Blick 121 »Und jetzt noch das Wetter«

Als das römische Imperium sein Reich nach Nordosten erweitern wollte, wurden sie von einem für sie ungewohnten rauen Klima mit Dauerregen, Nebel und Kälte überrascht. Die drei Legionen des Varius versanken mit ihren schweren Rüstungen im Morast und verloren die Schlacht im Teutoburger Wald. Das Wetter hatte den Sieg des germanischen Heerführers Arminius begünstigt.

Im Dezember 1941 nutzten die Japaner einen Taifun, um unentdeckt den US-Stützpunkt Pearl Harbour zu erreichen. Die japanischen Wetterauguren lagen richtig.

Wettervorhersagen sind seit dem Altertum bekannt und für Landwirtschaft und Militär von grossem Interesse. Ähnlich wie Chart-Techniker, die aufgrund der Börsenhistorie die Aktienkurse von morgen schätzen, notierte man früher Luftdruck, Temperatur und Niederschläge der letzten Tage, um das Wetter von morgen zu berechnen.

Doch erst mit der Erfindung des Telegrafen im 19. Jahrhundert wurden verlässliche Voraussagen möglich. Es war der französische Mathematiker und Astronom Urbain Le Verrier, der am 19. Februar 1855 der Pariser Akademie der Wissenschaften die erste wissenschaftliche Wetterprognose präsentierte. Sie war richtig. Er hatte sie aufgrund telegrafisch übermittelter Daten aus ganz Frankreich erstellt.

Auch heute sind Satellitendaten für das Europäische Zentrum für mittelfristige Wettervorhersage (EZMW) verlässlicher als Daten aus der Atmosphäre, die täglich von rund 3500 Flugzeugen geliefert werden. Die Verlässlichkeit beträgt für die nächsten 24 Stunden etwa 90 Prozent. Nicht nur Tourismuszentren würden sich wünschen, das Wetter beeinflussen zu können. Ist das möglich?

Bereits 1940 prophezeite US-Luftwaffenkommandant George Kenney: «Die Nation, die als erste die Wege von Luftmassen kontrollieren kann und lernt, Ort und Zeitpunkt von Niederschlägen zu bestimmen, wird den Globus beherrschen.»

Während des Vietnamkriegs beschoss die US-Armee Regenwolken mit Silberjodid, um diese über den Marschrouten der Nordvietnamesen abregnen zu lassen. In Thailand nützt man das Verfahren Fon luang (königlicher Regen), um Dürreperioden zu verhindern. In China arbeiten bereits 50’000 Wolkenkrieger, um gezielt «Wolken zu melken». Sofern welche da sind.

13 years later

An alle, die eine ähnliche Situation erleben.

Gebt nicht zu früh auf. Die Medizin macht unglaubliche Fortschritte, zahlreiche Krankheiten, die früher rasch zum Tod führten, werden heute zu chronischen  Erkrankungen, die das Leben verlängern. Obwohl ich gemäss Statistik seit Jahren tot sein müsste, lebe ich immer noch. Und dies, obwohl ich mittlerweile an einem weiteren Krebs erkrankt bin. Ich kann das nicht ändern, aber ich kann meine Einstellung dazu ändern.

Das jahrelange Martyrium eines Schmerzgeplagten unter dem Damokles-Schwert ist nicht einfach. Unzählige Spitaltermine, manchmal drei in einer Woche bei unterschiedlichen Fachärzten. Manchmal will man es beenden. Schmerzbekämpfung mit Todesfolge. Aber dann denke ich, okay, das hat bis morgen Zeit. Zweimal hatte ich bereits einen Sterbetermin vereinbart. Und am nächsten Morgen genoss ich Dinas frischgepressten Organgensaft.

Manchmal denkt man, wenn noch dies oder jenes hinzukommt, ist meine rote Linie erreicht. Aber der Mensch ist viel stärker als er glaubt, sonst hätte unsere Spezies nicht überlebt.

Die Tatsache, dass bei uns in der Schweiz Freitodbegleitungen möglich sind, gibt mir die Power, das durchzustehen! Gesunde können das selten verstehen, Politiker, die sich als Gutmenschen profilieren wollen, schon gar nicht. Ihnen fehlt es an Lebenserfahrung und Empathie.

Also: Dont give up! Never give up! 

Es gibt keinen Gott, es gibt kein Jenseits, es gibt nur dieses eine Leben, es ist einmalig, interessant, lehrreich und voller Komik. Was morgen geschieht, geschieht nicht heute, also geniesst diesen Tag.

Ich danke allen, die mit ihren Posts meinen Horizont erweitert und mich mit ihrem Humor erheitert haben.

Herzlichst

Claude Cueni

18.9.2022

An dieser Stelle bedanke ich mich beim anonymen Knochenmarkspender, bei allen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Hämatologie des Basler Unispitals, bei meiner aussergewöhnlichen Frau Dina, bei meinem wunderbaren Sohn und meiner lieben Schwiegertochter. 

120 Blick »Schweizer Garde in Not«

«Natürlich besitzt der Vatikan ein Vermögen. Der Reichtum setzt sich in erster Linie aus Gebäuden und Kulturgütern zusammen. Die laufenden Einnahmen sind relativ bescheiden.» So begründete alt Bundesrätin Doris Leuthard, wieso Bund und Kanton einen Teil der 50 Millionen Euro für den Neubau der vatikanischen Gardekaserne übernehmen sollten.

Leuthard leitet das Patronatskomitee der steuerbefreiten Kasernenstiftung. Die von ihr beklagten «bescheidenen Einnahmen» generiert der Milliardenkonzern unter anderem aus Kirchensteuern, Börsengeschäften, Firmenbeteiligungen, Merchandising und Mietzinseinnahmen aus 5174 Liegenschaften.

Die 135 Schweizer Gardisten leben in vergammelten Kasernen aus dem 19. Jahrhundert. Erstaunlich, dass die Prediger der Nächstenliebe ihre Privatarmee nicht anständig unterbringen, zumal die Kirchenfürsten durchaus ein Flair für «schöner Wohnen» haben. Protzbischof Franz-Peter Tebartz-van Elst «renovierte» seinen Dienst- und Wohnsitz im deutschen Limburg für 31 Millionen Euro. Kardinal Tarcisio Bertone wollte in Rom ein 700-Quadratmeter-Penthouse beziehen, bis die italienische Zeitung «La Repubblica» darüber berichtete.

Egal ob man über das Luxusleben einiger Bischöfe und Kardinäle liest oder über die nicht mehr enden wollenden Sexualstraftaten, man kommt sich vor wie Bill Murray in «Und täglich grüsst das Murmeltier». Im April wurde bekannt, dass das Bistum Köln 1,15 Millionen Euro Spielschulden eines Priesters beglich und dieses Geld ausgerechnet dem Fonds für Missbrauchsopfer entnahm: Business as usual.

In der Schweiz gehörten 2020 nur noch 33,8 Prozent der Bevölkerung der katholischen Kirche an; 30,9 Prozent bezeichneten sich als konfessionslos. Mittlerweile gibt es wohl mehr Religionslose als Katholiken.

Dennoch gelang es Doris Leuthard, fast die gesamte Summe zu beschaffen. Von ihren ehemaligen Kolleginnen und Kollegen im Bundesrat erhielt sie fünf Millionen Steuergelder geschenkt. Ausstehend sind die 400’000, die der Luzerner Kantonsrat bewilligt hat. Dagegen haben die Schweizer Freidenker das Referendum ergriffen. Mit Erfolg. Am 25. September wird in Luzern abgestimmt. 400’000 Franken, das entspricht der Standard-Entschädigung für 67 Missbrauchsopfer.

Leseprobe »Dirty Talking« Seite 161

Bobby Wilson überlegte, ob er ins gegenüberliegende Hotel Drei König fliehen sollte, dort hatte bereits Napoleon auf dem Klo gesessen, aber ein Rudel Velofahrer kam ihm entgegen, und es waren so viele, dass Wilson im ersten Augenblick überlegte, ob es bereits Zeit für die Tour de France sei. Sie waren alle schwarz vermummt, obwohl die Corona- Pandemie längst Geschichte war. Einige trugen bunte Fastnachtskostüme und schwenkten Transparente. Sie forderten kostenlose Velos für alle, wollten aber auch an drei kurdische Revolutionärinnen erinnern und den feministischen Antifaschismus bestärken. Das Transparent mit dem geforderten Fleischverbot ging beinahe unter.

Als im Hotel Drei König die ersten Fensterscheiben in Brüche gingen und der gegenüberliegende Kiosk geplündert wurde, war Wilson klar, dass es hier um einen ernsthaften Protest gegen den Kapitalismus ging.

Die Polizei fuhr mit ihrem Kastenwagen vor, einige Beamte stiegen aus, aber es war noch unklar, ob sie für die kosmopolitischen Bourgeois Bohémiens Spalier stehen oder sie daran hindern wollten, die Innerstadt zur Rettung des Klimas zu verwüsten. Das war eben auch noch ein Anliegen.

Wilson hetzte zur Schifflände und blieb vor der Brücke stehen, die Mittlere Brücke genannt wurde, weil sie in der Mitte der Altstadt lag und die aussterbenden Shopping Streets mit den verfickten No-go-Areas auf der anderen Seite des Rheins verband. Doch der Polizeieinsatz galt ihm.

 

 

 

119 Blick »Blackout: Die Nacht der Tiere«

Was passiert, wenn tatsächlich der Strom ausfällt? New York hat die Erfahrung gemacht – sie war nicht gut. Nicht einmal Superman konnte die Bürger vor Kriminellen schützen.

Claude Cueni

Man schrieb den 13. Juli 1977, als Regisseur Richard Donner (1930–2021) seiner Filmcrew das Zeichen gab: Action! Sie drehten in New York gerade den ersten Teil der Comicserie «Superman». Doch um 21.34 Uhr Ortszeit sorgte nicht der Hauptdarsteller Christopher Reeve für Action, sondern zwei Blitzschläge, die einen Transformator der städtischen Elektrizitätsgesellschaft lahmlegten. Die Nebenrolle spielte eine lockere Schraube in einer Schaltstelle, die zu einem Kurzschluss geführt hatte.

New York ohne Strom, alle Strassen- und Schaufensterbeleuchtungen erloschen, U-Bahnen blieben stehen, Tausende blieben in Fahrstühlen stecken.

Während Celebritys wie Woody Allen und Al Pacino auf der Upper East Side «Open-Air-Blackout-Party» feierten, brach in anderen Gegenden das Chaos aus. Menschen zertrümmerten Schaufenster und nahmen alles mit, was nicht niet- und nagelfest war. Verzweifelte Ladenbesitzer verteidigten mit Baseballschlägern und Schusswaffen ihre Existenzgrundlage. Vergebens. Gegen die marodierenden Horden, die reihenweise Häuser abfackelten, hatten sie keine Chance.

25-Stunden-Fest für Plünderer

Ganze Stadtviertel wurden zerstört, Plünderer überfielen Plünderer. Die 8000 eingesetzten NYPD-Polizisten waren überfordert, etliche wurden schwer verletzt. «Das ist die Nacht der Tiere», sagte ein Polizist. Als das Licht nach 25 Stunden wieder anging, rief der Bürgermeister: «Christmas is over.»

Auch wenn die Schweiz nicht die USA ist und ein möglicherweise monatelanger Strommangel im Winter angekündigt würde: Die Haut der Zivilisation ist dünn. Informieren die Behörden im Voraus, in welchen Quartieren der Strom für einige Stunden abgestellt wird, sind auch Kriminelle informiert.

Wie wärs in der Schweiz?

Im Juni hatte ein Mob von rund 2500 jungen Nordafrikanern den italienischen Badeort Peschiera del Garda heimgesucht, Läden geplündert und Frauen sexuell bedrängt. Es braucht nicht viel Fantasie, um sich vorzustellen, was bei einem längeren Stromunterbruch in Europas No-go-Areas zwischen Birmingham, Berlin und Malmö geschieht.

Und in der Schweiz? Wird der Staat seine Bürger schützen können? Gemäss Justiz- und Polizeidepartement haben die Anträge für Waffenerwerbsscheine (verglichen mit dem Vorjahr) um 25 Prozent zugenommen.


Soeben erschien der Thriller DIRTY TALKING.


 

118 Blick »Stellvertreterkriege«

Was haben die Kriege in Korea (1950–1953), Vietnam (1964–1975), Afghanistan (1979–1989) und Syrien (seit 2011) gemeinsam? Es sind Stellvertreterkriege der Grossmächte, weil eine direkte Konfrontation einen Atomkrieg bedeuten würde.

Die »New York Times« berichtet, dass die USA und England nicht nur Milliarden Dollar und Kriegsgerät in die Ukraine schicken, sondern auch »Militärberater«, die auf ukrainischem Boden logistische Hilfe leisten, Millitäroperationen vorbereiten und Ziele definieren, die dann ukrainische Soldaten mit westlichen Waffensystemen ins Visier nehmen. Der Krieg in der Ukraine ist ein klassischer Stellvertreterkrieg.

Ob man für diese Feststellung gescholten oder als Putinversteher diffamiert wird, hängt von der »richtigen Gesinnung« des Postboten ab. Leider erlaubt die politische Debatte mittlerweile nur noch schwarz oder weiss. Es sollte jedoch möglich sein, dass man Fakten vermittelt statt Meinungen von Personen, die nur darauf warten, dem politischen Gegner einen Strick zu drehen.

Putin hat einem barbarischen Überfall auf einen souveränen Staat begonnen und Kriegsverbrechen begangen. Wird Selinski dadurch zur Lichtgestalt? Vor dem Krieg durfte man erwähnen, dass Selinski gemäss den Pandora Papers ein millionenschwerer Oligarch mit dubiosen Firmen in den einschlägigen Steuerparadiesen ist. Heute muss man so tun, als würde der Ex-Schauspieler, der sich im Modemagazin »Vogue« mit seiner Frau als Celebrity inszeniert, die Freiheit des Westens verteidigen. Im eigenen Land tritt er diese mit Füssen und ist entsprechend umstritten, zumal er auch vor dem Krieg keine seiner blumigen Wahlversprechen eingelöst hat. In den USA wächst die Besorgnis, dass die westlichen Milliardenhilfen im zweitkorruptesten Land Europas nicht immer dort ankommen, wo sie sollten. Von den Russen ist bekannt, dass korrupte Offiziere Kriegsmaterial auf eigene Rechnung weiterverkaufen. Wieso sollte das beim Brudervolk Ukraine anders sein? Mentalitätsmässig gibt es wenig Unterschiede: Viel Pathos, Nationalstolz und groteske Übertreibungen.

Dass das erste Opfer des Krieges die Wahrheit ist, bewahrheitet sich auch in diesem völlig unnötigen Krieg, den sich kaum jemand gewünscht hat. Es sind fast immer Menschen im fortgeschrittenen Alter, die über Krieg und Frieden entscheiden. Und über jene, die noch eine Zukunft haben.


 Nächste Woche erscheint Cuenis neuer Thriller »Dirty Talking«.


 

117 Blick »Do you speak english?«

«Lasst uns ihre Sprache verwirren, dass keiner des andern Sprache verstehe!» In der biblischen Sage verhindert Gott den Turmbau zu Babel mit der «babylonischen Sprachverwirrung»: Fortan reden die Handwerker in 72 Sprachen aneinander vorbei und bringen keinen Stein mehr auf den andern.

Die EU wollte ein solches Chaos vermeiden. Doch sie wählte nicht eine einzige europäische Amtssprache, sondern lässt jährlich für 1,1 Milliarden Euro zwei Millionen Seiten in 24 Sprachen übersetzen. Obwohl praktisch alle Malteser Englisch sprechen, wird auch ins Maltesische übersetzt.

Jedes erfolgreiche Start-up, das mit weltweit verstreuten Freelancern arbeitet, pflegt Englisch als Business-Sprache. In meiner Familie sind die Muttersprachen Französisch, Deutsch, Chinesisch und Tagalog. Wie verständigen wir uns? Auf Englisch.

Wer seine Ferien in fremdsprachigen Ländern verbringt, macht die Erfahrung, dass man sich in Sierra Leone oder Hongkong kaum auf Deutsch, Französisch, Italienisch oder Rätoromanisch unterhalten kann, aber meistens auf Englisch. Von den über 7000 Sprachen, die auf der Welt gesprochen werden, ist Englisch, bedingt durch die britische Kolonialgeschichte, die Nummer eins.

Unsere Alltagssprache ist durchsetzt von englischen Ausdrücken, wir nehmen diese gar nicht mehr als fremdsprachig wahr. Wir hören englische Songs und schauen amerikanische Filme. Englisch ist die Sprache der Wissenschaft. Die grösste Ansammlung von Wissen liegt in Englisch vor.

Jeder kann sich autodidaktisch über die nationalen Sprachgrenzen hinaus weiterbilden, sofern er einen Internetanschluss hat und Englisch spricht. Die Karriereleiter von Jugendlichen schrumpft zur Bockleiter, wenn sie kein Englisch sprechen. Es wäre sinnvoll, wenn in Primarschulen Englisch als Zweitsprache eingeführt würde. In diesem Alter lernt man Sprachen schnell.

In der römischen Antike förderte Latein Verständigung und Zusammenhalt des Imperiums. Im Hinblick auf die vermehrte Zuwanderung aus bildungsschwachen Kulturen wäre Englisch als zweite Landessprache hilfreich für die Integration der Integrationswilligen. Vielleicht braucht auch die Politik einen Booster, um das aktuelle Sprachengesetz zu überdenken.


Am 22. August erscheint der neue Thriller DIRTY TALKING.


