110 Blick »Freie Rede und reiche Wichser«

 

«Wieso gehört am Ende alles reichen Wichsern, die machen können, was sie wollen?», kommentierte ZDF-Moderator Jan Böhmermann den Verkauf von Twitter an Elon Musk. Solche Sätze wird er auch in Zukunft twittern dürfen, denn das Ziel von Elon Musk ist «free speech». Freie Rede bedeutet das Recht, Dinge zu sagen, die niemand hören will.

Ist Böhmermann, der mit den Regelungen der US-Aufsichtsbehörde SEC offenbar nicht vertraut ist, auch ein «reicher Wichser», nur weil er gemäss Vermögensseiten geschätzte fünf Millionen besitzt? Es ist komplizierter. Das schnoddrige Etikett hängt nicht wirklich vom Vermögen ab.

Klimaaktivistin Carla Reemtsma (24) erbte im Schlaf ein millionenschweres Aktienpaket. Zusammen mit ihrer Cousine Luisa Neubauer und Millionärin Greta Thunberg sind sie die Opinion Leaders der deutschen Klimabewegung. Sie haben in ihrer Kindheit alles genossen, was die Verbrennung fossiler Stoffe möglich machte, sind privilegiert um die Welt gereist, haben den Altersrassismus salonfähig gemacht und monetarisieren auf Twitter sehr erfolgreich den unmittelbar bevorstehenden Weltuntergang. Werden sie dafür kritisiert? Entbindet die «richtige Gesinnung» von jedem Verdacht? Gab es einen Shitstorm, als Multimilliardär Jeff Bezos die «Washington Post» kaufte?

Elon Musik verdiente sein Vermögen nicht mit Reden, sondern mit Taten. Mit Tesla und Solarcity tut er mehr für das Klima als der gesamte Akademikernachwuchs, der sich mit Märtyrermiene auf Kreuzungen klebt und die Leute davon abhält, rechtzeitig zur Arbeit zu erscheinen. Schmälert sein finanzieller Erfolg mit SpaceX seine Verdienste?

Celebrities drohen wie üblich mit dem Verlassen von Twitter (und werden trotzdem bleiben). Was fürchten sie denn? Hass und Hetze? Die Grenzen der Meinungsfreiheit zieht der Gesetzgeber und nicht die aktuelle Woke-Redaktion des Kurznachrichtendienstes. Gemäss einer Twitter-Umfrage sagen 70 Prozent der Teilnehmer, dass es auf Twitter keine Meinungsfreiheit mehr gibt.

Musk setzt um, was der französische Philosoph Voltaire am Vorabend der Aufklärung forderte und hofft, dass auch «seine schlimmsten Kritiker auf Twitter verbleiben werden». Denn das sei genau das, was mit «free speech» gemeint sei.

Interview. XUND auf Besuch beim Schriftsteller Claude Cueni

XUND auf Besuch beim Schriftsteller Claude Cueni

Interview: Jörg Weber / 21. April 2022

«Selbstmitleid ist Zeitverschwendung»


XUND: Vor 12 Jahren sind Sie an Leukämie erkrankt. Hatten Sie Symptome, die Sie veranlassten, sich untersuchen zu lassen?

Claude Cueni: Ja, nach dem Krebstod meiner ersten Frau brach mein Immunsystem zusammen. Das war 2008. Meine Nebenhöhlen waren über Monate entzündet und ich verlor immer mehr Kraft und Energie. Am Ende kam ich kaum noch die Treppe hoch. Ich führte meine Erschöpfung auf die anspruchsvolle Pflege meiner verstorbenen Frau zurück. Nachdem der Krebs überall Metastasen gestreut hatte, veränderte sich ihr Wesen und sie wurde sehr bösartig und aggressiv und bestand darauf, dass nur ich sie pflege. 24 Stunden am Tag.

Wie wurde die Leukämie bei Ihnen entdeckt?

Nach ihrem Tod untersuchte ein Hals-Nasen-Ohren-Arzt mein Blut. Eine Knochenmarkpunktion ergab: Akute Lymphatische Leukämie (ALL). Ich wollte nach der Punktion nach Hause und kochen, aber der Arzt auf der Hämatologie sagte, ich müsse gleich hierbleiben, man müsse sofort alle Checkups durchführen, damit man in zwei Tagen mit den Chemos beginnen könne. Mein Sohn war alleine zu Hause. Aufgrund seiner Gehbehinderung war er auf mich angewiesen. Um ihn machte ich mir mehr Sorgen.

Wie wurde die Krankheit behandelt?

Ich lag sechs Monate auf der Isolierstation der Hämatologie des Basler Unispitals, erhielt Chemoinfusionen und wurde bestrahlt. Kaum jemand rechnete damit, dass ich überlebe. Aus den Augen aus dem Sinn. Ich verlor praktisch meinen gesamten Bekanntenkreis. Infolge Hirnblutungen fiel ich ins Koma. Man musste mir beidseitig den Schädel aufbohren. Gerade rechtzeitig wurde nach fünfeinhalb Monaten ein geeigneter Spender gefunden.

Sind Sie mit der medizinischen Betreuung und Behandlung in all den Jahren zufrieden?

Aber sicher! Ich hatte das grosse Glück, dass ich in der Schweiz erkrankte und im Basler Universitätsspital behandelt wurde. Ich empfinde enorm viel Sympathie und Dankbarkeit für das Personal in der Hämatologie. Ich bewundere ihre Leistung, ihre Herzlichkeit und ihre mentale Stärke. Es ist nicht einfach, den ganzen Tag mit Schwerstkranken zu verbringen.

In Ihrem jüngsten Buch «Hotel California» bezeichnen Sie sich als «Schreibmaschine». Trotz Ihrer schweren Erkrankung waren Sie unermüdlich schriftstellerisch tätig und haben unter anderem mehrere Bücher, diverse Artikel und Zeitungskolumnen veröffentlicht. War und ist das Schreiben für Sie auch eine Art Therapie?

Ich habe immer viel geschrieben. Aber nie so viel wie ich wollte, da ich stets viele private Aufgaben hatte. Als ich an Leukämie erkrankte, gab mir das Schreiben Struktur und stärkte meinen Durchhaltewillen. Man will ja ein Buch zu Ende schreiben. In meinem autobiographischen Roman «Script Avenue» schrieb ich: «Solange ich schreibe, werde ich nicht sterben». Jedes Mal, wenn ich ein Buch beendet hatte, realisierte ich, dass ich gemäss Statistik längst tot sein müsste und bereits in der Nachspielzeit lebe. Also begann ich gleich mit dem nächsten Roman und kehrte in meine fiktiven Welten zurück.

