Interview Weltwoche 5. April 2018

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© 2018 Weltwoche – Interview mit Rico Bandle

Herr Cueni, Sie leben noch. Ein Wunder!

Eher ein Triumph der Medizin. Mein Überleben verdanke ich der guten Behandlung in der Hämatologie des Balser Unispitals. Aber ich lebe weiter unter dem Damoklesschwert. Seit der Leukämie bedingten Knochenmarktransplantation herrscht Bürgerkrieg in meinem Körper. Die fremden Blutstammzellen stossen meine Organe ab. Aber ja, ich lebe noch. 

Bei Ihnen hat man das Gefühl, die Aussicht, jederzeit sterben zu können, habe Sie produktiver gemacht. 

Dieses Jahr habe ich bisher sechsmal die Wohnung verlassen, vier Mal für einen Spitaltermin.  Jeder Kriminelle mit Fussfesseln hat mehr Bewegungsfreiheit. Was soll ich den ganzen Tag tun? Reha? Dunkle Schokolade essen? Ich stehe jeden Tag um spätestens drei Uhr morgens auf, unfreiwillig. Dann mache ich das, was ich mir bereits als Kind angewohnt habe. Ich ziehe mich in meine Fantasiewelt zurück, in meine «Script Avenue». Ich bin ein zufriedener Mensch, wenn ich in meine Welt zurückkehre, hier bin ich zu Hause. 

Verhält man sich anders, wenn man weiss, dass man nicht mehr lange zu leben hat?

Die einen pflanzen noch einen Baum, die andern fällen einen Baum, weil sie den Überlebenden keinen Schatten gönnen. Ich tue weder das eine noch das andere. Vieles habe ich bereits verschenkt, ich fokussiere auf das Jetzt und geniesse es auch. Das Leben ist einmalig. Aber ich mache mir keine Illusionen. Ausserhalb der Familie bleibt man nur in Erinnerung, wenn man Schulden hinterlassen hat. Das Einzige, was bleibt, ist das, was man für andere getan hat. 

Was man für die Familie getan hat?

Nein, auch für andere Leute. Seit meinem Buch «Script Avenue», schreiben mir viele Leute, die schwer erkrankt sind oder andere schwerwiegende Schicksalschläge zu meistern haben, zum Teil viel schwierigere als meine. Für diese Menschen ist es schön, mit jemandem in Kontakt zu treten, der Ähnliches durchstehen muss und nicht aufgibt. Wenn es geht, besuche ich sie auch im Spital, falls es mit dem Taxi erreichbar ist.

Sie veröffentlichen alle paar Monate ein Buch. Verspüren Sie den Drang, vor dem Tod noch möglichst viel zu publizieren?

Nein, sobald Sie tot sind, hat das alles keine Bedeutung mehr. Aber wenn ich mit etwas Neuem beginne, möchte ich es auch zu Ende bringen. Also werde ich von meinen Figuren zur Eile gedrängt und vernachlässige mein Reha-Programm. Jetzt ist eben «Der Mann, der das Glück brachte» erschienen, der nächsten Roman, »Warten auf Hergé«, liegt bei den Testlesern. Vielleicht ist es eine Zwangserkrankung, vielleicht ein Akt der Verzweiflung, wahrscheinlich beides. 

Eine Zwangserkrankung?

Die Geschichten entwickeln sich mittlerweile auch weiter, wenn ich nicht am Computer sitze. Mein Gehirn arbeitet auch wenn ich schlafe, dann kann ich am nächsten Tag die Szenen wie ein Sekretär niederschreiben. Meine Frau rezitiert manchmal beim Frühstück die Dialoge, die ich im Schlaf gemurmelt habe. Aber sie weckt mich nie in der Nacht, denn sie weiss, ich arbeite. 

Sie können noch selber Tippen? 

