Rezension: Dirty Talking im Schweizer Monat

schweizermonat.ch

– 01. Dezember 2022 06:03

Kultur

Kultur, Rezension Ausgabe 1102 – Dezember 2022 / Januar 2023

Dreck am Stecken

Claude Cueni: Dirty Talking. St. Gallenkappel: Edition Königstuhl, 2022.

Peter Kuster

Er ist witzig und schlagfertig. Er sorgt sich um die Nächsten, nicht nur um seinen alten jüdischen Nachbarn, sondern auch um seine wenig präsentablen Althippie-Eltern. Und er wurstelt sich recht anständig durch sein unspektakuläres Leben im Basler Mikrokosmos. Doch der mittelalte Stand-up-Comedian und Single Bobby Wilson muss, nicht ganz ohne eigenes Zutun, zunächst tief fallen. Erst als er sein Schicksal annimmt, kann er geläutert ein fast schon romantisches Happy End finden.

«Dirty Talking», der Titel von Claude Cuenis jüngstem Werk, ist aber alles andere als ein klassischer Bildungsroman. Vielmehr wird das Programm bereits im ersten Kapitel (das auch eine Triggerwarnung enthält) explizit definiert. Der Autor versteht unter Dirty Talking primär das Löcken gegen den Zeitgeist der Political Correctness, aber auch deftiges Fluchen und schlüpfrige Sprüche. Er geizt weder mit dem einen noch dem anderen und nimmt keinerlei Rücksichten. Das macht die Story flott und die Lektüre leicht, auch wenn manchmal etwas dick aufgetragen wird. So thront die wohl unsympathischste Figur des Romans als Bischof in Mariastein und ist ein übler Pädophiler. Aber was wäre Dirty Talking ohne Klischees? Und wie liesse sich einigermassen eine gedankliche Ordnung in die chaotische Welt bringen, wenn nicht mit der Hilfe von Klischees?

Das Buch ist auch ein Thriller, und dazu gehört eine rechte Portion Dreck und Gewalt. Es gibt Dreckskerle als Täter, und es gibt nicht ganz makellose Opfer, das prominenteste natürlich der Protagonist Wilson. Doch Leichen gibt es nur eine, und der Tod ist nicht mal Folge einer Ausseneinwirkung. Vielmehr handelt es sich um den hochbetagten Nachbarn, der im gelobten Land friedlich in Wilsons Armen entschläft. (Schweige-)Geld und (Kunst-)Geist sowie (Schuld-)Gefühle sind weitere Zutaten, die Cueni einsetzt, und das alles passt gut in eine Lebenswelt, die von einer langsam verblassenden christlich-jüdischen Kultur geprägt ist.

Apropos christlich: Wer ein anregendes Geschenk sucht, kann Cuenis Werk durchaus unter den Weihnachtsbaum legen – sofern der oder die Beschenkte Sinn für etwas deftigen Humor hat und nicht allzu katholisch ist.

125 Blick »Beruf: Asphaltkleber«

Am Anfang war der Pudding. Eine WG, die sich Kommune I nannte, wollte am 6. April 1967 US-Vizepräsident Hubert H. Humphrey bei seiner Ankunft in Deutschland mit Pudding begrüssen bzw. bewerfen, um gegen den Vietnamkrieg zu protestieren. Ein V-Mann verriet den Plan. Als wenig später der persische Schah Reza Pahlavi anreiste, wurde der Demonstrant Benno Ohnesorg von einem Polizisten erschossen. In Frankfurt brannten Kaufhäuser, und der radikale Kern der Kommune I flüchtete in den Untergrund, gründete die RAF, die Rote Armee Fraktion. In der Isolation verlor sie vollends den Bezug zur Realität. 32 Menschen fielen ihrem Bombenterror zum Opfer. Das Einzige, was sie erreichten, waren schärfere Gesetze.

Am 4. Februar 2019 hielt Roger Hallam, der Co-Gründer von Extinction Rebellion, eine Rede vor Amnesty International in London: «Wir werden die Regierungen zum Handeln zwingen. Und wenn sie nicht handeln, werden wir sie zur Strecke bringen und eine Demokratie nach unseren Bedürfnissen kreieren. Und ja, einige mögen bei diesem Prozess sterben.»