Welche Auswirkungen hatte und hat die Corona-Pandemie auf Ihr Leben?

Ich bin seit 12 Jahren immunsupprimiert, d.h. ich muss täglich Medikamente einnehmen, die das Immunsystem unterdrücken. Deshalb verbringe ich eh jeden Winter in Quarantäne. Mit Corona wurden es jedoch 24 Monate. Ich wäre auch länger in Quarantäne geblieben, damit Gesunde nicht eingeschränkt werden. Wegen Corona habe ich notwendige Untersuchungen aufgeschoben. Leider rächt sich das jetzt.

Konnten Sie sich trotz Ihrer Krankheit und den Medikamenten, die Sie nehmen müssen, gegen Corona impfen lassen?

Meine jetzige Frau Dina und ich haben zwei Biontech-Pfizer-Impfungen und den Booster erhalten. Ich habe zurzeit noch ausreichend Antikörper.

Claude Cueni: «Der aussergewöhnlichste Autor der Schweiz»

Matthias Ackeret, Chefredaktor Branchenmagazin «persönlich»

Sie gehören nicht zu den «Mainstream-Schriftstellern» und packen auch in den Medien – wie in Ihrer «Blick»-Kolumne – Themen an, die andere lieber ignorieren. Ein Jahr nach dem Anschlag auf die Satire-Zeitschrift «Charlie Hebdo» 2015 in Paris erschien Ihr Bestseller «Godless Sun», der das Thema Islamismus kritisch beleuchtet. Hatten Sie nie Angst, wie die Mohamed-Karikaturisten von Islamisten «bestraft» zu werden?

Ich gehöre nicht zu den Autoren die ihre Bedeutung überschätzen. Da ich in jener Zeit nur mit viel Glück am hellichten Tag einem Raubüberfall entkam, beantragte ich einen Waffenschein und kaufte mir einen Revolver. Naja, er liegt seitdem in einer Schublade. Und wenn mich einer erschossen hätte, wäre es eher aktive Sterbehilfe gewesen.

Während der ersten Covid-Welle in der Schweiz, erschien Ihr Roman «Genesis. Pandemie aus dem Eis». Wie kamen Sie auf die Idee zu diesem Roman, der sozusagen von der Realität eingeholt wurde?  

Ein Bericht über jahrtausendalte Viren, die man im auftauenden Permafrost gefunden hat, brachte mich auf das Thema. Aber ich hatte nie Interesse einen dystopischen Roman zu schreiben. Im Zentrum steht eine indische Köchin, die vor ihrem Clan nach London flüchtet. Es geht um Menschen und nicht um Themen. Zwei Monate nachdem ich den Vertragsvertrag unterzeichnet hatte, begann die Pandemie. Es wird leider weitere geben.

Abgesehen von den Auswirkungen Ihrer Krankheit: Fällt Ihnen das Schreiben heute aufgrund der Routine und Erfahrung leichter als in Ihren Anfängen als Schriftsteller? Zu welcher Tageszeit sind Sie am produktivsten?

Ja, sehr viel leichter. Wenn ich an einem Roman arbeite, träume ich fast jede Nacht Szenen und murmle Dialoge im Schlaf. Meine verstorbene Frau weckte mich jeweils auf, sie war «not amused», meine jetzige Frau ist Asiatin und nimmt es mit Humor, denn sie weiss: ich arbeite. Wenn ich aufstehe, kann ich weiterschreiben, als hätte ich das, was ich gleich schreiben werde, bereits erlebt. Mit jedem neuen Roman lerne ich dazu, die Dialoge sind geschliffener, die Szenen besser geschnitten. Es ist wohl Murphys Law, dass mir das Schreiben zwar leichter fällt, aber der Körper zerfällt. Da ich auch nachts Muskel- und Nervenschmerzen habe, bin ich spätestens um 02.00 Uhr wach. Nach 12.00 Uhr sind die Batterien leer. Frühmorgens ist meine produktivste Zeit.

XUND-Lesern, die noch nichts von Ihnen gelesen haben: welches Ihrer Bücher empfehlen Sie ihnen als erste Lektüre aus Ihrer Feder?

Niemand muss meine Bücher lesen. Aber wenn jemand fragt, nenne ich den historischen Roman «Das Grosse Spiel» über den Papiergelderfinder John Law. Mein Sohn hatte die Idee. Das Buch war auf Platz 1 der Schweizer Bestsellerliste und wurde in 13 Sprachen übersetzt. In China war es auf der Jahresliste der lesenswertesten Bücher.

Vielleicht ist auch der autobiographische Roman «Script Avenue» erwähnenswert. Mein Sohn hat mich dazu ermuntert, als ich im Spital lag. Die Zuschauer von SRF wählten den Roman zur bewegendsten Geschichte des Jahres und verliehen ihm den »Golden Glory«.

Sie haben in jüngeren Jahren viele Drehbücher für erfolgreiche Fernsehfilme und Fernsehserien wie «Peter Strohm», «Eurocops», «Autobahnpolizei Cobra 11» oder «Tatort» geschrieben. Sehen Sie sich heute noch gern Serien an?

Auf Netflix manchmal. Aber keine deutschsprachigen Serien. Die wollen belehren und nicht unterhalten. Ich wollte kürzlich «Barbarian» schauen, aber die Kelten denken und reden so wie im Jahre 2022, die sind alle woke, das ist unfreiwillig komisch. Nachhaltig beeindruckt hat mich auf Netflix «Queen’s Gambit». Der Film ist aus meiner Sicht perfekt, einfach grandios, ein Meisterwerk. Ich habe ihn bereits dreimal angeschaut.

Ihr letztes Buch «Hotel California» haben Sie als Vermächtnis ihrer 3- jährigen Enkeltochter Elodie gewidmet. Was wollten Sie Elodie damit weitergeben?

Meine Lebenserfahrung, obwohl ich mir im Gegensatz zu vielen Kulturschaffenden bewusst bin, dass ich nicht das Mass aller Dinge bin. Doch das Leben unter dem Damoklesschwert schärft den Blick für das Wesentliche.

2019 lag ich wieder auf der Intensivstation. Die Ärzte sagten mir, es könne jetzt jederzeit zu Ende gehen. Meine Frau fuhr mich nach Hause und ich begann einen Abschiedstext für meine damals noch ungeborene Enkelin Elodie zu schreiben. Ich wollte ihr sagen, was im Leben wirklich zählt, weil man das erst am Ende des Lebens realisiert. Wenn es zu spät ist. Wenn es vorbei ist. Doch der Text ist mir total entglitten und es wurde ein surrealistischer Lebensratgeber in Romanform.

