18.9.26: Rede von Julija Mendel, Selenskyis ehemalige Pressesprecherin, vor dem EU-Parlament am 16.9.26

Englische Rede übersetzt ins Deutsche


Sehr geehrte Mitglieder des Europäischen Parlaments,

es ist mir eine grosse Ehre und ein Privileg, hier sprechen zu dürfen – im Parlament der Europäischen Union, an dem Ort, an dem die zentralen Ideen der europäischen Zivilisation entstehen.

Für einige von Ihnen mag das, was ich gleich sagen werde, unangenehm sein. Es mag Kritik oder sogar Ärger hervorrufen. Und doch stehe ich hier voller Hoffnung. Denn es steht geschrieben: «Bittet, so wird euch gegeben; sucht, so werdet ihr finden; klopft an, so wird euch geöffnet.»

Zwei Jahre lang war ich als Pressesprecher von Wolodymyr Selenskyj tätig, nachdem ich zuvor als freier Mitarbeiter der New York Times, als Berater der Weltbank und als veröffentlichter Mainstream-Autor gearbeitet hatte – eine Tätigkeit, auf die ich stolz war. Heute bezeichnen mich manche im Westen und in den staatlichen Medien der Ukraine als «pro-russisch», sobald ich eine einfache Tatsache über den Krieg darlege oder mit Selenskyjs Politik der endlosen Eskalation nicht einverstanden bin. Menschen im behüteten Westen glauben manchmal, sie verstünden die Ukraine und diesen Krieg besser als ich – ich, der ich seit 2014 über den Konflikt berichte, viele Male mit Selenskyj selbst in den Donbass gereist bin, an den Verhandlungen teilgenommen habe, an der Ausarbeitung der Mitteilungen des Präsidenten mitgewirkt habe und vor Ort blieb, als 2022 die grossangelegte Invasion begann. Ich wurde beschossen und habe nur knapp überlebt. Ich durchquerte das Land, um Zivilisten zu helfen, und berichtete unermüdlich. Niemand kann mich ernsthaft als pro-russisch bezeichnen, es sei denn, er akzeptiert primitive Schwarz-Weiss-Darstellungen des Krieges.

Ich bin nicht hierhergekommen, um politische Spielchen zu treiben. Ich bin mit nur einem Ziel gekommen: mich für die Menschen in der Ukraine einzusetzen – für mein Volk.

Ich werde Ihnen eine Wahrheit sagen, die der Welt sorgfältig vorenthalten wird. Ich bin eine Tochter der Ukraine, und heute bin ich ihre Stimme.

Ich unterscheide mich von vielen der Stimmen, die Sie bereits gehört haben, denn ich profitiere nicht von diesem Krieg. Ich baue mir keine Karriere darauf auf. Ich erhalte keine Fördergelder und ziehe keinen Vorteil daraus. Wie die meisten Ukrainer – wie die meisten Europäer, Amerikaner und Russen – verliere ich nur durch diese Grausamkeit. Und mir ist klar: Wenn dieser Krieg weitergeht, wird er Verluste und Veränderungen mit sich bringen, die niemals rückgängig gemacht werden können.

Das ukrainische Volk und das Militär haben eine unglaubliche Widerstandskraft bewiesen; wir haben nichts, wofür wir uns schämen müssten. Aber der Krieg hat uns alle verändert, und heute bedeutet Widerstandskraft, die Wahrheit zu sagen und für den Frieden einzutreten.

Ich stehe hier, weil die Ukraine und Europa immer wieder einen schlechten Krieg einem schlechten Frieden vorziehen – Eskalation statt Diplomatie. Doch eines Tages wird dieser Krieg enden, und jeder von uns wird anhand der Früchte in Erinnerung bleiben, die wir heute tragen.

Ihr seid die klügsten Köpfe Europas. Ich habe keinen Zweifel daran, dass ihr viel über den russisch-ukrainischen Krieg wisst. Ihr kennt die Zahlen und Statistiken. Ihr habt die Fotos gesehen. Ihr habt die Bücher und Artikel gelesen, die politischen Positionen und Strategien. Und doch stehe ich hier, um euch zu sagen: Ihr wisst nichts über diesen Krieg.

Meine Patentochter Maria wird in wenigen Wochen vier Jahre alt. Sie hat noch nie ein Leben ohne Krieg gekannt. Geboren in Kiew, ist sie ein aufgewecktes, temperamentvolles Mädchen, das wunderschönes Ukrainisch spricht und gelegentlich ein englisches Wort einstreut. Seit kurzem macht sie im Kindergarten ins Höschen. Nach einem weiteren russischen Raketenangriff hatte sie schreckliche Angst, dass eine Rakete ihre Schule treffen könnte. Meine Freundin verbrachte viel Zeit damit, sie zu trösten, und schaffte es schliesslich auf die schrecklichste Art und Weise, die man sich vorstellen kann: Das Kind schläft nun beim Geräusch von Angriffen auf russische Ölraffinerien ein. «Gute Angriffe», werden sie zu Hause genannt. Sie ist vier und kann die Nuancen des Krieges kaum begreifen. «Ich bin entsetzt», sagte mir ihre Mutter.

Meine Nichte Anna ist zehn und hat noch nie einen Fuss in eine Schule gesetzt. Sie weiss nicht, wie ein Klassenzimmer voller Kinder aussieht. Sie ist so oft umgezogen, dass sie nirgendwo Freunde hat. Westliche Eltern machten sich Sorgen, als ihre Kinder während der Pandemie anderthalb Jahre lang nur online unterrichtet wurden. Meine Nichte kennt keine andere Art von Bildung. Jeden Tag sitzt sie allein in der Wohnung, während ihre Eltern arbeiten. Sie loggt sich in den Unterricht ein, macht Hausaufgaben, putzt dann, kocht und wartet auf sie. Sie kann nicht durch eine Stadt streifen, die ständig angegriffen wird. Sie kennt weder Gemeinschaft noch Kindheitsfreundschaften. Im Winter sind ihre Tage kurz und kalt: Letzten Winter gab es weder Heizung noch Strom.

Jedes dritte ukrainische Kind hat derzeit keinen Zugang zu angemessener Bildung. Die Ukraine war einst berühmt für ihre Wissenschaftler. Unter der Leitung eines Ukrainers flog der erste Mensch ins All. Wir bauten Flugzeuge und Hubschrauber; unsere Physiker und Biologen leisten nach wie vor einen Beitrag zur Weltwissenschaft. Doch an der Front gibt es Viertklässler, die nicht lesen können. Hört mir zu: Es gibt Zehnjährige, die nicht lesen können. Der Verfall der Bildung und der sozialen Kompetenzen bei künftigen Generationen sollte uns alle erschrecken.

Die Ukrainer stehen anderen Völkern in nichts nach. Auch wir wollen Bildung und medizinische Versorgung. Auch wir wollen etwas schaffen, wachsen, uns messen und zusammenarbeiten. In fünf oder zehn Jahren wird das unmöglich sein, wenn der Krieg weitergeht. Unter den Raketen, Drohnen und Bomben verlieren wir Humankapital – nicht nur durch Tod und Verletzungen, sondern durch das schlichte Fehlen jeglicher Lebensmöglichkeit. Jahre des blossen Überlebens zehren gleichermassen an Geist und Körper.

Meine Mutter und mein Vater sind Ärzte im Frontgebiet von Cherson. Sie verbrachten mehr als acht Monate unter russischer Besatzung und weigern sich dennoch, eine Stadt zu verlassen, die ständig unter Beschuss steht. Ärzte sind dort äusserst knapp. «Wenn alle weggehen», fragen sie, «ist es dann noch die Ukraine?» Sie verfügen über einen seltenen und schrecklichen Luxus – die Fähigkeit, zu bleiben, obwohl sie gehen könnten, gebunden durch die Verantwortung gegenüber der Gemeinschaft und der Geschichte.

Zehntausende andere können überhaupt nicht weggehen, gefangen in Armut und dem völligen Fehlen jeglicher Hilfe. Der Staat bietet Vertriebenen weniger als hundert Dollar im Monat, und das auch nur für eine begrenzte Zeit – eine Summe, von der man weder eine Wohnung mieten noch eine Familie ernähren kann. In den Dörfern an der Front leben die Menschen ohne jegliches finanzielles Polster; tausend Dollar sind ein unvorstellbares Vermögen. Es hätte anders kommen können. Die Strategien, für die wir uns heute entscheiden, führen die Ukraine auf einen Weg ständiger Armut und des Krieges, was gesellschaftlichen Verfall bedeutet.

In einem Dorf in der Region Cherson – einem Dorf, an dem ich auf dem Weg zu meiner Grossmutter oft vorbeikam – wurde eine Familie ausgelöscht. Der Vater und die Mutter starben, ebenso wie ihre Tochter, die dreiundzwanzig Tage alt war. Meine eigene Mutter hatte dieses Baby aus dem Krankenhaus entlassen. Ihr Sohn wurde verwundet. Durch eine einzige Explosion, in einem einzigen Augenblick, wurde eine Familie ausgelöscht.

Sie haben schon früher von solchen Tragödien gehört. Was Sie jedoch noch nicht gehört haben, ist, was das Überleben an der Front tatsächlich bedeutet: dass die in den Medien genannten riesigen Summen an Steuergeldern oft kaum etwas dazu beitragen, den Ukrainern zu helfen, die einfach nur versuchen, am Leben zu bleiben; dass es einen katastrophalen Mangel an Ärzten gibt; dass Schulen grösstenteils nicht funktionsfähig sind; und dass für viele Menschen die tägliche Abwägung einfach darin besteht, wie sie zur Arbeit und wieder nach Hause kommen, ohne in den Beschuss zu geraten.

Dort, an der Front, leben die Menschen in einer anderen Realität. Ihr Leben ist zu einem täglichen Kampf ums Überleben geworden. Normale Bürger spenden Geld aus eigener Tasche, um die Kriegsanstrengungen zu unterstützen. Frauen kochen für Soldaten, sammeln warme Kleidung und andere lebensnotwendige Güter und schicken diese über Freiwillige an die Front. Denn dort an der Front sind ihre Söhne und Ehemänner. Lokale Gemeinschaften unterstützen die Armee und versuchen gleichzeitig, sich selbst, ihre Familien und ihre Nachbarn am Leben zu erhalten.

So wird der Krieg tatsächlich von den Menschen vor Ort erlebt. Sie ertragen ihn, sie tragen dazu bei und sie kämpfen gegen die Invasionsstreitkräfte – trotz der Korruption und der begrenzten Wirksamkeit der ukrainischen Regierung. Ein Drittel der Ukraine ist zur Hölle geworden. Fast zwanzig Prozent unseres Territoriums sind besetzt; weitere zehn Prozent sind zu einer brennenden Front geworden. Man bedenke: Wie lange können die übrigen 70 Prozent mit einer solch offenen und unbehandelten Wunde noch durchhalten?

Und welche Strategie unterstützen wir heute? Eine Strategie, in der dieses tägliche Leiden unsichtbar und bedeutungslos wird, im Gegensatz zu einer grossen Idee – der Zerstörung RusslandsUSSLANDS. Seien wir ehrlich: Sehr viele Menschen wollen Russland lieber zerstören, als die Ukraine zu retten. Mit wachsendem Eifer lesen wir mehrmals im Monat die leidenschaftlichen Artikel in den Mainstream-Medien, die verkünden, dass Russland kurz vor dem Zusammenbruch steht.

Wir lesen sie schon seit fast einem Vierteljahrhundert. Der Preis für diesen Zusammenbruch in Zeitlupe ist meine Nation, mein Land, mein Staat – die Ukraine.

Keiner dieser westlichen Experten, Professoren oder Journalisten, die diese Artikel schreiben, würde jemals zustimmen, in einem solchen Land zu leben oder sein eigenes Heimatland im Namen einer grossen Idee solchen Schrecken aussetzen zu lassen. Ich dachte, wir hätten die Lektion bereits gelernt, ganze Völker grossen Ideen zu opfern.

Aber ich verstehe Sie. Wenn der Staatschef meines eigenen Landes, Wolodymyr Selenskyj, den Status quo akzeptiert, warum sollten Sie ihn dann in Frage stellen?

Zuerst kamen die Istanbuler Abkommen, dann die Friedensformel, dann der Siegesplan, dann die Koalition der Willigen. Was die meisten Menschen nicht wissen, ist, dass es auch zahlreiche Vermittler gab, die Kontakte ermöglichten, sowie vielfältige rechtliche Auslegungen dessen, was heute vereinfachend auf die Formel «Land abtreten oder nicht» reduziert wird – Auslegungen, die der Ukraine hätten helfen können, mit der Zeit die Kontrolle zu behalten.

Es gab Vereinbarungen, von denen ihr nie gehört habt, die in der Öffentlichkeit nur kurz erwähnt wurden. Diese Absprachen werden nicht in den Geschichtsbüchern stehen bleiben, sondern nur in der Erinnerung derer, die versucht haben zu helfen.

All diese Vereinbarungen wurden von Wolodymyr Selenskyj abgelehnt – sogar jene, für die er sein eigenes Wort und sein eigenes Versprechen gegeben hatte. Er propagiert den maximalistischsten und unerreichbarsten Weg zum Sieg als einzigen Weg zum Frieden – und das sagt mir, dass er gar nicht daran interessiert ist, diesen Frieden zu erreichen.

