061 Blick »Besiegte ein Bakterium Napoleon?«

Die Schlacht fand am 18. Juni 1815 in der Nähe des damals niederländischen Dorfes Waterloo statt. Der britische General Wellington besiegte gemeinsam mit dem preussischen Generalfeldmarschall Blücher Napoleons Armee und schickte den Korsen in die Verbannung.

Auf der Atlantikinsel St. Helena erlebte Napoleon sein endgültiges Waterloo: Er starb, fiel womöglich dem Bakterium Helicobacter pylori zum Opfer. Zwei Haare stützten zwar Verschwörungstheorien, wonach er mit Arsen vergiftet worden sei, doch erwiesen ist lediglich, dass sein Hut heute im Deutschen Historischen Museum ausgestellt ist.

Der Name Waterloo, mittlerweile ein Synonym für eine vernichtende Niederlage, überlebte in vielfältiger Art und Weise. Er inspirierte Songwriter (Abba 1974) und war weltweit Namensgeber für über zwei Dutzend Städte. In London tragen ein Bahnhof und eine U-Bahn-Station den Namen, sehr zum Ärger der französischen Regierung. Sie verlangte eine Umbenennung, vergebens. Kapitulieren ist nicht britisch. Weniger standhaft waren die Belgier. Auf Druck von Paris schmolzen sie 180’000 neue Euro-Münzen ein, die an Waterloo erinnerten.

Erhalten blieb uns auch das legendäre Filet Wellington, das sich der Freimaurer Wellington angeblich nach der Schlacht servieren liess. Nebst dem Filet im Teig bescherte Waterloo der Nachwelt auch den edlen Margaux Château Palmer, der es 1961 auf 99 Parker-Punkte brachte. Wellington hatte das französische Weingut seinem treuen General Charles Palmer geschenkt. Trotz enormer Anstrengungen erlebte dieser in den Rebbergen von Bordeaux ein finanzielles Waterloo. Gebodigt hatten ihn weder die Reblaus noch desertierte französische Soldaten, sondern die Bank, die ihm die Verlängerung der Hypothek verweigerte.

Nathan Mayer Rothschild war der Warren Buffett seiner Zeit und der grösste Financier des britischen Imperiums. Einige Autoren warfen ihm vor, dass er dank besseren Nachrichtenverbindungen früher von Napoleons Niederlage erfuhr und diesen Informationsvorteil an der Londoner Börse ausnutzte. Einer seiner Bankkunden, der Dichter und Journalist Heinrich Heine, notierte in seinem Buch «Lutetia» voller Bewunderung: «Geld ist der Gott unserer Zeit und Rothschild sein Prophet.»

 


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15. Mai 2020

 

060 Blick »Faule Knochen«

© Blick 2020 / Folge 60 /   17.4.2020                                                                                                              

Faule Knochen

Nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges versuchte man zur Normalität überzugehen. Es wurde wieder Fussball gespielt, und das Fernsehen entwickelte sich allmählich zum Massenmedium, es gab plötzlich mehr Fernsehzuschauer als Rundfunkhörer. Die Krönung von Elizabeth II. am 2. Juni 1953 brach alle Rekorde, obwohl der Gründer der Filmproduktionsgesellschaft 20th Century Fox behauptet hatte, dass sich das Fernsehen niemals durchsetzen würde: «Die Menschen werden sehr bald müde sein, jeden Abend auf eine Sperrholzkiste zu starren.»

Ermüdet haben die TV-Zuschauer aber nicht die flimmernden Holzkisten, sondern die Bedienung des Fernsehgeräts, weil man zum Umschalten aufstehen musste. Einer dieser Couch-Potatoes entwickelte deshalb für die Firma Zenith eine Fernbedienung mit Kabel. Er nannte sie treffend «Lazy Bones» (Faule Knochen). Nachdem er zu Hause ein paar Mal über das Kabel gestolpert war, erkannte er ein gewisses Verbesserungspotenzial.

«Lazy Bones» wurde begraben, und sechs Jahre später eroberte der kabellose «Space Commander» die Wohnstuben. Dank der inflatorischen Zunahme an neuen TV-Kanälen wurde das schmale Gerät zur Standardausrüstung, und Kinder wurden nie mehr als menschliche Fernbedienung missbraucht.

