21.05.2026 / 5878 Anschläge / Kunst Claude Cueni
Vom Pariser Salon zu King Kong
Ende des 19. Jahrhunderts sorgte ein Gorilla, der in Wahrheit ein Schimpanse war, für einen Shitstorm, der weit über die Grenzen der Kunstwelt hinausreichte. Es war die Gipsfigur des Tierbildhauers Emmanuel Frémiet (1824–1910). Ausgestellt wurde sein Werk 1859 im renommierten «Salon de Paris», vergleichbar mit der heutigen Kunstmesse Art Basel. Frémiet hatte einen Gorilla erschaffen, der eine schwarze Frau entführt und hinter sich herschleift: «Gorille enlevant une négresse».
Angriff auf die Schönheit
Die Aussteller ahnten einen Skandal und platzierten das Werk hinter einem Vorhang, was die Neugier des Publikums erst recht weckte. Doch Stein des Anstosses war nicht eine (aus heutiger Sicht) rassistische Darstellung, sondern das kurz zuvor erschienene Hauptwerk von Charles Darwin: «Über die Entstehung der Arten». Man unterstellte Frémiet, mit dieser Mensch-Tier-Skulptur Darwins Theorie zu teilen. Die Vorstellung, dass der Mensch nicht die Krone der Schöpfung, sondern mit den Menschenaffen verwandt sei, löste eine Schockwelle im bürgerlichen Europa aus.
Wenn der Mensch nur ein weiterentwickeltes Tier war, was hinderte ihn daran, seinen tierischen Trieben nachzugeben? Der Gorilla erinnerte die Gesellschaft an ihre eigene animalische Natur. Mehr noch: Die Szene der Entführung suggerierte eine sexuelle Komponente, die die Grenze zwischen Mensch und Tier auflöste. Kritiker sahen darin eine blasphemische «Karikatur des Menschen». Der Shitstorm schien kein Verfallsdatum zu haben. Charles Baudelaire verachtete Frémiets «niedrigen Realismus». Andere warfen dem Bildhauer vor, die Kunst durch die Darstellung von «Bestialität» und «hässlichen Sujets» zu beschmutzen. Für sie war die Skulptur ein Angriff auf die Schönheit. Dass die Frau als «négresse» dargestellt wurde, galt ihnen nicht als rassistisches Problem, sondern als Beweis für Frémiets mangelnden Geschmack. Sie unterstellten ihm, das «Hässliche» und «Primitive» zu wählen, um eine billige Sensation zu erzeugen.
Zoologen und Anthropologen wiederum hielten die Verwischung der Grenze zwischen Mensch und Tier für inakzeptabel. Sie beharrten auf einer naturgegebenen Stufenleiter und bemängelten, dass der Gorilla die Frau verschleppe, wie es auch ein menschlicher Entführer tun würde. Die Überbetonung der anatomischen Ähnlichkeit hielten sie für sexuell aufgeladen. Der Zeitgeist des 19. Jahrhunderts war geprägt vom Kolonialismus und einer Wissenschaft, die Rassenhierarchien zu rechtfertigen suchte. Afrikaner wurden in der europäischen Wahrnehmung häufig entmenschlicht und in die Nähe von Affen gerückt.
Abolitionisten kritisierten, die Figur suggeriere, Afrikaner stünden dem Tierischen näher als Europäer und seien daher weniger «Mensch». Sie warfen Frémiet vor, die schwarze Frau wie einen Gebrauchsgegenstand zu behandeln. Einige bemerkten zudem, dass die Wahl einer afrikanischen Frau es dem weissen Publikum erleichtere, die Gewalt der Szene zu betrachten, ohne Empathie empfinden zu müssen.
Überdimensionierter Schimpanse
Aus heutiger Sicht ist die Anatomie des Gorillas auffallend ungenau – ungewöhnlich für einen renommierten Tierbildhauer. Diese Vermischung zweier Affenarten erstaunt, zumal Frémiet viel Zeit in Pariser Tiergärten verbrachte. Dort studierte er lebende Schimpansen, die bereits im 17. Jahrhundert in Zoos präsent waren. Er modellierte, was er sah.
Gorillas hingegen waren lange Zeit eher Legenden aus Reiseberichten von Paul Du Chaillu. Im Muséum national d’histoire naturelle standen Frémiet lediglich getrocknete Häute und Skelette zur Verfügung, oft unvollständig oder falsch montiert. Er ging davon aus, ein Gorilla sei im Grunde ein «skalierter Schimpanse». Frémiet war somit ein Opfer der Wissenslücke seiner Zeit: Er nannte sein Tier «Gorilla», modellierte jedoch einen überdimensionierten, aggressiven Schimpansen. Seine Skulptur ist daher nicht nur ein Kunstwerk, sondern auch ein zoologisches Dokument des 19. Jahrhunderts.
1861, nur zwei Jahre nach der Ausstellung, wurde die Gipsstatue zerstört. Manche behaupteten, ein erzürnter Besucher habe sie beschädigt; andere vermuteten, der Pariser Salon selbst habe den Hammer geschwungen. Die Zerstörung war für Frémiet ein tiefer Schock. Er fühlte sich als Künstler missverstanden und als Mensch angegriffen. Fast dreissig Jahre lang schwieg er über diese frustrierende Niederlage.
Doch 1887 schuf er eine zweite Version: Aus der «négresse» war eine weisse Frau, aus der Affenchimäre ein anatomisch korrekter Gorilla geworden. Ironischerweise wurde diese überarbeitete Version mit einer Ehrenmedaille ausgezeichnet. Sie war nicht mehr ein Skandal, sondern ein gefeiertes Meisterwerk, ein später Triumph für den einst Geschmähten.
Aber nicht in den USA. Als dort die Bronzestatue als «Ape with Woman» ausgestellt wurde, herrschte ein ganz anderer Zeitgeist. Die amerikanische Öffentlichkeit reagierte heftig, da das Land noch unter den Nachwirkungen von Bürgerkrieg und Rassentrennung litt. Ein Affe, der eine weisse Frau raubt, wurde als rassistische Propaganda gelesen. Die einen sahen darin eine Warnung, die anderen eine Beleidigung.
Gerade diese Ambivalenz macht das Werk heute zu einem aufschlussreichen Studienobjekt über die Macht der Interpretation, die Macht der Benennung und die Flüchtigkeit des Zeitgeistes. Die Skulptur befindet sich heute im Musée d’arts de Nantes.
Heute kennt jedes Kind den Gorilla, aber unter einem anderen Namen: King Kong. Frémiets Gorilla wurde bereits zum Mythos, lange bevor er ab 1933 als Riesenaffe, der eine weisse Frau raubt, die Kinoleinwand eroberte und in der Populärkultur unsterblich wurde.
Ironischerweise wurde die überarbeitete Version mit einer Ehrenmedaille ausgezeichnet.






