083 »Macht Geld weniger glücklich?«

 

Varius Marcellus erhielt als Prokurator des kaiserlichen Privatvermögens ein Jahresgehalt von 300’000 Sesterzen, der Augenarzt Decimius Eros Merula hinterliess seinen Erben 500’000 Sesterzen. Woher wir das wissen? Sie liessen ihren Kontostand auf ihren Grabstein meisseln.

Was damals Anerkennung über den Tod hinaus bedeutete, würde heute als Protzerei verspottet. Höchstens Boxer Floyd Mayweather oder Donald Trump könnte so was einfallen. Der Neid auf Menschen, die mehr besitzen, ist je nach Kultur verschieden. Während man in Asien Reiche als Vorbilder sieht, hat im Westen der Rasenmäher Hochkonjunktur. Nur gerade Weltstars wie Kanye West oder Ronaldo gönnt man die Millionen. Und Lottomillionären: Man könnte ja der nächste sein.

Als der reichste Mann Dänemarks bei einem Terroranschlag auf Sri Lanka drei Kinder verlor, stand in jeder Schlagzeile, dass er Milliardär ist. Als wolle man der Leserschaft sagen: Seht, Geld macht auch nicht glücklich. Als hätte ihn ein durchschnittliches Vermögen vor einer derartigen Tragödie bewahrt. Bestraft das Schicksal Glück mit Unglück? Dieser Aberglauben versetzt gemäss Swisslos immer wieder Lottomillionäre in Panik.

Ironischerweise streben die meisten Menschen nach mehr Geld, obwohl sie jenen, die ein paar Tausender mehr haben, pauschal Moral, Empathie und Glücksfähigkeit absprechen.

In der Schweiz besitzen die 300 Reichsten zusammen 707 Milliarden. Einige haben geerbt (letztes Jahr 95 Milliarden). Einige investieren in Firmen (und Arbeitsplätze) oder engagieren sich karitativ, andere sitzen zum Zeitvertreib in Parlamenten oder jetten von Vernissage zu Vernissage

Bringt mehr Geld mehr Glück? In Ländern, wo der Tagesverdienst bei zwei Dollar liegt, ganz bestimmt. In Wohlstandsgesellschaften mit staatlicher Rundumversorgung kokettiert man gerne damit, dass Geld nicht so wichtig ist, weil man genug davon hat, um Dinge zu kaufen, die man nicht braucht, aber trotzdem will, um Leute zu beeindrucken, die man gar nicht mag.

Weltweit belegen Studien, dass das persönliche Glück proportional zum Einkommen steigt. Aber nicht unbeschränkt. Bei uns liegt die Grenze bei einem Monatslohn von ca. 7500 Franken. Ab dann zählen Dinge, die man mit Geld nicht kaufen kann.


© Blick 2021


 

082 Blick »Waren Hänsel & Gretel Raubmörder?«

«Kommt mit», sagte der Hahn, «etwas Besseres als den Tod können wir überall finden.» Die Gebrüder Grimm hinterliessen uns über 200 Märchen. Einige ihrer Geschichten haben einen historischen Hintergrund.

Die grausamen Hungersnöte während des Dreissigjährigen Krieges (1618–1648) waren noch nicht vergessen. Millionen Menschen starben auf den Schlachtfeldern, und noch mehr erlagen Hunger und Seuchen. Marodierende Soldaten zogen mordend und plündernd durch Europa, die Nahrung wurde knapp, die Preise stiegen, die Wirtschaftskrise ruinierte die Überlebenden. Fälle von Kannibalismus sind überliefert. Nicht selten boten Eltern aus Verzweiflung ihre Kinder auf öffentlichen Märkten als Tagelöhner oder Dienstmädchen an. Einige setzten ihre Kinder im Wald aus wie die Eltern von Hänsel und Gretel. Der Vater war Holzhacker und gehörte zu den Ärmsten der Armen.

Weltwoche: Habemus episcopum

© Weltwoche – 25. Februar 2021 / Ausgaben-Nr. 8, Seite: 33

 

Wie es kam, dass der neue Churer Bischof, Joseph Bonnemain, eines Morgens in meinem Wohnzimmer sass.

von Claude Cueni

Ein Superman wird Bischof», kommentierte Raphael Rauch, Redaktionsleiter des Schweizer Religionsportals Kath.ch, die Wahl von Joseph Bonnemain, 73, zum neuen Bischof von Chur. Seinen guten Ruf hat sich der Sohn eines Jurassiers und einer Katalanin in den letzten vierzig Jahren als Priester und Spitalseelsorger erworben. Seit 2002 war Bonnemain, Dr. med. und Dr. iur. can., auch Sekretär des Fachgremiums «Sexuelle Übergriffe im kirchlichen Umfeld» und oberster kirchlicher Richter im Bistum Chur. Wie kam es, dass er eines Morgens im Jahre 2014 in meinem Wohnzimmer sass?

Einige Monate zuvor war mein autobiografischer Roman «Script Avenue» erschienen. Ich hatte meinen Kurzaufenthalt im damaligen Knabeninternat in Schwyz beschrieben und dabei über die sexuellen Belästigungen eines Präfekten gespottet. Als die Medien über diese biografische Fussnote aus dem Jahre 1973 berichteten, kündigte der damalige Schwyzer Regierungsrat Walter Stählin (SVP) umgehend eine Task-Force an, um dieser uralten Geschichte nachzugehen. Doch niemand kontaktierte meine damaligen Mitschüler. Aus gutem Grund. Einige wären bereit gewesen, als «Zeitzeugen» den Sachverhalt zu bestätigen.