Welche Bücher lesen Sie selbst gegenwärtig?

Keine. Ich lese täglich ca. drei Stunden die internationale Presse: Hongkong, Philippinen, Europa und später USA. Mehr geht nicht. Die Spätfolgen der erfolgreichen Knochenmarktransplantation haben nicht nur 60 Prozent meiner Lunge abgestossen, sondern auch die Augen und anderes mehr geschädigt.

Wann darf Ihre Fangemeinde Ihr nächstes Buch erwarten?

Im August erscheint »Dirty Talking«. Ob es dann noch ein nächstes Buch geben wird, weiss ich nicht. Ich bin letztes Jahr an einem weiteren Krebs erkrankt. Das ist nach 12 Jahren Immunsupression nicht ungewöhnlich, aber auch kein Trost. Dann hat die Polyneuropathie, eine weitere Spätfolge der Bestrahlungen, die Nerven in den Händen geschädigt. Ich kann nicht mehr stundenlang schmerzfrei tippen. Diktieren kommt für mich nicht in Frage, denn ich bin ein impulsiver Schnellschreiber, der permanent korrigiert. Da würde jede Schreibkraft den Verstand verlieren.

Wie wird man mit einer solchen Situation fertig?

Selbstmitleid ist Zeitverschwendung. Man muss sich über das freuen, was noch möglich ist und nicht über das ärgern, was nicht mehr möglich ist. Ich habe trotzdem viel Freude am Leben. Ich habe ein sehr inniges Verhältnis zu meinem Sohn und eine ausserordentliche Frau, die mich mit viel Liebe und Humor durch mein Martyrium begleitet. Mit ihrer Lebensfreude hat sie die philippinische Sonne in meinen Alltag gebracht. In ihrer Kultur zählt nur die Gegenwart.


Interview: Jörg Weber

www.cueni.ch


Biografie kompakt

Claude Cueni

Geboren 1956 in Basel. Muttersprache Französisch. Nach dem frühzeitigen Abbruch der Schule reiste Cueni durch Europa, schlug sich mit zwei Dutzend Gelegenheitsjobs durch, die immer auch der Stoffbeschaffung dienten. Nach  zehn erfolglosen Jahren veröffentlichte er Hörspiele, Theaterstücke, Krimis und über 50 Drehbücher für Film- und Fernsehen.


 

 

109 Blick »Fortschritt durch kulturelle Aneignung«

155 nach Christus schwärmte der griechische Autor Aelius Aristides für Globalisierung und kulturelle Aneignung. Entlang der Handelsrouten wurden Produkte getauscht, zu Hause kopiert und weiterentwickelt. «Cultural appropriation» führte meistens zu einer Bereicherung und Beschleunigung des Fortschritts. Ohne diese gegenseitige Inspiration würden heute noch grosse Teile der Menschheit als Nomaden durch die Steppen ziehen, mit Holzspeeren ihr Mittagessen jagen und Emojis an die Höhlenwände malen. Einige würden bereits in der Bronzezeit leben, andere zum Mond fliegen.

 

Um zu realisieren, wie bescheuert die Kritik der «kulturellen Aneignung» ist, muss man das konsequent zu Ende denken: People of Colour dürfen dann weder Handy noch Internet nutzen, keine Autos fahren, keine Lifte betreten, keine Antibiotika einnehmen. Und kein Nichtweisser dürfte «Give peace a chance» singen. Denn all diese Errungenschaften wurden nun mal von Weissen vollbracht, aber kein Bleichgesicht käme auf die Idee, People of Colour die Nutzung ihrer kulturellen Leistungen übel zu nehmen.

 

Im Gegenteil: Es ist uns völlig egal, ob Nichtweisse jodeln, in Appenzeller Trachten herumlaufen oder Fondue essen. Wir sehen das eher als Kompliment. Und haben wir nicht selbst arabische Zahlen, Geometrie, Astronomie, Schiesspulver, Papierherstellung, den Blues und vieles mehr übernommen? 

 

Darf man sich morgen noch exotische Sprachen aneignen? Es ist schon erstaunlich, dass diese Absurditäten Universitäten erobern. Wie wohlstandsverdorben muss man sein, um solche «Probleme» zu erfinden? Erleben wir nicht bereits in der Gastronomie, wie kulturelle Aneignung Speisekarte und Lifestyle bereichern?

 

Wer diese gegenseitige Befruchtung ablehnt, erschwert die Verständigung zwischen den Kulturen, grenzt sich ab und spaltet die Gesellschaft wie Rechtsextreme, die Fremdartiges ablehnen. Auch wenn die Motivation eine andere ist. 

 

Die Welt ist nun mal bunt wie die Natur und hat nichts übrig für diesen totalitären Zeitgeist. Tragen Sie Dreadlocks, tanzen Sie Samba, kochen Sie indonesisch und schicken Sie Ihre Kinder in Indianerkostümen an die Fasnacht. Wenn jemand damit ein Problem hat, ist es sein Problem und nicht Ihr Problem.

Verlängert Nestlé Putins Krieg?

Gastkommentar, Blick vom 21.3.2022

Die Arbeitsgruppe Dritte Welt Bern nannte 1974 ihre Studie «Nestlé tötet Babys» und kritisierte das Marketing, das dazu führe, dass stillfähige Mütter ihren Babys lieber Nestlés Milchpulver verabreichten und dieses mit verunreinigtem Wasser zubereiteten. In späteren Jahren wurde dem weltweit grössten Nahrungsmittelkonzern vieles vorgeworfen: Tierversuche, Kinderarbeit, die Zerstörung des Regenwaldes und die Gewinnung von Flaschenwasser, das je nach Region zu einem Absinken des Grundwasserspiegels führte.

Nestlé wurde zu einem Lieblingsfeind der NGOs. Wer Nestlé bashte, war stets auf der sicheren Seite. Denn alles, was «multinational» ist und erfolgreich Milliarden umsetzt, ist für viele bereits des Teufels. Man vergisst dabei gern, dass es nicht Secondhandshops sind, die Schulen, Spitäler und Sozialsysteme finanzieren. Trotzdem muss Kritik geübt werden, wenn Kritik angebracht ist. Aber 1974 ist nicht 2022.

Der Naturforscher Alexander von Humboldt (1769–1859) sagte einst, die gefährlichste aller Weltanschauungen sei die Weltanschauung derer, die sich die Welt nie angeschaut haben. Hat einer der Anti-Nestlé-Demonstranten jemals einen Geschäftsbericht von Nestlé gelesen?

