110 Blick »Freie Rede und reiche Wichser«

 

«Wieso gehört am Ende alles reichen Wichsern, die machen können, was sie wollen?», kommentierte ZDF-Moderator Jan Böhmermann den Verkauf von Twitter an Elon Musk. Solche Sätze wird er auch in Zukunft twittern dürfen, denn das Ziel von Elon Musk ist «free speech». Freie Rede bedeutet das Recht, Dinge zu sagen, die niemand hören will.

Ist Böhmermann, der mit den Regelungen der US-Aufsichtsbehörde SEC offenbar nicht vertraut ist, auch ein «reicher Wichser», nur weil er gemäss Vermögensseiten geschätzte fünf Millionen besitzt? Es ist komplizierter. Das schnoddrige Etikett hängt nicht wirklich vom Vermögen ab.

Klimaaktivistin Carla Reemtsma (24) erbte im Schlaf ein millionenschweres Aktienpaket. Zusammen mit ihrer Cousine Luisa Neubauer und Millionärin Greta Thunberg sind sie die Opinion Leaders der deutschen Klimabewegung. Sie haben in ihrer Kindheit alles genossen, was die Verbrennung fossiler Stoffe möglich machte, sind privilegiert um die Welt gereist, haben den Altersrassismus salonfähig gemacht und monetarisieren auf Twitter sehr erfolgreich den unmittelbar bevorstehenden Weltuntergang. Werden sie dafür kritisiert? Entbindet die «richtige Gesinnung» von jedem Verdacht? Gab es einen Shitstorm, als Multimilliardär Jeff Bezos die «Washington Post» kaufte?

Elon Musik verdiente sein Vermögen nicht mit Reden, sondern mit Taten. Mit Tesla und Solarcity tut er mehr für das Klima als der gesamte Akademikernachwuchs, der sich mit Märtyrermiene auf Kreuzungen klebt und die Leute davon abhält, rechtzeitig zur Arbeit zu erscheinen. Schmälert sein finanzieller Erfolg mit SpaceX seine Verdienste?

Celebrities drohen wie üblich mit dem Verlassen von Twitter (und werden trotzdem bleiben). Was fürchten sie denn? Hass und Hetze? Die Grenzen der Meinungsfreiheit zieht der Gesetzgeber und nicht die aktuelle Woke-Redaktion des Kurznachrichtendienstes. Gemäss einer Twitter-Umfrage sagen 70 Prozent der Teilnehmer, dass es auf Twitter keine Meinungsfreiheit mehr gibt.

Musk setzt um, was der französische Philosoph Voltaire am Vorabend der Aufklärung forderte und hofft, dass auch «seine schlimmsten Kritiker auf Twitter verbleiben werden». Denn das sei genau das, was mit «free speech» gemeint sei.

107 Blick »Tote Pferde kann man nicht reiten«

Der kleine Junge erschrak zu Tode. Ein zotteliger Eisbär von zwei Meter Länge hatte seine riesigen Pranken auf seine Schultern gelegt. Er schrie, doch seine Eltern lachten ihn aus. Sie befahlen ihrem Sohn, endlich stillzuhalten, damit der Fotograf an der Strandpromenade Ostseebad ein unverwackeltes Bild schiessen konnte. 

Heute findet man ab und zu auf Flohmärkten vereinzelt Schwarz-Weiss-Fotos, auf denen Touristen mit einem Eisbären posieren. Die Unbekannten im Eisbärenkostüm sitzen auf Motorrädern, posieren mit US-Soldaten, schieben Kinderwagen, stehen stramm neben Geschäftsleuten in feinem Tuch oder herzen Frauen in Badeanzügen in einer zweideutig frivolen Art, die heute eine hysterische Bärenjagd auslösen würde

Den Hype ausgelöst hatte der Berliner Zoo in den 1920er-Jahren. Um die Attraktivität zu erhöhen, steckte er einen hitzebeständigen Angestellten in ein schneeweisses Eisbärenkostüm und schickte ihn zusammen mit einem Fotografen vor den Eingang. Heute kann man in den Niederlassungen von Madame Tussauds in London, New York oder Shanghai mit Albert Einstein, Queen Elisabeth oder Dwayne Johnson posieren. Damals waren solche Erinnerungsfotos so aussergewöhnlich, dass daraus ein Geschäft wurde. Eingespielte Duos traten an Jahrmärkten auf und sicherten sich damit ein gutes Einkommen. Ein Fotoshooting kostete mehr, als ein Arbeiter in der Stunde verdiente. 

