Bitte nicht lachen!

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Unknown-1Leonard Cohen sang Ende der Neunzigerjahre: «First we take Manhattan, then we take Berlin.» Im Jahre 2014 wirbt eine russische Bank in Davos mit «Heute Sotschi. Morgen die Welt». Und prompt gräbt ein wachsamer Zeitgenosse ein Nazilied aus, konstruiert einen Zusammenhang und meldet diesen gehorsam der Öffent­lichkeit. Die Medien kolportieren dankbar, aber wer zum Teufel kennt dieses Nazilied? Darauf muss erst einer kommen! Die Jagd auf Verstösse gegen die Political Correctness mutiert allmählich zum Freizeitvergnügen eines neuen alterna­tiven Spiessertums. Mittlerweile wird jeder Witz, jede Parodie, jeder Text ­analysiert, interpretiert und im Zweifelsfall verurteilt: Überall wittern die neuen ­Ayatollahs des guten Humors, Rassismus, braune Idelogie und Frauen­feindlichkeit. Darf Satire nur noch pädophile Kardinäle, SVP-Politiker, Schweizer Bankiers und das männliche Geschlecht aufs Korn nehmen? Oder darf Satire auch blöd, sogar saublöd, peinlich oder talentfrei sein? Ist das einst hart errungene Recht auf freie Meinungsäusserung nur noch Spielball des Zeitgeistes?

Folgen nach den inflationären Plagiat­jägern im universitären Umfeld jetzt die klammheimlichen Fahnder, die Bücher, Werbetexte, Parodien, Karikaturen und Kunstobjekte unter die Lupe nehmen? Sollen vielleicht die Reiseberichte von Gustave Flaubert verboten werden, weil er Ägypter (wie im 19. Jahrhundert üblich) als «Neger» bezeichnete?

Was hat Vorrang: historische Authenti­zität oder vom Zeitgeist abhängige Political Correctness? Von «Tim im Kongo» wollen wir gar nicht reden. Da hat ein kongolesischer Student bereits 2007 erfolglos prozessiert …

Durfte der Soldat Charlie Sheen in «Hot Shots II» seinem afroamerikanischen Kameraden vor dem Einsatz aus Versehen die schwarze Tarnfarbe reichen? Darf der Knecht des Sankt Nikolaus noch Afrikaner sein? Dürfen wir nie mehr über blöde Blondinenwitze lachen?

Am Ende bleibt die Frage: Ist es möglich, dass sich manche Intellektuelle vielleicht zu ernst nehmen?

© Basler Zeitung; 22.01.2014; Seite bazab19
Kultur

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