2017 wurde der deutsche Mark Schneider CEO und begann im Eiltempo einen Konzern umzukrempeln, der in 189 Ländern 328 000 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter beschäftigt. Das zu Recht kritisierte Wassergeschäft in den USA wurde grösstenteils abgestossen, Schneider steckte rund eine Milliarde in fleischlose Ernährung, stufenweise Reduktion von Zucker und Salz, umweltfreundliche Verpackungen und nachhaltiges Wirtschaften. Nicht zur Freude aller Aktionäre. Haben die Nestlé-Hater diesen Wandel nicht mitbekommen? Auch wenn die Motive mehrheitlich geschäftlicher Natur sind, ändert es nichts daran, dass der Konzern grüner wird, als man sich das jemals hätte vorstellen können.

Nach «Nestlé tötet Babys» skandiert man heute, dass Nestlé Putins barbarischen Krieg mitfinanziert. Aus diesem Narrativ lassen sich eindrückliche Fotomontagen kreieren. Doch es geht nicht um Rohstoffe, Elektronik oder militärisch nutzbares Material, das den Krieg verlängern würde. Es geht um Nahrungsmittel, die in Russland für den russischen Markt produziert werden und 7000 Angestellten (und ihren Familien) ein geregeltes Einkommen sichern. Ähnlich wie Nestlé verfahren auch Konkurrenten wie Mondelez, Danone und Unilever.

Man kann das kritisieren, wenn man abends friedlich in einem Wohnzimmer sitzt, das mit russischem Gas geheizt wird, und dabei eine Pizza Buitoni (Nestlé) isst, anschliessend einen Becher Häagen-Dazs (Nestlé) geniesst und sich zum Abschluss einen Nespresso genehmigt.

Ein Kollege von mir lebt in Russland, ist in der Ukraine geboren, dort lebt auch seine gesamte Verwandtschaft. Putins Krieg hat seinen internationalen Onlineshop ruiniert. Bei einem Produktions- und Lieferstopp von Grundnahrungsmitteln würde sich die Wut nicht gegen Putin richten, sondern gegen den Westen. Das würde eine Normalisierung nach Kriegsende doch erheblich erschweren.

Wer wirklich Putin mit Boykotten finanziell austrocknen will, muss aufhören, täglich (!) für 660 Millionen Euro russisches Gas und Öl zu importieren und in Kauf nehmen, dass auch eigene Betriebe lahmgelegt werden und zu Hause ein bisschen gefroren wird. Frieren für den Frieden? Lieber nicht, werden einige sagen, und eine gelbblaue Fahne aus dem Fenster hängen und ein paar bunte Smarties (Nestlé) einwerfen. 

 

108 Blick »Von linken und rechten Faschisten«

«Wenn der Faschismus wiederkehrt, wird er nicht sagen: ‹Ich bin der Faschismus.› Nein, er wird sagen: ‹Ich bin der Antifaschismus.›» Das Zitat stammt vom italienischen Sozialisten Ignazio Silone (1900– 1978), nachzulesen in François Bondys Buch «Pfade der Neugier: Portraits».

Die Antifaschisten nennen sich heute «Antifa» und marschieren meist vermummt mit Slogans wie «Zürich nazifrei» durch die Strassen. Stehen die Nazis etwa kurz vor der Machtübernahme?

Im Jahr 2020 wurden gemäss dem Lagebericht 2021 des Nachrichtendienstes des Bundes 208 Ereignisse im Bereich Links- und 21 Ereignisse im Bereich Rechtsextremismus beobachtet. Bei den Gewalttaten wurden beim Linksextremismus 107 Fälle registriert, beim Rechtsextremismus ein Fall.

Hat etwa die Antifa die Schweiz bereits erfolgreich von den Nazis gesäubert? Oder macht sie aus einer überschaubaren Gruppe militanter Extremisten gleich eine halbe Armee, um ihre Saubannerzüge zu legitimieren und ihre Aktionen noch heldenhafter erscheinen zu lassen?

Rechtsextremisten und Linksextremisten sind Brüder und Schwestern im Geiste. Sie haben mehr Gemeinsamkeiten mit Mussolinis Schlägerbanden und der Prügeltruppe des russischen Innenministeriums (Omon), als ihnen lieb ist.

Der heute 86-jährige Horst Mahler sorgte in Deutschland als linker Terrorist für Furore, heute ist er Neonazi und Holocaustleugner. Er hält seine 180-Grad-Pirouette nicht für einen Seitenwechsel, sondern für eine Weiterentwicklung. Geblieben ist der Extremismus. Wechsel ohne Wandel gibt es auf beiden Seiten.

Der Engländer Matthew Collins gehörte einst zur rechtsextremen Combat-18-Gruppe, heute kämpft er gegen seine einstigen Kumpels.

Qaasim Illi, Vorstandsmitglied des Vereins Islamischer Zentralrat Schweiz (IZRS), wurde 2005 in Schaffhausen wegen des Besitzes von verbotener Pornografie mit menschlichen Ausscheidungen verurteilt. 2020 trägt er Bart und wird wegen Veröffentlichung zweier islamistischer Propagandavideos verurteilt.

Was die meisten linken und rechten Extremisten oft gemeinsam haben: Antisemitismus, Antikapitalismus, Demokratiefeindlichkeit und Missachtung der Meinungsfreiheit. Einem totalitären Staat sind sie selten abgeneigt. Sofern sie alleine am Steuer sitzen.


Claude Cueni schreibt jeden zweiten Freitag im Blick. Zuletzt erschienen im Verlag Nagel & Kimche die Romane «Genesis» (2020) und «Hotel California» (2021).

Im August 2022 erscheint der Thriller »Dirty Talking«.

107 Blick »Tote Pferde kann man nicht reiten«

Der kleine Junge erschrak zu Tode. Ein zotteliger Eisbär von zwei Meter Länge hatte seine riesigen Pranken auf seine Schultern gelegt. Er schrie, doch seine Eltern lachten ihn aus. Sie befahlen ihrem Sohn, endlich stillzuhalten, damit der Fotograf an der Strandpromenade Ostseebad ein unverwackeltes Bild schiessen konnte. 

