. Und mehr noch: Sie schrieben einen schonungslosen Bericht über das, was sie erlebt hatten.

Versagen der Gesellschaft

Die Veröffentlichung schlug ein wie eine Bombe und löste einen politischen Skandal aus, der das ganze Land in seinen Grundfesten erschütterte. Kapitän Hugues Duroy de Chaumareys musste sich vor einem Militärgericht verantworten und wurde zu einer eher milden Strafe von drei Jahren verurteilt, denn ein Kapitän, der sein Schiff verlässt, obwohl sich darauf noch Besatzungsmitglieder und Passagiere befinden, erhielt damals nicht selten die Todesstrafe. Die Menschen behielten in Erinnerung: Nicht ein Sturm hatte die Katastrophe verursacht, sondern Inkompetenz, Arroganz und Vetternwirtschaft.

Unsterblich gemacht wurde die Tragödie durch den jungen Maler Théodore Géricault (1791–1824). Er recherchierte akribisch, sprach mit Überlebenden, liess sich ein originalgetreues Modell des Flosses bauen und schuf 1819 das monumentale Historiengemälde «Le radeau de la Méduse» (heute im Louvre), fünf mal sieben Meter. Anstatt einen glorreichen Mythos zu zeigen, prangerte Géricault auf der riesigen Leinwand die menschliche Hybris, das Versagen der staatlichen Obrigkeit und den moralischen Tiefpunkt einer ganzen Gesellschaft an. Das Bild wurde zu einem zeitlosen Sinnbild für den Schiffbruch der menschlichen Zivilisation in einer Extremsituation.

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