058 Blick »Drei Experten, drei Meinungen«

 

Falls Screenshot für Sie schlecht lesbar, bitte nach unten scrollen.


Gemäss einer Umfrage in den USA rauchten in den 1960er-Jahren die meisten Ärzte Camel, Zahnärzte empfahlen die Marke Viceroy, und Schlanke griffen zu Lucky Strike. Es gab für jeden Zigarettenhersteller den passenden Experten. Sechzig Jahre später gilt Rauchen als gesundheitsschädigend und wird mit Mundgeruch assoziiert. Meistens weiss man erst Jahrzehnte oder gar Jahrhunderte später, ob der damalige Zeitgeist irrte oder nicht.

Schwieriger ist es bei aktuellen Themen. Zerstört ultraviolettes Licht das Virus Covid-19? Herden-Immunität oder Social Distancing? Ausgangssperre ja oder nein? Beweist Taiwan, das «lediglich» 100 Infizierte hat und viermal grösser ist als die Schweiz, dass man nur mit einem sofortigen Lockdown die Pandemie eindämmen kann? Löst hingegen eine zögernde und führungsschwache Regierung italienische Verhältnisse aus? Für jede Massnahme gibt es einen Experten, der politische Entscheide wissenschaftlich absegnet.

Oft hört man: «Ich bin kein Experte, ich sage nur: Hört auf die Wissenschaft.» Aber wer wählt diese Experten aus? Jene, die laut eigenen Angaben wenig von der Sache verstehen?

Liest man täglich die Beiträge von Cash-Guru Fredi Herbert (83), stellt man fest, dass es für viele Aktien am selben Tag unterschiedliche Empfehlungen der Banken und Vermögensverwalter gibt: kaufen, halten, verkaufen. Am Ende wählt der Laie den Experten aus. Und somit auch die Aktie.

Es gibt zahlreiche Experimente, die das Expertenwesen auf die Schippe nehmen: Schimpansen, die bei der Auswahl von Aktien erfolgreicher sind als angestellte Bankenprofis; renommierte Verlage, die Manuskripte von längst publizierten Bestsellern ablehnen.

Heute wird deshalb vermehrt Software mit künstlicher Intelligenz eingesetzt. Aber es sind wiederum Menschen, die den Computer mit Daten füttern und diese gewichten. Und jeder Entwickler von Computerspielen weiss: Man kann so lange an den Algorithmen schrauben, bis das gewünschte Ergebnis vorliegt.

Am Ende des Tages ist man nicht nur auf eine möglichst grosse Anzahl unterschiedlicher Informationsquellen angewiesen, sondern auch auf den gesunden Menschenverstand. Soweit vorhanden.


Claude Cueni (64) ist Schriftsteller und lebt in Basel. Er schreibt jeden zweiten Freitag im BLICK, gestern veröffentlichten wir überdies seinen persönlichen Erfahrungsbericht aus der Quarantäne. Am 20. Juli erscheint im Verlag Nagel & Kimche sein neuer Roman «Genesis – Pandemie aus dem Eis».


 

Über die Quarantäne

 

© Blick 2020 / Foto: Dina Cueni 22.3.2020

Die Quarantäne macht aus einem das, was man zulässt

Der Schriftsteller und BLICK-Kolumnist Claude Cueni (64) lebt seit Jahren mit reduziertem Immunsystem – und seit Monaten in Quarantäne. Für ihn sind Jammern und Klagen keine Option. 


Nach dem Tod meiner damaligen Frau brach mein Immunsystem zusammen. Ich erkrankte an einer ALL-Leukämie. Eine Knochenmarktransplantation liess den Blutkrebs verschwinden, aber die fremden Blutstammzellen begannen meine Organe abzustossen. Diese Graft-versus-Host-Reaktion (GvHD) wurde chronisch und hat bisher 60 Prozent meiner Lunge abgestossen. Um diesen Prozess zu stoppen, wird das Immunsystem mit zahlreichen Medikamenten erfolgreich unterdrückt. Die Kehrseite: Mit reduziertem Immunsystem ist man anfällig für schwer verlaufende Infekte. Chemos, Bestrahlungen und mittlerweile über 40’000 Pillen haben Folgeerkrankungen ausgelöst.

SRF Skype Interview: Quarantäne

Das Coronavirus zwingt immer mehr Menschen ins Homeoffice oder sogar in die Quarantäne. Wie lange hält man das durch? Unter Umständen jahrelang, wie der Basler Schriftsteller Claude Cueni zeigt. Sein Immunsystem ist nahezu auf null. Das Skype-Gespräch führte Michael Perricone. Aufnahme: 11.3.2020 / Sendung 13.3.2020


Video


SRF: Herr Cueni, wie lange sind Sie jetzt schon in Quarantäne?

Claude Cueni: Ich bin seit Jahren über den Winter immer in Quarantäne – ich habe praktisch ein Generalabonnement. Ich bleibe in der Wohnung und gehe nicht raus. Ich habe keine Besucher.

Sie kommunizieren aber mit Leuten ausserhalb der Wohnung.

Natürlich. Ich habe Kollegen und Freunde, mit denen man sich austauscht, meistens über die sozialen Medien. Das geht prima.

Aber es ist schon eine Vereinsamung?

Ja, man wird zum Robinson. Aber ich bin ein Robinson mit einer grossartigen Frau, deshalb ist es nicht so schlimm.

 

Sie sind Schriftsteller, schreiben fast jährlich ein Buch. Was empfehlen Sie Leuten in Quarantäne, welche diese Inspiration nicht haben?

Man soll nicht auf Dinge fokussieren, die man nicht mehr tun kann, sondern darauf, was man tun kann. Es ist wie bei einer Speisekarte: Man findet dort keine Sachen, die man nicht bestellen kann. Man soll sich nicht wünschen, mit der Frau im Meer zu schwimmen oder mit dem Mountain-Bike im Elsass rumzufahren. Man muss solche Sachen einfach von der Liste streichen. Man macht sich bloss unglücklich, wenn man immer hadert.

 

Auch ins Ausland zu Reisen, ist für Sie seit Jahren keine Option mehr. Weshalb denn eigentlich?

Damit ich keine Keime oder Bakterien auflese. Diese Gefahr ist einfach zu gross. Ich war das Leben lang topfit, habe viel Sport gemacht. Aber nach dem Tod meiner ersten Frau bin ich an Leukämie erkrankt, hatte auch eine Knochenmarktransplantation. Die fremden Zellen stossen meine Organe ab, vor allem die Lunge. Deshalb erhalten Transplantierte Medikamente, die das Immunsystem unterdrücken, damit es keine Abstossungen mehr gibt. Nur ist man dann empfänglich für allerlei, teilweise sehr schweren, Folgeerkrankungen. Das ist der Preis fürs Überleben. Bei mir wurden mittlerweile 60 Prozent der Lunge abgestossen, deshalb schaffe ich keine Höhe 1500 Meter.

Was würde denn passieren, wenn Sie sich mit Corona anstecken?

(Lacht) Das wäre wahrscheinlich das Ende. Das ist ja auch die Befürchtung bei den meisten Hochrisikopatienten. Und sie haben den Eindruck, dass der Bundesrat die Grenzen erst dann schliesst, wenn alle AHV-Bezüger tot sind.

Sie finden, die Massnahmen des Bundesrates sind zu zögerlich. 

Absolut. Wenn jeden Tag 70’000 Grenzgänger hereinkommen (aus Italien, Anm. der Red.) und nur ein Prozent infiziert wäre, dann sind das 700 Leute. Und man argumentiert ja damit, dass man diese Leute auch für das Gesundheitswesen braucht. Aber wenn dieses auch durchinfiziert würde, dann hätte das überhaupt keinen Nutzen gehabt.

Dennoch wirken Sie gelassen. 

Der ganz wichtige Punkt für meine Gelassenheit ist, dass ich dann eine Sterbebegleitung in Anspruch nehmen kann, wenn es so weit ist. Das verstehen die Leute, die dagegen sind, leider überhaupt nicht. Es fehlt ihnen wohl an Lebenserfahrung oder an Empathie. Aber das ist genau die Option, die den Alltag erträglich macht.

