076 Blick »Lizenz zum Sterben«

© 27.11.2020 

Krieg führen lasse die anderen, heirate!» Das war die Erkenntnis eines Mannes, der fünfzehn Jahre lang Krieg geführt und durch eine Heirat vorübergehend auch seinen persönlichen Frieden gefunden hatte. Kaiser Maximilian I. (1459–1519) war nicht nur «der letzte Ritter», sondern auch der «erste Kanonier», weil er die Kriegsführung modernisierte und der Militärmedizin mit der «strukturierten Triage» sein Siegel aufdrückte. In Kriegszeiten sollten verwundete Soldaten je nach militärischem Rang Vorrang und Zivilisten letzte Priorität haben.

Die Triage wurde bereits im alten Ägypten praktiziert, in Europa regelte 1787 ein königlich-preussisches Reglement die Vorgehensweise verbindlich. Dominique Jean Larrey, Sohn eines Schuhmachers, setzte im Laufe der napoleonischen Kriege als Militärarzt und Feldchirurg eine neue Triage durch. Er nahm keine Rücksicht auf den militärischen Rang der Verwundeten. Er galt deshalb als «Freund der Soldaten». Mit seinen fliegenden Lazaretten führte er Notamputationen auf dem Schlachtfeld durch, und es war ihm egal, ob der Verwundete Freund oder Feind war.

Mit der Pandemie ist das Thema Triage wieder in den Schlagzeilen. Wer kriegt das letzte Beatmungsgerät? Die Schweizerische Gesellschaft für Intensivmedizin (SGI) hat nun gemeinsam mit den Akademien der Wissenschaften Schweiz (SAMW) neue Richtlinien erlassen. Eine neunstufige Skala soll Intensivmedizinern bei Bedarf helfen, Patienten nach medizinethischen Grundsätzen zu klassifizieren und dafür zu sorgen, dass Entscheide im Nachhinein transparent und nachvollziehbar sind.

Wer aber in den kommenden Wintermonaten durch die Triage fällt, sollte wenigstens die Wahl haben, sein absehbares Ende durch eine externe Freitodbegleitung innerhalb des Spitals abzukürzen. Falls er dies ausdrücklich wünscht. Zurzeit sind Freitodbegleitungen in Universitätsspitälern juristisch nicht zulässig, obwohl Sterbehilfe keine Tötung wäre, sondern eher Schmerzbefreiung mit Todesfolge.

Leider leisten sich viele Gesunde eine Gutmenschenethik, die weder auf Schmerzerfahrung noch auf Empathie beruht. Die Erlösung, die man dem geliebten Haustier gewährt, sollte man auch dem Menschen gewähren. Sofern er dies wünscht.

075 »Verbrechen mit 4 Buchstaben«

 

An Weihnachten 1913 erschien in der Beilage der 1860 gegründeten Zeitung «New York World» das erste Kreuzworträtsel. Es enthielt 31 Suchbegriffe, war rautenförmig und noch ohne schwarze Felder aufgebaut. Der britische Journalist Arthur Wynne soll es erfunden haben, die Idee stammte von seinem Grossvater. Im Laufe der Jahre führte Wynne symmetrische Gitter ein und begrenzte die Worte mit schwarzen Quadraten.

 

Das kniffligste Kreuzworträtsel fand man jedoch nicht in den später erscheinenden Rätselbüchern, sondern 1981 in einem braunen Koffer in der ehemaligen DDR. Ein Bahnarbeiter hatte das Gepäckstück neben den Geleisen in der Nähe von Leipzig entdeckt. Im Koffer lag die Leiche eines siebenjährigen Jungen. Er war sexuell missbraucht und grausam ermordet worden. Die Ermittlungsbehörden erhofften sich Hinweise vom Zeitungspapier, mit dem der Koffer ausgestopft worden war. Sie entdeckten ein von Hand ausgefülltes Kreuzworträtsel.

 

In den folgenden neun Monaten sammelte die Volkspolizei sechzig Tonnen Altpapier in der näheren Umgebung des Tatorts und veranlasste eine halbe Million Schriftvergleiche. Die Ausdauer wurde schliesslich belohnt. In Block 398 wohnte eine Frau, deren Handschrift identisch war mit den ausgefüllten Feldern im sichergestellten Kreuzworträtsel. Sie war jedoch nicht die Täterin. Die gesuchte Person musste also in ihrem Haus verkehren oder verkehrt haben. Sie stiessen auf den Freund ihrer Tochter. Er war der bestialische Mörder.

 

Das Lösen von Kreuzworträtseln gilt heute als geeignetes Gehirnjogging, denn ab dem 50. Lebensjahr prügelt das Alter auf den Stirnlappen des Gehirns, ausgerechnet auf die Stelle, wo die Nervenzellen sitzen, die für die Verarbeitung von Wörtern und Zahlen zuständig sind. Auch unsere Festplatte, der Hippocampus, gerät unter Beschuss. Deshalb werden wir im Alter vergesslicher. Meistens verliert man, was man nicht mehr benutzt. Wer hingegen jeden Tag ein Kreuzworträtsel löst, verjüngt angeblich sein Gehirn um bis zu zehn Jahre. Aber es müssen nicht unbedingt Kreuzworträtsel sein. Hilfreich ist alles, was das Gehirn stimuliert. Förderlich sind auch Memory, soziale Kontakte, grünes Gemüse und Sex.

