Wie kamen Menschen in der Antike mit eingeschränkter Mobilität durch den Alltag? Denkbar schlecht. Mobilität war über Jahrtausende kein Menschenrecht, sondern eine Frage von Familie und Vermögen. Wer gehen konnte, ging. Wer humpelte, nahm Stöcke, Krücken oder bewegte sich bäuchlings auf einem Brett, das mit Rädern versehen war, und «ruderte» mit den Händen durch die antike Welt. Wer Geld hatte, liess sich auf oder in einer Sänfte tragen.
Kriege, Seuchen und Hungersnöte setzten dem menschlichen Skelett zu. Verbreitet waren auch Bleivergiftungen. Sie konnten Gicht begünstigen, die Gelenke zerstören und in die Invalidität führen. Überall steckte Blei drin, nicht nur in Wasserrohren und Essgeschirr, sondern auch in Glasuren, Schminke und Münzen. Selbst Wein wurde mit Blei gesüsst.
Gicht war über Jahrhunderte eine der grossen Volkskrankheiten.
Im 16. Jahrhundert galt blassweisse Haut als Zeichen von Reichtum, weil man es nicht nötig hatte, sich draussen auf den Feldern in der glühenden Sonne abzurackern. So wurde weisse Haut zum Schönheitsideal. Das galt auch für die englische Königin Elisabeth I. (1533–1603). Um die Narben einer Pockenerkrankung zu kaschieren, trug sie jahrelang das bleihaltige und hochgiftige Kosmetikum Venetian Ceruse auf. Es ruinierte nicht nur ihr Gesicht.
Es dauerte ein halbes Jahrtausend, bis der englische Arzt Sir Alfred Baring Garrod (1819–1907) in einem richtungsweisenden Werk über Gicht den ursächlichen Zusammenhang wissenschaftlich nachwies und dafür von Unternehmern, Ärzten und sogar von der Kirche aufs Übelste angefeindet wurde.
Auch im Mittelalter gab es für die zahlreichen Gichtinvaliden, Kriegsversehrten und Unfallopfer noch keine Hoffnung auf Mobilität. Wege waren unbefestigt, je nach Witterung matschig, öffentliche Plätze mit grobem Kopfsteinpflaster ausgelegt. Die Architektur der damaligen Welt war auf Menschen ohne Gehbehinderung ausgerichtet. Wer in einer Burg lebte und nicht laufen konnte, war auf Diener angewiesen. Aber wer lebte schon in einer Burg? Mittellose krochen, bettelten oder blieben in der Nähe ihrer Schlafstätte. Wer vermögend war, liess sich in einer Sänfte herumtragen. Wer mittellos war, versank oft in der Isolation. Mobilität bedeutete mehr Freiheit, und wer nicht mobil war, hatte keine.
Der eigentliche Rollstuhl im engeren Sinn tauchte in Europa erst spät auf. Ein frühes Beispiel ist der für den spanischen König Philipp II. gebaute «invalid chair» von 1595. Es war noch kein moderner Rollstuhl, sondern ein exklusiver royaler Stuhl auf Rädern, mit Fussstützen und verstellbaren Elementen. Der Stuhl zeigt aber bereits ein zentrales Motiv der späteren Entwicklung: Der Körper soll nicht mehr nur horizontal getragen werden, sondern sitzend. Es gab zwei Richtungen: Die einen stellten einen richtigen Sessel auf ein rollendes Brett, andere montierten Räder an einen Stuhl.
Eine ganz besondere Innovation gelang 1655 Stephan Farfler (1633–1689), einem gelähmten Uhrmacher aus Altdorf bei Nürnberg. Farfler baute sich eine dreirädrige, mit Handkurbeln angetriebene Fahrmaschine. Er wollte nicht mehr geschoben werden, sondern sich selbständig bewegen.
Im englischen Kurort Bath fand die nächste Revolution statt. Aufgrund der speziellen Bedürfnisse der betagten Gäste, die Charles Dickens (1812–1870) als «alberne Snobs» bezeichnete, entstand der «Bath Chair». Dieser Rollstuhl hatte zwei grosse Räder und ein kleines, lenkbares Vorderrad vor der Fussstütze. Die wohlhabenden Senioren waren zwar immer noch auf einen sogenannten «Rollstuhldienstmann» angewiesen, um die Heilquellen zu erreichen, aber der «Bath Chair» brachte Gehbehinderte vermehrt in die Öffentlichkeit; diese tauchten nun häufiger in Gemälden, Kupferstichen und Karikaturen auf.
