13 years later

An alle, die eine ähnliche Situation erleben.

Gebt nicht zu früh auf. Die Medizin macht unglaubliche Fortschritte, zahlreiche Krankheiten, die früher rasch zum Tod führten, werden heute zu chronischen  Erkrankungen, die das Leben verlängern. Obwohl ich gemäss Statistik seit Jahren tot sein müsste, lebe ich immer noch. Und dies, obwohl ich mittlerweile an einem weiteren Krebs erkrankt bin. Ich kann das nicht ändern, aber ich kann meine Einstellung dazu ändern.

Das jahrelange Martyrium eines Schmerzgeplagten unter dem Damokles-Schwert ist nicht einfach. Unzählige Spitaltermine, manchmal drei in einer Woche bei unterschiedlichen Fachärzten. Manchmal will man es beenden. Schmerzbekämpfung mit Todesfolge. Aber dann denke ich, okay, das hat bis morgen Zeit. Zweimal hatte ich bereits einen Sterbetermin vereinbart. Und am nächsten Morgen genoss ich Dinas frischgepressten Organgensaft.

Manchmal denkt man, wenn noch dies oder jenes hinzukommt, ist meine rote Linie erreicht. Aber der Mensch ist viel stärker als er glaubt, sonst hätte unsere Spezies nicht überlebt.

Die Tatsache, dass bei uns in der Schweiz Freitodbegleitungen möglich sind, gibt mir die Power, das durchzustehen! Gesunde können das selten verstehen, Politiker, die sich als Gutmenschen profilieren wollen, schon gar nicht. Ihnen fehlt es an Lebenserfahrung und Empathie.

Also: Dont give up! Never give up! 

Es gibt keinen Gott, es gibt kein Jenseits, es gibt nur dieses eine Leben, es ist einmalig, interessant, lehrreich und voller Komik. Was morgen geschieht, geschieht nicht heute, also geniesst diesen Tag.

Ich danke allen, die mit ihren Posts meinen Horizont erweitert und mich mit ihrem Humor erheitert haben.

Herzlichst

Claude Cueni

18.9.2022

An dieser Stelle bedanke ich mich beim anonymen Knochenmarkspender, bei allen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Hämatologie des Basler Unispitals, bei meiner aussergewöhnlichen Frau Dina, bei meinem wunderbaren Sohn und meiner lieben Schwiegertochter. 

120 Blick »Schweizer Garde in Not«

«Natürlich besitzt der Vatikan ein Vermögen. Der Reichtum setzt sich in erster Linie aus Gebäuden und Kulturgütern zusammen. Die laufenden Einnahmen sind relativ bescheiden.» So begründete alt Bundesrätin Doris Leuthard, wieso Bund und Kanton einen Teil der 50 Millionen Euro für den Neubau der vatikanischen Gardekaserne übernehmen sollten.

Leuthard leitet das Patronatskomitee der steuerbefreiten Kasernenstiftung. Die von ihr beklagten «bescheidenen Einnahmen» generiert der Milliardenkonzern unter anderem aus Kirchensteuern, Börsengeschäften, Firmenbeteiligungen, Merchandising und Mietzinseinnahmen aus 5174 Liegenschaften.

Die 135 Schweizer Gardisten leben in vergammelten Kasernen aus dem 19. Jahrhundert. Erstaunlich, dass die Prediger der Nächstenliebe ihre Privatarmee nicht anständig unterbringen, zumal die Kirchenfürsten durchaus ein Flair für «schöner Wohnen» haben. Protzbischof Franz-Peter Tebartz-van Elst «renovierte» seinen Dienst- und Wohnsitz im deutschen Limburg für 31 Millionen Euro. Kardinal Tarcisio Bertone wollte in Rom ein 700-Quadratmeter-Penthouse beziehen, bis die italienische Zeitung «La Repubblica» darüber berichtete.

Egal ob man über das Luxusleben einiger Bischöfe und Kardinäle liest oder über die nicht mehr enden wollenden Sexualstraftaten, man kommt sich vor wie Bill Murray in «Und täglich grüsst das Murmeltier». Im April wurde bekannt, dass das Bistum Köln 1,15 Millionen Euro Spielschulden eines Priesters beglich und dieses Geld ausgerechnet dem Fonds für Missbrauchsopfer entnahm: Business as usual.

