11.6.26 Cueni: Rollende Stühle

Wie kamen Menschen in der Antike mit eingeschränkter Mobilität durch den Alltag? Denkbar schlecht. Mobilität war über Jahrtausende kein Menschenrecht, sondern eine Frage von Familie und Vermögen. Wer gehen konnte, ging. Wer humpelte, nahm Stöcke, Krücken oder bewegte sich bäuchlings auf einem Brett, das mit Rädern versehen war, und «ruderte» mit den Händen durch die antike Welt. Wer Geld hatte, liess sich auf oder in einer Sänfte tragen.

 

Kriege, Seuchen und Hungersnöte setzten dem menschlichen Skelett zu. Verbreitet waren auch Bleivergiftungen. Sie konnten Gicht begünstigen, die Gelenke zerstören und in die Invalidität führen. Überall steckte Blei drin, nicht nur in Wasserrohren und Essgeschirr, sondern auch in Glasuren, Schminke und Münzen. Selbst Wein wurde mit Blei gesüsst.

Gicht war über Jahrhunderte eine der grossen Volkskrankheiten.

 

Im 16. Jahrhundert galt blassweisse Haut als Zeichen von Reichtum, weil man es nicht nötig hatte, sich draussen auf den Feldern in der glühenden Sonne abzurackern. So wurde weisse Haut zum Schönheitsideal. Das galt auch für die englische Königin Elisabeth I. (1533–1603). Um die Narben einer Pockenerkrankung zu kaschieren, trug sie jahrelang das bleihaltige und hochgiftige Kosmetikum Venetian Ceruse auf. Es ruinierte nicht nur ihr Gesicht.

 

Es dauerte ein halbes Jahrtausend, bis der englische Arzt Sir Alfred Baring Garrod (1819–1907) in einem richtungsweisenden Werk über Gicht den ursächlichen Zusammenhang wissenschaftlich nachwies und dafür von Unternehmern, Ärzten und sogar von der Kirche aufs Übelste angefeindet wurde.

 

Auch im Mittelalter gab es für die zahlreichen Gichtinvaliden, Kriegsversehrten und Unfallopfer noch keine Hoffnung auf Mobilität. Wege waren unbefestigt, je nach Witterung matschig, öffentliche Plätze mit grobem Kopfsteinpflaster ausgelegt. Die Architektur der damaligen Welt war auf Menschen ohne Gehbehinderung ausgerichtet. Wer in einer Burg lebte und nicht laufen konnte, war auf Diener angewiesen. Aber wer lebte schon in einer Burg? Mittellose krochen, bettelten oder blieben in der Nähe ihrer Schlafstätte. Wer vermögend war, liess sich in einer Sänfte herumtragen. Wer mittellos war, versank oft in der Isolation. Mobilität bedeutete mehr Freiheit, und wer nicht mobil war, hatte keine.

 

Der eigentliche Rollstuhl im engeren Sinn tauchte in Europa erst spät auf. Ein frühes Beispiel ist der für den spanischen König Philipp II. gebaute «invalid chair» von 1595. Es war noch kein moderner Rollstuhl, sondern ein exklusiver royaler Stuhl auf Rädern, mit Fussstützen und verstellbaren Elementen. Der Stuhl zeigt aber bereits ein zentrales Motiv der späteren Entwicklung: Der Körper soll nicht mehr nur horizontal getragen werden, sondern sitzend. Es gab zwei Richtungen: Die einen stellten einen richtigen Sessel auf ein rollendes Brett, andere montierten Räder an einen Stuhl.

 

Eine ganz besondere Innovation gelang 1655 Stephan Farfler (1633–1689), einem gelähmten Uhrmacher aus Altdorf bei Nürnberg. Farfler baute sich eine dreirädrige, mit Handkurbeln angetriebene Fahrmaschine. Er wollte nicht mehr geschoben werden, sondern sich selbständig bewegen.

 

Im englischen Kurort Bath fand die nächste Revolution statt. Aufgrund der speziellen Bedürfnisse der betagten Gäste, die Charles Dickens (1812–1870) als «alberne Snobs» bezeichnete, entstand der «Bath Chair». Dieser Rollstuhl hatte zwei grosse Räder und ein kleines, lenkbares Vorderrad vor der Fussstütze. Die wohlhabenden Senioren waren zwar immer noch auf einen sogenannten «Rollstuhldienstmann» angewiesen, um die Heilquellen zu erreichen, aber der «Bath Chair» brachte Gehbehinderte vermehrt in die Öffentlichkeit; diese tauchten nun häufiger in Gemälden, Kupferstichen und Karikaturen auf.

 

Die industrielle Revolution des 19. Jahrhunderts brachte neue Materialien, Metallrahmen, Gummireifen und revolutionäre Fertigungstechniken. Die Rollstühle blieben jedoch schwer, sperrig und teuer. Sie waren oft als «Invalidenstühle» konstruiert, ein Begriff, der schon verrät, dass man die Nutzer als Defizitwesen einstufte. Doch nicht alle Betroffenen liessen sich von dieser Stigmatisierung beeindrucken.

 

Ein schönes Beispiel ist die 1847 im deutschen Giengen geborene Margarete Steiff. Sie erkrankte mit eineinhalb Jahren an Kinderlähmung und blieb zeitlebens gelähmt. Nach den Massstäben des 19. Jahrhunderts hätte ihr Leben zu Hause verlaufen sollen. Doch Steiff lernte nähen, spielte Zither, verdiente eigenes Geld, kaufte eine Nähmaschine und gründete ein Unternehmen. 1880 begann sie mit Filztieren; später entwickelte ihr Neffe Richard Steiff den gegliederten Bären, der als Teddy Bear weltberühmt wurde.

 

Im 20. Jahrhundert wurde der Rollstuhl endgültig zu einem technischen Massenprodukt. Kriege, Polio-Epidemien, Arbeitsunfälle und Fortschritte in der Altersmedizin veränderten die Zahl der Überlebenden mit dauerhaften Mobilitätseinschränkungen. Der Bedarf wuchs. Der entscheidende technische Sprung kam in den 1930er-Jahren mit Herbert Everest und Harry Jennings. Everest war nach einem Bergwerksunfall querschnittgelähmt, Jennings war Ingenieur. Gemeinsam entwickelten sie einen leichteren, faltbaren Rollstuhl mit X-Rahmen, der in die meisten Autos passte. Das Modell wurde 1937 patentiert; die späteren Everest-&-Jennings-Stühle prägten über Jahrzehnte den Markt.