 

 

074 Blick »Schnitzel ohne festen Wohnsitz«

In den 1970er-Jahren wollten viele von uns Zigeuner sein, denn Zigeuner waren unkonventionelle Lebenskünstler ohne festen Wohnsitz. Das war das Lebensgefühl der Flower-Power-Generation. Wir wollten frei sein. Der Zigeunerlook war populär, er stand für Sex & Drugs & Rock ’n’ Roll. Das Zigeunerleben wurde in Liedern besungen und in Filmen romantisch überhöht. Als Teenager war ich verdammt stolz, als ich als Vagabund per Autostopp durch Europa reiste, denn irgendwie war ich ein bisschen Zigeuner.

Intellektuelle massen sich an, die Bedürfnisse von Randgruppen zu definieren

Soeben ist Göläs Autobiografie «Zigeunerherz» erschienen. Der Religionspädagoge Stefan Heinichen (57) nennt den Buchtitel «eine Verharmlosung und eine Negierung der Bedürfnisse der Sinti- und Roma-Gemeinschaften in der Schweiz». Definiert er neuerdings schulmeisterlich, welche Bedürfnisse Sinti und Roma haben sollten?

Selbst Fahrende nennen sich stolz Zigeuner. Der Schweizer Verein Zigeunerkultur organisiert jeweils die «Zigeunerkulturtage» und schreibt auf seiner Homepage: «Wir benützen dieses Wort aber bewusst und mit positivem Selbstverständnis.»

So stellt sich die Frage, wer eigentlich den Sinti und Roma und der Gesellschaft im Allgemeinen einreden will, dass Zigeuner zum Wortschatz von Rassisten gehört. Der überhebliche Belehrungszwang entsteht stets im universitären Umfeld privilegierter Intellektueller, die den Alltag normaler Leute nur vom Hörensagen kennen und die meiste Zeit mit Genderfragen und künstlichen Debatten über Ampelmännchen und rassistischen Produktebezeichnungen verbringen.

Journalisten versuchen, sich in politischer Korrektheit zu übertreffen

Was diese Sprachpolizei lautstark proklamiert, interessiert praktisch niemanden. Umso grösser ist das Interesse bei jenen Journalisten, die sich gegenseitig in Political Correctness übertreffen wollen.

Wenn also Göläs Biografie den Titel «Zigeunerherz» trägt, wünscht man sich etwas mehr Gelassenheit. Die Meinungsfreiheit endet nicht dort, wo selbst ernannte Kulturkrieger die Grenzen ziehen. Gölä ist einer jener Zigeuner aus der Nach-Woodstock-Ära, so wie auch ich einer war. Wir mochten Zigeuner.

Wahrscheinlich überarbeiten jetzt die meisten Restaurants vorsichtshalber ihre Speisekarten und ersetzen das «Zigeunerschnitzel» durch «Schnitzel ohne festen Wohnsitz».

Claude Cueni (64) ist Schriftsteller und lebt in Basel. Er schreibt jeden zweiten Freitag im BLICK. Sein neuer Thriller «Genesis – Pandemie aus dem Eis» ist im Verlag Nagel & Kimche erschienen.

073 Blick »Wenn Bücher brennen«

«Und nicht wenige, die Zauberei getrieben hatten, brachten ihre Zauberbücher herbei und verbrannten sie vor aller Augen.» Auf diesen Bibeltext beriefen sich religiöse Fanatiker, wenn sie in den folgenden 2000 Jahren unliebsame Schriften den Flammen übergaben. Seit der Antike werden missliebige Schriften öffentlich verbrannt, manchmal zusammen mit ihren Verfassern.

Um 1193 fackelte der islamisch-türkische Eroberer Bakhtiyar Khilji die buddhistische Nalanda-Universität ab, ab dem 4. Jahrhundert loderte die religiöse Pyromanie der römisch-katholischen Kirche, die Inquisition war der vorläufige Höhepunkt.

Der Wahn infizierte alle Kontinente. Der Bischof Diego de Landa liess in Yucatan fast alles vernichten, was in Maya-Schrift verfasst war. Nach den Bücherverbrennungen der Nazis verbrannten die Roten Khmer 1975 in Kambodscha Bibliotheken, im Bosnienkrieg fackelten serbische Nationalisten über eine Million Bücher ab, im März 2001 wurden während eines Gottesdiensts im US-Bundesstaat New Mexico «Harry Potter»-Romane wegen angeblicher Hexerei verbrannt.

Jungsozialist Timo Räbsamen sitzt im Stadtparlament von Wil SG. Im Februar 2019 schrieb er in einem mittlerweile gelöschten Instagram-Post: «Heute brennt die Weltwoche, morgen dann Roger Köppel» – und illustrierte die Zeilen mit einem Foto, das einige Geschichtslose beim Abfackeln einer «Weltwoche» zeigt.