Heute findet man ab und zu auf Flohmärkten vereinzelt Schwarz-Weiss-Fotos, auf denen Touristen mit einem Eisbären posieren. Die Unbekannten im Eisbärenkostüm sitzen auf Motorrädern, posieren mit US-Soldaten, schieben Kinderwagen, stehen stramm neben Geschäftsleuten in feinem Tuch oder herzen Frauen in Badeanzügen in einer zweideutig frivolen Art, die heute eine hysterische Bärenjagd auslösen würde

Den Hype ausgelöst hatte der Berliner Zoo in den 1920er-Jahren. Um die Attraktivität zu erhöhen, steckte er einen hitzebeständigen Angestellten in ein schneeweisses Eisbärenkostüm und schickte ihn zusammen mit einem Fotografen vor den Eingang. Heute kann man in den Niederlassungen von Madame Tussauds in London, New York oder Shanghai mit Albert Einstein, Queen Elisabeth oder Dwayne Johnson posieren. Damals waren solche Erinnerungsfotos so aussergewöhnlich, dass daraus ein Geschäft wurde. Eingespielte Duos traten an Jahrmärkten auf und sicherten sich damit ein gutes Einkommen. Ein Fotoshooting kostete mehr, als ein Arbeiter in der Stunde verdiente. 

Nie das Ende von allem

Ende der Sechzigerjahre besassen immer mehr Menschen einen eigenen Fotoapparat, Kameras aus Fernost eroberten den Massenmarkt, das Schwitzen im Eisbärenkostüm hatte ein Ende. Die Fotografen suchten sich neue Sujets, denn «auf toten Pferden kann man nicht reiten». Wer die Weisheit der Dakota-Indianer nicht beherzigte, den bestrafte das Leben. Kostümierte Maskottchen wurden im Fussball, in Disneyparks und vor Fast-Food-Ketten gebräuchlich, aber die Zeit der Eisbären war endgültig vorbei. 

Der technische Fortschritt beendet sowohl die kleinen als auch die grossen Hypes, die der Zeitgeist ausscheidet. Er lässt Branchen sterben und neue entstehen. Das Ende von etwas ist nie das Ende von allem.

Die Eisbären sind verschwunden, der Drang nach dem «besonderen Foto» ist geblieben. Im Selfiezeitalter ist jeder sein eigener Eisbär.

106 Blick »Licht aus«

 

Wo der Herr nicht die Stadt behütet, dort wacht der Wächter umsonst», heisst es in Psalm 127. Doch da der Herr keine Securitas-Dienste verrichtet, wurde in den rasch anwachsenden Städten des 18. Jahrhunderts ein neuer Beruf geboren: der Nachtwächter.

Er sorgte für Law and Order und sagte sogar die Stunden an, was Schlafende bestimmt brennend interessiert hat.

Die Zeitanzeige diente vor allem dem Nachweis, dass er seinem Beruf nachkam. Eine frühe Version der Stechuhr. Mit Hellebarde, Schlüsselbund, Laterne und Horn schritt er die Gassen ab, überprüfte die Stadttore und erfüllte auch polizeidienstliche Aufgaben. Trotzdem entsprach sein Ansehen in etwa dem des Henkers. Man war auf ihn angewiesen, aber man mochte ihn nicht.

Mit dem weiteren Anwachsen der Städte wurde der nächtliche Allrounder allmählich durch Feuerwehren und Polizeidienste ersetzt, und nach der Elektrifizierung der Städte war er nur noch Geschichte. Es wurde Licht.

Heute möchten Lichtskeptiker diese Errungenschaft am liebsten rückabwickeln, doch aus gutem Grund gab es bereits in der Antike Strassenbeleuchtungen. Öllampen in Mauernischen boten Lichtpunkte, die Spätheimkehrern die Orientierung erleichterten. Vermögende konnten sich zwar einen Sklaven leisten, der ihnen mit einer Fackel voranging, aber in der Regel blieben die Menschen nach Einbruch der Nacht zu Hause. Auch aus Sicherheitsgründen.

Das leuchtete auch dem Sonnenkönig Louis XIV. (1638–1715) ein. Ab 1667 wurden die Strassen von Paris mit Öllampen beleuchtet. In einer Zeit, in der man den Nachttopf noch aus dem Fenster kippte, war es hilfreich, wenn man sah, wohin man trat. Es ging dem König aber nicht um die Verhinderung von Schenkelhalsbrüchen, sondern um das Verscheuchen von kriminellem Gesindel.

Die Zeit der Aufklärung war in doppeltem Sinn die Zeit der Lichter (siècle des lumières). Nicht alle mochten sie. In Winterthur stritten Anfang des 19. Jahrhunderts Konservative gegen Modernisten, weil künstliches Licht angeblich einen Eingriff in die göttliche Ordnung darstellt. Heute fordern einige ein staatliches Verbot von nächtlicher «Lichtverschmutzung» im Stadtgebiet. Gilt für Mieter in Hochhäusern demnächst Lichterlöschen ab Mitternacht?

105 Blick »Die Toten ruhen, die Hinterbliebenen streiten«

Man könnte viele Beispiele für unsinnige Ausgaben nennen, aber keines ist treffender als die Errichtung einer Friedhofsmauer. Die, die drinnen sind, können sowieso nicht hinaus, und die, die draussen sind, wollen nicht hinein.» Mark Twain

 

Bereits vor rund 120 000 Jahren begruben einige Homo sapiens Verstorbene in ihren Siedlungen. Die Ägypter errichteten den Pharaonen Pyramiden, die Römer ihren Adligen luxuriöse Grabmäler auf öffentlichen Plätzen. Weniger Berühmte verbannte man ausserhalb der Stadtmauern, Arme wurden eingeäschert.

 

Nachdem Kaiser Konstantin die christliche Religion anerkannt hatte, entstanden Kirchen mit angebauten Friedhöfen. Die Pest im 14. Jahrhundert führte dazu, dass man Verstorbene vermehrt ausserhalb der Städte begrub, und 500 Jahre später wurde es zur neuen Normalität, weil die Städte aus allen Nähten platzten.

 

Es war schliesslich Napoleon, der 1804 in den von ihm besetzten Gebieten eine Bestattungs- und Friedhofsordnung verordnete. Am Stadtrand entstanden nun parkähnliche Friedhöfe, die nach dem immer gleichen Muster angelegt waren. Mit diesen Reihengräbern wollte Napoleon deutlich machen, dass der Tod alle Menschen gleich macht.

 

1970 bekannten sich in der Schweiz noch 96 Prozent der Bevölkerung zu einer der beiden Landeskirchen. Dreissig Jahre später sind es noch 56 Prozent und 31 Prozent Religionslose. Die restlichen Prozente teilen sich muslimische, jüdische, buddhistische und hinduistische Gläubige. Einige stören sich nun an den christlichen Symbolen auf Schweizer Friedhöfen.

 

Dass Trauernde sehr empfindlich sind, ist verständlich, haben sie doch einen geliebten Menschen verloren. Und viele unter ihnen begegnen an der Beerdigung auch noch all jenen Verwandten, denen man seit Jahren erfolgreich aus dem Weg gegangen ist.