 

Später kamen Leichtmetall, Titan, elektrische Rollstühle, individuell angepasste Sitzsysteme, Offroad-Modelle, Treppensteiger, Exoskelette und digitale Steuerungen hinzu. Die Geschichte des Rollstuhls ist deshalb nicht nur eine Technikgeschichte, sondern auch eine Sozialgeschichte. Ohne Rollstühle gäbe es heute keine Paralympics, die im selben Jahr und am selben Austragungsort wie die regulären Olympischen Spiele stattfinden.

 

Trends und gesellschaftliche Akzeptanz hinterliessen auch in der Spielwarenindustrie ihre Spuren, ein starker Hinweis auf überwundene Narrative, denn produziert wird nur, was massentauglich bzw. gut verkäuflich ist. Die ersten Figuren in Rollstühlen tauchten in den Spitalsets von Playmobil und Lego auf; mittlerweile zeigen neue Sets rollstuhlfahrende Kinder mit Mütze in City-Parks. Ein sichtbarer Mentalitätswandel im Miniaturformat.

 

Aber die Geschichte des Rollstuhls ist noch lange nicht zu Ende. Die neuesten Elektrorollstühle sind keine «Stühle mit Motor» mehr. Es sind fahrende Hightech-Plattformen, die der Nutzer mit einem Joystick steuert. Das ist ein historisch bedeutender Fortschritt. Der smarte Stuhl der nächsten Generation ist mit Sensoren, Kameras, Ultraschall, Lidar oder Kollisionswarnsystemen ausgestattet. Je nach Preisklasse lässt er sich zur mobilen IT-Zentrale aufrüsten.

 

Gemäss Schätzungen der WHO sind weltweit etwa 80 Millionen Menschen auf einen Rollstuhl angewiesen, aber je nach Land haben nur 5 bis 35 Prozent der Betroffenen Zugang zu einem geeigneten Rollstuhl. Von zukünftigen Innovationen werden sie nicht profitieren können.

 

Die Zukunft mutet heute wie Science-Fiction an, und doch ist sie in einigen medizinischen Labors bereits Realität: Die Schweizer Neurowissenschaftlerin und Neurochirurgin Jocelyne Bloch und der französische Professor Grégoire Courtine sind Koryphäen auf dem Gebiet der interventionellen Neurotherapien. Sie arbeiten an der Brain-Spine-Interface-Technologie, die es Gelähmten möglich macht, mit blossen Gedanken das verletzte Rückenmark zu stimulieren. Sensationell ist auch die Erkenntnis, dass das Gehirn Bewegungen auch dann steuern kann, wenn das Interface abgeschaltet ist. Das beweist erneut, dass man dem Gehirn mit Dauer, Frequenz und Intensität von Trainings verloren geglaubte motorische Fähigkeiten wieder teilweise oder ganz antrainieren kann. Diese neue Technik verbessert keine Rollstühle mehr, sie versucht, sie überflüssig zu machen.

8.6.26 Cueni: Rollende Stühle.

Wie kamen Menschen in der Antike mit eingeschränkter Mobilität durch den Alltag? Denkbar schlecht. Mobilität war über Jahrtausende kein Menschenrecht, sondern eine Frage von Familie und Vermögen. Wer gehen konnte, ging. Wer humpelte, nahm Stöcke, Krücken oder bewegte sich bäuchlings auf einem Brett, das mit Rädern versehen war, und «ruderte» mit den Händen durch die antike Welt. Wer Geld hatte, liess sich auf oder in einer Sänfte tragen.

 

Kriege, Seuchen und Hungersnöte setzten dem menschlichen Skelett zu. Verbreitet waren auch Bleivergiftungen. Sie konnten Gicht begünstigen, die Gelenke zerstören und in die Invalidität führen. Überall steckte Blei drin, nicht nur in Wasserrohren und Essgeschirr, sondern auch in Glasuren, Schminke und Münzen. Selbst Wein wurde mit Blei gesüsst.

Gicht war über Jahrhunderte eine der grossen Volkskrankheiten.

 

Im 16. Jahrhundert galt blassweisse Haut als Zeichen von Reichtum, weil man es nicht nötig hatte, sich draussen auf den Feldern in der glühenden Sonne abzurackern. So wurde weisse Haut zum Schönheitsideal. Das galt auch für die englische Königin Elisabeth I. (1533–1603). Um die Narben einer Pockenerkrankung zu kaschieren, trug sie jahrelang das bleihaltige und hochgiftige Kosmetikum Venetian Ceruse auf. Es ruinierte nicht nur ihr Gesicht.

 

Es dauerte ein halbes Jahrtausend, bis der englische Arzt Sir Alfred Baring Garrod (1819–1907) in einem richtungsweisenden Werk über Gicht den ursächlichen Zusammenhang wissenschaftlich nachwies und dafür von Unternehmern, Ärzten und sogar von der Kirche aufs Übelste angefeindet wurde.

 

Auch im Mittelalter gab es für die zahlreichen Gichtinvaliden, Kriegsversehrten und Unfallopfer noch keine Hoffnung auf Mobilität. Wege waren unbefestigt, je nach Witterung matschig, öffentliche Plätze mit grobem Kopfsteinpflaster ausgelegt. Die Architektur der damaligen Welt war auf Menschen ohne Gehbehinderung ausgerichtet. Wer in einer Burg lebte und nicht laufen konnte, war auf Diener angewiesen. Aber wer lebte schon in einer Burg? Mittellose krochen, bettelten oder blieben in der Nähe ihrer Schlafstätte. Wer vermögend war, liess sich in einer Sänfte herumtragen. Wer mittellos war, versank oft in der Isolation. Mobilität bedeutete mehr Freiheit, und wer nicht mobil war, hatte keine.

 

Der eigentliche Rollstuhl im engeren Sinn tauchte in Europa erst spät auf. Ein frühes Beispiel ist der für den spanischen König Philipp II. gebaute «invalid chair» von 1595. Es war noch kein moderner Rollstuhl, sondern ein exklusiver royaler Stuhl auf Rädern, mit Fussstützen und verstellbaren Elementen. Der Stuhl zeigt aber bereits ein zentrales Motiv der späteren Entwicklung: Der Körper soll nicht mehr nur horizontal getragen werden, sondern sitzend. Es gab zwei Richtungen: Die einen stellten einen richtigen Sessel auf ein rollendes Brett, andere montierten Räder an einen Stuhl.

