05.03.2026 Weltwoche: Der Eisbär. Wappentier des Zeitgeists

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Wappentier des Zeitgeists
Jede Generation hat ihren Eisbären.
Claude Cueni


Nach dem Zweiten Weltkrieg öffnete der Berliner Zoo wieder seine Tore und setzte zu PR-Zwecken auch auf kostümierte Eisbärenfiguren. Der Eisbär war weiss, exotisch und fotogen, er verkörperte Reinheit, Arktis, Abenteuer und gezähmte Wildnis. Mit seinem hellen Fell war er das ideale Maskottchen für die damalige Schwarzweissfotografie. In einer Zeit, in der Bilder noch kostbar waren, funktionierte er als Kontrastfigur zwischen Mensch und Natur.

Der Bär hat eine lange Tradition. Egal, ob weiss, braun oder schwarz: In zahlreichen Kulturen wurde er als mächtiges Totemtier verehrt. In nordischen und arktischen Kulturen galt er als geistesverwandtes Wesen, das während des Winterschlafs spirituelle Kraft schöpft. In der finnischen Mythologie ist er der göttliche Botschafter. Die Helvetier verehrten Artio, die Bärengöttin, die mütterliche Begleiterin des Menschen. In Europa galt der Bär im Mittelalter als «König der Tiere», bis ihn der Löwe in der höfischen Symbolik ablöste. Bei den Lakota-und Sioux-Indianern wurde er als Medizinbär verehrt.

Kurorte, Seebäder, Jahrmärkte

Schon lange bevor er zum Fotomotiv wurde, war er Projektionsfläche für Macht, Wildheit, Kraft, Weisheit und die Schwelle zur Anderswelt. Der Eisbär brachte diese Traditionslinie in die Nachkriegsmoderne, allerdings in gezähmter, harmloser Form.

Die PR-Aktion des Berliner Zoos war eine Sensation und eroberte rasch Kurorte, Seebäder, Jahrmärkte, Volksfeste und Tierparks. Wanderfotografen reisten mit ihren kostümierten Assistenten an touristische Hotspots und konnten dank mobiler Schnelllabore und beschleunigter Entwicklungsverfahren Feriengäste für einen Fototermin gewinnen. Das Bild war meist nach einer halben Stunde abholbereit. Diese relative Unmittelbarkeit war damals revolutionär.

Die Eisbär-Fotografie der Nachkriegszeit war ein Ereignis. Bilder waren keine Schnappschüsse aus dem Alltag, sondern gerahmte Beweise eines ungewöhnlichen Ausflugs, den man sich leisten konnte. Das Motiv funktionierte wie eine frühe Form des Selfies: Der Mensch positionierte sich neben dem Aussergewöhnlichen, um an dessen Aura teilzuhaben. Der Eisbär war deshalb mehr als Dekoration, er erhöhte den symbolischen Wert des Fotos. Wer mit ihm posierte, dokumentierte nicht nur einen Ausflug, sondern einen Aufstieg: zurück ins Leben, zurück in die Normalität.

Zwischen 1954 und 1959 erreichte die Eisbär-Mania ihren Höhepunkt. Das sogenannte Wirtschaftswunder steigerte Kaufkraft und Lebensfreude. Man besuchte Kurorte, trug wieder Sonntagskleidung und posierte mit dem Bären, der längst Kult geworden war. Die Bilder dokumentierten nicht nur Ferien, sondern einen Neubeginn. Nach Jahren der Entbehrung war das Posieren mit einem exotischen Tier ein Symbol des wiedergewonnenen Wohlstands.

Doch der Vorläufer des Selfies musste bereits in den 1960er Jahren dem Fortschritt weichen. Waren 1953 in Deutschland erst rund tausend Fernsehgeräte angemeldet, waren es 1962 bereits über 4 Millionen. Das neue Medium brachte die Welt ins Wohnzimmer: den Krimi-Sechsteiler «Das Halstuch», die Olympischen Spiele, Naturkatastrophen, Raumfahrt, Kennedy und die Swinging Sixties. Die Sensation war nicht mehr der Eisbär im Kurort, sondern die Welt in Echtzeit.

Sein Weiss stand für Reinheit

Private Kameras wurden erschwinglich, der Mittelstand konnte sich einen VW Käfer, eine BMW Isetta oder einen Lloyd 300 leisten. Der Autotourismus begann. Die Ostsee und der Schwarzwald wichen Italien, Spanien und Griechenland. Das Exotische lag nun im Süden, an den sonnenverwöhnten Stränden rund ums Mittelmeer. Der Eisbär hingegen wirkte plötzlich provinziell, fast folkloristisch. Die Kostüme verschwanden auf den Dachböden.

Doch der Eisbär verschwand nicht ganz. Das Motiv überlebte. In den 1980er Jahren tauchte er erstmals in der Weihnachtswerbung auf. 1993 erlebte er den globalen Durchbruch in den animierten Spots von Coca-Cola. Nun war er weichgezeichnet, familiär, knuddelig. Aus dem exotischen Riesen wurde ein Konsumbotschafter. Sein Weiss stand für Frische, Winter, Reinheit. Der Bär war endgültig im Mainstream angekommen.