Schon bald verkündete Stählin wahrheitsgemäss, er habe keine Fakten. Manchmal lügen Politiker selbst dann, wenn sie die Wahrheit sagen. Hatte ich mich anfangs noch über die Publicity gefreut, ärgerte ich mich nun darüber. Denn in «Script Avenue» erzählte ich auf 640 Seiten das Leben eines Schweizer Forrest Gump von 1956 bis 2010, also rund fünfzig Jahre Zeitgeschichte. Die Ereignisse im Internat Schwyz füllten lediglich ein paar Seiten, aber plötzlich waren sie das einzige Thema. Jede mediale Empörung hat ein Verfalldatum. Irgendwann war das Interesse erloschen.

Er hatte noch ein paar Fragen

Aber nicht ganz. Ich erhielt überraschend eine E-Mail von Joseph Bonnemain aus Chur. Der damalige Bischofsvikar fragte, ob er mich besuchen könne, er hätte da noch ein paar Fragen. Selbstverständlich. Ich war über sein Interesse erstaunt, da das einstige katholische Internat Kollegium Maria Hilf 1973 vom Kanton übernommen worden war und nicht mehr im Verantwortungsbereich des Bistums lag. Wieso war Bonnemain noch interessiert? Der Kanton Schwyz hatte sich hartnäckig geweigert, ihm die Liste meiner damaligen Mitschüler auszuhändigen. Das hatte den Ermittler in ihm geweckt. Ich war neugierig, einen «Kirchendetektiv» kennenzulernen, zumal ich in meinem Thriller «Der Bankier Gottes» den Nunzio Apostolico Con Incarichi Speciali, den Spezialagenten des Papstes, zur Hauptfigur gemacht hatte.

An jenem Morgen im Jahre 2014 trat ein charismatischer und bescheidener Mann aus dem Fahrstuhl, der aufrichtiges Interesse an der Aufklärung der damaligen Vorfälle hatte. Aber wir sprachen über andere Dinge, über das Sterben, über den Tod, denn meine erste Frau war an Krebs gestorben, und er hatte als Spitalseelsorger vielen Sterbenden beigestanden. Er sprach nicht über Gott, sondern über die Demut und Bescheidenheit, die einen das Leben lehrt, wenn man Menschen sterben sieht. Der eigentliche Grund seines Besuchs war beinahe nebensächlich geworden. Erst am Ende sprachen wir über die Vorfälle in Schwyz, die nach beinahe fünfzig Jahren nur noch den Charakter einer Anekdote über die missglückten sexuellen Avancen eines Priesters hatten. Ich übergab Bonnemain die Namen und Adressen jener, die bereit waren, meine im Roman «Script Avenue» erwähnten Vorfälle zu bestätigen. Ich nannte ihm den Namen des fehlbaren Priesters und zeigte ihm auch meine damaligen Tagebucheinträge.

Die beste Religion

Obwohl ich den Glauben an Götter für eine Form des Aberglaubens halte, blieb mir die Begegnung nachhaltig in Erinnerung. Ich traf an jenem Tag eine beeindruckende Persönlichkeit, die wohltuend authentisch, unaufgeregt und mit Empathie über Menschen sprach. Es versteht sich von selbst, dass er im seit Jahrzehnten zerstrittenen Bistum etliche Gegner hatte und weiterhin hat.

Auch im christlichen Umfeld wird mit unchristlichen Methoden um Einfluss gerungen. Aber auch wenn die katholische Kirche mittlerweile weltweit jedem Missbrauchsopfer durchschnittlich fünftausend Euro bezahlt, ist der Exodus der Mitglieder nicht mehr aufzuhalten. In Deutschland brachen letzte Woche die Server zusammen, weil fünftausend Gläubige gleichzeitig ihren Kirchenaustritt meldeten. Sie waren erzürnt, dass der Kölner Kardinal Rainer Maria Woelki ein Gutachten zurückhielt, das den sexuellen Missbrauch der katholischen Priester im grössten Bistum Deutschlands aufarbeitete.

Ist das Vertrauen einmal verloren, wird es schwierig. Der Wunsch nach Spiritualität bleibt, esoterisch angehauchte Patchwork-Religionen gewinnen an Attraktivität. Auf den neuen Bischof von Chur wartet eine Herkulesaufgabe, die selbst Superman nicht bewältigen könnte. Die beste Religion ist immer noch, ein gutes Herz zu haben (Dalai Lama).


Claude Cueni ist Schriftsteller und lebt in Basel. Am 15. März erscheint bei Nagel & Kimche sein neuer Roman «Hotel California».


 

081 Blick »Entscheidet Twitter ob Gott existiert?«

Wenn Freiheit überhaupt etwas bedeutet, dann bedeutet sie das Recht darauf, den Leuten das zu sagen, was sie nicht hören wollen.» Das Zitat von George Orwell (1903–1950) wird gerne bemüht, aber im Alltag kaum noch gelebt.

Mark Zuckerberg (35) ist stolz, dass seine Algorithmen mittlerweile über 90 Prozent der Hass- und Hetzkommentare seiner 2,2 Milliarden Nutzer identifizieren. Hass und Hetze, das ist stets das, was der politische Gegner verbreitet. Für Fake News sind externe Faktenchecker zuständig. Entscheidet morgen ein 18-jähriger Student aus Santa Rosa, ob der Asteroid Oumuamua ein ausserirdisches Taxi und ob Christi Himmelfahrt «falsch», «teilweise falsch», «Satire» oder «Meinung» ist?

