34 Blick »Der Wolf kommt«


 

© Blick vom 20. April 2019


Der griechische Dichter Äsop, der vor rund zweieinhalbtausend Jahren lebte, ist kaum bekannt, berühmt ist hingegen seine Fabel vom jugendlichen Hirtenjungen, der immer wieder um Hilfe schreit («Der Wolf kommt!»). Die Dorfbewohner eilen zu Hilfe, kein Wolf weit und breit. Als dann der Wolf tatsächlich kommt, bleiben die Leute zu Hause.

Wer 1972 als Teenager eine Buchhandlung betrat, muss ganz schön erschrocken sein. Der Bestseller «Die Grenzen des Wachstums» war omnipräsent. Wer damals 16 war, ist heute 63, und falls er ab 1981 das Hamburger Magazin «Der Spiegel» gelesen und aufbewahrt hat, findet er heute in seiner Sammlung 38 Cover-Stories, die mehr oder weniger das Ende der Welt voraussagen: «Der Wald stirbt» (1981), «Wer rettet die Erde?» (1989), «Vor uns die Sintflut» (1995), «Achtung, Weltuntergang» (2006), um nur einige zu nennen.

Alles, was man zum ersten Mal erlebt, prägt sich wie ein Brandzeichen ein, egal, ob es das Sterben eines geliebten Menschen ist, der erste Sex oder die erste Fernreise in einen anderen Kulturkreis. Das gilt auch für die erste Schocknachricht.

Auch wenn der Weltuntergang noch auf sich warten lässt, so haben diese übereilten Prophezeiungen doch zu einer Sensibilisierung beigetragen.

Jugendliche, die noch kaum der Pubertät entronnen sind, werfen ergrauten Politikern vor, den Planeten zugrunde zu richten, weil sie altersbedingt die Folgen ihrer Tatenlosigkeit eh nicht mehr erleben werden. Das ist teilweise zutreffend.

Die Passivität der Erwachsenen hat aber auch damit zu tun, dass die Älteren seit 38 Jahren Weltuntergänge erleben und überleben und mittlerweile ähnlich reagieren wie die Dorfbewohner in der Fabel von Äsop. Einem Teenager, der noch vom hormonellen Tsunami getrieben wird und Halt in radikalen Schwarz-Weiss-Ideologien sucht, fehlt mangels Lebenserfahrung schlicht die Möglichkeit, etwas, das er zum ersten Mal erlebt, vernünftig einzuordnen.

Könnte er das, wäre ihm bewusst, dass das ungebremste Bevölkerungswachstum das grösste Problem der Menschheit ist. Es ist ein sehr heikles Thema, das man lieber ausklammert. So wie es auch schon die Betreiber von Hotel Mama gemacht haben.

33 Blick »Panik Wallfahrten«


© Blick, Kolumne 33 vom 5. April 2019


Wir brauchen keine Panik-Wallfahrten

Der italienische Universalgelehrte Galileo Galilei widerlegte 1614 die damals herrschende Meinung, wonach Luft kein Gewicht habe. Dann behauptete er auch noch, dass sich die Erde um die Sonne drehe. Mehr als 99 Prozent der damaligen Wissenschaftler waren anderer Meinung und bezeichneten Galileos Behauptungen als Blasphemie.

Der Astrophysiker Nir Joseph Shaviv sieht sich mit einer Ablehnung von 97 Prozent seiner Kollegen konfrontiert. Er sagt, Wissenschaft sei keine Demokratie. Der deutsche Bundestag lud ihn nach Berlin ein, um seine Thesen darzulegen.

Shaviv behauptet, dass die Klimaerwärmung im frühen Mittelalter wesentlich stärker war, weil die Sonneneinstrahlung höher und die Vulkantätigkeit niedriger war. Es sei irreführend, nur die letzten 100 Jahre für Klimamodelle beizuziehen. Viele halten seine Aussagen für «Quatsch». Aber besteht das Prinzip der Wissenschaft nicht gerade darin, als gesichert geltende Erkenntnisse permanent in Frage zu stellen?