Welche Hoffnungen haben Sie? Doch nochmals um die Welt zu reisen? 

(Lacht) Ich denke nicht so weit. Ich denke daran, was ich heute mache und was ich morgen mache.

Seit zehn Jahren sind Sie in dieser Situation. Gibt es da nicht auch Momente der Verzweiflung?

Selten. Aber natürlich, es kommt vor. Dem kann man mit Strategien begegnen: Ich gehe dann meistens an den Computer und schreibe an einem Roman weiter. Oder ich sitze auf dem Sofa und singe Lieder.

 

Sie singen Lieder?

(Lacht) Oldies aus den 70er und 80er Jahren. Denn man kann nicht gleichzeitig singen und sich Sorgen machen.

 

Spüren Sie auch eine Solidarität oder finden Sie, die Leute seien zu Unachtsam?

Ich hörte kürzlich eine TV-Moderatorin nach dem Tod eines Corona-Patienten sagen, der Mann sei bereits 76-jährig gewesen, also nichts, das einem beunruhigen könnte. Das gibt mir schon zu denken.

 

Zum Schluss: Am 20. Juli kommt ihr neuer Roman raus. Wovon handelt er?

Von einer Pandemie! Aber das ist reiner Zufall, das fertige Buch wurde bereits im Oktober an der Frankfurter Buchmesse den Verlagen angeboten. Geschrieben habe ich es in den zwölf Monaten davor.

 

Gibt es ein Happy-End?

Das verrate ich Ihnen doch nicht.

 

 

Interview Krebsliga: Quarantäneprofi

Claude Cueni – Quarantäneprofi

Schweizer Autor, 64 Jahre alt, lebt in Basel.

Claude Cueni – Sie erkrankten 2009 an einer akuten lymphatischen Leukämie (ALL), 2010 folgte eine Knochenmarktransplantation. Seitdem leiden Sie unter einer chronischen Graft-versus-Host-Disease (GvHD). Das heisst, bei Ihnen wird vor allem die Lunge abgestossen. Um dies zu verhindern, wird ihr Immunsystem künstlich niedergehalten. Das macht Sie anfällig für Infekte. Können Sie sich an den Moment erinnern, als Sie realisierten, dass es für Ihre Gesundheit am besten ist, in Quarantäne zu leben?
Seit 2009 verbringe ich jeden Winter freiwillig in der Quarantäne, aber als ich im August 2019 die Intensivstation verliess, sagten mir die Ärzte, ich müsse Infekte vermeiden, dann könne ich noch eine Weile leben, andernfalls könne es schnell vorbei sein. Seitdem lebe ich in einer Dauerquarantäne. Das ist der Preis fürs Überleben. Wenn auch ohne Garantie. Ich habe es rasch als Notwendigkeit akzeptiert und als neue Normalität abgehakt.

Was für Vorkehrungen haben Sie damals sofort getroffen?
Es bedeutet, dass man die Wohnung nur noch für Spitalbesuche verlässt und nach Beginn der Grippesaison keine Besuche mehr empfängt.

Welche Tipps können Sie anderen krebsbetroffenen Menschen geben, welche durch den Coronavirus nun auch nicht mehr in Kontakt mit anderen Menschen kommen sollten?
Die Krankheit macht mich nicht zum Experten. Ein strukturierter und abwechslungsreicher Tagesablauf mit Körperpflege, Fitness, Essenszeiten, Pilleneinnahme ist sicher hilfreich. Es braucht aber auch jemanden im nahen Umfeld, der einkauft und in der Apotheke die Rezepte einlöst. Wenn diese Person fehlt, liefern die Apotheken auch gerne nach Hause, die Grossverteiler sowieso, aber zurzeit gibt es Wartezeiten von ca. vier Wochen. Wenn Sie in der Nacht Krämpfe und Nervenschmerzen haben und früher aufstehen, was bei mir meistens der Fall ist, beginnt der Tagesablauf einfach zeitverschoben.

Claude Cueni, was machen Sie als Quarantäne-Profi persönlich gegen den Blues?
Ich singe Songs aus den 1970ern und 1980ern, denn man kann nicht singen und sich gleichzeitig sorgen. Songs, die man als Teenager gehört hat, öffnen das Tor zur Erinnerung. Man fühlt sich in die Zeit zurückversetzt als das Leben noch unbeschwert und frei von Krankheiten war. Jeder muss seine eigene Strategie finden. Songs sind ein Versuch wert. Online Bücher und Zeitungen lesen, Filme, Dokus und Serien schauen, Computerspiele, kochen… alles was ablenkt, kann hilfreich sein. Man muss sich nicht mit Dingen beschäftigen, die man eh nicht ändern kann. Ändern kann man nur die Einstellung dazu.

Vermissen Sie die Gesellschaft anderer Leute nicht?
Ja, manchmal, wenn jemand eine Mail schickt und schreibt, er würde mich gerne wieder einmal zu einem Kaffee treffen. Oder wenn ich interessante Einladungen erhalte. Aber ich hatte nie einen grossen Freundeskreis. Als meine erste Frau starb und ich sechs Monate auf der Isolierstation lag, konnte ich anschliessend meine Freunde an einer Hand abzählen. Niemand dachte, dass ich überlebe. Man stirbt im Bekanntenkreis meistens bevor man gestorben ist.

Wie pflegen Sie dennoch Kontakte?
Ich lebe seit zehn Jahren eine sehr harmonische Ehe mit meiner Frau Dina. Der wichtigste Aussenkontakt ist mein Sohn. Obwohl er als Strafrichter und Mitinhaber einer Anwaltskanzlei ein volles Programm hat, ruft er mich täglich mehrmals an und wir unterhalten uns eine oder zwei Stunden über Gott und die Welt. Wichtig sind auch die Kontakte über die sozialen Medien. Ich habe über Facebook zwei Freunde gefunden, die ich nicht mehr missen möchte. Über den Messenger tauschen wir uns täglich mehrmals aus und schicken uns interessante Zeitungsartikel. Wir haben viel Humor.

Was macht Isolation mit uns Menschen?
Das, was man mit sich machen lässt. Wenn man viel mit sich alleine ist, braucht es unbedingt eine „Second Opinion“, damit man seine Standpunkte überprüfen kann. Sonst kann man sich verrennen und wird ein schrulliger Kauz.

Die nächste Frage hat nichts mit Corona und Quarantäne zu tun, vielmehr mit Ihrer ursprünglichen Diagnose Krebs. Sind sie heute krebsfrei?
Die Leukämie ist bei mir schon sehr lange nicht mehr nachweisbar. Das Problem sind die Spätfolgen von Chemotherapien, Bestrahlungen und mittlerweile über 40.000 Pillen. Nebst Graft-versus-Host-Disease (GvHD) leide ich an einer „Bronchiolitis Obliterans“, einer rasch fortschreitenden Polyneuropathie und diversen anderen Spätfolgen.

Sehen Sie das Leben, wie Sie es heute führen, als Glück oder als Chance?
Weder Glück noch Chance. Ich kann einem Leben unter dem Damoklesschwert nichts Positives abgewinnen. Aber als Romanautor habe ich das Glück, in meine fiktiven Welten abtauchen zu können. Ich vergesse dann alles. Auch wenn ich nicht schreibe, denke ich über meine Figuren nach, als seien sie real. Ich bin seit frühester Kindheit mein eigener Hofnarr und sehr glücklich dabei.

Claude Cueni – gibt es etwas, dass die Krebsliga tun könnte, um Sie besser zu unterstützen?
Ich finde es sehr gut, dass es die Krebsliga gibt. Als ich an Leukämie erkrankte, sagte mir ein Frauenarzt, den ich erst seit einigen Monaten kannte: „Du brauchst jetzt einen Krankheits-Manager, du wirst bald nicht mehr in der Lage sein, bei all diesen Diagnosen und Behandlungen den Überblick zu behalten.“ Es braucht tatsächlich einen kompetenten Ansprechpartner ausserhalb des Spitalbetriebs, das kann auch die Krebsliga sein.