Vor einiger Zeit schrieb JD Vance, heute Vizepräsident der Vereinigten Staaten, damals noch Senator, einen bemerkenswerten Essay in der New York Times, dass die Rechnung in der Ukraine nicht aufgeht. Dieser Essay gab vielen von uns Hoffnung, dass jemand die Welt mit unseren Augen sah und verstand, was wir durchlebten. Mehr als zwei Jahre sind vergangen, seit er ihn schrieb – und die Rechnung geht immer noch nicht auf. Beginnen wir mit der elementarsten Frage von allen: Wie sollen 25 Millionen Ukrainer, von denen die Hälfte Rentner sind, 500 Millionen Europäer gegen 140 Millionen Russen verteidigen? Schämt ihr euch nicht?

Seit ihrer Unabhängigkeit im Jahr 1991 hat die Ukraine mehr als die Hälfte ihrer Bevölkerung verloren. Damals lebten dort 52 Millionen Menschen. Heute liegt diese Zahl selbst nach den optimistischsten Schätzungen bei etwa 25 Millionen – und der Rückgang beschleunigt sich. Fast die Hälfte der Bevölkerung sind Rentner, die Geburtenrate ist katastrophal niedrig, und der Krieg fordert weiterhin Menschenleben und vertreibt diejenigen, die einfach nur leben wollen. Allein im letzten Jahr starben fast dreimal so viele Menschen, wie geboren wurden, und in der ersten Hälfte des Jahres 2026 verschlimmerte sich die Lage noch: Es starben viermal so viele Menschen, wie geboren wurden. Hinzu kommen rund 300.000 offiziell registrierte Auswanderer – und die tatsächliche Zahl liegt sicherlich weit höher –, sodass die Ukraine nach vorsichtigen Schätzungen jedes Jahr mehr als 600.000 Menschen verliert. Bei diesem Tempo könnte die Bevölkerung innerhalb von zehn Jahren weit unter 20 Millionen sinken.

Das sind katastrophale Zahlen. Der Krieg hat die Ukraine zu einem Ort gemacht, an dem Leben und eine hoffnungsvolle Zukunft zunehmend unmöglich erscheinen. Das ist einfache Arithmetik – Arithmetik, die zeigt, wie mein Land vor Ihren Augen verschwindet, begleitet vom herzlichen Applaus für einen Mann auf dem roten Teppich, einen Mann, der nun bereits im achten Jahr an der Macht ist und immer einen neuen Grund findet, warum der Krieg noch nicht beendet werden kann.

Dieser Krieg hat die ukrainische Wirtschaft und die ukrainische Demokratie zerstört. Lassen Sie mich Ihnen noch mehr von dieser zynischen, grausamen Arithmetik präsentieren. Die Europäische Union gewährt uns ein Darlehen nach dem anderen; unsere Auslandsverschuldung hat bereits über 110 Prozent des Bruttoinlandprodukts erreicht; wir sind vollständig von westlichen Transferzahlungen abhängig, in einem System, das als «Donornomics» bezeichnet wurde.

Wie Selenskyjs eigener ehemaliger Partner – mittlerweile ein Flüchtling vor Korruptionsvorwürfen – in Abhörprotokollen der Antikorruptionsbehörde zu hören war: «Die Wirtschaft kann warten.» Wir schaffen fast keinen Mehrwert; unsere Exporte werden durch den Krieg, durch Reibereien mit Mitgliedstaaten der Europäischen Union und durch viel zu niedrige Kontingente erstickt.

Das wisst ihr selbst ganz genau. Deshalb frage ich euch: Von welchem Sieg reden wir hier überhaupt? Europa finanziert derzeit Wolodymyr Selenskys Drohnenproduktion auf Kosten der Wirtschaft einer ganzen Nation. In unserem Land gibt es keine Wissenschaft mehr, keine Innovation ausserhalb des Militärs; kleine Unternehmen sterben aus, grosse verlagern ihr Kapital ins Ausland, die mittleren sind bereits weg. Ich sage es noch einmal: Wir sind genau wie ihr. Wenn ich das beschreibe, stellt euch euer eigenes Land in diesem Zustand vor.

Ich beobachte, wie unbequeme ukrainische Stimmen ignoriert werden – Stimmen, deren Zahl wächst –, trotz Verfolgung, Drohungen, unrechtmässiger Sanktionen, Strafverfahren, Rufmord und der Brandmarkung von Menschen als Verräter, nur weil wir uns gegen den Krieg aussprechen. Wie sind wir an den Punkt gelangt, an dem jeder, der sich dem Krieg widersetzt, als pro-russisch und antidemokratisch gilt? Hört mir gut zu: Frieden kann nicht pro-russisch sein. Frieden ist der einzige Ausweg aus der Krise, in der wir alle versinken – und vor allem das ukrainische Volk.

Selenskyj sagt uns, dass er bessere Friedensbedingungen fordern wird. Aber die Sache ist die: Wir verlieren das Land, die Nation. Es wird kein Volk mehr geben, das diese besseren Bedingungen anbieten könnte. Und jeder von euch hier weiss, dass eine militärische Niederlage Russlands unmöglich ist. Diese Spiele kosten zu viel. Für mein Land und auch für eure Zukunft. Es gibt keinen besseren Zeitpunkt für Frieden als JETZT.

Hier in Europa ist es mittlerweile patriotisch geworden, über das, was in der Ukraine geschieht, zu schweigen. Für Männer geschlossene Grenzen haben das Leben unzähliger Familien in einen Käfig verwandelt. Korruption von kolossalem Ausmass – in einem Ausmass, das ihr euch schlichtweg nicht vorstellen könnt –, die bis in den engsten Kreis des Präsidenten reicht und der totalen Armut gegenübersteht, ist dabei, genau die Motivation zum Widerstand gegen Russland zu zerstören.

Die Jagd auf Männer, die Folter in den Einberufungsämtern, Männer, die von Einberufungsbeamten zu Tode geprügelt und manchmal von ihren eigenen Kommandanten getötet werden – all das gleicht einem brutalen Gladiatorenspektakel, in dem gewöhnliche Ukrainer nur ein einziges Ziel haben: zu überleben. Männer fliehen über Berge und Flüsse; unsere eigenen Einsatzkräfte bergen die Leichen derer, die es nicht geschafft haben. Und vor uns liegt ein weiterer schrecklicher Winter, ohne Heizung und ohne Licht.

Man erzählt euch von Widerstandskraft, von Würde, von einem ungebrochenen Geist. Was von dem, was ich gerade beschrieben habe, spiegelt irgendetwas davon wider? Dieses Leid im Namen grosser Ideen zu ignorieren, es hinter schönen Worten zu verbergen – das ist Unmenschlichkeit. In dunklen Zeiten ist es das Schwierigste von allem, menschlich zu bleiben. Und ich sage es noch einmal: Früher oder später wird jeder von uns an den Früchten gemessen, die wir heute hervorbringen.

Stellt euch vor, ihr wärt an der Stelle der Ukrainer, zusammen mit euren Familien und Freunden. Bitte, stellt es euch vor. Stellt euch vor, es würde endlos so weitergehen. Stellt euch vor, es gäbe keinen Ausweg, ausser so zu überleben – während die Medien und die Antikorruptionsbehörden Tag für Tag über die veruntreuten Millionen und das verschwenderische Leben derjenigen berichten, die dem Präsidenten und der Macht nahestehen.

Putins Krieg ist in seiner Brutalität und seiner Missachtung menschlichen Lebens ungerechtfertigt. Selenskyjs Vorgehen, Reformen rückgängig zu machen, korrupte Netzwerke zu schützen, sein eigenes Volk zu täuschen und persönliche Macht über das Überleben der Nation zu stellen, ist ebenso ungerechtfertigt. Ein deutscher Intellektueller sagte: «Beide Realitäten anzusprechen, ist die Mindestanforderung an intellektuelle Ehrlichkeit.» Fragen Sie sich also bitte ehrlich: Glauben Sie wirklich, dass ein endloses Wettrüsten, bei dem immer mehr Waffen angehäuft werden, der Ukraine zum Sieg verhelfen wird – ohne Wirtschaft und mit einer Bevölkerung, die Jahr für Jahr weit unter die Russlands schrumpft?

Als dieser Krieg begann, ging es uns um Werte. Heute geht es euch nur noch um Namen.

Die Ukraine hat dazu beigetragen, ein Muster der gesellschaftlichen Militarisierung zu etablieren, und einige führende Politiker im Westen haben sich dies zu eigen gemacht. Es gibt heute in der Europäischen Union Stimmen, die offenbar glauben, dass die Militarisierung ihrer Volkswirtschaften und Gesellschaften eine Antwort auf politische und wirtschaftliche Schwierigkeiten sein kann. Doch eine permanente Aufrüstung, gepaart mit der ständigen Pflege eines Feindbildes, entwickelt eine eigene Dynamik. Je mehr eine Gesellschaft auf den Krieg vorbereitet ist, desto grösser ist der Druck, diese Vorbereitung zu rechtfertigen. Und früher oder später läuft diese Logik Gefahr, genau den Konflikt hervorzurufen, den sie angeblich verhindern will.

Hier in der Europäischen Union wird oft gesagt, dass alles Mögliche getan wurde und dass allein Putin die Schuld trägt. Was Putin getan hat – Panzer in Richtung Kiew zu schicken, Teile unseres Landes zu besetzen, darunter auch meine Heimatregion, jeden einzelnen Tag Raketen und Drohnen abzufeuern – ist durch nichts zu rechtfertigen. Dennoch geben wir ständig nur Putin die Schuld, sehen aber den Balken im eigenen Auge nicht. Hat der Westen wirklich alles getan, um Frieden herbeizuführen?

Was ich sehe, ist Folgendes: Drohungen statt Diplomatie; der Wunsch, Russland zu zerstören, egal wie viele ukrainische Leben das kostet und wie sehr die Ukraine dadurch geschwächt wird; und der Wunsch, so viele Waffen wie möglich zu verkaufen.

Selenskyj stimmt dem zu – für ihn ist die Wirtschaft zu einer privaten Geldquelle geworden. Die Kriegs-Lobbyisten stimmen dem zu, ebenso wie all jene, die irgendwie davon profitieren werden. Aber wie kann die Mehrheit dem zustimmen? Versteht ihr nicht, dass dieser Krieg nicht jahrelang mit derselben Intensität weitergehen kann? Früher oder später wird er über die Grenzen der Ukraine hinausschwappen.

Hat Europa wirklich genug getan, um diesen Krieg zu beenden? Jeder, der versucht hat, mit Putin zu sprechen, wurde gejagt und als pro-russisch gebrandmarkt – von Orbán und Fico bis hin zum Präsidenten der Vereinigten Staaten selbst. Es ist kaum zu glauben, dass in der zivilisierten Welt solch oberflächliche Schwarz-Weiss-Erzählungen dominieren können – vor allem, wenn es um Krieg geht, den einzigen Krieg in Europa.

Ja, Russland hat diesen Krieg begonnen. Aber es sind die Kriegs-Lobbyisten, die ihn am Laufen halten – diejenigen, die davon profitieren. Das bin nicht ich, und das sind nicht Sie. Warum also sollten Sie dieses Gemetzel, diesen Zermürbungskrieg gegen die Ukrainer, unterstützen? Sie sind Gesetzgeber. Sie wissen: Wenn etwas wirklich getan werden muss, geschieht es still und leise.

Was steckt hinter der gewaltigen PR-Kampagne für die Militarisierung in Deutschland? Unsicherheit über den eigenen Kurs? Wie stehen die Polen zu der Aussicht, kämpfen zu müssen? Sie kaufen Immobilien in Spanien und Italien. Warum stehen die kriegslustigen Briten und Franzosen immer noch nicht in den Reihen der ukrainischen Armee? Die Frage beantwortet sich von selbst. Denn wenn es um einen echten Krieg geht – wenn die Wahl zwischen Leben und Tod für eine Idee steht –, werden viele endlich begreifen, wie falsch dieser Weg der Militarisierung ist, auf dem das ukrainische Volk als Erstes geopfert wird.

Werden Ihre Kinder in den Krieg ziehen?

Ein westlicher Professor riet einem Studenten, an die Front in der Ukraine zu gehen. Da er den Krieg wie die meisten Westler als Hollywoodfilm betrachtete, unterschrieb der Student einen Vertrag. Dann fand er sich in der Hölle wieder und flehte darum, abgezogen zu werden. Der Professor antwortete: Wir alle schreiben Geschichte an unserem Platz. Es ist eine weitere Geschichte, die zeigt, wie sehr die Menschen hier im Westen einfach nicht wissen, was Krieg ist.

Deshalb frage ich Sie ganz offen: Sind Sie bereit, dass Ihre Kinder kämpfen – an einer echten Front? Ich glaube nicht, dass Sie das sind. Ich sehe, wie schwer es den Europäern fällt, selbst leichte Unannehmlichkeiten in ihrem eigenen Leben zu akzeptieren. Genau deshalb haben wir nur halbe Sanktionen. Genau deshalb geht der Handel mit Russland weiter.

Wir befinden uns nun im fünften Jahr eines umfassenden Krieges und im 13. Jahr des Krieges in Europa, und die Strategien, Druck auf Russland auszuüben, scheitern. Wie wir bei uns sagen: Die Igel stachen sich und weinten – und assen weiter den Kaktus.

Es ist Zeit, die Strategie zu ändern. Es kann gar nicht anders sein, wenn sich die Menschen und die Umstände geändert haben. Die Lage in der Ukraine wird von Tag zu Tag kritischer. Deshalb frage ich Sie, die Gesetzgeber: Warum ändern Sie die Strategie nicht? Jemand muss es klar und deutlich sagen – so etwas wie eine Diplomatie der Drohungen gibt es nicht. Sie existiert schlichtweg nicht.