In der Schweiz gehörten 2020 nur noch 33,8 Prozent der Bevölkerung der katholischen Kirche an; 30,9 Prozent bezeichneten sich als konfessionslos. Mittlerweile gibt es wohl mehr Religionslose als Katholiken.

Dennoch gelang es Doris Leuthard, fast die gesamte Summe zu beschaffen. Von ihren ehemaligen Kolleginnen und Kollegen im Bundesrat erhielt sie fünf Millionen Steuergelder geschenkt. Ausstehend sind die 400’000, die der Luzerner Kantonsrat bewilligt hat. Dagegen haben die Schweizer Freidenker das Referendum ergriffen. Mit Erfolg. Am 25. September wird in Luzern abgestimmt. 400’000 Franken, das entspricht der Standard-Entschädigung für 67 Missbrauchsopfer.

Leseprobe »Dirty Talking« Seite 161

Bobby Wilson überlegte, ob er ins gegenüberliegende Hotel Drei König fliehen sollte, dort hatte bereits Napoleon auf dem Klo gesessen, aber ein Rudel Velofahrer kam ihm entgegen, und es waren so viele, dass Wilson im ersten Augenblick überlegte, ob es bereits Zeit für die Tour de France sei. Sie waren alle schwarz vermummt, obwohl die Corona- Pandemie längst Geschichte war. Einige trugen bunte Fastnachtskostüme und schwenkten Transparente. Sie forderten kostenlose Velos für alle, wollten aber auch an drei kurdische Revolutionärinnen erinnern und den feministischen Antifaschismus bestärken. Das Transparent mit dem geforderten Fleischverbot ging beinahe unter.

Als im Hotel Drei König die ersten Fensterscheiben in Brüche gingen und der gegenüberliegende Kiosk geplündert wurde, war Wilson klar, dass es hier um einen ernsthaften Protest gegen den Kapitalismus ging.

Die Polizei fuhr mit ihrem Kastenwagen vor, einige Beamte stiegen aus, aber es war noch unklar, ob sie für die kosmopolitischen Bourgeois Bohémiens Spalier stehen oder sie daran hindern wollten, die Innerstadt zur Rettung des Klimas zu verwüsten. Das war eben auch noch ein Anliegen.

Wilson hetzte zur Schifflände und blieb vor der Brücke stehen, die Mittlere Brücke genannt wurde, weil sie in der Mitte der Altstadt lag und die aussterbenden Shopping Streets mit den verfickten No-go-Areas auf der anderen Seite des Rheins verband. Doch der Polizeieinsatz galt ihm.

 

 

 

119 Blick »Blackout: Die Nacht der Tiere«

Was passiert, wenn tatsächlich der Strom ausfällt? New York hat die Erfahrung gemacht – sie war nicht gut. Nicht einmal Superman konnte die Bürger vor Kriminellen schützen.

Claude Cueni

Man schrieb den 13. Juli 1977, als Regisseur Richard Donner (1930–2021) seiner Filmcrew das Zeichen gab: Action! Sie drehten in New York gerade den ersten Teil der Comicserie «Superman». Doch um 21.34 Uhr Ortszeit sorgte nicht der Hauptdarsteller Christopher Reeve für Action, sondern zwei Blitzschläge, die einen Transformator der städtischen Elektrizitätsgesellschaft lahmlegten. Die Nebenrolle spielte eine lockere Schraube in einer Schaltstelle, die zu einem Kurzschluss geführt hatte.

New York ohne Strom, alle Strassen- und Schaufensterbeleuchtungen erloschen, U-Bahnen blieben stehen, Tausende blieben in Fahrstühlen stecken.

Während Celebritys wie Woody Allen und Al Pacino auf der Upper East Side «Open-Air-Blackout-Party» feierten, brach in anderen Gegenden das Chaos aus. Menschen zertrümmerten Schaufenster und nahmen alles mit, was nicht niet- und nagelfest war. Verzweifelte Ladenbesitzer verteidigten mit Baseballschlägern und Schusswaffen ihre Existenzgrundlage. Vergebens. Gegen die marodierenden Horden, die reihenweise Häuser abfackelten, hatten sie keine Chance.