Dass die kolossale Umweltverschmutzung die Gesundheit schädigt und vom Menschen verursacht wird, stellt niemand in Frage. Auch die Klimaerwärmung bezweifelt niemand. Strittig ist nur, ob sie eine jahrtausendealte Naturkonstante mit wechselnden Eis- und Hitzeperioden ist oder ganz oder teilweise vom Menschen verursacht wird.

Man kann nun die medial befeuerte Panik für die Erhebung neuer Abgaben nutzen. Man kann die Klimakeule zur neuen Nazikeule machen. Aber dem Klima ist das ziemlich egal. Gefragt sind Visionen. Ist historisches Wissen Voraussetzung dafür?

Wer hätte sich früher vorstellen können, dass eines Tages die stinkenden Dampflokomotiven durch elektrische Eisenbahnen ersetzt werden, kaputte Herzen durch gesunde, Menschen auf dem Mond landen und Telefone mobil werden?

Während wir darüber debattieren, was wir alles verbieten (oder besteuern) könnten, bauen die Japaner Wasserstoffautos und glauben, den CO2-Ausstoss der Neuwagen bis in 30 Jahren um 90 Prozent senken zu können. 

Die Welt von morgen braucht keine Panik-Wallfahrten, sondern Ingenieure und den Glauben von Jules Verne, wonach alles, was sich ein Mensch ausdenkt, eines Tages von einem anderen Menschen realisiert werden wird.


© Blick, Kolumne 33 vom 5. April 2019


 

32 Blick »Täglich grüsst der Weltuntergang«

Bereits vor zweitausend Jahren zogen selbsternannte Propheten durch die Gegend und versetzten die Bevölkerung in Panik: «Der Weltuntergang ist nah! Tut Busse!» Da diese Warner offenbar eine Standleitung zu höheren Mächten hatten, sammelten sich die Ängstlichen und Humorlosen um sie herum und frassen ihnen aus der Hand.

Wer am meisten Angst verbreitete, hatte am meisten Anhänger. Mit der Figur des Teufels errang das Christentum die Pole-Position. Fortan schwebte das Damokles-Schwert über den Köpfen der Sünder und bestimmte ihr Handeln.

Die Zukunft nach Nostradamus

Der Meister der Panikmache ist Nostradamus, der die Zukunft bis ins Jahr 3797 voraussagte und klugerweise 1566 verstarb, damit ihm niemand seine Irrtümer vorwerfen konnte.

Als im Sommer 1999 «ein grosser König des Schreckens» vom Himmel runterfahren sollte, bestand kein Zweifel daran, dass Putin (oder eher Kim Jong Il?) die Welt zerstören würde. Da die beiden anderweitig beschäftigt waren, wurden die nebulösen Verse nachträglich als poetische Beschreibung einer Sonnenfinsternis interpretiert und fortan hiess es, Nostradamus habe die Sonnenfinsternis vorausgesagt.

Greta, das sprechende Flugblatt

Die heutigen Weltuntergangs-Propheten sind keine Religionsführer, sondern Wissenschaftler. Der Club of Rome publizierte 1972 «Die Grenzen des Wachstums», Ölvorräte würden bis 2010 versiegen. Wann haben Sie zuletzt getankt? Dann krabbelte der Borkenkäfer in die Redaktionsstuben, und wir nahmen Abschied von der Tanne in Nachbars Garten.

Die aktuelle Panik-Kampagne mit einem autistischen Mädchen als sprechendes Flugblatt war eine clevere Idee des PR-Profis Ingmar Rentzhog. Nur nützt sie weniger dem Klima als dem Aktienkurs seiner Firma und den beiden Aktiengesellschaften von Gretas Vater.

Klima retten, Pony reiten

Wenn «Klima retten» nicht zum neuen «Pony reiten» verkommen soll, braucht es technische Innovationen und Hilfen zur Geburtenkontrolle, denn die Mehrheit im Westen will sich nicht einschränken, und die Dritte Welt wird nicht auf die begonnene Industrialisierung verzichten.

Die Dreckschleudern in den Fabriken des 19. Jahrhunderts wurden nicht durch Verschrottung der Dampfmaschinen und einem folkloristischen Rückfall in die Pubertät beseitigt, sondern durch neue Erfindungen (und soziale Verbesserungen).