Die Zapping-Kultur brachte eine ganze Generation ungeduldiger Zappelphilipps mit verminderter Aufmerksamkeit hervor. In den Printmedien wurden die Texte kürzer, die Bilder grösser, und Filme starteten gleich mit einer dramatischen Szene und integriertem Vorspann.

Die Kurzvideo-Plattform Tiktok erlaubte gerade mal eine Länge von 15 Sekunden. Textnachrichten schrumpften, Emojis wurden die Hieroglyphen der Neuzeit, und die Nutzer fühlten sich wie allzeit vernetzte Space Commander. Je mehr Zeit sie einsparten, desto weniger hatten sie übrig.

Die Nachfahren der «Lazy Bones» gehen nun in Rente. Geräte werden mit der Sprache gesteuert. Geblieben ist die Zapping-Kultur. Jeder ist sein eigenes Medienhaus, sein eigener Zensor. Was nicht sofort überzeugt, wird weggezappt. Auch Jobs, Beziehungen und Kleingedrucktes. Im Wilden Westen bedeutete «zapped» abgeknallt.

059 Blick »Das Viagra der Antike«

«Mir wäre es lieber gewesen, du hättest nach Knoblauch gestunken», soll Kaiser Vespasian einem parfümierten Offizier gesagt haben. Die Gewürzpflanze war das Pesto der römischen Antike und gehörte zur Tagesverpflegung der Legionäre. Sie schleppten auf ihren Gewaltsmärschen dreissig Kilo Gepäck und verbrauchten 10 000 Kalorien am Tag (das Wort Burnout wurde erst 1974 erfunden). Die Soldaten waren anfällig für blutige Füsse und Verletzungen der gröberen Art. Die Pflanze galt als entzündungshemmend und wurde zum Synonym für das Soldatenwesen.

Im Mittelalter wurde Knoblauch in Klöstern angebaut und bei Lungenentzündungen empfohlen. Während der Pest glaubte man gar, man könne mit Knoblauch die Seuche bekämpfen. Die Pest ging vorbei wie alle Pandemien, der Aberglauben ist geblieben.

1733 schrieb Johann Christoph Harenberg seine «Christlichen Gedanken über die Vampire» nieder und legte damit den Grundstein für die Fledermaus, die sich als neurotische Blutsaugerin mit Knoblauch-Phobie in Literatur und Film einnistete.

Einige Studien behaupten, Knoblauch sei wirksam bei Lungeninfekten, weil er die in der Knolle enthaltenen Öle über die Lunge ausscheidet. Für einen nachweisbaren Effekt müsste man allerdings täglich ein Kilo Knoblauch essen, dann hätte es sogar einen positiven Einfluss auf die Blutfette. Aber eher einen negativen auf das Eheleben.

Gerüchteweise hört man, das BAG prüfe die kostenlose Abgabe von Knoblauch zur Durchsetzung von Social Distancing. China könnte liefern. Mit jährlich 21 Tonnen decken sie 80 Prozent des weltweiten Konsums. Für den US-Markt wird der Knoblauch in Haftanstalten vorgeschält. Dabei gelangt der Saft unter die Nägel und verbrennt die Haut. Deshalb nehmen viele Zwangsarbeiter die Knollen in den Mund, schälen sie mit den Zähnen und spucken sie wieder aus.

Heute gilt die Gewürz- und Heilpflanze als Viagra des armen Mannes. Es ist empfehlenswert, dass man vorgängig einen gemeinsamen Apéro mit Moretum einnimmt. Das Knoblauch-Rezept hat uns Apicius hinterlassen, der Paul Bocuse der römischen Antike. Leider ohne Angaben der benötigten Menge an Fetakäse, Selleriegrün und Koriander. Vielleicht nutzen Sie die Pausen im Homeoffice, um es herauszutüfteln.

058 Blick »Drei Experten, drei Meinungen«

 

Falls Screenshot für Sie schlecht lesbar, bitte nach unten scrollen.

Gemäss einer Umfrage in den USA rauchten in den 1960er-Jahren die meisten Ärzte Camel, Zahnärzte empfahlen die Marke Viceroy, und Schlanke griffen zu Lucky Strike. Es gab für jeden Zigarettenhersteller den passenden Experten. Sechzig Jahre später gilt Rauchen als gesundheitsschädigend und wird mit Mundgeruch assoziiert. Meistens weiss man erst Jahrzehnte oder gar Jahrhunderte später, ob der damalige Zeitgeist irrte oder nicht.