In der Praxis gilt die Weltanschauung von Zuckerberg und Twitter-Chef Jack Dorsey (43), der gemäss BBC innerhalb weniger Tage über 70 000 Accounts von Verschwörungstheoretikern gelöscht hat. Wer Einfluss nimmt auf den Inhalt und selektiv löscht oder die Reichweite minimiert, handelt nicht mehr als Gastgeber einer Plattform, sondern als Verleger, der die politische Ausrichtung definiert. Würde Twitter als Verlag klassifiziert, wäre er für jeden einzelnen der 6 Millionen Tweets verantwortlich, die pro Sekunde gepostet werden.

Je mehr gelöscht und gesperrt wird, desto mehr Leute wechseln auf neue Plattformen, bis dann der Werbeslogan von Procter & Gamble gilt: «Meister Proper putzt so sauber, dass man sich drin spiegeln kann.» Dorsey und Zuckerberg sehen dann nur noch Dorsey und Zuckerberg. Keine Plattform kommuniziert mehr mit der andern. Kein Wettbewerb der Ideen mehr. Niemand weiss, was ihm vorenthalten wurde.

Der ausbleibende Widerspruch fördert zwar den gegenseitigen Applaus, aber man sollte sich nicht zu früh freuen, denn irgendwann frisst der Wahn seine Schöpfer.

Robespierre war ein linker Anwalt aus der französischen Provinz, der sich für die Abschaffung der Todesstrafe einsetzte. Kaum an der Macht, wurde er ihr eifrigster Benutzer. Nach über 16 000 Hingerichteten war er selbst an der Reihe. Er versuchte, sich durch Suizid der Guillotine zu entziehen, und schoss sich dabei den Kiefer weg. Intellektuelle sind manchmal auch in praktischen Dingen furchtbar ungeschickt.


Claude Cueni (65) ist Schriftsteller und lebt in Basel. Er schreibt jeden zweiten Freitag im BLICK. Am 15. März erscheint bei Nagel & Kimche sein neuer Roman Hotel California.


 

080 Blick »Rassismusdebatte im Reagenzglas«

 


©Blick 5.2.2021

Rassismusdebatte im Reagenzglas

»Bitte, Allah, gib mir die Kraft, damit ich heute nicht all diese Männer und weissen Leute da draussen töte.« Das war ein Tweet der Kanadierin Yusra Khogali, Co-Gründerin von Black Lives Matter, der in Torontos »City News« abgedruckt wurde. #Aufschrei blieb aus. Als die schwarze Talkmasterin Oprah Winfrey klagte, sie habe in der Schweiz Rassismus erfahren, war die Solidarität gross. Wäre sie weiss gewesen, hätte man gesagt: Was für eine eingebildete Zicke.

Die Senegalesin Alima Diouf, Geschäftsführerin des Schweizer Vereins »Migranten helfen Migranten«, sagt: »Jeder Mensch ist ein Rassist. Es gibt auch Rassismus unter Schwarzen: Wenn ein Senegalese nicht will, dass seine Tochter einen Nigerianer heiratet.«

Wer wirklich wissen will, wie Rassismus gelebt wird, sollte sich in Afrika, dem Nahen Osten oder Asien umsehen. In Ermangelung empörungswürdiger Verhältnisse leisten sich einige den Luxus, im beschaulichen Westen Rassismusdebatten im Reagenzglas zu führen. Sie spielen sich in Kolonialherrenmanie als Schutzmacht dunkelhäutiger Menschen auf und betrachten jeden Nicht-Weissen als »arme Siech« (Rassismus?) dem man unter die Arme greifen muss. Aber niemand hat sie darum gebeten.

Würden diese »Antirassisten« über den goldenen Tellerrand hinausschauen, würden sie feststellen, dass die meisten Menschen ausserhalb des Westens weder Fragen nach der Herkunft (Rassismus!) noch (stereotypische) Komplimente als »positiven Rassismus« sehen.

Als ich in Hongkong arbeitete, wurde ich mehrmals täglich nach meiner Herkunft gefragt, und rasch fielen Stereotypen wie: Schweizer sind reich, essen Käse und haben Uhren, aber wenig Zeit. Wurde ich etwa Opfer von »positivem Rassimus«? Ich freute mich über die unverkrampfte Kontaktaufnahme.

Muss ein Metzgermeister, der für Lionel Messi schwärmt, zuerst einige Semester »kolonialrassistische Stereotype« studieren, bevor er einem argentinischen Kunden sagen darf, dass seine Landsleute das Dribbeln im Blut haben?

Übereifrige »Antirassisten« sollten in Erwägung ziehen, dass sich kaum jemand für ihre abgehobene Wahrnehmung interessiert und dass sie mit ihrem Feindbild vom »alten weissen Mann«, möglichweise rassistischer sind als ihnen lieb ist.


Claude Cueni (65) ist Schriftsteller und lebt in Basel. Er schreibt jeden zweiten Freitag im BLICK. Am 15. März erscheint bei Nagel & Kimche sein neuer Roman »Hotel California«.


 

Wieso das Volk ihren »Dirty Harry« liebt.

BLICK-Kolumnist und Schriftsteller Claude Cueni ist mit einer Filippina verheiratet und beschäftigt sich seit Jahren intensiv mit dem Land. Er nennt die Heimat seiner Frau den «Wilden Westen Asiens».