25-Stunden-Fest für Plünderer

Ganze Stadtviertel wurden zerstört, Plünderer überfielen Plünderer. Die 8000 eingesetzten NYPD-Polizisten waren überfordert, etliche wurden schwer verletzt. «Das ist die Nacht der Tiere», sagte ein Polizist. Als das Licht nach 25 Stunden wieder anging, rief der Bürgermeister: «Christmas is over.»

Auch wenn die Schweiz nicht die USA ist und ein möglicherweise monatelanger Strommangel im Winter angekündigt würde: Die Haut der Zivilisation ist dünn. Informieren die Behörden im Voraus, in welchen Quartieren der Strom für einige Stunden abgestellt wird, sind auch Kriminelle informiert.

Wie wärs in der Schweiz?

Im Juni hatte ein Mob von rund 2500 jungen Nordafrikanern den italienischen Badeort Peschiera del Garda heimgesucht, Läden geplündert und Frauen sexuell bedrängt. Es braucht nicht viel Fantasie, um sich vorzustellen, was bei einem längeren Stromunterbruch in Europas No-go-Areas zwischen Birmingham, Berlin und Malmö geschieht.

Und in der Schweiz? Wird der Staat seine Bürger schützen können? Gemäss Justiz- und Polizeidepartement haben die Anträge für Waffenerwerbsscheine (verglichen mit dem Vorjahr) um 25 Prozent zugenommen.


Soeben erschien der Thriller DIRTY TALKING.


 

118 Blick »Stellvertreterkriege«

Was haben die Kriege in Korea (1950–1953), Vietnam (1964–1975), Afghanistan (1979–1989) und Syrien (seit 2011) gemeinsam? Es sind Stellvertreterkriege der Grossmächte, weil eine direkte Konfrontation einen Atomkrieg bedeuten würde.

Die »New York Times« berichtet, dass die USA und England nicht nur Milliarden Dollar und Kriegsgerät in die Ukraine schicken, sondern auch »Militärberater«, die auf ukrainischem Boden logistische Hilfe leisten, Millitäroperationen vorbereiten und Ziele definieren, die dann ukrainische Soldaten mit westlichen Waffensystemen ins Visier nehmen. Der Krieg in der Ukraine ist ein klassischer Stellvertreterkrieg.

Ob man für diese Feststellung gescholten oder als Putinversteher diffamiert wird, hängt von der »richtigen Gesinnung« des Postboten ab. Leider erlaubt die politische Debatte mittlerweile nur noch schwarz oder weiss. Es sollte jedoch möglich sein, dass man Fakten vermittelt statt Meinungen von Personen, die nur darauf warten, dem politischen Gegner einen Strick zu drehen.

Putin hat einem barbarischen Überfall auf einen souveränen Staat begonnen und Kriegsverbrechen begangen. Wird Selinski dadurch zur Lichtgestalt? Vor dem Krieg durfte man erwähnen, dass Selinski gemäss den Pandora Papers ein millionenschwerer Oligarch mit dubiosen Firmen in den einschlägigen Steuerparadiesen ist. Heute muss man so tun, als würde der Ex-Schauspieler, der sich im Modemagazin »Vogue« mit seiner Frau als Celebrity inszeniert, die Freiheit des Westens verteidigen. Im eigenen Land tritt er diese mit Füssen und ist entsprechend umstritten, zumal er auch vor dem Krieg keine seiner blumigen Wahlversprechen eingelöst hat. In den USA wächst die Besorgnis, dass die westlichen Milliardenhilfen im zweitkorruptesten Land Europas nicht immer dort ankommen, wo sie sollten. Von den Russen ist bekannt, dass korrupte Offiziere Kriegsmaterial auf eigene Rechnung weiterverkaufen. Wieso sollte das beim Brudervolk Ukraine anders sein? Mentalitätsmässig gibt es wenig Unterschiede: Viel Pathos, Nationalstolz und groteske Übertreibungen.