Hätten junge SVPler getextet: «Heute brennt die Wochenzeitung, morgen dann die Chefredaktoren» – es hätte Nazikeulen geregnet. Leider gibt es in den Redaktionen immer mehr «Influencer», die sich als publizistischen Arm eines totalitären Mobs verstehen und zweierlei Mass anwenden.

ARD-Journalist Hanns Joachim Friedrichs (1927–1995) sagte einst: «Einen guten Journalisten erkennt man daran, dass er sich nicht gemein macht mit einer Sache. Auch nicht mit einer guten.»

Alle zu den Wahlen zugelassenen Parteien haben ihre Berechtigung, sie repräsentieren einen Teil der Bevölkerung. Kontroverse Meinungen und zivilisierte Debatten sind die Vitamine einer gesunden Demokratie.

Doch heute gilt: Was von rechts kommt, ist Faschismus, was von links kommt, war bloss Satire. Heinrich Heine (1797–1856) prophezeite: «Dort wo man Bücher verbrennt, verbrennt man am Ende Menschen.»

 

072 Blick »Heute Rebell, morgen Despot«

©Fotolizenzen: Christina Guggeri

In den 1970er-Jahren war es für einen Teenager chic, mit einem PLO-Schal wie jenem des Chef-Terroristen Yassir Arafat herumzulaufen, die Bibel des Massenmörders Mao zu promoten, auf dem Klo ein Poster des Stalin-Verehrers Che Guevara aufzuhängen und den Unrechtsstaat DDR als Paradies zu verklären. Das war links und das war cool und man musste nichts mehr beweisen. Wir stellten unsere Moral über das Gesetz. Illegal war scheissegal.

Sozialistische Parteien mutierten zu Verbotsparteien. Linientreue ersetzte die Debattenkultur, die DDR wurde zum Vorbild. Planwirtschaft statt Marktwirtschaft. Das zugemauerte «Arbeiterparadies» wurde einer der weltweit grössten Umweltsünder. Demonstrieren konnte man nur in der Zelle.

Textauszug Clemens Traub »Future for Friday“

Clemens Traub ist Politik-Student an der Johannes-Gutenberg-Universität zu Mainz und SPD-Mitglied. Momentan ist er Werkstudent beim ZDF in der „heute“-Redaktion.

Clemens Traub ist als ehemaliger „Fridays for Future“-Demonstrant weit davon entfernt, den Klimawandel zu leugnen, distanziert sich aber mittlerweile von der Bewegung. Ein Auszug seiner Streitschrift erschien im Magazin CICERO. Daraus habe ich mit Erlaubnis des Autors einzelne Textstellen in diesen Blog kopiert.

© 2020 Clemens Traub

 

 

Das typische Milieu der meisten „Fridays for Future“- Demonstranten kenne ich gut. Es ist in gewisser Weise mein eigenes und das meines jetzigen Freundeskreises: großstädtisch, linksliberal, hip. Arzttöchter treffen darin auf Juristensöhne.

(…)

Akademikerkinder bleiben unter sich. Ein Querschnitt der Gesellschaft also, den die Klimaproteste abbilden? Weit gefehlt! „Fridays for Future“ ist die Rebellion der Privilegierten, und die Bewegung bietet ihnen die perfekte Möglichkeit, ihren eigenen kosmopolitischen Lebensstil und das eigene Talent zur Schau zu stellen.

(…)

Klimaschutz auf Kosten der sozial Schwächeren

Die Bewegung in ihrem Elfenbeinturm merkt dabei gar nicht, dass ihre Kritik den Lebensstil vieler sozial Schwächerer betrifft, die aus finanziellen Gründen nicht immer die freie Wahl haben. Sie werden als Klimasünder gebrandmarkt, weil sie nicht im Bioladen einkaufen, sondern beim Discounter. Dass es Menschen gibt, bei denen die Sorgen angesichts immer höherer Strom- und Mietpreise die Diskussion über den Verzicht auf Flugreisen von vornherein obsolet machen, das kommt den Demonstranten gar nicht in den Sinn.

Wie auch? In ihrer wohlbehüteten Lebenswelt ist das alles ganz weit weg. Gerade das macht die Bewegung aber zu einem Risiko, denn sie setzt den sowieso schon fragilen Zusammenhalt unserer Gesellschaft aufs Spiel. Für einen großen Teil der Bevölkerung überwiegen jedoch andere, dringlichere Alltagssorgen. Wer angesichts der Ankündigungen der Industrie Angst hat, von Jobabbau betroffen zu sein, für den ist im Moment die Brandrodung im tropischen Regenwald zweitrangig.

(…)

Die oftmals alltagsfern geführten Diskussionen grenzen weniger privilegierte Menschen in der öffentlichen Debatte aus.

(…)

Andauernd hoben sie mahnend den Zeigefinger. Blickten aus dem Elfenbeinturm auf alle Menschen, die anderer Meinung waren, herab.