 

116 Blick »Wir wir zum Reisen gekommen sind«

Wie wir zum Reisen gekommen sind

Man reist ja nicht, um anzukommen, sondern um zu reisen», schrieb Goethe (1749–1832). Das war nicht immer so. Reisen hatte jahrtausendelang stets einen ganz bestimmten Zweck. Unsere Vorfahren waren Nomaden, immer unterwegs nach neuen Regionen, wo es genügend Nahrung gab. Auch Umweltkatastrophen zwangen sie zum Reisen beziehungsweise zum Verreisen. Bis sie schliesslich vor rund zehntausend Jahren sesshaft wurden und Viehzucht und Ackerbau betrieben.

In der Antike reiste man zu den Tempeln der Götter, wie man heute nach Santiago de Compostela oder Mekka pilgert. Nebst den Händlern, die berufsmässig reisten, waren Ferienreisen den Wohlhabenden vorbehalten, sie suchten im Sommer ihre Zweitwohnsitze am Meer auf. Allen anderen fehlten die Zeit und das Geld dazu.

Legionäre und Nichtadlige reisten meistens zu Fuss und legten dabei ca. 30 Kilometer am Tag zurück, in etwa die Distanz von Zürich nach Winterthur, eine Strecke, die wir heute mit dem Auto in 30 Minuten bewältigen. Es gab so was wie ein Fernstrassennetz mit Herbergen, die Reisende und die Pferde der Postboten und Kutscher versorgten und nebst Speis und Trank auch sexuelle Dienste anboten.

In der Renaissance (ca. 1400 bis 1620) sandte der europäische Adel seine Söhne auf die grosse Bildungsreise, die Grand Tour, die meistens nach Italien führte. Dass Reisen bildet, galt schon damals als Binsenweisheit. Unter Bildung verstand man auch das Sammeln erotischer Erfahrungen.

Mit dem britischen Reisepionier Thomas Cook (1808–1892) wurden erstmals Pauschalreisen in die entlegenen Kolonien des British Empire angeboten, das nach dem Ersten Weltkrieg sagenhafte 35 Millionen Quadratkilometer umfasste. Der technische Fortschritt der industriellen Revolution machte es möglich, dass nun Reisen dank Automobil, Eisenbahn und Dampfschiff günstiger und somit auch für den Mittelstand erschwinglich wurden. Die entstehende Tourismusbranche schaffte neue Jobs, die Reiseliteratur boomte, und Louis Vuitton (1821–1892) fabrizierte robuste Reisetruhen.

Doch erst in den 1960er-Jahren setzte dank höheren Realeinkommen, mehr Freizeit und günstigen Charterflügen der Massentourismus ein: Man reiste nicht mehr, «um anzukommen, sondern um zu reisen».


Am 22. August erscheint der neue Thriller DIRTY TALKING.


 

© Privilegierte Asphaltkleber

Die »Letzte Generation« klebt sich auf befahrene Strassen und legt den Verkehr lahm. Auf ihrer Plattform posten sie ihre Highlights, Videos, die erboste Autofahrer zeigen, die, (im Gegensatz zu den privilegierten Asphaltklebern) unterwegs zur Arbeit sind. Auch Ambulanzen, Feuerwehr und Hochschwangere sind motorisiert unterwegs. Für wen will die »Letzte Generation« also das Klima retten, wenn ihnen die Mitmenschen derart egal sind?

 

Oder geht es eher um die Jagd nach Selfies, wie der junge Aktivist Clemens Traub in seinem Buch »Future for Fridays« selbstkrititisch bemerkt? 

 

Die Rücksichtslosigkeit gegenüber der arbeitenden Bevölkerung halten sie für rechtens, bis ihre Forderungen erfüllt sind. Erpressungen, die in Hotel Mama funktionierten, »Nike-Schuhe oder Terror«, sind in der Öffentlichkeit nicht immer erfolgreich. Wer seine Lifestyle-Moral über den Rechtsstaat stellt, verkommt zur Sekte.

 

Tadzio Müller, einer der Wortführer, findet es legitim, in Zukunft Autos zu zerstören und Gaskraftwerke zu sabotieren. Er droht mit einer »Grünen Armee Fraktion« im Stil der »Roten Armee Fraktion«, die in den 1970er-Jahren Staat und Bevölkerung terrorisierten. Doch das Einzige, was die RAF damals errreichte, waren (nebst 33 Morden) schärfere Gesetze.

 

Die gute Nachricht zum Schluss: Es wird noch tausende Generationen geben, weil die Menschen, die technologische Innovationen entwickeln, nicht auf dem Asphalt kleben, sondern forschen und arbeiten.

 

© Agentur C – die Story

1985 gründete der erfolgreiche Schweizer Firmengründer Heinrich Rohrer (Sipuro – Rohrreinigung – SI phon PU tz – RO hrer) mit einigen Freunden den Verein »Agentur C« um mit Plakatkampagnen schweizweit Bibelverse zu verbreiten.

1998 starb der millionenschwere Exzentriker, der auf seinem Anwesen einen Venom-Kampfjet und eine Radgürtelkanone geparkt hatte.

Seitdem produziert der Verein allerlei Merchandising mit Bibelversen, vom Regenschirm bis zum Zuckerbeutel, verschenkt Bibeln und hängt regelmässig neue Plakate auf.

Auf Anfrage wird mir erklärt, dass ihre Zielgruppe alle Menschen in der Schweiz umfasst und leider immer wieder Plakate zerstört werden. Soll ich jetzt Voltaire bzw. seine Biografin zitieren? (Ich teile Ihre Meinung nicht, aber…)

An alle Neandertaler mit unterentwickelten Demokratieverständis: Hört auf, Plakate zu beschädigen. In dieser humorlosen Zeit brauchen wir mehr Comedy im öffentlichen Raum.

© Der Maler Jürg Kreienbühl

Chronist der Endzeit

Zum Tod des Malers Jürg Kreienbühl


© Von Aurel Schmidt


© Quelle: Basler Stadtbuch 2007 / Basler Zeitung vom 3. November 2007


 

 

Zu Jürg Kreienbühls letzten Werken gehört eine Reihe von Bildern, die er in einer <déchetterie>, einer Kehrichtverbrennungsanlage, in der Nähe von Paris gemalt hat. In der auf Hochglanz polierten Welt von heute suchte er seine Motive mit Vorliebe am entgegengesetzten Ende, dort, wo die Armut und die Misere zu Hause sind und sich die so­ zialen Abgründe auftun.

 

Er liebte es, Abfallhaufen zu malen, Friedhöfe, von Ölteppichen verseuchte Häfen. Nichts Schönes, nicht Erbauliches. Er hatte eine bestimmte Vorstellung vom Leben, das er an den dunkelsten Orten suchte, weil er überzeugt war, dass er es nur dort finden würde. Das gab seiner Malerei etwas Düsteres, gelegentlich Pathetisches, aber immer auch Authentisches. Malen hiess für ihn Zeugnis ablegen.

 

Jürg Kreienbühl wurde am 12. August 1932 in Basel geboren. Als junger Mensch hatte er ein Erlebnis, das ihn für das Leben prägte. Der Anblick einer verwesenden, von Maden befallenen Ratte, die er im Jahr 1953 in einer Abfallgrube in Reinach beobachtet hatte, löste in ihm beinahe traumatische Reaktionen aus. Er hat oft davon gesprochen. Mit einem Mal musste er erkennen, dass die Natur eine ungeheuerliche Maschine ist, die alles verschlingt. Sie kam ihm wie etwas Sinnloses vor, wie eine Demütigung des Menschen. Dass der Mensch die Krone der Schöpfung sei, hielt er für blanken Unsinn. Alles stirbt, zerfällt, löst sich auf, geht zu Grunde. Nirgends ist ein Sinn, eine Hoffnung, ein Ausweg.

 

Das waren Kreienbühls nihilistische Jahre. Mit 24 zog er nach Paris, wo er in der Banlieue in einer <roulotte>, einem Wohnwagen, unter Zigeunern, Nordafrikanern, Clochards hauste. Aber unter diesen Gestrandeten erfuhr er eine Menschlichkeit, die ihm den Weg zu einem neuen Verständnis des Lebens eröffnete.

 

Später, als er sich als Künstler einen Namen gemacht hatte, vergass er nie seine Elendsjahre. Clochards in erbärmlichen Verhältnissen, in demolierten Zimmern, an Tischen mit ausgetrunkenen Weinflaschen sitzend, desillusioniert, alles im Detail exakt gemalt, blieben ein bevorzugtes Thema von ihm. Auf diese Weise bekundete er seine Verbundenheit mit den Armen und Benachteiligten und hatte damit – paradoxerweise – Erfolg.

 

Seine Erfahrungen prägten seinen Stil. Er malte in realistischer Weise und liess kaum etwas anderes daneben gelten. Es war für ihn ausgeschlossen, die Welt, die er angetroffen hatte, anders wiederzugeben als in einer krassen Art. Bei allem, was er gesehen und erlebt hatte, gab es für ihn keine Möglichkeit, sich einfach in die ästhetische Unverbindlichkeit zurückzuziehen. Wenn es sein musste, konnte er in künstlerischen Fragen sogar richtig rabiat werden. Rote und blaue Quadrate und Kreise riefen einen heiligen Zorn in ihm hervor. Was kann einer, der nichts zu essen hat, damit anfangen? Dabei muss man sich Jürg Kreienbühl als einen Menschen vorstellen, der sich seinen Freunden gegenüber jederzeit liebenswürdig, grosszügig und hilfsbereit verhielt.

 

Seine grosse Verehrung für den Maler Edouard Vuillard (1868-1940) macht vieles an seinem Werk verständlicher. Doch der Realismus ist heute kein hoch gehandelter Stil. Was aber bedeutete Realismus für Kreienbühl überhaupt? Bedenkt man neben dem Erlebnis mit der toten Ratte und den Erfahrungen in den Bidonvilles auch seine LSD- Versuche, so kann man seine realistische Malweise als Mittel und Methode verstehen, der Essenz, der tieferen Bedeutung auf die Spur zu kommen. Auf die nihilistische Phase seiner Jugend folgte so später eine Zeit, in der er einen Blick hinter die sichtbare Fassade der Erscheinungen warf und eine andere Einstellung zum Leben gewann.

 

Sein Leben lang beschäftigte sich Kreienbühl auch mit den Naturwissenschaften. Viele Jahre malte er in der 1889 erbauten Galérie de Zoologie im Jardin des Plantes (Muséum national d’Histoire naturelle) in Paris, die 1965 wegen Baufälligkeit für die Öf­ fentlichkeit geschlossen werden musste und 1994 in eine etwas geschniegelte Event- Ausstellungshalle zum Thema Evolution umgewandelt wurde. Er besass einen Schlüssel und konnte sich frei darin bewegen. Die Wissenschafter des Museums gehörten zu seinen engsten Freunden.

 

An diesem historischen Prachtbau interessierte ihn der desolate Zustand. Das Gebäude zerfiel zusehends, die ausgestopften Tiere verkamen. Es war ein Ort des Abbruchs. Die Atmosphäre inspirierte Kreienbühl. Wo er hinkam, traf er eine Welt in Auflösung an, eine Welt des Verschwindens, zum Beispiel in der lange zuvor aufgegebenen Fabrik in Vendeuvre-sur-Barse, in der einmal Heiligenfiguren aus Gips hergestellt worden waren, oder in der Warteck-Brauerei in Basel, wo ihn die Braukessel aus Messing im Sudhaus faszinierten, bevor wenig später die Produktion eingestellt wurde.

 

Jede Lebenslage, in die er sich gestellt sah, erwies sich als Niedergang. Er malte Endstationen und wurde zum Chronisten der Endzeit. Es war wie ein vom Schicksal verfügter Auftrag. Bis zuletzt blieben seine dominierenden Themen – neben Basler Motiven – die Banlieue, die anonymen Vorstadtsiedlungen, die Wohntürme von Nanterre, die mit Krimskrams vollgestopften Interieurs, die Hinterhöfe, die Mülldeponien, die Welt der sozial Deklassierten – die Welt, die an einem äussersten Punkt angekommen ist. Aber in dieser Welt erkannte er auch einen Überlebenswillen und eine versteckte Schönheit, die das Ergebnis einer tiefen menschlichen Verbundenheit ist, wenn erst einmal der Weg dahin durch die tiefsten Tiefen des Lebens geführt hat.

 

Auf einem Bild, das Kreienbühl vor einigen Jahren gemalt hat, ist er selbst zu sehen, auf dem Bettrand sitzend, mit einem erschütternden Blick in die Leere und Einsamkeit. Im Nachhinein erkennen wir, in welchem Mass das Bild als Aussage des Künstlers über sich selbst zu verstehen ist. In einem Heim in Cormeilles-en-Parisis ausserhalb von Paris ist Kreienbühl, der die Schweizer und die französische Staatsbürgerschaft besass, am go. Oktober 2007 gestorben, müde und überwältigt von den Strudeln des Lebens. Aber was für ein dichtes und randvolles Leben ist es gewesen.

 

Der Text erschien ursprünglich in der Basler Zeitung vom 3. November 2007

115 Blick »Was, du bist hetero? Voll krass«

 

Passähnliche Papiere gab es bereits vor tausend Jahren, wobei es eher Reisedokumente für Privilegierte waren oder Gesundheitspässe wie die 1374 in Venedig eingeführten Pestbriefe. Legte ein Schiff im Hafen an, musste der Kapitän ein solches Attest vorweisen. Vorsorglich wurde das Schriftstück unter schwefelhaltigem Rauch «sterilisiert». Fehlte das Dokument, musste die ganze Besatzung in Quarantäne, bevor sie ihre Fracht entladen durfte. Diese Pestbriefe waren in gewissem Sinne die Vorläufer des Reisepasses.

Heutige Personalausweise sind Identitätsnachweise. Sie beinhalten überprüfbare biologische Merkmale. Nicht so in den USA. Seit dem 11. April kann man sich einen Reisepass mit einem X für das dritte Geschlecht ausstellen lassen. Kaum jemand macht davon Gebrauch.

In Deutschland sieht das geplante Selbstbestimmungsgesetz vor, dass das Geschlecht sogar jedes Jahr gewechselt werden darf. Wieso nicht auch das Alter? Es wird kompliziert. Nicht nur bei Vermisstmeldungen und Fahndungsaufrufen.

Es gab schon immer Menschen, die seit Geburt das Gefühl hatten, im falschen Körper zu sein. Das war und ist für die meisten eine sehr grosse seelische Qual, die leider schon manchen in den Suizid getrieben hat.

Neu ist jedoch die plötzliche Zunahme jener, die sich meist in der Pubertät als non-binär definieren und dies mit Stolz vortragen, als hätten sie ge-rade im Alleingang die Olympischen Spiele gewonnen. Doch wen (ausser die Medien) interessiert eigentlich die sexuelle Ausrichtung der andern?

Gemäss einer Studie des US-amerikanischen «Trevor Project» identifizieren sich heute bereits 26 Prozent (Tendenz steigend) der befragten Jugendlichen zwischen 13 und 24 Jahren als non-binär. Weitere 20 Prozent sind noch unentschlossen. Ein britisches Spital nannte einen Zuwachs von 4500 Prozent innert sieben Jahren. An österreichischen Universitäten sollen gemäss Umfrage 75 Prozent queer sein.

Man wird den Verdacht nicht los, dass diese plötzliche massive Zunahme eine reine Modeerscheinung ist. Die mediale Aufmerksamkeit, die eine lautstarke Minderheit gezielt von Aktivisten einfordert, steht in keinem Verhältnis zur Anzahl der Betroffenen (1 bis 1,5 Prozent). Sie setzen das soziale Geschlecht (Gender) über das biologische Geschlecht.

Gefühle ändern, der Zeitgeist sowieso.

 

© Der eigene Tod ist nie das Ende der Zivilisation

»Die (russische) Invasion könnte den Beginn eines dritten Weltkriegs darstellen, den unsere Zivilisation nicht überlebt« orakelte Investorenlegende George Soros, 91, am diesjährigen World Economic Forum in Davos und warnte vor dem Missbrauch digitaler Technologien und der Bedrohung offener Gesellschaften, »unsere Zivilisation droht unterzugehen.« Diverse Medien titelten: »Soros warnt vor Weltuntergang».

Einige (nicht alle!) Hochbetagte glauben, dass die Welt demnächst untergeht. Aber sie sind es, die demnächst untergehen. Sie haben den Glauben an eine Zukunft verloren, weil sie selber keine mehr haben. Das ist durchaus verständlich, wenn man den fortschreitenden Abbau von Gehör, Sehkraft, Motorik und kognitiven Fähigkeiten realisiert und die meisten Illusionen bereits verloren hat. »Das Alter ist nichts für Schwächlinge«, scherzte Woody Allen. Alterspessimismus und -depressionen sind nicht ungewöhnlich, aber auch kein Trost für die Betroffenen. Im Angesicht des nahenden Lebensendes erleichtert man sich den ungewollten Abschied indem man schlechtredet, was man verlieren wird. Es fällt leichter eine Welt zu verlassen, die angeblich dem Untergang geweiht ist. Der Lebensabend verdunkelt manche Wahrnehmung.

Vor rund 71.000 Jahren soll der gewaltige Ausbruch des Vulkans Toba (Sumatra) die Population des Homo Sapiens auf wenige tausend Menschen reduziert haben. Trotz Kriegen, Seuchen und Hungersnöten bevölkerten gemäss UNO zu Beginn unserer Zeitrechnung bereits wieder 310 Millionen den Planeten. Pest, Pocken, Hitze- und Dürreperioden, häufige Missernten und jahrelange Kriege bremsten im Spätmittelalter das Bevölkerungswachstum erneut. Apokalyptiker und Propheten sahen das Ende der Zivilisation. Schliesslich führten Industrialisierung, medizinische Fortschritte und bessere Ernährung im 18. Jahrhundert zu einer regelrechten Bevölkerungsexplosion.

Das Gefahrenpotential ist heute massiv höher und globaler, aber die Zivilisation endet weder in Gibraltar noch an der amerikanisch-mexikanischen Grenze. Das Ende von etwas ist selten das Ende von allem, der Zeitgeist ein Chamäleon.