 

Napoleon würde sich dennoch nicht im Grab umdrehen, wenn er miterleben müsste, wie die Fragmentierung der Gesellschaft weiter voranschreitet und jeder die Erfüllung seiner Partikularinteressen verlangt. Er ruht nämlich im Pariser Hôtel des Invalides.

 

Eine für die Steuerzahler günstige Lösung wäre eine Videowand, die Porträts der Verstorbenen oder Hintergründe mit religiösen Motiven abspielt. Eine Multimedia-Jukebox für die Hinterbliebenen.

104 Blick »Tim & Struppi bei den Nazis«

«Wenn ich eine Tochter hätte, würde ich ohne Zweifel zögern, ihre Heirat mit einem Ausländer gutzuheissen, und zwar, um ihr zukünftige Probleme zu ersparen. Wenn ich so darüber nachdenke, vielleicht bin ich immer noch ein Rassist.» Ein spätes Bekenntnis von Georges Remi (1907–1983) alias Hergé aus dem Jahr 1973 im Magazin «Le Point». Der Mann, der Grossartiges geleistet hat, war als Mensch alles andere als grossartig. Nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges wurde er wegen Kollaboration mit den Nazis verurteilt.

 

In diesem Monat wird seine Kultfigur Tim 92 Jahre alt. Das umstrittenste Abenteuer fand im Kongo statt. Der Band erschien 1931, während in europäischen Völkerschauen «halbnackte Neger» wie Tiere zur Schau gestellt wurden. Ausserhalb der Menschenzoos waren die Strassen elektrifiziert, Wolkenkratzer ragten in den Himmel, Dampfschiffe, Züge und Autos verkürzten die Reisewege und Uhren gaben den Takt an. Die Zeitgenossen hielten Weisse deshalb für überlegen und Hergé, ein Kind seiner Zeit, zeichnete einen jungen, weissen Reporter, der von vier Kongolesen in einer Sänfte durch die Savanne getragen wird.

 

Erstaunlich, denn damals berichtete bereits die gesamte Weltpresse über die Kongo-Gräuel des nimmersatten belgischen Königs Leopold II. Acht bis zehn Millionen Kongolesen waren zwischen 1888 und 1908 ermordet worden, um die Gewinnung von Kautschuk für die boomende Automobilindustrie zu beschleunigen. Hergé muss das gewusst haben. Kein Verleger würde heute so was drucken.

 

Muss man also dieses Album verbieten?

 

Der Kongolese Bienvenu Mbutu Mondondo meint: ja! Er klagte 2012 vor einem belgischen Gericht, dass der Comic Schwarze als «notorische Faulenzer» darstelle und dass sie «aussehen wie Affen und wie Geistesgestörte reden». Das Gericht entschied, die Klage sei durchaus zulässig, aber unbegründet, weil sie nicht gegen das Rassismus-Gesetz von 1981 verstosse. Vielmehr spiegle Hergés Darstellung der Afrikaner die damalige Zeit wider.

 

Geschichte ist oft abscheulich, skandalös und abstossend. Verbieten bedeutet, den damaligen Zeitgeist zu leugnen und die Vergangenheit zu verfälschen. Wie soll man die Gegenwart verstehen und daraus lernen, wenn Geschichte gelöscht wird?


Claude Cueni ist Schriftsteller und lebt in Basel. In seinem parodistischen Roman «Warten auf Hergé» machen sich Tim & Struppi auf die Suche nach ihrem Schöpfer.


 

Weltwoche: Der grosse Reset muss warten

© Die Weltwoche
13. Januar 2022 / leicht aktualisierte Fassung vom 18. Mai 2022


Der grosse Reset muss warten


Claude Cueni


Ich bin kein Marketingmann in eigener Sache, sondern – wenn Sie so wollen – eine asoziale Figur», kokettierte der Gründer des World Economic Forum (WEF), Klaus Schwab, 83, im Gespräch mit seinem Biografen Jürgen Dunsch. Der deutsche Professor Schwab, der sich gerne in der Pose des Messias inszeniert, sagt Sätze wie: «Ich verbringe nicht gerne Zeit mit Menschen, die mich geistig nicht weiterbringen.» Besonders schätzt er die Gespräche mit der «grossen Führungspersönlichkeit» Prinz Charles, einem seit Geburt steuerfinanzierten Privatier, der das Klima retten will. Innerhalb und ausserhalb der Familie.

1971 veranstaltete Klaus Schwab mit seiner Frau Hilde ein Management-Symposium in Davos. Es kamen 440 Teilnehmer. Fünfzig Jahre später waren es bereits 3000, darunter Staatsoberhäupter, Wissenschaftler, die Schwergewichte aus Finanz und Wirtschaft, und Weltstars aus der Unterhaltungsindustrie. Soziologieprofessor Jean Ziegler, 87, ärgert sich: «Ihm gelingt es, mit seinem WEF-Zirkus, der nichts anderes ist als heisse Luft, ein Millionenvermögen zu machen.»

Der Umsatz von Schwabs steuerbegünstigter Stiftung überstieg vor der Pandemie die 300-Millionen-Grenze, mittlerweile beschäftigt das im Kanton Genf domizilierte World Economic Forum 700 Vollzeitmitarbeiter aus über achtzig Nationen. Industrie- und strategische Partner bezahlen für eine Teilnahme an den Initiativen des Forums zwischen 250 000 und 500 000 Schweizer Franken. Seit 2015 ist das WEF in der Schweiz als gemeinnützige internationale Organisation anerkannt und hat somit die gleichen Privilegien wie das Rote Kreuz.

Was verdient Schwab mit seinem Business, das er unter dem Label «Weltenrettung» betreibt? Als Vorsitzender des Stiftungsrates und Präsident der Stiftungsleitung in Personalunion zahlt er sich ein Jahressalär von rund 800 000 Schweizer Franken aus. Im Vergleich zu seinen illustren Gästen ein eher bescheidenes Einkommen. Doch Schwabs Datingplattform für die Weltelite ist heute eine gutgeölte, Bundessteuer-befreite Geldmaschine.

Die Einnahmen gehen an Schwabs Stiftung, die Ausgaben für die Sicherheitsmassnahmen in Davos werden hingegen dem Schweizer Steuerzahler aufgebürdet: 45 Millionen Franken (2020). Das WEF, das über Reserven von über 300 Millionen Franken verfügt, beteiligte sich bisher lediglich mit rund 2 Millionen. Schwab rechtfertigt die Kostenaufteilung mit der Bedeutung des WEF für die Welt. Er erwähnt Erfolge wie das Davoser Abkommen zwischen der Türkei und Griechenland. Er habe es persönlich eingefädelt und damit einen Krieg verhindert. Manchmal sagt er auch: «Eigentlich ist es [das WEF] ein grosses Familientreffen.» Das Motto bleibt gleich: «Improving the state of the world» – den Zustand der Welt verbessern. Nicht mehr und nicht weniger.

