#chronos (1998)

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cueni_biglebowskichronos«Ich kann Ihren Drecksnamen nicht leiden, Ihr Drecksbenehmen nicht leiden und Ihre ­Drecksfresse nicht leiden. Hab ich mich klar genug ausgedrückt?» «Tut mir leid, hab grad nicht zugehört.» Die Weltpremiere fand am 18. Januar 1998 auf dem Sundance Film Festival statt. Jeff Bridges spielte im Kultfilm «The Big Lebowski» den Dude. Es war eine Filmkomödie der Brüder Ethan und Joel Coen.

«Sag mir eins, Dude: Musst du eigentlich immer so viel fluchen?» «Wasn das für ne bekackte Frage?»

Viele Fragen hatten auch die über 10 000 angereisten Delegierten und Medienleute im japanischen Kioto. Doch die Antworten zum Rahmen­abkommen der Vereinten Nationen über ­Klimaveränderungen waren eher dürftig. Die Konferenzteilnehmer referierten wortreich und endlos über die völkerrechtlich verbindlichen Zielwerte für den Ausstoss von Treibhausgasen. Dem Klima hat das Kyoto-Protkoll wenig gebracht, dafür umso mehr dem Nachtleben von Kioto.

Erotik gab es auch im Weissen Haus. Während Bill Clinton seinen Nuclear Football (Atomkoffer) stets unter Kontrolle hatte, verlor er die Kontrolle über ein ebenfalls gut behütetes Ding, um dessen Pflege sich die Praktikantin Monica Lewinsky oral kümmerte. Während das amerikanische ­Repräsentantenhaus ein Amtsenthebungsverfahren einleitete, beteuerte Clinton: «Ich hatte keine sexuellen Beziehung zu dieser Frau. Und ich muss jetzt an meine Arbeit für das amerikanische Volk zurückkehren.»

Pol Pot drohte kein Amtsenthebungsverfahren, ­sondern die Auslieferung an die USA. Im Norden Kambodschas beging er deshalb ­Suizid. Leider kam der 70-Jährige nicht schon früher auf die Idee, denn während seiner kommunistischen ­Diktatur eliminierte der «Bruder Nr. 1 der Roten Khmer» rund zwei Millionen nicht erziehbare Kambodschaner. Sein kommunistisch-primitiv­istischer Bauernstaat war an seiner Paranoia und an der Realität gescheitert.

An der Realität scheiterte auch die Rote- Armee-Fraktion, die sich wie eine Sekte in einer hermetisch abgeriegelten Parallelwelt abgeschottet hatte. Ihr Konzept, mit Bombenterror die ­Bevölkerung zu einer Revolution anzustacheln, war nicht wirklich stringent.

1998 löste Gerhard Schröder («Auch Sie ganz persönlich können Konjunkturmotor sein») ­Helmut Kohl («Entscheidend ist, was hinten ­rauskommt») ab und erklärte: «Putin ist ein lupenreiner Demokrat.» 1998 ging Russland bankrott. Der Rubel verlor 60 Prozent, was wiederum den in US-Dollar verschuldeten russischen Geschäftsbanken den Garaus machte. Der einsetzende Bankenrun stiess zahlreiche Banken in die Insolvenz.

Die Staats- und Regierungschefs der Europäischen Union beschlossen, trotz den Warnungen renommierter Ökonomen, die Einführung des Euros. Die Politik hatte sich durchgesetzt. Die ­Aufgabe der Deutschen Mark (DM) war der Preis für die Wiedervereinigung. Der Euro wurde am 1. Januar 1999 als Buchgeld, drei Jahre später als Bargeld eingeführt. Der Euro sollte ein Fitness­programm werden, das gleichzeitig Übergewichtigen und Magersüchtigen hilft. In den Hitparaden triumphierten die Soundtracks von «Titanic» und «Armageddon».

Irgendetwas Wichtiges vergessen? Den ­Gomphus clavatus? Nun gut, die deutsche ­Gesellschaft für Mykologie wählte das Schweins­ohr zum Pilz des Jahres.

And one more thing: Bill Gates persönlich ­testete auf der Comdex 98 live das neue Betriebssystem Windows 98. Doch was die angereisten Journalisten sahen, war der «Blue Screen of Death», der blaue Windowsbildschirm, wenn das System abstürzt. Zum Glück wurde die Software nicht in Autos eingebaut.

Claude Cueni ist Schriftsteller und lebt in Basel.

www.cueni.ch

© Basler Zeitung; 19.06.2015

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