Kann man mit Russland befreundet sein? Als Ukrainer sehe ich nach all dem Leid, das wir erdulden mussten, keine Möglichkeit für eine sofortige Freundschaft. Aber müssen wir uns weiterhin gegenseitig töten? Es ist eine Sache, keine Freunde zu sein; es ist etwas ganz anderes, weiter zu töten. Russland kann in Schach gehalten und daran gehindert werden, solche Aggressionen zu wiederholen – nicht durch Krieg, sondern durch Vernunft, Diplomatie und Menschlichkeit. Und zu viele Menschen haben im Verlauf dieses Krieges genau diese Tugenden aufgegeben.

Jeden Tag sehe ich, wie russische Öllager brennen. Ich will ehrlich sein: Als Ukrainer glaube ich, dass die Russen spüren sollten, was Krieg bedeutet. Aber als Mensch, der sich Frieden wünscht, verstehe ich, dass wir Russland nur einen kleinen Biss versetzt haben – und seine ganze Wut geht auf die Köpfe der Ukrainer nieder, während der Westen weiter von PR und halbherzigen Massnahmen lebt. Wenn die Ukraine den schrecklichsten Winter überstanden hat, den man sich vorstellen kann, und nicht untergegangen ist – dank westlicher Unterstützung –, warum sollte dann Russland untergehen, ein Land, das nicht einmal Kredite aufnehmen musste, um diesen Krieg zu führen? Bedenken Sie: Unsere Verschuldung liegt bei 110 Prozent des Bruttoinlandprodukts, und Russland musste nicht einmal Kredite aufnehmen.

Russlands Zusammenbruch steht nur in den Köpfen von Idealisten bevor, die mit den wirtschaftlichen Realitäten Russlands und der Ukraine nicht vertraut sind. Ich bin nicht hier, um Russland zu verteidigen oder ihm zu schmeicheln – aber Wunschdenken ist eine Falle, und in meiner Heimat wird diese Falle in Tausenden von Menschenleben gemessen. Wunschdenken ist heute in den Farben des ukrainischen Blutes getaucht. Und jeder Artikel eines Theoretikers und Kreuzritters gegen Russland – jemand, der oft noch nie einen Fuss in Russland oder die Ukraine gesetzt hat und sein Verständnis aus den sozialen Medien bezieht – ist eine kleine Tragödie, ein Zeichen für den Verfall unserer Zivilisation. Denn es ist nichts als unbegründetes Wunschdenken, getarnt, um einen schrecklichen Krieg auf diesem Kontinent und das tägliche Leid, das er mit sich bringt, zu rechtfertigen.

Deshalb stehe ich hier und bitte euch inständig: Hört auf, den oberflächlichen, schwarz-weiss gemalten Darstellungen zu glauben, die euch von Selenskys Gesandten und von Aktivisten, die von euren eigenen Führern finanziert werden, präsentiert werden. Dieser geschlossene Kreis von Erzählungen, losgelöst von der Realität, ist nicht einmal ein Informationsaustausch – es ist eine starre vertikale Nachrichtenflut, eine Art Selbstzensur, als ob ihr nur das hören wolltet, was ihr ohnehin schon hören wollt.

Sie sagen euch: Putin wird nicht nachgeben. Wir müssen ihn stärker unter Druck setzen! Das klingt so mutig. In der Praxis ist es absurd – ein Festmahl in Zeiten der Pest. Dieser Krieg hat Hunderttausende Menschenleben gekostet und Millionen von Familien zerstört; er ist ein Versuch, in einem Fleischwolf zu überleben. Man muss auf Putin auf andere Weise zugehen – nicht mit blinder Gewalt. Dieses endlose Spektakel des Todes hätte niemals zur Normalität werden dürfen.

Nur ein starker Führer kann diesen Krieg beenden. Die Herzen von Millionen sind voller Dankbarkeit gegenüber Donald Trump für den Mut, einen Status quo in Frage zu stellen, unter dem das ukrainische Volk zum Scheitern verurteilt ist. Und doch stiess er auf ausserordentlichen Widerstand – zunächst von Wolodymyr Selenskyj, dessen Vertraute durch ihre Drohnenfirmen von diesem Krieg profitieren, und dann von europäischen Staats- und Regierungschefs. Das seien nicht die richtigen Bedingungen für Frieden, beschlossen einige europäische Staats- und Regierungschefs gemeinsam – von denen keiner jemals in seinem eigenen Leben zustimmen würde, sein eigenes Land und seine eigene Familie das durchmachen zu lassen, was die Ukraine gerade durchmacht.

Als Selenskyj für das Präsidentenamt kandidierte, sagte er, er würde vor Putin auf die Knie gehen, damit Putin die Ukraine nicht in die Knie zwinge. Er sagte, jedes Leben zähle, dass das Leben der Menschen das Wichtigste sei. Und dass er, sollte es ihm nicht gelingen, den Krieg zu beenden, das Amt an jemand anderen übergeben würde, der dazu in der Lage sei. Heute ändert er die Friedensbedingungen von Woche zu Woche: mal ist es der Beitritt zur NATO, mal die Rückgabe der Krim, mal die Grenzen von 1991, mal die Mitgliedschaft in der Europäischen Union – als ob all das auf einen Schlag erreichbar wäre –, mal die Weigerung, den Donbass abzutreten. In diesem Krieg geht es nicht um Territorium.

Der russisch-ukrainische Krieg ist blutig und sinnlos. Mittlerweile werden im Namen von nichts unermessliches Töten und Zerstörung angerichtet. Wenn es darum geht, die Ukraine aus der Nato fernzuhalten – diese Frage ist bereits vom Tisch. Wenn es darum geht, die Demokratie zu verteidigen – unsere Demokratie ist mittlerweile so fragil, dass sie sich kaum noch von einem autokratischen Regime unterscheidet: stark eingeschränkte Meinungsfreiheit, geschwächte Institutionen, Verletzungen grundlegender Verfassungsrechte, politische Verfolgung und Leben, die so wenig zählen wie unter jeder Autokratie. Wenn es darum geht, Selenskyj von der Macht zu entfernen – dann ist er ihr Hauptnutzniesser: Als er 2021 kurz davor stand, die Macht zu verlieren, fand er im Krieg das Mittel, um aufzublühen, profitierte von jedem Aspekt des Konflikts, häufte im eigenen Land nahezu unbegrenzte Macht an und sonnte sich im internationalen Ruhm. Und wenn es darum geht, die von Russland eroberten Gebiete zurückzugewinnen – dann verliert die Ukraine lediglich weitere davon, anstatt sie zurückzugewinnen. Dieser Krieg hat keinen Grund und keine Rechtfertigung, weiterzugehen, ausser zum Vorteil einiger weniger kleiner Gruppen. Und deswegen steht die Ukraine am Rande des Untergangs.

Ich fordere eine Rückkehr zur Diplomatie und zur Politik. Ich fordere die Führungskräfte auf, die Angriffe in den sozialen Medien nicht zu fürchten. Ich stehe hier aus einem einzigen Grund: weil jemand für das ukrainische Volk sprechen muss und jemand für es kämpfen muss – nicht für Ruinen, nicht für Territorium, nicht für Medaillen, sondern für Menschen. Erheben Sie sich über diese primitiven Angriffe. Seien Sie Strategen. Halten Sie Ihre Freunde nah und Ihre Feinde noch näher. Jedes Mal, wenn Sie von diesem verfluchten Krieg sprechen, denken Sie daran, dass im Käfig einer neuen europäischen Autokratie Millionen von Menschen sitzen, die jeden einzelnen Tag dafür beten, dass der Krieg endet. Die derzeitige Strategie funktioniert nicht.

Die Ukraine befindet sich inzwischen in einem so katastrophalen Zustand, dass sie ohne Hilfe nicht überleben kann. Auch ich habe einst zu dieser Hilfe aufgerufen – zu militärischer Unterstützung. Doch heute sehe ich, wie sie in den richtigen Händen verschwindet, während unser Luftraum noch immer nicht geschützt ist, während 93 Prozent unserer Schutzräume nicht vollständig darauf vorbereitet sind, irgendjemanden zu schützen, und während Armut und Verfall Millionen Menschen dazu treiben, ihr Glück im Ausland zu suchen. Lasst uns also daran denken, dass es möglich ist, seinen Lebensunterhalt mit etwas anderem zu verdienen als mit dem Krieg einer Handvoll Politiker. Lasst uns die Strategie ändern, Frieden schaffen und in mein Land investieren. Lasst uns dort Fabriken bauen, die Infrastruktur wiederherstellen, Arbeitsplätze schaffen und den Haushalt mit Steuern füllen.

Laut einer aktuellen Gallup-Umfrage wollen 66 Prozent der Ukrainer so schnell wie möglich Frieden. Weitere 11 Prozent konnten keine Antwort geben, wahrscheinlich aus Angst, ihre wahre Meinung zu äussern.

Wachsende Antikriegsstimmung erfüllt das Internet und die Gerichte, denn in der Ukraine kann man allein dafür, dass man Frieden fordert oder die Führung kritisiert, verurteilt, sanktioniert oder als Verräter gebrandmarkt werden. Das ukrainische Internet ist voll von Stimmen, die mit dem Status quo nicht einverstanden sind – von Freiwilligen, Bloggern und ganz normalen Menschen. Unterdessen stellt das vom Büro Selenskyjs kontrollierte Fernsehen den Krieg als unveränderliche Alltagsrealität dar, die niemals enden wird.

Jeder, dessen Stimme viele Aufrufe erhält, muss sich schützen. Meistens verlassen die Menschen entweder das Land oder ändern ihre öffentliche Haltung. Ihr alle habt die schrecklichen Aufnahmen gesehen, wie im Juli 2024 eine russische Rakete das Kinderkrankenhaus «Okhmatdyt» in Kiew traf. Was ihr vielleicht nicht wisst: Danach veröffentlichten mehrere bekannte ukrainische Blogger – sowohl ukrainisch- als auch russischsprachige mit Millionen von Followern – eine Botschaft, in der sie forderten, den Krieg zu beenden. Ich zitiere: «Wir brauchen die Grenzen von 1991 nicht, denn die Menschen wollen nur Frieden und Ruhe.»

Alle diese Blogger wurden zu Gesprächen mit den Sicherheitsbehörden vorgeladen, wo ihnen gesagt wurde, dies sei russische Propaganda. Im Internet verbreiteten sich Behauptungen, die Blogger seien bezahlt worden. Fast alle von ihnen verstummten danach, und einer wurde gezwungen, das Land zu verlassen.

Für Selenskyj ist das Wort der Wahrheit eine Bedrohung. Als PR-Profi kennt er die Macht der Worte. Nur drei Tage vor dieser Rede unterzeichnete Wolodymyr Selenskyj verfassungswidrige Sanktionen gegen mich. Er behauptet, dies sei wegen der Verbreitung von «russischer Propaganda» geschehen. In der Praxis verhängt er Sanktionen gegen jeden, der sagt, was er nicht hören will. Viele seiner eigenen ehemaligen Teammitglieder wurden bereits mit derselben Strafe belegt, weil sie sich gegen den Krieg und gegen Korruption ausgesprochen hatten.

Auch die Zahl der Hochverratsanklagen im Land ist sprunghaft angestiegen.

Im Jahr 2015 wurden in der Ukraine insgesamt 73 Personen wegen aller Verbrechen gegen die Grundlagen der nationalen Sicherheit verurteilt. Seit 2022 wurden mehr als 3.500 Verdachtsfälle bekannt gegeben, und 1048 Personen wurden wegen Hochverrats verurteilt. Das sind die Zahlen für 2025; in diesem Jahr dürften die Zahlen noch höher liegen. In vielen dieser Fälle geht es um Menschen, die lediglich über Frieden sprechen. Werden die Bilder aus Büchern und Filmen über die Sowjetunion für Sie nicht plötzlich lebendig?

Sobald ich also sage, dass territoriale Kompromisse notwendig sind – ein Satz, den einige der vernünftigsten Menschen auf diesem Planeten geäussert haben –, würde ich damit meine eigene Anklage wegen Hochverrats und mein eigenes 15-jähriges oder lebenslanges Strafmass unterschreiben. Deshalb werde ich es nicht sagen. Aber ich möchte Sie daran erinnern, dass die New York Times im Jahr 2023 einen Gastbeitrag mit dem Titel «Die Ukraine braucht nicht ihr gesamtes Territorium, um Putin zu besiegen» veröffentlichte, verfasst vom Pulitzer-Preis-Träger Serge Schmemann.

Schmemann hat eine wichtige Diskussion angestossen, die wir nicht fortgesetzt haben. Wir haben den Aufruf ignoriert, uns mit seinen Argumenten auseinanderzusetzen und ihnen Gehör zu schenken: «Zurückgewonnenes Territorium ist nicht der einzige Massstab für den Sieg in diesem Krieg», schrieb er damals.

Denken Sie an Finnland. Wer würde heute behaupten, Finnland habe seinen Krieg verloren? Es hat einige Schlachten verloren – aber es hat seine Nation und seine Zukunft gewonnen. Die Ukraine kann ein weiteres Finnland werden. Die Ukraine kann zu einer Grenze zwischen dem Westen und Russland werden.

Doch die derzeitige Strategie treibt uns auf einen ganz anderen Weg. Denken Sie an das Land, in dessen Krieg über zwanzig Jahre hinweg Billionen Dollar geflossen sind – ein Land, das in Korruption versank, dessen Institutionen geschwächt wurden, bis Kabul schliesslich an die Taliban fiel. Sie führen die Ukraine genau denselben Weg entlang. Unsere Institutionen brechen unter Korruption und einer selbstbewussten Autokratie zusammen; unser Volk flieht und verliert seinen Glauben; und Russland rückt weiter vor. Warum tun Sie das? Wir verlieren jeden einzelnen Tag Territorium und Menschen, ohne Unterlass – und mit ihnen unsere Chance auf eine Zukunft.