Dass das erste Opfer des Krieges die Wahrheit ist, bewahrheitet sich auch in diesem völlig unnötigen Krieg, den sich kaum jemand gewünscht hat. Es sind fast immer Menschen im fortgeschrittenen Alter, die über Krieg und Frieden entscheiden. Und über jene, die noch eine Zukunft haben.


 Nächste Woche erscheint Cuenis neuer Thriller »Dirty Talking«.


 

117 Blick »Do you speak english?«

«Lasst uns ihre Sprache verwirren, dass keiner des andern Sprache verstehe!» In der biblischen Sage verhindert Gott den Turmbau zu Babel mit der «babylonischen Sprachverwirrung»: Fortan reden die Handwerker in 72 Sprachen aneinander vorbei und bringen keinen Stein mehr auf den andern.

Die EU wollte ein solches Chaos vermeiden. Doch sie wählte nicht eine einzige europäische Amtssprache, sondern lässt jährlich für 1,1 Milliarden Euro zwei Millionen Seiten in 24 Sprachen übersetzen. Obwohl praktisch alle Malteser Englisch sprechen, wird auch ins Maltesische übersetzt.

Jedes erfolgreiche Start-up, das mit weltweit verstreuten Freelancern arbeitet, pflegt Englisch als Business-Sprache. In meiner Familie sind die Muttersprachen Französisch, Deutsch, Chinesisch und Tagalog. Wie verständigen wir uns? Auf Englisch.

Wer seine Ferien in fremdsprachigen Ländern verbringt, macht die Erfahrung, dass man sich in Sierra Leone oder Hongkong kaum auf Deutsch, Französisch, Italienisch oder Rätoromanisch unterhalten kann, aber meistens auf Englisch. Von den über 7000 Sprachen, die auf der Welt gesprochen werden, ist Englisch, bedingt durch die britische Kolonialgeschichte, die Nummer eins.

Unsere Alltagssprache ist durchsetzt von englischen Ausdrücken, wir nehmen diese gar nicht mehr als fremdsprachig wahr. Wir hören englische Songs und schauen amerikanische Filme. Englisch ist die Sprache der Wissenschaft. Die grösste Ansammlung von Wissen liegt in Englisch vor.

Jeder kann sich autodidaktisch über die nationalen Sprachgrenzen hinaus weiterbilden, sofern er einen Internetanschluss hat und Englisch spricht. Die Karriereleiter von Jugendlichen schrumpft zur Bockleiter, wenn sie kein Englisch sprechen. Es wäre sinnvoll, wenn in Primarschulen Englisch als Zweitsprache eingeführt würde. In diesem Alter lernt man Sprachen schnell.

In der römischen Antike förderte Latein Verständigung und Zusammenhalt des Imperiums. Im Hinblick auf die vermehrte Zuwanderung aus bildungsschwachen Kulturen wäre Englisch als zweite Landessprache hilfreich für die Integration der Integrationswilligen. Vielleicht braucht auch die Politik einen Booster, um das aktuelle Sprachengesetz zu überdenken.


Am 22. August erscheint der neue Thriller DIRTY TALKING.


 

116 Blick »Wir wir zum Reisen gekommen sind«

Wie wir zum Reisen gekommen sind

Man reist ja nicht, um anzukommen, sondern um zu reisen», schrieb Goethe (1749–1832). Das war nicht immer so. Reisen hatte jahrtausendelang stets einen ganz bestimmten Zweck. Unsere Vorfahren waren Nomaden, immer unterwegs nach neuen Regionen, wo es genügend Nahrung gab. Auch Umweltkatastrophen zwangen sie zum Reisen beziehungsweise zum Verreisen. Bis sie schliesslich vor rund zehntausend Jahren sesshaft wurden und Viehzucht und Ackerbau betrieben.

In der Antike reiste man zu den Tempeln der Götter, wie man heute nach Santiago de Compostela oder Mekka pilgert. Nebst den Händlern, die berufsmässig reisten, waren Ferienreisen den Wohlhabenden vorbehalten, sie suchten im Sommer ihre Zweitwohnsitze am Meer auf. Allen anderen fehlten die Zeit und das Geld dazu.