Claude Cueni (63) ist Schriftsteller und lebt in Basel. In seinem Roman «Godless Sun» beschrieb er die Entstehung einer neuen Naturreligion. Cueni schreibt jeden zweiten Freitag im BLICK.

31 Blick »Mobile Neandertaler«

© Blick vom 8. März 2019, Kolumne 31

Mobile Neandertaler

Im alten Rom war es ähnlich wie heute mit dem Flugverkehr. Ein Beamter klagte: «Alle wollen Strassen, bloss nicht in ihrer Nachbarschaft.» Zuvor hatte sich schon Julius Cäsar mit dem Thema beschäftigt und sich Einbahnstrassen und Fahrverbote ausgedacht, aber die Umsetzung war schwieriger als die Eroberung Galliens.

Bridget Driscoll wäre hingegen lieber nicht berühmt geworden. Als sie am 17. August 1896 in London auf dem Weg zu einer Tanzveranstaltung war, traf sie auf Roger. Genauer gesagt: auf ein seltsames Ding, das mit einer Geschwindigkeit von sechs Stundenkilometern auf sie zuschlingerte. Der französische Ingenieur Emilie Benz hatte seinen Roger-Benz zusammengeschraubt und mit vier Rädern versehen. Bridget erlitt eine tödliche Kopfverletzung und ging als erstes Opfer eines Autounfalls in die Geschichte ein.

Das war neu. Denn bisher brachen sich die Londoner auf dem holprigen und von Pferden vollgepissten Pflaster eher die Knochen, wenn sie sich zwischen Tierkadavern und ineinander verkeilten Kutschen ihren Weg bahnten.

Mit der zunehmenden Motorisierung verschwanden zwar Tonnen von Pferdeäpfeln aus dem Strassenbild, aber tödliche Unfälle häuften sich und machten eine Strassenverkehrsordnung notwendig.

1868 wurde in London die erste gasbetriebene Verkehrsampel installiert, sie explodierte bereits nach wenigen Wochen. Erst mit der Elektrifizierung wagte man einen neuen Anlauf. 1920 leuchteten in New York dreifarbige Ampeln für Fahrzeuge und ab 1933 in Kopenhagen die ersten Ampeln für Fussgänger. Es folgten Schilder, Zebrastreifen, Tempolimits, Sicherheitsgurt und vor rund 50 Jahren der Airbag.

Städtebauliche Massnahmen, eine Verbesserung der Fahrzeugtechnik und verkehrspädagogische Pflichtschulungen wurden laufend verbessert.

Doch ausgerechnet die Politik gefährdet heute die Sicherheit auf den Strassen und setzt sich über die Warnungen der Experten hinweg. Neulenker, die auf Automaten gelernt haben, dürfen seit 1. Februar ohne Zusatzprüfung geschaltete Autos fahren. Rechtsvorbeifahren und Rechtsüberholen auf Autobahnen soll auch noch erlaubt werden. Freude herrscht unter den mobilen Neandertalern.

30 Blick »Lucky Luke & die echten Daltons«.

© Blick Folge 30, 22. Februar 2019

 

Lucky Luke & die echten Daltons

 

Im Wilden Westen Mitte des 19. Jahrhunderts sorgten Marshalls für Ruhe und Ordnung in den Städten. Frank Dalton war einer von ihnen. Aber nicht lange. Bereits im Alter von 28 Jahren wurde er von einem Outlaw erschossen. Seine Brüder Bob und Grat, auch sie Marshalls, waren darüber so erbost, dass sie die Branche wechselten und sich fortan mit ihren Brüdern Emmett und Bill in den Fachbereichen Pferdediebstahl, Eisenbahn- und Banküberfall weiterbildeten.

 

Der Erfolg stieg ihnen zu Kopf, und im Oktober 1892 wollten Bob, Grat und Emmett gleich zwei Banken aufs Mal ausrauben. Bill war verhindert, er sass gerade im Knast in Kansas. Er wurde von den Berufskollegen Dick Broadwell und Bill Power vertreten.