(…)

Bewegung des sozial privilegierten Nachwuchses

Dieser Zeigefinger wurde langsam, aber sicher das Wiedererkennungsmerkmal der Bewegung. Ihre Feindbilder waren glasklar. Ihr Weltbild gefährlich eindimensional. Meine Großstadtfreunde bekämpften plötzlich alle, die in ihren Augen eine Mitschuld am elend der Welt trugen: die Fleischesser, die Plastiktütenträger, die Dieselfahrer, die Kurzstreckenflieger, die Langstreckenflieger, die Kreuzfahrttouristen, die Landwirte und natürlich die bösen SUV-Besitzer. Aber ganz ehrlich: Gehören wir nicht alle immer mal wieder zu einer dieser Gruppen?

Elitäre Selbstüberschätzung, wohin ich blickte. In ihrer moralischen Überheblichkeit war (und ist) ihnen gar nicht bewusst, wie viele „normale“ Menschen sie damit vor den Kopf stießen.

Meine Einschätzung, bei „Fridays for Future“ handle es sich vor allem um eine Bewegung des sozial privilegierten Nachwuchses, ist inzwischen mit entsprechenden Zahlen belegt.

Finanziert wurde die Studie von der Bündnis 90/Die Grünen-nahen „Heinrich Böll Stiftung“.

Die Studie spricht Bände: Demnach gaben über 90 Prozent der Befragten an, mindestens das Abitur (beziehungsweise die Fachhochschulreife) gemacht zu haben oder dies gerade anzustreben. Eine überwältigende Mehrheit von 90 Prozent!

„Fridays for Future“ verkörpert damit nicht einmal ansatzweise den Querschnitt der Gesellschaft, wie so oft behauptet wurde.

Mich wunderte, wie wenig das ernüchternde Ergebnis der Studie dann jedoch diskutiert wurde. Dabei musste die Gesellschaft doch aufgeklärt werden über den privilegierten Background und die daraus folgende Abgehobenheit der jungen Protestler. Verändert dies nicht den gesamten Blickwinkel auf die bestimmende gesellschaftliche Debatte der letzten Monate?

Gerade die Aushängeschilder der Bewegung kommen allesamt aus „bürgerlichsten“ Verhältnissen.

Da haben wir zum Beispiel Luisa Neubauer, die bekannteste deutsche „Fridays for Future“-Aktivistin. Aufgewachsen ist sie im recht gut betuchten Elbvorort Iserbrook in Hamburg. Alle Hamburger wissen: Nicht gerade eine Wohngegend, die bekannt ist für ihren sozialen Wohnungsbau. Ihr Abitur machte sie in Hamburg-Blankenese.

Es ist das Hamburger Villenviertel schlechthin. Sightseeing-Busse bieten inzwischen Rundfahrten durch das Viertel an, um den neugierigen Touristen die Prachtvillen zu präsentieren. Sie ist Stipendiatin der parteinahen Stiftung von Bündnis 90/Die Grünen und auch Mitglied der Partei. Einer Politikerkarriere steht also nichts im Wege, das sagt sie auch selbst. „Eine Karriere als Politikerin möchte ich nicht ausschließen“, erzählte sie beispielsweise „Zeit Campus“.

Perfekte Selbstvermarktung

Rebellion von unten sieht anders aus. Perfekte Selbstvermarktung trifft es wohl eher. Die Inszenierung als Underdog bekommt jedenfalls Risse. Heute erreicht man Luisa Neubauer nur noch über ihr Management! Demonstranten als Popstars! Und die kann man natürlich auch nicht mehr einfach auf der Straße ansprechen, wenn man zusammen demonstriert. Jedenfalls nicht bei „Fridays for Future“. Also bitte, was für eine naive Vorstellung! Zwar gibt es auch innerhalb der „Fridays for Future“-Bewegung Kritiker der ausufernden Personeninszenierungen, doch eine wirkliche Veränderung ist nicht in Sicht.

Aus der Klimabewegung ist zwischenzeitlich vor allem eines geworden: ein Karrieresprungbrett für den ehrgeizigen Elitennachwuchs. „Fridays for Future“ ist die perfekte Bühne, um von sich Reden zu machen. Vielen der gebildeten Akademikersprösslinge ist das natürlich bewusst. Je mehr mediale Aufmerksamkeit, desto attraktiver ist es, in der ersten Reihe zu stehen. Vermeintlich idealistischer Aktivismus lässt sich inzwischen sehr gut vermarkten.

Einmal einen Auftritt in einer Talkshow ergattern oder zumindest einmal den eigenen Namen in der Zeitung lesen können – all das kann zur Chance des Lebens werden. In vorderster Reihe dabei zu sein fühlt sich nicht nur wahnsinnig gut an, es ist auch eine Art Freifahrtschein für das spätere Berufsleben. Und als wenn das nicht schon ausreichen würde: Eine Flut neuer Instagram-Follower ist natürlich auch noch eine traumhafte Begleiterscheinung. In diesem sinne: Volle fahrt voraus!