Ich wünsche allen Menschen, die an einem ähnlichen Schicksal leiden, vom Guten nur das Allerbeste.

Und wir wünschen Ihnen, lieber Herr Cueni, weiterhin viel Inspiration für Ihre Bücher. Mögen alle Viren von Ihren vier Wänden fernbleiben!

57 Blick »Göttliche Dienstleistungen«

In jungen Jahren schlenderte der «lose gegurtete» Dandy Julius Caesar ähnlich provozierend über das Forum wie heutige Träger herunterhängender Baggy Pants. Bis zum Start seiner politischen Karriere hatte er bereits 6,25 Millionen Denare Schulden angehäuft, das hätte damals ausgereicht für 12,5 Millionen Bordellbesuche.

Bereits im alten Rom waren Stimmen käuflich. Caesar finanzierte seine Wahl zum Konsul im Jahre 59 v.Chr. mit Darlehen und musste darauf einen Weg finden, seinen Schuldenberg abzutragen. Der Weg führte nach Gallien. Händler hatten immer wieder über das sagenhafte Gold der Kelten berichtet, das die «Barbaren» als Opfergaben in heilige Teiche und Flüsse warfen. Aus Respekt vor den Wassergöttern, Geistern und Dämonen war es deshalb verboten, in Gewässer zu pinkeln.

Sind heute geopolitische Strategien oder Bodenschätze oft ein Kriegsgrund, waren es in der Antike Gold, Sklaven und die Erweiterung des Reiches. Da es verboten war, ohne Einwilligung des Senats ausserhalb der Staatsgrenzen Krieg zu führen, konstruierte Caesar eine Bedrohung durch die von germanischen Stämmen bedrängten helvetischen Auswanderer und fischte mit seinen Legionen so erfolgreich in keltischen Gewässern und Tempeln, dass der Goldpreis in Rom um 25 Prozent fiel.

Dass man Gold in Flüsse, Weiher und Brunnen warf, sozusagen als Anzahlung für bestellte göttliche Dienstleistungen, war in der Antike weitverbreitet.

Die Tradition wird heute mit den beliebten Wunschbrunnen am Leben erhalten. Obwohl die meisten diesen Aberglauben belächeln, können sie dennoch nicht widerstehen, bei einem Rom-Besuch Münzen in den Trevi-Brunnen zu werfen und sich heimlich etwas zu wünschen.

Auch der Weiher vor dem weltberühmten Löwendenkmal in Luzern ist als Wunschbrunnen bei Touristen beliebt. Täglich werfen vor dem «traurigsten und bewegendsten Stück Stein der Welt» (Mark Twain) Ferienreisende Münzen ins Wasser.

Drei praktisch veranlagte Luzernerinnen wollten vor einem Jahr zukünftiges Glück nicht den Launen der Götter überlassen und fischten die Münzen heimlich aus dem Weiher. Sie durften das Geld behalten. Denn wer Geld wegwirft, gibt seinen Eigentumsanspruch auf.

Claude Cueni (64) ist Schriftsteller und lebt in Basel. Er schreibt jeden zweiten Freitag im BLICK. Seine ersten 50 BLICK-Kolumnen sind unter dem Titel «Die Sonne hat keinen Penis» erschienen.

56 Blick »Sind Sie eine Pizza?«

Der Entscheid fiel um drei Uhr nachts. Noch ahnten die Zyprioten nicht, dass ihr Sparvermögen in Gefahr war. Im entfernten Brüssel einigten sich im März 2013 die Finanzminister der Euro-Zone und der IWF auf eine «einmalige Rettungssteuer», um zypriotische Banken vor dem Kollaps zu bewahren. Alle Bankkunden sollten über Nacht einen Teil ihres Ersparten verlieren. Als die Menschen auf der Insel aufwachten, spuckten die Geldautomaten kaum noch Geld aus, Banken blieben geschlossen. Die «garantierte» Einlagensicherung: gestrichen.

Die Enteignung löste europaweit Entsetzen aus. Nach den Negativzinsen tarnt sich der nächste Angriff auf die Sparvermögen als Vorstoss für die Abschaffung des Bargeldes zwecks Bekämpfung der Kriminalität. Jean-Claude Juncker, Ex-Präsident der EU-Kommission, erläuterte einmal die Standard-Strategie: Wir beschliessen etwas und warten ab, was passiert. Wenn es kein grosses Geschrei gibt, weil die meisten gar nicht begreifen, was da beschlossen wurde, machen wir weiter.

Da bereits heute jeder Laden und jeder Kunde bestimmen kann, ob ein Kauf cash oder digital abgewickelt wird, braucht es keine Bevormundung. Die Abschaffung des Bargeldes erleichtert zukünftige Enteignungen per Mausklick. Man wird diese staatlichen Raubzüge als «einmaligen Klimarappen» deklarieren und laufend umbenennen.

1915 erhob der Bund wegen des Ersten Weltkriegs eine «direkte Bundessteuer», die er «Kriegssteuer» nannte, ab 1934 «Krisenabgabe», und nach Ausbruch des Zweiten Weltkriegs hiess sie «Wehrsteuer». Der Krieg ist vorbei, die direkte Bundessteuer ist geblieben.

Die bargeldlose Gesellschaft wäre auch die Voraussetzung für ein Punktesystem nach chinesischem Muster (Social Scoring), bei dem der gläserne Bürger wie eine Pizza bewertet und mit Punkten belohnt oder bestraft wird. Das digital bezahlte Rindsfilet wird nicht verboten, aber mit einer automatisch eingezogenen Klimaabgabe bestraft.

Man wird die Aufhebung des Datenschutzes damit begründen, dass dies zur Klimarettung notwendig ist, weil trotz aller Kampagnen nicht nur die Zahl der Flugpassagiere weiter steigt. Sinken wird das Vertrauen in den Staat, denn «Bargeld ist geprägte Freiheit» (frei nach Dostojewski).

© Blick 2020

EU-Protokoll / SRF vom 7.2.2020

srf.ch

– 07. Februar 2020 08:04

News – Schweiz

Rahmenabkommen mit Brüssel

EU erhöht den Druck auf Bundesbern

Ein Dokument, das Radio SRF vorliegt, zeigt klar auf: Brüssel will das Rahmenabkommen nicht mehr verhandeln.

Oliver Washington

In einem Protokoll hält die EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen fest, was sie mit Bundesrätin Sommaruga in Davos besprochen hat.

Das Dokument, das Radio SRF vorliegt, enthält pikante Details – etwa, dass ein Nachverhandeln des Rahmenabkommens von Brüssel abgelehnt wird.

Nach dem Spitzentreffen in Davos informierte die EU-Kommission die Mitgliedsstaaten der Europäischen Union darüber, was Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen und Bundesrätin Simonetta Sommaruga miteinander besprochen haben. Mit einem schriftlichen Sitzungsprotokoll das Radio SRF vorliegt.

Eine Bitte an Brüssel

Damit ist nun bestätigt, dass Sommaruga die EU-Politikerin von der Leyen gebeten hat, dass sich die Kommission bis zur Abstimmung über die Begrenzungsinitiative am 17. Mai nicht einmischen solle.

Der Bundesrat hat offensichtlich Angst, dass Äusserungen und Druckversuche aus Brüssel der SVP-Initiative Auftrieb verleihen könnten. Von der Leyen ihrerseits hat zugesichert, dass die Kommission Schweigen werde.

Nur wenige Tage Zeit für die Schweiz

Weiter bestätigt das Protokoll was bereits bekannt ist: Die EU-Kommission gibt der Schweiz nach der Abstimmung vom 17. Mai nur wenige Tage Zeit für ein klares Zeichen zum Rahmenabkommen.

Und von der Leyen betonte gegenüber Sommaruga auch, die EU sei bereit gewisse Punkte im Rahmenabkommen zu präzisieren – nicht aber den Text nachzuverhandeln.

Interessante Klammer im Protokoll

Interessant ist auch, was im Protokoll in einer Klammer nur beiläufig erwähnt ist: das Nein zu Nachverhandlungen widerspreche dem, was einzelne Bundesräte wohl erwartet hätten. Eine diplomatische Klammer, um zu sagen: sie haben es noch immer nicht verstanden – in Bern.