 

Doch vor der C. M. Condon & Company Bank in Texas wurden sie von einem bewaffneten Aufgebot gestellt und niedergeschossen. Ein berühmtes Foto vom 5. Oktober 1892 zeigt vier Leichen, zwei Daltons und die beiden Kumpels. Emmett Dalton war nicht auf dem Foto, denn er überlebte trotz 23 Schussverletzungen.

 

Er wurde zu lebenslanger Haft verurteilt und nach 15 Jahren begnadigt. Erneut musste er die Branche wechseln. Den neuen Job fand er nicht als Rausschmeisser in einem Saloon, sondern inmitten von Western-Kulissen aus Pappkarton. Er wurde historischer Berater in Hollywood, schrieb das Drehbuch zum Film «Beyond the Law» und spielte den Bösewicht gleich selbst. Mit sechzig schrieb er seine Autobiografie «When the Daltons Rode» (Als die Daltons ritten) und starb.

 

Nicht wirklich. 1946 erweckte ihn der Comic-Zeichner Morris zu neuem Leben. Er hatte mit Lucky Luke eine Figur erschaffen, die schneller als ihr Schatten schiesst, aber es fehlten noch einige Bösewichte. Vier der Dalton-Brüder wurden seine ewigen Gegenspieler, der Kleinste war smart, der Grösste doof. Ab 1955 füllte René Goscinny (ab 1959 auch Texter von «Asterix») die Sprechblasen. Nach seinem Tod übernahmen jüngere Autoren.

 

Während Comic-Zeichner wie Hergé (24 Alben) ihre Figuren mit ins Grab nahmen und testamentarisch weitere Abenteuer verboten, gönnte Morris seinen Millionen Fans weitere Geschichten (bisher 78 Alben) und seinen Erben neue Lizenzeinnahmen.

Highway to hell. Kein Nachruf.

© Weltwoche vom 10. Januar 2019

Der Teufel, der ihn verfolgte

Im autobiografischen Roman «Script Avenue» liess ich meinen Vater frühzeitig sterben. Nun ist er tatsächlich tot. Zuvor kam es zu einer eigenartigen Begegnung. 

Von Claude Cueni

Ich habe meinen Vater nicht aus Rache getötet, ich wollte ihn auch nicht bestrafen, ich habe ihn aus Angst getötet. Das erste Mal 1980 in meinem Erstlingswerk «Ad acta». Später, als ich mit «Das Gold der Kelten» den Gallischen Krieg dramatisierte, liess ich ihn von einem nubischen Sklaven vergewaltigen, von römischen Legionären ans Kreuz nageln und schliesslich vor den Toren Alesias jämmerlich zugrunde gehen. Vergebens. Nachts schlich er sich in meine Träume zurück, er hatte Arme wie Monsterkraken. Sie stanken nach abgestandenem Zigarettenrauch und Feldschlösschen-Bier. Mit einem Beil zerhackte ich die Hände, die so viel Übles getan hatten. Sie wuchsen nach wie die Häupter der Hydra. Ich erträumte mir Schwerter, Harpunen und die Machete von Danny Trejo in Robert Rodriguez’ «Machete Kills», die Hydra wuchs nach.

«Nüdeli mit Hackbraten»

Schliesslich beendete ich 2014 mit meinem autobiografischen Roman «Script Avenue» die Endlosschlaufe. Ich liess den «hageren Blonden im hellblauen Hemd» eines natürlichen Todes sterben. Die Beerdigung verlief unblutig. Ich dachte, die Dämonen würden jetzt tief unter der Erde vermodern, Staub zu Staub. Doch im Folgeband «Pacific Avenue» erhielt ich von einem DHL-Boten die Tagebücher meines Vaters. Offenbar hatte er noch ein bisschen weitergelebt. Ich las seine Tagebücher und dachte, vielleicht könnte ich mehr über diesen merkwürdigen Menschen erfahren, aber er hatte nichts Bewegendes festgehalten. Mozart schrieb am 13. Juli 1770 wenigstens: «Gar nichts erlebt. Auch schön.» Mein Vater notierte am 22. November 1963: «Nüdeli mit Hackbraten, 20:00 St. Anton.» Das war der Tag, an dem Kennedy erschossen wurde.