Nie das Ende von allem

Ende der Sechzigerjahre besassen immer mehr Menschen einen eigenen Fotoapparat, Kameras aus Fernost eroberten den Massenmarkt, das Schwitzen im Eisbärenkostüm hatte ein Ende. Die Fotografen suchten sich neue Sujets, denn «auf toten Pferden kann man nicht reiten». Wer die Weisheit der Dakota-Indianer nicht beherzigte, den bestrafte das Leben. Kostümierte Maskottchen wurden im Fussball, in Disneyparks und vor Fast-Food-Ketten gebräuchlich, aber die Zeit der Eisbären war endgültig vorbei. 

Der technische Fortschritt beendet sowohl die kleinen als auch die grossen Hypes, die der Zeitgeist ausscheidet. Er lässt Branchen sterben und neue entstehen. Das Ende von etwas ist nie das Ende von allem.

Die Eisbären sind verschwunden, der Drang nach dem «besonderen Foto» ist geblieben. Im Selfiezeitalter ist jeder sein eigener Eisbär.

096 »Die Lust am Weltuntergang«

Hintergrund: Ab Montag, den 4. Oktober 2021 will Extinction Rebellion Zürich lahmlegen, um die Regierung zum Handeln zu zwingen.


«Wir werden die Regierung zum Handeln zwingen. Und falls sie nicht handeln, werden wir sie in die Knie zwingen und eine Demokratie kreieren, die fit ist für unser Ziel. Und ja, einige könnten sterben bei diesem Prozess.» Das sind die Worte von Antidemokrat Roger Hallam, Mitbegründer von Extinction Rebellion (XR), nachzusehen in einem Video vom 4. Februar 2019. Noch deutlicher äussert sich der andere Co-Gründer, Stuart Basden, der am 10. Januar 2019 einen Essay in den sozialen Medien veröffentlichte, wonach es bei XR gar «nicht um das Klima geht», sondern um einen «Great Reset».

Offiziell spendet die Organisation Climate Emergency Fund bis zu 500’000 Pfund für die öffentlichen Inszenierungen der «esoterischen Weltuntergangssekte» (Jutta Ditfurth), die bis vor kurzem ihre Homepage noch mit Totenköpfen schmückte. CEO ist Trevor Neilson, der zusammen mit einem Enkel von Warren Buffett die Investmentholding I(x) Investments gründete.

Aktienfonds, die auf einen «Great Reset» spekulieren, liegen im Trend. Der schwedische PR-Manager und Finanzunternehmer Ingmar Rentzhog gründete das Unternehmen «We don’t have time», bestehend aus einer Aktiengesellschaft und einer Stiftung. Rentzhog ist Mitglied des Climate Reality Project des früheren US-Vizepräsidenten Al Gore. Er gilt als Entdecker von Greta Thunberg. Sie sass vorübergehend im Vorstand seiner Stiftung. Dank Greta, die mittlerweile mit ihrer Familie in Antifa-Shirts posiert, konnte Rentzhogs Aktiengesellschaft Millionen an Frischgeldern generieren.

Financiers bezahlen Aktivisten, die Regierungen erpressen

Wenn jemand in grüne Technologien investiert, ist das eine sehr gute Sache. Problematisch wird es, wenn Financiers zur Förderung ihrer Investments kostümierte Aktivisten bezahlen, die demokratisch gewählte Regierungen mit der Androhung strafbarer Handlungen erpressen.

Heiligt der Zweck die Mittel? XR meint Ja. Ähnlich wie die Finanzsekte Scientology ködert XR Jugendliche, die aufgrund des altersbedingten Mangels an Lebenserfahrung anfällig sind für groteske Angstkampagnen. Dringend notwendige Innovationen zum Schutz der Umwelt werden jedoch von aktiven Forschern in den Labors entwickelt und nicht von passiven Street-Potatoes, die andere daran hindern, zur Arbeit zu gehen.