Rebell zum eigenen Vorteil

Die Elite von morgen

Die allermeisten „Fridays for Future“-Aktivisten wissen: Ihnen gehört die Zukunft. Viele haben die klassische Biografie eines Kosmopoliten. Ihnen wurde durch ihre soziale Herkunft alles in die Wiege gelegt, um zum Profiteur unseres Systems zu werden. Einfach alles stimmt: das Auftreten, das soziale Umfeld und natürlich die Bildung.

Obwohl sie den Weltuntergang als permanente Drohung vor sich hertragen, bereitet ihnen ihre Zukunft keine Angst. Warum denn auch? Für sie stehen die Türen sehr weit offen. sie beherrschen die komplizierten Regeln unserer individualisierten Wissensgesellschaft ganz genau. Sie werden ihr Praktikum in Brüssel und nicht in Bottrop machen. Lieber EU-Kommission als Einzelhandel. Der wird zukünftig eh keine Chance mehr haben. Und außerdem: Connections regeln! Ihr englischer Wortschatz ist meist größer als der deutsche. Perfekt vorbereitet also auf die Zukunft, komme was wolle. Denn sie sind die Elite von morgen. Das Gefährliche daran: All das ist den Demonstranten meist gar nicht bewusst.

Außenseiter sein, erst das macht das Rebellentum sexy. Was muss ein sozial Abgehängter denken, wenn sich auf einmal wohlhabende Kosmopoliten in der rolle des Außenseiters gefallen! Und sie gefallen sich nicht nur in ihr. Nein, sie inszenieren sie regelrecht.

Statt Gerechtigkeitsfragen bei „Fridays for Future“ mit zu bedenken, reduzierte sich die Bewegung von Anfang an rein auf Fragen des Lebensstils. Auch in meinem Freundeskreis ist Artensterben einfach cooler als Altersarmut. Ist das Thema Gender hipper als Grundrente.

Der neue grün-bürgerliche Habitus regelt das Freund-Feind-Schema der Klimadebatte.

© 2020 Clemens Traub

071 Blick »Ein Denkmal für Polizeibeamte«

   

Seit 1821 stirbt der Luzerner Löwe in seiner Grotte vor sich hin. Mit jährlich rund 1,4 Millionen Besuchern gilt er heute als eines der meistbesuchten Touristenziele Luzerns. Für die meisten ist dieses in Sandstein gehauene Denkmal «das traurigste und bewegendste Stück Stein der Welt (Mark Twain)». Nicht alle wissen, dass der Löwe an den Untergang der Schweizergarde erinnert, die am 10. August 1792 erfolglos die Tuilerien in Paris gegen den Ansturm der aufgebrachten französischen Revolutionäre verteidigte.

Vor elf Jahren warf «eine unbekannte Körperschaft» rote Farbbeutel auf den Löwen, um gegen das Denkmal zu protestieren, aber auch um sich mit Straftätern zu solidarisieren, die im Verdacht standen, in Frankreich Terroranschläge gegen TGV-Züge verübt zu haben. Einige Medien druckten das anonyme Bekennerschreiben als sei es eine offizielle Regierungserklärung.

Einmal mehr wollte ein anonymes Grüppchen der Allgemeinheit vorschreiben, was sie sehen darf und was nicht. Schaden für den Steuerzahler: 75’000 Franken.

Man ändert die Geschichte nicht, indem man die Krankenakte der Zivilisation umschreibt. Der Löwe entsprang Ende des 18. Jahrhunderts dem damaligen Zeitgeist. Vor lauter Empörung vergessen die Vandalen, dass die Liebhaber des Denkmals nicht die Monarchie verherrlichen, sondern die Kunst der beteiligten Bildhauer bewundern.

Vor zwei Jahren gelang dem Luzerner Löwen der Sprung über den Atlantik. Nun stirbt er auch im «Memorial Park» in der US-amerikanischen Stadt Colorado Springs. Er erinnert nicht an die gefallenen Schweizer, sondern gedenkt der dreissig Polizeibeamten, die seit 1895 bei der Verhaftung von Straftätern am östlichen Rand der Rocky Mountains ums Leben gekommen sind. In Stein gemeisselt sind die Worte:

Ich war dort, wo du fürchtest zu sein.

Ich habe gesehen, was du fürchtest zu sehen.

Ich habe getan, was du fürchtest zu tun.

All diese Dinge habe ich für dich getan.

Kürzlich wurde nun auch dieses Denkmal beschädigt. Wenn jeder zerstört, was ihm missfällt, enthüllen wir eines Tages das Denkmal eines Diktators, der einen Bürgerkrieg beendet hat, und von der Biografie der Menschheit bleibt nur noch ein prähistorischer Faustkeil übrig.


© Blick 2020


 

070 Blick »Sind Wahlplakate Littering?«

 

 

Wer Wahlen gewinnen will, sollte sich in der Öffentlichkeit mit berühmten Unterstützern umgeben und es vermeiden, den Leuten mit der Wahrheit die gute Laune zu verderben. Diese Empfehlung stammt nicht etwa aus einem heutigen Strategiepapier, sondern von Quintus Cicero (102–43 v. Chr.), dem Wahlkampfmanager und Bruder des berühmten Marcus Tullius Cicero.

