»Schweiz entköppeln«

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IMG_0967Das Theater Neumarkt rief zur nationalen „Ent-Köppelung“ auf, um mit Flüchen den bösen Geist des Julius Streicher aus der Seele von Weltwoche Chef Roger Köppel zu vertreiben. Wer ist Julius Streicher?

Julius Streicher (1885 – 1946) war ein furchtbarer Nazi, der selbst Mitgliedern der NSDAP zu rechtsextrem war. Das NSDAP-Mitglied war Herausgeber des antisemitischen Hetzblattes „Der Stürmer“ und leitete ab 1933 das „Zentralkomitee zur Abwehr der jüdischen Greuel- und Boykotthetze“, 1935 publizierte Streicher das Plakat „Todesstrafe für Rassenschande“. Nach Kriegsende wurde er wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit zum Tod verurteilt und hingerichtet. Wer zwischen Streicher und Köppel keinen Unterschied sehen will, trivialisiert die grauenhaften Verbrechen der Nazis.

Einer, der sich wie Roger Köppel gerne exponiert und provoziert, bietet seinen Gegnern genügend Angriffsflächen für substanstielle Kritik. Es gehört jedoch zum Repertoire populistischer Kulturschaffender, jeden rechtskonservativen Journalisten mit Nazischurken gleichzusetzen. Ein „rechter Journalist“ ist stets einer, der rechts vom eigenen Standort steht. Wer sich einredet, er verfüge über die moralische Lufthoheit, braucht keine Argumente, er kann sich mit launischen Stammtischparolen begnügen und erntet im eigenen Umfeld stets Applaus.

Mit dem Wortspiel „ent-köppeln“ ist wahrscheinlich „ent-köpfeln“, bzw „ent-haupten“ gemeint. Die Besucher der Homepage werden eingeladen, ihr geliebtes Hassobjekt zu verfluchen. Zur Auswahl standen unter anderem folgende Flüche: Querschnittlähmung, Ebola, Verkehrsunfall. Die Initianten versprachen, den Wünschen der Abstimmungsteilnehmer nachzukommen… Ist das nun Satire, geschmacklose Satire oder bereits ein Fall für die Gerichte? Man stelle sich den Aufschrei bei vertauschten Rollen vor. Welchen historischen Vergleich würden die Initianten ziehen, wenn plötzlich Rechtsextreme zum Marsch auf das Theater Neumarkt in Zürich blasen würden?

Köppel-Bashing ist sehr beliebt, weil es absolut ungefährlich ist und die Initianten zu ernsthaften Kandidaten für kulturelle Auszeichnungen macht. Gefährlicher wäre eine Satire gegen Islamisten, die in Schweizer Innenstädten Hetzschriften (»Buch der einfachen Rechtswissenschaft“) verteilen, die zur Ermordung von Juden, Schwulen und Ungläubigen aufrufen. Aber was die Initianten antreibt ist eben nicht die Sorge um unseren demokratischen Rechtsstaat, sondern das Bemühen um Publicity ohne Leistung.

Es braucht gerade für Kulturschaffende wesentlich mehr Mut, diese Aktionen zu kritisieren, als mit einer selbstverliebten Herde zu blöcken, die jeden Kritiker in den eigenen Reihen als 1/16 Nazi diffamiert und exkommuniziert.

Wir alle lesen Artikel, die uns nerven, vielleicht nervt auch dieser Text, aber man muss ihn nicht zu Ende lesen und wenn man es dennoch tut, muss man ihn aushalten und dabei nicht vergessen, dass Andersdenkende, die sich innerhalb des demokratischen Spektrums artikulieren, keine Feinde sind, sondern einfach Leute, die, aus welchen Gründen auch immer, andere Ansichten vertreten.

Nachtrag: Uebrigens: 500.000 Likes (oder Flüche) gibts für einige hundert Dollar. Sollte für ein subventioniertes Theater kein Problem sein.

© 2016 Blick

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