Claude Cueni (65) ist Schriftsteller und lebt in Basel. Er schreibt jeden zweiten Freitag im Blick. Zuletzt erschienen bei Nagel & Kimche «Genesis – Pandemie aus dem Eis» und «Hotel California».

091 Blick »Muss Schneewittchen sterben?«

Seit 1955 schläft Schneewittchen in einem der meistbesuchten Freizeitparks der Welt, im Disneyland Resort in Kalifornien. Die Pandemie zwang die Betreiber vorübergehend zur Schliessung. Nach 400 Tagen endlich die Wiedereröffnung. Die Tageszeitung «San Francisco Chronicle» sandte zwei Woke-Journalistinnen zur Inspektion.

Die beiden Expertinnen blieben wie versteinert vor dem schlafenden Schneewittchen stehen, die von einem Prinzen wachgeküsst wird, und stellten die Frage, die zum Politikum wurde: Hätte der Prinz Schneewittchen, die 1812 in einen komatösen Schlaf verfiel, nicht zuerst um Erlaubnis fragen sollen, bevor er sie wachküsst?

Da sie schlief, wäre das selbst für erfahrene Märchenerzähler eine Herausforderung. Hätte der Prinz sanft ihre Hand streicheln sollen? Ein No-Go in Zeiten von #MeToo!

Schwarze küsst Ladyboy wach

Die beiden Journalistinnen verlangten, dass man das über zweihundert Jahre alte Märchen der Gebrüder Grimm umschreibt. Wieso schrieben sie nicht gleich selber ein gendergerechtes Märchen mit woken Figuren?

Denkbar wäre eine schwarze Frau (nicht zu dick, nicht zu dünn, nicht zu hübsch, nicht zu sexy), die einen thailändischen Ladyboy wachküsst. Und was wird aus den sieben Zwergen? Sie sind entweder homosexuell, bisexuell, heterosexuell, fluidsexuell, sexuelle Flexitarier oder noch Forschende. Und wo bleibt die Inklusion? Wir brauchen die Zwerge in allen Hautfarben, Geschlechtern, Alters- und Einkommensklassen. Dann gibts mehr Zwerg*innen als Bäum:innen im Wald:in.

Woke-People erreichen heute nicht selten Kabarett-Niveau. Expertin Deanne Carson meint zum Beispiel, man müsse auch Babys vor dem Wickeln um Erlaubnis fragen. Leslie Kern fordert ein Verbot von Hochhäusern, weil sie diese als sexistische Symbole erkannt hat, die in den Himmel ejakulieren.

Anmassende Wohlstandsverblödung

Traut man den Online-Umfragen, halten jeweils etwa 90 Prozent der Leserschaft diese Diskussionen für ziemlich bescheuert. Es ist somit vor allem ein Medienthema, eine peinliche Anbiederung an den Zeitgeist, der von einer anmassenden Minderheit im elitären Milieu ausgebrütet wird.

Wenn man bedenkt, wie Menschen in Armutsländern täglich um das nackte Überleben kämpfen, empfindet man diese Wohlstandsverblödung zum Fremdschämen.


Claude Cueni (65) ist Schriftsteller und lebt in Basel. Er schreibt jeden zweiten Freitag im Blick. Kürzlich erschien im Verlag Nagel & Kimche sein Roman «Hotel California – Botschaft an Elodie».


 

090 Blick »Gringokiller«

© Blick 9.7.2021

Für die Schärfe von Chili gibt es sogar eine eigene Messskala. Die Sorte, die obenausschwingt, ist nichts für schwache Geschmacksnerven. Kein Wunder, wird Chili auch als Waffe eingesetzt. Und manchmal als Potenzmittel.


Claude Cueni

Die Zunge brannte, die Speiseröhre stand in Flammen, das Herz raste, und bevor Christoph Kolumbus zusammenbrach, schossen entzündungshemmende Endorphine in sein Gehirn und linderten den Schmerz.