Schwieriger ist es bei aktuellen Themen. Zerstört ultraviolettes Licht das Virus Covid-19? Herden-Immunität oder Social Distancing? Ausgangssperre ja oder nein? Beweist Taiwan, das «lediglich» 100 Infizierte hat und viermal grösser ist als die Schweiz, dass man nur mit einem sofortigen Lockdown die Pandemie eindämmen kann? Löst hingegen eine zögernde und führungsschwache Regierung italienische Verhältnisse aus? Für jede Massnahme gibt es einen Experten, der politische Entscheide wissenschaftlich absegnet.

Oft hört man: «Ich bin kein Experte, ich sage nur: Hört auf die Wissenschaft.» Aber wer wählt diese Experten aus? Jene, die laut eigenen Angaben wenig von der Sache verstehen?

Liest man täglich die Beiträge von Cash-Guru Fredi Herbert (83), stellt man fest, dass es für viele Aktien am selben Tag unterschiedliche Empfehlungen der Banken und Vermögensverwalter gibt: kaufen, halten, verkaufen. Am Ende wählt der Laie den Experten aus. Und somit auch die Aktie.

Es gibt zahlreiche Experimente, die das Expertenwesen auf die Schippe nehmen: Schimpansen, die bei der Auswahl von Aktien erfolgreicher sind als angestellte Bankenprofis; renommierte Verlage, die Manuskripte von längst publizierten Bestsellern ablehnen.

Heute wird deshalb vermehrt Software mit künstlicher Intelligenz eingesetzt. Aber es sind wiederum Menschen, die den Computer mit Daten füttern und diese gewichten. Und jeder Entwickler von Computerspielen weiss: Man kann so lange an den Algorithmen schrauben, bis das gewünschte Ergebnis vorliegt.

Am Ende des Tages ist man nicht nur auf eine möglichst grosse Anzahl unterschiedlicher Informationsquellen angewiesen, sondern auch auf den gesunden Menschenverstand. Soweit vorhanden.


Claude Cueni (64) ist Schriftsteller und lebt in Basel. Er schreibt jeden zweiten Freitag im BLICK, gestern veröffentlichten wir überdies seinen persönlichen Erfahrungsbericht aus der Quarantäne. Am 20. Juli erscheint im Verlag Nagel & Kimche sein neuer Roman «Genesis – Pandemie aus dem Eis».


 

Über die Quarantäne

 

© Blick 2020 / Foto: Dina Cueni 22.3.2020

Die Quarantäne macht aus einem das, was man zulässt

Der Schriftsteller und BLICK-Kolumnist Claude Cueni (64) lebt seit Jahren mit reduziertem Immunsystem – und seit Monaten in Quarantäne. Für ihn sind Jammern und Klagen keine Option. 


Nach dem Tod meiner damaligen Frau brach mein Immunsystem zusammen. Ich erkrankte an einer ALL-Leukämie. Eine Knochenmarktransplantation liess den Blutkrebs verschwinden, aber die fremden Blutstammzellen begannen meine Organe abzustossen. Diese Graft-versus-Host-Reaktion (GvHD) wurde chronisch und hat bisher 60 Prozent meiner Lunge abgestossen. Um diesen Prozess zu stoppen, wird das Immunsystem mit zahlreichen Medikamenten erfolgreich unterdrückt. Die Kehrseite: Mit reduziertem Immunsystem ist man anfällig für schwer verlaufende Infekte. Chemos, Bestrahlungen und mittlerweile über 40’000 Pillen haben Folgeerkrankungen ausgelöst.

SRF Skype Interview: Quarantäne

Das Coronavirus zwingt immer mehr Menschen ins Homeoffice oder sogar in die Quarantäne. Wie lange hält man das durch? Unter Umständen jahrelang, wie der Basler Schriftsteller Claude Cueni zeigt. Sein Immunsystem ist nahezu auf null. Das Skype-Gespräch führte Michael Perricone. Aufnahme: 11.3.2020 / Sendung 13.3.2020


Video


SRF: Herr Cueni, wie lange sind Sie jetzt schon in Quarantäne?

Claude Cueni: Ich bin seit Jahren über den Winter immer in Quarantäne – ich habe praktisch ein Generalabonnement. Ich bleibe in der Wohnung und gehe nicht raus. Ich habe keine Besucher.