 

Wählbar waren nur Personen, die das 30. Altersjahr überschritten hatten, denn Jüngere hielt man aufgrund der fehlenden Lebenserfahrung und der altersbedingten Leichtsinnigkeit für nicht ganz zurechnungsfähig.

 

Der Eintrag in die amtlichen Bewerbungslisten kostete nach heutiger Kaufkraft ca. 15’000 Franken. Nur Reiche konnten ein Amt anstreben. Fortan mussten sie aber auch bei Hungersnöten mit ihrem Privatvermögen einspringen. Heute haftet keiner mehr persönlich, weder für fehlende Masken, zu späte Grenzschliessungen, zu frühe Lockerung des Lockdowns noch für vorsätzliche Falschinformationen.

 

In der römischen Republik gab es kein politisches Parteiensystem, wie wir es heute kennen, es gab auch keine Wahlprogramme. Somit waren allein Charisma, Volksnähe und die Reputation der Unterstützer ausschlaggebend. Diese liessen den Namen des Kandidaten in roter oder schwarzer Tusche auf Wandverputze malen. Diese sogenannten Wahl-Dipinti säumten Einkaufsstrassen wie heute die Wahlplakate, die in der freien Natur später den Tatbestand des Litterings erfüllen.

 

Gekaufte Stimmen waren genauso üblich wie heute auf den Philippinen, wo der Major einer Barangay (Gemeindepräsident) auf seinem Moped von Haus zu Haus fährt und für umgerechnet ca. vier Franken Stimmen einkauft.

 

Populär waren auch Brot und Spiele, wobei diese dem Kandidaten meistens rote Zahlen bescherten, was seine Wahl erschwerte, da man zu Recht annahm, dass er sich nach einem Wahlsieg auf Staatskosten sanieren würde. Heute, wo die meisten Parteikassen leer sind, begnügt man sich mit bunten Werbegeschenken und anderen Wegwerfartikeln.

 

Wahlplakate haben die antiken Dipinti ersetzt. Oft werden sie beschädigt. Ironischerweise mobilisieren jene Vandalen, die kein Verständnis für Demokratie haben, die Nichtwähler der geschädigten Partei. Und auf die kommt es an.

Interview mit Matthyas Zehnder

 

Claude Cueni: «Ich halte halbe Wahrheiten für die schlimmsten Fakes»

 

PUBLIZIERT AM 26. AUGUST 2020 VON MATTHIAS ZEHNDER / © 2020 matthyaszehnder.ch

 

 

Welches Medium darf bei Dir zum Frühstück nie fehlen?

 

Mein iPad. Seit zehn Jahren lese ich Zeitungen nur noch auf dem iPad. Ich beginne zwischen zwei und drei Uhr morgens mit der «South China Morning Post» und «Rappler», dem philippinischen News-Portal. Dann überfliege ich die Headlines der US-Medien und lese später europäische Zeitungen. Wenn ich gerade an einem Roman bin, kopiere ich die interessanten Artikel in ein Worddokument und lese die News vor dem Mittagessen.

 

Wie hältst Du es mit Facebook, Twitter und Instagram?

 

Twitter und Google+ habe ich schon vor Jahren verlassen. Bei Facebook bin ich vorläufig noch dabei. Ich benützte es mittlerweile vor allem als Werbemedium für neue Bücher und um in Kontakt zu bleiben mit Freunden und Kollegen, die über den ganzen Erdball verstreut sind.

 

Wie hat das Corona-Virus Deinen medialen Alltag verändert?

 

Überhaupt nicht.

 

Wenn Du an die Medien in der Schweiz denkst – war früher alles besser oder schlechter?

 

Weder noch. Ich trauere keinen vergangenen Zeiten nach. Wenn ich den Kulturteil betrachte, stelle ich fest, dass es immer weniger Buchrezensionen gibt, da die Onlinemedien mittlerweile Klickzahlen sehr genau messen können. Und die Leserschaft orientiert sich eher an den Meinungen von Leuten, die gerne lesen. Wenn heute eine Buchrezension in der «Sonntagszeitung» erscheint, wird sie auch in der «Basler Zeitung», im «Bernerobeländer», in der «Berner Zeitung», im «Bund», im «Landboten», im «Langenthaler Tagblatt», im «Tages-Anzeiger», im «Thuner Tagblatt» und in -zig anderen Onlinemedien publiziert. Die Meinungsdominanz der Medienhäuser und der einzelnen Redakteure hat zugenommen. Man muss deswegen nicht jammern, sondern nach neuen Wegen suchen.

 

Haben geschriebene Worte noch Zukunft?

 

Auch digitale Inhalte müssen geschrieben werden und es wird immer Menschen geben, die sich gerne mit einem dicken Buch zurückziehen, um in eine andere Welt abzutauchen. Aber es werden weniger sein. Es gibt immer mehr Leute, die gar keine Bücher lesen, das Unterhaltungsangebot ist einfach enorm und die Zapping-Kultur hat mittlerweile alle Bereiche erfasst. Siebenhundertseitige historische Wälzer sind Liebhaberobjekte. Mit Ausnahme von Krimis (insbesondere Regional-Krimis) und Sachbüchern nehmen die Buchumsätze kontinuierlich ab. Die Belletristik-Verlage verdienen nur noch die Hälfe, die Autoren verdienen nur noch die Hälfte, aber auch hier besteht kein Anlass zum Jammern, sondern Anlass, seine Kreativität im Buchmarkt unter Beweis zu stellen.

