071 Blick »Ein Denkmal für Polizeibeamte«

   

Seit 1821 stirbt der Luzerner Löwe in seiner Grotte vor sich hin. Mit jährlich rund 1,4 Millionen Besuchern gilt er heute als eines der meistbesuchten Touristenziele Luzerns. Für die meisten ist dieses in Sandstein gehauene Denkmal «das traurigste und bewegendste Stück Stein der Welt (Mark Twain)». Nicht alle wissen, dass der Löwe an den Untergang der Schweizergarde erinnert, die am 10. August 1792 erfolglos die Tuilerien in Paris gegen den Ansturm der aufgebrachten französischen Revolutionäre verteidigte.

Vor elf Jahren warf «eine unbekannte Körperschaft» rote Farbbeutel auf den Löwen, um gegen das Denkmal zu protestieren, aber auch um sich mit Straftätern zu solidarisieren, die im Verdacht standen, in Frankreich Terroranschläge gegen TGV-Züge verübt zu haben. Einige Medien druckten das anonyme Bekennerschreiben als sei es eine offizielle Regierungserklärung.

Einmal mehr wollte ein anonymes Grüppchen der Allgemeinheit vorschreiben, was sie sehen darf und was nicht. Schaden für den Steuerzahler: 75’000 Franken.

Man ändert die Geschichte nicht, indem man die Krankenakte der Zivilisation umschreibt. Der Löwe entsprang Ende des 18. Jahrhunderts dem damaligen Zeitgeist. Vor lauter Empörung vergessen die Vandalen, dass die Liebhaber des Denkmals nicht die Monarchie verherrlichen, sondern die Kunst der beteiligten Bildhauer bewundern.

Vor zwei Jahren gelang dem Luzerner Löwen der Sprung über den Atlantik. Nun stirbt er auch im «Memorial Park» in der US-amerikanischen Stadt Colorado Springs. Er erinnert nicht an die gefallenen Schweizer, sondern gedenkt der dreissig Polizeibeamten, die seit 1895 bei der Verhaftung von Straftätern am östlichen Rand der Rocky Mountains ums Leben gekommen sind. In Stein gemeisselt sind die Worte:

Ich war dort, wo du fürchtest zu sein.

Ich habe gesehen, was du fürchtest zu sehen.

Ich habe getan, was du fürchtest zu tun.

All diese Dinge habe ich für dich getan.

Kürzlich wurde nun auch dieses Denkmal beschädigt. Wenn jeder zerstört, was ihm missfällt, enthüllen wir eines Tages das Denkmal eines Diktators, der einen Bürgerkrieg beendet hat, und von der Biografie der Menschheit bleibt nur noch ein prähistorischer Faustkeil übrig.


© Blick 2020


 

070 Blick »Sind Wahlplakate Littering?«

 

 

Wer Wahlen gewinnen will, sollte sich in der Öffentlichkeit mit berühmten Unterstützern umgeben und es vermeiden, den Leuten mit der Wahrheit die gute Laune zu verderben. Diese Empfehlung stammt nicht etwa aus einem heutigen Strategiepapier, sondern von Quintus Cicero (102–43 v. Chr.), dem Wahlkampfmanager und Bruder des berühmten Marcus Tullius Cicero.

 

Wählbar waren nur Personen, die das 30. Altersjahr überschritten hatten, denn Jüngere hielt man aufgrund der fehlenden Lebenserfahrung und der altersbedingten Leichtsinnigkeit für nicht ganz zurechnungsfähig.

 

Der Eintrag in die amtlichen Bewerbungslisten kostete nach heutiger Kaufkraft ca. 15’000 Franken. Nur Reiche konnten ein Amt anstreben. Fortan mussten sie aber auch bei Hungersnöten mit ihrem Privatvermögen einspringen. Heute haftet keiner mehr persönlich, weder für fehlende Masken, zu späte Grenzschliessungen, zu frühe Lockerung des Lockdowns noch für vorsätzliche Falschinformationen.

 

In der römischen Republik gab es kein politisches Parteiensystem, wie wir es heute kennen, es gab auch keine Wahlprogramme. Somit waren allein Charisma, Volksnähe und die Reputation der Unterstützer ausschlaggebend. Diese liessen den Namen des Kandidaten in roter oder schwarzer Tusche auf Wandverputze malen. Diese sogenannten Wahl-Dipinti säumten Einkaufsstrassen wie heute die Wahlplakate, die in der freien Natur später den Tatbestand des Litterings erfüllen.

 

Gekaufte Stimmen waren genauso üblich wie heute auf den Philippinen, wo der Major einer Barangay (Gemeindepräsident) auf seinem Moped von Haus zu Haus fährt und für umgerechnet ca. vier Franken Stimmen einkauft.

 

Populär waren auch Brot und Spiele, wobei diese dem Kandidaten meistens rote Zahlen bescherten, was seine Wahl erschwerte, da man zu Recht annahm, dass er sich nach einem Wahlsieg auf Staatskosten sanieren würde. Heute, wo die meisten Parteikassen leer sind, begnügt man sich mit bunten Werbegeschenken und anderen Wegwerfartikeln.

 

Wahlplakate haben die antiken Dipinti ersetzt. Oft werden sie beschädigt. Ironischerweise mobilisieren jene Vandalen, die kein Verständnis für Demokratie haben, die Nichtwähler der geschädigten Partei. Und auf die kommt es an.

Interview mit Matthyas Zehnder

 

Claude Cueni: «Ich halte halbe Wahrheiten für die schlimmsten Fakes»

 

PUBLIZIERT AM 26. AUGUST 2020 VON MATTHIAS ZEHNDER / © 2020 matthyaszehnder.ch

 

 

Welches Medium darf bei Dir zum Frühstück nie fehlen?

 

Mein iPad. Seit zehn Jahren lese ich Zeitungen nur noch auf dem iPad. Ich beginne zwischen zwei und drei Uhr morgens mit der «South China Morning Post» und «Rappler», dem philippinischen News-Portal. Dann überfliege ich die Headlines der US-Medien und lese später europäische Zeitungen. Wenn ich gerade an einem Roman bin, kopiere ich die interessanten Artikel in ein Worddokument und lese die News vor dem Mittagessen.

 

Wie hältst Du es mit Facebook, Twitter und Instagram?