Nicht nur Hochbetagte verfallen manchmal dem von Soros geäusserten Pessimismus. Aus Primarschulen berichten Lehrerinnen und Lehrer, dass viele ihrer Schüler tatsächlich davon überzeugt sind, dass sie die »letzte Generation« sind, die letzte ihrer Art. Offenbar haben die von den Medien täglich zitierten »Weltuntergangsexperten« bei Teenagern mehr Schaden angerichtet als vermutet. Dass »Friday-for-future« mehrheitlich die eigene Klientel in Panik versetzt hat, ist nicht erstaunlich, können Jugendliche doch aufgrund der wenigen Lebensjahre, die sie bewusst erlebt haben, Gefahren der Gegenwart gar nicht richtig einschätzen.

Wer 1972 als Teenager eine Buchhandlung betrat, stockte der Atem. Auf allen Tischen türmte sich der Bestseller «Die Grenzen des Wachstums». Wann haben Sie zuletzt getankt? Wer damals 16 war, ist heute 66, und falls er ab 1981 das Hamburger Magazin «Der Spiegel» gelesen und aufbewahrt hat, findet er heute in seiner Sammlung 38 Cover-Stories, die mehr oder weniger das Ende der Welt voraussagen:  «Wer rettet die Erde?» (1989), «Vor uns die Sintflut» (1995), «Achtung, Weltuntergang» (2006), um nur einige zu nennen.

Alles, was man zum ersten Mal erlebt, prägt sich ein wie ein Brandzeichen, egal, ob es das Sterben eines geliebten Menschen ist, der erste Sex oder die erste Reise in einen bisher unbekannten Kulturkreis. Das gilt auch für die erste Schocknachricht. Erwachsene hingegen reagieren mit der Zeit wie die Dorfbewohner in der antiken Fabel »Der Hirtenjunge und der Wolf«. Für den angekündigten Affenvirus haben deshalb viele nur noch ein müdes Lächeln übrig.

Um sich ein Bild von der Zukunft zu machen, sind Puzzleteile aus Gegenwart und Historie nicht ausreichend. 1899 behauptete Charles H. Duell, der Leiter des US-Patentamtes, »Alles, was erfunden werden kann, wurde bereits erfunden«. Fliegende Autos waren Phantasieprodukte von Science-Fiction Autoren, aber zum Telefonieren suchten die Flügeltaxis immer noch die nächste Telefonzelle auf. Wer hätte gedacht, dass wir eines Tages per Videoschaltung mit den Verwandten in Australien telefonieren?  Werden wir einen Planeten B und zahlreiche weitere feste Himmelskörper bewohnen?

Wie auch immer: In etwa 5 bis 7 Milliarden Jahren geht die Welt trotzdem unter. Wir werden Temperaturen um die 1000 Grad haben. Aber bis dann werden wir gelebt haben.

114 Blick »Science-Fiction im Schuhgeschäft«

Es war ein merkwürdig futuristisch anmutendes Röntgengerät, das der Arzt Jacob Lowe 1920 an der Bostoner Schuhmesse vorstellte. Er nannte es «Pedoskop». Mit diesem «Schuhdurchleuchtungsapparat» konnte die exakte Schuhgrösse ermittelt werden.

Bei Kindern war der jährliche Gang in den Schuhladen fortan so beliebt wie ein Ausflug an die Herbstmesse.

Man schob den Fuss in das Gerät und wackelte mit den Zehen wie die lustigen Skelette auf der Geisterbahn. Das Pedoskop war mit drei Sichtfenstern ausgestattet, sodass Mutter, Verkäuferin und Kind gleichzeitig und in Echtzeit die Passform des Schuhs überprüfen konnten. Sie setzten sich dabei der 20-fachen Strahlenbelastung heutiger Thorax-Aufnahmen aus.

Die Schweizer Schuhfirma Bally sicherte sich die nationale Allein-Vertretung und bewarb die «Pedoskop-Röntgen-Chaussierung» als Dienst am Kunden. Jeder «tüchtige und vorwärtsstrebende» Schuhladen sollte sich das Gerät, das eigentlich niemand brauchte, anschaffen. Den Müttern redete man ins Gewissen: Schlechtes Schuhwerk kann bei Heranwachsenden schlimme Schäden verursachen.

Die Zeit war günstig für solche Innovationen: Der Erste Weltkrieg war vorbei, die letzten Haushalte elektrifiziert, und man wähnte sich in einem neuen Jahrhundert der grenzenlosen Technisierung. Mit Beginn der Depression der 1930er-Jahre gebar die Armut ein weiteres Argument: Mit passgenauen Schuhen spart man Geld, weil diese länger halten.

Obwohl die Detroiter Gewerbeaufsicht 1948 in einer Studie nachwies, dass das Verkaufspersonal einer gesundheitsschädigenden Strahlung ausgesetzt ist, blieben die Geräte bis in die 1960er-Jahre in Betrieb. Stets fanden sich genügend «Experten», die alle Warnungen in den Wind schlugen.

Während Mutter und Kind vielleicht einmal im Jahr einer zweiminütigen Strahlung ausgesetzt waren, bediente das Verkaufspersonal die Geräte mehrmals pro Tag und zwar das ganze Jahr über. Der Werbeslogan «Ihre Füsse haben Sie lebenslänglich» galt leider nicht für alle. Eine Verkäuferin wurde derart verstrahlt, dass man ihr Gliedmassen amputieren musste. In der Schweiz wurde erst 1989 dem letzten Pedoskop der Stecker gezogen. Einundvierzig Jahre nach der Bostoner Studie.

Weltwoche. Die Frau im Rollstuhl, die den Teddybär erfand

Im Alter von eineinhalb Jahren erkrankte Margarete Steiff an Kinderlähmung. Doch mit ihrem ungebrochenen Optimismus schuf sie einen Weltkonzern.


Claude Cueni

Europa im März 1843. Astronomen beobachten am Himmel die ungewöhnlichste Kometenerscheinung der Geschichte. Den Schweif schätzen sie auf eine Länge von 300 Kilometern. Prediger erkennen darin ein göttliches Zeichen und künden (einmal mehr) das Ende der Welt an.

Doch es kam schlimmer. Genau zwei Jahre später sank das Thermometer auf minus 22 Grad. Auf den Feldern faulte die Saat, die Kartoffelernte blieb aus, die Getreidepreise schossen in die Höhe, Hungersnöte führten zu Aufständen und Millionen Toten. Die folgenden Jahre markierten die letzten grossen Hungersnöte der vorindustriellen Zeit. Grosse Teile der Bevölkerung verarmten, ernährten sich von Unkraut und Viehfutter.

Auch in der ehemaligen freien Reichsstadt Giengen im Osten Baden-Württembergs herrschte das Elend. Man schrieb das Jahr 1847, als Maria Steiff ihre dritte Tochter Margarete zur Welt brachte. Maria war bereits einmal verheiratet. Baumeister Johann Wurz, ihr erster Ehemann, war während der Arbeit tödlich verunglückt. Und auch ihre beiden Söhne starben.

Nach den damaligen Regeln der Zünfte musste die Witwe die Werkstatt abgeben. Nur durch eine weitere Heirat konnte sie diese Enteignung verhindern. In grösster Not heiratete Maria den ersten Gesellen ihres verstorbenen Mannes Friedrich Steiff. In der damaligen Zeit waren Eheschliessungen eher pragmatische Entscheidungen, private Joint Ventures. Man verbündete sich gemeinsam gegen die Widrigkeiten des Schicksals. Manchmal entstand im Laufe der Zeit Liebe, manchmal nicht.

Das Schicksal meinte es nicht gut mit Maria Steiff, es war hart und gnadenlos. Maria verlor die Freude am Leben, ihre fünf Kinder sagten später, sie sei oft schlecht gelaunt gewesen, man habe sie nie lachen sehen. Maria forderte viel von ihren Kindern, sie mussten arbeiten, fleissig sein und bei der Versorgung der Familie mithelfen. Ihre Tochter Margarete war dazu nicht imstande. Im Alter von eineinhalb Jahren erkrankte sie an Kinderlähmung und war fortan auf fremde Hilfe angewiesen, von frühmorgens bis spätabends.

Doktor mit Bärenfellmantel

Als die kleine Margarete den Grosseltern zur Pflege übergeben wird, blüht sie förmlich auf. Die Kinder der Nachbarschaft fahren sie in einem Leiterwagen durch die Gassen. Sie erfindet für sie Spiele, erzählt die Geschichten, die ihr die Grossmutter abends erzählt. Spielzeuge besitzen nur Kinder reicher Eltern. Dort, wo Margarete lebt, spielt man mit dem, was die Natur hergibt: Steine, Äste, Knöpfe und Fantasie.

Ihre Eltern geben die Hoffnung nicht auf, dass sie eines Tages laufen kann. Immer wieder bringen sie ihre Tochter zu neuen Ärzten. 1856 wird die Neunjährige von einem Dr. Werner in Ludwigsburg untersucht. Er leitet eine von ihm gegründete Nervenheilanstalt und lässt den Kindern viele Freiheiten. Er trägt einen Mantel mit einem Futter aus Bärenfell. Manchmal trägt er ihn verkehrt herum, dann sieht er aus wie ein Bär, und die Kinder dürfen auf seinem Rücken reiten.

Margarete lebt in einem Haushalt voller Bücher. Sie begeistert sich für Zoologie, lernt Englisch und entwickelt sich zu einem selbstbewussten und unternehmungslustigen Teenager, der es versteht, mit seiner eingeschränkten Mobilität umzugehen. Nach dem Ende der Schulzeit kehrt Margarete zu ihren leiblichen Eltern zurück.

Ihre Schwestern werden allesamt Dienstmädchen, sie arbeiten hart und ernten wenig Anerkennung. Nur eine Heirat kann sie erlösen. Bei ihrer Patentante Appolonia lernt Margarete das Nähen. Ihr Hunger nach neuem Wissen ist kaum zu stillen, ihr Leistungswille ungebrochen. Mit neunzehn näht sie die Aussteuer ihrer Schwestern. Sie selbst wird nie heiraten. Eine Ehefrau, die nicht kochen, putzen, waschen und auf die Kinder aufpassen kann, ist für junge Männer ohne Wert.

Wenn Gleichaltrige abends tanzen gehen, um Bekanntschaften zu machen, arbeitet Margarete in ihrer neueröffneten Damenschneiderei. Sie will Geld verdienen, für sich und die Familie, so viel Geld wie nur möglich, denn ohne Geld lebt man im Elend. 1868 kauft sie mit ihren beiden Schwestern eine Nähmaschine. Ein Traum geht in Erfüllung. Ihre neue Maschine schafft 300 Stiche in der Minute, eine Näherin 50. Jetzt können sie zu Hause preiswerte Kleider herstellen. Margarete hat ein ausgesprochenes Flair für Mode, sie selbst trägt jedoch nur noch Schwarz. Sie wird dies ihr Leben lang tun.

1873 gewinnt der Berliner Joseph Priesner an der Wiener Weltausstellung die Goldmedaille für seine revolutionäre Pelznähmaschine. Die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts ist die Epoche der Beschleunigung und der bahnbrechenden Erfindungen wie Grammofon, Dynamit, Telefon, Glühbirne und Repetiergewehr. In New York wird Bartholdis Freiheitsstatue eingeweiht, die Goldgräber in Klondike telegrafieren nach Hause, es entstehen die ersten grossen Industriedynastien.

Margarete schneidert nun Kleider auf Vorrat, das ist neu in jener Zeit. Bisher wurde nur genäht, wenn eine Bestellung vorlag, «on demand». Das Geschäft läuft so gut, dass Margarete Näherinnen einstellen kann. Sie ist eine begnadete Networkerin, charismatisch und von ansteckendem Optimismus. Sie entwickelt sich zur erfolgreichen und allseits geachteten Unternehmerin. Nun hat sie endlich Geld und will die Welt sehen, sie besucht Verwandte in anderen Städten und immer wieder zoologische Gärten. Für die Kinder der Umgebung näht sie kleine Elefanten aus Filz und stopft diese mit Wolle aus. Sie liebt Kinder über alles. Eigene wird sie nie haben.

Ihr Geschäft nimmt immer grössere Formen an. In ihrem Produktekatalog finden sich nun auch Affen, Kamele und andere Tiere. Einige montiert sie auf Gestellen. Sie haben Räder wie ihr Rollstuhl und bewegen Arme und Beine, wie sie es nie vermochte. 1888 verkauft sie bereits mehrere tausend Filztiere. Die Firma platzt aus allen Nähten. Ihr Vater finanziert ihr eine Filz-Spielwaren-Fabrik. Im oberen Stock richtet er Margarete eine rollstuhlgängige Wohnung mit Zugangsrampe ein.

Der Katalog von 1892 zeigt neue Stoffe wie Samt und Wolle. Doch mittlerweile dominieren die Filztiere. Margarete verkauft bereits tausend Exemplare pro Woche. Ihre Schwester Pauline wird Witwe und tritt in die «Margarete Steiff Filzspielwarenfabrik, Giengen/Brenz» ein. Die Ausstellung an der Leipziger Spielwarenmesse 1894 bedeutet für die 47-jährige Gründerin den internationalen Durchbruch. Ihre Geschwister, Schwäger, Enkel und Nichten arbeiten nun allesamt für ihr rasch expandierendes Unternehmen.

Es ist ihr zeichnerisch begabter Neffe Richard Steiff, der die Aufgabe übernimmt, neue Tiere zu entwerfen, sein Bruder ist für die Qualitätssicherung verantwortlich, ein weiterer Bruder kauft die Stoffe ein. Sie sind die Ersten in Giengen, die sich ein Auto leisten können. Die Firma platzt erneut aus allen Nähten.

Wahrscheinlich inspiriert vom Eisenmagier Gustave Eiffel, der für den Pariser Malletier Louis Vuitton das Eisengerüst für das erste Ladengeschäft an der 4, rue Neuve des Capucines erstellt hat, designt Richard Steiff ein lichtdurchflutetes Gebäude aus Glas und Stahl, die dazumal modernste Fabrik Deutschlands. Margaretes Neffen bauen ihrer bewunderten Tante ein Motorrad mit Seitenwagen. Gemeinsam rasen sie über die staubigen Strassen. Margarete liebt den Geschwindigkeitsrausch. Sie kauft den Mädchen der Grossfamilie Fahrräder, obwohl radelnde Frauen damals verpönt sind.

Spielzeug für Roosevelts Tochter

Das Jahr 1907 geht als «Bärenjahr» in die Firmengeschichte ein, Margarete beschäftigt bereits über 2000 Mitarbeiterinnen und Arbeiter und verkauft jährlich rund 400 000 Plüschbären, die meisten in die USA. Das mag auch der Grund sein, wieso Amerika eine eigene Entstehungsgeschichte erzählt. Die geht so: Der Sekretär von US-Präsident «Teddy» Theodore Roosevelt entdeckt in einem Schaufenster einen Plüschbären unbekannten Ursprungs. Da sein Chef ein passionierter Bärenjäger ist, kauft er das Spielzeug für Roosevelts Tochter. Sie nennt ihn «Teddy», das ist der Kosename, den die engsten Freunde des Präsidenten benützten in Anspielung auf sein Faible für die Bärenjagd. Der 9. September wird seitdem in den USA als Teddy Bear Day gefeiert.

Welche Story ist wahr, welche nicht? Es ist nicht ungewöhnlich, dass zwei Menschen auf zwei verschiedenen Kontinenten unabhängig voneinander zur gleichen Zeit etwa die gleiche Idee haben. Der Zeitgeist gebiert ähnliche Ideen. Entscheidend sind stets Wille und Ausdauer.

Als Margarete Steiff 1909 62-jährig an einer Lungenentzündung stirbt, ergeht es ihr wie vielen Berühmtheiten nach dem Tod. Sie wird mehr geehrt als zu Lebzeiten, als sei der Tod eine ganz besondere Leistung. Ausgerechnet einer der ersten neuen Intercity-Express-Züge (ICE 4), die mit einer Geschwindigkeit von bis zu 250 Kilometern von Hamburg-Altona über Basel, Zürich nach Chur fahren, wird 2017 nach der schwarz gekleideten Frau im Rollstuhl benannt.

Die Geschichte von Margarete Steiff ist nicht nur die Geschichte einer aussergewöhnlichen Frau, sondern auch ein Mutmacher für all jene, die mit einem Handicap ins Leben starten: Never give up.

© NZZ vom 14. Juni 22 / Kindsmissbrauch in der katholischen Kirche

Systematisches Leitungsversagen: Im Bistum Münster gabes flächendeckend Missbrauch und Vertuschung

Auch in der katholischen Diözese Münster wurden Sexualstraftaten durch Kleriker lange Zeit verharmlost. Eine Studie belastet vor allem die ehemaligen Bischöfe Joseph Höffner und Reinhard Lettmann.

Nach den Bistümern Köln und München-Freising liegt nun auch für die katholische Diözese Münster eine umfangreiche Studie zum sexuellen Missbrauch durch Kleriker vor. Anders als bei den beiden anderen Bistümernhaben jedoch keine Juristen, sondern Soziologen und Historiker den Zeitraum von 1945 bis 2020 untersucht. Die Ergebnisse freilich sind ähnlich: Vor allem in den 1950er und 1960er Jahren gab es «nahezu flächendeckendenMissbrauch» und systematisches «Leitungsversagen». Lange brachten die verantwortlichen Generalvikare, Weihbischöfe und Bischöfe den «Priestertätern» mehr Verständnis entgegen als den Opfern.

Auch Serientäter wurden nicht bestraft

Insgesamt ermittelte die an diesem Montag vorgestellte Studie der Westfälischen Wilhelms-Universität 196 beschuldigte Kleriker, darunter 183 Priester, und etwa 610 Betroffene im minderjährigen Alter, die in geschätzten 5700 Fällen sexuell missbraucht wurden. Mindestens 43-Mal wurde starke körperliche Gewalt angewandt. In rund drei Vierteln der Fälle waren Täter wie Opfer männlichen Geschlechts.