Sie kommunizieren aber mit Leuten ausserhalb der Wohnung.

Natürlich. Ich habe Kollegen und Freunde, mit denen man sich austauscht, meistens über die sozialen Medien. Das geht prima.

Aber es ist schon eine Vereinsamung?

Ja, man wird zum Robinson. Aber ich bin ein Robinson mit einer grossartigen Frau, deshalb ist es nicht so schlimm.

 

Sie sind Schriftsteller, schreiben fast jährlich ein Buch. Was empfehlen Sie Leuten in Quarantäne, welche diese Inspiration nicht haben?

Man soll nicht auf Dinge fokussieren, die man nicht mehr tun kann, sondern darauf, was man tun kann. Es ist wie bei einer Speisekarte: Man findet dort keine Sachen, die man nicht bestellen kann. Man soll sich nicht wünschen, mit der Frau im Meer zu schwimmen oder mit dem Mountain-Bike im Elsass rumzufahren. Man muss solche Sachen einfach von der Liste streichen. Man macht sich bloss unglücklich, wenn man immer hadert.

 

Auch ins Ausland zu Reisen, ist für Sie seit Jahren keine Option mehr. Weshalb denn eigentlich?

Damit ich keine Keime oder Bakterien auflese. Diese Gefahr ist einfach zu gross. Ich war das Leben lang topfit, habe viel Sport gemacht. Aber nach dem Tod meiner ersten Frau bin ich an Leukämie erkrankt, hatte auch eine Knochenmarktransplantation. Die fremden Zellen stossen meine Organe ab, vor allem die Lunge. Deshalb erhalten Transplantierte Medikamente, die das Immunsystem unterdrücken, damit es keine Abstossungen mehr gibt. Nur ist man dann empfänglich für allerlei, teilweise sehr schweren, Folgeerkrankungen. Das ist der Preis fürs Überleben. Bei mir wurden mittlerweile 60 Prozent der Lunge abgestossen, deshalb schaffe ich keine Höhe 1500 Meter.

Was würde denn passieren, wenn Sie sich mit Corona anstecken?

(Lacht) Das wäre wahrscheinlich das Ende. Das ist ja auch die Befürchtung bei den meisten Hochrisikopatienten. Und sie haben den Eindruck, dass der Bundesrat die Grenzen erst dann schliesst, wenn alle AHV-Bezüger tot sind.

Sie finden, die Massnahmen des Bundesrates sind zu zögerlich. 

Absolut. Wenn jeden Tag 70’000 Grenzgänger hereinkommen (aus Italien, Anm. der Red.) und nur ein Prozent infiziert wäre, dann sind das 700 Leute. Und man argumentiert ja damit, dass man diese Leute auch für das Gesundheitswesen braucht. Aber wenn dieses auch durchinfiziert würde, dann hätte das überhaupt keinen Nutzen gehabt.

Dennoch wirken Sie gelassen. 

Der ganz wichtige Punkt für meine Gelassenheit ist, dass ich dann eine Sterbebegleitung in Anspruch nehmen kann, wenn es so weit ist. Das verstehen die Leute, die dagegen sind, leider überhaupt nicht. Es fehlt ihnen wohl an Lebenserfahrung oder an Empathie. Aber das ist genau die Option, die den Alltag erträglich macht.

Welche Hoffnungen haben Sie? Doch nochmals um die Welt zu reisen? 

(Lacht) Ich denke nicht so weit. Ich denke daran, was ich heute mache und was ich morgen mache.

Seit zehn Jahren sind Sie in dieser Situation. Gibt es da nicht auch Momente der Verzweiflung?

Selten. Aber natürlich, es kommt vor. Dem kann man mit Strategien begegnen: Ich gehe dann meistens an den Computer und schreibe an einem Roman weiter. Oder ich sitze auf dem Sofa und singe Lieder.

 

Sie singen Lieder?

(Lacht) Oldies aus den 70er und 80er Jahren. Denn man kann nicht gleichzeitig singen und sich Sorgen machen.

 

Spüren Sie auch eine Solidarität oder finden Sie, die Leute seien zu Unachtsam?

Ich hörte kürzlich eine TV-Moderatorin nach dem Tod eines Corona-Patienten sagen, der Mann sei bereits 76-jährig gewesen, also nichts, das einem beunruhigen könnte. Das gibt mir schon zu denken.