 

Twitter und Google+ habe ich schon vor Jahren verlassen. Bei Facebook bin ich vorläufig noch dabei. Ich benützte es mittlerweile vor allem als Werbemedium für neue Bücher und um in Kontakt zu bleiben mit Freunden und Kollegen, die über den ganzen Erdball verstreut sind.

 

Wie hat das Corona-Virus Deinen medialen Alltag verändert?

 

Überhaupt nicht.

 

Wenn Du an die Medien in der Schweiz denkst – war früher alles besser oder schlechter?

 

Weder noch. Ich trauere keinen vergangenen Zeiten nach. Wenn ich den Kulturteil betrachte, stelle ich fest, dass es immer weniger Buchrezensionen gibt, da die Onlinemedien mittlerweile Klickzahlen sehr genau messen können. Und die Leserschaft orientiert sich eher an den Meinungen von Leuten, die gerne lesen. Wenn heute eine Buchrezension in der «Sonntagszeitung» erscheint, wird sie auch in der «Basler Zeitung», im «Bernerobeländer», in der «Berner Zeitung», im «Bund», im «Landboten», im «Langenthaler Tagblatt», im «Tages-Anzeiger», im «Thuner Tagblatt» und in -zig anderen Onlinemedien publiziert. Die Meinungsdominanz der Medienhäuser und der einzelnen Redakteure hat zugenommen. Man muss deswegen nicht jammern, sondern nach neuen Wegen suchen.

 

Haben geschriebene Worte noch Zukunft?

 

Auch digitale Inhalte müssen geschrieben werden und es wird immer Menschen geben, die sich gerne mit einem dicken Buch zurückziehen, um in eine andere Welt abzutauchen. Aber es werden weniger sein. Es gibt immer mehr Leute, die gar keine Bücher lesen, das Unterhaltungsangebot ist einfach enorm und die Zapping-Kultur hat mittlerweile alle Bereiche erfasst. Siebenhundertseitige historische Wälzer sind Liebhaberobjekte. Mit Ausnahme von Krimis (insbesondere Regional-Krimis) und Sachbüchern nehmen die Buchumsätze kontinuierlich ab. Die Belletristik-Verlage verdienen nur noch die Hälfe, die Autoren verdienen nur noch die Hälfte, aber auch hier besteht kein Anlass zum Jammern, sondern Anlass, seine Kreativität im Buchmarkt unter Beweis zu stellen.

 

Was muss man unbedingt gelesen haben?

 

Nichts. Ich unterhalte mich gerne mit meinem Sohn und ein paar Freunden über Bücher, die wir gelesen haben, jeder teilt seinen Eindruck mit, aber keiner käme auf die Idee zu sagen, «das musst du unbedingt lesen». Ich lese gerne Bücher zur Universalgeschichte oder Spezialthemen, aber auch das sind keine Bücher, die andere unbedingt gelesen haben sollten. Ich bin nicht das Mass aller Dinge.

 

Kannst Du schlechte Bücher weglegen oder musst Du Bücher zu Ende lesen?

 

Ich entscheide mich nach ca. 20 Seiten, manchmal schon früher. Wieso soll ich ein Buch zu Ende lesen, wenn ich die Figuren plakativ oder die Dialoge hölzern finde? Das wird auf den nächsten 300 Seiten nicht besser.

 

Wo erfährst Du Dinge, von denen Du nicht gewusst hast, dass sie Dich interessieren?

 

Mein Sohn, ein paar enge Freunde, Online-Medien und soziale Netzwerke wecken mein Interesse für Unbekanntes.

 

Wie lange gibt es noch gedruckte Tageszeitungen?

 

Printmedien sind ein Auslaufmodell. Die älteren Abonnenten sterben aus und die jüngere Leserschaft wächst mit Handy und iPad auf. Meine Frau ist 39, sie hat noch nie eine Printzeitung gelesen und ist trotzdem sehr gut informiert. Ich hatte vor etwa zwölf Jahren die letzte Printzeitung in der Hand. Online ist stets aktueller und bietet der Leserschaft verlinkte Zusatzseiten und Videos. Auch für den Verleger gibt es Vorteile: Er spart Papier-, Druck- und Distributionskosten, das Inkasso ist sehr simpel. Das Mahnwesen fällt weg, weil der Kunde im voraus sein Abo bezahlen muss.

Wahrscheinlich werden einige Special-Interest- und Hochglanzmagazine überleben. Aber der Trend geht Richtung Online-Kiosk: ein einziges Abo erlaubt den Zugriff auf mehrere Dutzend Presseerzeugnisse. Musik- und Filmindustrie weisen den Weg.

 

Sind Fake News eine Gefahr – oder eine Chance für die Medien?

 

Wenn man täglich ein breites Spektrum an Medien liest, sind Fakenews einfach zu entdecken. Ich halte halbe Wahrheiten für die schlimmeren Fakes. Man lässt einfach weg, was der eigenen Weltanschauung widerspricht, aber die Leserschaft kann nie wissen, was weggelassen wurde.

 

Wie hältst Du es mit linearem (live) Radio und Fernsehen?

 

Seit 20 Jahren kein Thema mehr. Mit Youtube, Netflix und anderen Streamingdiensten bin ich ausreichend bedient.

 

Hörst Du Podcasts? Hast Du einen Lieblingspodcast?

 

Nein.

 

Was bedeutet es für die Medien (und die Gesellschaft), dass laut fög 56 % der 16- bis 29-Jährigen zu den News-Deprivierten gehört?

 

Seit dem Herbst 2015 ist das Vertrauen in Medien, Politik und Wissenschaft kontinuierlich gesunken. Bei jedem Thema gibt es fast so viele Meinungen wie Experten. Corona bestätigt dies erneut. Dass insbesondere die 16- bis 29-Jährigen das Interesse an News verlieren, hat sicher auch mit der narzisstischen Selfie-Gesellschaft zu tun. Nichts ist interessanter als das eigene Ich. Sobald der Wohlstand abnimmt und der eigene Lebensstandard gefährdet ist, wird sich das wieder ändern.

 

Tamedia-VR-Präsident Pietro Supino geht davon aus, dass in zehn Jahren zwischen einem Viertel und einem Drittel der Artikel im «Tages-Anzeiger» von Robotern geschrieben werden. Lässt sich Journalismus automatisieren?