 

Eine ganz besondere Innovation gelang 1655 Stephan Farfler (1633–1689), einem gelähmten Uhrmacher aus Altdorf bei Nürnberg. Farfler baute sich eine dreirädrige, mit Handkurbeln angetriebene Fahrmaschine. Er wollte nicht mehr geschoben werden, sondern sich selbständig bewegen.

 

Im englischen Kurort Bath fand die nächste Revolution statt. Aufgrund der speziellen Bedürfnisse der betagten Gäste, die Charles Dickens (1812–1870) als «alberne Snobs» bezeichnete, entstand der «Bath Chair». Dieser Rollstuhl hatte zwei grosse Räder und ein kleines, lenkbares Vorderrad vor der Fussstütze. Die wohlhabenden Senioren waren zwar immer noch auf einen sogenannten «Rollstuhldienstmann» angewiesen, um die Heilquellen zu erreichen, aber der «Bath Chair» brachte Gehbehinderte vermehrt in die Öffentlichkeit; diese tauchten nun häufiger in Gemälden, Kupferstichen und Karikaturen auf.

 

Die industrielle Revolution des 19. Jahrhunderts brachte neue Materialien, Metallrahmen, Gummireifen und revolutionäre Fertigungstechniken. Die Rollstühle blieben jedoch schwer, sperrig und teuer. Sie waren oft als «Invalidenstühle» konstruiert, ein Begriff, der schon verrät, dass man die Nutzer als Defizitwesen einstufte. Doch nicht alle Betroffenen liessen sich von dieser Stigmatisierung beeindrucken.

 

Ein schönes Beispiel ist die 1847 im deutschen Giengen geborene Margarete Steiff. Sie erkrankte mit eineinhalb Jahren an Kinderlähmung und blieb zeitlebens gelähmt. Nach den Massstäben des 19. Jahrhunderts hätte ihr Leben zu Hause verlaufen sollen. Doch Steiff lernte nähen, spielte Zither, verdiente eigenes Geld, kaufte eine Nähmaschine und gründete ein Unternehmen. 1880 begann sie mit Filztieren; später entwickelte ihr Neffe Richard Steiff den gegliederten Bären, der als Teddy Bear weltberühmt wurde.

 

Im 20. Jahrhundert wurde der Rollstuhl endgültig zu einem technischen Massenprodukt. Kriege, Polio-Epidemien, Arbeitsunfälle und Fortschritte in der Altersmedizin veränderten die Zahl der Überlebenden mit dauerhaften Mobilitätseinschränkungen. Der Bedarf wuchs. Der entscheidende technische Sprung kam in den 1930er-Jahren mit Herbert Everest und Harry Jennings. Everest war nach einem Bergwerksunfall querschnittgelähmt, Jennings war Ingenieur. Gemeinsam entwickelten sie einen leichteren, faltbaren Rollstuhl mit X-Rahmen, der in die meisten Autos passte. Das Modell wurde 1937 patentiert; die späteren Everest-&-Jennings-Stühle prägten über Jahrzehnte den Markt.

 

Später kamen Leichtmetall, Titan, elektrische Rollstühle, individuell angepasste Sitzsysteme, Offroad-Modelle, Treppensteiger, Exoskelette und digitale Steuerungen hinzu. Die Geschichte des Rollstuhls ist deshalb nicht nur eine Technikgeschichte, sondern auch eine Sozialgeschichte. Ohne Rollstühle gäbe es heute keine Paralympics, die im selben Jahr und am selben Austragungsort wie die regulären Olympischen Spiele stattfinden.

 

Trends und gesellschaftliche Akzeptanz hinterliessen auch in der Spielwarenindustrie ihre Spuren, ein starker Hinweis auf überwundene Narrative, denn produziert wird nur, was massentauglich bzw. gut verkäuflich ist. Die ersten Figuren in Rollstühlen tauchten in den Spitalsets von Playmobil und Lego auf; mittlerweile zeigen neue Sets rollstuhlfahrende Kinder mit Mütze in City-Parks. Ein sichtbarer Mentalitätswandel im Miniaturformat.

 

Aber die Geschichte des Rollstuhls ist noch lange nicht zu Ende. Die neuesten Elektrorollstühle sind keine «Stühle mit Motor» mehr. Es sind fahrende Hightech-Plattformen, die der Nutzer mit einem Joystick steuert. Das ist ein historisch bedeutender Fortschritt. Der smarte Stuhl der nächsten Generation ist mit Sensoren, Kameras, Ultraschall, Lidar oder Kollisionswarnsystemen ausgestattet. Je nach Preisklasse lässt er sich zur mobilen IT-Zentrale aufrüsten.

 

Gemäss Schätzungen der WHO sind weltweit etwa 80 Millionen Menschen auf einen Rollstuhl angewiesen, aber je nach Land haben nur 5 bis 35 Prozent der Betroffenen Zugang zu einem geeigneten Rollstuhl. Von zukünftigen Innovationen werden sie nicht profitieren können.

 

Die Zukunft mutet heute wie Science-Fiction an, und doch ist sie in einigen medizinischen Labors bereits Realität: Die Schweizer Neurowissenschaftlerin und Neurochirurgin Jocelyne Bloch und der französische Professor Grégoire Courtine sind Koryphäen auf dem Gebiet der interventionellen Neurotherapien. Sie arbeiten an der Brain-Spine-Interface-Technologie, die es Gelähmten möglich macht, mit blossen Gedanken das verletzte Rückenmark zu stimulieren. Sensationell ist auch die Erkenntnis, dass das Gehirn Bewegungen auch dann steuern kann, wenn das Interface abgeschaltet ist. Das beweist erneut, dass man dem Gehirn mit Dauer, Frequenz und Intensität von Trainings verloren geglaubte motorische Fähigkeiten wieder teilweise oder ganz antrainieren kann. Diese neue Technik verbessert keine Rollstühle mehr, sie versucht, sie überflüssig zu machen.

 

21.05.26 Weltwoche. Vom Pariser Salon zu King Kong

21.05.2026 / 5878 Anschläge / Kunst Claude Cueni


Vom Pariser Salon zu King Kong

Ende des 19. Jahrhunderts sorgte ein Gorilla, der in Wahrheit ein Schimpanse war, für einen Shitstorm, der weit über die Grenzen der Kunstwelt hinausreichte. Es war die Gipsfigur des Tierbildhauers Emmanuel Frémiet (1824–1910). Ausgestellt wurde sein Werk 1859 im renommierten «Salon de Paris», vergleichbar mit der heutigen Kunstmesse Art Basel. Frémiet hatte einen Gorilla erschaffen, der eine schwarze Frau entführt und hinter sich herschleift: «Gorille enlevant une négresse».

