BLICK KOLUMNE HISTORY

© Blick 9. Februar 2018


 

© Blick 27. Januar 2018


 

© Blick 12. Januar 2018


 

Aus der geschützten Werkstatt für Pädophile

20minuten schreibt heute (7.1.2018):

Es geht um unerwünschte sexuelle Avancen und Belästigungen bis hin zu Vergewaltigungen. Beschuldigt sind Priester, Ordensleute und Nicht-Kleriker. Bei der Bischofskonferenz sind bis heute gegen 250 sexuelle Übergriffe gemeldet worden. Sie ereigneten sich zwischen 1950 und heute. Betroffen sind über 140 Kinder und Jugendliche sowie 88 Erwachsene.

Das erinnert mich an die Kontroverse im Jahre 2014 im Zusammenhang mit meinem autobiograhischen Roman »Script Avenue« (640 Seiten). Auf zwei Seiten hatte ich die sexuellen Belästigungen im Internat Schwyz Mitte der 70er Jahre erwähnt.  Nicht aus Empörung, sondern weil es eine der autobiographischen Episoden war, die meine Einstellung zur Katholischen Kirche verständlicher machte.

Eine Innerschweizer Zeitung zitierte damals aus dem Roman. Regierungsrat und Bildungsdirektor Walter Stählin (SVP) zeigte sich »sehr betroffen« und rief medienwirksam eine »Task Force« ins Leben, die rasch zum Schluss kam, dass es keine Fakten gibt und das Ganze wohl meiner Phantasie entsprang.

Sie hatten keinen einzigen damaligen Mitschüler befragt. Damit sie »wahrheitsgetreu« sagen konnten: Wir haben keine Fakten.

Stattdessen erwähnten sie Mails von Ehemaligen, die in den 60er Jahren im Internat gewesen waren… und die Vorgänge Mitte der 70er Jahre bestritten –  obwohl sie den fehlbaren Präfekten Costa gar nie gekannt hatten…

Nach wochenlangem Aufwand fand ich schliesslich die Anschriften zweier damaligen Internatskollegen (der eine wohnte in Maroko). Sie waren bereit, als Zeitzeugen auszusagen. Aber Walter Stählin, der kurz vor der Beendigung seiner Amtszeit stand, hatte »kei Luscht«.

Ich liess es dann dabei bewenden, weil ich nun wirklich keine Lust hatte, dass man einen 640seitigen Roman in der Oeffentlichkeit auf ein paar wenige Zeilen reduziert.

Ich erhielt Monate später Besuch aus dem Bistum Chur. Sie hatten die Sache aufklären wollen, aber der Kanton Schwyz hatte sich geweigert die Liste der damaligen Intenatsschüler auszuhändigen… Ich übergab darauf Msgr. Dr. med., Dr. ius. can. Bischofsvikar Bonnemain Joseph Maria, den ich als sehr integre und beeindruckende Persönlichkeit kennenlernte, die Anschriften und Telefonnummern von zwei damaligen Mitschülern, die bereit waren, als Zeitzeugen auszusagen. Ich zeigte ihm auch den folgenden (pubertären) Tagebucheintrag:

Das Glockengebimmel regt mich auf, der schwule Präfekt auch. Die zu niedrige WC Türe auch. Die Abfallkörbe finde ich hingegen lustig: WC St. Johann, WC Don Bosco.

Ich weiss nicht, ob die beiden Zeitzeugen mittlerweile kontaktiert wurden.

*

Zum besseren Verständnis:

Der fehlbare Präfekt hiess Costa. Er fasste uns beim morgendlichen Waschgang gerne überraschend an den Hintern, es ging also um sexuelle Belästigungen und nicht um mehr. Als kraftstrotzende 17jährige hätten wir uns zu wehren gewusst, aber er näherte sich stets überraschend von hinten. Einige fragten sich, wieso diese uralte Geschichte nach so vielen Jahren auftaucht. Eine »Anklage« nach so vielen Jahren wäre in der Tat lächerlich, aber in einem autobiographischen Roman gehören die zwei Seiten dazu, um darzulegen, wieso die Hauptfigur die katholische Kirche für eine geschützte Werkstatt für Pädophile hält.