 

Teilweise ja. Aber ein News-Roboter greift natürlich stets auf einen Basis-Text zurück, den ein Mensch geschrieben hat. In den 1980er-Jahren gab es eine Software, die selbständig Gedichte schreiben konnte, aber auch hier musste man ein paar Keywords eingeben. Aber absurde Gedichte schreiben ist für einen Roboter einfacher als einen faktenbasierten Bericht über den Nahen Osten zu verfassen.

 

Führt die Digitalisierung zum Tod der Medien oder im Gegenteil zur Befreiung des Journalismus?

 

Sicher nicht zum Tod. Die Musik- und Filmindustrie haben die Digitalisierung überlebt, auch die Medien werden sie überleben. Und die Kundschaft wird ihre Gewohnheiten anpassen. Für ehrgeizige Journalisten ist es die Chance, ein eigenes Onlinemedium zu lancieren. Im Raum Basel hat zum Beispiel Peter Knechtli vor über 20 Jahren mit «onlinereports» ein national beachtetes Medium erschaffen, das sich durch viele Primeurs auszeichnet. Mit «Prime News» und «Bajour» sind zwei weitere Online-Player an den Start gegangen. In Deutschland werden Journalisten, die sich von grossen Verlagshäusern «befreien» und ihre eigenen Online-Medien gründen, immer zahlreicher.

 

Siehst Du für professionellen Journalismus noch eine Zukunft?

 

Bestimmt, aber zurzeit ist eher Meinungsjournalismus populär und fast alle Leitmedien sind zur ironiefreien Zone verkommen. Aber das ist Zeitgeist und flüchtig. Die Leute werden wieder den Wunsch nach ungeschönten Fakten haben: Lesen was ist und nicht das, was ein Journalist gerne verbreiten möchte. Professionellen Journalismus wird es immer geben, aber in einer fragmentierteren Gesellschaft werden die Zielgruppen dünner. Entscheidend wird sein, ob die Leserschaft bereit ist, dafür mehr zu bezahlen.

 

Schreibst Du manchmal noch von Hand?

 

Nur Randnotizen und Einkaufszettel. Ich schreibe am PC und korrigiere meine Texte laufend. Von Hand schreiben oder diktieren ist bei meinem impulsiven Arbeitsstil gar nicht möglich.

 

Ist Donald Trump gut oder schlecht für die Medien?

 

Er liefert täglich ein paar Schlagzeilen. Somit ist er gut für die Medien, egal ob sie ihn mögen oder nicht. Alles was Klickzahlen generiert, ist gut für die Medien. Egal ob DonaldTrump,  Irina Beller oder welcher Penis zu welchem Sternzeichen passt.

 

Wem glaubst Du?

 

Auch ich habe mein Vertrauen in Medien, Politik und Wissenschaft weitgehend verloren. Ich vertraue meinem gesunden Menschenverstand, wobei das wohl jeder von sich behauptet. Bedingungsloses Vertrauen habe ich in meine Frau und meinen Sohn.

 

Dein letztes Wort?

 

Dafür ist es wohl noch zu früh. Aber wenn du darauf bestehst: Es gibt keinen Gott, tut Gutes und geniesst euer Leben.

069 Blick »Ist Schach rassistisch?«

Die ersten schachähnlichen Figuren waren klobige Blöcke und stammen aus Mesopotamien. Sie sind über 5000 Jahre alt. Mit der Verbreitung des Spiels entwickelten sich in den verschiedenen Kulturen zahlreiche Varianten. Als im 7. Jahrhundert muslimische Eroberer das Schach nach Europa brachten, wurde die Figur des Läufers noch als Alfil (Elefant) dargestellt, im 12. Jahrhundert haben ihn die Norweger durch einen Bischof ersetzt. Das Schachbrett hatte damals noch weisse und rote Felder, oft waren auch die Figuren entsprechend bemalt.

1849 gestaltete Nathaniel Cook das Set, wie wir es heute kennen. Die Figuren waren meistens aus hellbraunem und dunkelbraunem Holz. Später gelangten Sets mit Kreuzrittern, Nordstaatlern oder Comicfiguren in den Handel. Unabhängig von der Darstellung nennt man die beiden Parteien heute «Weiss» und «Schwarz», wobei «Weiss» jeweils den ersten Zug ausführt. Ist das rassistisch?

Der öffentlich-rechtliche Radiosender ABC Sidney setzte den Vorwurf in die Welt. Somit hätten Millionen von Eltern, die ihren Kindern die Schachregeln beibrachten, ihrem Nachwuchs Rassismus anerzogen, so wie andere Eltern ihrem Nachwuchs den Opferstatus anerziehen.

Es ist heute üblich, dass Aktivisten in den Redaktionen einen kaum beachteten Tweet herauspicken, um mit Pauken und Trompeten einen Shitstorm loszutreten. Man fragt sich, ob ein mehrjähriges Studium in Dekolonialität, kritischer Weiss-Sein-Reflexion und postkolonialem Erinnern notwendig ist, um nun sogar beim Schach Rassismus zu wittern.

Die Debatte ist mittlerweile entgleist und schlittert zwischen Überempfindlichkeit und Verharmlosung. Es ist heute chic, selbst bei banalsten Kränkungen, die jedem Menschen, unabhängig von der Hautfarbe, widerfahren, rassistische Mikroagressionen zu vermuten.

Würde man das Schach wieder mit weissen und roten Feldern und Figuren bestücken, könnten sich die nordamerikanischen Ureinwohner verletzt fühlen. Soll man also weltweit die Schachregeln dahingehend ändern, dass in Zukunft Schwarz beginnt? Oder wäre das Rassismus mit vertauschten Rollen? Ein Stoff für Kabarettisten. Kann es sein, dass derart bizarre Nebenschauplätze gerade das fördern, was man zu Recht bekämpft?

Hämatologe Prof. Jakob Passweg im Interview

Herr Passweg, was haben Sie aufgrund Ihrer Arbeit über das Menschsein gelernt? –

«Alles»

Der Basler Chefarzt Jakob Passweg erzählt, welche Fragen die Patienten ihm stellen und warum an seiner Pinnwand ganz viele Todesanzeigen hängen.

Von Lucia Hunziker

 

NZZ am Sonntag: Herr Passweg, was fragen Patientinnen oder Patienten unmittelbar nach der Diagnose «Krebs»?