Angriff auf die Schönheit

Die Aussteller ahnten einen Skandal und platzierten das Werk hinter einem Vorhang, was die Neugier des Publikums erst recht weckte. Doch Stein des Anstosses war nicht eine (aus heutiger Sicht) rassistische Darstellung, sondern das kurz zuvor erschienene Hauptwerk von Charles Darwin: «Über die Entstehung der Arten». Man unterstellte Frémiet, mit dieser Mensch-Tier-Skulptur Darwins Theorie zu teilen. Die Vorstellung, dass der Mensch nicht die Krone der Schöpfung, sondern mit den Menschenaffen verwandt sei, löste eine Schockwelle im bürgerlichen Europa aus.

Wenn der Mensch nur ein weiterentwickeltes Tier war, was hinderte ihn daran, seinen tierischen Trieben nachzugeben? Der Gorilla erinnerte die Gesellschaft an ihre eigene animalische Natur. Mehr noch: Die Szene der Entführung suggerierte eine sexuelle Komponente, die die Grenze zwischen Mensch und Tier auflöste. Kritiker sahen darin eine blasphemische «Karikatur des Menschen». Der Shitstorm schien kein Verfallsdatum zu haben. Charles Baudelaire verachtete Frémiets «niedrigen Realismus». Andere warfen dem Bildhauer vor, die Kunst durch die Darstellung von «Bestialität» und «hässlichen Sujets» zu beschmutzen. Für sie war die Skulptur ein Angriff auf die Schönheit. Dass die Frau als «négresse» dargestellt wurde, galt ihnen nicht als rassistisches Problem, sondern als Beweis für Frémiets mangelnden Geschmack. Sie unterstellten ihm, das «Hässliche» und «Primitive» zu wählen, um eine billige Sensation zu erzeugen.

Zoologen und Anthropologen wiederum hielten die Verwischung der Grenze zwischen Mensch und Tier für inakzeptabel. Sie beharrten auf einer naturgegebenen Stufenleiter und bemängelten, dass der Gorilla die Frau verschleppe, wie es auch ein menschlicher Entführer tun würde. Die Überbetonung der anatomischen Ähnlichkeit hielten sie für sexuell aufgeladen. Der Zeitgeist des 19. Jahrhunderts war geprägt vom Kolonialismus und einer Wissenschaft, die Rassenhierarchien zu rechtfertigen suchte. Afrikaner wurden in der europäischen Wahrnehmung häufig entmenschlicht und in die Nähe von Affen gerückt.

Abolitionisten kritisierten, die Figur suggeriere, Afrikaner stünden dem Tierischen näher als Europäer und seien daher weniger «Mensch». Sie warfen Frémiet vor, die schwarze Frau wie einen Gebrauchsgegenstand zu behandeln. Einige bemerkten zudem, dass die Wahl einer afrikanischen Frau es dem weissen Publikum erleichtere, die Gewalt der Szene zu betrachten, ohne Empathie empfinden zu müssen.

Überdimensionierter Schimpanse

Aus heutiger Sicht ist die Anatomie des Gorillas auffallend ungenau – ungewöhnlich für einen renommierten Tierbildhauer. Diese Vermischung zweier Affenarten erstaunt, zumal Frémiet viel Zeit in Pariser Tiergärten verbrachte. Dort studierte er lebende Schimpansen, die bereits im 17. Jahrhundert in Zoos präsent waren. Er modellierte, was er sah.

Gorillas hingegen waren lange Zeit eher Legenden aus Reiseberichten von Paul Du Chaillu. Im Muséum national d’histoire naturelle standen Frémiet lediglich getrocknete Häute und Skelette zur Verfügung, oft unvollständig oder falsch montiert. Er ging davon aus, ein Gorilla sei im Grunde ein «skalierter Schimpanse». Frémiet war somit ein Opfer der Wissenslücke seiner Zeit: Er nannte sein Tier «Gorilla», modellierte jedoch einen überdimensionierten, aggressiven Schimpansen. Seine Skulptur ist daher nicht nur ein Kunstwerk, sondern auch ein zoologisches Dokument des 19. Jahrhunderts.

1861, nur zwei Jahre nach der Ausstellung, wurde die Gipsstatue zerstört. Manche behaupteten, ein erzürnter Besucher habe sie beschädigt; andere vermuteten, der Pariser Salon selbst habe den Hammer geschwungen. Die Zerstörung war für Frémiet ein tiefer Schock. Er fühlte sich als Künstler missverstanden und als Mensch angegriffen. Fast dreissig Jahre lang schwieg er über diese frustrierende Niederlage.

Doch 1887 schuf er eine zweite Version: Aus der «négresse» war eine weisse Frau, aus der Affenchimäre ein anatomisch korrekter Gorilla geworden. Ironischerweise wurde diese überarbeitete Version mit einer Ehrenmedaille ausgezeichnet. Sie war nicht mehr ein Skandal, sondern ein gefeiertes Meisterwerk, ein später Triumph für den einst Geschmähten.

Aber nicht in den USA. Als dort die Bronzestatue als «Ape with Woman» ausgestellt wurde, herrschte ein ganz anderer Zeitgeist. Die amerikanische Öffentlichkeit reagierte heftig, da das Land noch unter den Nachwirkungen von Bürgerkrieg und Rassentrennung litt. Ein Affe, der eine weisse Frau raubt, wurde als rassistische Propaganda gelesen. Die einen sahen darin eine Warnung, die anderen eine Beleidigung.

Gerade diese Ambivalenz macht das Werk heute zu einem aufschlussreichen Studienobjekt über die Macht der Interpretation, die Macht der Benennung und die Flüchtigkeit des Zeitgeistes. Die Skulptur befindet sich heute im Musée d’arts de Nantes.

Heute kennt jedes Kind den Gorilla, aber unter einem anderen Namen: King Kong. Frémiets Gorilla wurde bereits zum Mythos, lange bevor er ab 1933 als Riesenaffe, der eine weisse Frau raubt, die Kinoleinwand eroberte und in der Populärkultur unsterblich wurde.

Ironischerweise wurde die überarbeitete Version mit einer Ehrenmedaille ausgezeichnet.

30.04.26 Weltwoche: Frühfranzösisch? Am besten gar nicht.

Frühfranzösisch? Am besten gar nicht.