Nachdem Kolumbus 1492 nicht Indien, sondern Amerika entdeckte hatte, irrte er auch bei dieser scharfen Chilischote. Er hielt sie für eine unbekannte Pfeffersorte und nannte sie ganz unbescheiden «spanischer Pfeffer». Chili war jedoch in Mittel- und Südamerika seit rund 9000 Jahren bekannt, verbreiteter als Mais, und diente als Schmerz- und Heilmittel. Die Göttin Tlatlauhqui-cihuatl-ichilzintli wachte über die rote Schote, die fast jeder Mahlzeit beigemischt wurde.

In Europa schmeckte das Essen damals unglaublich fad. Nur Könige, Adlige und Geistliche konnten sich Gewürze leisten. Die Diener Gottes verspottete man als Pfeffersäcke, weil sie in Saus und Braus lebten. Pfeffer wurde zeitweise sogar in Gold aufgewogen. Unter den Seefahrernationen war deshalb ein Wettlauf zu den sagenumwobenen Gewürzinseln ausgebrochen.

Würzen, wärmen, Angreifer vertreiben

Es gibt heute über 200 verschiedene Chilisorten mit unterschiedlichen Namen, die bekanntesten sind Jalapeño und Cayenne. Ja, der Cayenne-Pfeffer hat nichts mit Pfeffer zu tun, er besteht ausschliesslich aus Chili. Die Schoten unterscheiden sich in Geschmack, Grösse, Farbe und Schärfe recht stark voneinander. Die Schärfe ist dem brennenden Capsaicin geschuldet und wird in Scoville-Einheiten gemessen. Mexikanische Jalapeños haben weniger als 5000 Scoville, es gibt jedoch einige südamerikanische Sorten mit Spitzen von bis zu 300’000 Scoville. Die krasseste Schärfe weist der Manzano-Chili auf, nicht umsonst wird er «Gringokiller» genannt.

Während Azteken ihre Feinde zur Abwechslung dem beissenden Rauch gerösteter Chili aussetzten, würzen wir heute unsere Pfeffersprays mit Chili. Auch in der Medizin hat die Schote überlebt. Wir finden sie in Wärmepflastern, die man bei Hexenschuss auf den Rücken klebt.

Chili statt Viagra

Da Capsaicin auch die Durchblutung fördert, benützen es Experimentierfreudige als günstigen Viagra-Ersatz. Sofern man sich für Tabasco entscheidet, sollte man die Chilisauce nur über das Essen tröpfeln und nicht an der hilfsbedürftigen Körperstelle einreiben.


Claude Cueni (65) ist Schriftsteller und lebt in Basel. Im März erschien im Verlag Nagel & Kimche «Hotel California», ein Lebensratgeber in Romanform für seine Enkelin. Cueni schreibt jeden zweiten Freitag im Blick.


 

085 Blick »Hungerlöhne im sechsstelligen Bereich«

In der römischen Antike wurden Frauen aus dem normalen Volk schief angesehen, wenn sie versuchten, mit ihrer Schönheit Geld zu verdienen. In fast allen Kulturen haben die Männer strenge Regeln für die Berufstätigkeit der Frauen festgelegt. Trotzdem war es für Modehersteller notwendig, ihre neuen Kreationen mit Models präsentieren zu können. Deshalb wurden in den Villen der Adeligen oft Sklaven für den privaten Catwalk eingesetzt.

Nach dem Ersten Weltkrieg krempelte die Modeschöpferin Coco Chanel die Branche um, ihre Mannequins verliessen die privaten Salons und betraten die öffentliche Bühne unter dem Applaus von Presse, Promis und vermögenden Gästen. Die jungen Frauen, die bisher eher mobile Kleiderständer waren, wurden Models mit eigener Medienpräsenz. Sie waren keine stummen Darstellerinnen mehr, sondern entwickelten sich zu Supermodels, die für Paparazzi genauso lukrativ wurden wie Stars aus der Film- und Musikindustrie. Den erfolgreichsten Frauen gelang die Vermarktung der eigenen Berühmtheit ausserhalb der Modeltätigkeit, sie wurden Markenbotschafterinnen oder erfolgreiche Businessfrauen.