Den politischen Weg lehnen Klimaextremisten ab. Ob aus Faulheit, Ungeduld oder fehlenden Möglichkeiten zur Selbstdarstellung, sei dahingestellt. Da sie mit ihren Aktionen nicht das Klima retten, sondern die arbeitende Bevölkerung verärgern, wird die entstehende Frustration einige radikalisieren.

Im Gegensatz zur RAF werden sie aber keine Banken überfallen. Sie haben Geld. Die kalifornische Stiftung Climate Emergency Fund finanziert ein weltweites Netzwerk von Lemmingen und bezahlt Trainings, psychologische Betreuung, Windeln, Klebstoffe und Medienschulung. Das Geld der Stiftung stammt von Millionenerbinnen wie Aileen Getty, Enkelin des Erdöl-Tycoons J. Paul Getty. Ihre Beweggründe?

Der schwedische PR-Manager und Börsenprofi Ingmar Rentzhog war Vorreiter. Er entdeckte Greta Thunberg und gründete das Unternehmen We Don’t Have Time. Mit ihr akquirierte er für seinen Aktienfonds Investorengelder in Millionenhöhe. Klimarettung als lukratives Businessmodell? Wieso nicht. Leider bleiben einige dabei in ihren Weltuntergangsfantasien haften, denn der Beruf «Asphaltkleber» hat keine Zukunft. Die Zivilisation hingegen schon.


Ein umfassender Bericht über die »Letzte Generation« erschien am 8.1.2022 im österreichischen Magazin PROFIL. Autor: Clemens Neuhold.

https://www.profil.at/oesterreich/letzte-generation-kleben-fuers-klima/402210078

Auszug:

Plakate, Flyer, Banner und Superkleber finanzieren die Aktivisten über einen sogenannten Climate Emergency Fund. In diesen Fonds zahlen laut Aktivistin Thurner „reiche Leute ein, die ein schlechtes Gewissen haben“. Wer diese Gönner genau sind, wisse sie nicht. Thurner gibt an, demnächst über den Fonds ein freiberufliches, versteuertes Nebeneinkommen über 20 Wochenstunden Aktivismus zu beziehen-über eine Kontaktadresse in Deutschland. Mehr verrät sie nicht.

©© Wie mich Ben Hur vor 22 Jahren vom Rauchen befreite

Kaum hatte ich als Teenager mit Rauchen angefangen, wollte ich wieder damit aufhören. Aber es war kompliziert. Das Mädchen, das ich gerade kennengelernt hatte, rauchte. Sie bot mir eine Zigarette an. Ich wollte die Frau, aber nicht die Zigarette, und dachte, damit ich die Frau bekomme, muss ich wohl die Zigarette nehmen. Die erste Mary Long schmeckte scheusslich, aber es war der Beginn einer grossen Jugendliebe.

Jahre später wollten wir beide mit dem Rauchen aufhören. Wir warfen unsere Zigaretten in den Müll und schauten uns den Dokumentarfilm von Mario Cortesi an: «Der Duft der grossen weiten Welt» (1980). Er zeigte Cowboys, die durch die Prärie reiten, Marlboro-Männer. Doch als sie aus dem Sattel stiegen und zu reden begannen, verrutschte uns das Gesicht: Die harten Kerle hatten einen Luftröhrenschnitt, und ihre Stimmen waren kaum verständlich. Der Schock sass tief. Jetzt brauchten wir wirklich eine Zigarette.

Dann hörten wir wieder auf. Bis zum Geburtstag meiner mittlerweile verstorbenen Frau. Weder die Blumen noch die Uhr noch meine Kochkünste machten sie glücklich: «Könntest du uns wenigstens Zigaretten holen?»

So ging das ewig weiter. Wenn wir gemeinsam mit Rauchen aufhörten, entwickelte meine Frau Hyperaktivitäten, sie mutierte zu einer weiblichen Ausgabe von Meister Proper. Ich hingegen wurde zum schweigsamen Couchpotato, der sich Western und historische Monumentalfilme anschaute. Es blieb kompliziert.

Einmal bestellten wir uns vom Bundesamt für Gesundheit Hochglanzbroschüren mit Abbildungen von Raucherbeinen und kaputten Lungen. Wir klebten die Blätter an die Küchenschränke. Und rauchten eine Mary Long. Wir waren noch keine 30 und dachten, dass alte Menschen zu einer anderen Rasse gehören und alte Kranke sowieso. Und Churchill war immerhin 91 geworden. Wir dachten, wir würden ewig jung und gesund bleiben. Irgendwie.