Jakob Passweg: Vielen zieht die Diagnose den Boden unter den Füssen weg. Die meisten sagen deshalb zuerst einmal nichts. Dieses Schweigen muss man als Arzt aushalten. Das meiste, was der Doktor unmittelbar nach einer schwierigen Diagnose sagt, ist sowieso zu viel und verschwindet bei der Patientin oder beim Patienten im Nebel der emotionalen Betroffenheit. 

Wie überbringen Sie die schlechte Nachricht?

Leider kaum je in einer ruhigen Atmosphäre. Ich begegne dem Patienten zumeist zuerst in der Notfallstation. Dort liegt er mit hohem Fieber, ist schummrig im Kopf und hat seltsame Blutwerte. Ich sage ihm, dass er vielleicht an Leukämie erkrankt sein könne und dass das ein grosses Unglück wäre. Dass aber weitere Abklärungen nötig seien, um herauszufinden, was sich hinter den Symptomen verbirgt. 

In Filmen fragen die Menschen als Erstes: «Wie viel Zeit bleibt mir noch?» Was sagen sie tatsächlich?

In der Realität stellen Erkrankte die Frage selten und kaum je so früh. Ausser, der Patient sei an einem Bauchspeicheldrüsenkrebs erkrankt, einer aggressiven Krebsart, bei der die mittlere Lebenserwartung bei drei Monaten liegt. Die Frage nach der verbleibenden Lebenszeit wird meistens erst aufgeworfen, wenn eine Krankheit nach erfolgreichen Behandlungen erneut auftaucht. Also dann, wenn ein sogenanntes Rezidiv ein zweites Mal auftritt und wir keine Medikamente mehr kennen, um die Krankheit unter Kontrolle zu bringen, und wir das Ableben höchstens hinauszögern können.

Für Ihre Patienten sind Sie der potenzielle Lebensretter. Wie wirkt sich das auf Ihre Patientenbeziehung aus?

Es gibt Patienten, die zum Doktor aufschauen. Anerkennung zu erhalten, ist nicht das Unangenehmste, was einem als Arzt passieren kann. Problematisch wird es, wenn Sachen von mir erwartet werden, die ich nicht erfüllen kann.

Zum Beispiel?

Geheilt werden von einer unheilbaren Krankheit.

Wie gehen Sie mit dieser Forderung um?

Das ist schwierig. Ich kann ja nicht sagen: «Herr Müller, Sie erwarten von mir, dass ich Sie heile. Sie wissen aber, dass ich das nicht kann.» Ich versuche, das feiner zu machen.

Was machen Sie konkret?

Es ist glücklicherweise ja nicht so, dass man gar nichts mehr machen kann, wenn eine Heilung nicht möglich ist. Ich versuche dann die Krankheitsprogression hinauszuzögern. Und wenn auch das nicht mehr geht, lassen sich die Schmerzen lindern. Wichtig ist, bei der Behandlung auf realistische Ziele zu fokussieren.

Gibt es etwas, das allen Krebspatienten während der Behandlungen besonders gut tut?

Ja. Das allerwichtigste sind die sozialen Beziehungen. 

Welche Rolle spielt Gott?

Er ist im medizinischen Alltag heutzutage praktisch nicht mehr im Spiel.

Haben Sie genug Zeit für Ihre Patienten?

Schwierige Gespräche benötigen Zeit – die ich selten im gewünschten Masse habe. Heute beispielsweise hatte ich eine Patientin, die so viele Fragen stellte, dass die nachfolgende Person mit viel drängenderen Fragen warten musste. Und das alles zwischen der Verabschiedung einer Sekretärin in die Pensionierung und einem Mitarbeitergespräch. Natürlich ist das meine spezielle Situation als Chefarzt. Es gibt andere Chefärzte, die ihre Rolle in der Hierarchie einnehmen und weniger Patienten selber betreuen. Ich will das anders: Ich habe relativ viele Patienten und Visiten, weil ich Doktor geworden bin, um Menschen zu behandeln. 

Wer spricht mehr: der Patient oder Sie?

Ich. Das ist die Berufskrankheit der Ärzte. 

Wie ist es, jemanden zu behandeln, den Sie persönlich kennen?

Schwierig. Ich bin mit meinen Patienten nicht per Du. Aber es gibt Menschen, mit denen ich per Du bin und die dann zu Patienten werden. Das versuche ich auf einem Minimum zu halten.

Worin liegt die Schwierigkeit?

Es gibt eine optimale Distanz zwischen einem Arzt und seinem Patienten. Ist diese zu weit oder zu nah, können Schwierigkeiten auftreten. Bei Bekannten oder Freunden ist die Beziehung zu nah. Die optimale Beziehung ist eine professionelle.

Weshalb wählten Sie als junger Mensch die Fachrichtung Hämatologie? 

Zunächst zog es mich in die Onkologie, ich wurde aber von der Chefsekretärin umgeteilt. Sie spielte bei der Einteilung der jungen Ärzte Schicksal: Der Passweg geht in eine Leukämie-Abteilung. Dort war es anstrengend, aber auch spannend. Die Bilder der genetisch veränderten Zellen faszinierten mich. Und schon bald erlebte ich als halbfertiger Internist, wie es ist, wenn man in einem Gebiet ein bisschen mehr weiss: Man kann dazulernen, sattelfest werden und gut in dem, was man tut. Da wusste ich: Ich will in die Hämatologie.

Erinnern Sie sich an Ihre erste Patientin oder Ihren ersten Patienten?

Ja. Die Frau kam mit einer Leukämie, die schwierig zuzuordnen war. Ich verschrieb ihr eine Chemotherapie, die in den damals verwendeten Dosen eine Schädigung des Kleinhirns verursachte und schwere Bewegungs- und Koordinationsstörungen auslöste. Das zu begleiten, war schwierig: Die alltäglichsten Bewegungen wie das Heben eines Arms gingen nicht mehr. Die Patientin hat ihre Blutkrebserkrankung glücklicherweise überlebt, und später hat sie sich von den Nebenwirkungen der Medikamente erholt. Aber etwas von den Schädigungen ist geblieben.

Löst Ihre Arbeit oft Schuldgefühle aus?

Ja, die ganze Zeit. Das gehört zu meiner Arbeit wie der weisse Kittel. Als Arzt treffe ich zusammen mit dem Patienten eine Entscheidung. Aber wenn die Behandlung lätz herauskommt, hat der Doktor das Falsche empfohlen.

Wie werden Sie mit den Risiken von Fehlentscheiden und Schuldgefühlen fertig?