Lassen Sie mich also ganz klar sagen: Jeder, der bereit ist, Russland mit ukrainischem Blut zu bekämpfen und dabei das Leid der einfachen Menschen ignoriert, handelt gegen die Ukraine und gegen demokratische Werte. Wer heute Selenskys Politik verteidigt, verteidigt einen Status quo, der für die Ukraine den Weg Afghanistans bedeutet und für den Westen eine historische Schande ist.

Wenn ihr wirklich gegen Russland kämpfen wollt, geht an die Front. Zensiert nicht die Ukrainer, die nach Frieden rufen. Bequem im Westen zu sitzen und diejenigen anzugreifen, die ein Ende des Gemetzels fordern, macht euch nicht zu Helden. Es macht euch zu Heuchlern.

Es gibt keine Rechtfertigung – keine einzige – für einen solch ungeheuren Verlust an Menschenleben und Humankapital. Keine Idee, wie grossartig sie auch sein mag, und keine Strategie, wie clever sie auch sein mag, kann eine Nation wert sein, der die Hälfte ihrer Bevölkerung entzogen wurde, eine Generation von Kindern, die nicht lesen können, Familien, die durch eine einzige Explosion ausgelöscht wurden, und eine Zukunft, die ausgelöscht wurde, bevor sie beginnen konnte. Wenn die Bilanz schliesslich gezogen wird, wird sie nicht an gewonnenem oder verlorenem Territorium gemessen werden, noch an gelieferten Waffen, noch am Beifall auf roten Teppichen. Sie wird an Leben gemessen werden – an den Kindern, die nie lernen konnten, den Eltern, die nie zurückkehrten, dem Land, das verschwinden durfte, während die Welt wegschaute und dies als Entschlossenheit bezeichnete. Die Geschichte wird nicht fragen, wie laut wir gejubelt haben. Sie wird fragen, was wir gerettet haben.

Denn es steht geschrieben: «An ihren Früchten sollt ihr sie erkennen. Ein guter Baum kann keine schlechten Früchte tragen, und ein fauler Baum kann keine guten Früchte tragen.» Lasst uns also alle ehrlich auf die Früchte blicken, die wir heute tragen. Und lasst uns entscheiden – solange noch Zeit zur Entscheidung bleibt –, die Früchte des Friedens zu tragen.

Ich rufe heute alle europäischen Politiker dazu auf, sich für die Sache des Friedens zu vereinen, um dazu beizutragen, diesen schrecklichen russisch-ukrainischen Krieg zu beenden und unserem Kontinent wieder Stabilität und Sicherheit zu bringen. Dies – und nicht Kriegstreiberei und moralische Selbstdarstellung – ist der Weg in eine erfolgreiche Zukunft und die Aufgabe unserer Generation von Politikern.

Abschliessend möchte ich der «Alternative für Deutschland» und insbesondere Tino Chrupalla dafür danken, dass sie den weiten Weg aus Berlin auf sich genommen haben, um an dieser Veranstaltung teilzunehmen, sowie persönlich Herrn Dr. Hans Neuhoff dafür, dass er mich hierher eingeladen und die Idee gefördert hat, Wege zum Frieden in Europa zu diskutieren. Das ist das Richtige, was jeder heute tun kann.

Vielen Dank.

3.9.26 Weltwoche: Anatomie eines Verbrechens

Die Weltwoche
03.09.2026 02:00
DAS FLOSS DER MEDUSA
4213
Kunst
Anatomie eines Verbrechens
Claude Cueni


Nach dem Sturz Napoleons kam 1815 die Bourbonenmonarchie wieder an die Macht. Frankreich erhielt vom Vereinigten Königreich seine Besitzungen im Senegal zurück. Im Juni 1816 machte sich deshalb ein französischer Schiffsverband auf den Weg nach Westafrika, um die Besitznahme zu sichern. An Bord befanden sich rund 400 Soldaten, Beamte, Wissenschaftler, Kolonisten und Julien-Désiré Schmaltz, der zukünftige Gouverneur des Senegals, mit seiner Familie. Flaggschiff war die Fregatte «Méduse», ihr Kapitän der Adlige Hugues Duroy de Chaumareys. Er verdankte seine Ernennung weder Erfahrung noch nautischen Fähigkeiten, sondern der Vetternwirtschaft der restaurierten Monarchie. Hugues Duroy de Chaumareys war seit Jahren nicht mehr zur See gefahren und wollte sich beweisen und den König und seine Entourage beeindrucken. So begann eine der grausamsten und lückenlos dokumentierten Schiffskatastrophen des 19. Jahrhunderts.

Trotz eindringlicher Warnungen seiner erfahrenen Offiziere setzte sich der ehrgeizige Kapitän vom Schiffskonvoi ab, um schneller ans Ziel zu kommen. Er wählte eine riskante Route nahe der afrikanischen Küste. Am 2. Juli 1816 lief die Fregatte auf der Arguin-Sandbank vor der heutigen Küste Mauretaniens auf. Das Schiff sass fest, man musste es aufgeben.

Die sechs Rettungsboote an Bord reichten jedoch nur gerade für Hugues Duroy de Chaumareys, den designierten Gouverneur Julien-Désiré Schmaltz, die ranghohen Offiziere und ihre Soldaten. Für 147 Seeleute, Soldaten und Passagiere blieb kein Platz. Blitzschnell zimmerten sie aus den Masten der «Méduse» ein Floss und banden es mit Seilen an den Rettungsbooten fest. Doch aufgrund der Überbelastung geriet das Floss rasch unter Wasser. Die Offiziere im Rettungsboot kappten das Verbindungsseil und liessen die Menschen zusammengepfercht auf dem manövrierunfähigen Floss zurück, allein auf dem Atlantik.

Sie hatten kaum Trinkwasser, geschweige denn Nahrungsmittel, aber einige Fässer Wein, was die Situation dramatisch verschärfte. Bereits in der ersten Nacht brachen blutige Kämpfe aus. Täglich wurden Menschen massakriert, einige sprangen aus Angst freiwillig in den sicheren Tod, andere starben vor Hunger. Dreizehn Tage trieben die Überlebenden im offenen Ozean. Schliesslich begannen sie sich gegenseitig aufzuessen.

Als das französische Erkundungsschiff «Argus» das Floss am 17. Juli 1816 zufällig entdeckte, lebten von den rund 147 Menschen nur noch 15. Einige davon starben kurz nach ihrer Bergung. Die französische Regierung versuchte das Desaster unter den Teppich zu kehren, doch es gab prominente Überlebende: den Schiffsarzt Henri Savigny und den Ingenieur Alexandre Corréard. Wohl zum Entsetzen von Hugues Duroy de Chaumareys hatten die beiden den Horror überlebt. Und mehr noch: Sie schrieben einen schonungslosen Bericht über das, was sie erlebt hatten.

Versagen der Gesellschaft

Die Veröffentlichung schlug ein wie eine Bombe und löste einen politischen Skandal aus, der das ganze Land in seinen Grundfesten erschütterte. Kapitän Hugues Duroy de Chaumareys musste sich vor einem Militärgericht verantworten und wurde zu einer eher milden Strafe von drei Jahren verurteilt, denn ein Kapitän, der sein Schiff verlässt, obwohl sich darauf noch Besatzungsmitglieder und Passagiere befinden, erhielt damals nicht selten die Todesstrafe. Die Menschen behielten in Erinnerung: Nicht ein Sturm hatte die Katastrophe verursacht, sondern Inkompetenz, Arroganz und Vetternwirtschaft.

Unsterblich gemacht wurde die Tragödie durch den jungen Maler Théodore Géricault (1791–1824). Er recherchierte akribisch, sprach mit Überlebenden, liess sich ein originalgetreues Modell des Flosses bauen und schuf 1819 das monumentale Historiengemälde «Le radeau de la Méduse» (heute im Louvre), fünf mal sieben Meter. Anstatt einen glorreichen Mythos zu zeigen, prangerte Géricault auf der riesigen Leinwand die menschliche Hybris, das Versagen der staatlichen Obrigkeit und den moralischen Tiefpunkt einer ganzen Gesellschaft an. Das Bild wurde zu einem zeitlosen Sinnbild für den Schiffbruch der menschlichen Zivilisation in einer Extremsituation.

NZZ 1.9.2026: Das zornige Sachsen-Anhalt

NZZ: Sachsen-Anhalt ist komplexer als der politische Diskurs über das Land.


Das zornige Sachsen-Anhalt / NZZ / 01.09.2026 / Marco Seliger


 

Die AfD feiert im Land ihren Aufstieg. Eine Reise von Luther bis zu den untergegangenen Industrierevieren zeigt allerdings, dass die Stimmung komplexer ist als der politische Diskurs

Marco Seliger (Text), Karin Hofer (Bilder)

Auf dem Schlossplatz in Wittenberg herrscht tiefe Stille. Ein Pärchen schlendert heran, tritt an die weltberühmte stählerne schwarze Tür. Die Frau versucht, die eng gesetzten Schriftzeichen zu erkennen. «Das soll einer lesen können», sagt sie zu ihrem Mann. Sie wenden sich ab und gehen. Doch die Worte, die an dieser Tür stehen, begannen vor gut 500 Jahren vom heutigen Sachsen-Anhalt aus eine ungeheure Wirkung zu entfalten. Innere Gesinnung statt katholischer Beichtstuhl und Ablasshandel – das forderte Luther mit seinen 95 Thesen an der Tür der Schlosskirche in Wittenberg. Er löste eine Revolution des Glaubens aus.

Eine Kehrmaschine fährt dröhnend auf den Schlossplatz, vorbei an Masten, an denen Wahlplakate hängen. Die Hitze sinkt langsam herab, die Kirchenglocke schlägt Viertel nach neun. An dem Ort, von dem aus Luthers Worte die christliche Welt aufrüttelten, beginnt ein schöner Sommertag. Gut 500 Jahre nach dem Thesenanschlag von Wittenberg ist das ostdeutsche Bundesland Sachsen-Anhalt mit seinen gerade einmal 2,1 Millionen Einwohnern möglicherweise wieder der Ausgangsort eines fundamentalen Umbruchs in Deutschland. Hier könnte die in Teilen rechtsradikale AfD am 6. September erstmals in einem Bundesland die absolute Mehrheit gewinnen und die Regierung übernehmen.

Wie konnte es gut 37 Jahre nach dem Ende des DDR-Regimes dazu kommen? Einfache, gängige Antworten liegen bereit: Deindustrialisierung, Abwanderung, Überalterung, Identitätssuche und das Gefühl, nach der Wiedervereinigung Bürger zweiter Klasse geworden zu sein. Auf den nächsten eintausend Kilometern durch Sachsen-Anhalt werden sie einem immer wieder begegnen. Und immer wieder werden Menschen sie auch widerlegen.

Der rechte Vordenker

Zuerst führt der Weg von Wittenberg gut 140 Kilometer nach Südwesten. Nach gut anderthalb Stunden taucht ein Ortsschild auf: Schnellroda, ein sauberes, gepflegtes Dorf mit gut 200 Einwohnern. Hier lebt Götz Kubitschek, 56, Verleger und einer der wichtigsten Vordenker der Neuen Rechten in Deutschland. Kubitschek ist so etwas wie der Spiritus Rector der AfD. Seine Erklärungen reichen weiter als bis zu den stillgelegten Fabriken und Tagebauen Sachsen-Anhalts. Er hat aus Unzufriedenheit eine politische Erzählung gemacht.

Sein Haus ist von der Strasse nicht einsehbar. Über einem verwitterten Holzzaun hängt eine Fahne in Schwarz-Rot-Gold. Im Garten stehen zwei Holztische aneinander, auf den Stühlen sitzen Kubitscheks Familie und Mitarbeiter seines Verlages Antaios. Er sei «grundskeptisch» gegenüber «den Medien», sagt er von der Spitze des Tisches her. «Von zehn Anfragen beantworte ich maximal zwei.» Er könne verstehen, dass viele AfD-Politiker kaum noch mit Journalisten sprächen. «Da wurde so viel Mist geschrieben, auch über mich.» Das ändere sich aber langsam. «Klügere Journalisten» beschrieben die AfD inzwischen als etwas Normales, sagt er.

Früher arbeitete er selbst als Journalist und diente als Reservist der Bundeswehr in Bosnien-Herzegowina. Dort gehörte er zur Abteilung für Operative Information, deren Aufgabe es war, mit Informationen auf Einstellungen und Verhalten bestimmter Zielgruppen hinzuwirken. Er erzählt davon, als er in sein Arbeitszimmer geht und dabei Räume mit knarzenden Holzdielen und meterlangen Bücherregalen durchquert.

Wenn Kubitschek spricht, ist das Schwäbische herauszuhören. Er ist in Ravensburg aufgewachsen und lebt seit gut 25 Jahren in Sachsen-Anhalt. «Also, die AfD», sagt er und steckt sich einen Zigarillo in den Mund. Ja, der Zuspruch habe eine Dimension erreicht, die auch ihn überrasche. Sein Anteil bestehe aber lediglich darin, dass er dabei mitgeholfen habe, der Partei «Begriffe, Erklärmuster und Vokabular» zu geben. Deutsche Identität, nationaler Patriotismus, Überfremdung und die Dysfunktionalität eines Staates, der sich nicht zu sich selbst bekennen wolle, um diese Themen, sagt er, sei es ihm von Anfang an gegangen.