In den Medien erschienen vermehrt Artikel, die auf die Gefährlichkeit des Rauchens hinwiesen, doch die Sitzungszimmer bei Fernsehanstalten waren immer noch so verqualmt wie Pennsylvania nach der Schlacht von Gettysburg. Mir erging es wie Clint Eastwood. Jedes Mal wenn er seinen Zigarillo wegspickte und einen Bad Guy vom Pferd schoss, zündete er sich den nächsten Glimmstängel an. Kein wirklich gutes Vorbild.

Als Lucky Luke nach 30 Millionen verkaufter Alben dem blauen Dunst abschwor, wurde der Wilde Westen zur Non-Smoking Area. Dieter Scholz hätte ein Vorbild sein können. Er trampte meilenweit für eine Camel durch die Serengeti und gab nach sechs Jahren das Laster auf. Doch Jahre später gestand er, er sei ein Fake-Raucher gewesen, er habe nie geraucht. Anders als der Marlboro-Mann Wayne McLaren. Er starb 1992 an Lungenkrebs.

Meinen 474. Versuch startete ich in der Nacht auf den 1. Januar 2000. Ich zündete mir einmal mehr «die letzte Zigarette» an und schaute mir einen Film auf DVD an: «Ben Hur» mit Charlton Heston. Ich dachte: Was waren das doch für arme Schweine auf diesen römischen Galeeren, und nach einem weiteren Glas Rotwein fühlte ich mit Charlton Heston und dachte: #MeToo-, ich sei eigentlich auch ein armes Schwein, das in den Galeeren der Zigarettenindustrie angekettet sei ohne Aussicht auf Befreiung.

Verzichtet man aufs Rauchen, fängt man früher oder später wieder an. Manchmal aus Frust, manchmal aus Freude, man ist da nicht so wählerisch, eine Ausrede findet sich immer. Niemand verzichtet gerne. Ich wollte dieses Mal nicht verzichten, sondern mich befreien. Wie Ben Hur. Das war neu. Obwohl in der römischen Kriegsmarine keine angeketteten Sklaven auf den Ruderbänken sassen, sondern durchtrainierte Legionäre, wurde Ben Hur Teil meiner Autosuggestion. Ich überlebte die Tortur der ersten Tage, und wie fast alles im Leben wird Neues nach einiger Zeit zur Gewohnheit. Das gilt für das Gute wie auch für das weniger Gute.

Sparen Sie sich also all die teuren Ratgeber. Der Sieg beginnt im Kopf, das ist nicht nur im Fussball so. Beim Rauchen lautet das Schlüsselwort: Befreien, nicht verzichten. Und ja, ich bin immer noch Nichtraucher.

Rezension »Dirty Talking«

Von Stefan Millius / 23.11.2022


Es sei der erste «anti-woke Roman der Schweiz», sagt der Autor Claude Cueni über seinen neuesten Thriller. Daran lässt er von Beginn an keinen Zweifel. Dort liefert ein unbekannter Erzähler eine Ode an das Fluchen, eine Absage an diplomatische Höflichkeit und beschönigende Beschreibungen. Eine perfekte Grundlage für das, was danach kommt.

«Dirty Talking» ist die Geschichte von Bobby Wilson aus Basel, gezeugt und aufgezogen von Alt-Hippies, die selbst im hohen Alter nicht aus ihrer Haut können. Er ist die Sorte ewiger Verlierer, die man gleich ins Herz schliesst. Der Halbtags-Journalist träumt von einer Karriere als Comedian. In dieser Rolle erleben wir ihn mehrfach, weil er seine Einkommensquellen verliert und sich ein Kleintheater seiner erbarmt.

Die Einschübe von der Bühne sind lustvolle Publikumsbeschimpfungen, prallgefüllt mit all dem, was man heute «nicht mehr sagen darf». Der Autor lässt seinen Helden über Blondinen herziehen, von «Indianern» sprechen oder einen Ausflug in die Religion wagen. «Okay, okay, was sagte der liebe Gott, als er Eva schuf: ‹Hirn ist alle, jetzt gibt’s Titten!›» Das Publikum schwankt zwischen Empörung und Faszination. Nach dem ersten Lachimpuls kommt die Frage: Darf ich denn?