Neben Einzel- gab es Serientäter wie etwa den 1964 zum Priester geweihten, bereits 1968 auf Bewährung verurteilten pädophil veranlagten Heinz Pottbäcker. Er wurde dennoch weiterhin in der Seelsorge eingesetzt, wo er sich abermals an Jungen verging. Ihm wurden laut dem wissenschaftlichen Mitarbeiter Bernhard Frings «immer wieder Kinder zugeführt». Damals war Joseph Höffner Bischof von Münster, der spätere Kölner Kardinal und langjährige Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz.

Auch andere verurteilte Täter wurden an neue Dienstorte versetzt und nicht dauerhaft vom Dienst suspendiert. Ein Priester, der sich in mindestens 20 Fällen des sexuellen Missbrauchs schuldig gemacht hatte, durfte in Argentinien weiter mit Kindern und Jugendlichen arbeiten. Höffner hat als Teilnehmer am Zweiten Vatikanischen Konzil in Rom einem bischöflichen Mitbruder 1962 einen Priester zur Weiterverwendung empfohlen, um dessen Missbrauchstaten er wusste – berichtete nun der Historiker David Rüschenschmidt. Damals und auch in den Folgejahren galt gegenüber der Öffentlichkeit, aber auch im internen Umgang oft das Motto, man wolle lieber keine «schmutzige Wäsche waschen». Zuweilen wurden die Verbrechen «zur gottgefälligen Tat umgedeutet», so die Soziologin Natalie Powroznik.

Eine hinkende Trennung

Keineswegs der Wahrheit entspricht somit die Aussage des von 1980 bis 2008 das Bistum leitenden Bischofs Reinhard Lettmann, es habe sich nur um Einzelfälle gehandelt. Studienleiter Thomas Grossbölting legt Wert auf die Feststellung, dass 95 Prozent der Priester keine Beschuldigten seien und man die Frage, ob die katholische Kirche ein «Hotspot des Missbrauchs» sei, nicht beantworten könne. Dazu fehle es an vergleichbaren Daten. Wohl aber gebe esein «spezifisch katholisches Gepräge des Verbrechens». Die «Pastoralmacht des Priesters» habe die unheilvolle Mischung aus Scham, Schweigen undBigotterie erst ermöglicht. Rund 90 Prozent der Beschuldigten erfuhren keine strafrechtlichen Konsequenzen. Grossbölting sieht darin einen Beleg für die «hinkende Trennung von Staat und Kirche».

Die Studie, vom Bistum Münster veranlasst und mit etwa 1,3 Millionen Euro finanziert, betrachtet nur das Hellfeld, also die aktenkundig gewordenen Fälle sexuellen Missbrauchs. Ausserdem führten die Wissenschafter Interviews mit über 60 Betroffenen. Das Bistum kooperierte und stellte alle Materialien zur Verfügung.

Generell, berichten die Autoren der Studie, hätten sich die «desaströsen Zustände» seit den 2010er Jahren gebessert. Heute betrachteten esGeneralvikare nicht mehr wie in der unmittelbaren Nachkriegszeit als ihre Aufgabe, die Strafverfolgung zu vereiteln. Doch auch der seit 2009 regierende Bischof Felix Genn habe zu Beginn seiner Amtszeit nicht immer mit der kirchenrechtlich gebotenen Strenge gehandelt. Als Seelsorger, die zugleich Vorgesetzte sind, blieben Bischöfe in einem heiklen Spagat.

113 Blick »Blaues Blut und weisse Engel«

Wenn du dir dann das Gesicht einreibst mit der obigen Mischung, wird es glänzend, dass selbst heller dein Spiegel nicht strahlt», dichtete der römische Schriftsteller Publius Ovidius Naso (43 v. Chr.–17 n. Chr.) vor zweitausend Jahren und gab jungen Frauen Ratschläge, wie sie ihre Haut aufhellen können.

Helle Haut war bis zu Beginn des 20. Jahrhunderts erstrebenswert, denn vornehme Blässe signalisierte, dass man nicht draussen auf den Feldern der sengenden Sonne ausgesetzt war. Da die Blutadern hellhäutiger Menschen oft bläulich wirken, assoziierte man bereits im Mittelalter «blaues Blut» mit adliger Abstammung.

Wer dem damaligen Schönheitsideal genügen wollte, musste ein bisschen leiden. Man trug ein hochgiftiges Essig-Bleiweiss-Gemisch auf die Gesichtshaut auf. Die englische Königin Elisabeth I. (1533– 1603) benutzte dieses antike Make-up, um ihre Pockennarben zu bedecken, und erhielt darauf den Beinamen «Elfenbein-Regentin». Sie war not amused und löste das Problem, wie wir das heute aus der Politik kennen: Sie liess alle Spiegel im Palast abhängen.

Mit der beginnenden Industrialisierung wurde die Luft in den Städten von giftigem Schwefeldioxid und Rauchgas belastet. Man verbrannte enorme Mengen Kohle. An gewissen Tagen konnte man kaum noch atmen. Die Gutsituierten flohen aufs Land, an die frische Luft, und Sonnenbräune wurde nun mit Gesundheit und Reichtum assoziiert.

Heute bedeutet im Westen gebräunte Haut, dass man sich Ferien in tropischen Ländern leisten kann oder wenigstens ein Abo im Solarium. Während man wie «panierte Schnitzel» (so der Basler Kolumnist-minu) an Asiens Stränden liegt, gilt dort weiterhin das Schönheitsideal der alten Shang-Dynastie (1600–1046 v. Chr.). In fast allen Sonnencremen finden sich Substanzen zur Aufhellung der Haut. Nachgeholfen wird mit Pillen und Injektionen. «White Superfresh» behauptet, dass man sich «nicht frisch fühlt, wenn man nicht weiss aussieht». Oceanlab verspricht in TV-Spots, dass es ein Traum sei, «ein weisser Engel zu sein», in indischen Heiratsanzeigen werden gezielt Frauen mit heller Haut gesucht.

Porzellanweiss oder sonnengebräunt? Attraktiver ist wahrscheinlich ein freundliches Lächeln, Empathie, eine Prise Humor und Selbstironie.


Claude Cueni ist Schriftsteller und lebt in Basel.  Im August erscheint sein Thriller «Dirty Talking» in der Edition Königstuhl.


 

Miss Chiquitas Abenteuer

Die Weltwoche – 09. Juni 2022


Miss Chiquitas Abenteuer

Wie verwegene Geschäftsleute die Banane aus dem Malaria- und Korruptions-Dschungel Zentralamerikas in die Luxusmärkte der Ersten Welt brachten.


Kaum zu glauben, dass Minor Cooper Keith (1848–1929) am Ende des 19. Jahrhunderts die Weichen für einen der ersten Weltkonzerne legte. Denn zuerst hatte er kein Glück, und dann kam noch Pech dazu. Sein Onkel Henry Meiggs hatte ihn 1871 nach Costa Rica gerufen, nachdem er mit dem costa-ricanischen Präsidenten Tomás Guardia Gutiérrez einen Vertrag über den Bau einer Eisenbahnstrecke unterzeichnet hatte. Sie sollte die Hauptstadt San José mit dem karibischen Hafen von Limón verbinden. Minor Cooper Keith war 23 und abenteuerlustig. Er lernte schnell.

Plantagen, so weit das Auge reichte

Das war auch nötig, denn bereits sechs Jahre später starb sein Onkel Henry, und er wurde sein Nachfolger. Keithy erbte einen Haufen ungelöster Probleme, denn sein Onkel war offenbar ein betrügerischer Finanzjongleur, der noch hundert Jahre nach seinem Tod die Gerichte beschäftigte. Keith erbte aber auch grosse Bananenplantagen, die Onkel Henry entlang der Eisenbahn angelegt hatte, um die Lebensmittelversorgung der Arbeiter zu sichern und Lieferkosten zu sparen. Doch es folgte eine Pechsträhne. Die Regierung hielt ihre Zahlungsversprechen nicht ein, Regenfälle, dichter Dschungel und Malaria bedrohten das Projekt. Über 4000 Menschen erlagen dem Sumpffieber, darunter drei von Keiths Brüdern.

Trotz aller Widrigkeiten erreichte Keith schliesslich den Hafen von Limón. Die Freude währte nur kurz. Die Passagiere blieben aus, und Keith blieb auf einem enormen Schuldenberg sitzen. Er hatte nichts mehr. Ausser Bananen. Die Regierung von Präsident Próspero Fernández Oreamuno konnte die vereinbarten Ratenzahlungen nicht zahlen und beglich ihre Schulden mit der Überschreibung von 324 000 Hektaren Land, was fast der doppelten Fläche des Kantons Zürich entspricht.

Jetzt hatte Keith noch mehr Anbauflächen, aber kaum noch Arbeiter, denn die Costa-Ricaner verweigerten den gefährlichen Job im Malariagebiet. Er fand neue Arbeitskräfte in Jamaika. Einer der Schiffskapitäne, die zwischen den Kaimaninseln Passagiere und Waren beförderten, war der Abenteurer Lorenzo Dow Baker, der bereits 1870 160 Bananenbündel aus Mittelamerika nach Hause gebracht hatte. Baker und Keith verstanden sich sogleich, hatten viele Ideen, Bananenplantagen, so weit das Auge reichte, aber sie brauchten Geld – Geld, das sie nicht hatten. Das änderte sich 1885, als sie den berühmten amerikanischen Geschäftsmann Andrew W. Preston als Investor gewannen. Zu dritt gründeten sie vierzehn Jahre später, mit acht Partnerunternehmen, die United Fruit Company (UFC), die sie 1903 an die Börse brachten.

Von nun an beförderte Keith auf seinem Schienennetz keine Passagiere, sondern Bananen. Die Gesellschaft errichtete in Costa Rica rasch die Infrastruktur, die sie für die Expansion ihres Geschäftes brauchten, und bald gehörten ihnen Bahnstrecken, ein Schiffshafen, Telefon- und Radiostationen und eine riesige Flotte von Frachtschiffen mit eingebauten Kühlkammern. Doch Costa Rica war der UFC noch lange nicht genug. Sie breitete sich in ganz Mittelamerika aus und erhielt bald einmal den Namen «el pulpo», die Krake.

Als am 12. November 1928 die Arbeiter auf den kolumbianischen Plantagen wegen mieser Arbeitsbedingungen streikten, verweigerte die UFC Verhandlungen mit den Anführern. Nach erfolglosen Verhandlungen mit der Regierung meldeten die UFC und amerikanische Beamte vor Ort dem US-Aussenminister Frank B. Kellogg «einen kommunistischen Aufstand» und drängten die Regierung, amerikanische Interessen zu schützen. Darauf drohten die USA mit einer Invasion des United States Marine Corps.

Die konservative Regierung von Miguel Abadía Méndez beauftragte General Cortés Vargas, Oberbefehlshaber der Bananenregion, die Situation mit einem auswärtigen Armeeregiment zu klären. An einem Sonntag warteten die gläubigen Bauern nach der Sonntagsmesse dichtgedrängt vor der Kirche auf eine klärende Ansprache des Gouverneurs. Auf den umliegenden Dächern waren 300 Soldaten mit Maschinengewehren in Stellung, sie schossen in die Menge und töteten (je nach Quelle) tausend bis dreitausend Menschen, darunter viele Frauen und Kinder. Das Massaker (Masacre de las bananeras) prägte den Begriff «Bananenrepublik».

Nach dem Zweiten Weltkrieg stieg in den USA die Nachfrage nach Bananen, die als gesund galten, und die UFC bewarb mit einem Millionenbudget eine fröhliche Südamerikanerin mit einem Körper in Bananenform. Kein Geringerer als Dik Browne, der Vater von «Hägar dem Schrecklichen», hatte diese «Miss Chiquita» erschaffen, eine singende Markenbotschafterin mit Sex-Appeal und einem Früchtekorb auf dem Kopf. Für die UFC schien alles bestens zu laufen, bis 1951 Jacobo Árbenz Guzmán, Sohn eines Schweizer Immigranten aus Andelfingen und einer Mestizin, mit einem Stimmenanteil von 65 Prozent zum neuen Präsidenten von Guatemala gewählt wurde. Mit einer Landreform wollte Guzmán ungenutztes Land zum Steuerwert erwerben und umverteilen. Darunter auch die brachliegenden Ländereien der United Fruit Company.

Jagd auf Kommunisten

Diese bat die amerikanische Anwaltskanzlei der Gebrüder Dulles, bei Präsident Eisenhower vorstellig zu werden. John Foster Dulles war damals Aussenminister, der Bruder Allen Welsh Dulles Chef der CIA. Das Klima war nicht ungünstig, denn in den USA hatte der Senator Joseph McCarthy mit seinen Tribunalen die Jagd auf echte oder vermeintliche Kommunisten eröffnet. Die UFC erkannte, dass sie ihre verlorenen Ländereien nur zurückerhalten konnte, wenn sie Regierung und Öffentlichkeit davon überzeugen konnte, dass die Sowjetunion im Begriff war, in Guatemala einen Brückenkopf einzurichten.

Die UFC brauchte einen Profi, um Präsident Guzmán und seine Regierung in Verruf zu bringen. Der Job war wie gemacht für Edward Louis Bernays (1891–1995), Neffe von Sigmund Freud, dem Begründer der Psychoanalyse. Bernays galt als Meister der Propaganda und Vordenker der Public Relation. Gemeinsam mit den Dulles-Brüdern entwarf er die Operation PBSuccess, die von Präsident Eisenhower ausdrücklich begrüsst wurde. Auf Kosten der UFC lud man amerikanische Journalisten nach Guatemala ein. Dort präsentierte man ihnen gescriptete Interviewpartner und verstümmelte Leichen (von Unfallopfern), die angeblich vom Regime zu Tode gefoltert worden waren.

Da Bernays mit Arthur Hays Sulzberger (1891–1968), dem Herausgeber der New York Times, befreundet war, wurde die Öffentlichkeit täglich informiert beziehungsweise desinformiert und mit Fake News verängstigt. Angeblich würde sich der Kommunismus von Guatemala aus wie ein Krebsgeschwür über ganz Mittelamerika verbreiten, Amerika war in Gefahr, die Banane war es auch. Plötzlich hörten alle Medien das sowjetische Bellen vor der Haustür. Zahlreiche Radiostationen, die Bernays kurzfristig im Guatemala eingerichtet hatte, berichteten ununterbrochen von einer fiktiven Rebellenarmee, die unaufhaltsam vorrückte. Im Hintergrund hörte man eingespielte Raketeneinschläge und Maschinengewehre. Vor der Küste tauchten US-Kriegsschiffe auf. Irritiert distanzierte sich das guatemaltekische Militär von der Regierung, Guzmán wurde gestürzt. Er floh mit seiner Familie vorübergehend in die Schweiz und ertrank später in Mexico City in seiner Badewanne. Sein Nachfolger war Diktator Carlos Enrique Díaz de León. Er gab dem Bananenkonzern seine Ländereien zurück.

In den folgenden Jahrzehnten geriet die gesamte Branche immer wieder in Verruf wegen Preisabsprachen, Bestechungen, Kinderarbeit, Raubbau an der Natur und Pestizideinsatz.

In den 1990er Jahren waren in Kolumbien Entführungen und Morde an der Tagesordnung. Um die Sicherheit der Angestellten zu gewährleisten, bezahlten die Konzerne Schutzgelder an paramilitärische Terroreinheiten, zuerst an die linke Farc, später an die rechten AUC. Die USA, die selber jahrelang in Waffenlieferungen (Contra-Krieg) involviert waren, erliessen 2001 ein Anti-Terror-Gesetz, das Zahlungen von US-Unternehmen an ausländische Terrororganisationen unter Strafe stellte. Die UFC stellte sich den US-Untersuchungsbehörden. Mit einer Strafzahlung von 25 Millionen Dollar war die Sache vom Tisch.

Seitdem segelt der Weltkonzern unter einer neuen Generation von CEOs und wechselnden Besitzern in ruhigeren Gewässern. Oscar Grillo, der Schöpfer des «rosaroten Panthers», machte aus der Bananenfrau eine menschliche Miss Chiquita. Sie verkauft heute Kochbücher, Merchandising-Artikel, sponsert Sportanlässe und tritt in Filmen und TV-Shows auf. Trotz gelegentlicher Vorwürfe wegen «Rassierung und Sexualisierung» wurde Miss Chiquita grösser als die Firma, und so war es nur folgerichtig, dass sich die United Fruit Company in Chiquita Brands International umbenannte und schliesslich die Voraussetzungen erfüllte, um von der Umweltschutzorganisation Rainforest Alliance zertifiziert zu werden.

Lukrativste Exportgüter

Heute gehört der weltgrösste Bananenproduzent mit seinen 20 000 Angestellten zum internationalen Netzwerk der brasilianischen Investmentfirma J. Safra Sarasin Group (die auch die damalige Schweizer Bank Sarasin übernahm) und des brasilianischen Saftherstellers Cutrale. Sie nahmen nach dem Kauf Chiquita von der Börse, Plantagen betreiben sie vorwiegend in Costa Rica, Guatemala, Honduras, Panama und Kolumbien. Da in diesen Ländern Bananen zu den lukrativsten Exportgütern gehören, ist das Wohlwollen der Regierungen garantiert.

Die grösste Gefahr für Miss Chiquita ist heute ein Tropical Race 4 (TR4) genanntes Virus, das die Gefässe der Pflanzen verstopft und ganze Plantagen vernichtet. Gegen TR4 gibt es bisher kein Mittel. Inzwischen lässt sich aber mit Genom-Editierung das Erbgut gezielt verändern. An der Queensland University of Technology tüfteln Forscher an einer Miss Chiquita aus dem Reagenzglas. So, wie wir heute Retortenbabys akzeptieren, werden wir uns eines Tages auch an die Babys von Miss Chiquita gewöhnen.