*

Das Kollegium Schwyz, 1856 vom Kapuzinerpater Theodosius Florentini gegründet, wurde bis 1972 vom Bistum Chur geführt, von da an übernahm der Kanton Schwyz die Schule. Bis 2001 gehörte ein Internat mit unterrichtenden Priestern dazu. Daher das damals angespannte Verhältnis zwischen Bistum Chur und Kanton Schwyz.

Collection Schlumpf Mulhouse

 

Grand Tour Alsace (4) #Mulhouse. Mehr als ein Automuseum. Es ist die tragische Geschichte der Gebrüder Schlumpf. Wikipedia schreibt zum Eintrag „Fritz Schlumpf“:

Wikipedia:

»Die Gebrüder Fritz und Hans Schlumpf trugen zwischen 1945 und 1977 eine gewaltige Sammlung von rund 500 (!) klassischen Automobilen zusammen, darunter auch mehrere Dutzend Bugatti und zwei der sechs überlebenden «Bugatti Royales». Zur Finanzierung dieses Hobbys belasteten sie ihre Unternehmen derart, dass diese 1977 zahlungsunfähig wurden und in der Folge über 2000 Beschäftigte in die Arbeitslosigkeit entlassen werden mussten. Die bis dahin der Öffentlichkeit nicht bekannte Automobilsammlung wurde bei Ausschreitungen im Rahmen eines Streiks von den ehemaligen Arbeitern des Textilwerkes entdeckt.«

Anmerkung zum Wiki-Eintrag. Er erwähnt nicht, dass damals in den 70er Jahren die Asiaten den Westen mit ihren Billig-Textilien fluteten und einen Grossteil der westlichen Textilindustrie in die Insolvenz trieb. Auch ohne teuren Hobbies der Firmeninhaber. Die Verlegung von Produktionsstätten nach Asien kam erst später. Bei den Schlumpfbrüdern spielten wohl beide Faktoren mit. Von den 2000 Mitarbeitern waren über 100 für die  Restauration der Oldtimer abgezogen worden.

 

Die beiden Brüder flüchteten vor Justiz und wütender Belegschaft ins Basler Hotel „Drei König“ wo sie jahrelang blieben. Die Sammlung wurde vom Staat beschlagnahmt, die Gebrüder enteignet.

Der leider verstorbene Dramatiker Heinrich Henkel schrieb ein Stück darüber.

Hans Schlumpf wurde verurteilt und wegen fortgeschrittener Demenz nicht inhaftiert.

 

Fritz Schlumpf hatte genügend Eier um bei der Neueröffnung im Rollstuhl anwesend zu sein. Es war nicht mehr »seine Sammlung«, man hatte pro Forma noch ein paar moderne Autos in die Halle gesetzt, um das Ganze dann »nationales Automuseum« nennen zu können. Ich sah die Halle vor 25 Jahren mit meinem Sohn, wir waren die einzigen Besucher, Totenstille, spärliche Beleuchung, eine jahrzehntelang geheim gehaltene Spielhalle mit über 500 (!) Oldtimern. Zeugnis einer unglaublichen Obsession.

Kürzlich hat die Tochter von Fritz Schlumpf eine zweite Sammlung entdeckt und ausser Landes gebracht.

Pilotfilm Cobra 11 – Die Autobahnpolizei

Wiederholung am 3. Juli 2017 auf RTL Nitro um 23.10

Die Erstausstrahlung fand am 12. März 1996 bei RTL statt und hatte 10 Millionen Zuschauer

Meine Hommage (Drehbuch) an #Hergés Figuren: Der #Pilotfilm zur #RTL Serie »Alarm für Cobra 11« mit dem Titel »Bomben bei Kilometer 92« wurde bereits in 120 Ländern ausgestrahlt.

