#chronos (1902)

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1902GMCWer 1902 die Aufmerksamkeit des männlichen Geschlechts auf sich ziehen wollte, trug immer noch das Sans-Ventre-Korsett, das Ohne-Bauch-Korsett, das seitlich betrachtet, die berühmte S-Form zeigte. Die Feministin Anne de Rochechouart de Mortemart (1847–1933) hielt nichts von solchen Selbstkasteiungen. Sie war nicht nur die erste Französin, die den Führerschein machte, sondern auch gleich der erste Mensch, der einen Strafzettel wegen erhöhter Geschwindigkeit erhielt. Ob die Urnichte der Champagnerkönigin «Veuve Clicquot» ein Glas zu viel hatte, ist nicht überliefert. Auf jeden Fall hatte sie mit 40 km/h eine krasse ­Übertretung begangen. Die laufend verbesserten Leistungen der Automobile machten es den ­Fahrern zu­- nehmend schwer, das Tempo der «pferdelosen Wagen», wie sie damals noch hiessen, richtig einzuschätzen. Auf der Rennbahn lag der Rekord bereits bei über 100 km/h.

In Erwartung einer Beschleunigung auch bei normalen Strassenfahrzeugen entwickelte der deutsche Ingenieur Schulze einen Wirbelstrom-­Tachometer und meldete diesen 1902 beim ­Kaiserlichen Patentamt in Berlin an. Erste Entwürfe für ein solches Instrument hatte bereits Leonardo da Vinci gezeichnet, die ersten Tachos wurden jedoch erst 1817 von Diedrich Uhlhorn für Textilmaschinen eingesetzt, ab 1844 für Eisenbahnen. Schulze war jedoch der Erste, der einen Tachometer für ­Strassenfahrzeuge erfand und patentieren liess. Wie so oft leiden geniale Erfinder unter einer gewissen ­Inselbegabung, die sich nicht auf andere Lebensbereiche erstreckt. Mangels Fähigkeiten im unternehmerischen Bereich sah sich Schulze gezwungen, die Kommerzialisierung (und die Früchte) seiner Erfindung einem andern zu überlassen.

Bei Arbeiterunruhen in Batumi, einer Hafenstadt am Schwarzen Meer, wurde der 22-jähriger Russe Jossif Wissarionowitsch Dschugaschwili verhaftet. Zehn Jahre später sollte dieser Georgier den Kampfnamen «Der Stählerne» annehmen, es war der Diktator und Massenmörder Josef Stalin.

1902 hatte das Goldene Zeitalter der ­Antarktis-Forschung bereits begonnen, eine Expedition jagte die nächste, die Polarforscher entdeckten neue Inseln und gewannen ­geografische und naturwissenschaftliche Erkenntnisse. Besonders dramatisch verlief die erste deutsche Antarktisexpedition unter der Führung des unerschrockenen Geologie­professor Erich von Drygalski. Das Forschungsschiff blieb ganze 14 Monate im Eis stecken. Erich von Drygalski überflog mit einem ­Fesselballon die Unglücksstelle und brachte eine der ersten Luftaufnahmen der Antarktis mit nach Hause. Sein Bericht über die zweijährige Expedition umfasste zwanzig Bände und zwei ­Atlanten.

Neuland beschritt 1902 auch der Filmpionier Georges Méliès mit der Pariser Uraufführung seines 16-minüten Science-Fiction-Films «Die Reise zum Mond». Basierend auf den Romanen von Jules Verne und H. G. Wells erschuf er einen Klassiker der Filmgeschichte.

Mit der Vergangenheit hatte sich hingegen der Pfarrerssohn Theodor Mommsen (1817–1903) ein Leben lang beschäftigt. Der bedeutendste Historiker der Altertumswissenschaften erhielt 1902 für sein Jahrhundertwerk «Römische Geschichte» den Nobelpreis für Literatur. Er hielt wenig von Cicero, den er «der Partei der materiellen Interessen» zuordnete und schrieb, was man auch über einige Politiker der ­Gegenwart schreiben könnte: «Als Staatsmann ohne Einsicht, Ansicht und Absicht hat er nacheinander als Demokrat, als Aristokrat und als Werkzeug der Monarchen figuriert und ist nie mehr gewesen als ein kurzsichtiger Egoist.»

© Basler Zeitung; 22.07.2016

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