Die Möglichkeiten von vielen erfolgreichen Behandlungen müssen alles Schwierige aufwiegen. Was nichts an der Tatsache ändert, dass es in Situationen, in denen es mehrere Behandlungsmöglichkeiten gibt, immer bessere und schlechtere Entscheidungen gibt. 

Belastet Sie während der Arbeit die Ungewissheit, ob eine Behandlung tatsächlich erfolgreich verlaufen wird? 

Ich bin mir meiner Verantwortung bewusst. Vernünftig ist, dass heutzutage viele Entscheidungen in Tumorkonferenzen getroffen werden, bei denen mehrere Ärzte zusammensitzen und gute Argumente für oder gegen eine Behandlung einwerfen. 

Die Verantwortung verteilt sich trotzdem nicht auf mehrere Schultern. 

Richtig. Und die sensibleren Patienten merken, wenn der Doktor nicht von der Richtigkeit einer Behandlung überzeugt ist. Sie fragen dann beispielsweise: «Würden Sie mich so behandeln, wenn ich Ihre Grossmutter wäre?»

Ihre Antwort?

Sie sind nicht meine Grossmutter.

Wer ist der bessere Arzt: der Sichere oder der Zweifler?

Das einzuschätzen, ist schwierig. Möglicherweise ist für viele Patienten der Besserwisser mit der klaren Ansage der gute Doktor. Schliesslich will man bei einem schwierigen Entscheid die Sicherheit, dass richtig entschieden wird. 

Und wen haben Sie als Chefarzt lieber in Ihrem Team?

Den Zweifler. Besserwisser sind unerträglich. 

Als Hämatologe kommen Sie Sterbenden besonders nah. Akzeptieren Ihre Patienten grundsätzlich, dass sie sterben müssen?

In Situationen, in denen es dem Ende zugeht, erlebe ich alles: herzliche Situationen, in denen die Erkrankten sich von ihren Familien verabschieden. Aber es gibt auch Menschen, die sich bis zum Schluss gegen das Sterben wehren. Oder es verdrängen.

Wie machen sie das?

Diese Menschen finden Methoden, um den Gesprächen über ihren nahenden Tod auszuweichen. Sie überhören beispielsweise einfach, dass ich sage, dass es nicht mehr viele therapeutische Optionen gebe und dass man fast nichts mehr machen könne und dass selbst das nichts mehr nütze. Stattdessen fragen sie mich, ob ich ihnen raten würde, noch diese und jene Reise anzutreten. Häufig erwähnen sie Projekte in der Zukunft und erwarten von mir, dass sie diese auch umsetzen können. Beispielsweise an ein Konzert zu gehen. Oder auf eine Kreuzfahrt. 

Kränken Sie solche Ansprüche?

Nein. Aber man muss viele Jahre Doktor gewesen sein, um zu lernen, dass das eigene Wissen und man selber als Person nicht wichtig sind und man nur für den Patienten da ist. Aber ich muss auch aufrichtig sein, wenn der Patient fragt, ob er es auf die Kreuzfahrt schaffe, und ihm sagen, dass ich das nicht glaube.

Halten Sie Patienten davon ab, ihr Sterben zu verdrängen?

Wenn jemand nicht über sein Sterben sprechen möchte, habe ich das zu respektieren. Es liegt nicht an mir, jemandem zu sagen, dass sein Leben endlich sei. Und dass er jetzt im Sterbemodell von Elisabeth Kübler-Ross gefälligst von der dritten Phase in die vierte zu wechseln habe. Der Respekt vor dem Menschen verlangt, dass ich ihn berate und für ihn da bin, nicht aber, dass ich ihn zu etwas zwinge, was er nicht will.

Was ist schwierig in der Behandlung von Patienten, die sterben wollen?

Wenn ein Patient auf der Station stirbt, hat er in der Regel noch ganz viele Behandlungen. Er wird beispielsweise noch künstlich ernährt und erhält über eine Infusion Antibiotika. Da kann man nicht jeden Tag in sein Krankenzimmer treten und etwas anderes abstellen oder abräumen. Statt der Salamitaktik ist ein klarer Schnitt gefragt.

Wie machen Sie diesen?

Man steht hin und sagt: «Wir sind jetzt so weit, dass wir sagen, wir hören auf zu kämpfen. Sind Sie auch bereit dazu?» Im besten Fall sind der Patient und seine Angehörigen auch so weit.

Sie betonen die Rolle der Angehörigen.

Ja. Sie müssen den Patienten durch die Krankheit mittragen – aber auch freigeben. Denn heute sterben immer mehr Menschen im Spital nach einer bewussten Entscheidung, die therapeutischen Bemühungen einzustellen. Es gibt dabei grosse Unterschiede. Die West- und Nordeuropäer akzeptieren recht gut, dass die Sterbephase häufig durch einen gezogenen Stecker eingeläutet wird. In anderen Kulturen wie den afrikanischen, in denen lebensverlängernde Therapien nicht vorhanden sind, ist der Tod noch stärker ein natürliches Ereignis. Da ist manchmal schwierig zu vermitteln, wenn wir im Spital Therapien unterlassen. 

Wirken Angehörige grundsätzlich lebensverlängernd?

Ja. Aber es gibt alle Spielformen. Also auch die Situation, in der eine Ehefrau mir im Vorzimmer sagt, sie möchte, dass ihr Mann nicht mehr leiden muss, dass seine Krankheit eine wahnsinnige Belastung für alle sei und sie einwillige, dass er gehen dürfe. Dass das für alle das Beste sei. Und dann spreche ich im Zimmer mit dem Patienten, und er sagt: «Ich mag nicht mehr und würde gerne sterben. Aber wissen Sie: Ich kann meine Frau nicht im Stich lassen. Ich muss weiterkämpfen.» 

Wie schaffen Sie Klarheit?

Ich mache die Türe auf und sage der Frau: «Bitte kommen Sie doch herein, und sagen Sie doch bitte vor Ihrem Mann, was Sie vorhin gesagt haben.»

Klärt sich die Situation dadurch tatsächlich?

Nein. Denn ich rufe die Frau natürlich nicht rein. Solche Situationen benötigen mehr Fingerspitzengefühl.

Wie begegnen Sie suizidalen Wünschen?

Meine Aufgabe als Arzt besteht darin, Krankheiten zu lindern und das Leben zu verlängern, aber auch darin, das Sterben zu begleiten. Wenn ein Patient den Tod noch ein paar Monate hinausschieben könnte, liegt es nicht an mir, zu entscheiden, dass er noch nicht lange genug gekämpft hat.