Der Landesverfassungsschutz ordnet Kubitscheks Bestrebungen «eindeutig dem Rechtsextremismus beziehungsweise der extremen Rechten» zu. Kubitschek nennt ihn einen «Konkurrentenschutz» für andere Parteien. Wenn er von der AfD spricht, sagt er oft «wir». Mitglied der Partei sei er zwar nicht, aber wer aus der Partei mit ihm sprechen wolle, werde nicht abgewiesen.

Die kleinen Öffentlichkeiten

Was er der AfD jetzt rät? «Schlaft wenig und arbeitet viel.» Und: «Ihr habt vielleicht nur diese eine Chance.» Es gebe zumindest einige gute Leute, die bei einem Machtwechsel in Sachsen-Anhalt in der Regierung arbeiten könnten, Fachleute aus Verwaltung und Wirtschaft, die an der Dysfunktionalität des Staates verzweifelten. «Man darf nicht unterschätzen, wie viele bei der Erneuerung des Landes mitmachen wollen.»

Kubitschek ruht in sich. Keine Schärfe, nichts Triumphierendes in seinen Worten. Er pflegt den Habitus des Intellektuellen, des Mahners. «Überschätzt nicht eure Bedeutung für den Fortgang der Republik.» So sage er es der AfD. «Dient dem Land, dem Ganzen.» Mehrfach zündet er sich den Zigarillo wieder an. Er neige zum Monolog, sagt er entschuldigend.

Kubitschek hat der Neuen Rechten eine wirksame Sprache gegeben. Aber das erklärt noch nicht, warum sie so viele Menschen in Sachsen-Anhalt hören wollen. Also geht es zunächst noch einmal zurück nach Wittenberg. In der Evangelischen Akademie gegenüber der Schlosskirche sitzt der Theologe Christoph Maier und spricht von den Orten, an denen Menschen einander noch persönlich kennen: Vereine, Feuerwehr, Handwerksbetriebe, Stammtische.

Er nennt sie die «kleinen Öffentlichkeiten». Die AfD habe hier die Schlüsselpersonen gewonnen, sagt er: den Dachdecker, den Tischler, den Feuerwehrkommandanten. «Da kommt man mit grossen Kampagnen und medialen Darstellungen nicht mehr gegen an.» Wenige Tage zuvor hatte Maier den AfD-Spitzenkandidaten Ulrich Siegmund bei einer Wahlveranstaltung erlebt. Im Publikum hätten vor allem Ältere gesessen. «Das war so, als käme der Messias.»

Warum diese Menschen wütend sind? Maier beugt sich vor und sagt, das sei bereits die rationale Frage. Zunächst müsse man zur Kenntnis nehmen, dass sie wütend seien: unerfüllte Träume, kleine Rente, Kinder und Enkel im Westen, das Verlierergefühl. Früher habe es geheissen: «Wir gegen die Partei.» Heute heisse es: «Wir gegen Berlin.» Beim Hinausgehen sagt Maier, die Rechten hätten eine Leerstelle erkannt. Individualisierung und Säkularisierung in Deutschland hätten soziale Bindungen geschwächt. «Diese Räume müssen wir auch als Kirche in den nächsten Jahren zurückholen.»

Kampf um die Kultur

Gewinnt die AfD die Wahl und kann sie eine Regierung bilden, wird aus dem Kampf um Begriffe politische Gestaltungsmacht. Wer regiert, entscheidet auch darüber, welche Kultur ein Land fördert. Von Wittenberg sind es kaum 40 Kilometer nach Dessau. Dort befindet sich ein Ort, an dem vor hundert Jahren schon einmal darum gerungen wurde, wie Deutschland aussehen, wohnen und leben sollte: das Bauhaus. «Nach Ihnen kommt eine japanische Journalistin», sagt Barbara Steiner, die Stiftungsdirektorin des Bauhauses. Jeden Tag gebe sie zurzeit zwei bis vier Interviews. Die Anfragen kämen aus der ganzen Welt.

Das Bauhaus steht an einer Allee, die nach seinem Gründer Walter Gropius benannt ist. Es sieht aus wie eine gebaute Absage an alles Monumentale: weisse, rechtwinklige Baukörper, eine Brücke, die berühmte Glasfassade des Werkstattflügels. Keine Säulen, kein Zierrat. Nur Stahl, Beton, Glas. Die Gropiusallee liegt an diesem Morgen still und flirrend da wie nach einem Gewitterguss im Hochsommer. Für die AfD steht das Bauhaus für einen «Irrweg der Moderne», der «jedes Anzeichen von nationaler Verwurzelung» vermeide. Künftig, so heisst es in ihrem Regierungsprogramm, wolle sie stärker Kunst fördern, die zur «deutschen Identitätsfindung» beitrage.

Barbara Steiner trägt einen silbergrauen Bob und eine runde Metallbrille. Sie erwartet in diesem Jahr 200000 Besucher. Das Bauhaus feiert seinen Umzug nach Dessau vor hundert Jahren. Nun könnte die AfD bei einer Regierungsübernahme den Landeszuschuss für das Bauhaus kürzen. Er macht 40 Prozent des Budgets aus. Für Steiner sei das nicht das Hauptproblem. Sie sorge sich ausser um das Bauhaus vor allem um den von der AfD angestrebten «gesamtgesellschaftlichen Umbau» im Land, äussert sie.

Zum Abschied sagt sie, die AfD habe die Kulturinstitutionen durch ihre Anwürfe gezwungen, sich zu fragen, wo ihre blinden Flecken lägen. Tradition. Stolz. Mit diesen Begriffen habe sich die Kultur lange schwergetan. «Doch wir dürfen sie nicht der AfD überlassen.» Das Bauhaus sei Teil der deutschen Identität und Geschichte. Das sehe sie als Stärke und nicht als Schwäche, da es eine aufnahmefähige Kultur begründet habe.

Was eine «patriotische Kulturpolitik» praktisch bedeuten könnte, lässt sich gut 80 Kilometer nordwestlich von Dessau in Magdeburg erfragen. Im Theater der Landeshauptstadt wird Kunst nahezu jeden Abend erschaffen – unter der Leitung eines Schweizers. Julien Chavaz, 1982 in Bern geboren, leitet das Theater seit 2022. 2025 wurde das Schauspiel von einem renommierten Fachmagazin zum Theater des Jahres gewählt. Im Haus herrscht kaum Betrieb. Chavaz läuft durch leere Gänge. Es herrscht Spielzeitpause.

Chavaz überlegt, welchen Einfluss eine künftige AfD-Landesregierung darauf nehmen könnte, was auf seiner Bühne geschieht. «Darf eine Regierung bestimmen, wie Kunst zu sein hat?», fragt er. Seine Antwort: «Nein, denn dann könnte man den Spielplan gleich in der Parteizentrale der AfD machen lassen.» Auch das Theater ist finanziell von Stadt und Land abhängig. Doch welche Stücke er inszeniere, werde er sich von keiner Regierung diktieren lassen. «Wir lassen uns nicht einschüchtern. Wir machen weiter wie bisher.»

Er könne nachvollziehen, wenn Menschen seine Inszenierungen kritisierten, sagt Chavaz bei der Besichtigung der Bühne. «Ich will nicht, dass jedem alles gefällt, was wir spielen.» Doch wer deutsche Kultur suche, müsse nur auf den Spielplan schauen: Wagner, Beethoven, Brahms. In zwei Jahren wird Chavaz Magdeburg verlassen und in Essen inszenieren. Zum Abschied erzählt er von einer Oper, die im Februar ihre Premiere feiern wird. Sie handelt von einer gewaltigen Hoffnung, die Magdeburg einst hatte: die Chipfabrik von Intel. Das sei so gross gewesen für die Stadt, fast wie ein Traum, sagt Chavaz.

Stunden später liegt der Ort, an dem dieser Traum Wirklichkeit werden sollte, in der Mittagshitze. Lutz Trümper wartet mit seinem Auto auf einem kurzen Stück zweispuriger Strasse am Magdeburger Stadtrand. Pfeile weisen zur A 14, an der Kreuzung stehen Ampel und Hinweisschild. Diese Strasse führt zu einer Fabrik, die nie gebaut wurde.

Der geplatzte Intel-Traum

Trümper war bis 2023 für 21 Jahre SPD-Oberbürgermeister von Magdeburg. Der 70-Jährige steigt aus und zeigt über die Felder: Mais, Wildwuchs und dazwischen abgeerntete Flächen. Hier wollte Intel vor drei Jahren mit dem Bau seiner Chipfabrik beginnen. Die Bundesregierung lockte den amerikanischen Konzern mit Subventionen. «Für uns war das damals ein Jackpot», sagt Trümper.

Doch dann geriet Intel in Schwierigkeiten und zog sich zurück. Es scheint die nächste verlorene wirtschaftliche Hoffnung Sachsen-Anhalts zu sein. Nur erzählt Trümper diese Geschichte anders. Die Magdeburger seien Intel gegenüber von Anfang an skeptisch gewesen, sagt er. Ob die Fabrik wirklich kommt? Erst einmal abwarten. Eine grosse Depression habe die Absage deshalb nicht ausgelöst. «Die Leute haben immer gezweifelt, ob das klappt.» Später, im Restaurant, spricht Trümper über seine eigene politische Entfremdung. Vor zwei Jahren sei er aus der SPD ausgetreten, nach zweieinhalb Jahrzehnten in der Partei. Ein Grund sei die Russland-Politik gewesen, ein anderer das Wort «Kriegstüchtigkeit» von Boris Pistorius, dem SPD-Verteidigungsminister in Berlin.

Das alles sei «brandgefährlich», sagt er, und wirtschaftlich verheerend. Den Preis zahlten «die kleinen Leute» an der Tankstelle und im Supermarkt. Er könne nicht verstehen, wie das Land auf russische Energie verzichten könne. Viele Menschen im Osten hätten bei Themen wie Russland, Migration oder Corona erlebt, dass ihre Meinung nicht akzeptiert werde. Auch der Ukraine gibt er eine Mitschuld am Krieg. «Aber wer das sagt, wird untergebuttert.» Trümper würde sich selbst kaum als Rechten bezeichnen. Und doch klingt manches von dem, was er sagt, ähnlich wie das, was die AfD äussert. Vielleicht liegt auch darin eine Erklärung für ihre Stärke: Manche ihrer Deutungen reichen längst über ihre eigene Wählerschaft hinaus.

Eine bedrohte Erfolgsgeschichte

Das Gefühl, nicht mehr gehört zu werden, gibt es auch anderthalb Stunden weiter im Süden. Nur geht es dort nicht um Migration, Corona oder Russland, sondern um etwas anderes. 20 Meter über dem Chemiepark Leuna schlägt dem Besucher fauliger Geruch entgegen. Etwas unterhalb des Laufsteges liegen zwei gewaltige Klärbecken. Von hier oben reicht der Blick über Behälter, Bahngleise und Kesselwagen. Kilometerlange Rohrbrücken ziehen sich durch eines der grössten Industrieareale Ostdeutschlands.

Dieser Chemiepark ist eine Erfolgsgeschichte. Zu DDR-Zeiten arbeiteten hier 27 000 Menschen. 20 000 von ihnen verloren nach der Wende ihren Job. Heute arbeiten hier wieder 15 000 Personen. Aus dem einst notorisch verschmutzten Kombinat ist ein internationaler moderner Industriepark geworden. Gerade hat der finnische Konzern UPM 1,3 Milliarden Euro in eine Bioraffinerie investiert, die aus Buchenholz Chemikalien herstellt.

«Das ist ein ziemlich handfester Beweis des Vertrauens in die Zukunft dieses Ortes», sagt Dermot Carey, Prokurist von Infra Leuna, Eigentümer und Infrastrukturbetreiber des Chemieparks. In Leuna endet die Druschba-Pipeline, die den Standort jahrzehntelang mit russischem Öl versorgte. Das Rohr liegt noch immer. Nur das Öl kommt heute, wie Carey sagt, mit dem Schiff «aus aller Herren Länder». Später rechnet Carey vor: Vor Beginn des Ukraine-Kriegs habe Infra Leuna jährlich 60 bis 80 Millionen Euro für Erdgas ausgegeben. Heute mit dem Iran-Krieg seien es gut 200 Millionen.

Gegen Konkurrenten auf anderen Kontinenten werde die Produktion damit immer schwieriger. «Die Politik sollte die Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Chemieindustrie nicht aus den Augen verlieren», sagt er. Er habe das Gefühl, dass der Industrie in Berlin mehr zugehört werden müsse. Er könne verstehen, dass viele Mitarbeiter in Leuna nun Angst um ihren Arbeitsplatz hätten.

Stolze Verlierer

Wieder geht die Reise nach Westen, in eine Gegend, in der von einer einst mächtigen Industrie vor allem die Erinnerung geblieben ist. Kupfer und Stahl haben Hettstedt und das Mansfelder Land über Jahrhunderte bestimmt. Hier wurden in den nuller Jahren die Messingbleche gewalzt, die heute die Brüstungen um die beiden grossen Wasserbecken am Ground Zero in New York mit den eingravierten Namen der fast 3000 Opfer des Terroranschlags vom 11. September 2001 bilden.

Ein Teil der Maschinen, mit denen in Hettstedt früher Stahl gewalzt wurde, steht heute in einem Freiluftmuseum im Schlosspark. Auf einer Bank sitzen Bernd Friedrich, 67 Jahre alt, und Manfred Stern, 87 Jahre alt, der eine war Bergmann, der andere Walzwerker. Zwei von mehr als zehntausend Menschen, die hier nach der Wende ihre Arbeit verloren.