Ich habe eine Brille, bei der eine Seite abgedeckt ist, weil die Augen infolge Pillen und Schlafmangel manchmal auseinanderdriften. Der Sauerstoffkonzentrator steht für Notfälle neben dem Pult. Und ich habe Chirurgenhandschuhe für den Fall, dass die Nervenschmerzen in den Fingerkuppen mich am Schreiben hindern. Das sind alles Nebenwirkungen der Behandlung, aber das ist okay, ist alles Einstellungssache. Wenn ich von anderen Autoren höre, dass sie nur unter ganz bestimmten Voraussetzungen schreiben können, kann ich herzhaft lachen. 

Der Horror wäre, mitten in einem Buch zu sterben.

Ich sage immer im Scherz: Solange ich schreibe, sterbe ich nicht. Da ist etwas Wahres daran. Man erkrankt ja oft erst nachdem etwas Schwieriges beendet ist. So war es auch nach dem Tod meiner ersten Frau. Ich war während der Pflegejahre nie krank, nach ihrem Tod war ich total erschöpft, mein Immunsystem im Eimer und ein Jahr später erkrankte ich an Leukämie.

Viele Leute, die in einer ähnlichen Situation sind wie Sie, werden gläubig. Die Aussicht, dass nach dem Tod nicht alles vorbei ist, ist tröstlich. Bei Ihnen scheint das Umgekehrte der Fall zu sein: Ihr rationaler Atheismus scheint unverrückbar.

Absolut. Wenn mir Leute sagen, es kommt etwas nach dem Tod, so tönt das für mich etwa so, als würde jemand behaupten, in meinem Briefkasten sei ein blauer Elefant, der Saxophon spielt. Eine völlig absurde Vorstellung. Jede Religion ist für mich eine Variante des Aberglaubens. Aber jeder soll glauben, was er will.

Es ist doch traurig, an nichts glauben zu können, was nicht beweisbar ist. Religion, auch wenn sie noch so absurd erscheint, spendet Wärme.

Ja, es ist ohne Zweifel sehr tröstlich, wenn man mit Hilfe religiöser Phantasien die beschränkte Lebenszeit ins Unendliche verlängern kann. Für mich besteht der Trost darin, dass man es im Extremfall selber beenden kann. Das ist ein ganz wichtiger Punkt! Ich bin weder lebensmüde noch lebenssatt, ich lebe wie schon gesagt sehr gerne. Aber erst die Gewissheit, dass es für den worst case eine Handbremse gibt, macht den Alltag erträglich. Und wenn ich Wärme brauche, umarme ich meine Frau. 

Ihr aktueller Roman, «Der Mann, der das Glück brachte», ist ein Krimi rund um eine Person von der Lotteriegesellschaft, die die Gewinner benachrichtigt und berät. Hierfür haben Sie mit jenem Mann gesprochen, die diese Aufgabe für Swisslos übernimmt, Willy Messmer. 

Mit ihm habe ich mich ausgetauscht, die Geschichte und die Figuren sind aber fiktiv, das möchte ich betonen. Interessant ist, dass es einige Gewinner plötzlich mit der Angst zu tun kriegen. Sie haben das Gefühl, dass nach dem grossen Glück ein Unglück folgen werde. Als ob das Eine mit dem Anderen abgegolten werden müsse. 

Ist da etwas dran?

Sicher nicht. Aber ich kann das Gefühl nachvollziehen. Auch ich hatte als Teenager solche Phobien: Wenn ein Manuskript fertig war und ich es auf die Post brachte, hatte ich stets die Befürchtung, ich würde unterwegs von einem deux chevaux überfahren, ausgerechnet jetzt, wo ich meinen Nobelpreis verdächtigen Roman an den Suhrkamp Verlag abschicken wollte. Ein Stoff für Woody Allen. 

Man hört oft Geschichten, dass Lottomillionäre ihr Geld rasch wieder los sind.