Ich war seit frühester Kindheit ein Tintin-Fan, Tintinologen werden deshalb diverse Charaktere und Szenen aus den Tim-und-Struppi-Alben erkennen: Schulze & Schulze als Bauarbeiter, Prof. Bienlein, Rascar Capacs, die alte Frau, die eine Telefonzelle besetzt, – weil es draussen regnet usw. usf. 

RTL NITRO ist kostenlos und unverschlüsselt mit einem digitalen Satelliten-Receiver über Astra 19,2° zu empfangen.

Seit dem Start im März 1996 wurden in über 160 Folgen rund 3.100 Autos zu Schrott gefahren, 794 Gangster verhaftet, 300.000 Meter Film belichtet und ein paar Tonnen Popcorn verspiesen. 


Inhalt (Wikipedia):


Ein neuer Fall für Kriminalhauptkommissar Frank Stolte und Kriminalhauptkommissar Ingo Fischer. An einer Autobahnböschung detoniert eine als Krabbendose getarnte Bombe. Zwei Straßenarbeiter überleben mit knapper Not. Sofort scheint der Täter mit Richie Weber gefasst, da dieser kurz vorher mit Bomben entlang der Autobahn gedroht hatte. Kurz darauf wird bei einem Trödler eingebrochen. Die gestohlenen Sachen werden wenig später mit einer Kassette und einer Zinnfigur in der Nähe der Autobahn gefunden. Auf der Kassette gibt sich ein gewisser „Rascar Capac“ als Urheber des Bombenanschlags zu erkennen. Er fordert 1 Million DM in bar und ein Kilo Gold. Bei dem Trödler finden die Kommissare heraus, dass es sich bei „Rascar Capac“ um eine Figur aus einem Tim und Struppi-Comic handelt. Nach einer gescheiterten Lösegeldübergabe wird eine Baustelle umgestellt, sodass es zu einer Massenkarambolage kommt. Für Frank beginnt ein Katz-und-Maus-Spiel. Zuerst wird er vom Bombenleger in ein Schwimmbad geschickt, als dort aber auch Ingo auftaucht, schickt „Rascar Capac“ Frank in ein Museum. Dort scheitert allerdings die Geldübergabe, als ein Museumswächter den Sack mit dem darin enthaltenen Geld stiehlt. Nachdem auch diese Lösegeldübergabe gescheitert ist, wird der Polizist Marcus Bodmar durch einen Anschlag von „Rascar Capac“ schwer verletzt und warnt die Kommissare vor weiteren Anschlägen. Revierleiterin Katharina Lamprecht hat nach den Anschlägen mit der Presse zu kämpfen. Doch der Fall nimmt eine unerwartete Wendung, als herausgefunden wird, dass der Sprengstoff, den Rascar Capac benutzt, schon früher einmal von dem Terroristen Khalid Masharid benutzt wurde. Dieser sitzt allerdings im Gefängnis. Auch bei einem Gespräch mit dem Terroristen kommen die Kommissare nicht weiter. Erst durch einen Tipp des verletzten Marcus Bodmar, der im Krankenhaus alle Tim und Struppi-Comics durchgelesen hat, finden die Kommissare in einem stillgelegten Autobahnbunker den Sprengstoff, den Khalid einst benutzt hatte. Als die Kommissare dem Terroristen mitteilen, dass sie seinen Sprengstoff gefunden haben, finden sie auch heraus, dass es Steve Kröger ist, ein ehemaliger Häftling, dem Khalid den Aufenthaltsort seines Sprengstoffes verraten hat, und der sich hinter dem Pseudonym „Rascar Capac“ versteckt. Nun kommt es zu einer letzten finalen Lösegeldübergabe, bei der Kröger Frank erst durch die ganze Stadt schickt und später in einem Hotel das Geld durch einen Wäscheschacht werfen lässt. Doch Kröger wird zusätzlich von Ingo und Anja Heckendorn, welche als Ersatz für Bodmar neu im Team ist, verfolgt. Es beginnt eine Verfolgungsjagd, bei der Frank auf das Dach von Krögers Auto springt. Schlussendlich rast Kröger mit seinem Wagen in einen Güterzug und kann leicht verletzt verhaftet werden, doch er verspricht wiederzukommen.