Seit elf Jahren unterhalte ich mich fast täglich mit der Grossfamilie und dem Bekanntenkreis meiner philippinischen Ehefrau über Videochat. Während wir bei uns Leute bemitleiden, die während der Quarantäne ihren Geburtstag alleine mit Netflix verbringen müssen, herrscht in einigen philippinischen Provinzen tatsächlich Hunger, etwas, das wir nur vom Hörensagen kennen.

Viele sind arbeitslos und haben weder Versicherungen noch Sozialhilfe. Eine Gruppe von Schullehrern sagte mir, Duterte schicke zwar den Gemeindevorstehern 6000 Pesos (zirka 120 Schweizer Franken) für jeden Bewohner, der besonders von Armut betroffen sei. Aber die Gelder würden zuerst an Verwandte und Bekannte verteilt, und somit würden die besonders Bedürftigen oft leer ausgehen.

Corona-Polizisten feierten Silvester-Partys mit

Auf den Philippinen gilt «Utang na loob», die gegenseitige Bringschuld, ein anderes Wort für Vetternwirtschaft. Wer also keine grosszügigen Verwandten im Ausland hat, ist existenziell bedroht: Er hat kein Erspartes, er hat buchstäblich nichts. Was man zu Geld machen konnte, liegt bereits bei einem der 18’500 Pfandleihern.

Vor den Feiertagen drohte Duterte in einer Fernsehansprache, dass «seine Soldaten» jeden töten würden, der die Corona-Massnahmen nicht einhält. Die Leute feierten trotzdem ausgelassene Silvesterpartys, ohne Mundschutz, ohne Abstand. Ich fragte mehrere Partygänger, ob sie nicht Angst hätten, erschossen zu werden. Schallendes Gelächter. Was aus dem tausend Kilometer entfernten Malacañang-Palast käme, sei eh nur «Bulabula» (Blabla), und im Übrigen würden auch Corona-Polizisten und Gemeindevorsteher ohne Masken das Neue Jahr feiern.

Wenig Mitleid mit den Opfern von Dutertes Säuberungen 

Wein trinken und Wasser predigen. Wenn das Vertrauen in die Behörden sinkt, leidet die Disziplin. Wie auch bei uns. Viele haben damit gerechnet, dass sich die Menschen eines Tages von ihrem «Rody» abwenden, doch das Gegenteil ist der Fall. 91 Prozent stimmen seiner Politik zu und begründen es damit, dass Dutertes Krieg gegen Drogen ihre persönliche Sicherheit verbessert habe.

Sie erwähnen, dass die öffentlichen Schulen nun kostenlos und viele neue Spitäler, Schulen und Verkehrsverbindungen gebaut worden seien. Mit den Opfern von Dutertes Säuberungen hat man wenig Mitleid in einem Land, das ständig von Naturkatastrophen heimgesucht wird. Wer weiss, hätten wir in Europa eine Strassenkriminalität wie im «Wilden Westen Asiens», wir würden vielleicht auch einen «Dirty Harry» wählen.


 

Interview mit Francisco Sionil José (96)

2016 interviewte ich Francisco Sionil José für die Weltwoche. In deutsch ist lediglich sein lesenswertes BuchFrancisco Sionil José wurde 1924 in der philippinischen Provinz Pangasinan geboren, war editor der Manila Times und Korrespondent des Economist. Seine  auf Englisch verfassten Romane wurden in 28 Sprachen übersetzt. Seit Jahren wird er als Kandidat für den Literaturnobelpreis gehandelt.


«Vereinfacht gesagt, ist seine Ideologie die Liebe zum Land und zu den Menschen.»


 

 


Herr José, Sie gehören zu den wenigen philippinischen Schriftstellern, die international erfolgreich sind. Ihre Bücher wurden in 28 Sprachen übersetzt, Sie sind 91 und haben bereits fünfzehn Staatspräsidenten erlebt. Was unterscheidet Rodrigo Duterte von allen andern?

 

Wenn Sie unsere Politik und Geschichte studieren, sehen Sie, dass die jeweiligen Regierungen all die Jahre von wohlhabenden Philippinern manipuliert wurden. Präsident Duterte ist der erste Politiker, der nicht die offene Unterstützung der Oligarchie geniesst. Bei seiner Rede zur Lage der Nation zeigte er auf die Mitglieder des Senats und des Kongresses und sagte: «Ich schulde euch nichts.» Ich glaube, wir stehen am Anfang einer philippinischen Revolution. Schaut man sich unsere Geschichte an, dann sieht man, dass viele Probleme der Philippinen auf die Kolonialisierungen zurückzuführen sind – die erste durch die Spanier, dann jene durch die Amerikaner und am Ende diejenige durch die Japaner. Schliesslich wurden wir durch unsere eigene Elite kolonialisiert. Alle Anzeichen dafür waren bereits 1896 sichtbar, als die philippinische Revolution gegen die spanischen Kolonialbehörden einsetzte.

 

Wann wird diese «Revolution» zu Ende sein?

 

Das lässt sich nicht in zwei, drei Jahren erledigen. Wie lange hat die vietnamesische Revolution gedauert? Die chinesische Revolution fing in den zwanziger Jahren an. Die Französische Revolution dauerte weniger lang, aber fast alle Revolutionen währen über Jahre, vielleicht eine Generation lang, und sie verändern Länder und Gesellschaften für immer, während die Macht von den Unterdrückern zu den Unterdrückten übergeht.