Ich hörte nichts mehr von meinem Vater, jahrelang. Bis mich schliesslich im Herbst dieses Jahres eine SMS erreichte. Mein Vater liege im Sterben, er habe den Wunsch geäussert, mich nochmals zu sehen, er sei sehr unruhig in der Nacht. Ich bestellte ein Taxi und besuchte ihn im Pflegeheim, sein Zimmer war leer. Die Schwester sagte, er sei im Frühstücksraum. Nur gerade zwei Personen sassen an einem viereckigen Tisch, eine alte Frau, die ins Leere starrte, und gegenüber ein alter, ausgemergelter Greis in einem Rollstuhl, das bisschen Haar wie lose Sträucher in der Wüste, ein einziger Zahn war ihm geblieben.

Das musste mein 95-jähriger Vater sein. Ich setzte mich neben ihn und wartete. Er bemerkte, dass sich jemand gesetzt hatte, vermied es aber, den Kopf zu drehen. Wir sassen eine ganze Weile da. Vor ihm war ein Teller mit einem Butterbrot, das jemand in kleine Stücke geschnitten hatte. Ich war gewarnt worden, er sei beinahe taub. Deshalb hatte ich kleine Zettel vorbereitet mit Antworten auf Fragen, die er mir möglicherweise stellen würde. Auf dem ersten Zettel stand: «Ich trage einen Mundschutz, weil ich keine Immunabwehr habe.»

Es ärgerte ihn, dass jemand ihm einen Zettel vors Gesicht hielt, er warf einen flüchtigen Blick darauf, dann gleich einen zweiten, plötzlich schaute er mir direkt ins Gesicht, ich zog meinen Mundschutz für einen Augenblick herunter, er ergriff meinen Unterarm, schaute an die Decke und dankte Gott, dass er das noch erleben durfte. Seine Hand war immer noch riesig, aber sie hatte nicht mehr das Ausmass einer pazifischen Riesenkrake mit klebrigen Saugnäpfen. Die Haut hatte sich dunkel verfärbt, stellenweise bläulich, als hätte jemand seine Lebensenergie gedimmt, als hätte das Blut bereits begonnen zu verdicken und sich zu setzen. Ich begriff, dass man die Hydra nicht besiegt, indem man sie jede Nacht enthauptet, man besiegt sie, indem man sie sein lässt.

Martyrium im Worst Case

Die Kommunikation war einfacher als erwartet. Die meisten Fragen hatte ich geahnt und die Antworten auf den Zetteln notiert. Eine Pflegerin sagte ihm, er solle brav den Mund auftun. Kaum hatte er es getan, schob sie ihm ein Stück Brot in den Mund und bestrich die restlichen Brotwürfel mit einer zusätzlichen Butterschicht. Mein Vater rief laut, dieses Heim sei ein Gefängnis. Die Pflegerin lachte, offenbar hielt sie es für einen Scherz. Aber ich bin sicher, er hatte es ernst gemeint und nur so getan, als fände er es lustig, wie ein Kleinkind behandelt zu werden.

Er sagte der alten Dame gegenüber, dass ich ihr Sohn sei. Sie reagierte nicht. Als er es wiederholte, stand sie auf, nahm ihren Rollator und bewegte sich auf mich zu. Sie crashte gegen meinen Stuhl. Ich dachte, vielleicht hat sie Probleme mit den Augen oder mit der Motorik. Sie crashte erneut gegen meinen Stuhl, immer und immer wieder, wie eine verwelkte Jeanne d’Arc mit ihrem Sturmbock. Ich fragte sie, ob ich vielleicht ihren Stuhl besetzt habe, aber das konnte ja nicht sein, weil sie bereits sass, als ich reinkam. Ich stand auf und schob meinen Vater in sein Zimmer zurück.

Wir setzten uns auf den kleinen Balkon. Er sagte, es sei schon merkwürdig, wie ein Leben ende, er sitze hier und warte auf den Tod. Ich schwieg. Hätte ich ihm etwa sagen sollen, dass ich seit Jahren Mitglied von Lifecircle und Exit bin, weil ich seit zehn Jahren hauptberuflich krank bin und Lebensfreude und Humor unter dem Damoklesschwert nur deshalb intakt sind, weil ich das Martyrium im Worst Case abkürzen könnte? Ich behielt diese Gedanken selbstverständlich für mich. Jeder soll sterben, wie er mag. Mein Vater hatte sich für den christlichen Kreuzgang entschieden, da er glaubte, dass sein unsichtbarer Freund es nicht gerne sehen würde, wenn er sich heimlich aus dem Staub machte.