084 Blick »Hört auf, euch ständig zu entschuldigen!«

 
Kolumnist Claude Cueni über den Knigge-Ratgeber und Zeitgeist-Moralisten

Adolph Knigge wurde mit seinem Benimmratgeber weltberühmt. Dabei hielt er selber wenig von Political Correctness. Die Knigges der Gegenwart hingegen sind bornierte Zeitgeist-Moralisten, immer auf der Jagd nach dem nächsten Fauxpas.


«Man soll nie vergessen, dass die Gesellschaft lieber unterhalten als unterrichtet sein will», schrieb ausgerechnet Adolph Knigge (1752–1796), der Sohn einer verarmten Adelsfamilie. Die Mutter starb, als er elf Jahre alt war, der Vater, als er 14 war. Immerhin erbte er. Leider nur Schulden in der Höhe von 130’000 Reichstalern. Wer heute klagt, das Leben spiele nicht fair, findet Trost in historischen Biografien.

Berühmt wurde Knigge mit seinem Benimmratgeber, der seit 1788 unzählige Male dem Zeitgeist angepasst wurde. Ironischerweise hatte er selbst nicht viel übrig für die Political Correctness seiner Zeit, verspottete die «erbärmlichen Hofschranzen» und das ganze «Hofgeschmeisse» in adligen Kreisen. Mit schöner Regelmässigkeit wurde er aus Organisationen und herrschaftlichen Prinzen- und Fürstenhöfen geschmissen.

Die Knigges der Gegenwart sind bornierte Zeitgeist-Moralisten im Umfeld amerikanischer Universitäten. Zeichneten sich bisher kontroverse Debatten durch die intellektuelle Schärfe der Beteiligten aus, triumphiert heute die Lautstärke über das Argument. Die Jagd auf politisch Unkorrekte hat mittlerweile die Attraktivität von Gesellschaftsspielen.

Die Welt ist ein einziges Fettnäpfchen

Wer findet den nächsten Fauxpas? Hat jemand vor 30 Jahren sein Gesicht schwarz bemalt, als er in einem Schultheater den Othello spielte? Blackfacing! Oh, sorry. Darf ich einen Sombrero tragen? Kulturelle Aneignung! Oh, sorry. Darf man Filipinas loben, weil sie die Lebensfreude in den Genen haben? Positiver Rassismus! Oh, sorry. Darf ein Bleichgesicht die Gedichte einer Afroamerikanerin übersetzen? Darf ein Nichtitaliener eine Pizza in den Ofen schieben?

Die Empörungslust kennt keine Grenzen, die Welt, ein einziges Fettnäpfchen. Während auf dem Planeten Milliarden Menschen ohne sauberes Wasser, sanitäre Anlagen und ausreichend Nahrung ihr Dasein fristen, trampelt der Mob der Erleuchteten wie eine wild gewordene Bisonherde durch die Weiten der Internets.

Nachdem sich Knigge überall unbeliebt gemacht hatte, entwickelte er sich zum Satiriker: «Man vergesse nicht, dass das, was wir Aufklärung nennen, anderen vielleicht als Verfinsterung scheint.» Er würde uns heute zurufen: «Hört auf, euch ständig zu entschuldigen!»

Claude Cueni (65) ist Schriftsteller und lebt in Basel. Er schreibt jeden zweiten Freitag im Blick. Soeben erschien bei Nagel & Kimche sein neuer Roman «Hotel California – Meine Botschaft an Elodie».

081 Blick »Entscheidet Twitter ob Gott existiert?«

Wenn Freiheit überhaupt etwas bedeutet, dann bedeutet sie das Recht darauf, den Leuten das zu sagen, was sie nicht hören wollen.» Das Zitat von George Orwell (1903–1950) wird gerne bemüht, aber im Alltag kaum noch gelebt.

Mark Zuckerberg (35) ist stolz, dass seine Algorithmen mittlerweile über 90 Prozent der Hass- und Hetzkommentare seiner 2,2 Milliarden Nutzer identifizieren. Hass und Hetze, das ist stets das, was der politische Gegner verbreitet. Für Fake News sind externe Faktenchecker zuständig. Entscheidet morgen ein 18-jähriger Student aus Santa Rosa, ob der Asteroid Oumuamua ein ausserirdisches Taxi und ob Christi Himmelfahrt «falsch», «teilweise falsch», «Satire» oder «Meinung» ist?