 

Was muss man unbedingt gelesen haben?

 

Nichts. Ich unterhalte mich gerne mit meinem Sohn und ein paar Freunden über Bücher, die wir gelesen haben, jeder teilt seinen Eindruck mit, aber keiner käme auf die Idee zu sagen, «das musst du unbedingt lesen». Ich lese gerne Bücher zur Universalgeschichte oder Spezialthemen, aber auch das sind keine Bücher, die andere unbedingt gelesen haben sollten. Ich bin nicht das Mass aller Dinge.

 

Kannst Du schlechte Bücher weglegen oder musst Du Bücher zu Ende lesen?

 

Ich entscheide mich nach ca. 20 Seiten, manchmal schon früher. Wieso soll ich ein Buch zu Ende lesen, wenn ich die Figuren plakativ oder die Dialoge hölzern finde? Das wird auf den nächsten 300 Seiten nicht besser.

 

Wo erfährst Du Dinge, von denen Du nicht gewusst hast, dass sie Dich interessieren?

 

Mein Sohn, ein paar enge Freunde, Online-Medien und soziale Netzwerke wecken mein Interesse für Unbekanntes.

 

Wie lange gibt es noch gedruckte Tageszeitungen?

 

Printmedien sind ein Auslaufmodell. Die älteren Abonnenten sterben aus und die jüngere Leserschaft wächst mit Handy und iPad auf. Meine Frau ist 39, sie hat noch nie eine Printzeitung gelesen und ist trotzdem sehr gut informiert. Ich hatte vor etwa zwölf Jahren die letzte Printzeitung in der Hand. Online ist stets aktueller und bietet der Leserschaft verlinkte Zusatzseiten und Videos. Auch für den Verleger gibt es Vorteile: Er spart Papier-, Druck- und Distributionskosten, das Inkasso ist sehr simpel. Das Mahnwesen fällt weg, weil der Kunde im voraus sein Abo bezahlen muss.

Wahrscheinlich werden einige Special-Interest- und Hochglanzmagazine überleben. Aber der Trend geht Richtung Online-Kiosk: ein einziges Abo erlaubt den Zugriff auf mehrere Dutzend Presseerzeugnisse. Musik- und Filmindustrie weisen den Weg.

 

Sind Fake News eine Gefahr – oder eine Chance für die Medien?

 

Wenn man täglich ein breites Spektrum an Medien liest, sind Fakenews einfach zu entdecken. Ich halte halbe Wahrheiten für die schlimmeren Fakes. Man lässt einfach weg, was der eigenen Weltanschauung widerspricht, aber die Leserschaft kann nie wissen, was weggelassen wurde.

 

Wie hältst Du es mit linearem (live) Radio und Fernsehen?

 

Seit 20 Jahren kein Thema mehr. Mit Youtube, Netflix und anderen Streamingdiensten bin ich ausreichend bedient.

 

Hörst Du Podcasts? Hast Du einen Lieblingspodcast?

 

Nein.

 

Was bedeutet es für die Medien (und die Gesellschaft), dass laut fög 56 % der 16- bis 29-Jährigen zu den News-Deprivierten gehört?

 

Seit dem Herbst 2015 ist das Vertrauen in Medien, Politik und Wissenschaft kontinuierlich gesunken. Bei jedem Thema gibt es fast so viele Meinungen wie Experten. Corona bestätigt dies erneut. Dass insbesondere die 16- bis 29-Jährigen das Interesse an News verlieren, hat sicher auch mit der narzisstischen Selfie-Gesellschaft zu tun. Nichts ist interessanter als das eigene Ich. Sobald der Wohlstand abnimmt und der eigene Lebensstandard gefährdet ist, wird sich das wieder ändern.

 

Tamedia-VR-Präsident Pietro Supino geht davon aus, dass in zehn Jahren zwischen einem Viertel und einem Drittel der Artikel im «Tages-Anzeiger» von Robotern geschrieben werden. Lässt sich Journalismus automatisieren?

 

Teilweise ja. Aber ein News-Roboter greift natürlich stets auf einen Basis-Text zurück, den ein Mensch geschrieben hat. In den 1980er-Jahren gab es eine Software, die selbständig Gedichte schreiben konnte, aber auch hier musste man ein paar Keywords eingeben. Aber absurde Gedichte schreiben ist für einen Roboter einfacher als einen faktenbasierten Bericht über den Nahen Osten zu verfassen.

 

Führt die Digitalisierung zum Tod der Medien oder im Gegenteil zur Befreiung des Journalismus?

