#chronos (1906)

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Es begann um 05.12 Uhr in der Früh und dauerte nur gerade 43 Sekunden. Genug, um die beiden ­Erdplatten, auf denen San Francisco gebaut ist, um sechs Meter zu verschieben. Ganze Stadtteile stürzten ein und begruben die schlafende ­Bevölkerung auf einer Fläche von 13 Quadrat­kilometern unter den Trümmern. Nach dem Beben der Stärke 8,3 brachen überall Feuer aus, die von geborstenen Gasleitungen genährt wurden. Die Löscharbeiten waren schwierig, weil auch die Wasserleitungen zerstört waren und ­etliche Hausbesitzer ihre Häuser mutwillig ­abfackelten, da die Versicherungen bei Feuer, aber nicht bei Erdbeben Schadenersatz leisteten. ­Hunderte von Plünderern wurden ohne Vorwarnung erschossen.

Für das Automobil bedeutete das Jahrhundertbeben den Durchbruch. Galt das Auto bisher eher als Statussymbol der Reichen, bewiesen die Lkw-Konvois, die den Überlebenden Hilfe ­brachten, ihre Schnelligkeit und Robustheit unter Extrembedingungen.

Das Drama, das mittels Telegrafie, Print­medien und Fotografie weltweit verbreitet wurde, sorgte für globales Entsetzen. Wie schon nach dem Grossen Beben von Lissabon (1755) entbrannte eine Diskussion über die Theodizee, die der schottische Philosoph David Hume (1711–1776) damals wie folgt beantwortet hatte: «Will Gott Böses verhindern, kann es aber nicht? Dann ist er impotent. Kann er es, aber will es nicht. Dann ist er bösartig.»

In Frankreich wurde im gleichen Jahr ein Gesetz in Kraft gesetzt, dass Kirche und Staat vollständig trennt. ­Religion war nun Privatsache wie Kuchen backen oder ­Fussball spielen.

Ein anderer Erlass bewirkte die Rehabilitierung des jüdischen Offiziers Alfred Dreyfus. Der französische Artillerie-Hauptmann war von einem Pariser Kriegsgericht wegen angebliche Landesverrats verurteilt worden. Antisemi­tische, klerikale und monarchistische Printmedien ­diffamierten jeden, der die Rechtmässigkeit in Zweifel zog. Nachdem der Schriftsteller Emile Zola in seinem Artikel «J’accuse..!» Kritik geübt hatte, musste dieser gar aus dem Land fliehen. 1906 hob das Oberste Berufungsgericht das Urteil auf, Dreyfus wurde rehabilitiert.

Amerikanische Infanteristen besetzten die Republik Kuba und gliederten sie in das ­Verwaltungsgebiet der USA ein. Wenig zimperlich waren auch die Engländer in ­Britisch-Indien. Sie erwirkten mit dem Segen Chinas die totale Entmündigung Tibets. England erhielt das Exklusivrecht, in Tibet Handel zu ­treiben, Telefonleitungen und Strassen zu bauen und Militärstützpunkte zu errichten.

Wieso sind eigentlich Schafhaare im ­Gegensatz zu menschlichen Haaren dauerhaft gelockt? Um der Sache auf den Grund zu gehen, erlernte Karl Nessler (1872–1951) den Barbierberuf, tingelte durch Europa und verliebte sich in Paris in die schöne Katharina. Er bat jedoch nicht um ihre Hand, sondern um drei Strähnen ihres Haares. Nach drei Versuchen hatte er mit seinem selbst gebastelten Hitzestab nicht nur ihre ­Kopfhaut versengt, sondern die «Dauerwelle» erfunden. Sie heiratete ihn trotzdem. Mit seinem patentierten Lockenwickler wurde er vermögend und residierte später an der Londoner Oxford Street. Bei Ausbruch des Krieges wurde er als feindlicher Ausländer enteignet und interniert. Nach Kriegsende schaffte er in New York ein ­fulminantes Comeback mit 500 Mitarbeitern. Er verkaufte seine Firma und investierte den Erlös in Kupferaktien. Der Börsencrash von 1929 kam einer zweiten Enteignung gleich. Nach diesem Unglück kam auch noch Pech dazu: Sein Haus brannte nieder und mit ihm all seine ­Aufzeichnungen und Lizenzverträge.

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