Leisten Sie Sterbehilfe?

Bei diesen Patienten ist die passive Sterbehilfe nicht so häufig ein Thema. Weil die Krankheiten in der Hämatologie schnell zum Tod führen, wenn man sie nicht behandelt. 

Wie tröstet man einen Krebsbetroffenen?

Man kann ihm weder sein Schicksal noch sein Leiden nehmen. Aber Erkrankte spüren zwischenmenschliche Wärme sehr gut. Deshalb ist Trost enorm wichtig. Zeigen Sie einem Krebserkrankten, dass Sie verstehen, dass er in einer schwierigen Situation ist. Dass Sie für ihn da sind, die Krankheit mit ihm durchzustehen. Dabei können Sie durchaus einmal grobe Wörter in den Mund nehmen und sagen: «Du bist ein armer Cheib mit dieser Scheisskrankheit.» Und sagen Sie ihm, dass er «es gut macht». Um ihm seine Selbstzweifel zu nehmen. Schuldfragen sind bei vielen Krebspatienten ein Riesenthema.

Ist die Schuldfrage kulturell bedingt?

Nein. Das Suchen nach Gründen, weshalb man einer lebensbedrohenden Krankheit ausgesetzt ist, ist universell. Aber es gibt eine typisch schweizerische Frage: Schweizer wollen wissen, inwiefern sie mit ihrem Verhalten zur Erkrankung beigetragen haben. Sie sind dabei sehr detailbesessen: «Habe ich zu wenig Äpfel gegessen? Oder zu viel? Oder zu wenig Birnen? Oder zu viel?»

Was sagt man Angehörigen, wenn sie einen Liebsten verlieren?

Es gehört zum guten Ton, dass man über einen Verstorbenen etwas Gutes sagt. Niemand will hören: Der Krebsbetroffene ist mit grossen Leiden gestorben – zumal das oft nicht stimmt. Die meisten Angehörigen wollen hören, dass der Krebsbetroffene für sein Leben und seine Familie gekämpft hat wie ein Löwe und dass das leider trotzdem nicht gereicht hat. Das gilt sogar dann, wenn der Patient am Schluss palliativ gepflegt wurde. Die Leute sagen dann: «Er hat einsehen müssen, dass es das Richtige ist, nicht mehr weiterzukämpfen, weil der Preis so hoch war und der Gewinn so klein. Aber er hat das gut gemacht.»

Was vereinfacht oder erschwert Ihnen das Abschiednehmen von Patienten?

Abschied nehmen ist Adieu sagen. Das geht – irgendwie. Schwierig ist es, wenn ein Patient an Komplikationen gestorben ist, die ich nicht kommen sah. Und ganz hart sind Obduktionen. Die Leichenschau verschafft eine brutale Klarheit über die Krankheit und was die Behandlung bewirkt hat. Sie bringt uns im Wissen um eine Krankheit weiter. Deshalb sind Obduktionen so wichtig.

An der Pinnwand Ihres Büros hängen ganz viele Todesanzeigen.

Sie stammen von Patienten. Ich sammle auch die E-Mails mit den Todesmeldungen. Ich habe für sie eigens einen Ordner eingerichtet. Die beiden Sammlungen helfen mir, mich an die Menschen zu erinnern. Sie lassen sich nicht einfach wegschieben.

An wie vielen Beerdigungen ehemaliger Patienten nahmen Sie teil?

In den vergangenen Jahren nahm ich nur einmal teil. Bei einem Verstorbenen, der mir nahestand. 

Was haben Sie aufgrund Ihrer Arbeit über das Menschsein gelernt?

Alles. Ich kann mir keine andere Tätigkeit als die meine vorstellen, in der man so viel erfährt über den Umgang des Menschen mit Schicksalsschlägen, Beziehungen, Scheitern und Hoffen.

068 Blick »Halb Mensch, halb Tier«

Der Löwenmensch aus dem deutschen Lonetal war 31,1 cm gross und ca. 40’000 Jahre alt. Er war aus Mammut-Elfenbein geschnitzt und stellte einen Menschen mit dem Kopf und den Gliedmassen eines Löwen dar.

Mischwesen, sogenannte Chimären, gehören zum festen Personal der Mythologien und religiösen Fabeln. Aus dem Christentum kennen wir die geflügelten Postboten und den gehörnten Teufel mit den Bocksfüssen, aus Ägypten stammt die wohl berühmteste Chimäre: die Grosse Sphinx von Gizeh. Solche Statuen waren in zahlreichen Kulturen der Antike verbreitet. Die griechische Variante erwürgte angeblich vorbeiziehende Reisende, wenn sie das von ihr gestellte Rätsel nicht lösen konnten. Heutige Quiz-Shows sind da wesentlich humaner.

Auch andere Mischwesen erfreuten sich grosser Beliebtheit. Kentauren hatten menschliche Oberkörper mit Pferdeleib, Meerjungfrauen Oberkörper mit Fischunterleib. In zahlreichen Höhlenmalereien war es genau umgekehrt, da hatten die Mischwesen Tierköpfe und die Körper von Menschen.

Leider haben nicht alle die Wirren der Jahrhunderte heil überstanden. Viele wurden später von Fanatikern zerstört. Die Grosse Sphinx von Gizeh hatte im 13. Jahrhundert noch eine Nase, doch 1378 fiel sie islamistischen Bilderstürmern zum Opfer. Dass angeblich Napoleons Artillerie die Nase abgeschossen hat, ist ebenso Fake wie René Goscinnys Geschichte, wonach die Nase abgebrochen sei, als Obelix die Sphinx bestieg.

Was früher der Fantasie der Menschen entsprang, entsteht heute in den Gen-Labors. Mit der Einpflanzung menschlicher Zellkerne in tierische Eizellen entstehen sogenannte Cybride. Als erster Staat der Welt hat Japan dem Forscher Hiromitsu Nakauchi die Genehmigung erteilt, solche Mischwesen heranreifen zu lassen. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis solche Chimären auch tatsächlich ausgetragen werden. Die Technik ist bekannt, und «alles, was sich ein Mensch ausdenkt, wird eines Tages ein anderer realisieren» (Jules Verne). 