Sie haben das Mansfeld-Museum aufgebaut. Dort leben ihre Erinnerungen und der Stolz auf ihre Arbeit weiter. Friedrich hat der Umbruch nach 1989 besonders getroffen. Er schleppte sich von Arbeitslosigkeit zu prekären Jobs und wieder zurück. Als er davon erzählt, sitzt er gebückt und starrt auf den Boden. Stern gehörte bis zum Mauerfall zur Betriebsführung im Walzwerk und war SED-Mitglied. Er sei als ehemaliges Kadermitglied erst 1993 entlassen worden. Friedrich sagt: «Man hat uns einfach abgewickelt.»

Sie klagen über Abwanderung, Migration, Lebensbrüche, niedrige Renten. Aber deshalb die AfD wählen, das käme nicht infrage. Die könne die wirtschaftlichen Probleme auch nicht lösen. Stern wolle wie immer die Linkspartei wählen, er sei so erzogen. Friedrich sagt, man solle ihn nicht verraten, aber er wähle das Bündnis Sahra Wagenknecht. An seinem Auto sagt Stern zum Abschied, es sei egal, wer gewählt werde. «Es ändert sich doch sowieso nichts.»

Dass sich nichts ändern lässt, ist ein bemerkenswerter Satz in einem Land wie Sachsen-Anhalt, in dem nach der Wende fast alles anders geworden ist. Es geht auf die letzte Etappe der Reise, noch einmal 70 Kilometer nach Osten. Dort befindet sich am Ufer des Gremminer Sees ein Ort, der das Gegenteil beweist. Ferropolis, die «Stadt aus Eisen», besteht aus drei Baggern und zwei Absetzern, die sich um eine Konzertarena gruppieren. Ungetüme aus Stahl, Zahnkränzen, Treppen und Stegen, Kabeln und Rost. Aus der Arena schallen Hammerschläge herauf. Das nächste Festival wird vorbereitet.

Früher transportierten die Maschinen Braunkohle aus dem Tagebau Golpa-Nord. Der Strukturbruch traf die Region um die nahe gelegene Stadt Gräfenhainichen mit voller Wucht. In den neunziger Jahren lag die Arbeitslosigkeit zeitweise bei 20 Prozent. Damals entstand aus der Diplomarbeit eines Bauhaus-Studenten die Idee, einen Tagebaubagger kulturell zu nutzen. Zunächst sollte darauf nur ein Café entstehen. Das gibt es bis heute nicht. Dafür gibt es Ferropolis.

Wunder der neunziger Jahre

Im Jahr 2000 eröffnete Mikis Theodorakis mit einem Auftritt die Arena. Später kamen Oasis, Grönemeyer, Die Toten Hosen, Opern und Festivals. Ferropolis funktioniert. Es rechnet sich. Thies Schröder hat daran massgeblichen Anteil. Der 61-jährige Landschaftsplaner leitet seit mehr als zwanzig Jahren die Ferropolis GmbH. Zwischen alten Hallen, Schienen und Lokomotiven zieht er an seiner E-Zigarette und spricht von einer «Strukturbrucherfahrung», die viele Menschen im Osten gemacht hätten. Sie wirke viel stärker nach, als man in den neunziger Jahren gedacht habe. «Da ist etwas ins Rutschen gekommen, das bis heute nicht geheilt ist.»

Der Strukturbruch allein erkläre aber nicht den Erfolg der AfD. Die Erfahrung von Kontrollverlust, sagt Schröder, habe eine besondere Empfindlichkeit für das Gefühl hinterlassen, erneut die Kontrolle zu verlieren. Schröder nennt es die «Failed-State-Erfahrung». Ostdeutsche wüssten aus eigenem Erleben, dass ein Staat tatsächlich scheitern könne. Die Republik sei ihnen «wie Sand durch die Finger geronnen». «Das sitzt tiefer in den Kleidern, als man denkt.» Was also lässt sich von Ferropolis lernen? Schröder sagt, ein Strukturwandel brauche vor allem Transparenz und Kommunikation. Entscheidungen müssten dort ausgehandelt werden, wo ihre Folgen direkt zu spüren seien: vor Ort mit den Menschen. Sie dürften nicht fertig beschlossen aus Berlin oder Brüssel kommen.

Ferropolis ist aus einem solchen Prozess vor mehr als 25 Jahren entstanden. Die alte Welt wurde hier nicht zurückgeholt. Man stritt darüber, was aus ihren Überresten werden sollte. Und erfand etwas Neues. Aus der Arena schallen noch immer Hammerschläge. Arbeiter bauen ein Gerüst auf. Die monumentalen Bagger werden nie wieder Kohle fördern. Die Welt, für die sie gebaut wurden, ist in Sachsen-Anhalt verschwunden. Wo früher Braunkohle gefördert wurde, wird heute mit Musik Kohle gemacht.

Ferropolis und all die anderen Orte an den fünf Tagen zeigen: Sachsen-Anhalt ist komplexer als der politische Diskurs über das Land. Es ist ein Ort der Widersprüche, der sich nicht auf ein einziges Stimmungsbild reduzieren lässt. Mit dem Herbst steht dem Land eine neue politische Phase bevor.

Thies Schröder von Ferropolis sagt, Entscheidungen dürften nicht fertig beschlossen aus Berlin oder Brüssel kommen. Sie müssten mit den Menschen vor Ort ausgehandelt werden.

Magdeburgs Oberbürgermeister Lutz Trümper ist aus der SPD ausgetreten. Ein Grund dafür war deren Russland-Politik.

Den ehemaligen Bergmann Bernd Friedrich aus Hettstedt traf der Umbruch von 1989 besonders hart. Er glaubt nicht an die Regierung.

In Schnellroda lebt Götz Kubitschek. Er hat der Neuen Rechten eine identitätsstiftende Sprache gegeben.

Barbara Steiner ist die Stiftungsdirektorin des Bauhauses in Dessau. Die AfD droht, ihm die Mittel kürzen.

Der Theologe Christoph Maier aus Wittenberg sagt, die rechte Partei habe die Schlüssel- personen gewonnen: den Dachdecker, den Tischler, den Feuer-wehrkommandanten.

31.07.2026 Blick: Eine Freiheitsstatue für die Schweiz


Word-Text am Ende der Seite


Blick
31.07.2026 – 4968


 

Eine Freiheitsstatue für die Schweiz


Im Kleinformat hat Schriftsteller Claude Cueni (70) das Denkmal schon parat

ANDREAS DIETRICH

Wer ausschliesslich digital bezahlt, verpasst etwas. Und wer noch Münz im Sack hat, ist sich dessen wohl nicht bewusst: Er oder sie trägt eine Freiheitsstatue mit sich. Die Frankenmünzen zeigen (mit Ausnahme von Tell auf dem Fünfliber) die Helvetia, auf den Rappenmünzen ist der Kopf der Freiheitsgöttin Libertas abgebildet.

Der Blick aufs Kleingeld hat den Basler Schriftsteller und früheren Blick-Kolumnisten Claude Cueni (70) auf eine grosse Idee gebracht: die zwei für unser Land bedeutsamen Frauenfiguren zu fusionieren – in der Helvetia Libertas, der Freiheitsstatue für die Schweiz.

Wofür seine Figur steht, schreibt Freigeist Cueni niemandem vor. «Helvetia Libertas ist das, was jeder Mensch darin sehen möchte», sagt er. «Für die einen ist sie eine moderne Helvetia, für andere steht sie für Frauenpower, und wieder andere sehen darin ein Symbol für Meinungsfreiheit. Freiheit ist nichts Statisches. Man verliert, was man nicht verteidigt.»

«Heil dir, Helvetia! Hast noch der Söhne ja.» Die Liedzeile wurde landauf, landab patriotisch angestimmt. Sie stammt aus «Rufst du, mein Vaterland», das 1981 vom Schweizerpsalm als offizielle Nationalhymne abgelöst wurde. Dabei war über die Jahrhunderte nie ganz klar, wer oder was diese Helvetia eigentlich ist.

Mal steht die Figur für die ganze Eidgenossenschaft, das CH kommt von Confoederatio Helvetica. Mal symbolisiert sie, thronend über dem Bundeshaus, politische Unabhängigkeit. Dann verbindet sie die «Seelen der Völker», indem sie als Teil des Welttelegrafen-Denkmals auf dem Berner Helvetiaplatz etwas selbstgefällig ihre Arme ausstreckt. Und «Helvetia ruft!» nennt sich seit 2018 eine überparteiliche Bewegung von Frauen in der Politik. Helvetias Unfassbarkeit fasst der Historiker Georg Kreis (82) im Historischen Lexikon der Schweiz so zusammen: «Es gibt keine Biografie der Gestalt, sondern einzig eine Geschichte ihrer vielfältigen Verwendung.»

Dieser will Claude Cueni ein neues Kapitel hinzufügen. Seine Helvetia Libertas ist kein Hirngespinst. Dieser Tage werden zwölf 50-Zentimeter-Skulpturen in Bronze gegossen. Drei Exemplare hat er nach eigenen Angaben schon verkauft. Auch ein Modell aus Ton steht. Das Ziel ist XXL, eine Drei-Meter-Statue in Bronze. Hierfür sucht Cueni, der bisher alles selber finanziert hat, einen Stifter oder eine Stifterin.

Dass der Schriftsteller zum Skulpteur wurde, verwundert nur auf den ersten Blick. «Figürliche Darstellungen haben mich seit frühester Kindheit fasziniert und inspiriert», erzählt Cueni. «Zuerst waren sie 5,4 Zentimeter gross, zwanzig Jahre später 180 Zentimeter.» Wenn der Autor historischer Bestseller – zum Beispiel «Das grosse Spiel» über John Law, den Erfinder des Papiergelds – an seinem Schreibtisch sass, schauten ihm stumme Zaungäste über die Schultern. «Eine Zeit lang lebte ich zu Hause mit elf Schaufensterpuppen, die ich jeweils mit den historischen Kostümen meiner Romanhelden einkleidete», erzählt er.

Über die amerikanische Freiheitsstatue weiss Cueni alles. Sein Roman «Giganten» handelt vom Wettstreit zwischen ihrem Schöpfer, dem Bildhauer Frédéric-Auguste Bartholdi, und Gustave Eiffel, Erbauer des Eiffelturms in Paris.

Von der Lady Liberty im New Yorker Hafen übernahm er die Fackel. Auch die selbstbewusst in die Hüfte gestemmte Hand seiner Helvetia Libertas geht auf eine weltberühmte Skulptur zurück: auf das Fearless Girl der amerikanischen Bildhauerin Kristen Visbal, das unerschrocken vor der New Yorker Börse steht. «Meine Helvetia Libertas verbindet diese beiden Gesten mit der schweizerischen Symbolfigur», sagt Cueni.

Wo soll die grosse Bronzefigur dereinst stehen? «Der Bundesplatz in Bern wäre meine erste Wahl», sagt Cueni. Doch vorläufig konzentriert er sich bei der Suche nach einem Platz für die Schweizer Freiheitsstatue auf private Grundstücke. «Dort sind die bürokratischen Hürden niedriger, und Entscheidungen können schneller getroffen werden.» Denn, so Cueni: «Ich mag es, wenn Dinge gemacht und nicht in endlosen Sitzungen zerredet werden.»

Ab 30. September wird die Helvetia Libertas als 50-Zentimeter-Bronzeskulptur während drei Tagen in der Basler Galerie Eulenspiegel gezeigt.

So soll sie dereinst ihren Platz einnehmen: KI-Visualisierung der drei Meter hohen Helvetia Libertas.

Schriftsteller Claude Cueni entlehnte für sein Werk von der amerikanischen Freiheitsstatue die Fackel.

In kleinerer Ausführung aus Ton steht die Statue bereits in der Bildhauer-Werkstatt.

Helvetia

Libertas

Selbstbewusst: Das Fearless Girl vor der New Yorker Börse.

30.07.26 Weltwoche: Helvetia und Libertas

Die Weltwoche
30.07.2026 02:00
44 – 4927


Helvetia und Libertas


Die beiden Frauenfiguren sind eins. Nicht nur auf unseren Münzen, sondern neu auch als Statue. Ein in Bronze gegossenes Plädoyer für eine wehrhafte Landesmutter der Freiheit.


Claude Cueni

Wir sehen sie täglich, und doch sehen wir sie nicht: die Schweizer Freiheitsstatue in der Hosentasche. Während auf den aktuellen Schweizer Umlaufmünzen mit den Nennwerten 1/2, 1 und 2 Franken die allegorische Figur Helvetia geprägt ist, sehen wir auf den Rappenmünzen (5, 10, 20) den Kopf der römischen Freiheitsgöttin Libertas. Der Name ist in ihrem Diadem eingeprägt.

Als Julius Cäsar im 1. Jahrhundert v. Chr. in seinem Werk «De bello Gallico» über die Helvetier berichtete, nannte er sie Helvetii und ihr Land ager Helvetiorum (das Gebiet der Helvetier). Der Name «Helvetia» entstand erst im Mittelalter, als die Historiker nach einem klassischen lateinischen Namen für die Region der heutigen Schweiz suchten. Bis zur Gründung des modernen Bundesstaates 1848 wurde die lateinische Form Helvetia beziehungsweise Helvetien gebräuchlich.

Dies zeigt sich heute noch in der Abkürzung CH für Confoederatio Helvetica oder auf den Schweizer Briefmarken und Münzen. Aus diesem Namen entstand über die Jahrhunderte eines der stabilsten nationalen Symbole Europas: Helvetia, eine allegorische Figur, eine Landesmutter.

Souveränität der aufrechten Haltung

Der Basler Kupferstecher Matthäus Merian der Ältere (1593–1650) schuf eine der ersten Helvetia-Figuren. Aber erst durch die Gründung des Bundesstaates 1848 entstand ein einheitlicher Staat mit gemeinsamer Währung und wachsendem Nationalbewusstsein. Helvetia wurde als Nationalallegorie neu geboren.