2279 Anschläge / Claude Cueni / 29.4.2026

 

Ich bin mit Französisch aufgewachsen, mit Tintin, „Oh, Champs-Élysées“ und Belmondo. Eine schöne Sprache, aber im Berufsleben meistens nutzlos. Englisch ist Number One. Jedes erfolgreiche Start-up, das mit weltweit verstreuten Freelancern arbeitet, pflegt Englisch als Business-Sprache. In meiner Familie sind die Muttersprachen Französisch, Deutsch, Chinesisch und Tagalog. Wie verständigen wir uns? Auf Englisch.

 

Wer seine Ferien in fremdsprachigen Ländern verbringt, macht die Erfahrung, dass man sich in Sierra Leone oder Hongkong kaum auf Deutsch, Französisch, Italienisch oder Rätoro-manisch unterhalten kann, aber meistens auf Englisch.

 

Von den über 7000 Sprachen, die weltweit gesprochen werden, ist Englisch, bedingt durch die britische Kolonialgeschichte, Number One.

 

Unsere Alltagssprache, insbesondere die Werbung, ist durchsetzt von englischen Ausdrücken; wir nehmen diese gar nicht mehr als fremdsprachig wahr. Wir hören englische Songs und schauen amerikanische Filme. Englisch ist auch die Sprache der Wissenschaft. Die grösste Ansammlung von Wissen liegt auf Englisch vor.

 

Jeder kann sich heute autodidaktisch über nationale Sprachgrenzen hinweg weiterbilden sofern er einen Internetanschluss hat und Englisch spricht. Und motiviert ist! Die Karriereleiter von Jugendlichen schrumpft zur Bockleiter, wenn sie kein Englisch sprechen. Es wäre sinnvoll, wenn in Primarschulen Englisch (und nicht Französisch) als Zweitsprache eingeführt würde. In diesem Alter lernt man Sprachen schnell. Meine siebenjährige Enkelin spricht Englisch, Deutsch und Chinesisch. Niemand hat es ihr beigebracht.

 

Ärzte in Lausanne und Basel unterhalten sich auf Englisch. Wer Frühfranzösisch (oder überhaupt Französisch als Zweitsprache) durchsetzen will, tut der Jugend nichts Gutes.

 

Auch im Hinblick auf die zunehmende Zuwanderung aus bildungsschwachen Regionen wäre Englisch als Zweitsprache hilfreich für die Integration der Motivierten.

Mittlerweile verlieren nationale Sprachen ohnehin an Bedeutung. Jede KI kann jede beliebige Sprache in Sekunden übersetzen. Mittlerweile gibt es auch Realtime Software für das iPhone 17, das in Echtzeit übersetzt. Ich kann mich mit meiner philippinischen Verwandtschaft auf Tagalog unterhalten.

 

Uebersetzerinnen und Uebersetzer sollten auf Jobsuche gehen. Es ist von Vorteil, wenn sie Englisch sprechen.

27.4.26 Weltwoche: 10-Millionen-Schweiz

Screenshot


«Das Basler Unispital müsste man von heute auf morgen schliessen», warnte Bundesrat Beat Jans an einer Veranstaltung der Handelskammer beider Basel. Glaubt er das tatsächlich? Und dann setzt der ehemalige selbstständige Berater im Bereich Nachhaltigkeit und Kommunikation (2014-2019) noch einen obendrauf: «Diese Initiative kann Ihre Gesundheit gefährden.» Er fantasiert eine Situation, in der bettlägerige Patienten die Glocke läuten und niemand kommt. Hunderttausende würden gerne kommen. Aber sie dürfen nicht.

Auf den Philippinen sind rund eine Million ausgebildete Krankenschwestern registriert. Jährlich kommen rund 37’000 dazu. Davon ist jedoch lediglich etwa die Hälfte im Beruf tätig, weil Löhne und Arbeitsbedingungen schlecht sind. Deshalb wandern rund 40 Prozent der Ausgebildeten aus. Zielländer sind vor allem die USA, England, Deutschland, Kanada, Saudi-Arabien und Australien.

Und die Schweiz? Hier gibt es bloss einige Tausend Krankenschwestern und Pflegefachkräfte. Dabei würden wohl -zigtausend Filipinas liebend gerne den «Wilden Westen» Asiens verlassen, um in der sicheren Schweiz zu arbeiten und mit ihren Steuern einen Beitrag an die zusätzlichen Infrastrukturkosten leisten, die sie verursachen.

Die meisten philippinischen Krankenschwestern besitzen einen vierjährigen Bachelor of Science in Nursing, oft mit mehreren Jahren Berufserfahrung. Sie sind hochmotiviert, weil sie ihre Familien zu Hause unterstützen. Und das können sie. Und tun es auch. Auf den Philippinen verdienen sie monatlich umgerechnet zwischen 230 und 460 Franken, in der Schweiz zwischen 4’500 und 7’000 Franken.

Wieso lässt man sie nicht einreisen und in unseren Spitälern arbeiten? Stattdessen rollen wir Nichtintegrierbaren ohne Berufsausbildung den roten Teppich aus. Wenn die Falschen kommen, haben wir auch mit einer 30-Millionen-Schweiz einen Fachkräftemangel. Aber kein Sozialsystem mehr.

26.4.26 Nebelspalter: 10-Millionen-Schweiz

10-Millionen-Schweiz. Noch nie SimCity gespielt?

«Urban Scaling» beschreibt, wie sich Städte mit wachsender Bevölkerung verändern. Dieses mathematische Modell liegt auch Städtebausimulationen wie «SimCity» zugrunde. Während der Gamer im Spiel alle Parameter selbst steuert, folgt die Realität automatischen Gesetzmässigkeiten.

Screenshot

Überträgt man Urban Scaling auf die Schweiz, ergibt sich folgendes Bild:

Heute leben rund 9 Millionen Menschen im Land. Ein Wachstum um 1 Million entspricht etwa +11 %. Diese zusätzlichen Einwohner verteilen sich jedoch nicht gleichmässig, sondern konzentrieren sich vor allem auf grosse Städte wie Genf, Zürich, Basel und Lausanne. Dort bestehen bereits Diasporas, Netzwerke, Arbeitsplätze sowie ein breites Angebot an Dienstleistungen (inkl. Sozialleistungen). Für diese Städte bedeutet ein nationales Wachstum von +11 % daher effektiv ein Plus von etwa 20 bis 30 %.