 

Seit Dutertes Amtsantritt am 1. Juli sind gemäss Polizeidirektor Dela Rosa 26 861 mutmassliche Drogenhändler und Süchtige verhaftet und 4742 aussergerichtlich erschossen worden. Rechtfertigt das Ziel die Mittel?

 

Der Krieg gegen Drogen sollte nicht unterbrochen werden. Aber es sollte darauf geachtet werden, dass der sogenannte Kollateralschaden reduziert wird.

 

Wie ist es möglich, dass die Mehrheit eines christlichen Landes diesen blutigen Rachefeldzug gegen Kriminelle gutheisst?

 

Sie misst der Religion einen zu hohen Stellenwert bei. Nazideutschland war auch christlich.

 

Nach hundert Tagen im Amt erreicht Duterte in allen Umfragen immer noch Rekordwerte von 86 Prozent Zuspruch. In den westlichen Medien wird er hingegen als «Donald Trump des Ostens», «Hitler» oder «serial killer» bezeichnet. Wie erklären Sie sich diese Diskrepanz?

 

Trotz aller Kritik, besonders im Ausland, zeigen die jüngsten Umfragen, dass Duterte eine riesige Popularität geniesst. Der Grund dafür liegt in der allgemeinen Wahrnehmung von mehr Frieden und Sicherheit im ganzen Land, verglichen mit der Vergangenheit. Seine Wahl wurde durch Millionen von Philippinern entschieden, die genug von der Korruption auf allen Ebenen unserer Gesellschaft hatten. Sie sind frustriert, dass sich die Erträge der vorherigen Aquino-Administration nicht im Sinne einer verbesserten Wohlfahrt und grösseren Sicherheit ausgewirkt haben.

 

Laut Dela Rosa sollen sich bereits über 800 000 Drogensüchtige gemeldet haben, um einen Entzug zu machen – aus Angst, erschossen zu werden. Es gibt aber viel zu wenig Therapieplätze. Was geschieht mit den Drogenabhängigen in der Zwischenzeit?

 

Das Problem des Drogenentzugs ist seit je ein zentrales Anliegen der Regierung. Entzugskliniken werden in Armee-Camps eingerichtet, aber mit der steigenden Zahl von Süchtigen, die aufhören wollen, werden diese Zentren bald so überfüllt sein wie unsere Gefängnisse.

 

Duterte will die 2006 abgeschaffte Todesstrafe wieder einführen und auch Steuerhinterziehern, illegalen Wettanbietern und Umweltsündern den Krieg erklären. Wird die philippinische Revolution ihre Kinder fressen?

 

Das ist eine schreckliche Möglichkeit. Das Hauptproblem revolutionärer Gewalt besteht darin, dass sie nicht kontrolliert werden kann. Die Philippiner selbst müssen ihre Freiheit vor den Exzessen revolutionärer Gewalt schützen. Es ist die erste Pflicht der Justiz und der Armee, die bürgerlichen Freiheiten zu sichern.

 

Was hat Duterte seit seinem Amtsantritt am 1. Juli erreicht?

 

Die wichtigste Errungenschaft in den ersten hundert Tagen sind tiefgreifende Veränderungen im politischen System, um die Korruption in den höchsten Machtzentren aufzuspüren. Ausserdem hat er begonnen, das Vertrauen in die Armee wiederherzustellen und eine Aussenpolitik zu entwickeln, die sich nicht auf die traditionelle Bindung an die USA beschränkt.

 

Es sieht so aus, als ob er den Krieg gegen Drogen priorisiert hat, aber schauen Sie genau, was gerade geschieht. Zunächst wollte er Bedingungen des Friedens schaffen. Die kommunistische Revolution wurde bedeutungslos. Das Problem im Süden ist weitaus gefährlicher. Daher hat er gleich nach seiner Amtsübernahme Friedensverhandlungen mit allen Gruppen begonnen. Ohne Frieden können sich die Philippinen nicht entwickeln – ein Frieden, der durch Kriminalität, immer wieder in Zusammenhang mit Drogen, so sehr erschüttert worden ist. Vereinfacht gesagt, ist seine Ideologie die Liebe zum Land und zu den Menschen und die Bereitschaft, dafür Opfer zu bringen.

 

Kürzlich begann Duterte eine Pressekonferenz im Stil eines Stand-up-Comedians und plauderte über sein Lieblingsthema «Duterte und die Frauen», es gab Szenenapplaus, es wurde viel gelacht. Plötzlich wechselte er das Thema und liess eine zornige Tirade vom Stapel. Die Schauspielerin und Sängerin Agot Isidro nannte ihn einen Psychopathen. Leidet er an einer bipolaren Störung, wie er selbst einmal behauptet hat?

 

Duterte ist ein äusserst ehrlicher Mann, der seine Gedanken ausdrückt und sehr viel von sich selbst preisgibt. Das ist bewundernswert, aber diese Ehrlichkeit macht ihn auch verletzlich. Seine Schmähreden gegen Präsident Obama, Uno-Generalsekretär Ban Ki Moon und die Europäische Union sind nicht akzeptabel. Bei seiner ersten Rede zur Lage der Nation sagte er, die Philippiner seien selbst deren schlimmster Feind geworden. Nun müssen sie den Willen und den Mut zur Veränderung haben.

