34 Blick »Der Wolf kommt«

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© Blick vom 20. April 2019


Der griechische Dichter Äsop, der vor rund zweieinhalbtausend Jahren lebte, ist kaum bekannt, berühmt ist hingegen seine Fabel vom jugendlichen Hirtenjungen, der immer wieder um Hilfe schreit («Der Wolf kommt!»). Die Dorfbewohner eilen zu Hilfe, kein Wolf weit und breit. Als dann der Wolf tatsächlich kommt, bleiben die Leute zu Hause.

Wer 1972 als Teenager eine Buchhandlung betrat, muss ganz schön erschrocken sein. Der Bestseller «Die Grenzen des Wachstums» war omnipräsent. Wer damals 16 war, ist heute 63, und falls er ab 1981 das Hamburger Magazin «Der Spiegel» gelesen und aufbewahrt hat, findet er heute in seiner Sammlung 38 Cover-Stories, die mehr oder weniger das Ende der Welt voraussagen: «Der Wald stirbt» (1981), «Wer rettet die Erde?» (1989), «Vor uns die Sintflut» (1995), «Achtung, Weltuntergang» (2006), um nur einige zu nennen.

Alles, was man zum ersten Mal erlebt, prägt sich wie ein Brandzeichen ein, egal, ob es das Sterben eines geliebten Menschen ist, der erste Sex oder die erste Fernreise in einen anderen Kulturkreis. Das gilt auch für die erste Schocknachricht.

Auch wenn der Weltuntergang noch auf sich warten lässt, so haben diese übereilten Prophezeiungen doch zu einer Sensibilisierung beigetragen.

Jugendliche, die noch kaum der Pubertät entronnen sind, werfen ergrauten Politikern vor, den Planeten zugrunde zu richten, weil sie altersbedingt die Folgen ihrer Tatenlosigkeit eh nicht mehr erleben werden. Das ist teilweise zutreffend.

Die Passivität der Erwachsenen hat aber auch damit zu tun, dass die Älteren seit 38 Jahren Weltuntergänge erleben und überleben und mittlerweile ähnlich reagieren wie die Dorfbewohner in der Fabel von Äsop. Einem Teenager, der noch vom hormonellen Tsunami getrieben wird und Halt in radikalen Schwarz-Weiss-Ideologien sucht, fehlt mangels Lebenserfahrung schlicht die Möglichkeit, etwas, das er zum ersten Mal erlebt, vernünftig einzuordnen.

Könnte er das, wäre ihm bewusst, dass das ungebremste Bevölkerungswachstum das grösste Problem der Menschheit ist. Es ist ein sehr heikles Thema, das man lieber ausklammert. So wie es auch schon die Betreiber von Hotel Mama gemacht haben.

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