 

Zum Schluss: Am 20. Juli kommt ihr neuer Roman raus. Wovon handelt er?

Von einer Pandemie! Aber das ist reiner Zufall, das fertige Buch wurde bereits im Oktober an der Frankfurter Buchmesse den Verlagen angeboten. Geschrieben habe ich es in den zwölf Monaten davor.

 

Gibt es ein Happy-End?

Das verrate ich Ihnen doch nicht.

 

 

Interview Krebsliga: Quarantäneprofi

Claude Cueni – Quarantäneprofi

Schweizer Autor, 64 Jahre alt, lebt in Basel.

Claude Cueni – Sie erkrankten 2009 an einer akuten lymphatischen Leukämie (ALL), 2010 folgte eine Knochenmarktransplantation. Seitdem leiden Sie unter einer chronischen Graft-versus-Host-Disease (GvHD). Das heisst, bei Ihnen wird vor allem die Lunge abgestossen. Um dies zu verhindern, wird ihr Immunsystem künstlich niedergehalten. Das macht Sie anfällig für Infekte. Können Sie sich an den Moment erinnern, als Sie realisierten, dass es für Ihre Gesundheit am besten ist, in Quarantäne zu leben?
Seit 2009 verbringe ich jeden Winter freiwillig in der Quarantäne, aber als ich im August 2019 die Intensivstation verliess, sagten mir die Ärzte, ich müsse Infekte vermeiden, dann könne ich noch eine Weile leben, andernfalls könne es schnell vorbei sein. Seitdem lebe ich in einer Dauerquarantäne. Das ist der Preis fürs Überleben. Wenn auch ohne Garantie. Ich habe es rasch als Notwendigkeit akzeptiert und als neue Normalität abgehakt.

Was für Vorkehrungen haben Sie damals sofort getroffen?
Es bedeutet, dass man die Wohnung nur noch für Spitalbesuche verlässt und nach Beginn der Grippesaison keine Besuche mehr empfängt.

Welche Tipps können Sie anderen krebsbetroffenen Menschen geben, welche durch den Coronavirus nun auch nicht mehr in Kontakt mit anderen Menschen kommen sollten?
Die Krankheit macht mich nicht zum Experten. Ein strukturierter und abwechslungsreicher Tagesablauf mit Körperpflege, Fitness, Essenszeiten, Pilleneinnahme ist sicher hilfreich. Es braucht aber auch jemanden im nahen Umfeld, der einkauft und in der Apotheke die Rezepte einlöst. Wenn diese Person fehlt, liefern die Apotheken auch gerne nach Hause, die Grossverteiler sowieso, aber zurzeit gibt es Wartezeiten von ca. vier Wochen. Wenn Sie in der Nacht Krämpfe und Nervenschmerzen haben und früher aufstehen, was bei mir meistens der Fall ist, beginnt der Tagesablauf einfach zeitverschoben.

Claude Cueni, was machen Sie als Quarantäne-Profi persönlich gegen den Blues?
Ich singe Songs aus den 1970ern und 1980ern, denn man kann nicht singen und sich gleichzeitig sorgen. Songs, die man als Teenager gehört hat, öffnen das Tor zur Erinnerung. Man fühlt sich in die Zeit zurückversetzt als das Leben noch unbeschwert und frei von Krankheiten war. Jeder muss seine eigene Strategie finden. Songs sind ein Versuch wert. Online Bücher und Zeitungen lesen, Filme, Dokus und Serien schauen, Computerspiele, kochen… alles was ablenkt, kann hilfreich sein. Man muss sich nicht mit Dingen beschäftigen, die man eh nicht ändern kann. Ändern kann man nur die Einstellung dazu.

Vermissen Sie die Gesellschaft anderer Leute nicht?
Ja, manchmal, wenn jemand eine Mail schickt und schreibt, er würde mich gerne wieder einmal zu einem Kaffee treffen. Oder wenn ich interessante Einladungen erhalte. Aber ich hatte nie einen grossen Freundeskreis. Als meine erste Frau starb und ich sechs Monate auf der Isolierstation lag, konnte ich anschliessend meine Freunde an einer Hand abzählen. Niemand dachte, dass ich überlebe. Man stirbt im Bekanntenkreis meistens bevor man gestorben ist.