 

Sicher nicht zum Tod. Die Musik- und Filmindustrie haben die Digitalisierung überlebt, auch die Medien werden sie überleben. Und die Kundschaft wird ihre Gewohnheiten anpassen. Für ehrgeizige Journalisten ist es die Chance, ein eigenes Onlinemedium zu lancieren. Im Raum Basel hat zum Beispiel Peter Knechtli vor über 20 Jahren mit «onlinereports» ein national beachtetes Medium erschaffen, das sich durch viele Primeurs auszeichnet. Mit «Prime News» und «Bajour» sind zwei weitere Online-Player an den Start gegangen. In Deutschland werden Journalisten, die sich von grossen Verlagshäusern «befreien» und ihre eigenen Online-Medien gründen, immer zahlreicher.

 

Siehst Du für professionellen Journalismus noch eine Zukunft?

 

Bestimmt, aber zurzeit ist eher Meinungsjournalismus populär und fast alle Leitmedien sind zur ironiefreien Zone verkommen. Aber das ist Zeitgeist und flüchtig. Die Leute werden wieder den Wunsch nach ungeschönten Fakten haben: Lesen was ist und nicht das, was ein Journalist gerne verbreiten möchte. Professionellen Journalismus wird es immer geben, aber in einer fragmentierteren Gesellschaft werden die Zielgruppen dünner. Entscheidend wird sein, ob die Leserschaft bereit ist, dafür mehr zu bezahlen.

 

Schreibst Du manchmal noch von Hand?

 

Nur Randnotizen und Einkaufszettel. Ich schreibe am PC und korrigiere meine Texte laufend. Von Hand schreiben oder diktieren ist bei meinem impulsiven Arbeitsstil gar nicht möglich.

 

Ist Donald Trump gut oder schlecht für die Medien?

 

Er liefert täglich ein paar Schlagzeilen. Somit ist er gut für die Medien, egal ob sie ihn mögen oder nicht. Alles was Klickzahlen generiert, ist gut für die Medien. Egal ob DonaldTrump,  Irina Beller oder welcher Penis zu welchem Sternzeichen passt.

 

Wem glaubst Du?

 

Auch ich habe mein Vertrauen in Medien, Politik und Wissenschaft weitgehend verloren. Ich vertraue meinem gesunden Menschenverstand, wobei das wohl jeder von sich behauptet. Bedingungsloses Vertrauen habe ich in meine Frau und meinen Sohn.

 

Dein letztes Wort?

 

Dafür ist es wohl noch zu früh. Aber wenn du darauf bestehst: Es gibt keinen Gott, tut Gutes und geniesst euer Leben.

069 Blick »Ist Schach rassistisch?«

Die ersten schachähnlichen Figuren waren klobige Blöcke und stammen aus Mesopotamien. Sie sind über 5000 Jahre alt. Mit der Verbreitung des Spiels entwickelten sich in den verschiedenen Kulturen zahlreiche Varianten. Als im 7. Jahrhundert muslimische Eroberer das Schach nach Europa brachten, wurde die Figur des Läufers noch als Alfil (Elefant) dargestellt, im 12. Jahrhundert haben ihn die Norweger durch einen Bischof ersetzt. Das Schachbrett hatte damals noch weisse und rote Felder, oft waren auch die Figuren entsprechend bemalt.

1849 gestaltete Nathaniel Cook das Set, wie wir es heute kennen. Die Figuren waren meistens aus hellbraunem und dunkelbraunem Holz. Später gelangten Sets mit Kreuzrittern, Nordstaatlern oder Comicfiguren in den Handel. Unabhängig von der Darstellung nennt man die beiden Parteien heute «Weiss» und «Schwarz», wobei «Weiss» jeweils den ersten Zug ausführt. Ist das rassistisch?

Der öffentlich-rechtliche Radiosender ABC Sidney setzte den Vorwurf in die Welt. Somit hätten Millionen von Eltern, die ihren Kindern die Schachregeln beibrachten, ihrem Nachwuchs Rassismus anerzogen, so wie andere Eltern ihrem Nachwuchs den Opferstatus anerziehen.

Es ist heute üblich, dass Aktivisten in den Redaktionen einen kaum beachteten Tweet herauspicken, um mit Pauken und Trompeten einen Shitstorm loszutreten. Man fragt sich, ob ein mehrjähriges Studium in Dekolonialität, kritischer Weiss-Sein-Reflexion und postkolonialem Erinnern notwendig ist, um nun sogar beim Schach Rassismus zu wittern.

Die Debatte ist mittlerweile entgleist und schlittert zwischen Überempfindlichkeit und Verharmlosung. Es ist heute chic, selbst bei banalsten Kränkungen, die jedem Menschen, unabhängig von der Hautfarbe, widerfahren, rassistische Mikroagressionen zu vermuten.

Würde man das Schach wieder mit weissen und roten Feldern und Figuren bestücken, könnten sich die nordamerikanischen Ureinwohner verletzt fühlen. Soll man also weltweit die Schachregeln dahingehend ändern, dass in Zukunft Schwarz beginnt? Oder wäre das Rassismus mit vertauschten Rollen? Ein Stoff für Kabarettisten. Kann es sein, dass derart bizarre Nebenschauplätze gerade das fördern, was man zu Recht bekämpft?