112 Blick »Elon Musk macht den Noah«

Elon Musk macht den Noah

Als der liebe Gott erkannte, welch grässliche Kreaturen er da geschaffen hatte, platzte ihm der Kragen und er beschloss, sein Werk in einer Sintflut zu ersäufen. Wieso seinem «Great Reset» auch alle Tiere zum Opfer fallen sollten, ist nicht schlüssig, aber so will es nun mal die mythologische Erzählung der Sintflut. Gott übergab seinem letzten Fan eine Skizze für den Bau einer Arche. Sie entsprach leider nicht ganz dem Niveau heutiger Ikea-Anleitungen. Biblische Fake News?

Es gab tatsächlich eine grosse Sintflut, aber sie fand bereits vor rund 12 000 Jahren statt, in einer Zeit, als unsere Vorfahren noch die göttliche Sonne anbeteten. Die Gletscher, die bis anhin gewaltige Wassermassen in ihren Eisschilden gebunden hatten, tauten am Ende der letzten Kaltzeit auf. Die Folgen waren katastrophale Überflutungen, die sich über den Planeten ergossen. Der Meeresspiegel stieg um rund 120 Meter, das Schmelzwasser trennte Europa von Afrika, Japan und Australien wurden zu Inseln. (Zum Vergleich: Die Freiheitsstatue ist mit Sockel 93 Meter hoch.)

Elon Musk lässt nun auf Twitter verlauten, dass eine «hundertprozentige Chance» bestehe, dass die Menschheit ausgelöscht werde. Musk sieht überall Gefahren: Killerviren, Asteroideinschläge, Atomkriege, zunehmende Sonnenaktivität, Änderungen im Magnetfeld der Erde, die obligate Sintflut und natürlich Twitter.

Eine Flucht in höher gelegene Regionen könnte hilfreich sein, aber auf Bergspitzen herrscht Dichtestress. Wir sind mittlerweile acht Milliarden.

Elon Musks multiplanetäre Lösung sieht einen Neustart auf dem Mars vor mit einer Kolonialbevölkerung von rund 100 000 Menschen. Diese Auserwählten, die bereits die Erde zugrunde gerichtet haben, kriegten eine zweite Chance. Der Mars hätte in der Tat Vorteile, zumal dort (noch) kein Global Warming stattfindet. Dafür kosmische Strahlung.

Falls Sie eines Tages ein Taxi zum roten Planeten buchen, sollten Sie warme Socken einpacken. Denn laut Nasa liegt die mittlere Temperatur auf dem Mars bei etwa –63 °C (Erde: +14 °C). Aber auch dafür wird es eine Lösung geben, denn «alles, was ein Mensch sich heute vorstellen kann, werden andere Menschen einst verwirklichen» (Jules Verne).

001 Blick »Mit Bitcoins Geld verdienen«

In meiner ersten von mittlerweile 111 Blickkolumnen beschrieb ich im Januar 2018, wieso Bitcoins nicht das »neue Gold«, sondern ein »Schwarz Peter Spiel« sind. Selbstverständlich kann man auch mit etwas Glück beim Kartenspiel reich werden. 

Mittlerweile habe ich mit Bitcoins mehr verdient als mit meinem letzten Roman »Hotel California«. Aber nicht indem ich Bitcoins kaufte, sondern indem ich regelmässig Puts auf fallende Kurse setzte.


Trommelwirbel in der Rue Quincampoix. Als die Tambours verstummen, schlägt ein Gardesoldat den Gong, und Tausende von Menschen rennen los, schreien, rempeln, werden von Kutschen gegen Hauswände gedrückt. Über eine halbe Million Glücksritter sind aus dem Ausland nach Paris gereist, um Aktien der Mississippi-Kompanie zu kaufen. Der Kurs explodiert, steigt innert kürzester Zeit von 500 auf 20’000 Livres. Die Hysterie endet wie alle Spekulationsblasen – mit einem kräftigen Knall. Das war 1718.

Von der holländischen Tulpenzwiebeln-Manie über den Hype mit Eisenbahnaktien im 19. Jahrhundert bis hin zur Dotcom-Blase, stets sind die Vorboten die gleichen: Das Thema beherrscht die Frontseiten der Medien, Taxifahrer diskutieren mit dem Fahrgast die Kursentwicklung, Finanzexperten erklären, wieso jetzt alles anders ist. Das ist stets der Augenblick, wenn die Gier in den Sattel steigt und zum wilden Galopp ansetzt. Zuerst verlieren die Leute den Verstand, dann ihren Einsatz.

Bitcoin ist weder mit erwarteten Goldfunden in Louisiana, Währungsreserven noch mit einer Wirtschaftsleistung unterlegt. Gelobt wird die Anonymität. Die schätzen auch Kriminelle, die im Darknet Handgranaten, Crystal Meth, Kinderpornos und Hackersoftware kaufen. Staaten, die Schwarzgeld bekämpfen, werden den Bitcoin verbieten.

Während Kreditkartenfirmen über 50’000 Transaktionen pro Sekunde abwickeln, schafft das Bitcoinnetzwerk gerade mal vier und bräuchte für das gleiche Volumen circa dreieinhalb Stunden. Denn jede Transaktion muss weltweit auf jedem Computer der Bitcoin-Miner registriert und bestätigt werden. Nicht erstaunlich, dass das Bitcoin-Netzwerk jedes Jahr so viel Strom verbraucht wie die gesamte Schweiz in vier Monaten.

Eisenbahn, Computer, Internet, all diese Innovationen haben überlebt, aber auf der Strecke blieben stets Tausende Pioniere, Firmen und bankrotte Aktionäre. Die Blockchain-Technologie der nächsten Generation wird überleben, aber von den zurzeit über 1400 Kryptowährungen werden nur noch wenige dabei sein.

Trotzdem lässt sich mit Bitcoins Geld verdienen: Wenn man mit einem Put auf fallende Kurse setzt. Aber auch dann gilt: Das Timing ist alles, also wie im richtigen Leben.


 

111 Blick »Bellen vor der Haustür

Regungslos sitzt der neugewählte philippinische Präsident »Bongbong« Marcos an einem Tisch umringt von seinen Oligarchenfreunden, die in ausgelassener Stimmung Party feiern. Der Sohn des Diktators Ferdinand Marcos geniesst still seinen historischen Sieg, während seine Kumpels »Umagang Kay Ganda« anstimmen, »die Sonne der Hoffnung ist endlich zurück«.

Ein Grossteil der Bevölkerung lebt in bitterer Armut, die Kindersterblichkeit (bei 1000 Lebendgeburten) liegt bei 26,4 Prozent (Schweiz: 3,68). Das Land hat eine Auslandverschuldung von 12 Trillionen Pesos, das ist eine Zahl mit 18 Nullen. Sparen will man jetzt bei den sozialen Ausgaben. Die Weltbank hat dem heruntergewirtschafteten Inselstaat ein Darlehen von 600 Millionen Dollar gewährt. Doch bereits während der blutigen Diktatur flossen Teile der Entwicklungsgelder direkt in die Taschen des nimmersatten Ehepaars Marcos. Am Ende hatte es dem Land 10 Milliarden Dollar gestohlen. Ihr Sohn »Bongbong« Marcos konnte für seinen Wahlkampf aus dem Vollen schöpfen.

Egal, wieviele Milliarden Hilfsgelder der Westen nach Südoastasien überweist, profitieren werden stets der Marcos-Clan und sein Netzewerk. Auch wenn Joe Biden umgehend gratulierte und die Fortsetzung der Freundschaft beschwor, wird die ehemalige Kolonialmacht den Pufferstaat vielleicht trotzdem verlieren, denn mit Ausnahme der Zweitplazierten Leni Robredo waren alle Präsidentschaftskandidaten antiamerikanisch.

Erstaunlich, denn China besetzt weiterhin die für den maritimen Welthandel wichtigen philippinischen Riffe im südchinesischen Meer, obwohl der Schiedsgerichthof in Den Haag der Klage der Philippinen stattgegeben hat. Davon unbeeindruckt besetzt China das fischreiche Riff Scarborough Shoal mit Armeeeinheiten, schüttet künstliche Inseln auf, baut Hafenanlagen, Flugplätze und stationiert Raketen.

Mit der Wahl von Marcos Junior wird die Kündigung der Pachtverträge für die Nutzung der philippinischen Häfen durch die amerikanische Marine erneut ein Thema sein.  Dann wird auch ein offensichtlich dementer Joe Biden »das Bellen der Hunde« vernehmen. Es wird jedoch eher ein feuerspuckender Drache sein, der an die Kuba-Krise erinnert. Damals, im Oktober 1962, stationierte die UdSSR sowjetische Mittelstreckenraketen auf Kuba. Direkt vor Amerikas Haustür.


Voranzeige: Im August erscheint mein Thriller »Dirty Talking«.


 

Weltwoche: Die Rückkehr des Marcos Clans

Eine von drei auf zwei Magazinseiten gekürzte Version erschien am 5. Mai 2022 in der Weltwoche. Hier lesen Sie die ungekürzte Version.


2016 gewann Rodrigo Duterte, 77, die Präsidentschaftswahlen. Eine Amtszeit dauert sechs Jahre, eine zweite ist gemäss Verfassung nicht erlaubt. Darum nannte Duterte frühzeitig seinen Wunschkandidaten für die kommenden Wahlen am 9. Mai: »Bongbong« Marcos, 64, der Sohn des Diktators Ferdinand Marcos (1917-1989). Der Junior kandidierte damals für das Amt des Vizepräsidenten und unterlag schliesslich der Anwältin Leni Robredo, 56.

Sechs Jahre später kämpfen Marcos und Robredo erneut gegeneinander. Diesmal um die Präsidentschaft. Marcos liegt gemäss der April Umfrage immer noch mit historischen 56 Prozent in Führung, Robredo mit 23 Prozent auf Platz zwei. Sie verspricht, was alle versprechen: Weniger Armut, weniger Kriminalität, weniger Korruption und ein Ende der »Anarchie der Familie«, gemeint ist die in Asien verbreitete Sitte, politische Ämter an den Nachwuchs »weiterzuvererben«.

Duterte wollte ursprünglich als Vizepräsident kandidieren, um nach dem Ausscheiden aus dem Amt der Strafverfolgung zu entgehen. Aber kein Präsidentschaftskandidat wollte ihn als Vize. Der internationale Strafgerichtshof (IStGH) in Den Haag ermittelt gegen ihn wegen 7000 Morden. Duterte kennt die Spielregeln. Nach seinem Wahlsieg 2016 liess er gleich die Justizministerin Leila de Lima, 62, medienwirksam im Parlament verhaften. Sie sitzt immer noch hinter Gittern. Wer rettet nun Duterte? Niemand.

Deal mit Duterte

Jetzt ist »Bongbong« Marcos nicht mehr Dutertes Wunschkandidat, sondern »ein verwöhnter Kokainabhängiger, der zu schwach ist für das Amt des Präsidenten«.  Denn als Vize wählte Marcos ausgerechnet die Rechtsanwältin Sara Duterte-Carpio, 43, die Tochter von Duterte. Die Beziehung zu ihrem Vater ist »kompliziert«. Sie ist die Bürgermeisterin der Millionstadt Davao City. Sie »erbte« das Amt von ihrem Vater, als dieser Präsident wurde. Zuvor war sie sein Vize, jetzt ist ihr Bruder Paolo ihr Vize und auch ihre Mutter und der jüngere Bruder Sebastian bekleiden politische Ämter.

Nebst Marcos und Robredo kämpfen vier weitere Kandidaten um den Einzug in den Malacañang-Palast.

Auf Platz 3 erleidet der siebenfache Boxweltmeister Manny Pacmann Pacquiao, 43, mit 7 Prozent einen Knock-Out. Während er in seiner Heimatprovinz Sarangani als Nationalheld gilt, nimmt ihn in Manila kaum jemand ernst. . Nach seinem letzten Kampf in Las Vegas antwortete der Jahrhundertboxer auf die Frage, ob er Präsident werden wolle, Politik sei schwieriger als boxen. Das ist die bitte Erfahrung, die ihm der Wahlkampf beschert. Er wirkt naiv und sprachlich unbeholfen wie ein Primarschüler, vielleicht kann er nur mit den Fäusten sprechen.

Auch er verspricht, die Korruption zu bekämpfen, hängt aber selber in einem Steuerverfahren fest. Als erste Amtshandlung will er eine »mega prison« für korrupte Beamte in Auftrag geben und Sondergerichte für die Verurteilung der Täter einrichten. Im Kongress glänzt der vielbeschäftigte Sänger, Schauspieler und Markenbotschafter durch Abwesenheit und dass »Schwule schlimmer als Tiere« sind, sei einfach Gottes Gebot. Auf seinen Wahlkampftouren verteilt er Tausendpeso Scheine (ca. 20 Euro). Wie im alten Rom.

Auf Platz 4 liegt mit 4 Prozent der frühere Fernsehstar Isko Moreno, 47, heute Bürgermeister von Manila. Aufgewachsen ist er in den Slums von Tondo vor den Toren Manilas. Er spricht den Slang der Strasse und erklärt seine Politik anhand von Powerpoint-Präsentationen. Er will an den Schulen iPads für alle einführen und mit dem Satellitensystem von Elon Musk ein Frühwarnsystem für Naturkatastrophen einrichten. Mit modernster Hightech-Technologien sollen Drogenbarone und nicht Konsumenten aus dem Verkehr gezogen werden.

Ping Lacson, 73, stagniert bei zwei Prozent. Der ehemalige Generaldirektor der Philippine National Police wurde vor einigen Jahren von Interpol international zur Fahndung ausgeschrieben. Er soll mutmasslich den Journalisten Salvador Bubby Dacer erschossen haben, weil dieser ihn des Insiderhandels bezichtigte. Irgendwie konnte der Untergetauchte seinen Kopf aus der Schlinge ziehen und auf die Philippinen zurückkehren. Man wirft ihm vor, dass er während der Diktatur als Chef der Geheimpolizei für die Folterungen verantwortlich war.

Sozialist Leody De Guzmann, 62, erreicht mit 0,03 Prozent das palliative Stadium. Er will die direkte Demokratie einführen, den Diktator Marcos aus dem Heldenfriedhof verbannen, den Dialog mit den Terroristen im Süden suchen und die 250 reichsten Familienclans mit einer einmaligen Steuer von 20 Prozent zur Kasse bitten. Was ihm jedoch fehlt, sind Sponsoren, denn De Guzmann hat kein Geld und seine Wähler haben auch keins. Sponsoren setzen auf aussichtsreiche Kandidaten und erwarten eine Gegenleistung, »utang na lob«, die gegenseitige Bringschuld. Was im familiären Umfeld die Bande stärkt und das fehlende Sozialsystem ersetzt, fördert in der Politik die Korruption. Es kommt nicht von ungefähr, dass man Kongressabgeordnete »Tongressmen« nennt, bestechliche Männer.

Parteien haben auch in diesem Wahljahr kaum Bedeutung. Die Menschen wählen mit Vorliebe Celebrities aus dem Showbizz. Medienpräsenz, Singen und Tanzen scheinen wichtiger als politische Versprechen, die eh keiner einlöst. Beliebt sind auch die Oligarchenclans, die seit Jahrhunderten in ihren Provinzen Politik und Gesellschaft dominieren und sich mit privatfinanzierten öffentlichen Bauten und Geldgeschenken die Wählergunst erkaufen. Ihre Namen haben einen hohen Widererkennungswert und die Clanmitglieder gelten unabhängig von den Untaten ihrer Vorfahren als Celebrities.

Die meisten Marcos-Wähler hätten lieber erneut Rodrigo Duterte gewählt, das Original. „Bongbong« Marcos ist zweite Wahl. Doch wo Duterte draufsteht, steckt der Marcos-Clan drinn, eine Polit-Dynastie, die seit Generationen die Provinz Ilocos Norte beherrscht. Die beiden Familien waren schon immer eng miteinander befreundet. Dutertes Vater diente bereits unter dem Diktator. Die Marcos finanzierten 2016 einen Teil von «Dirty Harrys» Wahlkampf. Als Gegenleistung vergass Duterte sein Wahlversprechen, die gestohlen Marcosmilliarden aufzuspüren. Und mehr noch: Der Clan durfte den einbalsamierten Leichnam des Diktators auf dem Heldenfriedhof begraben. Seit 1993 war der Patriarch auf dem Familienanwesen in einem Glassarg aufbewahrt und in der Warteschlaufe. Die «National Historical Commission of the Philippines» war entsetzt, Angehörige von Ermordeten protestierten. Vergebens.

Am 4. Februar fand die von der Wahlkommission »Comelec« gewünschte erste grosse Fernsehdebatte statt. Zahlreiche TV- und Radiostationen waren anwesend.  Journalistinnen und Journalisten sollten die sechs Anwärter befragen. Einer fehlte: „Bongbong« Marcos. Er mag keine kritischen Fragen. Das sind Fragen nach den 75’000 dokumentierten Verbrechen die sein »geliebter Dad« begannen hat: 70000 wurden in Militärlagern interniert, 34000 davon gefoltert, 3240 ermordet, einige Tausend sind spurlos verschwunden. Es sind Fragen nach dem Verbleib der geraubten 10 Milliarden Dollar, die der Clan dem Land gestohlen hat. Die Schweiz blockierte damals 685 Millionen Dollar Marcos-Gelder auf Schweizer Bankkonten und gab sie nach Jahren an den philippinischen Staat zurück. Das kleptokratische Regime der Marcosfamilie galt in jener Zeit als das zweitkorrupteste der Welt. Und diese Epoche nennt „Bongbong« Marcos das »Goldene Zeitalter der Philippinen«.