Weitere verfilmte Drehbücher  vom gleichen Autor


 

Manchester

Nach dem Pariser Attentat auf die Redaktion von Charlie Hebdo (2015) sagte Bundesrätin Doris Leuthard in ihrem Tweet vom 7. Januar 2015: »Satire ist kein Freipass. Aber keine Darstellung, keine Publikation legitimiert Gewalt. Das ist aufs Schärfste zu verurteilen.«

Also irgendwie selber schuld? ViktorGiacobbo schrieb damals ans UVEK, dass auch das Bundesratsamt kein Freipass sei, um nach den ermordeten Karikaturisten die Satiriker zu ermahnen.

Wer damals die Wurzel des Uebels im »politischen Islam« (religiöser Faschismus) sah, wurde als islamophob bezeichnet oder als Hetzer diffamiert. (Ich habe seit der Publikation meines Romans »Godless Sun« Erfahrung damit.)

Was schreibt nun die (mittlerweile) Bundespräsidentin Doris Leuthard nach Manchester auf Twitter? «Die Tatsache, dass das Anschlagsziel einmal mehr Leute sind, die auswärts ein Konzert geniessen wollen, ist entsetzlich». Sie sei in Gedanken bei den Betroffenen und empfinde tiefes Beileid mit den Opferfamilien.

Diese repetitive Heuchelei ist unerträglich, wenn man bedenkt, dass der rechtskräftig verurteilte 32jährige Iraker XX aus der Schaffhauser IS-Zelle »ausgewiesen« wurde… aber »bleiben darf«

(https://www.srf.ch/news/schweiz/is-unterstuetzer-wird-ausgewiesen-und-darf-bleiben)

weil ihm angeblich im Irak die Todesstrafe droht. Das bedeutet im Klartext: Der Schweizer Regierung ist die Unversehrtheit eines nachweislichen Terrorunterstützers wichtiger als die Unversehrheit der eigenen Bevölkerung bzw. der Steuerzahler, die für Kost, Logis, Gesundheitskosten, Gratisanwälte usw. usf. derjenigen aufkommen, die die Ausrottung dieser (ungläubigen) Steuerzahler propagieren. Obwohl er laut dem Eidgenössischen Justiz- und Polizeidepartement (EJPD) stellt er weiterhin eine Gefahr für die Schweiz dar (SRF 22.12.16).

Man muss nicht Autor sein, um sich auszudenken, was geschieht, wenn wir eines Tages nicht 80 Gefährder im Land haben, sondern 800. Zum Schutz aller hier lebenden Muslime, die sich bei uns integriert haben (die grosse Mehrheit), muss man jener radikalen Minderheit, die das nicht will, das Aufenthaltsrecht entziehen. Und nicht nur auf dem Papier.

#chronos 1967

1967 verkündeten »Die Beatles« »All Your Need Is Love«, darauf rief David Garric die Mutter seiner Angebetenen an und flehte »Dear Mrs. Applebee«, die »Rollings Stones« kamen hingegen gleich zur Sache: »Lets spend a night together«; »Procol Harum« stand eher auf Meerjungfrauen (A Whiter Shade of Pale) und Scott McKenzie empfahl »San Francisco« (und ein paar Blumen im Haar), doch die »Bee Gees« wollten lieber nach »Massachusetts« zurück und »Herman’s Hermits« beklagte das ganze Jahr über »No Milk today«.

Und in Solothurn gründete 1967 ein 16jähriger Schlagzeuger die »The Scouts«: Sein Name Chris von Rohr. Später rockte er mit Krokus alle Bühnen der Welt, Krokus wurde die erfolgreichste Schweizer Rockband aller Zeiten.