China liegt im Wettrüsten mit den USA im militärischen Bereich noch zurück, im IT-Sektor herrscht Gleichstand, und im Design neuer Mischwesen wird China führend sein, denn dort tragen Wissenschaftler kaum Fesseln. Nur Dissidenten.

Basler Zeitung: Alima Diouf

Basler Zeitung
– 01. Juli 2020
 
«Polizisten helfen uns mehr als radikale Linke»

Eine Betroffene über Rassismus Alima Diouf aus Senegal setzt sich seit Jahren gegen Rassismus in Basel ein. Weisse würden die Schwarzen dabei oft bevormunden, sagt sie.

Katrin Hauser

Frau Diouf, Sie haben am vergangenen Samstag eine Veranstaltung durchgeführt, bei der Polizisten mit Dunkelhäutigen zusammensassen. Kommt das nach dem Tod von George Floyd und den Demonstrationen der «Black Lives Matter»-Bewegung nicht fast einer Verbrüderung mit dem Feind nahe?

Was nach dem Tod von George Floyd geschah, war heftig. Meine Chats quollen über von Anekdoten aus der Kolonialzeit und wie wir Schwarze damals gelitten hatten. Die Leute reissen alte Wunden auf. Ich wollte das irgendwann nicht mehr lesen. Wir müssen doch einen Weg finden, wie wir jetzt und heute in Basel gemeinsam leben können.

Viele Dunkelhäutige sehen das anders. 5000 Menschen gingen am 6. Juni in Basel auf die Strasse, um gegen Polizeigewalt und für die Rechte von Schwarzen zu kämpfen.

Ich war zwar nicht dort, aber ich bin mir sicher, die Mehrheit dieser Leute war weiss. So ist es immer. Vor allem die Radikalen unter ihnen haben eine innere Wut, die sie in solchen Momenten ausleben wollen. Sie schüren den Hass gegen die Polizei – auch in unseren Kreisen. Meinen Leuten habe ich gesagt, sie sollen nicht zu dieser Demonstration gehen. Einige von ihnen haben einen illegalen Aufenthaltsstatus. «Während die weissen Aktivisten abends nach der Demonstration zu Hause gemütlich ihren Tee trinken, seid ihr in Ausschaffungshaft», habe ich ihnen gesagt.

Sie organisieren Anlässe mit der Polizei und schützen gleichzeitig Migranten mit illegalem Aufenthaltsstatus. Das ist eine heikle Gratwanderung.

Ich mache nichts Illegales. Ich gehe nicht zu Demonstrationen, bei denen randaliert wird, und verstecke niemanden vor der Polizei. Ausserdem sind wir immer im Gespräch miteinander: Ich habe sogar mit der Basler Polizei vereinbart, dass keine Personen kontrolliert werden in der Gegend, in der wir gerade eine Veranstaltung durchführen.

Wieso diese Einstellung gegenüber Polizisten, wo doch Schwarze tatsächlich häufiger kontrolliert werden als der Durchschnitt? Immerhin war das der Grund für das Treffen.

Was bei dieser Diskussion einfach nie gesagt wird, ist: Die Polizei in unseren Ländern, in Senegal zum Beispiel, geht viel härter vor. Hier gibt es einen Aufstand, wenn Frauen auf der Johanniterbrücke kontrolliert werden. Bei uns in Senegal wurden kürzlich demonstrierende Mütter mit Schlagstöcken in Busse getrieben. In Basel sitzen die Polizisten mit uns zusammen, um über Rassismus zu sprechen. Sie helfen uns damit mehr als radikaleLinksaktivisten. Diese wollen uns sogar davon abhalten, das Gespräch mit der Polizei zu suchen. Einer von ihnen hat mir im Vorfeld der Veranstaltung vom Samstag eine lange Mail geschrieben, dass das nichts nütze. Daraufhin habe ich ihn ausgeladen. Es ist wieder eine Bevormundung: Weisse wollen uns Schwarzen vorschreiben, wie wir unseren Kampf zu führen haben. Dasselbe Problem habe ich auch mit Beauftragten vom Kanton.

Wie meinen Sie das?

Früher habe ich bei der Rassismuswoche des Kantons mitgewirkt. 2018 hiess es, wir müssten uns einer anderen Organisation anhängen. Die Idee war plötzlich, dass weisse, studierte Leute vorne auf einem Podium sitzen und wir Schwarzen im Publikum. Da mache ich nicht mit. Diese Menschen sind mir schlicht zu weiss, um bei einem Rassismuspodium oben zu sitzen.

Diese Aussage ist rassistisch.

Ja, natürlich. Jeder Mensch ist ein Rassist. Sie sind einer, genauso wie ich einer bin. Wir wachsen damit auf, wird uns anerzogen. Es gibt auch Rassismus unter Schwarzen: Wenn ein Senegalese nicht will, dass seine Tochter einen Nigerianer heiratet, etwa.

Sie setzen sich seit Jahren gegen Rassismus ein. Wie stark ist dieser in Basel verbreitet?

In den 26 Jahren, die ich schon in Basel lebe, kann ich mich nicht an einen Monat ohne abwertende Äusserungen erinnern. Sei es im leeren Tram, in dem ich aufgefordert werde, aufzustehen, oder seien es ältere Schweizer, die mir ins Gesicht sagen: «Geh mal nach Hause, du hast hier nichts verloren. Ihr kostet uns nur Geld.» Solche Erlebnisse rauben mir die Energie, manchmal gehen sie mir noch lange nahe.

Womit wäre den Schwarzen aus Ihrer Sicht am besten geholfen?

Die Leute sollen uns unterstützen, etwa indem sie an unseren Veranstaltungen teilnehmen und ihre Meinung sagen. Auch Basler Politiker sind sehr willkommen. Je mehr Menschen dabei sind, desto besser. Die Leitung sollte aber bei denen bleiben, die auch wirklich betroffen sind.

«Weisse wollen uns Schwarzen vorschreiben, wie wir unseren Kampf zu führen haben»: Alima Diouf. Foto: Dominik Pluess

Was die Basler Polizei dazu sagt

Toprak Yerguz bestätigt, dass die Einsatzzentrale über den Anlass im Klybeck vom Samstag informiert war – wie dies immer der Fall sei, wenn Mitarbeiter der Kantonspolizei teilnehmen. In diesem speziellen Fall achte man tatsächlich darauf, dass nicht während der Veranstaltung oder gleich danach auf dem entsprechenden Gelände Personenkontrollen durchgeführt werden. «Das wäre völlig kontraproduktiv. Schliesslich geht es darum, ein Vertrauensverhältnis aufzubauen.»

