#chronos (1930)

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Was hat Joe Cocker mit Ricola zu tun? Im Jahre 1930 gründete der Bäckermeister Emil ­Richterich in Laufen (BL) die Confiseriefabrik Richterich & Compagnie und entwickelte die ­ersten Bonbons, die er vorerst nur in der Region verkaufte. Heute verschickt die Ricola AG in der dritten Generation ihre Produkte in über 50 Länder. Ein besonderes Kompliment erhielten die Kräuterbonbons von Joe Cocker: «Meine Stimme ist nach fünf Minuten ruiniert, wie willst du anschliessend noch fünfunddreissig Konzerte geben?» Der Mann mit der Reibeisenstimme gestand, er würde seine Stimme mit Ricola- ­Kräuterbonbons kurieren, «With A Little Help From My Friends» erlangte damit eine ganz neue Bedeutung.

1930 erschien im Kino «Im Westen nichts Neues», eine Verfilmung des Antikriegsromans von Erich Maria Remarque. Das Buch schildert die Schrecken des Ersten Weltkrieges aus der Sicht eines jungen Soldaten. Da viele Kinos damals noch nicht für den Tonfilm eingerichtet waren, kam der Streifen sowohl als Stummfilm als auch als Tonfilm in die Filmtheater. Louis Wolheim («Seine Fresse ist sein Kapital») spielte den harten Kerl Katczinsky. Nach Abschluss der Dreharbeiten verstarb der 50-­jährige Wolheim infolge einer brachialen Abmagerungskur, die er für seinen nächsten Film begonnen hatte.

Während noch die Wunden des Ersten Weltkrieges aufgearbeitet wurden, zerbrach im September 1930 Deutschlands Grosse ­Koalition und die National­sozialistische Deutsche ­Arbeiterpartei (NSDAP) wurde zweitstärkste Partei. Sie hatte ihren Stimmenanteil von 810 000 (1928) schlag­artig auf 6,4 Millionen gesteigert. Nach der Hyperinflation und der Weltwirtschaftskrise der 20er-Jahre hatten ­verfassungsfeindliche Parteien wie die NSDAP und KPD die Wähler radikalisiert und den Weg für Adolf Hitler freigemacht.

Sigmund Freud schrieb in seinem 1930 erschienen Klassiker «Das Unbehagen in der ­Kultur»: «Die Menschen haben es jetzt in der Beherrschung der Naturkräfte so weit gebracht, dass sie es mit deren Hilfe jetzt leicht haben, einander bis auf den letzten Mann auszurotten».

1930 übernahm Haile Selassie («Macht der Dreifaltigkeit») die Herrschaft über Äthiopien. Er nannte sich ganz unbescheiden König der Könige und hielt sich für den 225. Nachfolger von König Salomon. Da ihm der Machterhalt wichtiger war als die Anliegen der Bevölkerung, kam es in den 70er-Jahren infolge einer Nahrungsmittel­knappheit zu gewaltsamen Protesten. Sie ­endeten mit einem Militärputsch. Der spätere Diktator Mengistu Haile Mariam, der «Schlächter von Addis», liess den Leichnam Selassies unter einer Toilette einmauern.

Die Entdeckung des Zwergplaneten Pluto ­inspirierte den Zeichner Norman Ferguson. Er nannte den tolpatschigen Hund, den er gerade für die Disney Studios entwickelte, «Pluto». Sein erster Auftritt hatte der virtuos animierte Pluto 1930 in der Micky-Maus-Episode «The Chain Gang», in der er als Spürhund die Fährte eines entflohenen Sträflings aufnehmen muss. Der ­einzige Dialog, den Pluto jemals sprach, war: «Kiss me.»

Mercedes-Benz brachte den luxuriösen ­«Grossen Mercedes» auf den Markt, den Typ 770, den sich kaum jemand leisten konnte. In acht Jahren wurden gerade mal 117 Fahrzeuge ­produziert. Gekauft wurde die repräsentative Staatskarosse von Reichspräsident Hindenburg, dem japanischen Kaiser Hirohito, Adolf Hitler und den Vertretern der «Kirche der Armen»: Papst Pius XI. und Papst Pius XII. Weniger Erfolg hatte der britische Automobilhersteller Bentley. Die Entwicklungskosten für seine Luxuskarosse trieben ihn in den Ruin.

© Basler Zeitung; 16.09.2016

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