In der Praxis gilt die Weltanschauung von Zuckerberg und Twitter-Chef Jack Dorsey (43), der gemäss BBC innerhalb weniger Tage über 70 000 Accounts von Verschwörungstheoretikern gelöscht hat. Wer Einfluss nimmt auf den Inhalt und selektiv löscht oder die Reichweite minimiert, handelt nicht mehr als Gastgeber einer Plattform, sondern als Verleger, der die politische Ausrichtung definiert. Würde Twitter als Verlag klassifiziert, wäre er für jeden einzelnen der 6 Millionen Tweets verantwortlich, die pro Sekunde gepostet werden.

Je mehr gelöscht und gesperrt wird, desto mehr Leute wechseln auf neue Plattformen, bis dann der Werbeslogan von Procter & Gamble gilt: «Meister Proper putzt so sauber, dass man sich drin spiegeln kann.» Dorsey und Zuckerberg sehen dann nur noch Dorsey und Zuckerberg. Keine Plattform kommuniziert mehr mit der andern. Kein Wettbewerb der Ideen mehr. Niemand weiss, was ihm vorenthalten wurde.

Der ausbleibende Widerspruch fördert zwar den gegenseitigen Applaus, aber man sollte sich nicht zu früh freuen, denn irgendwann frisst der Wahn seine Schöpfer.

Robespierre war ein linker Anwalt aus der französischen Provinz, der sich für die Abschaffung der Todesstrafe einsetzte. Kaum an der Macht, wurde er ihr eifrigster Benutzer. Nach über 16 000 Hingerichteten war er selbst an der Reihe. Er versuchte, sich durch Suizid der Guillotine zu entziehen, und schoss sich dabei den Kiefer weg. Intellektuelle sind manchmal auch in praktischen Dingen furchtbar ungeschickt.


Claude Cueni (65) ist Schriftsteller und lebt in Basel. Er schreibt jeden zweiten Freitag im BLICK. Am 15. März erscheint bei Nagel & Kimche sein neuer Roman Hotel California.


 

Wieso das Volk ihren »Dirty Harry« liebt.

BLICK-Kolumnist und Schriftsteller Claude Cueni ist mit einer Filippina verheiratet und beschäftigt sich seit Jahren intensiv mit dem Land. Er nennt die Heimat seiner Frau den «Wilden Westen Asiens».


Seit elf Jahren unterhalte ich mich fast täglich mit der Grossfamilie und dem Bekanntenkreis meiner philippinischen Ehefrau über Videochat. Während wir bei uns Leute bemitleiden, die während der Quarantäne ihren Geburtstag alleine mit Netflix verbringen müssen, herrscht in einigen philippinischen Provinzen tatsächlich Hunger, etwas, das wir nur vom Hörensagen kennen.

Viele sind arbeitslos und haben weder Versicherungen noch Sozialhilfe. Eine Gruppe von Schullehrern sagte mir, Duterte schicke zwar den Gemeindevorstehern 6000 Pesos (zirka 120 Schweizer Franken) für jeden Bewohner, der besonders von Armut betroffen sei. Aber die Gelder würden zuerst an Verwandte und Bekannte verteilt, und somit würden die besonders Bedürftigen oft leer ausgehen.

Corona-Polizisten feierten Silvester-Partys mit

Auf den Philippinen gilt «Utang na loob», die gegenseitige Bringschuld, ein anderes Wort für Vetternwirtschaft. Wer also keine grosszügigen Verwandten im Ausland hat, ist existenziell bedroht: Er hat kein Erspartes, er hat buchstäblich nichts. Was man zu Geld machen konnte, liegt bereits bei einem der 18’500 Pfandleihern.