Die Folgen sind höhere und dichtere Besiedlung, zusätzlicher Bedarf an Schulen, Spitälern, Gefängnissen, steigender Energie- und Wasserverbrauch, mehr Pendlerverkehr, überlastete Züge und Strassen, mehr Staus, längere Wartezeiten, Lohndruck, Dichtestress, soziale Spannungen, Kriminalität und steigende Mietpreise, da das Angebot langsamer wächst als die Nachfrage.

Dem stehen positive Effekte gegenüber: Dank der Wirkung sozialer Netze steigt die Produktivität überproportional zur Bevölkerungsentwicklung. Die Folge sind mehr Innovationen, stärkere Spezialisierung sowie ein vielfältigeres Nachtleben und «Sex in the City».

Für den Ausbau der Infrastruktur braucht es zusätzliche Arbeitskräfte, für die man wiederum die Infrastruktur anpassen bzw. ausbauen muss. Das ist ein fortlaufender Kreislauf. Es braucht immer mehr Zuwanderung. Kommen die Falschen, dann bleibt der Fachkräftemangel auch bei einer 20-Millionen-Schweiz bestehen. Wer eine kontrollierte und begrenzte Zuwanderung als Experiment bezeichnet, hat mutmasslich die letzten 30 Jahre unter einem Stein verbracht.

«SimCity» wird ab 7 Jahren empfohlen.

 

08.04.2026 NZZ Fearless Girl

 


5800 Anschläge inkl. LZ. Von Claude Cueni


«Fearless Girl» – wie das furchtlose Mädchen das Fürchten lernte

Das Werk der amerikanischen Bildhauerin Kristen Visbal in New York ist zur Ikone weiblicher Selbstbehauptung geworden.


Als die Menschen am 7. März 2017 auf dem Weg zur Arbeit die lebensgrosse Statue in der Wall Street sahen, staunten sie nicht schlecht. Da stand ein freches Mädchen aus Bronze, ein Werk der amerikanischen Bildhauerin Kristen Visbal (63). Es war über Nacht heimlich aufgestellt worden. Nun stand das «Fearless Girl» unbeeindruckt vor dem weltberühmten «Charging Bull» des Italieners Arturo Di Modica (1941–2021). Auch er hatte 1989 seinen 3,2 Tonnen schweren Bullen über Nacht vor der New Yorker Börse aufgestellt.

Sein kraftstrotzender Bulle sollte nach dem Börsencrash von 1987 ein Symbol für Optimismus und wirtschaftliche Stärke sein. Doch jetzt machte dieses kleine Bronzemädchen aus seiner Skulptur einen aggressiven Bullen, der im Begriff war, es niederzutrampeln. Di Modica sah darin eine Verletzung seiner künstlerischen Rechte. Er rief seine Anwälte an.

Im Gegensatz zu Arturo Di Modica hatte Kristen Visbal ihr Werk nicht selber finanziert. Ihre Bronzeskulptur war eine Auftragsarbeit des Vermögensverwalters State Street Global Advisors (SSGA). Das Unternehmen wollte damit – gegen den Willen der Aktionäre – auf der Woke-Welle surfen und seinen neuen Investmentfonds bewerben, der Aktien von Firmen mit höherem Frauenanteil in Chefetagen bevorzugte.

Was als PR-Aktion geplant war, entwickelte rasch ein Eigenleben, und «Fearless Girl» wurde zu einem kulturellen und politischen Symbol. Touristen, Aktivisten und Medien feierten die Statue als Ikone weiblicher Selbstbehauptung. Sie wollten sie nicht mehr hergeben.

Vertragsbruch

Die Stadt New York beschloss 2018 aufgrund der massiven öffentlichen Forderung, das Werk zu behalten, und wies dem Bronzemädchen vor der New York Stock Exchange einen neuen Standort zu.

«Fearless Girl» vor dem kraftstrotzenden Bullen des italienischen Bildhauers Arturo Di Modica im Schnee in New York (Aufnahme vom 14. März 2017).Drew Angerer / Getty

Kristen Visbal beanspruchte derweil die künstlerischen Rechte an ihrer Figur und begann, kleine Kopien in Bronze zu giessen und auf eigene Rechnung zu verkaufen. Ihre Auftraggeberin, State Street Global Advisors (SSGA), sah darin einen Vertragsbruch, da Visbal nicht über die Marken- und Nutzungsrechte verfügte.

Ausgerechnet SSGA, die ursprünglich mit der Figur einen feministischen Aktienfonds beworben hatte, wollte auf keinen Fall, dass Kristen Visbal ihre Auftragsarbeit für eine feministische Agenda losgelöst vom Unternehmen verfolgte. Die Firmenanwälte sahen darin nicht nur einen Vertragsbruch, sondern auch eine Markenrechtsverletzung.

Verbotene Kopien

Nachdem Visbal im Januar 2019 trotz ausdrücklichem Verbot von SSGA eine Kopie von «Fearless Girl» dem Women’s March in Los Angeles verkauft hatte, reichte das Unternehmen am 14. Februar 2019 vor einem Gericht im Gliedstaat New York Klage ein wegen Herstellung und Verkauf unerlaubter Repliken. Das Unternehmen argumentierte, die Künstlerin habe nachweislich mindestens drei verbotene Kopien der Bronzestatue an Kunden verkauft.

Gefeiert als Symbol weiblicher Selbstbehauptung: «Fearless Girl» auf einer Aufnahme vom 8. März 2017.Mark Lennihan / AP

«Aufgrund von Visbals eklatanter Missachtung der wesentlichen Vertragsbedingungen sowie ihrer bisherigen und fortdauernden Weigerung, mit SSGA zusammenzuarbeiten, sieht sich SSGA gezwungen, diese Klage wegen Vertragsbruch einzureichen», erklärte das Unternehmen. Zu diesem Zeitpunkt bot Visbal auf ihrer Website ihre auf 1000 Exemplare limitierte Edition zu einem Stückpreis von 6500 Dollar an.

Sie beharrte darauf, dass sie alleine über das Copyright für «Fearless Girl» verfüge. Sie wollte nicht verstehen, dass Markenidentität vom Markenrecht und nicht vom Urheberrecht geschützt wird. SSGA stellte Visbals Eigentumsanspruch an der Skulptur infrage und argumentierte, dass unerlaubte Reproduktionen der Statue der globalen Kampagne zur Förderung von Geschlechtervielfalt in Unternehmen der Firma schaden könnten.