Umgekehrt könnte man sagen: der Bundesrat hat es noch nicht aufgegeben, das Abkommen eben doch nachzuverhandeln.

55 Blick »Elvis lebt!«

Eine Hausfrau aus Michigan begegnete 1988 einem aufgedunsenen Mann, der in einer Filiale von Burger King in Kalamazoo einen Hamburger verdrückte. Das Magazin «Weekly World News» brachte die sensationelle Story auf die Titelseite und erzielte damit die höchste Auflage ihrer Geschichte. Der Mann war angeblich der offiziell 1977 verstorbene King of Rock ’n‘ Roll.

Beim Beatle Paul McCartney war es umgekehrt. 1969 erschien in einer Studentenzeitung der University of Michigan ein Beitrag mit der Schlagzeile «Ist Paul McCartney tot?». Angeblich sollte er drei Jahre zuvor verstorben und seitdem auf Drängen des Managements durch einen Doppelgänger ersetzt worden sein. Dass der Linkshänder auf dem Cover von «Abbey Road» (1969) die Zigarette in der rechten Hand hält und barfuss über die Strasse geht, war ein klares Indiz dafür, dass McCartney im Reich der Toten spazieren geht.

Der Wissenschaftler David Grimes analysierte die populärsten Verschwörungstheorien – wie die geheimnisumwitterte Ufo-Raststätte Area 51 im militärischen Sperrgebiet nordwestlich von Las Vegas. Dort soll sich die Regierung der USA mit Ausserirdischen zum Lunch getroffen haben.

Grimes rechnete aus, dass die Nasa in den 1960er-Jahren beinahe eine halbe Million Mitarbeiter beschäftigte. Also auch Sekretärinnen, die geheime Dokumente kopierten, und unzufriedene Köche und Chauffeure. Je mehr Menschen an einem Geheimnis beteiligt sind, desto wahrscheinlicher ist es, dass es gelüftet wird. Spätestens auf dem Sterbebett würde ein Eingeweihter beichten, dass er mit einem Ausserirdischen einen Joint geraucht hat. Grimes errechnete eine Wahrscheinlichkeit von 95 Prozent und ein Verfalldatum für die Geheimhaltung von maximal drei Jahren und acht Monaten.

Neurologen halten Verschwörungstheorien für eine kreative Leistung des zentralen Nervensystems. Ist der Sauerstoffgehalt in einer bestimmten Hirnregion besonders hoch, erscheint diese auf dem Gehirnscan in gelben und roten Farben. Bei Verschwörungstheoretikern ist dieser Bereich, der für «magisches Denken» und Aberglauben verantwortlich ist, besonders stark durchblutet.

Falls Sie also morgen am Taxistand Michael Jackson begegnen, behalten Sie es gescheiter für sich.


© Blick 2020


 

54 Blick »Schwein gehabt«

Wer im Mittelalter kein Schwein hatte, musste sich mit fleischlosem Essen begnügen. Denn wo kein Schwein war, fehlte das Glück, und der Betreffende war «ein armes Schwein».

Aber auch wer Schwein hatte, war nicht immer glücklich darüber, denn bei Pferderennen und Armbrustwettbewerben erhielt der Viertplazierte als Trostpreis ein Schwein. Er musste damit zur allgemeinen Belustigung durchs Dorf laufen und den Spott ertragen. Er hatte somit Glück im Unglück, also nochmals: «Schwein gehabt».

Einige Historiker behaupten, das glückbringende Schwein sei einem Kartenspiel geschuldet, bei dem das Ass «Sau» genannt wurde. Zog man ein Ass, hatte man Schwein. Wahrscheinlich ist die Herkunft der Redewendung je nach Region unterschiedlich.

Ein niedliches rosa Schwein gilt heute als Symbol für Glück, Reichtum und Zufriedenheit. Auch im chinesischen Horoskop. Im Jahr des Schweins, das heute zu Ende geht, hat man wie üblich einen Anstieg der Geburtenraten verzeichnet. Für Juden und Muslime schwer verständlich, denn bei ihnen gilt das Schwein als unrein.

Im Mittelalter waren die meisten Menschen Analphabeten, und jene, die schreiben konnten, hatten oft eine Sauschrift, die «kein Schwein lesen konnte». Die Formulierung bezog sich jedoch nicht auf das Tier, sondern auf eine angesehene Gelehrtenfamilie namens Swien (Schwein), die manchmal Handschriften nicht entziffern konnte, worauf der enttäuschte Bittsteller klagte, dass «kein Schwein» (kein Swien) das Gesudel habe lesen können.

Während ein «Schwein» sowohl männlich als auch weiblich sein kann und als Beschimpfung gilt, ist die vulgäre Steigerungsform Sau weiblich, und das ist aus feministischer Sicht doch «unter aller Sau». Doch das Schimpfwort hat mittlerweile eine sprachliche Zellteilung mit vielfältigen Mutationen erfahren. Es gibt das saugute Fondue bei saukaltem Wetter zu sauteuren Preisen.

In den sozialen Medien verwechseln manchmal Leute mit reduziertem Wortschatz die Kommentarspalten mit Kotztüten und «lassen die Sau raus». Beliebt ist das Upgrade von Nazi auf «Nazisau», populär seit kurzem die «Klimasau».

Es wäre schön, wenn sich der Veganismus auch in der deutschen Sprache durchsetzen würde.


© Blick 2020 – 24. Januar


 

GODLESS SUN, Textauszug 1-15

 

 

(Diese Manuskriptseiten waren noch nicht lektoriert/korrigiert / Die Druckvorlage ist beim Verlag)

Ich habe das nicht gewollt

Ich habe das alles nicht gewollt, die Sache ist aus dem Ruder gelaufen. Sie schleichen nachts um das Haus, manchmal werfen sie Kieselsteine gegen das Fenster oder tote Fische auf die Veranda. Ich bin sicher, eines Tages wird jemand an der Haustür klingeln und mir ein rostiges Messer in den Bauch stechen. Ich habe das wirklich nicht gewollt. Ich bin auch kein Leader. Ich habe weder Charisma, noch bin ich eine stattliche Erscheinung. Ich gehöre nicht zu den Menschen, die man gleich wieder vergisst, ich gehöre zu den Menschen, die man gar nicht wahrnimmt. Das war immer so, bis vor Kurzem.

Nachdem mich Natascha verlassen hatte, wollte ich ein ruhiges Leben führen, alle 14 Tage einen Geronimo-Heftroman abliefern und ansonsten meinen Frieden haben. Ja, ich schreibe Pulp, Pulp Fiction, Schundromane, Trash, Kioskromane, but don’t judge a book by his cover! Es braucht eine Menge Recherchen und Phantasie um alle vierzehn Tage aus dem Leben von Geronimo zu berichten. Geronimo ist der Kriegerhäuptling und Schamane der Bedonkohe-Apachen. Er starb 80jährig in Fort Sill, Oklahoma. Wenn ich schreibe, muss ich mich an die Serienbibel halten. Alle sieben Autoren müssen sich daran halten. Das gilt auch für die Mistery Serie »Insel des Grauens« und die neue Science-Fiction-Reihe »Orion, Herrscher der Galaxy«. Sie wird nächstes Jahr die Geronimo-Serie ablösen, dann findet der Wilde Westen im Weltall statt, endlose Galaxien statt zerklüfteter Canyons, Flüssignahrung statt Bohnen mit Speck, und Laserkanonen statt dem Peacemaker von Samuel Colt. Streng genommen war Samuel Colt 1836 nicht der Erfinder, sondern lediglich der Patentinhaber und Produzent. Aber Bärbel streicht mir jeweils alle historischen Details. Ich hatte darum gekämpft, dass ich Geronimos ursprünglichen Namen, Bedonkohe, näher erläutern darf, denn er bedeutet »Der Gähnende«, aber Bärbel mailte, so genau wolle es unsere Leserschaft nicht wissen, deshalb würden die Pulp Fiction Leser am Bahnhofskiosk meine Heftromane kaufen und kein Sachbuch bei Amazon bestellen. Ich müsste mich an einem einfachen Publikum orientieren. Das gilt für alle Heftserien. Es gibt klare Regeln: einfache Sätze, am liebsten Hauptsätze, keine vielschichtigen Charaktere und vor allem: No Sex. Es ist in Ordnung, wenn ein Mann seine verdreckten Reitstiefel auszieht, die silberne Gurtschnalle löst, aber dann ist Schluss mit Erotik. Das wäre ein Plot für die pinkfarbene Heftreihe »Leonie«, ein Fortsetzungsroman über eine Prostiuierte, die tagsüber Musikunterricht erteilt und nachts wildfremden Männern einen bläst. »Dylan liebt die Gefahr, aber die Flammen die zwischen ihm und Leonie lodern, jagen sogar dem einsatzerprobten Feuerwehrmann Angst ein«. Nichts für mich. Die Heftserien »Die Gräfin von Venedig« und die Adaption von Hansruedi Wäschers Comic »Sigurd, der richterliche Held« haben sie leider eingestellt. Dabei mag ich History über alles.