Legionäre und Nichtadlige reisten meistens zu Fuss und legten dabei ca. 30 Kilometer am Tag zurück, in etwa die Distanz von Zürich nach Winterthur, eine Strecke, die wir heute mit dem Auto in 30 Minuten bewältigen. Es gab so was wie ein Fernstrassennetz mit Herbergen, die Reisende und die Pferde der Postboten und Kutscher versorgten und nebst Speis und Trank auch sexuelle Dienste anboten.

In der Renaissance (ca. 1400 bis 1620) sandte der europäische Adel seine Söhne auf die grosse Bildungsreise, die Grand Tour, die meistens nach Italien führte. Dass Reisen bildet, galt schon damals als Binsenweisheit. Unter Bildung verstand man auch das Sammeln erotischer Erfahrungen.

Mit dem britischen Reisepionier Thomas Cook (1808–1892) wurden erstmals Pauschalreisen in die entlegenen Kolonien des British Empire angeboten, das nach dem Ersten Weltkrieg sagenhafte 35 Millionen Quadratkilometer umfasste. Der technische Fortschritt der industriellen Revolution machte es möglich, dass nun Reisen dank Automobil, Eisenbahn und Dampfschiff günstiger und somit auch für den Mittelstand erschwinglich wurden. Die entstehende Tourismusbranche schaffte neue Jobs, die Reiseliteratur boomte, und Louis Vuitton (1821–1892) fabrizierte robuste Reisetruhen.

Doch erst in den 1960er-Jahren setzte dank höheren Realeinkommen, mehr Freizeit und günstigen Charterflügen der Massentourismus ein: Man reiste nicht mehr, «um anzukommen, sondern um zu reisen».


Am 22. August erscheint der neue Thriller DIRTY TALKING.


 

© Privilegierte Asphaltkleber

Die »Letzte Generation« klebt sich auf befahrene Strassen und legt den Verkehr lahm. Auf ihrer Plattform posten sie ihre Highlights, Videos, die erboste Autofahrer zeigen, die, (im Gegensatz zu den privilegierten Asphaltklebern) unterwegs zur Arbeit sind. Auch Ambulanzen, Feuerwehr und Hochschwangere sind motorisiert unterwegs. Für wen will die »Letzte Generation« also das Klima retten, wenn ihnen die Mitmenschen derart egal sind?

 

Oder geht es eher um die Jagd nach Selfies, wie der junge Aktivist Clemens Traub in seinem Buch »Future for Fridays« selbstkrititisch bemerkt? 

 

Die Rücksichtslosigkeit gegenüber der arbeitenden Bevölkerung halten sie für rechtens, bis ihre Forderungen erfüllt sind. Erpressungen, die in Hotel Mama funktionierten, »Nike-Schuhe oder Terror«, sind in der Öffentlichkeit nicht immer erfolgreich. Wer seine Lifestyle-Moral über den Rechtsstaat stellt, verkommt zur Sekte.

 

Tadzio Müller, einer der Wortführer, findet es legitim, in Zukunft Autos zu zerstören und Gaskraftwerke zu sabotieren. Er droht mit einer »Grünen Armee Fraktion« im Stil der »Roten Armee Fraktion«, die in den 1970er-Jahren Staat und Bevölkerung terrorisierten. Doch das Einzige, was die RAF damals errreichte, waren (nebst 33 Morden) schärfere Gesetze.

 

Die gute Nachricht zum Schluss: Es wird noch tausende Generationen geben, weil die Menschen, die technologische Innovationen entwickeln, nicht auf dem Asphalt kleben, sondern forschen und arbeiten.

 

© Agentur C – die Story

1985 gründete der erfolgreiche Schweizer Firmengründer Heinrich Rohrer (Sipuro – Rohrreinigung – SI phon PU tz – RO hrer) mit einigen Freunden den Verein »Agentur C« um mit Plakatkampagnen schweizweit Bibelverse zu verbreiten.

1998 starb der millionenschwere Exzentriker, der auf seinem Anwesen einen Venom-Kampfjet und eine Radgürtelkanone geparkt hatte.