Zur Eröffnung seiner Wahlkampagne hielt er eine 20minütige Rede, in der er einundzwanzigmal das Wort »Einheit« benützte. Das ist sein Programm: Einheit. Und die blutige Vergangenheit soll man »den Geschichtsprofessoren überlassen«. Marcos greift keine Mitbewerber an, das finden seine Wähler sympathisch. Er lässt angreifen, das halten seine Fans für Fakenews. Marcos reagiert nicht auf Beleidigungen. Dass Duterte ihn ein verwöhntes Rich Kid nennt, sieht er ihm nach. Er mimt den Gentleman, der über den Dingen steht. Auch schriftliche Interviews lehnt er ab. Er stellt die Fragen. Wie in der TV-Show »Toni Talks«. Die befreundete Schauspielerin und Moderatorin Toni Gonzaga, 38, führte das Vieraugengespräch. Marcos war einst ihr Trauzeuge. Wir erfuhren, dass sein geliebter »Dad« einmal allen seinen Klassenkameraden ein Eis spendierte. So einer war sein Vater, unglaublich nett. Und einmal lacht Bongos Marcos in die Kamera: »Alle grossen Männer haben viele Feinde. Wenn du deine Gegner wütend machst, hast du einen guten Job gemacht.«

Am liebsten tritt Marcos alleine auf und hat alles unter Kontrolle. In über 200 Videoblogs schwärmt er von seinem grossartigen «Dad», dem »besten Präsidenten, den die Philippinen jemals hatten«. Wir erfahren, dass er die gleiche Kleidergrösse hat wie sein Vater, die gleiche Stimme, und dass er und der Diktator praktisch identisch sind. Bereits als 23-Jährigen ernannte ihn sein Vater zum Vizegouverneur der Heimatprovinz Ilocos Norte, sechs Jahre später zum Gouverneur. Als Strohmann der Telekommunikationsfirma Philcomsat bezog er ein für die damalige Zeit astronomisches Jahresgehalt von rund 1,16 Millionen Dollar. Seine Videoblogs sind Homestories, Reality-Soaps.

Zahlreiche Organisationen und Privatpersonen, darunter etliche Angehörige von Folteropfern, verlangten von der Wahlaufsichtskommission COMELEC die Disqualifikation von Marcos, weil er mittlerweile 23 Milliarden Peso angehäufter Steuerschulden hat. Bereits 1997 hatte ihn das Oberste Gericht zur Zahlung verpflichtet. Gemäss Verfassung kann er deshalb nicht kandidieren. Die COMELEC müsste ihn ablehnen. Sie tut es nicht.

Imelda Marcos, 92, die Witwe des verstorbenen Diktators, hat es nie verwunden, dass ihr Clan 1986 von der EDSA-Revolution aus dem Land vertrieben wurde. Corazon Aquino übernahm darauf die Präsidentschaft und gründete als erste Handlung die Presidential Commission on Good Government (PCGG), die ausschliesslich die Aufgabe hat, die verschwundenen Marcos-Milliarden aufzustöbern. Interne Korruption schmälerte den Erfolg. 1991 wagte der Clan deshalb die Rückkehr auf die Philippinen. Imelda spottete in Interviews, es gebe wesentlich mehr Geld als die PCGG bisher aufgestöbert habe: »Uns gehört praktisch alles auf den Philippinen.«

Sie gehört zum Clan der Romualdez, einem der achtzehn Grossfamilien, die seit Generationen den Inselstaat beherrschen. 1993 wurde sie wegen Diebstahls zu 18 Jahren Gefängnis verurteilt, fünf Jahre später hob das Oberste Gericht das Urteil »wegen technischer Fehler« auf. Sie sass nicht einen Tag hinter Gittern. Seit 2014 arbeitet sie daran, dass ihr Sohn Präsident wird und sie zurück in »ihren« Malacañang-Palast bringt. Sie selbst hatte mittlerweile 901 Klagen am Hals und wurde 2018 zu 42 Jahren Gefängnis verurteilt. Aber die »Königin der Diebe« musste ihre Strafe »aufgrund ihres fortgeschrittenen Alters« nie antreten. Sie war einst das Glamour-Girl der Philippinen, der Malacañang-Palast ein bisschen Buckingham. Sie brachte die Beatles nach Manila, im Oktober 1975 stiegen in Quenzon City die Legenden Muhammad Ali und Joe Frazier in den Ring. Und Fidel Castro gestand ihr, er habe noch nie eine so schöne Frau gesehen. Sie sagt: »Mag sein, dass ich der grösste Star der Gegenwart bin, aber ich bin vor allem die Sklavin der kleinen Leute.«

2014 schmiedete sie einen Plan. Zuerst sollte der ramponierte Ruf der Familie wiederhergestellt werden, um eine spätere Rückkehr zur Macht zu ermöglichen. Das böte die Möglichkeit, die PCGG aufzulösen und alle Strafverfahren gegen kriminelle Clanmitglieder einzustellen. Die Familie kontaktierte die New Yorker Firma Cambridge Analytica (CA), die in den Sozialen Medien versuchte, mit Mikrotargeting das Wahlverhalten zu beeinflussen. Ex-Angestellte und Whistleblower Brittany Kaiser sagt, die Familie habe um ein Rebranding des Familiennamens »Marcos« gebeten. CA schlitterte 2018 in die Insolvenz. Marcos beauftragte eine philippinische Partnerfirma und startete eine gewaltige Desinformationskampagne. Chinesische und philippinische Trollfarms veranstalten seitdem ein beispielloses Brainwashing und verbreiten täglich auf Facebook, TikTok, Youtube, Twitter und Instagram koordinierte Fakenews und zünden Shitstorms gegen die Zweitplazierte Leni Robredo. Geld hat er genug.

Die Pandemie hat zahlreiche Debatten ins Internet verschoben. Von Anfang an fokussierte „Bongbong« Marcos seine Kampagne auf die Sozialen Medien. Hier findet er seine Zielgruppe, junge Menschen, die nach der Diktatur geboren sind. Antonio La Viña, 62, ein ehemaliger Direktor der Ateneo Schule, einer Kaderschmiede für zukünftige Regierungsbeamte, sagt, die Hälfte der Wähler sei zwischen 18 und 41, sie hätten das blutige Kriegsrecht nie am eigenen Leib erfahren. Informationen beziehen sie aus den Sozialen Medien. Es sei sehr einfach, diese Jugend davon zu überzeugen, dass Folter und Morde nie stattgefunden haben. Selbst in ihren Schulbüchern fehlten Fakten zum blutigen Kriegsrecht.

Noch vor zehn Jahren bestritten in einigen Provinzen katholische Priester den Geschichtsunterricht und lehrten, dass Adam und Eva die ersten Menschen auf Erden waren. Leichtgläubige Teenager mit tiefem Bildungsniveau sind leicht zu begeistern. Sie mögen den Glamour, den der Clan ausstrahlt. Sie halten Marcos für einen richtigen Monsieur, der das Ansehen der Philippinen im Ausland wiederherstellen wird. Gebildet sei er auch noch. Erwähnt man, dass sein angeblicher Abschluss an der Oxford University genauso Fake ist wie es damals die Tapferkeitsmedaillen seines Vaters waren, reagieren seine Anhänger irritiert. Ob man denn nicht wisse, dass das alles Fakes sind? Marcos erhielt damals in Oxford einen Trostpreis in Form eines »Spezialdiploms«. Obwohl Clare Woodcock, der Pressesprecher der Universität, öffentlich bestätigt hat, dass Marcos nie einen Bachelor abgeschlossen hat, vertrauen seine Anhänger TikTok mehr als den Medien.

Es ist aber nicht nur die Jugend, die Marcos wählt. Es sind auch Teile der älteren Generation, die damals dem Diktator applaudierten und sich jetzt einen Marcos II wünschen, einen »strong man«.

Am Sonntag, dem 9. Mai, wird der No-show-Kandidat »Bongbong« Marcos zusammen mit der Dutertetochter Sara die Wahlen gewinnen und im Juni mit Mutter Imelda und Senatorenschwester Imee Marcos, 66, in den Malacañang Palast einziehen. Sie werden das »Goldene Zeitalter« fortsetzen. Das »Goldene Zeitalter« des Marcos Clans.


Claude Cueni ist Schriftsteller und lebt in Basel. Er ist mit einer Filipina verheiratet und Autor des Philippinen-Romans »Pacific Avenue«.

Zuletzt erschienen im Verlag Nagel & Kimche die Romane »Genesis« (2020) und »Hotel California« (2021).

Im August (2022) erscheint in der Edition Königstuhl sein Thriller »Dirty Talking«.


 

Bartholdis Strassburger Denkmal

 

Sie ist da und man sieht sie doch nicht. Man fährt jeden Morgen an ihr vorbei und achtet nur auf das Rotlicht. Schützend hält sie ein Schild über eine verzweifelte Frau und einige verstörte Kinder. Das tut sie schon seit 1895. Seit 119 Jahren trotzt sie nicht mehr den Preussen, sondern Luftverschmutzung und Temperaturschwankungen: die Helvetia im Strassburger Denkmal, das gegenwärtig restauriert wird und von einer Schutzplane umhüllt ist.

Das Denkmal stammt von Frédéric-Auguste Bartholdi (1834–1904). Der Bildhauer besuchte die Schulen in Paris. Zur gleichen Zeit studierte ein anderer Junge im Internat vis-à-vis: Gustave Bönickhausen dit Eiffel, der später seinen Namen in Gustave Eiffel abänderte, um wegen der deutsch-französischen Spannungen die Akzeptanz für seinen geplanten Turm zu erhöhen.

Beide reisten, wie es damals für Künstler üblich war, nicht mehr nach Italien, sondern in den Orient, und liessen sich inspirieren. Beim Anblick der monumentalen Pyramiden und der gewaltigen Sphinx erwachte in ihnen der Ehrgeiz, Gigantisches zu erschaffen und dadurch Unsterblichkeit zu erlangen. Im Gegensatz zu den meisten Künstlern des 19. Jahrhunderts brachten sie nicht die Syphilis (maladie franÇaise) nach Hause, sondern pralle Skizzenblöcke, Zeichnungen und erste Fotografien.

Gegensätzliche Charaktere

Während Gustave Eiffel zum genialen Ingenieur, zum Eisenmagier avancierte, verlor sich Bartholdi in gigantische Projekte: Einen neuen Koloss von Rhodos wollte er de Lesseps für die Eröffnung des Suezkanals verkaufen. Die zahlreichen Entwürfe einer Beduinin, die mit ihrer Fackel die Welt erleuchtet, sind noch heute im Geburtshaus von Bartholdi, dem heutigen Museum Bartholdi in Colmar, zu besichtigen.

Eiffel und Bartholdi wurden Rivalen. Eiffel war der Nachfahre einer Dynastie von sieben Generationen von Tapezierern. Er wollte nicht verkleiden, sondern freilegen, damit die nackte Ingenieurskunst zum Vorschein kam. Bartholdi, der Besessene mit italienischen Wurzeln, wollte Patriotismus in Stein hauen, die Herzen der Menschen berühren, aber vor allem das Herz seiner Mutter. Gegensätzlicher hätten die beiden Charaktere nicht sein können, doch die Freimaurerloge Grand Orient de France zwang sie schliesslich zur Zusammenarbeit an der Freiheitsstatue, denn für das innere Gerüst brauchte Bartholdi den besten Ingenieur der damaligen Zeit.

Der plötzliche Ausbruch des Deutsch-Französischen Krieges 1870 unterbrach ihre Karrieren. Die fehlerhafte und gekürzte Übersetzung einer Depesche hatte den gekränkten Kaiser Napoleon veranlasst, den Preussen den Krieg zu erklären. Bartholdi, der heissblütige Patriot, zog in den Krieg.

Die Preussen setzten den Strassburgern übel zu und erweckten das Mitleid der Schweizer. Abordnungen aus Basel, Bern und Zürich erbarmten sich ihrer und erhielten nach zähen Verhandlungen von der badischen Regierung die Erlaubnis, 1400 Frauen, Kinder und Greise aus der schwer belagerten Stadt, in die Schweiz zu bringen. Der Baron Hervé de Gruyer, ein glühender Strassburger Patriot, wollte der Schweiz später aus Dankbarkeit ein Denkmal schenken.

1895 war es so weit. Bartholdi war mit seiner Freiheitsstatue weltberühmt geworden und sein Konterfei zierte selbst Wein- und Käseetiketten in den New Yorker Spirituosenläden. Gustave Eiffel hatte gegen den Widerstand von tout Paris seinen Eisenturm pünktlich zur Weltausstellung fertiggestellt, obwohl ihn einige für die Phallus-Fantasien eines narzistisch Verhaltensgestörten hielten. Sogar Victor Hugo und Émile Zola unterschrieben die Petition, die in ganzseitigen Inseraten publiziert wurde; der Turm sei die «Kathedrale der Alteisenhändler», Ale­xandre Dumas attestierte diesem Eisenskelett, das sich «wie der Tod über Paris erhob», gar eine «frappierende Hässlichkeit». Eiffel wagte sich an ein noch grösseres Projekt, den Panamakanal, doch die Malariamücken brachten ihn zu Fall, ein gigantischer Finanzskandal vor Gericht, und dann krachte auch noch die von ihm konstruierte Brücke in Münchenstein in die Birs und riss 73 Menschen in den Tod.

Auch das Strassburger Denkmal war keine einfache Geburt. In einem Rapport vom September 1891, an die federführende Fachkommission des Innendepartementes, wird festgehalten, dass «die Figuren Anlass zu gewissen Beobachtungen» geben. Kein Detail ist zu klein, um nicht erörtert zu werden. Bemängelt wird u. a. dass die Körperhaltung des Kindes zu sehr der Körperhaltung des Engels gleicht, die einen wollen ein Knie ändern, die andern eine Fussstellung, Bartholdi war bestimmt nicht zu beneiden. Aber wie üblich hat Bartholdi das Projekt zu Ende gebracht.

Das Strassburger Denkmal steht immer noch auf dem Centralbahnplatz beim Bahnhof SBB. Die Figurengruppe stellt eine Frau mit Kindern dar, die von einem Engel und einer Helvetia beschützt werden. Doch die Frauenstatuen sind bei Bartholdi nie, was sie vorgeben zu sein. Die Helvetia ist ein weiterer Avatar der Göttin Minerva- Athena, eine abgewandelte Kopie der ersten Entwürfe der Freiheitstatue.

Denkmäler sind manchmal beliebt, manchmal nicht, oft sind sie anfangs umstritten oder gar unerwünscht (wie die Freiheitsstatue) oder gar verhasst (wie der Eiffelturm), dann mutieren sie zum Wahrzeichen einer Stadt, eines Landes oder gar zu einem Symbol. Und dann kommen die Woke Ignoranten und glauben, Sie könnten Geschichte umdrehen, wenn sie Monumente zerstören.

Das Strassburger Denkmal steht für die zweite Hälfte des zweiten 19. Jahrhunderts, für die atemberaubende Epoche der Gründerzeit, dem Zeitalter der Beschleunigung, als Eisenbahnen die Pferdekutschen ablösten, als Telegrafieren bis zu den Goldgräbern in Klondike möglich wurde; es ist die Epoche der zahlreichen bekannten Unbekannten: Der Reisekofferhersteller Louis Vuitton lässt sich von Gustave Eiffel Stahlträger für seinen ersten Laden in Paris bauen, Flaubert schreibt «Emile Bovary», US-Präsident Ulysses Grant besucht Bartholdis Pariser Atelier, Detektiv Allan Pinkerton («We never sleep») gründet die weltweit grösste Privatdetektei, Marx und Engels schreiben gegen das Elend in den Fabriken an. Es ist die Epoche des überbordenden Enthusiasmus, der bahnbrechenden Erfindungen wie Grammofon, Dynamit, Telefon, Glühbirne und Repetiergewehr. Die Begeisterung für neue Technologien kennt kaum Grenzen, Europa ist im Aufbruch, es entstehen die ersten grossen Industriedynastien.

Eine gewaltige Epoche

Es ist die Epoche des rücksichtslosen Kolonialismus in einer zunehmend vernetzten Welt, es ist die Tragödie des gnadenlosen 14-Stunden-Tags in stickigen Fabrikhallen, der Aufstieg Amerikas, der Untergang Englands und von Bismarcks Staatsräson. Im Zuge der industriellen Revolution entsteht ein neuer Realismus in der Literatur, Mary Shelley erschafft «Frankenstein», Jules Verne taucht 20 000 Meter tief ins Meer. Wir erleben die letzten grossen Typhus- und Cholera-Epidemien, ein Jahrhundert voller Finanz- und Weltwirtschaftskrisen. Der neue Goldstandard befeuert den Goldrausch in Alaska und mit der Beendigung des Deutsch-Französischen Krieges von 1870, ziehen unheilvolle Wolken am Himmel auf. Es ist die Geburt des Nationalismus, der das nächste Jahrhundert in Flammen ­setzen wird.

Das Strassburger Denkmal ist nicht einfach ein Klotz aus Carrara-Marmor, es ist die Erinnerung an eine gewaltige Epoche, an einen grossen Künstler und an eine hilfsbereite Stadt.

Und wäre Bartholdi noch am Leben, wer weiss, ob er dem Bundesrat nicht vorschlagen würde, auf einem unserer Berge eine monumentale Statue zu errichten, eine sitzende Helvetia. Dass er uns erneut eine seiner Liberty-Modelle unterjubeln würde, für die angeblich seine vergötterte Mutter Modell stand, sollte uns nicht kümmern. Wir sollten uns anhören, wieso das nicht möglich ist und es dann trotzdem versuchen.

110 Blick »Freie Rede und reiche Wichser«

 

«Wieso gehört am Ende alles reichen Wichsern, die machen können, was sie wollen?», kommentierte ZDF-Moderator Jan Böhmermann den Verkauf von Twitter an Elon Musk. Solche Sätze wird er auch in Zukunft twittern dürfen, denn das Ziel von Elon Musk ist «free speech». Freie Rede bedeutet das Recht, Dinge zu sagen, die niemand hören will.