 

Das gilt jetzt auch für ihn selbst. Er hat eine Revolution begonnen, die er zu einem erfolgreichen Abschluss führen muss. Der Zweck dieser Revolution liegt in der Gerechtigkeit für die Unterdrückten. Diese Gerechtigkeit ist sehr simpel und bedeutet: drei Mahlzeiten pro Tag, ein Dach über dem Kopf, Bildung für unsere Kinder und medizinische Versorgung für die Kranken. Mit anderen Worten, die Priorität liegt in der wirtschaftlichen Entwicklung. Er muss so viele Arbeitsplätze schaffen, wie er nur kann, und das in kurzer Zeit. Er braucht zudem die Unterstützung von allen, die dazu bereit sind.

 

Duterte nannte den Diktator Ferdinand Marcos den besten philippinischen Präsidenten aller Zeiten. Duterte droht oft mit der Ausrufung des Kriegsrechts. Wird er in Marcos Fussstapfen treten?

 

Er hat völlig unrecht damit, Marcos als den besten Präsidenten zu bezeichnen, den die Philippinen je hatten. Der beste Präsident war Ramon Magsaysay. Zuerst dachte ich, Duterte sei ein wahrer Vorbote der Veränderung wie einst Magsaysay, aber jetzt sehe ich einen Unterschied zwischen den beiden. Magsaysay umgab sich mit den besten Leuten des Landes. Wenn er einen Fehler beging, machte er rechtsumkehrt. In gewisser Weise war Magsaysay selbstlos und demütig. Wenn Duterte Erfolg hat wie Magsaysay, braucht er kein Kriegsrecht. Die Menschen werden ihm folgen.

 

Kürzlich sagte Duterte, Imee Marcos, die Tochter des Diktators Ferdinand Marcos, habe – entgegen früheren Aussagen – seinen Wahlkampf mitfinanziert. Duterte hat erlaubt, dass der 1989 verstorbene Diktator nachträglich auf dem Heldenfriedhof bestattet wird. Dutertes Vater war Mitglied der Regierung Marcos. Duterte unternimmt keine Anstrengungen, das vom Marcos-Clan geraubte Milliardenvermögen zurückzufordern. Welche Beziehung hat Duterte zum Marcos-Clan?

 

Philippinische Politiker würden Geld vom Teufel nehmen, wenn sie könnten. Dutertes Loyalität sollte nicht den Geldgebern seiner Kampagne gelten, sondern den Millionen von Philippinern, die ihm vertrauen und auf ihn zählen. Sehr vieles an der Kritik gegenüber Duterte ist nicht gerechtfertigt, denn sie kommt von Leuten in komfortablen Positionen, die den Kontakt zu den Massen verloren haben.

 

Duterte beschimpft dauernd die katholische Kirche. Es hat ihm bisher nicht geschadet. Verlieren Kirche und Religion auf den Philippinen an Bedeutung?

 

Keine der Kirchen auf den Philippinen hat wirklich politische Macht. Philippiner wählen nicht aufgrund einer Ideologie oder politischen Zugehörigkeit. Sie wählen Persönlichkeiten.

 

Nach dem grossen Erdbeben von Lissabon 1755 verloren viele Menschen den Glauben an einen barmherzigen und allmächtigen Gott. Die Philippinen gehören zu den Ländern, die regelmässig am härtesten von Naturkatastrophen heimgesucht werden. Hat dies keinen Einfluss auf den Glauben?

 

Besuchen Sie an einem Sonntag die Kirchen in unserem Land. Sie sind überfüllt, ganz im Gegensatz zu den Kirchen in Europa, die leer sind.

 

In der Vergangenheit hat man Ihnen vorgeworfen, dass Sie Ihre Bücher auf Englisch schreiben. Sie nannten Ihre Kritiker «Tagalog-Machos». Duterte hat nun den Musiker Freddie Aguilar als Berater beigezogen, um westliche Kultureinflüsse zu unterbinden. Welche Auswirkungen wird das haben?

 

Ich denke nicht, dass ein einzelner Künstler oder zehn Künstler eine Richtung für die Weiterentwicklung der philippinischen Kultur vorgeben können. Die philippinischen Künstler sind mit der Heimaterde verbunden, und diese Verwurzelung wird ihre Kreativität beeinflussen.

 

Duterte hat den Journalisten und Fernsehmoderator Teodore «Teddy Boy» Locsin zum neuen Uno-Botschafter ernannt. Locsin twitterte kürzlich: «Ich glaube, dass das Drogenproblem so gross ist, dass es eine Endlösung braucht, wie sie die Nazis angewendet haben. Daran glaube ich. Kein Entzug!»

 

In den philippinischen Medien wird unglaublich übertrieben, und am besten legt man nicht alles auf die Goldwaage.

 

Das ist keine Übertreibung der Medien. Ich habe den Original-Tweet von «Teddy Boy» Locsin gelesen, und alle seine älteren Tweets bestätigen seine Haltung.

 

Es gibt sehr wenig Antisemitismus auf den Philippinen. Dutertes erste Frau ist eine amerikanische Jüdin. Ich wage, zu behaupten, dass wir hier keinen Antisemitismus haben. Aber es gibt in ganz Südostasien eine latent antichinesische Haltung.

 

Die Philippinen sind für die USA von geostrategischer Bedeutung. Werden die USA tatenlos zusehen, wie sich Duterte nach China, Japan und Russland orientiert? Oder werden sie die zahlreichen Duterte-Feinde zu einem Putsch animieren?