Die industrielle Revolution des 19. Jahrhunderts brachte neue Materialien, Metallrahmen, Gummireifen und revolutionäre Fertigungstechniken. Die Rollstühle blieben jedoch schwer, sperrig und teuer. Sie waren oft als «Invalidenstühle» konstruiert, ein Begriff, der schon verrät, dass man die Nutzer als Defizitwesen einstufte. Doch nicht alle Betroffenen liessen sich von dieser Stigmatisierung beeindrucken.
Ein schönes Beispiel ist die 1847 im deutschen Giengen geborene Margarete Steiff. Sie erkrankte mit eineinhalb Jahren an Kinderlähmung und blieb zeitlebens gelähmt. Nach den Massstäben des 19. Jahrhunderts hätte ihr Leben zu Hause verlaufen sollen. Doch Steiff lernte nähen, spielte Zither, verdiente eigenes Geld, kaufte eine Nähmaschine und gründete ein Unternehmen. 1880 begann sie mit Filztieren; später entwickelte ihr Neffe Richard Steiff den gegliederten Bären, der als Teddy Bear weltberühmt wurde.
Im 20. Jahrhundert wurde der Rollstuhl endgültig zu einem technischen Massenprodukt. Kriege, Polio-Epidemien, Arbeitsunfälle und Fortschritte in der Altersmedizin veränderten die Zahl der Überlebenden mit dauerhaften Mobilitätseinschränkungen. Der Bedarf wuchs. Der entscheidende technische Sprung kam in den 1930er-Jahren mit Herbert Everest und Harry Jennings. Everest war nach einem Bergwerksunfall querschnittgelähmt, Jennings war Ingenieur. Gemeinsam entwickelten sie einen leichteren, faltbaren Rollstuhl mit X-Rahmen, der in die meisten Autos passte. Das Modell wurde 1937 patentiert; die späteren Everest-&-Jennings-Stühle prägten über Jahrzehnte den Markt.
Später kamen Leichtmetall, Titan, elektrische Rollstühle, individuell angepasste Sitzsysteme, Offroad-Modelle, Treppensteiger, Exoskelette und digitale Steuerungen hinzu. Die Geschichte des Rollstuhls ist deshalb nicht nur eine Technikgeschichte, sondern auch eine Sozialgeschichte. Ohne Rollstühle gäbe es heute keine Paralympics, die im selben Jahr und am selben Austragungsort wie die regulären Olympischen Spiele stattfinden.
Trends und gesellschaftliche Akzeptanz hinterliessen auch in der Spielwarenindustrie ihre Spuren, ein starker Hinweis auf überwundene Narrative, denn produziert wird nur, was massentauglich bzw. gut verkäuflich ist. Die ersten Figuren in Rollstühlen tauchten in den Spitalsets von Playmobil und Lego auf; mittlerweile zeigen neue Sets rollstuhlfahrende Kinder mit Mütze in City-Parks. Ein sichtbarer Mentalitätswandel im Miniaturformat.
Aber die Geschichte des Rollstuhls ist noch lange nicht zu Ende. Die neuesten Elektrorollstühle sind keine «Stühle mit Motor» mehr. Es sind fahrende Hightech-Plattformen, die der Nutzer mit einem Joystick steuert. Das ist ein historisch bedeutender Fortschritt. Der smarte Stuhl der nächsten Generation ist mit Sensoren, Kameras, Ultraschall, Lidar oder Kollisionswarnsystemen ausgestattet. Je nach Preisklasse lässt er sich zur mobilen IT-Zentrale aufrüsten.
Gemäss Schätzungen der WHO sind weltweit etwa 80 Millionen Menschen auf einen Rollstuhl angewiesen, aber je nach Land haben nur 5 bis 35 Prozent der Betroffenen Zugang zu einem geeigneten Rollstuhl. Von zukünftigen Innovationen werden sie nicht profitieren können.
Die Zukunft mutet heute wie Science-Fiction an, und doch ist sie in einigen medizinischen Labors bereits Realität: Die Schweizer Neurowissenschaftlerin und Neurochirurgin Jocelyne Bloch und der französische Professor Grégoire Courtine sind Koryphäen auf dem Gebiet der interventionellen Neurotherapien. Sie arbeiten an der Brain-Spine-Interface-Technologie, die es Gelähmten möglich macht, mit blossen Gedanken das verletzte Rückenmark zu stimulieren. Sensationell ist auch die Erkenntnis, dass das Gehirn Bewegungen auch dann steuern kann, wenn das Interface abgeschaltet ist. Das beweist erneut, dass man dem Gehirn mit Dauer, Frequenz und Intensität von Trainings verloren geglaubte motorische Fähigkeiten wieder teilweise oder ganz antrainieren kann. Diese neue Technik verbessert keine Rollstühle mehr, sie versucht, sie überflüssig zu machen.