Eher als ein klassischer Thriller ist der Roman ein abgedrehter Roadtrip, auch wenn sich die Story grösstenteils in der Stadt Basel abspielt. Der kleine Schauplatz ist Bobby Wilsons Welt, seine einzige Konstante. Er braucht Geld und konstruiert selbst aus dem flüchtigsten Zufall eine scheinbare Verdienstmöglichkeit. Weil er weder mit einem kriminellen noch wenigstens mit einem unternehmerischen Gen gesegnet ist, geht das meistens schief. Mehr noch, er ruft damit Leute auf den Plan, die nicht besonders viel Skrupel haben und ihm auf den Fersen sind. Mit jedem Schritt reitet sich Wilson noch tiefer ins Elend – oder in die Scheisse, um in der Sprache des Romans zu bleiben.

Wellness auf Papier

«Dirty Talking» lebt von den Figuren, die Wilsons Wege kreuzen. Da tummeln sich unter anderem der Bischof von Basel, dessen zwei gewaltbereite mexikanische Handlanger, ein Ex-Fussballprofi, der heute Occasionsfahrzeuge verkauft, eine vorbestrafte Tankstellenverkäuferin, ein betagter Nachbar mit einem wertvollen Gemälde und ein schmieriger Anwalt mit politischen Ambitionen. Es ist spürbar, wie viel Spass es dem Autor gemacht hat, immer haarscharf an der Überzeichnung vorbei Charaktere zu zeichnen, welche die Story in eine neue Richtung lenken.

Bobby Wilson ist der festen Überzeugung, bald aus eigener Kraft aus der Misere herauszufinden. Er passt seine Pläne laufend der Situation an, ohne wirklich einen Plan zu haben. Aber wir werden nicht mühsam durch seine inneren Zweifel gepeitscht oder mit bedeutungsschweren Monologen eines Versagers gequält. Es ist eine rasante Erzählung mit Dialogen, wie sie wirklich geführt werden und die nicht zuerst auf ihre politische Korrektheit geprüft wurden. «Dirty Talking» ist eine Art Wellness auf Papier. Eine Heilkur für alle, die es satthaben, bei jedem Gespräch wie auf Eiern zu laufen, weil heute so viel Fettnäpfchen warten.

124 Blick »Der Bulle von der Wallstreet«

Blick-Kolumne Geschichte vom 11. November 2022


Als der Spanier Hernán Cortés mit seinen 550 Begleitern im Jahr 1519 die mexikanische Ostküste erreichte, brachte er den Azteken nicht nur Krankheit, Tod und Verderben, sondern auch die Unsitte des Stierkampfs. Im Lauf der Jahrzehnte fand in den meisten spanischsprechenden Ländern eine kulturelle Aneignung statt.

Der Brauch entwickelte sich in jedem Land etwas anders. Die Mexikaner ersetzten den Stierkämpfer durch einen Bären. In Texas, das bis 1845 zu Mexiko gehörte, wählte man Bullen mit langen Hörnern (Longhorns) und hetzte sie in einer Arena gegen angekettete Grizzlybären. Besonders beliebt waren diese blutigen Kämpfe bei den Goldgräbern in Kalifornien während des Goldrauschs (1848–1854).

Bulle und Bär hatten unterschiedliche Kampftechniken. Während der Bulle mit gesenktem Kopf angriff und versuchte, den Gegner aufzuspiessen, von unten nach oben, wehrte sich der Bär in Bud-Spencer-Manier und versetzte dem Angreifer einen wuchtigen Prankenschlag von oben nach unten.

Es war schliesslich der spanische Autor Don Joseph de la Vega (1650– 1692), der mit seinem 1688 erschienenen Standardwerk über die Amsterdamer Börse Bulle und Bär auf das Börsenparkett hievte. In seiner moralisierenden Streitschrift «Verwirrung der Verwirrungen» steht der Bulle wegen seiner Kampftechnik für steigende Kurse, der Bär für fallende Kurse.

Die Bezeichnung «bullish» für Optimisten und «bearish» für Pessimisten hat sich bis heute gehalten. Der Bildhauer Arturo Di Modica (1941–2021) glaubte an die Macht der Wall Street und setzte 1989 mit seiner drei Tonnen schweren Bronzeskulptur dem «Charging Bull» ein Denkmal nahe der New Yorker Börse.