In Pulp Fiction Romanen ist History nur Kulisse, Dekoration, mehr nicht. Eigentlich erzählen wir immer die gleichen Geschichten von Liebe, Hass, Verrat, Rache, Macht, Reichtum, und inszenieren sie vor wechselnden Kulissen. Den Wilden Westen mochte ich am meisten. Wenigstens darf ich noch 18 Hefte schreiben bis die Serie von »Orion, Herrscher der Galaxy« abgelöst wird. Geronimo werde ich vermissen. Vor allem Cochise, den Häuptling der Chokonen-Apachen, der ihm die schöne Taz-ayz-Slath ausspannen will. Ich hatte noch reichlich Figurenmaterial, um bis an mein Lebensende neue Plots zu erfinden. Ulzana, Victorio und Nana, sie waren allesamt grosse Mitstreiter von Geronimo, aber sie verfügten nicht über seine Diya, die göttliche Gabe, Visionen zu empfangen und die Ndaa K’ehgodih, die Kraft, das Gehirn der Feinde zu manipulieren und die Gesetze von Zeit und Raum aufzulösen.

Animistische Religionen, Aberglauben und die Manipulation von Menschen, das hat mich schon immer fasziniert, aber Bärbel meint, ich könne ja ein Sachbuch schreiben, aber in Zukunft sei Mistery gefragt. Die etablierten Kirchen verlören immer mehr Mitglieder, sie verlören den Glauben, aber nicht den Aberglauben. Das müsse bedient werden: Mistery sei die Religion des 21. Jahrhunderts.

So hat es mir Bärbel in ihrer Mail erklärt. Sie ist die Chefin des virtuellen Writer’s Room. Sie ist eine der zahlreichen Lektorinnen von Morton & Stanley, die jährlich 18 Millionen Heftromane verkaufen. Bärbel betreut meine Serien und ist somit auch die Lektorin der anderen sechs Autoren. Wir schreiben unter dem gleichen fiktiven Autorennamen, Jack Hogan. Wir sind die Ghostwriter eines Autors, den es gar nicht gibt.

Selbst wenn mich einer dieser Männer, die nachts um das Haus schleichen, erschiesst, werden die neuen Serien überleben. Ich habe einen Vorrat angelegt. Bärbel besteht darauf, dass wir eine Reserve für drei Monate haben, also 6 Heftromane von jeder Serie. Vielleicht würde mich Bärbel vermissen, wenn sie mich niederstechen, vielleicht, aber eher nicht. Aber sie würde zumindest bemerken, dass plötzlich keine neuen Folgen mehr kommen. Ich habe Bärbel noch nie live gesehen. Wir verkehren nur via Mail. Ich habe sie vor Jahren einmal gegoogelt und ein Foto von ihr gefunden. Sie wirkte etwas aufgedunsen, müde, vielleicht war sie früher mal eine schöne Frau, ich weiss es nicht. Jetzt hatte sie tiefhängende Hamsterbacken, halblanges Haar, nicht sehr gepflegt, ich bin sicher, sie war mittlerweile Single und hatte sich daran gewöhnt. Ich mochte sie. Sie war immer sehr nett. Sie hatte eine einfühlsame Art, manchmal bestimmt und dominant, aber doch warmherzig und mütterlich im guten und im schlechten Sinne. Ich hatte den Eindruck, sie habe das Pensionsalter schon überschritten, aber vielleicht ergeht es ihr ähnlich wie uns Ghostwritern: Angesichts der bescheidenen Honorare muss Bärbel arbeiten, bis sie tot umfällt. Wie meine Helden in Dodge City, wenn der Fünfuhrzug einfährt. Aber jetzt fährt kein Zug mehr.

Wäre das alles nicht passiert, wäre ich bestimmt in der alten Villa von Onkel Calvin geblieben. Ich habe mich dort immer wohl gefühlt. Das ehemalige Herrschaftshaus wurde um 1850 von einem Eisenbahnmogul gebaut. Er soll ein visionärer Mann gewesen sein, der an die Zukunft der Eisenbahn glaubte und deshalb seine maison de plaisance direkt an die projektierte Eisenbahnlinie baute. Damals lag die Parzelle noch im Grünen inmitten von Feldern. Heute steht die Villa inmitten von Schrebergärten. Man nennt sie heute Familiengärten, weil Moritz Schreber, der Namensgeber, heute nicht mehr den besten Ruf geniesst. Er war ein Arzt aus Leipzig der zur Zeit der Industrialisierung die sozialen Folgen des Stadtlebens durch die Arbeit im Grünen, in sogenannten Armengärten, abfedern wollte. Er erfand übrigens auch ein Gerät zur Verhinderung der Selbstbefriedigung. Auf jeden Fall nennt man diese Gärten heute Familiengärten, aber man sieht dort unter der Woche kaum junge Leute. Es sind meistens Senioren oder Seniorinnen, die sich mit Akribie ihrem Gemüse widmen und den ganzen Tag über kaum ein Wort miteinander reden. Am Wochenende kommen auch Türken, Albaner, Kosovaren, Italiener und Portugiesen, sie kommen meistens mit der halben Familie, grillen und reden so laut, dass sich wiederum die einsamen Witwer aufregen, die frustriert ihre Erdbeeren pflücken, Weinbergschnecken mit der Gartenschwere vierteilen und darüber nachdenken, was sie später mit dieser vollen Erdbeerschüssel anfangen sollen. Wann waren die Kinder das letzte Mal mit den Enkeln zu Besuch?

Onkel Calvin wohnte im Erdgeschoss der Villa. Er hatte sich in den ehemaligen Salon zurückgezogen, ein pompöser Saal mit einem wuchtigen Kristallleuchter, der über einem langen Konferenztisch hing. An der Stuckaturdecke war ein blauer Himmel mit weissen Wölkchen gemalt, mit putzigen, bunten Vögeln, die sich hinter Rosenranken versteckten. Am Ende des langen Tisches thronte Onkel Calvin in seinem abgewetzten braunen Chesterfield Sessel. Er empfing keine Besucher mehr. Nur mich. Das ist nicht immer so gewesen.

Onkel Calvin hatte mir die beiden oberen Stockwerke überlassen, nicht aus Nächstenliebe, denn Onkel Calvin hat ein Leben lang nur sich selbst geliebt. Vielleicht werde ich später noch darauf zurückkommen, auf jeden Fall war Onkel Calvin mit seinen 87 Jahren nicht mehr so gut auf den Beinen. Treppensteigen, das war ihm zu mühsam geworden, nicht ungewöhnlich diese motorische Einschränkung, das kommt ja nicht von heute auf Morgen, das ist der Trost bei diesen altersbedingten Redimensionierungen, man vollzieht sie in kleinen Schritten, schluckt sie in mundgerechten Portionen, und nachdem sich Onkel Calvin zum ersten Mal den Schenkelhals gebrochen hatte, mied er fortan die oberen Stockwerke.