 

Als Bürgermeister von Davao war Duterte ein Pragmatiker, der die objektiven Realitäten des Regierens erkannte. Er hat immer noch 2000 Tage vor sich – genug Zeit, um in einen höheren Gang zu schalten. Duterte wird der Tatsache ins Auge sehen, dass Japan, Südkorea, Taiwan und sogar China ihren Wohlstand den USA verdanken. Duterte muss begreifen, dass China bereits die Insel Panatag übernommen hat. Gleichzeitig können wir uns keine Konfrontation mit China leisten, wir müssen mit dem mächtigen Nachbarn leben. Was Duterte tun sollte: die mächtige chinesische Minderheit auf den Philippinen davon überzeugen, unser Land mitzugestalten, anstatt ihr Geld nach China zu schicken.

 

In der letzten Umfrage sagte eine Mehrheit, sie würde den USA mehr vertrauen als China. Warum will Duterte die Bindungen an die USA lösen und sich China und Russland zuwenden?

 

Sie müssen nicht alles glauben, was Duterte sagt; wir sind genötigt, mehr Beziehungen zu mehr Staaten zu haben. Nicht nur zu den USA.

 

Begrüsst das Militär den Richtungswechsel in der Aussenpolitik?

 

Die Offizierskorps unserer Armee sind Absolventen von West Point und Annapolis. Duterte weiss das.

 

Duterte hat sehr viele Feinde. Angenommen, er würde einem Attentat zum Opfer fallen, wie würden die 16,6 Millionen reagieren, die ihn gewählt haben?

 

Es wäre eine Tragödie, wenn Duterte ermordet würde oder wenn er es dem eigenen Ego gestatten würde, die revolutionäre Bestimmung entgleisen zu lassen. Dann würden wir wieder der Gnade unserer Kolonisatoren anheimfallen und nicht nur unter ihrer Unterdrückung leiden, sondern auch unter der Anarchie ihrer zügellosen Machtausübung.

 

Francisco Sionil José wurde 1924 in der philippinischen Provinz Pangasinan geboren, war editor der Manila Times und Korrespondent des Economist. Seine  auf Englisch verfassten Romane wurden in 28 Sprachen übersetzt. Seit Jahren wird er als Kandidat für den Literaturnobelpreis gehandelt.


 

Mama Weer All Crazee Now (Slade 1972)

Rassismusdebatte im Reagenzglas. Made in Switzerland.


SP-Nationalrätin Yvonne Feri (54) wird Rassismus vorgeworfen, weil sie in der SRF-»Arenea« vom Freitag gesagt hat, US-Vize Kamala Harris könne »sowieso tanzen« weil sie als »dunkelhäutige Person den Rhythmus habe«.


Was soll an diesem Kompliment rassistisch sein?


1.

Wenn ich die philippinische (dunkelhäutige) Grossfamilie meiner Ehefrau Dina anschaue, muss ich sagen: Ja, die haben den Rhythmus im Blut, bereits Zweijährige zeigen mehr Rhythms  als manche weisse Profitänzerin. Dina tanzt aus purer Lebensfreude den halben Tag durch die Wohnung. Auch ihre Freudinnen aus Jamaika und Venezuela haben den Rhythmus im Blut. Auch Afrikaner haben den Rhythmus im Blut. Und erst die Brasilianerinnen… Je wärmer die Temperaturen, desto mehr kocht das Blut in den Adern.


Yvonne Feris Aussage entspricht der Realität. Sie hat ein Kompliment gemacht und muss sich dafür nicht entschuldigen: Nicht einschüchtern lassen, Kapuze hoch und ignorieren.


2.

Wer wirklich wissen will, wie Rassismus gelebt wird, der sollte sich mal in Afrika, Asien, Osteuropa oder in einigen US-Bundesstaaten umsehen. Was wir hier in der Schweiz erleben, sind die alltäglichen Unfreundlichkeiten, die jeder von uns erlebt. Sie werden als Rassimus bezeichnet, wenn die betroffene Person schwarz ist. Was wir hier erleben, ist die rituelle Empörung einer Handvoll privilegiert aufgewachsener Intellektueller, deren Weltbild von theoretischen Abhandlungen und touristischen Ausflügen geprägt ist. Sie deuten die Realität um – bis sie ihrer Ideologie entspricht.


3.

Das »Feministische Streikkollektiv Zürich« hat der SP-Linken Yvonne Feri mit der Selbstherrlichkeit religiöser Fundamentalisten  »rassistische Aussagen und Zuschreibungen« vorgeworfen und die Medien bringen das auf die Titelseite, als sei die ganze Schweiz entsetzt und ausser sich vor Empörung. Diese Debatten im Reagenzglas sind spiessiger als es unsere Eltern in den 1970er-Jahren jemals waren. Muss man einen Studienlehrgang in Rassismus- und Sexismusforschung absolviert haben, um die Vorwürfe zu verstehen? Kann ein zu langes Verweilen im universitären Milieu dem gesunden Menschenverstand schaden?


Es wäre Aufgabe der Medien, mitzuhelfen, die Grenze zwischen Verharmlosung und Übetreibung zu ziehen. Wenn jetzt selbst in den eigenen Reihen vermeintlicher Rassismus diagnostiziert wird, dann fühlt man sich unwillkürlich an Robespierre erinnert: Die Revolution frisst ihre eigenen Kinder. 


Zum Glück ist das alles Zeitgeist. Morgen lachen wir uns darüber krumm.