Wie pflegen Sie dennoch Kontakte?
Ich lebe seit zehn Jahren eine sehr harmonische Ehe mit meiner Frau Dina. Der wichtigste Aussenkontakt ist mein Sohn. Obwohl er als Strafrichter und Mitinhaber einer Anwaltskanzlei ein volles Programm hat, ruft er mich täglich mehrmals an und wir unterhalten uns eine oder zwei Stunden über Gott und die Welt. Wichtig sind auch die Kontakte über die sozialen Medien. Ich habe über Facebook zwei Freunde gefunden, die ich nicht mehr missen möchte. Über den Messenger tauschen wir uns täglich mehrmals aus und schicken uns interessante Zeitungsartikel. Wir haben viel Humor.

Was macht Isolation mit uns Menschen?
Das, was man mit sich machen lässt. Wenn man viel mit sich alleine ist, braucht es unbedingt eine „Second Opinion“, damit man seine Standpunkte überprüfen kann. Sonst kann man sich verrennen und wird ein schrulliger Kauz.

Die nächste Frage hat nichts mit Corona und Quarantäne zu tun, vielmehr mit Ihrer ursprünglichen Diagnose Krebs. Sind sie heute krebsfrei?
Die Leukämie ist bei mir schon sehr lange nicht mehr nachweisbar. Das Problem sind die Spätfolgen von Chemotherapien, Bestrahlungen und mittlerweile über 40.000 Pillen. Nebst Graft-versus-Host-Disease (GvHD) leide ich an einer „Bronchiolitis Obliterans“, einer rasch fortschreitenden Polyneuropathie und diversen anderen Spätfolgen.

Sehen Sie das Leben, wie Sie es heute führen, als Glück oder als Chance?
Weder Glück noch Chance. Ich kann einem Leben unter dem Damoklesschwert nichts Positives abgewinnen. Aber als Romanautor habe ich das Glück, in meine fiktiven Welten abtauchen zu können. Ich vergesse dann alles. Auch wenn ich nicht schreibe, denke ich über meine Figuren nach, als seien sie real. Ich bin seit frühester Kindheit mein eigener Hofnarr und sehr glücklich dabei.

Claude Cueni – gibt es etwas, dass die Krebsliga tun könnte, um Sie besser zu unterstützen?
Ich finde es sehr gut, dass es die Krebsliga gibt. Als ich an Leukämie erkrankte, sagte mir ein Frauenarzt, den ich erst seit einigen Monaten kannte: „Du brauchst jetzt einen Krankheits-Manager, du wirst bald nicht mehr in der Lage sein, bei all diesen Diagnosen und Behandlungen den Überblick zu behalten.“ Es braucht tatsächlich einen kompetenten Ansprechpartner ausserhalb des Spitalbetriebs, das kann auch die Krebsliga sein.

Ich wünsche allen Menschen, die an einem ähnlichen Schicksal leiden, vom Guten nur das Allerbeste.

Und wir wünschen Ihnen, lieber Herr Cueni, weiterhin viel Inspiration für Ihre Bücher. Mögen alle Viren von Ihren vier Wänden fernbleiben!

57 Blick »Göttliche Dienstleistungen«

In jungen Jahren schlenderte der «lose gegurtete» Dandy Julius Caesar ähnlich provozierend über das Forum wie heutige Träger herunterhängender Baggy Pants. Bis zum Start seiner politischen Karriere hatte er bereits 6,25 Millionen Denare Schulden angehäuft, das hätte damals ausgereicht für 12,5 Millionen Bordellbesuche.

Bereits im alten Rom waren Stimmen käuflich. Caesar finanzierte seine Wahl zum Konsul im Jahre 59 v.Chr. mit Darlehen und musste darauf einen Weg finden, seinen Schuldenberg abzutragen. Der Weg führte nach Gallien. Händler hatten immer wieder über das sagenhafte Gold der Kelten berichtet, das die «Barbaren» als Opfergaben in heilige Teiche und Flüsse warfen. Aus Respekt vor den Wassergöttern, Geistern und Dämonen war es deshalb verboten, in Gewässer zu pinkeln.

Sind heute geopolitische Strategien oder Bodenschätze oft ein Kriegsgrund, waren es in der Antike Gold, Sklaven und die Erweiterung des Reiches. Da es verboten war, ohne Einwilligung des Senats ausserhalb der Staatsgrenzen Krieg zu führen, konstruierte Caesar eine Bedrohung durch die von germanischen Stämmen bedrängten helvetischen Auswanderer und fischte mit seinen Legionen so erfolgreich in keltischen Gewässern und Tempeln, dass der Goldpreis in Rom um 25 Prozent fiel.