Ich hatte diese deshalb für mich alleine, fünf grosse Zimmer im ersten Stock und weitere Räume im Dachstock. Hier lagerte noch ein Teil des Mobiliars des früheren Besitzers, vollgestopfte Kommoden, Stühle mit gebrochenen Sitzflächen aus Bast, Tische mit gedrechselten Beinen, vollbeladen mit Bergen von verstaubten Kleidern, von Motten zerfressen, vergilbte Bücher mit spröden Ledereinbänden. Unter dem kleinen Dachfenster standen einige schwere Reisetruhen aus dem 19. Jahrhundert, in einer der Truhen war noch ein alter Katalog, »Malles et sacs de Louis Vuitton, Paris, 1 rue Scribe, Téléphone 239-68. Boîte pour chapeaux de dames, Malle cuir pour hommes«.

Ich weiss, ich verliere mich in Detail, das liegt einerseits daran, dass ich seit 9 Jahren ohne Natascha lebe, aber auch daran, dass es mir körperliche Schmerzen zufügt, dass ich in meinen Heftromanen nicht aus dem Vollen schöpfen darf, dass ich nicht ein bisschen belesener sein darf als das Zielpublikum.

Ich hatte mir im ersten Stock ein kleines Paradies eingerichtet. Jedes meiner Zimmer war im Stil einer Epoche eingerichtet. Das Wild West Zimmer hatte ich als Saloon eingerichtet, Arizona, 19. Jahrhundert, die Wände mit groben Holzplanken verkleidet. Einen Tresen aus alter Eiche mit antiker Spiegelwand hatte ich in Brüssel ersteigert, und den ganzen Kitsch an den Wänden hatte ich von einem Westernstore übernommen, der konkurs gegangen war. Das alte Klavier war schon da, ich spiele nicht Klaiver, ich bin durch und durch unmusikalisch. Ich bewundere deshalb Sänger, Musiker und Komponisten, wie ich eigentlich alle Menschen bewundere, die Dinge können, die ich nicht beherrsche.

Onkel Calvin hat mich einmal darauf hingewiesen. Er hatte stets Zeit, über solche Dinge nachzudenken. Deshalb war er auch nachtragend, wie viele Menschen, die im Alter unsichtbar werden.

Er beschwerte sich oft darüber, dass ich den Boden des Westernzimmers mit schweren Holzdielen verlegt hatte. Er meinte, irgendwann würde der Boden einstürzen und ihn im Schlaf erschlagen. Sein Salon lag direkt unter meinem Saloon. Die Wortverwandtheit kommt übrigens nicht von ungefähr. Französische Trapper nannten während des Goldrausches in Alaska die Holzbaracken, in denen sie Karten spielten, soffen und sich anschliessend gegenseitig erschossen, Saloon, eine ironische Anspielung auf die gediegenen Pariser Salons Ende des 19. Jahrhunderts. Ich hatte dies letztes Jahr in der Folge »Smokey Smith« beiläufig erwähnt. Aber Bärbel hatte es gestrichen. Wie üblich. Ich muss mich offenbar an das Bildungsniveau von Primarschülern halten. Nur bei den Science-Fiction Serien darf ich einen höheren Schulabschluss voraussetzen, was wiederum für mich recherchenmässig einn dreifachen Aufwand bedeutet, weil ich nicht so viel von Raketenantrieben, schwarzen Löchern und der Relativitätstheorie verstehe.

Aber wir waren bei Onkel Calvin, der mich stets daran erinnerte, dass der Schreiner damals einen Mordslärm gemacht hatte. Aber wenn ich den Boden wieder heraus reisse, entgegne ich jeweils, wird das wieder Lärm machen und eine Menge Staub aufwirbeln. Er behauptete dann, dass er daran ersticken würde, und zürnte, ob es das sei, was ich wolle. Dass er sterbe, und ich das Herrschaftshaus für mich alleine habe. Dabei rauchte er wie ein Schornstein, kubanische Zigarren, und litt fürchterlich, wenn die Pollen im Frühjahr ihren Flug antraten. Im Sommer ertrug er die Hitze schlecht, im Herbst war er oft erkältet und im Winter fror er unsäglich und bat mich die Heizung aufzudrehen und gleichzeitig Heizkosten zu sparen, ich solle bei mir oben weniger lüften. Ich sagte ihm einmal, er solle weniger rauchen, das beeinträchtige die Durchblutung in den Füssen, aber er nannte das dummes Zeug und zündete sich eine weitere Zigarre an. Wenn er es zu bunt trieb, erinnerte ich ihn daran, dass ich nie darum gebeten hatte, in seine Villa einzuziehen. Dann hielt er für eine Weile den Mund. Manchmal rächte ich mich an ihm, in dem ich unsere Dialoge in der »Insel des Grauens« einbaute. Dort gibt es auch sowas wie ein verwunschenes Haus, in dem ein alter, mürrischer Mann die Geister der Vergangenheit heraufbeschwört.

Wären all diese schrecklichen Dinge nicht passiert, wäre ich bestimmt in der Villa geblieben, ich hätte das Anwesen renoviert, ich wäre in diesem Land geblieben und hätte mir alles vom Mund abgespart, um das Orion Schlafzimmer noch etwas auzubauen. Ich hätte mir in London noch einen römischen Gladiator in Lebensgrösse bestellt, vielleicht hätte ich mir sogar den neuen Darth Vader aus Plexiglas gekauft. Das Versandhaus in Nevada hatte mir gemailt, dass sie mir die Transportkosten schenken würden. Wahrscheinlich hätte ich auch zwei Schaufensterpuppen gekauft um John Law, das Finanzgenie des 17. Jahrhunderts, und einen Kardinal einzukleiden. Ich denke, Kirche, Naturwissen-schaften und Militär lenken den Lauf der Menschheitsgeschichte. Und die Frauen natürlich, die Liebe, die Leidenschaft, die Besessenheit. Vielleicht auch der Aberglauben, der Boden auf dem Religionen und Sekten gedeihen.

Ja, Science-Fiction liegt tatsächlich im Trend, als hätten die Menschen allmählich die Nase voll von der Realität.

Ich werde nichts renovieren. In Zukunft werden Hotelzimmer mein Zuhause sein. Ich weiss nicht, wohin es mich verschlagen wird, wahrscheinlich wird man mich bis ans Ende der Welt jagen. Aber Science-Fiction könnte ich überall schreiben, in der Hacienda De Los Santos in Mexico oder im Hanoi La Siesta in Vietnam. Die haben sogar ein Spa. Vielleicht gibt’s dort Happy Ending. Bestimmt. Und Highspeed Internet hat heute jedes bessere Hotel. Das ist das einzige was ich bräuchte, um Bärbel weiterhin alle 14 Tage einmal Mistery und einmal Science-Fiction zu mailen.

Ich habe Science-Fiction stets unterschätzt, aber gute Science-Fiction ist die Kombination aus History und Gegenwart. Bei Börsenprognosen benutzt man die Charttechnik. Man schaut, wie sich die Aktie in der Vergangenheit entwickelt hat, wie sie auf politische und psychologische Ereignisse reagiert hat, und wagt eine Prognose. Science-Fiction Autoren sind somit die Charttechniker der Gesellschaft.

Ja, Sie haben Recht, ich leide darunter, dass Autoren von Kioskromanen keine Anerkennung finden. Dabei sind sie für viele Menschen sehr hilfreich. Es gibt im deutschsprachigen Raum mittlerweile über 10 Millionen Honks. Das sind Hauptschüler ohne nennenswerte Kenntnisse. Die lesen Pulp Fiction Romane. Auch labile und frustrierte Menschen mögen Pulp Fiction. Auch Männer mit geistigen oder organischen erektilen Dysfunktionen. In Trashromanen ist ein Mann noch ein Mann. Heftromane bieten Struktur, Orientierung, Trost, Hoffnung. Sie helfen zu akzeptieren, dass das Leben trostlos ist. Albert Camus sagte: »Die Fantasie tröstet die Menschen über das hinweg, was sie nicht sein können, und der Humor über das, was sie tatsächlich sind.« Wir sprachen eben über Orientierung. Die Gewissheit, dass jeden Donnerstag das neue Heft am Kiosk aufliegt, gibt der Woche eine Struktur, genau wie die Abendnachrichten. Darauf ist Verlass. Fällt ein Feiertag auf den Donnerstag, stürzt der Leser in die Abgründe seiner zerrissenen Seele. Er säuft dann den ganzen Gründonnerstag über.