Bereits zwei Jahre später erschien Helvetia auf den Wertmünzen zu 1/2, 1 und 2 Franken. Sie sass da, die Ruhe selbst: gelassen, unaufgeregt, mit Schild und Speer ausgerüstet, wehrhaft, aber nicht kriegerisch. Bewaffnete Neutralität.

Helvetia verharrte nicht lange in ihrer sitzenden Stellung. Bereits 1873 erhob sie sich und symbolisierte mit ihrer aufrechten Haltung staatliche Souveränität. Der Schild mit dem Schweizer Kreuz stand für Stärke und die von antiken Vorbildern inspirierte Tunika für Beständigkeit und Zeitlosigkeit.

Erschaffen hatte die stehende Helvetia der Genfer Kunstmaler Albert Walch (1816–1882). Sein Fokus lag nicht auf dem technisch Machbaren, sondern auf dem Künstlerischen. Walch verzichtete auf Pathos und visualisierte die neue Staatsphilosophie: Stabilität, Neutralität, Selbstbewusstsein. Für die Umsetzung in einen Prägestempel war der Genfer Stempelschneider Antoine Bovy (1795–1877) zuständig.

Die Schweiz war mit ihrer Helvetia weder besonders früh noch besonders spät dran. Wie die deutsche Germania, die französische Marianne, die britische Britannia und die italienische Italia erhielt auch sie ihre bis heute gültige Form im 19. Jahrhundert, in einer Epoche, in der sich Europas Nationen nicht nur politisch, sondern auch auf ihren Münzbildern neu erfanden. Es ist kein Zufall, dass alle diese nationalen Ikonen weiblich sind. Es ist der Grammatik geschuldet. In den klassischen Sprachen sind Länder weiblich: Helvetia, Germania, Italia, la France. Und was sprachlich weiblich ist, wird als Frau dargestellt.

Doch im Gegensatz zur kriegerischen Germania, zur revolutionären Marianne und zur imperialen Britannia wirkt Helvetia eher zurückhaltend. Der Körper ist entspannt, unaufgeregt, den Kopf hat sie in der Tradition antiker Figuren melancholisch zur Seite geneigt. Sie scheint nachdenklich, introvertiert, zeitlos.

Fackel der Freiheit für Helvetia

Während andere Länder ihre Münzbilder immer wieder politischen und gesellschaftlichen Entwicklungen anpassen, bleibt die Schweiz ihren Werten treu. Der unscheinbare Zehnräppler schaffte es gar als älteste Umlaufmünze der Welt ins «Guinnessbuch der Rekorde». Seit 1879 ist die Prägung unverändert. Sie steht für eine stabile Währung in einer instabilen Welt.

Sie steht aber auch für Libertas wie Frédéric-Auguste Bartholdis Freiheitsstatue, die offiziell «Liberty Enlightening the World» heisst (Freiheit erleuchtet die Welt). Helvetia und Libertas gehören zur Schweizer DNA. Helvetia sollte deshalb die Fackel der Freiheit tragen, das Selbstbewusstsein, die Unerschrockenheit und die Standhaftigkeit des fearless girl verkörpern, Frauenpower, und das zeitlose Gewand der allegorischen Figuren der Antike tragen.

Die Kombination von Helvetia und Libertas verknüpft die Landesmutter direkt mit dem Konzept der Freiheit. Ohne Helvetia keine Libertas und ohne Libertas keine Freiheit.

Bildlegenden:

Der Schriftsteller Claude Cueni hat sich von den Schweizer Münzen zu einer «Helvetia-Libertas»-Statue inspirieren lassen. Die fünfzig Zentimeter hohe Version wird gerade in Bronze gegossen.

Der Zehnräppler schaffte es als älteste Umlaufmünze der Welt ins «Guinnessbuch der Rekorde».

Standhaftigkeit des «fearless girls»: Cuenis «Helvetia-Libertas»-Statue.

26.6.2026 Cueni / Hitzerekorde in den 1960er-Jahren

SRF-Wetterchef Thomas Bucheli sagt: ««Niemand kann sagen, er habe das schon erlebt», eine derartige Juni-Hitze sei in der Schweiz äusserst selten. Also «äussert selten» und «niemand» passt nicht so zusammen. Also habe ich die KI gefragt:

 

«Sag mal Kumpel, ich ging Mitte der 1960-Jahre im Basler Iselin-Schulhaus in die Primarschule. Ich erinnere mich an mehrere hitzefreie Schultage, die wir in der öffentlichen Badeanstalt «Bachgraben» verbrachten. Damals gabs ja all diese Massenschlägereien noch nicht, und Bademeister brauchten noch keine Zahnversicherung.

 

Die KI antwortete: «Juli 1964: Im Rahmen einer mehrtägigen Hitzewelle in der zweiten Julihälfte wurde der Höchstwert von 35,9 °C erreicht.

 

Vom 12. bis zum 14. August 1962 gab es eine dreitägige Hitzewelle mit Temperaturen von bis zu 34,5 °C.

 

Absolute Spitzenwerte wie der Allzeitrekord von 39,0 °C (gemessen am 2. Juli 1952) oder die Spitzenwerte des Jahrhundertsommers 2003 wurden in den 1960er Jahren nicht ganz erreicht.

Cueni 23.6.26: Alan Greenspan und das barbarische Relikt

Alan Greenspan (1926 – 2026) ist tot, ein brillanter Mann, dessen Leben die Ironie des 20. Jahrhunderts zeigt. 1966 publizierte er mit „Gold and Economic Freedom“ ein Essay, der längst zum oft zitierten Klassiker geworden ist. Greenspan schrieb: „Die Finanzpolitik des Wohlfahrtsstaates macht es erforderlich, dass es für Vermögensbesitzer keine Möglichkeit gibt, sich zu schützen. Dies ist das schäbige Geheimnis, das hinter der Verteufelung des Goldes durch die Vertreter des Wohlfahrtsstaates steht. Staatsverschuldung ist einfach ein Mechanismus für die „versteckte“ Enteignung von Vermögen.“

Als Alan Greenspan Jahre später zum Vorsitzenden der amerikanischen Notenbank Federal Reserve (1987 bis 2006) ernannte wurde, mutierte er selbst zum obersten Verwalter jenes Fiat-Geldsystems, das nicht auf Gold, sondern auf Vertrauen basiert. Die Nachfrage nach Gold steigt seitdem stetig. Trotz vorübergehenden Verschnaufpausen. In den letzten Jahren waren Russland, China, Türkei, Polen, Indien und die Türkei die aktivsten Käufer. Aber auch private Anleger decken sich ein. Haben die etwa das Vertrauen in ihre Regierung verloren? Gemäss letzten Umfragen erreicht Friedrich Merz gerade noch 17% Zustimmung, Macron 20% und Starmer kam vor seinem Abgang noch auf 21%. Vertrauen kann man nicht erzwingen, Vertrauen muss man sich verdienen. Doch das deutsche Bundesamt für Verfassungsschutz diffamierte 2025 private Goldkäufer als „Crashpropheten“ und labelte sie mit rechtsextremen und antisemitischen Narrativen.

Alan Greenspan wusste stets, dass Gold Freiheit schützt, aber er akzeptierte im Laufe seiner 19-jährigen Tätigkeit als FED-Chef, dass heutige Staaten ohne Papiergeld kaum noch finanzierbar, geschweige denn regierbar wären.  

15.6.26 Cueni: Wer Barbaren ins Land lässt, endet in der Barbarei

1132 Anschläge

 

Wer Barbaren ins Land lässt, endet in der Barbarei.

Claude Cueni 15.6.26

 

Am Freitag sticht im englischen Brierfield ein 30-jähriger Brite pakistanischer Herkunft, eine 17-jährige auf offener Strasse mit einem Messer mehrmals von hinten in den Hals.

In Deutschland die übliche Wochenendbilanz: Macheten-Angriff in Frankfurt, Schussverletzungen, Vergewaltigungen. Gemäss den Daten der Polizeilichen Kriminalstatistik (PKS) des Bundeskriminalamtes (BKA) werden 80 Messerangriffe PRO TAG registriert, also rund 29’000 in den letzten 12 Monaten. Quelle: Statista.

Der linke Mainstream ist ursächlich dafür verantwortlich, dass die Bevölkerung das Ausmass dieser importierten Barbarei nicht wahrnimmt. In England steigt die Wut der Bevölkerung, Frankreich und Deutschland werden folgen.

Man löst das Problem nicht, indem man junge Männer, die uns nach dem Leben trachten, einbürgert. Auch die zunehmende Einschränkung der Meinungsfreiheit wird nicht hilfreich sein.

Wir brauchen einen auf 3 Jahre befristeten Einwanderungsstop für junge Männer aus Ländern, die unsere Kriminalitätsstatistik anführen. Wer das fordert, ist nicht ausländerfeindlich, sondern feindlich gegenüber jenen, die unsere Sicherheit gefährden.

 

11.6.26 Achgut.com: Rollende Stühle

Wie kamen Menschen in der Antike mit eingeschränkter Mobilität durch den Alltag? Denkbar schlecht. Mobilität war über Jahrtausende kein Menschenrecht, sondern eine Frage von Familie und Vermögen. Wer gehen konnte, ging. Wer humpelte, nahm Stöcke, Krücken oder bewegte sich bäuchlings auf einem Brett, das mit Rädern versehen war, und «ruderte» mit den Händen durch die antike Welt. Wer Geld hatte, liess sich auf oder in einer Sänfte tragen.

Kriege, Seuchen und Hungersnöte setzten dem menschlichen Skelett zu. Verbreitet waren auch Bleivergiftungen. Sie konnten Gicht begünstigen, die Gelenke zerstören und in die Invalidität führen. Überall steckte Blei drin, nicht nur in Wasserrohren und Essgeschirr, sondern auch in Glasuren, Schminke und Münzen. Selbst Wein wurde mit Blei gesüsst.

Gicht war über Jahrhunderte eine der grossen Volkskrankheiten.

Im 16. Jahrhundert galt blassweisse Haut als Zeichen von Reichtum, weil man es nicht nötig hatte, sich draussen auf den Feldern in der glühenden Sonne abzurackern. So wurde weisse Haut zum Schönheitsideal. Das galt auch für die englische Königin Elisabeth I. (1533–1603). Um die Narben einer Pockenerkrankung zu kaschieren, trug sie jahrelang das bleihaltige und hochgiftige Kosmetikum Venetian Ceruse auf. Es ruinierte nicht nur ihr Gesicht.

Es dauerte ein halbes Jahrtausend, bis der englische Arzt Sir Alfred Baring Garrod (1819–1907) in einem richtungsweisenden Werk über Gicht den ursächlichen Zusammenhang wissenschaftlich nachwies und dafür von Unternehmern, Ärzten und sogar von der Kirche aufs Übelste angefeindet wurde.

Auch im Mittelalter gab es für die zahlreichen Gichtinvaliden, Kriegsversehrten und Unfallopfer noch keine Hoffnung auf Mobilität. Wege waren unbefestigt, je nach Witterung matschig, öffentliche Plätze mit grobem Kopfsteinpflaster ausgelegt. Die Architektur der damaligen Welt war auf Menschen ohne Gehbehinderung ausgerichtet. Wer in einer Burg lebte und nicht laufen konnte, war auf Diener angewiesen. Aber wer lebte schon in einer Burg? Mittellose krochen, bettelten oder blieben in der Nähe ihrer Schlafstätte. Wer vermögend war, liess sich in einer Sänfte herumtragen. Wer mittellos war, versank oft in der Isolation. Mobilität bedeutete mehr Freiheit, und wer nicht mobil war, hatte keine.

Der eigentliche Rollstuhl im engeren Sinn tauchte in Europa erst spät auf. Ein frühes Beispiel ist der für den spanischen König Philipp II. gebaute «invalid chair» von 1595. Es war noch kein moderner Rollstuhl, sondern ein exklusiver royaler Stuhl auf Rädern, mit Fussstützen und verstellbaren Elementen. Der Stuhl zeigt aber bereits ein zentrales Motiv der späteren Entwicklung: Der Körper soll nicht mehr nur horizontal getragen werden, sondern sitzend. Es gab zwei Richtungen: Die einen stellten einen richtigen Sessel auf ein rollendes Brett, andere montierten Räder an einen Stuhl.

Eine ganz besondere Innovation gelang 1655 Stephan Farfler (1633–1689), einem gelähmten Uhrmacher aus Altdorf bei Nürnberg. Farfler baute sich eine dreirädrige, mit Handkurbeln angetriebene Fahrmaschine. Er wollte nicht mehr geschoben werden, sondern sich selbständig bewegen.

Im englischen Kurort Bath fand die nächste Revolution statt. Aufgrund der speziellen Bedürfnisse der betagten Gäste, die Charles Dickens (1812–1870) als «alberne Snobs» bezeichnete, entstand der «Bath Chair». Dieser Rollstuhl hatte zwei grosse Räder und ein kleines, lenkbares Vorderrad vor der Fussstütze. Die wohlhabenden Senioren waren zwar immer noch auf einen sogenannten «Rollstuhldienstmann» angewiesen, um die Heilquellen zu erreichen, aber der «Bath Chair» brachte Gehbehinderte vermehrt in die Öffentlichkeit; diese tauchten nun häufiger in Gemälden, Kupferstichen und Karikaturen auf.

Die industrielle Revolution des 19. Jahrhunderts brachte neue Materialien, Metallrahmen, Gummireifen und revolutionäre Fertigungstechniken. Die Rollstühle blieben jedoch schwer, sperrig und teuer. Sie waren oft als «Invalidenstühle» konstruiert, ein Begriff, der schon verrät, dass man die Nutzer als Defizitwesen einstufte. Doch nicht alle Betroffenen liessen sich von dieser Stigmatisierung beeindrucken.