SSGA erklärte ausserdem, dass alle ihre Versuche, mit Visbal Kontakt aufzunehmen, zurückgewiesen worden seien. Zudem behauptete SSGA vor Gericht, Kristen Visbal habe «die Gewohnheit, Verträge zu brechen», und verwies auf die Klage der Alumni Association der US Coast Guard Academy, die Visbal im Gliedstaat Delaware vor Gericht gebracht hatte, weil sie die in Auftrag gegebene Statue von Alexander Hamilton im Wert von 28 000 Dollar trotz Bezahlung nie abgeliefert habe.

Visbal und ihr «Fearless Girl» lernten das Fürchten. SSGA verlangte nicht nur eine gerichtliche Unterlassungsverfügung, sondern auch Schadensersatz sowie die Erstattung der Anwaltskosten. Visbal warf das Handtuch.

Vor wenigen Wochen mailte die Autorin, sie sei erschöpft von all diesen Gerichtsverhandlungen und habe deshalb auf sämtliche Rechte verzichtet. Sobald sie ihr Leben wieder im Griff habe, werde sie wieder ein «Fearless Girl» erschaffen, ohne Auftraggeberin. Es solle eine feministische Figur werden, die sie allen zur freien Verwendung zur Verfügung stellen werde.

05.03.2026 Weltwoche: Der Eisbär. Wappentier des Zeitgeists

 
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Wappentier des Zeitgeists
Jede Generation hat ihren Eisbären.
Claude Cueni


Nach dem Zweiten Weltkrieg öffnete der Berliner Zoo wieder seine Tore und setzte zu PR-Zwecken auch auf kostümierte Eisbärenfiguren. Der Eisbär war weiss, exotisch und fotogen, er verkörperte Reinheit, Arktis, Abenteuer und gezähmte Wildnis. Mit seinem hellen Fell war er das ideale Maskottchen für die damalige Schwarzweissfotografie. In einer Zeit, in der Bilder noch kostbar waren, funktionierte er als Kontrastfigur zwischen Mensch und Natur.

Der Bär hat eine lange Tradition. Egal, ob weiss, braun oder schwarz: In zahlreichen Kulturen wurde er als mächtiges Totemtier verehrt. In nordischen und arktischen Kulturen galt er als geistesverwandtes Wesen, das während des Winterschlafs spirituelle Kraft schöpft. In der finnischen Mythologie ist er der göttliche Botschafter. Die Helvetier verehrten Artio, die Bärengöttin, die mütterliche Begleiterin des Menschen. In Europa galt der Bär im Mittelalter als «König der Tiere», bis ihn der Löwe in der höfischen Symbolik ablöste. Bei den Lakota-und Sioux-Indianern wurde er als Medizinbär verehrt.

Kurorte, Seebäder, Jahrmärkte

Schon lange bevor er zum Fotomotiv wurde, war er Projektionsfläche für Macht, Wildheit, Kraft, Weisheit und die Schwelle zur Anderswelt. Der Eisbär brachte diese Traditionslinie in die Nachkriegsmoderne, allerdings in gezähmter, harmloser Form.

Die PR-Aktion des Berliner Zoos war eine Sensation und eroberte rasch Kurorte, Seebäder, Jahrmärkte, Volksfeste und Tierparks. Wanderfotografen reisten mit ihren kostümierten Assistenten an touristische Hotspots und konnten dank mobiler Schnelllabore und beschleunigter Entwicklungsverfahren Feriengäste für einen Fototermin gewinnen. Das Bild war meist nach einer halben Stunde abholbereit. Diese relative Unmittelbarkeit war damals revolutionär.

Die Eisbär-Fotografie der Nachkriegszeit war ein Ereignis. Bilder waren keine Schnappschüsse aus dem Alltag, sondern gerahmte Beweise eines ungewöhnlichen Ausflugs, den man sich leisten konnte. Das Motiv funktionierte wie eine frühe Form des Selfies: Der Mensch positionierte sich neben dem Aussergewöhnlichen, um an dessen Aura teilzuhaben. Der Eisbär war deshalb mehr als Dekoration, er erhöhte den symbolischen Wert des Fotos. Wer mit ihm posierte, dokumentierte nicht nur einen Ausflug, sondern einen Aufstieg: zurück ins Leben, zurück in die Normalität.

Zwischen 1954 und 1959 erreichte die Eisbär-Mania ihren Höhepunkt. Das sogenannte Wirtschaftswunder steigerte Kaufkraft und Lebensfreude. Man besuchte Kurorte, trug wieder Sonntagskleidung und posierte mit dem Bären, der längst Kult geworden war. Die Bilder dokumentierten nicht nur Ferien, sondern einen Neubeginn. Nach Jahren der Entbehrung war das Posieren mit einem exotischen Tier ein Symbol des wiedergewonnenen Wohlstands.

Doch der Vorläufer des Selfies musste bereits in den 1960er Jahren dem Fortschritt weichen. Waren 1953 in Deutschland erst rund tausend Fernsehgeräte angemeldet, waren es 1962 bereits über 4 Millionen. Das neue Medium brachte die Welt ins Wohnzimmer: den Krimi-Sechsteiler «Das Halstuch», die Olympischen Spiele, Naturkatastrophen, Raumfahrt, Kennedy und die Swinging Sixties. Die Sensation war nicht mehr der Eisbär im Kurort, sondern die Welt in Echtzeit.

Sein Weiss stand für Reinheit

Private Kameras wurden erschwinglich, der Mittelstand konnte sich einen VW Käfer, eine BMW Isetta oder einen Lloyd 300 leisten. Der Autotourismus begann. Die Ostsee und der Schwarzwald wichen Italien, Spanien und Griechenland. Das Exotische lag nun im Süden, an den sonnenverwöhnten Stränden rund ums Mittelmeer. Der Eisbär hingegen wirkte plötzlich provinziell, fast folkloristisch. Die Kostüme verschwanden auf den Dachböden.

Doch der Eisbär verschwand nicht ganz. Das Motiv überlebte. In den 1980er Jahren tauchte er erstmals in der Weihnachtswerbung auf. 1993 erlebte er den globalen Durchbruch in den animierten Spots von Coca-Cola. Nun war er weichgezeichnet, familiär, knuddelig. Aus dem exotischen Riesen wurde ein Konsumbotschafter. Sein Weiss stand für Frische, Winter, Reinheit. Der Bär war endgültig im Mainstream angekommen.