Es waren jedoch weder der Bär noch diverse Vandalenakte, die dem Goldenen Kalb der «Raubtierkapitalisten» die Stirn boten, sondern ein kleines, furchtloses Mädchen («Fearless Girl») aus Bronze, erschaffen von der Künstlerin Kristen Visbal (59). Sie protestierte 2017 gegen den Mangel an weiblichen Führungskräften in amerikanischen Chefetagen. Doch der Bulle war stärker und vertrieb das selbstbewusste Kind von der New Yorker Stock Exchange.

Und der Bär? Für Pessimismus gibt es an der Wall Street keinen Standplatz. Denn: «Only the sky is the limit», nur der Himmel ist die Grenze.


Claude Cueni (66) ist Schriftsteller und lebt in Basel. Er schreibt jeden zweiten Freitag im Blick. Soeben ist sein Thriller «Dirty Talking» erschienen.

Die Bronze-Skulptur des furchtlosen Mädchens bot dem Börsen-Bullen die Stirn.

©© »Prosecco Moralismus«

Für Einfachgestrickte ist Putin Russland und Russland ist Putin. Folgerichtig nötigen sie Bäckereien ihren #Russenzopf umzubenennen. Die Basler Grossbäckerei Sutterbegg nennt das süsse Gebäck nun Nusszopf, bei der Confiserie Steinmann in Thun heisst es nun Hefestollen, in der Baser Edelconfiserie Gilgen: Hefesüssgebäck. Grossartig! Jetzt muss sich Putin vor Schreck gleich mit beiden Händen am Tisch festkrallen.

Die russische Geschichte ist jahrtausendealt, Putin etwas weniger. Mit Russland assoziere ich Gorbatschow, Kasparov, Marina Owsjannikowa, Dostojewski, Leo Tolstois »Krieg und Frieden«, Matrjoschka Puppen, Wodka, Mongolensturm, Peter der Grosse, Lenin, Stalingrad usw. usf. Was hat das mit Putin zu tun?

Putin hat den barbarischen Einmarsch in die Ukraine befohlen. Nicht der Russenzopf. #Putin ist Russe. Aber Russland ist nicht Putin. Man ist stets auf der sicheren Seite, wenn man jetzt pauschal die gesamte russische Kultur verteufelt und cancelt. Was für ein undifferenzierter, opportunistischer Prosecco Moralismus zur täglichen Imagepflege.

Ich habe in Sankt Petersburg einen jungen Kollegen. Er ist orthodoxer Jude, in der Ukraine geboren, hat einen russischen Pass, seine gesamte Verwandtschaft ist russisch-ukrainisch durchmischt, er entzog sich dem Kriegsdienst und verlegte sein Business nach Armenien. Als auch dort der Krieg ausbrach, floh er in die Türkei. Ist er für Putins Krieg mitverantwortlich?


Soeben erschien der Thriller »Dirty Talking«.


Blick 021 »Besuch aus dem Jenseits«

Allerheiligen. Diese Kolumne erschien am 19. Oktober 2018 als Nummer 21.


 

«Alle Menschen fürchten sich vor Samhain. Sie bleiben zu Hause und setzen sich ans Feuer. Wenn sie ein Geräusch hören, stellen sie sich taub. Sie stehen nicht auf und schauen nicht nach. Sie wissen, es sind die Toten, die sie heimsuchen. Man spürt ihr Kommen, ihren Atem. Die Anderswelt vermischt sich mit unserer Welt. Wer Fragen an die Götter hat, stellt sie in der Nacht von Samhain.»

 

So beschrieb ich einst in meinem historischen Roman «Das Gold der Kelten» das irisch-keltische Fest, das in der Nacht zum 1. November gefeiert wird. Das Ahnenfest läutet die dunkle Jahreszeit ein. Es hat einige hundert Jahre gedauert, bis daraus das Fest «aller Heiligen» wurde.

 

Im frühen Christentum gab es bald einmal mehr als 365 heiliggesprochene Verstorbene, und man konnte nicht mehr jedem einen persönlichen Jahrestag widmen. Papst Bonifatius IV. griff deshalb 609 n. Chr. zum Rotstift und versetzte «alle Heiligen» auf den ersten Sonntag nach Pfingsten. Das hielt die Heiden nicht davon ab, weiterhin am 1. November ihr Totenfest zu feiern. Also verschob Papst Gregor IV. im Jahr 835 den Tag «aller Heiligen» auf den 1. November. So wurde aus einem heidnischen Kult ein christlicher Feiertag.

 

Irische Einwanderer brachten Samhain in die USA. Der Kult schwappte von Europa über, verschmolz mit regionalen Bräuchen und verkam als «Halloween» zu einer Karnevals-Variante von «The Walking Dead».