 

 

 

 

 

 

 

 

079 Blick »Sprechende Uniformen«

Früher rekrutierte man Männer nur im Kriegsfall. Da diese in ihrer traditionellen Kleidung auf dem Schlachtfeld erschienen, war die Unterscheidung zwischen Freund und Feind nicht einfach. Mit der Einführung stehender Heere wurde das Erscheinungsbild der Soldaten vereinheitlicht, ein römischer Legionär war klar von einem karthagischen Krieger unterscheidbar.

Auch Schuluniformen und Berufskleider demonstrieren die Zugehörigkeit zu einer Gruppe. Würde heute ein Ku-Klux-Klan-Anhänger im Kapuzenmantel durch Zürich flanieren, die Empörung wäre gross. Denn dieses «Kleid» ist die «sprechende Uniform» von Rassisten.

Auch das Tragen von Nikab und Burka ist ein politisches Statement, ein radikales Bekenntnis zur Intoleranz. Gemäss etlichen islamischen Rechtsgelehrten ist die Verschleierung mitnichten ein religiöses Gebot, sondern die eigenwillige Religionsauslegung von Fundamentalisten.

Fast ein Drittel der EU-Staaten (und selbst einige muslimische Länder) haben in irgendeiner Form Gesetze gegen Vollverschleierung oder religiöse Kleidung. Sind die alle islamophob? Wenn wir die Herkunftsländer der Muslimas besuchen, halten wir uns an die kulturellen Gepflogenheiten. Das sollte umgekehrt genauso sein. In unserer offenen Gesellschaft zeigt man sein Gesicht.

Es ist nicht relevant, wie viele Verschleierte sich zurzeit im öffentlichen Raum aufhalten, es geht darum, zukünftigen Gästen unsere Regeln des Zusammenlebens verständlich zu machen. Religion ist bei uns Privatsache wie Kuchenbacken. Wer die Vorteile einer säkularisierten Welt in Anspruch nehmen will, muss auch die Regeln akzeptieren.

So wie weisse Kapuzenmäntel für Rassismus stehen, steht der Nikab für die Scharia, für die Borniertheit des Patriarchats, die Verachtung der liberalen Gesellschaft und den Hass auf Gottlose und die gesamte LGBTQ-Community.

Es grenzt an Realsatire, wenn Gruppierungen, die regelmässig für Frauenrechte demonstrieren, sich nun für die «Freiheit» verschleierter Frauen einsetzen, damit diese weiterhin in einem Gefängnis aus Stoff jegliche Identität verlieren.

Die Burka-Abstimmung (Verhüllungsverbot) ist keine Frage von links oder rechts. Es geht um die Wahrung der Prinzipien der Aufklärung auf Schweizer Boden.


 

078 Blick »Blond«

© Blick 8. Januar 2021 / Cuenis Geschichtskolumne 078


»Nur weil ich blond bin, glaub nicht, dass ich blöd bin.» Das ist eine Zeile aus dem Song «Dumb Blond» (1967) der damals 21-jährigen US-amerikanischen Country-Sängerin Dolly Parton. Mit zunehmendem Erfolg (über 100 Millionen verkaufte Alben) wuchsen auch ihre blonde Perücke und ihre Brustimplantate. Rasch hatte sie den Ruf der dummen Blondine, aber die temperamentvolle Senkrechtstarterin reagierte stets selbstbewusst und mit viel Selbstironie.

Seit Marilyn Monroe («Blondinen bevorzugt», 1953) assoziierte man blondes Haar mit Sex, Naivität und Blödheit. Mit den Komödien der kichernden Goldie Hawn erreichte der Blondinenwitz in den 1980er-Jahren den Höhepunkt. Oft schrieb man alte Witze um und ersetzte die «dummen Ostfriesen» oder den «dummen Mantafahrer» durch die «dumme Blondine».

Dolly Parton, die Paten-Tante von Miley Cyrus, feiert am 19. Januar ihren 75. Geburtstag: «Die Leute fragen mich immer, ob es meine eigenen Brüste sind. Ja, sie gehören mir – ich habe sie gekauft und gut dafür bezahlt.» Bisher hat sie für ihre Inszenierung als blondes Kunstobjekt über 600 000 Dollar ausgegeben: «Nichts an mir ist echt, aber alles kommt von Herzen.»

Und ja, sie hat ein grosses Herz: Der Firma Moderna spendete sie eine Million Dollar für die Impfstoff-Forschung. Ihre gemeinnützige Organisation «Imagination Library» verschenkt monatlich Bücher an Kinder im Vorschulalter, bisher über 150 Millionen Mal. Sie setzte sich bereits für die Gay-Community und gleichgeschlechtliche Ehe ein, als die Mütter heutiger Feministinnen noch in der Küche standen. Der Preis waren Morddrohungen und eine Ehrendoktorwürde. Als Songwriterin schrieb sie die Welthits «Jolene» ( 44 Cover-Versionen) und «I Will Always Love You», das achtzehn Jahre später von Whitney Houston gecovert wurde. Egal ob sie als Autorin Bücher schrieb oder als Unternehmerin ihren Freizeitpark «Dollywood» zum Erfolg führte: Die Powerfrau setzte sich durch.

In ihrem Ratgeber «Dream More» rät sie der Leserschaft, mehr zu träumen, mehr zu lernen und mehr zu sein. Die meisten Menschen bereuen am Ende des Lebens, dass sie nie den Mut hatten, das zu sein, was sie sein wollten. Dolly Parton hatte diesen Mut. Happy Birthday, Dolly!