Ist Böhmermann, der mit den Regelungen der US-Aufsichtsbehörde SEC offenbar nicht vertraut ist, auch ein «reicher Wichser», nur weil er gemäss Vermögensseiten geschätzte fünf Millionen besitzt? Es ist komplizierter. Das schnoddrige Etikett hängt nicht wirklich vom Vermögen ab.

Klimaaktivistin Carla Reemtsma (24) erbte im Schlaf ein millionenschweres Aktienpaket. Zusammen mit ihrer Cousine Luisa Neubauer und Millionärin Greta Thunberg sind sie die Opinion Leaders der deutschen Klimabewegung. Sie haben in ihrer Kindheit alles genossen, was die Verbrennung fossiler Stoffe möglich machte, sind privilegiert um die Welt gereist, haben den Altersrassismus salonfähig gemacht und monetarisieren auf Twitter sehr erfolgreich den unmittelbar bevorstehenden Weltuntergang. Werden sie dafür kritisiert? Entbindet die «richtige Gesinnung» von jedem Verdacht? Gab es einen Shitstorm, als Multimilliardär Jeff Bezos die «Washington Post» kaufte?

Elon Musik verdiente sein Vermögen nicht mit Reden, sondern mit Taten. Mit Tesla und Solarcity tut er mehr für das Klima als der gesamte Akademikernachwuchs, der sich mit Märtyrermiene auf Kreuzungen klebt und die Leute davon abhält, rechtzeitig zur Arbeit zu erscheinen. Schmälert sein finanzieller Erfolg mit SpaceX seine Verdienste?

Celebrities drohen wie üblich mit dem Verlassen von Twitter (und werden trotzdem bleiben). Was fürchten sie denn? Hass und Hetze? Die Grenzen der Meinungsfreiheit zieht der Gesetzgeber und nicht die aktuelle Woke-Redaktion des Kurznachrichtendienstes. Gemäss einer Twitter-Umfrage sagen 70 Prozent der Teilnehmer, dass es auf Twitter keine Meinungsfreiheit mehr gibt.

Musk setzt um, was der französische Philosoph Voltaire am Vorabend der Aufklärung forderte und hofft, dass auch «seine schlimmsten Kritiker auf Twitter verbleiben werden». Denn das sei genau das, was mit «free speech» gemeint sei.

Interview. XUND auf Besuch beim Schriftsteller Claude Cueni

XUND auf Besuch beim Schriftsteller Claude Cueni

Interview: Jörg Weber / 21. April 2022

«Selbstmitleid ist Zeitverschwendung»


XUND: Vor 12 Jahren sind Sie an Leukämie erkrankt. Hatten Sie Symptome, die Sie veranlassten, sich untersuchen zu lassen?

Claude Cueni: Ja, nach dem Krebstod meiner ersten Frau brach mein Immunsystem zusammen. Das war 2008. Meine Nebenhöhlen waren über Monate entzündet und ich verlor immer mehr Kraft und Energie. Am Ende kam ich kaum noch die Treppe hoch. Ich führte meine Erschöpfung auf die anspruchsvolle Pflege meiner verstorbenen Frau zurück. Nachdem der Krebs überall Metastasen gestreut hatte, veränderte sich ihr Wesen und sie wurde sehr bösartig und aggressiv und bestand darauf, dass nur ich sie pflege. 24 Stunden am Tag.

Wie wurde die Leukämie bei Ihnen entdeckt?

Nach ihrem Tod untersuchte ein Hals-Nasen-Ohren-Arzt mein Blut. Eine Knochenmarkpunktion ergab: Akute Lymphatische Leukämie (ALL). Ich wollte nach der Punktion nach Hause und kochen, aber der Arzt auf der Hämatologie sagte, ich müsse gleich hierbleiben, man müsse sofort alle Checkups durchführen, damit man in zwei Tagen mit den Chemos beginnen könne. Mein Sohn war alleine zu Hause. Aufgrund seiner Gehbehinderung war er auf mich angewiesen. Um ihn machte ich mir mehr Sorgen.

Wie wurde die Krankheit behandelt?

Ich lag sechs Monate auf der Isolierstation der Hämatologie des Basler Unispitals, erhielt Chemoinfusionen und wurde bestrahlt. Kaum jemand rechnete damit, dass ich überlebe. Aus den Augen aus dem Sinn. Ich verlor praktisch meinen gesamten Bekanntenkreis. Infolge Hirnblutungen fiel ich ins Koma. Man musste mir beidseitig den Schädel aufbohren. Gerade rechtzeitig wurde nach fünfeinhalb Monaten ein geeigneter Spender gefunden.

Sind Sie mit der medizinischen Betreuung und Behandlung in all den Jahren zufrieden?

Aber sicher! Ich hatte das grosse Glück, dass ich in der Schweiz erkrankte und im Basler Universitätsspital behandelt wurde. Ich empfinde enorm viel Sympathie und Dankbarkeit für das Personal in der Hämatologie. Ich bewundere ihre Leistung, ihre Herzlichkeit und ihre mentale Stärke. Es ist nicht einfach, den ganzen Tag mit Schwerstkranken zu verbringen.

In Ihrem jüngsten Buch «Hotel California» bezeichnen Sie sich als «Schreibmaschine». Trotz Ihrer schweren Erkrankung waren Sie unermüdlich schriftstellerisch tätig und haben unter anderem mehrere Bücher, diverse Artikel und Zeitungskolumnen veröffentlicht. War und ist das Schreiben für Sie auch eine Art Therapie?

Ich habe immer viel geschrieben. Aber nie so viel wie ich wollte, da ich stets viele private Aufgaben hatte. Als ich an Leukämie erkrankte, gab mir das Schreiben Struktur und stärkte meinen Durchhaltewillen. Man will ja ein Buch zu Ende schreiben. In meinem autobiographischen Roman «Script Avenue» schrieb ich: «Solange ich schreibe, werde ich nicht sterben». Jedes Mal, wenn ich ein Buch beendet hatte, realisierte ich, dass ich gemäss Statistik längst tot sein müsste und bereits in der Nachspielzeit lebe. Also begann ich gleich mit dem nächsten Roman und kehrte in meine fiktiven Welten zurück.

Welche Auswirkungen hatte und hat die Corona-Pandemie auf Ihr Leben?

Ich bin seit 12 Jahren immunsupprimiert, d.h. ich muss täglich Medikamente einnehmen, die das Immunsystem unterdrücken. Deshalb verbringe ich eh jeden Winter in Quarantäne. Mit Corona wurden es jedoch 24 Monate. Ich wäre auch länger in Quarantäne geblieben, damit Gesunde nicht eingeschränkt werden. Wegen Corona habe ich notwendige Untersuchungen aufgeschoben. Leider rächt sich das jetzt.

Konnten Sie sich trotz Ihrer Krankheit und den Medikamenten, die Sie nehmen müssen, gegen Corona impfen lassen?

Meine jetzige Frau Dina und ich haben zwei Biontech-Pfizer-Impfungen und den Booster erhalten. Ich habe zurzeit noch ausreichend Antikörper.

Claude Cueni: «Der aussergewöhnlichste Autor der Schweiz»

Matthias Ackeret, Chefredaktor Branchenmagazin «persönlich»

Sie gehören nicht zu den «Mainstream-Schriftstellern» und packen auch in den Medien – wie in Ihrer «Blick»-Kolumne – Themen an, die andere lieber ignorieren. Ein Jahr nach dem Anschlag auf die Satire-Zeitschrift «Charlie Hebdo» 2015 in Paris erschien Ihr Bestseller «Godless Sun», der das Thema Islamismus kritisch beleuchtet. Hatten Sie nie Angst, wie die Mohamed-Karikaturisten von Islamisten «bestraft» zu werden?

Ich gehöre nicht zu den Autoren die ihre Bedeutung überschätzen. Da ich in jener Zeit nur mit viel Glück am hellichten Tag einem Raubüberfall entkam, beantragte ich einen Waffenschein und kaufte mir einen Revolver. Naja, er liegt seitdem in einer Schublade. Und wenn mich einer erschossen hätte, wäre es eher aktive Sterbehilfe gewesen.

Während der ersten Covid-Welle in der Schweiz, erschien Ihr Roman «Genesis. Pandemie aus dem Eis». Wie kamen Sie auf die Idee zu diesem Roman, der sozusagen von der Realität eingeholt wurde?  

Ein Bericht über jahrtausendalte Viren, die man im auftauenden Permafrost gefunden hat, brachte mich auf das Thema. Aber ich hatte nie Interesse einen dystopischen Roman zu schreiben. Im Zentrum steht eine indische Köchin, die vor ihrem Clan nach London flüchtet. Es geht um Menschen und nicht um Themen. Zwei Monate nachdem ich den Vertragsvertrag unterzeichnet hatte, begann die Pandemie. Es wird leider weitere geben.

Abgesehen von den Auswirkungen Ihrer Krankheit: Fällt Ihnen das Schreiben heute aufgrund der Routine und Erfahrung leichter als in Ihren Anfängen als Schriftsteller? Zu welcher Tageszeit sind Sie am produktivsten?

Ja, sehr viel leichter. Wenn ich an einem Roman arbeite, träume ich fast jede Nacht Szenen und murmle Dialoge im Schlaf. Meine verstorbene Frau weckte mich jeweils auf, sie war «not amused», meine jetzige Frau ist Asiatin und nimmt es mit Humor, denn sie weiss: ich arbeite. Wenn ich aufstehe, kann ich weiterschreiben, als hätte ich das, was ich gleich schreiben werde, bereits erlebt. Mit jedem neuen Roman lerne ich dazu, die Dialoge sind geschliffener, die Szenen besser geschnitten. Es ist wohl Murphys Law, dass mir das Schreiben zwar leichter fällt, aber der Körper zerfällt. Da ich auch nachts Muskel- und Nervenschmerzen habe, bin ich spätestens um 02.00 Uhr wach. Nach 12.00 Uhr sind die Batterien leer. Frühmorgens ist meine produktivste Zeit.

XUND-Lesern, die noch nichts von Ihnen gelesen haben: welches Ihrer Bücher empfehlen Sie ihnen als erste Lektüre aus Ihrer Feder?

Niemand muss meine Bücher lesen. Aber wenn jemand fragt, nenne ich den historischen Roman «Das Grosse Spiel» über den Papiergelderfinder John Law. Mein Sohn hatte die Idee. Das Buch war auf Platz 1 der Schweizer Bestsellerliste und wurde in 13 Sprachen übersetzt. In China war es auf der Jahresliste der lesenswertesten Bücher.

Vielleicht ist auch der autobiographische Roman «Script Avenue» erwähnenswert. Mein Sohn hat mich dazu ermuntert, als ich im Spital lag. Die Zuschauer von SRF wählten den Roman zur bewegendsten Geschichte des Jahres und verliehen ihm den »Golden Glory«.

Sie haben in jüngeren Jahren viele Drehbücher für erfolgreiche Fernsehfilme und Fernsehserien wie «Peter Strohm», «Eurocops», «Autobahnpolizei Cobra 11» oder «Tatort» geschrieben. Sehen Sie sich heute noch gern Serien an?

Auf Netflix manchmal. Aber keine deutschsprachigen Serien. Die wollen belehren und nicht unterhalten. Ich wollte kürzlich «Barbarian» schauen, aber die Kelten denken und reden so wie im Jahre 2022, die sind alle woke, das ist unfreiwillig komisch. Nachhaltig beeindruckt hat mich auf Netflix «Queen’s Gambit». Der Film ist aus meiner Sicht perfekt, einfach grandios, ein Meisterwerk. Ich habe ihn bereits dreimal angeschaut.

Ihr letztes Buch «Hotel California» haben Sie als Vermächtnis ihrer 3- jährigen Enkeltochter Elodie gewidmet. Was wollten Sie Elodie damit weitergeben?

Meine Lebenserfahrung, obwohl ich mir im Gegensatz zu vielen Kulturschaffenden bewusst bin, dass ich nicht das Mass aller Dinge bin. Doch das Leben unter dem Damoklesschwert schärft den Blick für das Wesentliche.

2019 lag ich wieder auf der Intensivstation. Die Ärzte sagten mir, es könne jetzt jederzeit zu Ende gehen. Meine Frau fuhr mich nach Hause und ich begann einen Abschiedstext für meine damals noch ungeborene Enkelin Elodie zu schreiben. Ich wollte ihr sagen, was im Leben wirklich zählt, weil man das erst am Ende des Lebens realisiert. Wenn es zu spät ist. Wenn es vorbei ist. Doch der Text ist mir total entglitten und es wurde ein surrealistischer Lebensratgeber in Romanform.

Welche Bücher lesen Sie selbst gegenwärtig?

Keine. Ich lese täglich ca. drei Stunden die internationale Presse: Hongkong, Philippinen, Europa und später USA. Mehr geht nicht. Die Spätfolgen der erfolgreichen Knochenmarktransplantation haben nicht nur 60 Prozent meiner Lunge abgestossen, sondern auch die Augen und anderes mehr geschädigt.

Wann darf Ihre Fangemeinde Ihr nächstes Buch erwarten?

Im August erscheint »Dirty Talking«. Ob es dann noch ein nächstes Buch geben wird, weiss ich nicht. Ich bin letztes Jahr an einem weiteren Krebs erkrankt. Das ist nach 12 Jahren Immunsupression nicht ungewöhnlich, aber auch kein Trost. Dann hat die Polyneuropathie, eine weitere Spätfolge der Bestrahlungen, die Nerven in den Händen geschädigt. Ich kann nicht mehr stundenlang schmerzfrei tippen. Diktieren kommt für mich nicht in Frage, denn ich bin ein impulsiver Schnellschreiber, der permanent korrigiert. Da würde jede Schreibkraft den Verstand verlieren.

Wie wird man mit einer solchen Situation fertig?

Selbstmitleid ist Zeitverschwendung. Man muss sich über das freuen, was noch möglich ist und nicht über das ärgern, was nicht mehr möglich ist. Ich habe trotzdem viel Freude am Leben. Ich habe ein sehr inniges Verhältnis zu meinem Sohn und eine ausserordentliche Frau, die mich mit viel Liebe und Humor durch mein Martyrium begleitet. Mit ihrer Lebensfreude hat sie die philippinische Sonne in meinen Alltag gebracht. In ihrer Kultur zählt nur die Gegenwart.


Interview: Jörg Weber

www.cueni.ch


Biografie kompakt

Claude Cueni

Geboren 1956 in Basel. Muttersprache Französisch. Nach dem frühzeitigen Abbruch der Schule reiste Cueni durch Europa, schlug sich mit zwei Dutzend Gelegenheitsjobs durch, die immer auch der Stoffbeschaffung dienten. Nach  zehn erfolglosen Jahren veröffentlichte er Hörspiele, Theaterstücke, Krimis und über 50 Drehbücher für Film- und Fernsehen.


 

 

109 Blick »Fortschritt durch kulturelle Aneignung«

155 nach Christus schwärmte der griechische Autor Aelius Aristides für Globalisierung und kulturelle Aneignung. Entlang der Handelsrouten wurden Produkte getauscht, zu Hause kopiert und weiterentwickelt. «Cultural appropriation» führte meistens zu einer Bereicherung und Beschleunigung des Fortschritts. Ohne diese gegenseitige Inspiration würden heute noch grosse Teile der Menschheit als Nomaden durch die Steppen ziehen, mit Holzspeeren ihr Mittagessen jagen und Emojis an die Höhlenwände malen. Einige würden bereits in der Bronzezeit leben, andere zum Mond fliegen.

 

Um zu realisieren, wie bescheuert die Kritik der «kulturellen Aneignung» ist, muss man das konsequent zu Ende denken: People of Colour dürfen dann weder Handy noch Internet nutzen, keine Autos fahren, keine Lifte betreten, keine Antibiotika einnehmen. Und kein Nichtweisser dürfte «Give peace a chance» singen. Denn all diese Errungenschaften wurden nun mal von Weissen vollbracht, aber kein Bleichgesicht käme auf die Idee, People of Colour die Nutzung ihrer kulturellen Leistungen übel zu nehmen.

 

Im Gegenteil: Es ist uns völlig egal, ob Nichtweisse jodeln, in Appenzeller Trachten herumlaufen oder Fondue essen. Wir sehen das eher als Kompliment. Und haben wir nicht selbst arabische Zahlen, Geometrie, Astronomie, Schiesspulver, Papierherstellung, den Blues und vieles mehr übernommen? 

 

Darf man sich morgen noch exotische Sprachen aneignen? Es ist schon erstaunlich, dass diese Absurditäten Universitäten erobern. Wie wohlstandsverdorben muss man sein, um solche «Probleme» zu erfinden? Erleben wir nicht bereits in der Gastronomie, wie kulturelle Aneignung Speisekarte und Lifestyle bereichern?

 

Wer diese gegenseitige Befruchtung ablehnt, erschwert die Verständigung zwischen den Kulturen, grenzt sich ab und spaltet die Gesellschaft wie Rechtsextreme, die Fremdartiges ablehnen. Auch wenn die Motivation eine andere ist. 

 

Die Welt ist nun mal bunt wie die Natur und hat nichts übrig für diesen totalitären Zeitgeist. Tragen Sie Dreadlocks, tanzen Sie Samba, kochen Sie indonesisch und schicken Sie Ihre Kinder in Indianerkostümen an die Fasnacht. Wenn jemand damit ein Problem hat, ist es sein Problem und nicht Ihr Problem.

Verlängert Nestlé Putins Krieg?

Gastkommentar, Blick vom 21.3.2022

Die Arbeitsgruppe Dritte Welt Bern nannte 1974 ihre Studie «Nestlé tötet Babys» und kritisierte das Marketing, das dazu führe, dass stillfähige Mütter ihren Babys lieber Nestlés Milchpulver verabreichten und dieses mit verunreinigtem Wasser zubereiteten. In späteren Jahren wurde dem weltweit grössten Nahrungsmittelkonzern vieles vorgeworfen: Tierversuche, Kinderarbeit, die Zerstörung des Regenwaldes und die Gewinnung von Flaschenwasser, das je nach Region zu einem Absinken des Grundwasserspiegels führte.