 

Heute pilgern immer weniger Christen an Allerheiligen auf die Friedhöfe, um in ehrfürchtiger Stille den Verstorbenen zu gedenken. Wesentlich entspannter gedenkt man auf den Philippinen der Toten. Man picknickt auf ihren Gräbern, trinkt mit ihnen San-Miguel-Bier (also stets zwei Flaschen aufs Mal), man hört Musik, pokert und zeigt den Verstorbenen, dass sie immer noch Teil der Familie sind.

 

Auch in Mexiko ist «Der Tag der Toten» (Día de Muertos) ein spektakuläres Volksfest, gigantische Skelette werden durch die Strassen getragen, in den Bäckereien werden süsse «Knochen» verkauft.

 

Wie Ostern und Weihnachten ist mittlerweile auch Allerheiligen ein Fest des Detailhandels geworden, an dem nicht Osterhasen oder Christbaumkugeln, sondern Halloween-Masken das Geschäft beleben.

Blick 123 »Jeder will Star sein, keiner Publikum«

Die Strassen waren leer gefegt, Theater, Kinos und Universitäten geschlossen, gebannt starrten im Januar 1962 knapp 90 Prozent der deutschsprachigen Fernsehzuschauer in ihre klobigen Röhrengeräte. War der Papst zum Islam konvertiert? Waren Ausserirdische in St. Moritz gelandet? Nein, gesendet wurde der Krimi-Sechsteiler «Das Halstuch» von Francis Durbridge.

Da der Fernseher noch kein Massenmedium war, traf man sich bei Nachbarn, Freunden oder Verwandten zum geselligen Mörderraten. Schwarz-weiss waren nicht nur die bewegten Bilder, sondern auch die Ansichten. Man war entweder männlich oder weiblich, katholisch oder protestantisch, Cervelat-Fan oder Steak-Fan.

Heute ist man entweder Fleischesser, Flexitarier, Pescetarier, Vegetarier, Veganer oder Frutarier. Man ist nicht mehr entweder männlich oder weiblich, sondern polysexuell, demisexuell, asexuell, ambisexuell oder autosexuell. Hauptsache anders.

Demonstriert man gegen das Klima, will man nicht Fusssoldat in der Fridays-for-Future-Bewegung sein, sondern gründet eine neue Gruppe mit neuem Namen und klebt an anderen Schauplätzen. Betreibt einer im Museum Foodwaste mit Tomatensuppe, benutzt der Nächste Kartoffelstock. Hauptsache unverwechselbar und medientauglich. Das sei für eine erfolgreiche «Jagd nach dem nächsten Selfie» hilfreich, schreibt der ehemalige FFF-Aktivist Clemens Traub. 15 Minuten Ruhm.

Jede radikale Gruppe schärft ihre Konturen, indem sie sich gegen andere abgrenzt und diese anfeindet. Mit dem Untergang der Landeskirchen und des linearen Fernsehens ist gemeinsames Erleben kaum noch möglich. Jeder ist sein eigener Programmdirektor, sein eigener Verleger, und alles, was er anfasst, kann personalisiert werden, von der Kaffeetasse bis zur Fototapete.

Alles soll einmalig sein wie das Individuum selbst. Jeder ringt um Aufmerksamkeit, will ein Star sein wie damals im Hotel Mama, als Quengeleien vor den Schokoriegeln an der Ladenkasse zum Erfolg führten. Keiner will Publikum sein. Mit der Selfie-Kultur wurde die Zellteilung der Ich-Gesellschaft noch beschleunigt.

Trotzdem wollen wir Teil von etwas Grösserem sein, aber innerhalb dieser Gruppe unverwechselbar. Sei es auch nur durch ein Tattoo.


Soeben erschienen »Dirty Talking«


 

Blick 122 »1982. Als Reagan eine russische Gaspipeline zerstörte»

 

Mit dem geplanten Raketenabwehrsystem SDI im All wollte US-Präsident Ronald Reagan (1911–2004) das Wettrüsten gewinnen und das «Evil Empire» (Reich des Bösen) in den Ruin treiben. Mehrere Hundert Sowjet-Spione waren im Westen unterwegs, um moderne Technologie zu stehlen. Die CIA belieferte einige mit manipulierter Software für die Pipeline-Steuerung, um die grösste Einnahmequelle der «Achse des Bösen» zu zerstören.