Vor den Feiertagen drohte Duterte in einer Fernsehansprache, dass «seine Soldaten» jeden töten würden, der die Corona-Massnahmen nicht einhält. Die Leute feierten trotzdem ausgelassene Silvesterpartys, ohne Mundschutz, ohne Abstand. Ich fragte mehrere Partygänger, ob sie nicht Angst hätten, erschossen zu werden. Schallendes Gelächter. Was aus dem tausend Kilometer entfernten Malacañang-Palast käme, sei eh nur «Bulabula» (Blabla), und im Übrigen würden auch Corona-Polizisten und Gemeindevorsteher ohne Masken das Neue Jahr feiern.

Wenig Mitleid mit den Opfern von Dutertes Säuberungen 

Wein trinken und Wasser predigen. Wenn das Vertrauen in die Behörden sinkt, leidet die Disziplin. Wie auch bei uns. Viele haben damit gerechnet, dass sich die Menschen eines Tages von ihrem «Rody» abwenden, doch das Gegenteil ist der Fall. 91 Prozent stimmen seiner Politik zu und begründen es damit, dass Dutertes Krieg gegen Drogen ihre persönliche Sicherheit verbessert habe.

Sie erwähnen, dass die öffentlichen Schulen nun kostenlos und viele neue Spitäler, Schulen und Verkehrsverbindungen gebaut worden seien. Mit den Opfern von Dutertes Säuberungen hat man wenig Mitleid in einem Land, das ständig von Naturkatastrophen heimgesucht wird. Wer weiss, hätten wir in Europa eine Strassenkriminalität wie im «Wilden Westen Asiens», wir würden vielleicht auch einen «Dirty Harry» wählen.


 

079 Blick »Sprechende Uniformen«

Früher rekrutierte man Männer nur im Kriegsfall. Da diese in ihrer traditionellen Kleidung auf dem Schlachtfeld erschienen, war die Unterscheidung zwischen Freund und Feind nicht einfach. Mit der Einführung stehender Heere wurde das Erscheinungsbild der Soldaten vereinheitlicht, ein römischer Legionär war klar von einem karthagischen Krieger unterscheidbar.

Auch Schuluniformen und Berufskleider demonstrieren die Zugehörigkeit zu einer Gruppe. Würde heute ein Ku-Klux-Klan-Anhänger im Kapuzenmantel durch Zürich flanieren, die Empörung wäre gross. Denn dieses «Kleid» ist die «sprechende Uniform» von Rassisten.

Auch das Tragen von Nikab und Burka ist ein politisches Statement, ein radikales Bekenntnis zur Intoleranz. Gemäss etlichen islamischen Rechtsgelehrten ist die Verschleierung mitnichten ein religiöses Gebot, sondern die eigenwillige Religionsauslegung von Fundamentalisten.

Fast ein Drittel der EU-Staaten (und selbst einige muslimische Länder) haben in irgendeiner Form Gesetze gegen Vollverschleierung oder religiöse Kleidung. Sind die alle islamophob? Wenn wir die Herkunftsländer der Muslimas besuchen, halten wir uns an die kulturellen Gepflogenheiten. Das sollte umgekehrt genauso sein. In unserer offenen Gesellschaft zeigt man sein Gesicht.

Es ist nicht relevant, wie viele Verschleierte sich zurzeit im öffentlichen Raum aufhalten, es geht darum, zukünftigen Gästen unsere Regeln des Zusammenlebens verständlich zu machen. Religion ist bei uns Privatsache wie Kuchenbacken. Wer die Vorteile einer säkularisierten Welt in Anspruch nehmen will, muss auch die Regeln akzeptieren.

So wie weisse Kapuzenmäntel für Rassismus stehen, steht der Nikab für die Scharia, für die Borniertheit des Patriarchats, die Verachtung der liberalen Gesellschaft und den Hass auf Gottlose und die gesamte LGBTQ-Community.

Es grenzt an Realsatire, wenn Gruppierungen, die regelmässig für Frauenrechte demonstrieren, sich nun für die «Freiheit» verschleierter Frauen einsetzen, damit diese weiterhin in einem Gefängnis aus Stoff jegliche Identität verlieren.

Die Burka-Abstimmung (Verhüllungsverbot) ist keine Frage von links oder rechts. Es geht um die Wahrung der Prinzipien der Aufklärung auf Schweizer Boden.