Zu meinen Lesern gehören übrigens viele Alkoholiker, Suchtkranke, Menschen in Krisensituationen. Ich erfahre das meistens in den einschlägigen Foren. Ich poste manchmal etwas unter dem Namen »Crazy Horse« und frage scheinheilig: Wie hat euch eigentlich »Hängt ihn höher« gefallen? Pulp Fiction Leser sind treue Leser, sie werden nie richtig erwachsen und selbst wenn sie ihre Lebenskrise überwinden, besuchen sie weiterhin die geheimnisvolle Insel oder fliegen mit Commander Orion durch die Galaxy. Leser von Schundromanen sind leicht manipulierbar, sie träumen sich ihre Welt zusammen und sind dankbar für Illusionen aller Art. Ich glaube deshalb, dass die meisten religiös sind. Auf ihre Art natürlich.

Gefährlich wird es für uns Trashautoren, und natürlich auch für Bärbel, wenn die Leser ihre Einkommensverhältnisse signifikant verbessern, wenn sie plötzlich reisen. Die Tourismusindustrie ist der grösste Feind der Schundliteratur. Immer mehr Menschen können immer billiger reisen. Die fliegen jetzt selber an all die exotischen Orte, die ich mal beschrieben habe. Ich verliere meine Schauplätze, deshalb ist die neue Science-Fiction-Reihe so wichtig für mein wirtschaftliches Ueberlben. Die Galaxy hat noch keiner beflogen. Ich bin der Pilot, verdiene aber weniger als eine Stewardess.

Seit einigen Tagen erhalte ich die zahlreichen Morddrohungen sogar per Mail, das ist deshalb erstaunlich, weil man den Absender zurückverfolgen kann. Alle Dämme sind gebrochen. Ich hatte die Polizei um Hilfe gebeten, aber ein Beamter riet mir, einen Bodyguard zu nehmen. Ich fragte, ob es nicht die oberste Pflicht eines Staates sei, die Unversehrtheit seiner Bürger zu schützen, doch er meinte, niemand könne mehr für meine Sicherheit garantieren, ich sei selber schuld. Aber ich schwöre, ich habe das nicht gewollt! Niemand konnte mit einer derartigen Eskalation rechnen. Ich verabscheue Gewalt, ich bin Pazifist, nicht aus Schwäche, sondern aus Überzeugung. Ich bin auch sonst, im privaten Umgang, ein sehr friedliebender Mensch, fast schon im asiatischen Sinne harmoniebedürftig. Selbst in meiner letzten Beziehung war ich derjenige, der nachgibt. Ob das Klugheit oder die Feigheit des Pantoffelhelden war, sei mal dahingestellt. Ich weiss bis heute nicht, wieso mich Natascha vor 9 Jahren verlassen hat. Ich dachte, unsere Liebe würde ewig halten.

Vielleicht war ich zu stark mit Geronimo beschäftigt. Oder mit seiner Geliebten. Aber das ist heute kein Thema mehr, ich mag nicht darüber sprechen. Ich weiss, John Steinbeck schrieb in »Jenseits von Eden«, wenn ein Mensch unter keinen Umständen über etwas sprechen wolle, bedeute es, dass er Tag und Nacht darüber nachdenke. Vielleicht hätte mir Natascha einen Tipp geben können, hätte mir erklären können, was ich bis heute nicht verstehe: Wie konnte das alles nur geschehen?

Ich weiss nicht, wie offen ich über die Ereignisse sprechen kann. In unserer narzistischen Gesellschaft akzeptiert man kaum noch abweichende Meinungen. Political Correctness ist die Pflicht zur Realitätsverweigerung. Ich war stets ein entschiedener, ja kompromissloser Befürworter der freien Meinungsäusserung. Meinungsfreiheit bedeutet auch, dass man Dinge sagt, die niemand hören will. Ist von George Orwell, nicht von mir. Ich habe viele Dinge gesagt, die niemand hören wollte. Ich dachte, das kann man aushalten. Darüber kann man reden. Aber wenn Menschen sich nicht artikulieren können, schlagen sie zu. Das macht mir Angst. Ich werde jetzt Dinge schreiben, die niemand hören wollte.

Ich bin erleichtert, dass alles geklappt hat mit meinem Ticket. Ich dachte, vielleicht kriege ich unter meinem bürgerlichen Namen gar kein Ticket mehr, vielleicht verweigert man mir die Ausreise. Aber wer kennt mich schon unter meinem bürgerlichen Namen? Ich habe viele Namen, selbst Gott hat viele Namen, Autoren sowieso. Verzeihen Sie mir bitte, dass ich nicht immer »Autorinnen und Autoren« schreibe, das ist mir einfach zu anstrengend, physisch, aber auch intellektuell. Ich schreibe schliesslich alle 14 Tage einen Heftroman à 64 Seiten, Normseiten, das sind 30 Zeilen à 60 Zeichen. Dafür braucht ein erfahrener Autor eine Woche. Ich kriege 1250 Euro für einen Roman, also 5000 im Monat. Sie werden sich vielleicht fragen, wieso ich mir das antue, wieso ich nicht was Anständiges erlernt habe? Ich bin schreibsüchtig, das ist alles, ich befriedige meine Sucht und verdiene damit meinen Lebensunterhalt. Andere Menschen brauchen Zigaretten, fressen sich voll, kaufen teure Uhren und schnelle Autos, verbringen ihre Freizeit in Casinos oder Bordellen, ich sitze vor meinem Computer, erfinde Geschichten, reise in Gedanken mit meinen Figuren um die Welt, pendle zwischen vergangenen Epochen und zukünftigen Zivilisationen. Es ist die schönste Welt, die ich mir vorstellen kann, die Phantasie. Ich bin zufrieden damit, ich war es jedenfalls lange.

In den letzten Monaten hatte ich oft das Bedürfnis, mich mit den anderen Autoren auszutauschen. Ich bin eigentlich ein Familienmensch, obwohl ich ein Dasein als Robinson friste. Ich denke, ein regelmässiger Austausch unter Berufskollegen, das wäre auch der Wunsch der anderen Autoren, aber Bärbel hat uns für die interne Kommunikation anonymisiert, wir kennen uns lediglich unter Namen wie »Cassidy John« oder »Lady Summerhill«. Ich heisse übrigens »Rebecca La Rue«, und niemand weiss, ob sich ein Amerikaner oder eine Spanierin hinter diesem fiktiven Autorennamen verbirgt. Diese Anonymität ist von »Morton & Stanley« gewollt. Keiner soll sein Honorar mit dem Einkommen der anderen vergleichen können. Für die Leserschaft sind wir alle Jack Hogan.

Viele junge Menschen träumen davon, Schriftsteller zu werden. Aber es ist kein einfacher Job, schon gar nicht, wenn sie in der Pulp Avenue stranden. Wenn Sie abends die »Insel des Grauens« verlassen oder mit Commander Orion aus der Galaxy zurückkehren und hinunterfallen in die reale Welt, in eine Bar, zu einem Date, und wenn sie dann sagen, dass sie Kioskromane schreiben, ist die Dame an der Bar bis ins nächste Jahrzehnt ausgebucht. Problematischer wäre es nur, wenn sie gestehen würden, dass sie arbeitslos sind. Nun gut, das könnte man schönreden und behaupten, man sei Privatier. Aber das Mädchen würde sich fragen, wieso ich wie ein Dudeist rumlaufe. Das sind die Freaks, die sich in der »Church of the Latter-Day Dude« vereinigt haben und den Lebensstil von »The Big Lebowski« verherrlichen. Aber auch das könnte man schönreden und behaupten, dass Multimillionäre heute nicht mehr in Edelklamotten rumlaufen, sondern eher in Jeans, Traineroberteil und Turnschuhen. Die können sich das leisten, die sind auf niemanden mehr angewiesen, die haben genügend Fuck-You-Money. Das bedeutet, sie haben genügend Geld, um in jeder Situation dem Gegenüber Fuck You ins Gesicht zu schleudern. 