Damit kein Verdacht aufkam, funktionierte die Software anfangs reibungslos. Erst nach einiger Zeit wachte der im Sourcecode versteckte Trojaner auf und veränderte die Einstellungen für Pumpen, Turbinen und Ventile. Eine der grössten Gaspipelines der UdSSR flog 1982 in die Luft. Der KGB sprach von einem technischen Defekt, andere von Sabotage.

Der Mathematiker David Grimes analysierte bereits in den 1960er-Jahren die populärsten Verschwörungstheorien und errechnete eine Wahrscheinlichkeit von 95 Prozent, dass ein Geheimnis nach durchschnittlich vier Jahren gelüftet wird. Weil es schlicht zu viele Mitwisser gibt. Die einen beginnen zu plaudern, weil sie sich ungerecht behandelt fühlen, andere wollen auf dem Sterbebett noch reinen Tisch machen.

Bei der transsibirischen Pipeline war es schliesslich Thomas C. Reed (88), Sonderberater des Nationalen Sicherheitsrats unter Reagan, der nach einem Vierteljahrhundert das Geheimnis lüftete.

Heute fragen wir uns, wer für die Sabotage von Nordstream 1 und 2 verantwortlich ist. TV-Kommissar Columbo würde nach dem Prinzip «Cui bono?» vorgehen – «Wem zum Vorteil?» – und die USA aufgrund erdrückender Indizien vorladen, zumal diese nie einen Hehl daraus gemacht haben, dass sie Nordstream verhindern werden.

Trotzdem macht es wenig Sinn, wenn sich die «Experten» jetzt gegenseitig anfeinden, denn sicher ist (im Augenblick) nur eins: Keiner weiss mehr. Gemäss David Grimes werden wir es eines Tages wissen.


Blick 121 »Und jetzt noch das Wetter«

Als das römische Imperium sein Reich nach Nordosten erweitern wollte, wurden sie von einem für sie ungewohnten rauen Klima mit Dauerregen, Nebel und Kälte überrascht. Die drei Legionen des Varius versanken mit ihren schweren Rüstungen im Morast und verloren die Schlacht im Teutoburger Wald. Das Wetter hatte den Sieg des germanischen Heerführers Arminius begünstigt.

Im Dezember 1941 nutzten die Japaner einen Taifun, um unentdeckt den US-Stützpunkt Pearl Harbour zu erreichen. Die japanischen Wetterauguren lagen richtig.

Wettervorhersagen sind seit dem Altertum bekannt und für Landwirtschaft und Militär von grossem Interesse. Ähnlich wie Chart-Techniker, die aufgrund der Börsenhistorie die Aktienkurse von morgen schätzen, notierte man früher Luftdruck, Temperatur und Niederschläge der letzten Tage, um das Wetter von morgen zu berechnen.

Doch erst mit der Erfindung des Telegrafen im 19. Jahrhundert wurden verlässliche Voraussagen möglich. Es war der französische Mathematiker und Astronom Urbain Le Verrier, der am 19. Februar 1855 der Pariser Akademie der Wissenschaften die erste wissenschaftliche Wetterprognose präsentierte. Sie war richtig. Er hatte sie aufgrund telegrafisch übermittelter Daten aus ganz Frankreich erstellt.

Auch heute sind Satellitendaten für das Europäische Zentrum für mittelfristige Wettervorhersage (EZMW) verlässlicher als Daten aus der Atmosphäre, die täglich von rund 3500 Flugzeugen geliefert werden. Die Verlässlichkeit beträgt für die nächsten 24 Stunden etwa 90 Prozent. Nicht nur Tourismuszentren würden sich wünschen, das Wetter beeinflussen zu können. Ist das möglich?

Bereits 1940 prophezeite US-Luftwaffenkommandant George Kenney: «Die Nation, die als erste die Wege von Luftmassen kontrollieren kann und lernt, Ort und Zeitpunkt von Niederschlägen zu bestimmen, wird den Globus beherrschen.»

Während des Vietnamkriegs beschoss die US-Armee Regenwolken mit Silberjodid, um diese über den Marschrouten der Nordvietnamesen abregnen zu lassen. In Thailand nützt man das Verfahren Fon luang (königlicher Regen), um Dürreperioden zu verhindern. In China arbeiten bereits 50’000 Wolkenkrieger, um gezielt «Wolken zu melken». Sofern welche da sind.