1967 erschienen »Bonnie and Clyde« in den US Kinos, die Geschichte eines Liebespaares, das in den 1930er als Bankräuber national berühmt wurde. Faye Dunaway und Warren Beatty ballerten sich durch die USA und ärgerten das Time Magazin, das »Gewalt der grausigsten Art« diagnostizierte und den »Mythos des guten Gangsters« verurteilte. Der Film wurde mit Auszeichnungen überhäuft. Mittlerweile haben Wirtschaftswissenschaftler der Royal Statistical Society den Mythos »Bankraub« entzaubert. Statistisch gesehen »verdient« ein Bankräuber pro Einsatz  15.823.– Euro. Somit wäre sogar eine Anstellung an der Frittenmaschine von McDonalds mit 13. Monatslohn und Fortzahlung im Krankheitsfall lukrativer. Mit jedem zusätzlichen Banküberfall erhöht sich erst noch die Wahrscheinlichkeit, dass »Bonnie und Clyde« Nachahmer ihren Big Mac hinter Gittern verspeisen.

1967 kam »Die Reifeprüfung« (The Graduate) mit dem jungen Dustin Hoffman auf die Leinwand. Er spielte den schüchternen College-Absolventen Benjamin Braddock, der mit einer verheirateten Frau eine Beziehung eingeht (die Affäre mit deren Tochter kam etwas später). Aeltere Frau mit jungem Liebhaber, das war für damalige Verhältnisse revolutionär.

„Sie versuchen doch jetzt, mich zu verführen, nicht wahr?“

Der Evangelische Filmbeobachter fand den Streifen deshalb »unnötig«, die Redakteure des Internationalen Filmlexikons hingegen: »Temporeiche Gesellschaftssatire, die gleichermaßen die verkalkte Moral des amerikanischen Establishments und die Weltfremdheit der jungen Generation aufs Korn nimmt.“

Um Herzensangelegenheiten ging es auch am Groote Schuur Hospital in Kapstadt. Christian Barnard und sein Team führten die erste Herztransplantation durch. Patient Louis Washkansky überlebte 18 Tage und starb an den Folgen einer Lungenentzündung. Die Medikamente, die das Abstossen des neuen Herzens verhindern sollten, hatten im Gegenzug sein Immunsystem lahmgelegt. Der Medienforscher Eckart Roloff nannte die Operation, die weltweit für Furore sorgte, die »publizistische Entdeckung des Patienten«.

Nicht mehr zu retten war das Herz des einstigen Medizinstudenten und Playboys, den die Berliner taz den »Marlboro Mann der Linken« nannte. Ein peruanischer Offizier hatte die Symbolfigur der Kubanischen Revolution erschossen, den Argentinier Ernesto Rafael Guevara de la Serna, der als »Che Guevara« zur Heiligenikone mutierte, aber eine ähnliche Demontage erlebte wie seinerzeit Mutter Theresa. Vor der Vollversammlung der Vereinten Nationen rechtfertigte der Stalinverehrer Folter, Mord und Arbeitslager. In einem Interview mit Sam Russell vom sozialistischen »Daily Worker« sagte Guevara, er hätte während der Kubakrise Atomraketen gegen die USA abgefeuert, wenn sie unter kubanischer Kontrolle gestanden hätten…


Mit dieser Kolumne verabschiede ich mich nach zweieinhalb Jahren und rund 60 Chronos Jahresrückblicken. Danke fürs Lesen! Die gesammelten #chronos sind neu im Buchhandel erhältlich: 

 

#chronos (1967)

1967 verkündeten die Beatles «All You Need Is Love», darauf rief David Garric die Mutter seiner Angebeteten an und flehte «Dear Mrs. Applebee», die Rolling Stones kamen hingegen gleich zur Sache: «Let’s Spend A Night Together»; Procol Harum standen eher auf Meerjungfrauen («A Whiter Shade of Pale») und Scott McKenzie empfahl «San Francisco» (und ein paar Blumen im Haar), doch die Bee Gees wollten lieber nach «Massachusetts» zurück und Herman’s Hermits beklagten das ganze Jahr über «No Milk Today».