Ab den 2000er Jahren verschob sich erneut seine Bedeutung. Parallel zur Kommerzialisierung begann die Politisierung. NGOs und Umweltorganisationen entdeckten im Eisbären das perfekte Symbol für den Klimawandel. Das Tier, das tatsächlich vom Meereis abhängt, wurde zur Ikone der globalen Erwärmung. In zahllosen Bildern sitzt es einsam auf einer Scholle. Der gutmütige Riese aus dem Eis wurde zum melancholischen Mahnmal. Die Fotografie des einsamen Bären auf der schmelzenden Scholle ging um die Welt. Es war fotografisch möglich, aber zugespitzt.

Der reale Eisbär ist ein Meereisjäger, der über hundert Kilometer schwimmen kann und an extreme Schwankungen angepasst ist. Das ikonische Bild des hilflosen Einzelgängers ist weniger naturkundliche Dokumentation als symbolische Zuspitzung. Der Eisbär wurde erneut Projektionsfläche, diesmal für Verlust und Verletzlichkeit.

Es ist kein Zufall, dass ausgerechnet er zur Ikone des global warming wurde. Er lebt in einer Region, die für die meisten Menschen abstrakt bleibt. Kaum jemand hat das arktische Packeis an Ort und Stelle erlebt. Der Eisbär bietet ein emotional zugängliches Bild. Er ist gross genug, um Respekt zu wecken, und zugleich kindlich genug, um Schutzinstinkte auszulösen. Seine weisse Silhouette auf dunklem Wasser erzeugt maximale visuelle Wirkung. Kaum ein anderes Tier vereint so viel symbolisches Kapital.

Es war der Berliner Tiergarten, der 2006 mit dem Eisbären Knut einen neuen Hype auslöste. Das Bärenbaby mit dem kuscheligen Fell eroberte die Herzen der Besucher und ging international viral. Fernsehsender aus China, den USA, Japan, Südafrika und Indien berichteten über das Phänomen. Die deutsche Ausgabe des People-Magazins Vanity Fair titelte ein Jahr später: «Ich, Knut. Ein Weltstar aus Deutschland». Die Deutsche Post AG widmete ihm eine Briefmarke, das Bundesumweltministerium schlug ihn 2008 als Symbolfigur für die 9. Uno-Naturschutzkonferenz vor. Politiker drängten auf Selfies. Knut wurde zur Marke, zur Geldmaschine. Doch 2011 ertrank er nach einem epileptischen Anfall im Wassergraben seines Geheges. Vor den Augen der Besucher.

Rückblickend erscheint das kostümierte Eisbärenfoto wie ein früher Prototyp heutiger Inszenierungen. Ob im Walt Disney World Resort in Florida, im Asterix-Park bei Paris oder bei Madame Tussauds, überall posieren Menschen mit Figuren, die sie bewundern. Manchmal sind es bloss Erinnerungen an eine Kindheit, die noch unbeschwert war. So hat jede Epoche ihren eigenen Eisbären erschaffen. Ein Tier, drei Narrative: Erlebnis, Konsum, Moral.

Grösstes Landraubtier der Erde

Doch möglicherweise steht eine vierte Phase bevor. Die Analysten des «Bank of America Global Research» prognostizieren für 2060 bis zu 3 Milliarden KI-gesteuerte Roboter. Derzeit konkurrieren mehrere Unternehmen weltweit um den ersten marktfähigen humanoiden Allzweckroboter, der selbst Entscheidungen treffen kann. Noch dominieren technische Fragen wie Beweglichkeit, Sicherheit und Energieversorgung. Doch wie bei den Smartphones oder den Automobilen wird die Technik mit der Zeit konvergieren. Funktion wird Standard. Dann entscheidet Design. Alles wird kulturell codiert sein: Form, Oberfläche, Material, Stimme, Mimik. Einige werden nüchtern und industriell wirken, andere freundlich, charismatisch und verspielt. Wahrscheinlich werden sie personalisierbar sein, mit austauschbaren äusseren Hüllen. Man wird auf bereits bekannte Symbolfiguren zurückgreifen, denn ein vertrautes Motiv senkt die Schwelle der Akzeptanz. Die einen werden einen Butler wählen, die anderen Elvis Presley, eine erotische Figur oder Cristiano Ronaldo, Kinder vielleicht Monkey D. Ruffy, Spiderman, Micky Maus oder den weissen Riesen aus der Arktis. Vom Souvenirfoto über die Weihnachtswerbung bis zum Klimasymbol hat er bewiesen, wie flexibel ein Motiv sein kann.

In jeder Epoche entstehen Erinnerungen für die Nachwelt. Im 19. Jahrhundert waren es Monumente aus Stein und Bronze, im 20. Jahrhundert Markenfiguren und Fernsehbilder, im 21. Jahrhundert digitale Avatare. Auch wenn die Technik mittlerweile rasende Fortschritte macht, die menschlichen Bedürfnisse bleiben.

Deshalb wird der ikonische Eisbär, das grösste Landraubtier der Erde, überleben. Die indigenen Völker erkennen in ihm einen fast menschenähnlichen Geist. Sie nennen diesen Koloss, der bis zu 600 Kilo wiegen und bis zu drei Meter lang werden kann, den «grossen Wanderer». Vom Selfie der 1950er Jahre zur Ikone des global warming war es ein langer Weg. Aber er ist noch nicht zu Ende.



 

26.2.2026: Ex-Finanzminister Yanis Varoufakis angeklagt

Der griechische Politiker und ehemalige Finanzminister Yanis Varoufakis kritisiert immer wieder vehement den Mangel an Demokratie und Meinungsfreiheit in der EU.

 

In einem Podcast wurde er nun gefragt, ob er jemals Drogen genommen habe. Er erzählte darauf, dass er vor 37 Jahren (1989) einmal Ecstasy ausprobiert habe und auch Erfahrung mit Marihuana gemacht habe. Anschließend schilderte er seine Sicht auf Drogenkonsum. 

 

Diese Aussagen führten nun zu einer polizeilichen Vorladung und einem strafrechtlichen Ermittlungsverfahren, weil die griechischen Behörden prüfen, ob er mit seinen Worten möglicherweise den Konsum illegaler Drogen gefördert oder gar dazu angestiftet habe.

 

Er soll am 16. Dezember 2026 vor Gericht erscheinen wegen „Anstiftung und Werbung für Betäubungsmittel».

 

Fazit: Die gefährlichste Substanz in der EU ist nicht Ecstasy, sondern die eigene Meinung.