Seitdem produziert der Verein allerlei Merchandising mit Bibelversen, vom Regenschirm bis zum Zuckerbeutel, verschenkt Bibeln und hängt regelmässig neue Plakate auf.

Auf Anfrage wird mir erklärt, dass ihre Zielgruppe alle Menschen in der Schweiz umfasst und leider immer wieder Plakate zerstört werden. Soll ich jetzt Voltaire bzw. seine Biografin zitieren? (Ich teile Ihre Meinung nicht, aber…)

An alle Neandertaler mit unterentwickelten Demokratieverständis: Hört auf, Plakate zu beschädigen. In dieser humorlosen Zeit brauchen wir mehr Comedy im öffentlichen Raum.

© Der Maler Jürg Kreienbühl

Chronist der Endzeit

Zum Tod des Malers Jürg Kreienbühl


© Von Aurel Schmidt


© Quelle: Basler Stadtbuch 2007 / Basler Zeitung vom 3. November 2007


 

 

Zu Jürg Kreienbühls letzten Werken gehört eine Reihe von Bildern, die er in einer <déchetterie>, einer Kehrichtverbrennungsanlage, in der Nähe von Paris gemalt hat. In der auf Hochglanz polierten Welt von heute suchte er seine Motive mit Vorliebe am entgegengesetzten Ende, dort, wo die Armut und die Misere zu Hause sind und sich die so­ zialen Abgründe auftun.

 

Er liebte es, Abfallhaufen zu malen, Friedhöfe, von Ölteppichen verseuchte Häfen. Nichts Schönes, nicht Erbauliches. Er hatte eine bestimmte Vorstellung vom Leben, das er an den dunkelsten Orten suchte, weil er überzeugt war, dass er es nur dort finden würde. Das gab seiner Malerei etwas Düsteres, gelegentlich Pathetisches, aber immer auch Authentisches. Malen hiess für ihn Zeugnis ablegen.

 

Jürg Kreienbühl wurde am 12. August 1932 in Basel geboren. Als junger Mensch hatte er ein Erlebnis, das ihn für das Leben prägte. Der Anblick einer verwesenden, von Maden befallenen Ratte, die er im Jahr 1953 in einer Abfallgrube in Reinach beobachtet hatte, löste in ihm beinahe traumatische Reaktionen aus. Er hat oft davon gesprochen. Mit einem Mal musste er erkennen, dass die Natur eine ungeheuerliche Maschine ist, die alles verschlingt. Sie kam ihm wie etwas Sinnloses vor, wie eine Demütigung des Menschen. Dass der Mensch die Krone der Schöpfung sei, hielt er für blanken Unsinn. Alles stirbt, zerfällt, löst sich auf, geht zu Grunde. Nirgends ist ein Sinn, eine Hoffnung, ein Ausweg.

 

Das waren Kreienbühls nihilistische Jahre. Mit 24 zog er nach Paris, wo er in der Banlieue in einer <roulotte>, einem Wohnwagen, unter Zigeunern, Nordafrikanern, Clochards hauste. Aber unter diesen Gestrandeten erfuhr er eine Menschlichkeit, die ihm den Weg zu einem neuen Verständnis des Lebens eröffnete.

 

Später, als er sich als Künstler einen Namen gemacht hatte, vergass er nie seine Elendsjahre. Clochards in erbärmlichen Verhältnissen, in demolierten Zimmern, an Tischen mit ausgetrunkenen Weinflaschen sitzend, desillusioniert, alles im Detail exakt gemalt, blieben ein bevorzugtes Thema von ihm. Auf diese Weise bekundete er seine Verbundenheit mit den Armen und Benachteiligten und hatte damit – paradoxerweise – Erfolg.

 

Seine Erfahrungen prägten seinen Stil. Er malte in realistischer Weise und liess kaum etwas anderes daneben gelten. Es war für ihn ausgeschlossen, die Welt, die er angetroffen hatte, anders wiederzugeben als in einer krassen Art. Bei allem, was er gesehen und erlebt hatte, gab es für ihn keine Möglichkeit, sich einfach in die ästhetische Unverbindlichkeit zurückzuziehen. Wenn es sein musste, konnte er in künstlerischen Fragen sogar richtig rabiat werden. Rote und blaue Quadrate und Kreise riefen einen heiligen Zorn in ihm hervor. Was kann einer, der nichts zu essen hat, damit anfangen? Dabei muss man sich Jürg Kreienbühl als einen Menschen vorstellen, der sich seinen Freunden gegenüber jederzeit liebenswürdig, grosszügig und hilfsbereit verhielt.