Aber das ist nicht mehr mein Thema. Wie alle Menschen, die die meiste Zeit mit ihrer eigenen Phantasie verbringen, neige ich zu Ausschweifungen, vielleicht ist es auch Geschwätzigkeit oder gar eine Geringschätzung der Realität. Manchmal ist Geschwätzigkeit auch Arroganz, ein übertriebenes Ego, manchmal aber auch Ausdruck von Einsamkeit. Ich bin sicher, Robinson hat wie ein Wasserfall geplappert, nachdem ihn Daniel Defoe nach 28 Jahren von seinem tristen Inseldasein erlöst hat.

Aber worauf ich hinauswollte: Ich denke, ich brauche mit 43 Jahren keine neue Beziehung mehr, die länger als eine Nacht dauert. Nachdem mich Natascha verlassen hatte, wollte ich Single bleiben und niemanden im Haus haben, der mich daran erinnert, dass ich einen persönlichen Jahrestag vergessen habe. Freiheit bedeutet, um drei Uhr morgens zum Kühlschrank zu schlurfen und eine Currywurst fressen. Und niemand fragt wieso. Für Natascha war das sicher nicht einfach. Sie war eine jüdische Russin aus Paris, klingt vielleicht etwas exotisch, war es auch. Sie hatte blondes Haar, einen aufrechten Gang und war eine markante Erscheinung, gross, dominant, raumfüllend, und doch sehr fragil, hungrig nach Anerkennung und Fürsorge, als Figur hätte Bärbel Natascha zusammengestrichen, zu komplex, versteht keiner. Auch ich hatte Mühe damit. Aber so war Natascha. Manchmal denke ich darüber nach, wo sie im Augenblick sein könnte, ob sie glücklich in einer Beziehung lebt. Ich verliere mich in Varianten, ausufernden Geschichten und realisiere erst nach Stunden, dass ich mir das alles ausgedacht habe. Natascha ist keine Heftserie, Natascha war 9 Jahre lang meine Freundin. Wir hatten es gut miteinander, dachte ich jedenfalls.

Ich erwähnte schon, dass mir Lovestorys nicht liegen, ich meine als Autor. Ich hatte Bärbel auch schon Alternativvorschläge unterbreitet für eine neue History Serie, »Priscus, Held der Arena«. Mein Held kämpft in der Zeit von Kaiser Titus im Flavianischen Amphitheater. Damals gab es das Kolosseum noch nicht, er kämpfte gegen seinen besten Freund, den Gladiator Verus. Alles recherchiert. Der Dichter Martial hat diesen Jahrhundertkampf in einem Gedicht festgehalten. Wäre das kein Stoff für eine neue Römerserie gewesen? Aber Bärbel sagte, das Thema Gladiatoren sei ausgelutscht, es gebe schon zu viele davon. Ich mailte zurück, genau das könnte ein Hinweis darauf sein, dass das Interesse besonders gross sei, deshalb gebe es so viele Gladiatorenromane. Ich insistierte und mailte, dass ich gerne den Mithraskult der römischen Legionäre dramatisieren würde, den Kult der göttlichen Sonne, aber Bärbel meinte, ich solle doch gescheiter ein Sachbuch zum Thema schreiben, das sei ein ganz anderes Publikum.

Vielleicht habe ich deshalb heimlich Godless Sun geschrieben und bei Crocodile Books publiziert.

Crocodile Books ist kein richtiger Verlag, eigentlich ist es eine Druckerei, die sich selber Durckaufträge beschafft, indem sie Bücher, die niemand publizieren will, gegen Vorschuss druckt und vertreibt. Marlon, mein Verleger, war ein grossgewachsener Mann um die 40, vom Alkohol ausgezehrt. Sein Vater war ein stadtbekannter Kunstmaler gewesen, der sein halbes Leben in Kneipen verbracht hatte. Jetzt ist er tot, an einer Alkoholvergiftung gestorben, aber in den Kneipen der Altstadt hängen seine depressiven Bilder, die er jeweils den Wirten abtreten musste, um seine Besäufnisse zu bezahlen. Die Wirte dachten vielleicht, wenn der alte Oscar so weitersäuft, stirbt er bald und kleckert keine Leinwände mehr voll, dann steigen die Preise, das ist nun mal das Gesetz von Angebot und Nachfrage. Marlon hat mir das einmal erzählt, als er Flyer für einen Pizza Service druckte. Marlon begleitete seinen Vater bereits im Kindsalter auf seinen Kneipentouren. Marlon sieht sich als Rebell. Tagsüber druckt er Visitenkarten und schmale Broschüren, nachts druckt er Dinge, die kein Feuilletonredaktor anfasst, das macht ihm Spass, deshalb hat er auch Godless Sun gedruckt. Er sagte damals, mein Buch sei ihm derart eingefahren, dass er eine ganze Woche nur noch gesoffen habe. Aber ich glaube, das tat er eh. Vielleicht ist es genetisch, schlechte Vorbilder, ich weiss es nicht. Ich war überglücklich, als Marlon Godless Sun druckte und auslieferte. Wir feierten zusammen mit seiner Freundin Aline drei Tage lang. In Aline war ich ein bisschen verliebt. Marlon hatte lediglich 500 Exemplare gedruckt. Einige Dutzend hatte ich selber bestellt, um zu prüfen, ob Bestellvorgang und Lieferung funktionieren. Ja, hat alles funktioniert, ich habe mittlerweile zweihundert Exemplare unter meinem Schreibtisch. Und alle bezahlt. Godless Sun war ein Flop. Ich habe etwa 30 Exemplare verkauft, aufgerundet. Ich traf Aline einmal an einer Bushaltestelle. Sie sagte mir, Marlon saufe immer noch, er schlage sie auch, sie habe eine Fehlgeburt erlitten, er habe sie regelrecht geprügelt. Sie habe sich in der Toilette eingeschlossen und dann sei es passiert, direkt in die Kloschüssel. Man hätte bereits Händchen und Füsschen erkennen können.

»Wie kann Gott sowas zulassen?« hatte sie geschluchzt. Hinter ihr hing ein Plakat der christlichen Agentur für den Glauben. Auf blauem Hintergrund stand in grossen gelben Lettern geschrieben: »Gott liebt dich«.

Ich hatte Aline in den Arm genommen und ihr gesagt, sie könne bei mir wohnen. Sie wohnte zwei Tage bei mir. In der zweiten Nacht erschien Marlon im Treppenhaus und grölte, er würde sich eine Kugel durch den Schädel jagen, wenn sie nicht sofort zu ihm zurückkäme. Aline kramte eilig ihre sieben Sachen zusammen und eilte zur Wohnungstür. Er braucht mich, schrie sie verzweifelt als sie die Treppe hinuntereilte. Mir schien, sie platze schier vor Glück. Es ist mir ein Rätsel, wieso sich Frauen sowas antun. Aber die römische Antike ist leichter zu verstehen als die weibliche Psyche.

Ich habe später, wohl aus Trotz und Verzweiflung, Godless Sun noch ins Englische übersetzt. Ich dachte, der englische Markt ist viel grösser als der deutschsprachige Markt. Das ist schon richtig, aber auch die englische Variante hat sich nicht verkauft, ich habe die englische Ausgabe mit der Amazon Software Create Space als Selfpublisher publiziert, als E-Book und Print on Demand, ausser Spesen nix gewesen. Trotz allem Fleiss war alles Scheisse.

Ich sagte vorhin, ich sei froh gewesen, dass alles geklappt hat mit dem Flugticket und so. Nein, nicht alles hat geklappt. Ich habe damals den Abflug verpasst. Venedig war nie meine Destination, aber es war der nächstbeste Flug aus der Hölle. Ich dachte, flieg doch erst mal nach Venedig, von dort kannst du dann weiterreisen, Hongkong, Südamerika, Neuseeland, Miami, einfach so lange zwischen Ost und West hin- und herfliegen, bis alle meine Spuren verwischt oder meine Maschine abgestürzt ist.

Buchseite / Rezensionen