Ein schönes Beispiel ist die 1847 im deutschen Giengen geborene Margarete Steiff. Sie erkrankte mit eineinhalb Jahren an Kinderlähmung und blieb zeitlebens gelähmt. Nach den Massstäben des 19. Jahrhunderts hätte ihr Leben zu Hause verlaufen sollen. Doch Steiff lernte nähen, spielte Zither, verdiente eigenes Geld, kaufte eine Nähmaschine und gründete ein Unternehmen. 1880 begann sie mit Filztieren; später entwickelte ihr Neffe Richard Steiff den gegliederten Bären, der als Teddy Bear weltberühmt wurde.

Im 20. Jahrhundert wurde der Rollstuhl endgültig zu einem technischen Massenprodukt. Kriege, Polio-Epidemien, Arbeitsunfälle und Fortschritte in der Altersmedizin veränderten die Zahl der Überlebenden mit dauerhaften Mobilitätseinschränkungen. Der Bedarf wuchs. Der entscheidende technische Sprung kam in den 1930er-Jahren mit Herbert Everest und Harry Jennings. Everest war nach einem Bergwerksunfall querschnittgelähmt, Jennings war Ingenieur. Gemeinsam entwickelten sie einen leichteren, faltbaren Rollstuhl mit X-Rahmen, der in die meisten Autos passte. Das Modell wurde 1937 patentiert; die späteren Everest-&-Jennings-Stühle prägten über Jahrzehnte den Markt.

Später kamen Leichtmetall, Titan, elektrische Rollstühle, individuell angepasste Sitzsysteme, Offroad-Modelle, Treppensteiger, Exoskelette und digitale Steuerungen hinzu. Die Geschichte des Rollstuhls ist deshalb nicht nur eine Technikgeschichte, sondern auch eine Sozialgeschichte. Ohne Rollstühle gäbe es heute keine Paralympics, die im selben Jahr und am selben Austragungsort wie die regulären Olympischen Spiele stattfinden.

Trends und gesellschaftliche Akzeptanz hinterliessen auch in der Spielwarenindustrie ihre Spuren, ein starker Hinweis auf überwundene Narrative, denn produziert wird nur, was massentauglich bzw. gut verkäuflich ist. Die ersten Figuren in Rollstühlen tauchten in den Spitalsets von Playmobil und Lego auf; mittlerweile zeigen neue Sets rollstuhlfahrende Kinder mit Mütze in City-Parks. Ein sichtbarer Mentalitätswandel im Miniaturformat.

Aber die Geschichte des Rollstuhls ist noch lange nicht zu Ende. Die neuesten Elektrorollstühle sind keine «Stühle mit Motor» mehr. Es sind fahrende Hightech-Plattformen, die der Nutzer mit einem Joystick steuert. Das ist ein historisch bedeutender Fortschritt. Der smarte Stuhl der nächsten Generation ist mit Sensoren, Kameras, Ultraschall, Lidar oder Kollisionswarnsystemen ausgestattet. Je nach Preisklasse lässt er sich zur mobilen IT-Zentrale aufrüsten.

Gemäss Schätzungen der WHO sind weltweit etwa 80 Millionen Menschen auf einen Rollstuhl angewiesen, aber je nach Land haben nur 5 bis 35 Prozent der Betroffenen Zugang zu einem geeigneten Rollstuhl. Von zukünftigen Innovationen werden sie nicht profitieren können.

Die Zukunft mutet heute wie Science-Fiction an, und doch ist sie in einigen medizinischen Labors bereits Realität: Die Schweizer Neurowissenschaftlerin und Neurochirurgin Jocelyne Bloch und der französische Professor Grégoire Courtine sind Koryphäen auf dem Gebiet der interventionellen Neurotherapien. Sie arbeiten an der Brain-Spine-Interface-Technologie, die es Gelähmten möglich macht, mit blossen Gedanken das verletzte Rückenmark zu stimulieren. Sensationell ist auch die Erkenntnis, dass das Gehirn Bewegungen auch dann steuern kann, wenn das Interface abgeschaltet ist. Das beweist erneut, dass man dem Gehirn mit Dauer, Frequenz und Intensität von Trainings verloren geglaubte motorische Fähigkeiten wieder teilweise oder ganz antrainieren kann. Diese neue Technik verbessert keine Rollstühle mehr, sie versucht, sie überflüssig zu machen.

8.6.26 Cueni: Rollende Stühle.

Wie kamen Menschen in der Antike mit eingeschränkter Mobilität durch den Alltag? Denkbar schlecht. Mobilität war über Jahrtausende kein Menschenrecht, sondern eine Frage von Familie und Vermögen. Wer gehen konnte, ging. Wer humpelte, nahm Stöcke, Krücken oder bewegte sich bäuchlings auf einem Brett, das mit Rädern versehen war, und «ruderte» mit den Händen durch die antike Welt. Wer Geld hatte, liess sich auf oder in einer Sänfte tragen.

 

Kriege, Seuchen und Hungersnöte setzten dem menschlichen Skelett zu. Verbreitet waren auch Bleivergiftungen. Sie konnten Gicht begünstigen, die Gelenke zerstören und in die Invalidität führen. Überall steckte Blei drin, nicht nur in Wasserrohren und Essgeschirr, sondern auch in Glasuren, Schminke und Münzen. Selbst Wein wurde mit Blei gesüsst.

Gicht war über Jahrhunderte eine der grossen Volkskrankheiten.

 

Im 16. Jahrhundert galt blassweisse Haut als Zeichen von Reichtum, weil man es nicht nötig hatte, sich draussen auf den Feldern in der glühenden Sonne abzurackern. So wurde weisse Haut zum Schönheitsideal. Das galt auch für die englische Königin Elisabeth I. (1533–1603). Um die Narben einer Pockenerkrankung zu kaschieren, trug sie jahrelang das bleihaltige und hochgiftige Kosmetikum Venetian Ceruse auf. Es ruinierte nicht nur ihr Gesicht.

 

Es dauerte ein halbes Jahrtausend, bis der englische Arzt Sir Alfred Baring Garrod (1819–1907) in einem richtungsweisenden Werk über Gicht den ursächlichen Zusammenhang wissenschaftlich nachwies und dafür von Unternehmern, Ärzten und sogar von der Kirche aufs Übelste angefeindet wurde.

 

Auch im Mittelalter gab es für die zahlreichen Gichtinvaliden, Kriegsversehrten und Unfallopfer noch keine Hoffnung auf Mobilität. Wege waren unbefestigt, je nach Witterung matschig, öffentliche Plätze mit grobem Kopfsteinpflaster ausgelegt. Die Architektur der damaligen Welt war auf Menschen ohne Gehbehinderung ausgerichtet. Wer in einer Burg lebte und nicht laufen konnte, war auf Diener angewiesen. Aber wer lebte schon in einer Burg? Mittellose krochen, bettelten oder blieben in der Nähe ihrer Schlafstätte. Wer vermögend war, liess sich in einer Sänfte herumtragen. Wer mittellos war, versank oft in der Isolation. Mobilität bedeutete mehr Freiheit, und wer nicht mobil war, hatte keine.

 

Der eigentliche Rollstuhl im engeren Sinn tauchte in Europa erst spät auf. Ein frühes Beispiel ist der für den spanischen König Philipp II. gebaute «invalid chair» von 1595. Es war noch kein moderner Rollstuhl, sondern ein exklusiver royaler Stuhl auf Rädern, mit Fussstützen und verstellbaren Elementen. Der Stuhl zeigt aber bereits ein zentrales Motiv der späteren Entwicklung: Der Körper soll nicht mehr nur horizontal getragen werden, sondern sitzend. Es gab zwei Richtungen: Die einen stellten einen richtigen Sessel auf ein rollendes Brett, andere montierten Räder an einen Stuhl.

 

Eine ganz besondere Innovation gelang 1655 Stephan Farfler (1633–1689), einem gelähmten Uhrmacher aus Altdorf bei Nürnberg. Farfler baute sich eine dreirädrige, mit Handkurbeln angetriebene Fahrmaschine. Er wollte nicht mehr geschoben werden, sondern sich selbständig bewegen.

 

Im englischen Kurort Bath fand die nächste Revolution statt. Aufgrund der speziellen Bedürfnisse der betagten Gäste, die Charles Dickens (1812–1870) als «alberne Snobs» bezeichnete, entstand der «Bath Chair». Dieser Rollstuhl hatte zwei grosse Räder und ein kleines, lenkbares Vorderrad vor der Fussstütze. Die wohlhabenden Senioren waren zwar immer noch auf einen sogenannten «Rollstuhldienstmann» angewiesen, um die Heilquellen zu erreichen, aber der «Bath Chair» brachte Gehbehinderte vermehrt in die Öffentlichkeit; diese tauchten nun häufiger in Gemälden, Kupferstichen und Karikaturen auf.

 

Die industrielle Revolution des 19. Jahrhunderts brachte neue Materialien, Metallrahmen, Gummireifen und revolutionäre Fertigungstechniken. Die Rollstühle blieben jedoch schwer, sperrig und teuer. Sie waren oft als «Invalidenstühle» konstruiert, ein Begriff, der schon verrät, dass man die Nutzer als Defizitwesen einstufte. Doch nicht alle Betroffenen liessen sich von dieser Stigmatisierung beeindrucken.

 

Ein schönes Beispiel ist die 1847 im deutschen Giengen geborene Margarete Steiff. Sie erkrankte mit eineinhalb Jahren an Kinderlähmung und blieb zeitlebens gelähmt. Nach den Massstäben des 19. Jahrhunderts hätte ihr Leben zu Hause verlaufen sollen. Doch Steiff lernte nähen, spielte Zither, verdiente eigenes Geld, kaufte eine Nähmaschine und gründete ein Unternehmen. 1880 begann sie mit Filztieren; später entwickelte ihr Neffe Richard Steiff den gegliederten Bären, der als Teddy Bear weltberühmt wurde.

 

Im 20. Jahrhundert wurde der Rollstuhl endgültig zu einem technischen Massenprodukt. Kriege, Polio-Epidemien, Arbeitsunfälle und Fortschritte in der Altersmedizin veränderten die Zahl der Überlebenden mit dauerhaften Mobilitätseinschränkungen. Der Bedarf wuchs. Der entscheidende technische Sprung kam in den 1930er-Jahren mit Herbert Everest und Harry Jennings. Everest war nach einem Bergwerksunfall querschnittgelähmt, Jennings war Ingenieur. Gemeinsam entwickelten sie einen leichteren, faltbaren Rollstuhl mit X-Rahmen, der in die meisten Autos passte. Das Modell wurde 1937 patentiert; die späteren Everest-&-Jennings-Stühle prägten über Jahrzehnte den Markt.

 

Später kamen Leichtmetall, Titan, elektrische Rollstühle, individuell angepasste Sitzsysteme, Offroad-Modelle, Treppensteiger, Exoskelette und digitale Steuerungen hinzu. Die Geschichte des Rollstuhls ist deshalb nicht nur eine Technikgeschichte, sondern auch eine Sozialgeschichte. Ohne Rollstühle gäbe es heute keine Paralympics, die im selben Jahr und am selben Austragungsort wie die regulären Olympischen Spiele stattfinden.

 

Trends und gesellschaftliche Akzeptanz hinterliessen auch in der Spielwarenindustrie ihre Spuren, ein starker Hinweis auf überwundene Narrative, denn produziert wird nur, was massentauglich bzw. gut verkäuflich ist. Die ersten Figuren in Rollstühlen tauchten in den Spitalsets von Playmobil und Lego auf; mittlerweile zeigen neue Sets rollstuhlfahrende Kinder mit Mütze in City-Parks. Ein sichtbarer Mentalitätswandel im Miniaturformat.

 

Aber die Geschichte des Rollstuhls ist noch lange nicht zu Ende. Die neuesten Elektrorollstühle sind keine «Stühle mit Motor» mehr. Es sind fahrende Hightech-Plattformen, die der Nutzer mit einem Joystick steuert. Das ist ein historisch bedeutender Fortschritt. Der smarte Stuhl der nächsten Generation ist mit Sensoren, Kameras, Ultraschall, Lidar oder Kollisionswarnsystemen ausgestattet. Je nach Preisklasse lässt er sich zur mobilen IT-Zentrale aufrüsten.

 

Gemäss Schätzungen der WHO sind weltweit etwa 80 Millionen Menschen auf einen Rollstuhl angewiesen, aber je nach Land haben nur 5 bis 35 Prozent der Betroffenen Zugang zu einem geeigneten Rollstuhl. Von zukünftigen Innovationen werden sie nicht profitieren können.

 

Die Zukunft mutet heute wie Science-Fiction an, und doch ist sie in einigen medizinischen Labors bereits Realität: Die Schweizer Neurowissenschaftlerin und Neurochirurgin Jocelyne Bloch und der französische Professor Grégoire Courtine sind Koryphäen auf dem Gebiet der interventionellen Neurotherapien. Sie arbeiten an der Brain-Spine-Interface-Technologie, die es Gelähmten möglich macht, mit blossen Gedanken das verletzte Rückenmark zu stimulieren. Sensationell ist auch die Erkenntnis, dass das Gehirn Bewegungen auch dann steuern kann, wenn das Interface abgeschaltet ist. Das beweist erneut, dass man dem Gehirn mit Dauer, Frequenz und Intensität von Trainings verloren geglaubte motorische Fähigkeiten wieder teilweise oder ganz antrainieren kann. Diese neue Technik verbessert keine Rollstühle mehr, sie versucht, sie überflüssig zu machen.