Dass man Gold in Flüsse, Weiher und Brunnen warf, sozusagen als Anzahlung für bestellte göttliche Dienstleistungen, war in der Antike weitverbreitet.

Die Tradition wird heute mit den beliebten Wunschbrunnen am Leben erhalten. Obwohl die meisten diesen Aberglauben belächeln, können sie dennoch nicht widerstehen, bei einem Rom-Besuch Münzen in den Trevi-Brunnen zu werfen und sich heimlich etwas zu wünschen.

Auch der Weiher vor dem weltberühmten Löwendenkmal in Luzern ist als Wunschbrunnen bei Touristen beliebt. Täglich werfen vor dem «traurigsten und bewegendsten Stück Stein der Welt» (Mark Twain) Ferienreisende Münzen ins Wasser.

Drei praktisch veranlagte Luzernerinnen wollten vor einem Jahr zukünftiges Glück nicht den Launen der Götter überlassen und fischten die Münzen heimlich aus dem Weiher. Sie durften das Geld behalten. Denn wer Geld wegwirft, gibt seinen Eigentumsanspruch auf.

Claude Cueni (64) ist Schriftsteller und lebt in Basel. Er schreibt jeden zweiten Freitag im BLICK. Seine ersten 50 BLICK-Kolumnen sind unter dem Titel «Die Sonne hat keinen Penis» erschienen.

56 Blick »Sind Sie eine Pizza?«

Der Entscheid fiel um drei Uhr nachts. Noch ahnten die Zyprioten nicht, dass ihr Sparvermögen in Gefahr war. Im entfernten Brüssel einigten sich im März 2013 die Finanzminister der Euro-Zone und der IWF auf eine «einmalige Rettungssteuer», um zypriotische Banken vor dem Kollaps zu bewahren. Alle Bankkunden sollten über Nacht einen Teil ihres Ersparten verlieren. Als die Menschen auf der Insel aufwachten, spuckten die Geldautomaten kaum noch Geld aus, Banken blieben geschlossen. Die «garantierte» Einlagensicherung: gestrichen.

Die Enteignung löste europaweit Entsetzen aus. Nach den Negativzinsen tarnt sich der nächste Angriff auf die Sparvermögen als Vorstoss für die Abschaffung des Bargeldes zwecks Bekämpfung der Kriminalität. Jean-Claude Juncker, Ex-Präsident der EU-Kommission, erläuterte einmal die Standard-Strategie: Wir beschliessen etwas und warten ab, was passiert. Wenn es kein grosses Geschrei gibt, weil die meisten gar nicht begreifen, was da beschlossen wurde, machen wir weiter.

Da bereits heute jeder Laden und jeder Kunde bestimmen kann, ob ein Kauf cash oder digital abgewickelt wird, braucht es keine Bevormundung. Die Abschaffung des Bargeldes erleichtert zukünftige Enteignungen per Mausklick. Man wird diese staatlichen Raubzüge als «einmaligen Klimarappen» deklarieren und laufend umbenennen.

1915 erhob der Bund wegen des Ersten Weltkriegs eine «direkte Bundessteuer», die er «Kriegssteuer» nannte, ab 1934 «Krisenabgabe», und nach Ausbruch des Zweiten Weltkriegs hiess sie «Wehrsteuer». Der Krieg ist vorbei, die direkte Bundessteuer ist geblieben.

Die bargeldlose Gesellschaft wäre auch die Voraussetzung für ein Punktesystem nach chinesischem Muster (Social Scoring), bei dem der gläserne Bürger wie eine Pizza bewertet und mit Punkten belohnt oder bestraft wird. Das digital bezahlte Rindsfilet wird nicht verboten, aber mit einer automatisch eingezogenen Klimaabgabe bestraft.

Man wird die Aufhebung des Datenschutzes damit begründen, dass dies zur Klimarettung notwendig ist, weil trotz aller Kampagnen nicht nur die Zahl der Flugpassagiere weiter steigt. Sinken wird das Vertrauen in den Staat, denn «Bargeld ist geprägte Freiheit» (frei nach Dostojewski).

© Blick 2020