Die Medien lieben diese Geschichten. Die Leser wohl auch. Ein Michael Carroll arbeitete bei der Müllabfuhr, gewann umgerechnet 13,6 Millionen Euro, nach 5 Jahren war alles weg. Er arbeitet heute wieder bei der Müllabfuhr. Das sind krasse Ausnahmen, die Realität sieht ganz anders aus. Gemäss einer Umfrage von Swisslos hatte der Gewinn bei 87 Prozen der Befragten keinen grossen Einfluss auf Alltag und Umgebung. Die Hälfte gab an, dass sie sich lediglich ab und zu Kleinigkeiten leisten wie auswärts essen, Ausflüge oder Ferien. Sie geniessen und schweigen. Das ist die Normalität.

Vor zwei Jahren haben Sie «Godless Sun» veröffentlicht, eine apokalyptische Vision angesichts der fortschreitenden Migration, insbesondere durch Muslime. Seither sind Sie als «rechter Autor» abgestempelt. Würden Sie den Roman wieder schreiben?

Als das Buch herauskam, galt ich als «Schwarzmaler«. Es war die Zeit, kurz nach»dem Angela Merkel im Herbst 2015 verfassungswidrig im Alleingang die Grenzen geöffnet hatte. Da musste man jeden Zuwanderer «Flüchtling» nennen. Zitierte man öffentlich eine Statistik starb man den medialen Tod. Mittlerweile hat der Wind gedreht. Trotzdem würde ich das Buch nicht mehr schreiben.

Weshalb nicht?

Weil es sinnlos ist. Die negativen Folgen der unkontrollierten Massenzuwanderung sind irreversibel. Wäre ich in Afrika geboren, ich garantiere Ihnen, nichts könnte mich davon abhalten, nach Europa zu kommen. Aber wenn hundertausende Testosteron getriebene junge Männer aus verfeindeten Ethnien bei uns aufeinanderprallen, führt das früher oder später zu gesellschaftlichen Verwerfungen. Wenn die Wähler den Politikern, die ihre Fehlentscheide bis zu ihrem Amtsende aussitzen wollen, weiterhin ihre Stimme geben, ist das ihr gutes Recht, das ist Demokratie. Aber ich spiele nicht den Sisyphos. 

Das tönt resigniert. Houellebeck hatte auch Erfolg mit demselben Thema.

Houellebecks Bücher kann man nicht totschweigen. Er ist bekannt genug, um mit einem solchen Buch eine Debatte zu lancieren. Das ist mir nicht gelungen. 

Gerade die Kulturszene ist gnadenlos gegenüber Leuten mit abweichender Meinung: Eben hat sich der Suhrkamp-Verlag von seinem Starautor Uwe Tellkamp distanziert, weil er sich kritisch zur Einwanderungspolitik geäussert hat. Sie selbst haben noch nie einen Preis erhalten, obschon «Script Avenue» zum Stärksten gehört, was die Schweizer Literatur in den letzten zehn Jahren herausgebracht hat.

Wer sich für Rechtsgleichheit einsetzt und linke und rechte Gewalt und Intoleranz gleichermassen verurteilt, gerät in Verdacht, ein Verräter zu sein. Ich war dabei, als SVP-Politiker Oskar Freysinger Mitglied des Schweizer Autorenverbands werden wollte. Wer damals im Sinne von Voltaire der Aufnahme zustimmte, galt als persona non grata. Ich setzte mich für Freysinger ein, obwohl ich weder seine Bücher noch seine Ansichten mag. Mit Ausnahme von mir und einem Tessiner waren alle für die Ablehnung von Freysingers Antrag. Ich bin dann als einziger aus dem Verband ausgetreten. 

Aus Protest?

Wer meine Ansichten nicht teilt, ist nicht mein Feind. Aber mit dieser Auffassung gehört man im Kulturbetrieb zu den Randständigen. Das ist auch der Grund wieso ich nach 20 Büchern in vierzig Jahren noch nie an die Solothurner Literaturtage eingeladen wurde. Was die Szene zusammenhält, ist die gemeinsam praktizierte Intoleranz gegenüber anderen. Aber ich bin niemandem böse. No bad feelings. Mich interessiert mehr, ob meine Frau heute abend ihre philippinischen Frühlingsrollen kocht.

 

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