 

«The world is not enough»

In der Öffentlichkeit wirkt Klaus Schwab stets etwas steif und schüchtern. Aber das täuscht. Sein Ego kennt keine Grenzen. Es ist so gross, dass er sich mit fremden Federn schmücken muss. Unverdrossen behauptet er, Urheber der Stakeholder-Theorie zu sein. Diese wurde jedoch bereits 1963 am amerikanischen Stanford Research Institute entwickelt. Angesichts der in der Tat eindrücklichen unternehmerischen Leistung hat er das nicht nötig, aber «The world is not enough».

Ein früherer WEF-Manager schildert, wie Schwab interne Diskussionen abwürgt: «Ich weiss, ich habe recht. Die Frage ist nur, wann.» Folgerichtig ist sein Forum kein Ort für reale Debatten. Wer unfehlbar ist, braucht keine second opinion. Wenn in der römischen Antike ein siegreicher Feldherr im Streitwagen über das Forum zum Capitol fuhr, hatte er stets einen Sklaven dabei, der ihm zuflüsterte: «Bedenke, dass du nur ein Mensch bist.» Auf Klaus Schwabs Triumphwagen hat es nur Platz für Klaus Schwab.

Er beteuert, dass am Weltwirtschaftsforum auch kritische Stimmen Platz haben. Das gilt jedoch nur für Gäste, die untereinander kontroverse Meinungen austauschen. Wer hingegen das WEF kritisiert, erhält keinen Zugang, wer kritisch berichtet, wird nicht akkreditiert. Wiederholt machte die Zürcher Wochenzeitung (Woz) diese Erfahrung. Bemerkenswerter war jedoch die schriftliche Begründung: Das WEF bevorzuge jene Medien, mit denen es auch das Jahr über «zusammenarbeite». Eine WEF-Variante von embedded journalism? Hofberichterstattung wird mit Einladungen ans Weltwirtschaftsforum belohnt.

Seit 1998 residiert das WEF in einem futuristisch anmutenden Gebäudekomplex hoch über dem Genfersee. Wenn Besucher den Firmensitz besuchen, sehen sie als Erstes neben dem Eingang ein Ölgemälde mit dem Konterfei von Klaus Schwab. Das erinnert an den Personenkult vergangener Zeiten.

Doch das WEF hat sein Hauptquartier nicht in Peking, sondern in Cologny, einer der teuersten Gemeinden der Schweiz. Für einen Quadratmeter Bauland bezahlt man bis zu 38 000 Schweizer Franken. Schwab überblickt von seinem lichtdurchfluteten Büro aus die malerische Landschaft der Schweizer Riviera. Je höher die Teppichetage, desto kleiner und unbedeutender erscheinen die Menschen unten auf den Strassen.

Schwab ist ein Kind der Teppichetage, das in einem eigenen Universum aufwuchs. Sein Vater war kaufmännischer Direktor des Zürcher Maschinenbauers Escher Wyss (seit 1969 Sulzer AG). Schwab sagt Sätze wie: «Wenn es uns allen schlechtgeht, kann es dem Einzelnen nicht gutgehen.» Geht es Klaus Schwab schlecht? Er hat den «planetarischen Notfall» diagnostiziert. Wer, ausser Klaus Schwab, könnte das Unheil noch abwenden?

Deshalb haben er und ein Autorenteam ein Buch geschrieben: «Covid-19: The Great Reset» («Covid-19: Der Grosse Umbruch)», ein Plädoyer für eine «Neugestaltung der Welt», wie sie in keiner Demokratie zu verwirklichen ist. Obwohl er im Vorwort sein Buch «einen bescheidenen Beitrag» nennt, lässt er auf rund 330 Seiten keinen Zweifel daran, dass hier ein bedeutendes Manifest «zur Rettung der Welt» vorliegt. Mit dem Buch will er «den richtigen Weg weisen», und es versteht sich von selbst, dass nur Klaus Schwab den richtigen Weg kennt.

Er malt den Zustand der Welt in düsteren Farben, eine Dystopie jagt die andere, er warnt vor sozialen Unruhen, gar vor Revolutionen – und bevor wir vollends in Panik geraten, reicht uns der Erlöser die Hand und präsentiert sein «Komitee zur Rettung der Welt», die absolute Herrschaft der Technokraten, Weltkonzerne und internationalen Organisationen, eine radikale Transformation von oben nach unten. Es ist ein Plädoyer für historisch gescheiterte Theorien, die dem Menschen nur staatliche Misswirtschaft, weniger Wohlstand, Pressezensur und eine tiefere Lebenserwartung beschert haben.

Er schreibt, die Pandemie müsse als «Gelegenheit genutzt werden, um institutionelle Veränderungen in die Wege zu leiten» und einen Reset zu erzwingen. Auch Wolfgang Schäuble, von 2009 bis 2017 deutscher Finanzminister, sagte in einem Interview mit der Hannoverschen Allgemeinen: «Der Widerstand gegen Veränderungen wird in der Krise geringer. Wir können die Wirtschafts- und Finanzunion, die wir politisch bisher nicht zustande gebracht haben, jetzt hinbekommen.»

 

Angst gebiert falsche Propheten

Daraus schliessen Verschwörungstheoretiker, Covid-19 sei von langer Hand geplant worden, und verweisen auf den «Event 201», der am 18. Oktober 2019 in New York stattfand. Das Johns Hopkins Center for Health Security hatte damals mit dem WEF, der Bill & Melinda Gates Foundation und Seuchenexperten eine Pandemie durchgespielt. Bei Verschwörungstheoretikern ist der «Event 201» genauso beliebt wie die «Area 51», die angeblich gefakte Mondlandung und «Elvis lebt».

Dabei ist es ziemlich normal, dass sich Gesundheitsminister mit Seuchenexperten zusammensetzen, um Pläne für den Ernstfall auszuarbeiten, zumal wir auch in Zukunft Pandemien erleben werden, ausgelöst von sogenannten Zoonosen, vom Tier auf den Menschen übertragbaren Infektionskrankheiten. Katastrophenpläne braucht man, bevor man welche braucht, und heute dringender denn je. Täglich starten über 200 000 Flugzeuge und bringen Menschen und Viren von einem Ort zum andern. Was früher in eine Epidemie ausartete, wird heute gleich zur Pandemie.