 

Seine grosse Verehrung für den Maler Edouard Vuillard (1868-1940) macht vieles an seinem Werk verständlicher. Doch der Realismus ist heute kein hoch gehandelter Stil. Was aber bedeutete Realismus für Kreienbühl überhaupt? Bedenkt man neben dem Erlebnis mit der toten Ratte und den Erfahrungen in den Bidonvilles auch seine LSD- Versuche, so kann man seine realistische Malweise als Mittel und Methode verstehen, der Essenz, der tieferen Bedeutung auf die Spur zu kommen. Auf die nihilistische Phase seiner Jugend folgte so später eine Zeit, in der er einen Blick hinter die sichtbare Fassade der Erscheinungen warf und eine andere Einstellung zum Leben gewann.

 

Sein Leben lang beschäftigte sich Kreienbühl auch mit den Naturwissenschaften. Viele Jahre malte er in der 1889 erbauten Galérie de Zoologie im Jardin des Plantes (Muséum national d’Histoire naturelle) in Paris, die 1965 wegen Baufälligkeit für die Öf­ fentlichkeit geschlossen werden musste und 1994 in eine etwas geschniegelte Event- Ausstellungshalle zum Thema Evolution umgewandelt wurde. Er besass einen Schlüssel und konnte sich frei darin bewegen. Die Wissenschafter des Museums gehörten zu seinen engsten Freunden.

 

An diesem historischen Prachtbau interessierte ihn der desolate Zustand. Das Gebäude zerfiel zusehends, die ausgestopften Tiere verkamen. Es war ein Ort des Abbruchs. Die Atmosphäre inspirierte Kreienbühl. Wo er hinkam, traf er eine Welt in Auflösung an, eine Welt des Verschwindens, zum Beispiel in der lange zuvor aufgegebenen Fabrik in Vendeuvre-sur-Barse, in der einmal Heiligenfiguren aus Gips hergestellt worden waren, oder in der Warteck-Brauerei in Basel, wo ihn die Braukessel aus Messing im Sudhaus faszinierten, bevor wenig später die Produktion eingestellt wurde.

 

Jede Lebenslage, in die er sich gestellt sah, erwies sich als Niedergang. Er malte Endstationen und wurde zum Chronisten der Endzeit. Es war wie ein vom Schicksal verfügter Auftrag. Bis zuletzt blieben seine dominierenden Themen – neben Basler Motiven – die Banlieue, die anonymen Vorstadtsiedlungen, die Wohntürme von Nanterre, die mit Krimskrams vollgestopften Interieurs, die Hinterhöfe, die Mülldeponien, die Welt der sozial Deklassierten – die Welt, die an einem äussersten Punkt angekommen ist. Aber in dieser Welt erkannte er auch einen Überlebenswillen und eine versteckte Schönheit, die das Ergebnis einer tiefen menschlichen Verbundenheit ist, wenn erst einmal der Weg dahin durch die tiefsten Tiefen des Lebens geführt hat.

 

Auf einem Bild, das Kreienbühl vor einigen Jahren gemalt hat, ist er selbst zu sehen, auf dem Bettrand sitzend, mit einem erschütternden Blick in die Leere und Einsamkeit. Im Nachhinein erkennen wir, in welchem Mass das Bild als Aussage des Künstlers über sich selbst zu verstehen ist. In einem Heim in Cormeilles-en-Parisis ausserhalb von Paris ist Kreienbühl, der die Schweizer und die französische Staatsbürgerschaft besass, am go. Oktober 2007 gestorben, müde und überwältigt von den Strudeln des Lebens. Aber was für ein dichtes und randvolles Leben ist es gewesen.

 

Der Text erschien ursprünglich in der Basler Zeitung vom 3. November 2007