#chronos (1972)

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Unknown«Mein Na­me ist Moe Green! Ich hab schon den Ers­ten um­ge­bracht, als du noch in den Win­deln lagst!» Die ers­te Fol­ge der Tri­lo­gie «The God­fa­ther» kam 1972 in die Ki­nos. Pa­ra­mount hat­te dem Schrift­stel­ler Ma­rio Pu­zo die Film­rech­te an sei­nem gleich­na­mi­gen Ro­man für 12 500 US-­Dol­lar ab­ge­kauft und den da­mals 31-jäh­ri­gen Fran­cis Ford Cop­po­la mit ei­nem Bud­get von sechs Mil­lio­nen be­traut. Der Film wur­de mit Mar­lon Bran­do in der Hauptrol­le ein Mei­len­stein der Film­ge­schich­te und spiel­te bis heu­te über ei­ne Vier­tel­mil­li­ar­de ein. Ei­ni­ge mein­ten, der Film sei «der bes­te Wer­be­spot für die Ma­fia, der je ge­dreht wur­de». Als kürz­lich der Sarg des Ma­fia­bos­ses ­Vit­to­rio Ca­sa­mo­ni­ca in ei­ner gol­de­nen Kut­sche durch die Stras­sen Roms ge­führt wur­de, er­schall­te der So­undtrack «The God­fa­ther» und em­pör­te die ita­lie­ni­sche Pres­se.

Einen «Bloo­dy Sun­day» er­leb­ten auch 13 un­be­waff­ne­te Zi­vi­lis­ten, die bei ei­ner De­mons­tra­ti­on in Nordir­land von bri­ti­schen Fall­schirm­jä­gern er­schos­sen wur­den. Blu­tig gin­gen auch die ­Olym­pi­schen Som­mer­spie­le in Mün­chen zu En­de. Mit­glie­der der pa­läs­ti­nen­si­schen Ter­ro­r­or­ga­ni­sa­ti­on «Schwar­zer Sep­tem­ber» hat­ten elf is­rae­li­sche Sport­ler des Olym­pia-Teams als Gei­seln ge­nom­men und die Frei­las­sung von 232 Pa­läs­ti­nen­sern ge­for­dert. Bei der ver­such­ten Gei­sel­be­frei­ung ka­men al­le Gei­seln, fünf Ter­ro­ris­ten und ein ­Po­li­zist ums Le­ben.

Un­blu­tig en­de­te die ­Ent­füh­rung ei­nes Jum­bo-Jets von Frank­furt in den Süd­je­men. Die ara­bi­schen Ter­ro­ris­ten er­hiel­ten fünf Mil­lio­nen Dol­lar Lö­se­geld und ­ani­mier­ten wei­te­re Ter­ror­grup­pen zu Flug­zeu­gent­füh­run­gen. In Deutsch­land wur­den mit An­dre­as Baa­der und Ul­ri­ke Mein­hof der Kopf der «Ro­ten Ar­mee Frak­ti­on» ver­haf­tet.

Doch das männ­li­che Ge­schlecht in­ter­es­sier­te sich mehr für das Ma­ga­zin ­Play­boy, das erst­mals in ei­ner deut­schen Aus­ga­be auf den Markt kam, ob­wohl be­reits die ame­ri­ka­ni­sche Aus­ga­be nicht sehr text­las­tig war.

In den USA be­herrsch­ten Vi­et­nam­krieg und Wa­ter­ga­te-Af­fä­re die Schlag­zei­len. In Wa­shing­ton wa­ren fünf Ein­bre­cher beim Ver­such ver­haf­tet wor­den, in das Haupt­quar­tier der De­mo­kra­ti­schen Par­tei ein­zu­bre­chen, um Ab­hör­wan­zen zu in­stal­lie­ren und Do­ku­men­te zu fo­to­gra­fie­ren. Den an­sch­lies­sen­den Ver­tu­schungs­ma­nö­vern und ­Jus­tiz­be­hin­de­run­gen durch die Ni­xon­re­gie­rung folg­ten wei­te­re Ent­hül­lun­gen: Il­le­ga­le Par­tei­spen­den, Ver­kauf von Bot­schaf­ter­pos­ten und Re­gie­rungs­be­schlüs­sen, Steu­er­hin­ter­zie­hun­gen des Prä­si­den­ten.

Die 70er-Jah­re wa­ren das se­xu­ell ­frei­zü­gigs­te Jahr­zehnt des 20. Jahr­hun­derts, bis Ai­ds 1981 der frei­en Lie­be ein En­de setz­te. Ero­tik do­mi­nier­te auch die US-Charts des Jah­res 1972: Chuck Ber­ry be­sang sein «Ding-A-Ling», die ­bri­ti­sche Rock­band The Sweet ih­ren «Litt­le Wil­ly», Neil Young war im­mer noch auf der Su­che nach ei­nem «He­art of Gold», wäh­rend Gil­bert ­O’Sul­li­van «Alo­ne Again» war.

Die «Gren­zen des Wachs­tums» war kein neu­er Best­sel­ler des da­mals po­pu­lä­ren Se­xon­kels und Best­sel­ler­au­tors Os­walt Kol­le über die erek­ti­le Dys­funk­ti­on, son­dern ein Sach­buch des ­re­nom­mier­ten «Club of Ro­me». Füh­ren­de ­Wis­sen­schaft­ler aus 30 Län­dern hat­ten ein ­düs­te­res Bild un­se­rer Zu­kunft pro­gno­s­ti­ziert: Die Re­vo­lu­ti­on von In­ter­net und Mo­bi­les hat­ten sie zwar nicht vor­aus­ge­se­hen, aber das Auf­brau­chen der welt­wei­ten Roh­stof­fe durch un­ge­zü­gel­tes Wirt­schafts­wachs­tum. Nebst Dür­ren bib­li­schen Aus­mas­ses, soll­te auch die west­li­che Au­to­mo­bil­in­dus­trie durch ja­pa­ni­sche Bil­li­gim­por­te zer­stört wer­den. Ein klei­ner Trost war im­mer­hin, dass wir im Jah­re 2010 eh kei­nen Trop­fen Erd­öl mehr ha­ben wür­den. Wann ha­ben Sie ei­gent­lich das letz­te Mal ge­tankt?

Clau­de Cue­ni ist Schrift­stel­ler und lebt in Ba­sel. www.cue­ni.ch

© Basler Zeitung, 25.9.15

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