Covid-19 ist real, doch immer mehr Regierungen, Parteien und Institutionen sehen darin eine einmalige Chance, die Angst der Bevölkerung auszunützen. «Angst hat die Götter erschaffen», sagte der römische Philosoph Lucretius, aber Angst gebiert auch Despoten und falsche Propheten. Man beruhigt die Bevölkerung damit, dass die Massnahmen, sowohl die sinnvollen als auch die weniger sinnvollen, lediglich vorübergehend sind. Vorübergehend bedeutet in der Politik stets: für immer.

1915 erhob der Bund wegen des Ersten Welts eine «direkte Bundessteuer», die er «Kriegssteuer» nannte, ab 1934 «Krisenabgabe», und nach Ausbruch des Zweiten Weltkriegs hiess sie «Wehrsteuer». Der Krieg ist vorbei, die direkte Bundessteuer ist geblieben. Und genau das – die Fortführung der Massnahmen – befürchten viele nach Ausklingen der Pandemie. Weil Politik und Medien kaum noch Vertrauen geniessen.

Wie in jedem populären Katastrophenfilm folgt im letzten Buchkapitel die Erlösung: Ein Technokratenkomitee zur Rettung der Welt beendet die «Tyrannei des BIP-Wachstums». Eine «globale Ordnungsmacht» nach marxistischen Prinzipien bringt eine aus den Fugen geratene Welt wieder in Ordnung, angeführt von einer EU im Weltformat unter dem Kommando von WHO, Uno, dem Internationalen Währungsfonds (IWF) und dem «Grossen Steuermann» Klaus Schwab.

Wäre die Welt ein Computerspiel, «Sim City – The Pandemic», der Spieler würde gleich zu Beginn Schwabs «Great Reset» umsetzen, die Demokratie abschaffen und das chinesische Social-Credit-System einführen. Nur, wir sind keine Pixel, und kontroverse Debatten sind die Tugend der Demokratie.

Selbst wenn man Schwabs Kernaussagen eins zu eins zitiert, wird man von ihm umgehend als Verschwörungstheoretiker diffamiert. Schwab ist dünnhäutig. Vielleicht sollte er sein eigenes Buch nochmals lesen.

Ein wichtiger Punkt in Schwabs «Neugestaltung der Welt» ist die Abschaffung des Bargeldes. Das Argument «Schwarzgeld unterbinden» war nicht wirklich überzeugend, das Argument «Hygiene» schon eher. Bestrebungen gab es bereits vor Ausbruch der Pandemie, denn der Staat braucht die Möglichkeit, bei Bedarf die digitalen Sparguthaben der Bevölkerung per Mausklick zu plündern. Wie 2013 auf Zypern, als übers Wochenende der «grösste Bankraub der Geschichte» (Spiegel) abgewickelt wurde.

Wir wissen alle, dass man die weltweite Staatsverschuldung von aktuell 62,5 Billionen Dollar nicht mehr anständig tilgen kann. Wenn man in Schwabs global überregulierter Welt nur noch mit dem Handy bezahlt, kann sich das «Komitee» per Mausklick direkt bedienen. Wer das Bargeld kapert, kapert den Menschen.

 

Reisende soll man nicht aufhalten

Ergänzt man Schwabs «Gesundheitszertifikat am Handgelenk» mit Tracing- und Traffic-Funktionen, sind wir schon ziemlich nah beim chinesischen Social-Credit-System, das jedes Fehlverhalten mit Bewegungseinschränkungen oder Geldbussen (die in Echtzeit abgebucht werden) bestraft. Wäre es nicht auch für das Klima hilfreich, wenn der CO2-Fussabdruck jedes Individuums sichtbar wäre? Ein grünes Social-Credit-System zur Rettung der Erde?

Schwab macht keinen Hehl daraus, dass er das chinesische System mag. Er ist Ehrenbürger der Hafenstadt Dalian in der Provinz Liaoning, 2018 erhielt er die Freundschaftspreismedaille Chinas für seinen Einsatz in der Reform- und Öffnungspolitik. Es kommt nicht von ungefähr, dass das WEF auch in Peking ein Büro betreibt. Es wurde jahrelang von Schwabs Sohn Olivier geleitet, der mit einer Chinesin verheiratet ist. Er hat dort bereits rund 300 Firmen für eine WEF-Mitgliedschaft gewinnen können.

Was Klaus Schwab wirklich denkt, aber nicht sagt, lässt sich auf der Website des World Economic Forums nachlesen. Er lässt die Dänin Ida Auken, ein Mitglied der Young Global Leaders des WEF, für seine «schöne neue Welt» schwärmen. Sie beschreibt das Jahr 2030 so: «Ich besitze nichts, habe keine Privatsphäre, und das Leben war nie besser.» Gilt das auch für den Messias? Nicht erstaunlich, dass die Mehrheit der Schweizer Bevölkerung das WEF als steuerfinanzierte Privatparty einer abgehobenen Elite ablehnt.

Schwab droht ab und zu damit, seine Manege ins Ausland zu verlagern. Reisende soll man nicht aufhalten. Mit Ausnahme der Davoser Hotellerie, der Tourismusvereine und der eingeladenen VIPs würde niemand die Zirkusgäste vermissen, die zu Hunderten in die Schweiz jetten, um den Leuten einzutrichtern, dass sie dem Klima zuliebe auf Flugreisen (und einiges mehr) verzichten sollten. Bei den anschliessenden Partys mit Apéro très riche bedauert die «Grossfamilie», dass sich so viele Menschen ausgeschlossen fühlen.

Wie viele Technokraten, die privilegiert aufgewachsen sind, versteht auch Schwab die Natur des Menschen nicht wirklich. Er glaubt, dass die Gesellschaft während und nach der Pandemie mehr Empathie und Solidarität zeigen wird.

Die Geschichte belegt das Gegenteil. Epidemien und Pandemien haben die Gesellschaft stets gespalten und zu egoistischem und asozialem Verhalten geführt, weil jeder Nachbar eine potenzielle Gefahr darstellte. Nur gerade nach örtlich und zeitlich begrenzten Naturkatastrophen beweisen die Menschen Solidarität. Schwab unterschätzt die Natur des Menschen, den Drang nach Selbstbestimmung und Freiheit.

Während in China (mit Ausnahme von Hongkong) kaum jemand vermissen wird, was er nie genossen hat, zeigen die gesellschaftlichen Verwerfungen in der westlichen Welt, dass wir uns nicht zu einem kleinen Pixel degradieren lassen werden, das von einem Software-Algorithmus gesteuert wird und uns von der Wiege bis zum Tod begleitet, bevormundet, belohnt und bestraft. Schwabs Utopie nützt nur den Technokraten, die sie entworfen haben.