Mein Vater hatte viel zu erzählen, es war sein Leben, ich war nur eine Fussnote, er hatte nie Kinder gewollt, weder Ehefrau noch Familie. Aber jetzt, wo das Ende nahte, kam ihm in den Sinn, dass es da noch ein paar Blutsverwandte gab. «Ich bin seit zehn Jahren verheiratet», hatte ich auf einem der Zettel notiert. Er äusserte den Wunsch, meine Frau kennenzulernen, also kamen wir am nächsten Tag zu zweit. In ihrer Gegenwart blühte er auf, sang ein joviales Mundartlied über Vergänglichkeit und Tod und dass am Ende eh alles scheissegal sei. Ich erfuhr mehr über ihn als in meiner gesamten Kindheit. Er sagte, er sei vom Dittinger Dorfpfarrer vergewaltigt worden, seine Mutter sei nicht eingeschritten. Dass auch er weggeschaut hatte, als zwei meiner Cousins jahrelang von einem Onkel vergewaltigt wurden, hatte er verdrängt. Seine Biografie hatte er neu erfunden. Schliesslich sagte er, sein ganzes Leben sei schiefgelaufen, er habe viel Unrichtiges getan, so vielen Menschen Unrecht getan, aber daran sei nicht er schuld, sondern der Teufel, der ihn seit Geburt verfolge.

Reue und Hader am Lebensende sind der highway to hell, weil es für alles zu spät ist – ein dornenreicher Abschied, wenn Körper und Geist im Gleichschritt ermatten, bis man endlich aufhört zu existieren. Ich empfand Mitleid für einen Menschen, der heuchlerische Frömmigkeit zum Lifestyle erhoben, aber ein durch und durch unchristliches Leben geführt hatte. Wer ein Leben lang nur an sich denkt, hat am Lebensende niemanden, der an ihn denkt. Ich hörte ihm trotzdem zu, «no bad feelings anymore», die «Script Avenue» war meine reinigende Neunzig-Grad-Wäsche gewesen. Jetzt war alles in trockenen Tüchern.

Todesanzeigen sind Fake News

Als ich Anfang Oktober die SMS erhielt, er sei in der Nacht gestorben, bekam ich feuchte Augen. Seit meine erste Frau vor zehn Jahren gestorben ist, passiert das auch, wenn eine Cartoon-Figur stirbt. Empathie gehört zwar zum Rüstzeug eines Autors, aber weniger wäre mir offen gestanden lieber. Aber wenn man im Leben genügend Leid erfahren hat, entwickelt man ein grösseres Einfühlungsvermögen.

Mein Vater wollte keine Todesanzeige. Vielleicht fürchtete er, man würde wenig Vorteilhaftes über ihn schreiben, obwohl Todes- anzeigen meistens Fake News der gröberen Art sind. Ich hätte getextet: «Er lebte länger als erwartet und deutlich länger als verdient. Sein Tod beweist, dass das Böse tatsächlich sterben kann.» Dass mein Vater 95 Jahre alt wurde, ist vielleicht der ultimative Beweis, dass es keinen Gott gibt.

Man kann von jedem Menschen etwas lernen, sowohl vom Positiven als auch vom Negativen. Ich erinnere mich, wie er mich als Knirps an der Hand aus der Wohnung schleifte, nachdem er meine Mutter mit einer brutalen Ohrfeige vom Taburett gefegt hatte. Als ich übermüdet neben ihm im Wirtshaus «Sommereck» sass, sagte er: «Wenn du einmal gross bist, musst du mit deiner Frau auch so verfahren.» Dann bestellte er das Übliche, «ein Bier, einen Sirup».

