Claude Cueni
Wir sehen sie täglich, und doch sehen wir sie nicht: die Schweizer Freiheitsstatue in der Hosentasche. Während auf den aktuellen Schweizer Umlaufmünzen mit den Nennwerten 1/2, 1 und 2 Franken die allegorische Figur Helvetia geprägt ist, sehen wir auf den Rappenmünzen (5, 10, 20) den Kopf der römischen Freiheitsgöttin Libertas. Der Name ist in ihrem Diadem eingeprägt.
Als Julius Cäsar im 1. Jahrhundert v. Chr. in seinem Werk «De bello Gallico» über die Helvetier berichtete, nannte er sie Helvetii und ihr Land ager Helvetiorum (das Gebiet der Helvetier). Der Name «Helvetia» entstand erst im Mittelalter, als die Historiker nach einem klassischen lateinischen Namen für die Region der heutigen Schweiz suchten. Bis zur Gründung des modernen Bundesstaates 1848 wurde die lateinische Form Helvetia beziehungsweise Helvetien gebräuchlich.
Dies zeigt sich heute noch in der Abkürzung CH für Confoederatio Helvetica oder auf den Schweizer Briefmarken und Münzen. Aus diesem Namen entstand über die Jahrhunderte eines der stabilsten nationalen Symbole Europas: Helvetia, eine allegorische Figur, eine Landesmutter.
Souveränität der aufrechten Haltung
Der Basler Kupferstecher Matthäus Merian der Ältere (1593–1650) schuf eine der ersten Helvetia-Figuren. Aber erst durch die Gründung des Bundesstaates 1848 entstand ein einheitlicher Staat mit gemeinsamer Währung und wachsendem Nationalbewusstsein. Helvetia wurde als Nationalallegorie neu geboren.
Bereits zwei Jahre später erschien Helvetia auf den Wertmünzen zu 1/2, 1 und 2 Franken. Sie sass da, die Ruhe selbst: gelassen, unaufgeregt, mit Schild und Speer ausgerüstet, wehrhaft, aber nicht kriegerisch. Bewaffnete Neutralität.
Helvetia verharrte nicht lange in ihrer sitzenden Stellung. Bereits 1873 erhob sie sich und symbolisierte mit ihrer aufrechten Haltung staatliche Souveränität. Der Schild mit dem Schweizer Kreuz stand für Stärke und die von antiken Vorbildern inspirierte Tunika für Beständigkeit und Zeitlosigkeit.
Erschaffen hatte die stehende Helvetia der Genfer Kunstmaler Albert Walch (1816–1882). Sein Fokus lag nicht auf dem technisch Machbaren, sondern auf dem Künstlerischen. Walch verzichtete auf Pathos und visualisierte die neue Staatsphilosophie: Stabilität, Neutralität, Selbstbewusstsein. Für die Umsetzung in einen Prägestempel war der Genfer Stempelschneider Antoine Bovy (1795–1877) zuständig.
Die Schweiz war mit ihrer Helvetia weder besonders früh noch besonders spät dran. Wie die deutsche Germania, die französische Marianne, die britische Britannia und die italienische Italia erhielt auch sie ihre bis heute gültige Form im 19. Jahrhundert, in einer Epoche, in der sich Europas Nationen nicht nur politisch, sondern auch auf ihren Münzbildern neu erfanden. Es ist kein Zufall, dass alle diese nationalen Ikonen weiblich sind. Es ist der Grammatik geschuldet. In den klassischen Sprachen sind Länder weiblich: Helvetia, Germania, Italia, la France. Und was sprachlich weiblich ist, wird als Frau dargestellt.
Doch im Gegensatz zur kriegerischen Germania, zur revolutionären Marianne und zur imperialen Britannia wirkt Helvetia eher zurückhaltend. Der Körper ist entspannt, unaufgeregt, den Kopf hat sie in der Tradition antiker Figuren melancholisch zur Seite geneigt. Sie scheint nachdenklich, introvertiert, zeitlos.
Fackel der Freiheit für Helvetia
Während andere Länder ihre Münzbilder immer wieder politischen und gesellschaftlichen Entwicklungen anpassen, bleibt die Schweiz ihren Werten treu. Der unscheinbare Zehnräppler schaffte es gar als älteste Umlaufmünze der Welt ins «Guinnessbuch der Rekorde». Seit 1879 ist die Prägung unverändert. Sie steht für eine stabile Währung in einer instabilen Welt.
Sie steht aber auch für Libertas wie Frédéric-Auguste Bartholdis Freiheitsstatue, die offiziell «Liberty Enlightening the World» heisst (Freiheit erleuchtet die Welt). Helvetia und Libertas gehören zur Schweizer DNA. Helvetia sollte deshalb die Fackel der Freiheit tragen, das Selbstbewusstsein, die Unerschrockenheit und die Standhaftigkeit des fearless girl verkörpern, Frauenpower, und das zeitlose Gewand der allegorischen Figuren der Antike tragen.
Die Kombination von Helvetia und Libertas verknüpft die Landesmutter direkt mit dem Konzept der Freiheit. Ohne Helvetia keine Libertas und ohne Libertas keine Freiheit.
Bildlegenden:
Der Schriftsteller Claude Cueni hat sich von den Schweizer Münzen zu einer «Helvetia-Libertas»-Statue inspirieren lassen. Die fünfzig Zentimeter hohe Version wird gerade in Bronze gegossen.
Der Zehnräppler schaffte es als älteste Umlaufmünze der Welt ins «Guinnessbuch der Rekorde».
Standhaftigkeit des «fearless girls»: Cuenis «Helvetia-Libertas»-Statue.