Der Verein «Migranten helfen Migranten»

Alima Diouf hat 2015 den Verein «Migranten helfen Migranten» gegründet. Seitdem organisiert sie Anlässe und wirkt an verschiedenen Projekten gegen Rassismus mit. Ihre Arbeit wird vom Kanton Basel-Stadt, von Stiftungen und der Bürgergemeinde finanziert. Die 47-Jährige wurde in Senegal geboren, lebt nun schon 26 Jahre in Basel-Stadt und hat die Niederlassungsbewilligung B.

67 Blick »Gold kann man nicht drucken«

© Blick 24.7.2020 / 


Ende des 17. Jahrhunderts war Frankreich bankrott. Der Sonnenkönig Louis XIV. hatte für seine Kriege fast alle Rohstoffe aufgebraucht, es gab kaum noch Metalle, um Münzen zu prägen. Die Wirtschaft brach zusammen und die Bevölkerung hungerte.

Nach seinem Tod übernahm der lasterhafte Duc d’Orléans im Namen des noch unmündigen Ludwig XV. vorübergehend die Regentschaft und begeisterte sich für die Finanztheorien des schottischen Mathematikgenies und Womanizers John Law. Dieser war nach einem tödlich verlaufenen Duell nach Paris geflüchtet und erläuterte nun an den Spieltischen der High Society seine Theorie, wonach nur Geld aus Papier Frankreich retten könne. Das klang irre, denn damals entsprach der Wert einer Münze genau dem Wert des Metalls, das in dieser Münze steckt. Und nun sollte bedrucktes Papier einen Wert haben?

Der Duc erlaubte John Law, seine Theorie in der Praxis zu testen. Das Experiment gelang. Die Wirtschaft wurde mit Unmengen Papiergeld angekurbelt, der Handel florierte, die Börse boomte, aus ganz Europa kamen Menschen, um am Wirtschaftswunder teilzunehmen. Doch als der Duc heimlich die Druckerpresse anwarf, galoppierte die Inflation davon, und wer es sich leisten konnte, rettete sich in Gold. Bis es verboten wurde.

In den USA durften bis 1971 nur Dollarnoten gedruckt werden, deren Gegenwert in Staatsgold hinterlegt war. Um den Vietnamkrieg zu finanzieren, hob Richard Nixon den Goldstandard auf und warf die Druckerpresse an. Der private Goldbesitz blieb bis 1974 verboten.

Ungenügend gedecktes Papiergeld ist mittlerweile Standard. Wenn Politiker vor der Wahl Versprechungen machen, die gar nicht finanzierbar sind, und nach der Wahl die einfache Regel missachten, wonach man weniger ausgeben als einnehmen soll, flüchten die Menschen in Gold. Denn «Gold beschützt Eigentumsrechte». Das schrieb Alan Greenspan 1987. Nachdem er zum Vorsitzenden der US-Notenbank FED gewählt worden war, galt Gold plötzlich als «barbarisches Relikt».

Auch heute drucken Notenbanken Papiergeld wie Konfetti. Viele Menschen fürchten eine Weginflationierung der Schuldenberge und flüchten in Gold. Denn Gold kann man nicht drucken.


 

Sonntagszeitung: Furioser Thriller

Tages-Anzeiger / Sonntagszeitung / Berner Zeitung

– 19. Juli 2020 10:37

Literatur

Neuer Roman von Claude Cueni

Wie die nächste Pandemie aussehen könnte

Claude Cueni hat noch vor Corona ein Szenario für eine globale Viruserkrankung gezeichnet. Und darüber einen furiosen Thriller geschrieben.

Rico Bandle

«Die grösste Gefahr, die der Menschheit droht, sind nicht Kriege, Meteoriteneinschläge, Klimawandel oder Negativzinsen, sondern eine Pandemie.» Wer das sagt, ist Luis C. Mendelez, ein umtriebiger Professor im neuen Roman von Claude Cueni, der in diesen Tagen herauskommt. Das Erstaunliche daran: der Schweizer Schriftsteller hatte das Buch schon vor der aktuellen Corona-Krise fertig geschrieben.

Mendelez will nichts weniger als die Menschheit vor dem Untergang retten. Und zwar, indem er den Leuten das Immunsystem von Ratten einpflanzt, dem resistentesten Säugetier auf unserem Planeten. Die Nager verbreiten zwar das Virus, erkranken aber selber nicht daran. Cueni macht aus diesem Stoff einen filmreifen, apokalyptischen Thriller, dessen Handlung rund um den Erdball führt – und erst noch hervorragend recherchiert ist.

Das Virus kommt per Schiff nach Europa

Erster Schauplatz ist die britische Antarktiskolonie Südgeorgien, wo eingeschleppte Ratten das Ökosystem zerstört haben. Die Rattenplage auf der Insel ist eine historische Tatsache, ebenso deren Bekämpfung durch Tonnen von Giftködern. Es war die bislang grösste Ratten-Ausrottung weltweit. Bloss: Bei Cueni überleben einige Exemplare, die Jahre später per Schiff nach Europa gelangen und im ohnehin schon rattendurchseuchten London eine Pandemie auslösen. Denn diese Nager tragen ein Virus in sich, das vom Tier zum Menschen übertragbar ist.

Cueni verwebt geschickt verschiedene Handlungsstränge. Da begegnen sich zum Beispiel der Besitzer der grössten Rattenbekämpfungsfirma Londons und eine der Zwangsheirat entflohene Inderin, die in ihrer Heimat Ratten darauf trainiert hatte, TNT und Tuberkulose aufzuspüren. Beide kommen mit Professor Mendelez in Kontakt, der besessen ist von der Idee, die DNA des Menschen zu optimieren. «Hier geht es nicht um Ethik, es geht ums Überleben der menschlichen Rasse», verkündet er. Skrupellos arbeitet er seinem angeblich so hehren Ziel entgegen.

Ob es ihm tatsächlich gelingt, mit der sogenannten CRISPR/Cas-Methode – auch sie ist keine Erfindung Cuenis – die Menschen gegen künftige Pandemien immun zu machen, sei hier nicht verraten. Der Weg dorthin jedenfalls ist so spannend, dass man das Buch kaum aus der Hand legen kann.