Muss ich ihm dankbar sein? Ohne ihn hätte ich als Teenager wohl nie die nötige Kraft gehabt, diesem gewalttätigen und religiösen Irrenhaus zu entfliehen. Hätte er Eier gehabt, wären mir keine Strausseneier gewachsen. Mein Leben lang war ich stets bemüht, nicht so zu werden wie er. Ich werde ihn nur vermissen für das, was er nie gewesen ist.

Claude Cueni ist Schriftsteller und lebt in Basel. Zuletzt erschien von ihm «Warten auf Hergé» (Münster-Verlag). Am Sonntag, 13. Januar, 12.35 Uhr auf Radio SRF 2 Kultur: «Musik für einen Gast» mit Claude Cueni.

 

© Weltwoche vom 10. Januar 2019

Interview Hessischer Rundfunk

Anmoderation: Kai Völker

Vor genau 90 Jahren sind sie zum ersten Mal in ein Abenteuer gezogen. Der junge Mann mit der hochstehenden Locke und sein kleiner weißer Hund. Tim und Struppi haben Millionen Leser in der ganzen Welt begeistert. Was wir heute über ihren Erfinder Hergé wissen, begeistert dagegen wenig. Claude Cueni, Buch- und Fernsehautor aus Basel, hat über Hergé recherchiert. Und einen Essay und einen Roman geschireben. Hallo, Claude Cueni!

Hergé, der Erfinder von Tim und Struppi, stand den belgischen Nazis nah. Merkt man das den Geschichten von Tim und Struppi an?

Heute kaum noch. Die ersten Alben erschienen ja ab 1929 in Schwarzweiss und wurden später von Hergé und seinen unterschlagenen Co-Autoren gekürzt, koloriert und laufend der political correctness angepasst. Das einzige was erhalten geblieben ist, sind die antisemitischen Zeichnungen des  skrupellosen jüdischen Bankiers Bohlwinkel im Geheimnisvollen Stern.

Seine Nähe zu den Ideen der Nazis hat Hergé und dem Erfolg seiner Geschichten rund um Tim und Struppi nie geschadet. Das ist aus heutiger Sicht kaum zu verstehen. Haben Sie eine Erklärung?

Das hat ihm anfangs schon geschadet. Nach dem Krieg wurde er ja viermal als Nazi-Kollaborateur verhaftet, verbrachte eine Nacht im Gefängnis, verlor für zwei Jahre sämtliche Bürgerrechte, wurde mit einem Berufsverbot belegt… aber der Rechteinhaberin Moulinsart ist es gelungen, mit Hilfe zahlreicher Fans, die heute als Autoren oder Journalisten arbeiten, den Mythos Herge zu erschaffen. Eine grossartige Geschichtsfälschung.

Sie selber sind mit den Geschichten von Tim und Struppi groß geworden. Sie haben die Geschichten verschlungen und geliebt. Geht das auch heute noch, wo sie die ganze Geschichte von Hergé kennen?

Gute Frage. Als Kind liebt man Tim & Struppi und interessiert sich nicht für Hergé. Wenn ich mir heute eine Haddock-Büste kaufe oder eine Mondrakete, kaufe ich Kindheitserinnerungen. Wir erinnern uns nicht an Hergé, sondern an die Abenteuer von Tim & Strupi, an die Zeit, in der wir der Erwachsenenwelt entflohen und im Schatten des Arumbaya Fetisch vor uns hinträumten.

Für viele Fans von Tim und Struppi war sicher auch ihr Erfinder Hergé ein Held. Sie haben ihn vom Sockel gestoßen. Wie waren die Reaktionen?

Es gab einen Shitstorm aus Belgien und Frankreich. Ich habe damit gerechnet und deshalb im Anhang des Romans WARTEN AUF HERGE 143 Quellen aufgeführt, alles ist transparent, jeder kann es überprüfen und trotzdem die Fakten schönreden. Ich habe damit kein Problem, wir leben in eine freien Land. Und wissen Sie, wenn Sie es allen recht machen wollen, müssen sie am morgen im Bett bleiben.

Mit welchem Zitat würden Sie Hergé am besten charakterisieren?

»Wenn mir eine Idee gefällt, assimiliere ich sie vollständig, und ich vergesse augenblicklich und für immer, dass sie von einem anderen stammt.«