Ab den 2000er Jahren verschob sich erneut seine Bedeutung. Parallel zur Kommerzialisierung begann die Politisierung. NGOs und Umweltorganisationen entdeckten im Eisbären das perfekte Symbol für den Klimawandel. Das Tier, das tatsächlich vom Meereis abhängt, wurde zur Ikone der globalen Erwärmung. In zahllosen Bildern sitzt es einsam auf einer Scholle. Der gutmütige Riese aus dem Eis wurde zum melancholischen Mahnmal. Die Fotografie des einsamen Bären auf der schmelzenden Scholle ging um die Welt. Es war fotografisch möglich, aber zugespitzt.

Der reale Eisbär ist ein Meereisjäger, der über hundert Kilometer schwimmen kann und an extreme Schwankungen angepasst ist. Das ikonische Bild des hilflosen Einzelgängers ist weniger naturkundliche Dokumentation als symbolische Zuspitzung. Der Eisbär wurde erneut Projektionsfläche, diesmal für Verlust und Verletzlichkeit.

Es ist kein Zufall, dass ausgerechnet er zur Ikone des global warming wurde. Er lebt in einer Region, die für die meisten Menschen abstrakt bleibt. Kaum jemand hat das arktische Packeis an Ort und Stelle erlebt. Der Eisbär bietet ein emotional zugängliches Bild. Er ist gross genug, um Respekt zu wecken, und zugleich kindlich genug, um Schutzinstinkte auszulösen. Seine weisse Silhouette auf dunklem Wasser erzeugt maximale visuelle Wirkung. Kaum ein anderes Tier vereint so viel symbolisches Kapital.

Es war der Berliner Tiergarten, der 2006 mit dem Eisbären Knut einen neuen Hype auslöste. Das Bärenbaby mit dem kuscheligen Fell eroberte die Herzen der Besucher und ging international viral. Fernsehsender aus China, den USA, Japan, Südafrika und Indien berichteten über das Phänomen. Die deutsche Ausgabe des People-Magazins Vanity Fair titelte ein Jahr später: «Ich, Knut. Ein Weltstar aus Deutschland». Die Deutsche Post AG widmete ihm eine Briefmarke, das Bundesumweltministerium schlug ihn 2008 als Symbolfigur für die 9. Uno-Naturschutzkonferenz vor. Politiker drängten auf Selfies. Knut wurde zur Marke, zur Geldmaschine. Doch 2011 ertrank er nach einem epileptischen Anfall im Wassergraben seines Geheges. Vor den Augen der Besucher.

Rückblickend erscheint das kostümierte Eisbärenfoto wie ein früher Prototyp heutiger Inszenierungen. Ob im Walt Disney World Resort in Florida, im Asterix-Park bei Paris oder bei Madame Tussauds, überall posieren Menschen mit Figuren, die sie bewundern. Manchmal sind es bloss Erinnerungen an eine Kindheit, die noch unbeschwert war. So hat jede Epoche ihren eigenen Eisbären erschaffen. Ein Tier, drei Narrative: Erlebnis, Konsum, Moral.

Grösstes Landraubtier der Erde

Doch möglicherweise steht eine vierte Phase bevor. Die Analysten des «Bank of America Global Research» prognostizieren für 2060 bis zu 3 Milliarden KI-gesteuerte Roboter. Derzeit konkurrieren mehrere Unternehmen weltweit um den ersten marktfähigen humanoiden Allzweckroboter, der selbst Entscheidungen treffen kann. Noch dominieren technische Fragen wie Beweglichkeit, Sicherheit und Energieversorgung. Doch wie bei den Smartphones oder den Automobilen wird die Technik mit der Zeit konvergieren. Funktion wird Standard. Dann entscheidet Design. Alles wird kulturell codiert sein: Form, Oberfläche, Material, Stimme, Mimik. Einige werden nüchtern und industriell wirken, andere freundlich, charismatisch und verspielt. Wahrscheinlich werden sie personalisierbar sein, mit austauschbaren äusseren Hüllen. Man wird auf bereits bekannte Symbolfiguren zurückgreifen, denn ein vertrautes Motiv senkt die Schwelle der Akzeptanz. Die einen werden einen Butler wählen, die anderen Elvis Presley, eine erotische Figur oder Cristiano Ronaldo, Kinder vielleicht Monkey D. Ruffy, Spiderman, Micky Maus oder den weissen Riesen aus der Arktis. Vom Souvenirfoto über die Weihnachtswerbung bis zum Klimasymbol hat er bewiesen, wie flexibel ein Motiv sein kann.

In jeder Epoche entstehen Erinnerungen für die Nachwelt. Im 19. Jahrhundert waren es Monumente aus Stein und Bronze, im 20. Jahrhundert Markenfiguren und Fernsehbilder, im 21. Jahrhundert digitale Avatare. Auch wenn die Technik mittlerweile rasende Fortschritte macht, die menschlichen Bedürfnisse bleiben.

Deshalb wird der ikonische Eisbär, das grösste Landraubtier der Erde, überleben. Die indigenen Völker erkennen in ihm einen fast menschenähnlichen Geist. Sie nennen diesen Koloss, der bis zu 600 Kilo wiegen und bis zu drei Meter lang werden kann, den «grossen Wanderer». Vom Selfie der 1950er Jahre zur Ikone des global warming war es ein langer Weg. Aber er ist noch nicht zu Ende.



 

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