Und in Solothurn gründete 1967 ein 16-jähriger Schlagzeuger die The Scouts; sein Name: Chris von Rohr. Später rockte er mit Krokus alle Bühnen der Welt, Krokus wurde die erfolgreichste Schweizer Rockband aller Zeiten.

Der Mythos Bankraub

1967 erschien «Bonnie and Clyde» in den US-Kinos, die Geschichte eines Liebespaares, das in den 1930ern als Bankräuber national berühmt wurde. Faye Dunaway und Warren Beatty ballerten sich durch die USA und ärgerten das Time Magazine, das «Gewalt der grausigsten Art» diagnostizierte und den «Mythos des guten Gangsters» verurteilte. Der Film wurde mit Auszeichnungen überhäuft. Mittlerweile haben Wirtschaftswissenschaftler der Royal Statistical Society den Mythos «Bankraub» entzaubert. Statistisch gesehen «verdient» ein Bankräuber pro Einsatz 15?823 Euro. Somit wäre sogar eine ­Anstellung an der Fritten­maschine von McDonald’s mit 13. Monatslohn und Fortzahlung im Krankheitsfall ­lukrativer. Mit jedem ­zusätzlichen Bank­überfall erhöht sich erst noch die Wahrscheinlichkeit, dass «Bonnie und Clyde»- Nachahmer ihren Big Mac hinter ­Gittern verspeisen.

1967 kam «Die Reifeprüfung» («The Graduate») mit dem jungen Dustin Hoffman auf die Leinwand. Er spielte den schüchternen College-Absolventen Benjamin Braddock, der mit einer verheirateten Frau eine Beziehung ­eingeht (die Affäre mit deren Tochter kam etwas später). Ältere Frau mit jungem Liebhaber, das war für damalige Verhältnisse revolutionär. «Sie versuchen doch jetzt, mich zu verführen, nicht wahr?» DerEvangelische Filmbeobachterfand den Streifen deshalb «unnötig», die Redaktoren des Internationalen Filmlexikons fanden hingegen: «Temporeiche Gesellschaftssatire, die gleichermassen die verkalkte Moral des amerikanischen Establishments und die Weltfremdheit der jungen Generation aufs Korn nimmt.»

Um Herzensangelegenheiten ging es auch am Groote Schuur Hospital in Kapstadt. Christian Barnard und sein Team führten die erste Herztransplantation durch. Patient Louis Washkansky überlebte 18 Tage und starb an den Folgen einer Lungenentzündung. Die Medikamente, die das Abstossen des neuen Herzens verhindern sollten, hatten im Gegenzug sein Immunsystem lahmgelegt. Der Medienforscher Eckart Roloff nannte die Operation, die damals weltweit für Furore sorgte, die «publizistische Entdeckung des Patienten».

Demontierte Heiligenikone

Nicht mehr zu retten war das Herz des einstigen Medizinstudenten und Playboys, den die Berliner taz den «Marlboro-Mann der Linken» nannte. Ein peruanischer Offizier hatte die Symbolfigur der Kubanischen Revolution erschossen, den Argentinier Ernesto Rafael Guevara de la Serna, der als Che Guevara zur Heiligenikone mutierte, aber eine ähnliche Demontage erlebte wie seinerzeit Mutter Teresa. Vor der Vollversammlung der Vereinten Nationen rechtfertigte der Stalin-Verehrer Folter, Mord und Arbeitslager. In einem Interview mit Sam Russell vom sozialistischen Daily Worker sagte Guevara, er hätte während der Kubakrise Atomraketen gegen die USA abgefeuert, wenn sie unter kubanischer Kontrolle gestanden hätten … Claude Cueni ist Schriftsteller und lebt in Basel.


Dies war nach zweieinhalb Jahren die letzte #chronos Kolumne. Danke fürs Lesen, Kommentieren, Kritisieren und Loben.