Interview Hessischer Rundfunk

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Anmoderation: Kai Völker

Vor genau 90 Jahren sind sie zum ersten Mal in ein Abenteuer gezogen. Der junge Mann mit der hochstehenden Locke und sein kleiner weißer Hund. Tim und Struppi haben Millionen Leser in der ganzen Welt begeistert. Was wir heute über ihren Erfinder Hergé wissen, begeistert dagegen wenig. Claude Cueni, Buch- und Fernsehautor aus Basel, hat über Hergé recherchiert. Und einen Essay und einen Roman geschireben. Hallo, Claude Cueni!

Hergé, der Erfinder von Tim und Struppi, stand den belgischen Nazis nah. Merkt man das den Geschichten von Tim und Struppi an?

Heute kaum noch. Die ersten Alben erschienen ja ab 1929 in Schwarzweiss und wurden später von Hergé und seinen unterschlagenen Co-Autoren gekürzt, koloriert und laufend der political correctness angepasst. Das einzige was erhalten geblieben ist, sind die antisemitischen Zeichnungen des  skrupellosen jüdischen Bankiers Bohlwinkel im Geheimnisvollen Stern.

Seine Nähe zu den Ideen der Nazis hat Hergé und dem Erfolg seiner Geschichten rund um Tim und Struppi nie geschadet. Das ist aus heutiger Sicht kaum zu verstehen. Haben Sie eine Erklärung?

Das hat ihm anfangs schon geschadet. Nach dem Krieg wurde er ja viermal als Nazi-Kollaborateur verhaftet, verbrachte eine Nacht im Gefängnis, verlor für zwei Jahre sämtliche Bürgerrechte, wurde mit einem Berufsverbot belegt… aber der Rechteinhaberin Moulinsart ist es gelungen, mit Hilfe zahlreicher Fans, die heute als Autoren oder Journalisten arbeiten, den Mythos Herge zu erschaffen. Eine grossartige Geschichtsfälschung.

Sie selber sind mit den Geschichten von Tim und Struppi groß geworden. Sie haben die Geschichten verschlungen und geliebt. Geht das auch heute noch, wo sie die ganze Geschichte von Hergé kennen?

Gute Frage. Als Kind liebt man Tim & Struppi und interessiert sich nicht für Hergé. Wenn ich mir heute eine Haddock-Büste kaufe oder eine Mondrakete, kaufe ich Kindheitserinnerungen. Wir erinnern uns nicht an Hergé, sondern an die Abenteuer von Tim & Strupi, an die Zeit, in der wir der Erwachsenenwelt entflohen und im Schatten des Arumbaya Fetisch vor uns hinträumten.

Für viele Fans von Tim und Struppi war sicher auch ihr Erfinder Hergé ein Held. Sie haben ihn vom Sockel gestoßen. Wie waren die Reaktionen?

Es gab einen Shitstorm aus Belgien und Frankreich. Ich habe damit gerechnet und deshalb im Anhang des Romans WARTEN AUF HERGE 143 Quellen aufgeführt, alles ist transparent, jeder kann es überprüfen und trotzdem die Fakten schönreden. Ich habe damit kein Problem, wir leben in eine freien Land. Und wissen Sie, wenn Sie es allen recht machen wollen, müssen sie am morgen im Bett bleiben.

Mit welchem Zitat würden Sie Hergé am besten charakterisieren?

»Wenn mir eine Idee gefällt, assimiliere ich sie vollständig, und ich vergesse augenblicklich und für immer, dass sie von einem anderen stammt.«

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