Nestlé wurde zu einem Lieblingsfeind der NGOs. Wer Nestlé bashte, war stets auf der sicheren Seite. Denn alles, was «multinational» ist und erfolgreich Milliarden umsetzt, ist für viele bereits des Teufels. Man vergisst dabei gern, dass es nicht Secondhandshops sind, die Schulen, Spitäler und Sozialsysteme finanzieren. Trotzdem muss Kritik geübt werden, wenn Kritik angebracht ist. Aber 1974 ist nicht 2022.

Der Naturforscher Alexander von Humboldt (1769–1859) sagte einst, die gefährlichste aller Weltanschauungen sei die Weltanschauung derer, die sich die Welt nie angeschaut haben. Hat einer der Anti-Nestlé-Demonstranten jemals einen Geschäftsbericht von Nestlé gelesen?

2017 wurde der deutsche Mark Schneider CEO und begann im Eiltempo einen Konzern umzukrempeln, der in 189 Ländern 328 000 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter beschäftigt. Das zu Recht kritisierte Wassergeschäft in den USA wurde grösstenteils abgestossen, Schneider steckte rund eine Milliarde in fleischlose Ernährung, stufenweise Reduktion von Zucker und Salz, umweltfreundliche Verpackungen und nachhaltiges Wirtschaften. Nicht zur Freude aller Aktionäre. Haben die Nestlé-Hater diesen Wandel nicht mitbekommen? Auch wenn die Motive mehrheitlich geschäftlicher Natur sind, ändert es nichts daran, dass der Konzern grüner wird, als man sich das jemals hätte vorstellen können.

Nach «Nestlé tötet Babys» skandiert man heute, dass Nestlé Putins barbarischen Krieg mitfinanziert. Aus diesem Narrativ lassen sich eindrückliche Fotomontagen kreieren. Doch es geht nicht um Rohstoffe, Elektronik oder militärisch nutzbares Material, das den Krieg verlängern würde. Es geht um Nahrungsmittel, die in Russland für den russischen Markt produziert werden und 7000 Angestellten (und ihren Familien) ein geregeltes Einkommen sichern. Ähnlich wie Nestlé verfahren auch Konkurrenten wie Mondelez, Danone und Unilever.

Man kann das kritisieren, wenn man abends friedlich in einem Wohnzimmer sitzt, das mit russischem Gas geheizt wird, und dabei eine Pizza Buitoni (Nestlé) isst, anschliessend einen Becher Häagen-Dazs (Nestlé) geniesst und sich zum Abschluss einen Nespresso genehmigt.

Ein Kollege von mir lebt in Russland, ist in der Ukraine geboren, dort lebt auch seine gesamte Verwandtschaft. Putins Krieg hat seinen internationalen Onlineshop ruiniert. Bei einem Produktions- und Lieferstopp von Grundnahrungsmitteln würde sich die Wut nicht gegen Putin richten, sondern gegen den Westen. Das würde eine Normalisierung nach Kriegsende doch erheblich erschweren.

Wer wirklich Putin mit Boykotten finanziell austrocknen will, muss aufhören, täglich (!) für 660 Millionen Euro russisches Gas und Öl zu importieren und in Kauf nehmen, dass auch eigene Betriebe lahmgelegt werden und zu Hause ein bisschen gefroren wird. Frieren für den Frieden? Lieber nicht, werden einige sagen, und eine gelbblaue Fahne aus dem Fenster hängen und ein paar bunte Smarties (Nestlé) einwerfen. 

 

108 Blick »Von linken und rechten Faschisten«

«Wenn der Faschismus wiederkehrt, wird er nicht sagen: ‹Ich bin der Faschismus.› Nein, er wird sagen: ‹Ich bin der Antifaschismus.›» Das Zitat stammt vom italienischen Sozialisten Ignazio Silone (1900– 1978), nachzulesen in François Bondys Buch «Pfade der Neugier: Portraits».

Die Antifaschisten nennen sich heute «Antifa» und marschieren meist vermummt mit Slogans wie «Zürich nazifrei» durch die Strassen. Stehen die Nazis etwa kurz vor der Machtübernahme?

Im Jahr 2020 wurden gemäss dem Lagebericht 2021 des Nachrichtendienstes des Bundes 208 Ereignisse im Bereich Links- und 21 Ereignisse im Bereich Rechtsextremismus beobachtet. Bei den Gewalttaten wurden beim Linksextremismus 107 Fälle registriert, beim Rechtsextremismus ein Fall.

Hat etwa die Antifa die Schweiz bereits erfolgreich von den Nazis gesäubert? Oder macht sie aus einer überschaubaren Gruppe militanter Extremisten gleich eine halbe Armee, um ihre Saubannerzüge zu legitimieren und ihre Aktionen noch heldenhafter erscheinen zu lassen?

Rechtsextremisten und Linksextremisten sind Brüder und Schwestern im Geiste. Sie haben mehr Gemeinsamkeiten mit Mussolinis Schlägerbanden und der Prügeltruppe des russischen Innenministeriums (Omon), als ihnen lieb ist.

Der heute 86-jährige Horst Mahler sorgte in Deutschland als linker Terrorist für Furore, heute ist er Neonazi und Holocaustleugner. Er hält seine 180-Grad-Pirouette nicht für einen Seitenwechsel, sondern für eine Weiterentwicklung. Geblieben ist der Extremismus. Wechsel ohne Wandel gibt es auf beiden Seiten.

Der Engländer Matthew Collins gehörte einst zur rechtsextremen Combat-18-Gruppe, heute kämpft er gegen seine einstigen Kumpels.

Qaasim Illi, Vorstandsmitglied des Vereins Islamischer Zentralrat Schweiz (IZRS), wurde 2005 in Schaffhausen wegen des Besitzes von verbotener Pornografie mit menschlichen Ausscheidungen verurteilt. 2020 trägt er Bart und wird wegen Veröffentlichung zweier islamistischer Propagandavideos verurteilt.

Was die meisten linken und rechten Extremisten oft gemeinsam haben: Antisemitismus, Antikapitalismus, Demokratiefeindlichkeit und Missachtung der Meinungsfreiheit. Einem totalitären Staat sind sie selten abgeneigt. Sofern sie alleine am Steuer sitzen.


Claude Cueni schreibt jeden zweiten Freitag im Blick. Zuletzt erschienen im Verlag Nagel & Kimche die Romane «Genesis» (2020) und «Hotel California» (2021).

Im August 2022 erscheint der Thriller »Dirty Talking«.

107 Blick »Tote Pferde kann man nicht reiten«

Der kleine Junge erschrak zu Tode. Ein zotteliger Eisbär von zwei Meter Länge hatte seine riesigen Pranken auf seine Schultern gelegt. Er schrie, doch seine Eltern lachten ihn aus. Sie befahlen ihrem Sohn, endlich stillzuhalten, damit der Fotograf an der Strandpromenade Ostseebad ein unverwackeltes Bild schiessen konnte. 

Heute findet man ab und zu auf Flohmärkten vereinzelt Schwarz-Weiss-Fotos, auf denen Touristen mit einem Eisbären posieren. Die Unbekannten im Eisbärenkostüm sitzen auf Motorrädern, posieren mit US-Soldaten, schieben Kinderwagen, stehen stramm neben Geschäftsleuten in feinem Tuch oder herzen Frauen in Badeanzügen in einer zweideutig frivolen Art, die heute eine hysterische Bärenjagd auslösen würde

Den Hype ausgelöst hatte der Berliner Zoo in den 1920er-Jahren. Um die Attraktivität zu erhöhen, steckte er einen hitzebeständigen Angestellten in ein schneeweisses Eisbärenkostüm und schickte ihn zusammen mit einem Fotografen vor den Eingang. Heute kann man in den Niederlassungen von Madame Tussauds in London, New York oder Shanghai mit Albert Einstein, Queen Elisabeth oder Dwayne Johnson posieren. Damals waren solche Erinnerungsfotos so aussergewöhnlich, dass daraus ein Geschäft wurde. Eingespielte Duos traten an Jahrmärkten auf und sicherten sich damit ein gutes Einkommen. Ein Fotoshooting kostete mehr, als ein Arbeiter in der Stunde verdiente. 

Nie das Ende von allem

Ende der Sechzigerjahre besassen immer mehr Menschen einen eigenen Fotoapparat, Kameras aus Fernost eroberten den Massenmarkt, das Schwitzen im Eisbärenkostüm hatte ein Ende. Die Fotografen suchten sich neue Sujets, denn «auf toten Pferden kann man nicht reiten». Wer die Weisheit der Dakota-Indianer nicht beherzigte, den bestrafte das Leben. Kostümierte Maskottchen wurden im Fussball, in Disneyparks und vor Fast-Food-Ketten gebräuchlich, aber die Zeit der Eisbären war endgültig vorbei. 

Der technische Fortschritt beendet sowohl die kleinen als auch die grossen Hypes, die der Zeitgeist ausscheidet. Er lässt Branchen sterben und neue entstehen. Das Ende von etwas ist nie das Ende von allem.

Die Eisbären sind verschwunden, der Drang nach dem «besonderen Foto» ist geblieben. Im Selfiezeitalter ist jeder sein eigener Eisbär.

106 Blick »Licht aus«

 

Wo der Herr nicht die Stadt behütet, dort wacht der Wächter umsonst», heisst es in Psalm 127. Doch da der Herr keine Securitas-Dienste verrichtet, wurde in den rasch anwachsenden Städten des 18. Jahrhunderts ein neuer Beruf geboren: der Nachtwächter.

Er sorgte für Law and Order und sagte sogar die Stunden an, was Schlafende bestimmt brennend interessiert hat.

Die Zeitanzeige diente vor allem dem Nachweis, dass er seinem Beruf nachkam. Eine frühe Version der Stechuhr. Mit Hellebarde, Schlüsselbund, Laterne und Horn schritt er die Gassen ab, überprüfte die Stadttore und erfüllte auch polizeidienstliche Aufgaben. Trotzdem entsprach sein Ansehen in etwa dem des Henkers. Man war auf ihn angewiesen, aber man mochte ihn nicht.

Mit dem weiteren Anwachsen der Städte wurde der nächtliche Allrounder allmählich durch Feuerwehren und Polizeidienste ersetzt, und nach der Elektrifizierung der Städte war er nur noch Geschichte. Es wurde Licht.

Heute möchten Lichtskeptiker diese Errungenschaft am liebsten rückabwickeln, doch aus gutem Grund gab es bereits in der Antike Strassenbeleuchtungen. Öllampen in Mauernischen boten Lichtpunkte, die Spätheimkehrern die Orientierung erleichterten. Vermögende konnten sich zwar einen Sklaven leisten, der ihnen mit einer Fackel voranging, aber in der Regel blieben die Menschen nach Einbruch der Nacht zu Hause. Auch aus Sicherheitsgründen.

Das leuchtete auch dem Sonnenkönig Louis XIV. (1638–1715) ein. Ab 1667 wurden die Strassen von Paris mit Öllampen beleuchtet. In einer Zeit, in der man den Nachttopf noch aus dem Fenster kippte, war es hilfreich, wenn man sah, wohin man trat. Es ging dem König aber nicht um die Verhinderung von Schenkelhalsbrüchen, sondern um das Verscheuchen von kriminellem Gesindel.

Die Zeit der Aufklärung war in doppeltem Sinn die Zeit der Lichter (siècle des lumières). Nicht alle mochten sie. In Winterthur stritten Anfang des 19. Jahrhunderts Konservative gegen Modernisten, weil künstliches Licht angeblich einen Eingriff in die göttliche Ordnung darstellt. Heute fordern einige ein staatliches Verbot von nächtlicher «Lichtverschmutzung» im Stadtgebiet. Gilt für Mieter in Hochhäusern demnächst Lichterlöschen ab Mitternacht?

105 Blick »Die Toten ruhen, die Hinterbliebenen streiten«

Man könnte viele Beispiele für unsinnige Ausgaben nennen, aber keines ist treffender als die Errichtung einer Friedhofsmauer. Die, die drinnen sind, können sowieso nicht hinaus, und die, die draussen sind, wollen nicht hinein.» Mark Twain

 

Bereits vor rund 120 000 Jahren begruben einige Homo sapiens Verstorbene in ihren Siedlungen. Die Ägypter errichteten den Pharaonen Pyramiden, die Römer ihren Adligen luxuriöse Grabmäler auf öffentlichen Plätzen. Weniger Berühmte verbannte man ausserhalb der Stadtmauern, Arme wurden eingeäschert.

 

Nachdem Kaiser Konstantin die christliche Religion anerkannt hatte, entstanden Kirchen mit angebauten Friedhöfen. Die Pest im 14. Jahrhundert führte dazu, dass man Verstorbene vermehrt ausserhalb der Städte begrub, und 500 Jahre später wurde es zur neuen Normalität, weil die Städte aus allen Nähten platzten.

 

Es war schliesslich Napoleon, der 1804 in den von ihm besetzten Gebieten eine Bestattungs- und Friedhofsordnung verordnete. Am Stadtrand entstanden nun parkähnliche Friedhöfe, die nach dem immer gleichen Muster angelegt waren. Mit diesen Reihengräbern wollte Napoleon deutlich machen, dass der Tod alle Menschen gleich macht.

 

1970 bekannten sich in der Schweiz noch 96 Prozent der Bevölkerung zu einer der beiden Landeskirchen. Dreissig Jahre später sind es noch 56 Prozent und 31 Prozent Religionslose. Die restlichen Prozente teilen sich muslimische, jüdische, buddhistische und hinduistische Gläubige. Einige stören sich nun an den christlichen Symbolen auf Schweizer Friedhöfen.

 

Dass Trauernde sehr empfindlich sind, ist verständlich, haben sie doch einen geliebten Menschen verloren. Und viele unter ihnen begegnen an der Beerdigung auch noch all jenen Verwandten, denen man seit Jahren erfolgreich aus dem Weg gegangen ist.

 

Napoleon würde sich dennoch nicht im Grab umdrehen, wenn er miterleben müsste, wie die Fragmentierung der Gesellschaft weiter voranschreitet und jeder die Erfüllung seiner Partikularinteressen verlangt. Er ruht nämlich im Pariser Hôtel des Invalides.

 

Eine für die Steuerzahler günstige Lösung wäre eine Videowand, die Porträts der Verstorbenen oder Hintergründe mit religiösen Motiven abspielt. Eine Multimedia-Jukebox für die Hinterbliebenen.

104 Blick »Tim & Struppi bei den Nazis«

«Wenn ich eine Tochter hätte, würde ich ohne Zweifel zögern, ihre Heirat mit einem Ausländer gutzuheissen, und zwar, um ihr zukünftige Probleme zu ersparen. Wenn ich so darüber nachdenke, vielleicht bin ich immer noch ein Rassist.» Ein spätes Bekenntnis von Georges Remi (1907–1983) alias Hergé aus dem Jahr 1973 im Magazin «Le Point». Der Mann, der Grossartiges geleistet hat, war als Mensch alles andere als grossartig. Nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges wurde er wegen Kollaboration mit den Nazis verurteilt.

 

In diesem Monat wird seine Kultfigur Tim 92 Jahre alt. Das umstrittenste Abenteuer fand im Kongo statt. Der Band erschien 1931, während in europäischen Völkerschauen «halbnackte Neger» wie Tiere zur Schau gestellt wurden. Ausserhalb der Menschenzoos waren die Strassen elektrifiziert, Wolkenkratzer ragten in den Himmel, Dampfschiffe, Züge und Autos verkürzten die Reisewege und Uhren gaben den Takt an. Die Zeitgenossen hielten Weisse deshalb für überlegen und Hergé, ein Kind seiner Zeit, zeichnete einen jungen, weissen Reporter, der von vier Kongolesen in einer Sänfte durch die Savanne getragen wird.

 

Erstaunlich, denn damals berichtete bereits die gesamte Weltpresse über die Kongo-Gräuel des nimmersatten belgischen Königs Leopold II. Acht bis zehn Millionen Kongolesen waren zwischen 1888 und 1908 ermordet worden, um die Gewinnung von Kautschuk für die boomende Automobilindustrie zu beschleunigen. Hergé muss das gewusst haben. Kein Verleger würde heute so was drucken.

 

Muss man also dieses Album verbieten?

 

Der Kongolese Bienvenu Mbutu Mondondo meint: ja! Er klagte 2012 vor einem belgischen Gericht, dass der Comic Schwarze als «notorische Faulenzer» darstelle und dass sie «aussehen wie Affen und wie Geistesgestörte reden». Das Gericht entschied, die Klage sei durchaus zulässig, aber unbegründet, weil sie nicht gegen das Rassismus-Gesetz von 1981 verstosse. Vielmehr spiegle Hergés Darstellung der Afrikaner die damalige Zeit wider.

 

Geschichte ist oft abscheulich, skandalös und abstossend. Verbieten bedeutet, den damaligen Zeitgeist zu leugnen und die Vergangenheit zu verfälschen. Wie soll man die Gegenwart verstehen und daraus lernen, wenn Geschichte gelöscht wird?


Claude Cueni ist Schriftsteller und lebt in Basel. In seinem parodistischen Roman «Warten auf Hergé» machen sich Tim & Struppi auf die Suche nach ihrem Schöpfer.


 

Weltwoche: Der grosse Reset muss warten

© Die Weltwoche
13. Januar 2022 / leicht aktualisierte Fassung vom 18. Mai 2022


Der grosse Reset muss warten


Claude Cueni


Ich bin kein Marketingmann in eigener Sache, sondern – wenn Sie so wollen – eine asoziale Figur», kokettierte der Gründer des World Economic Forum (WEF), Klaus Schwab, 83, im Gespräch mit seinem Biografen Jürgen Dunsch. Der deutsche Professor Schwab, der sich gerne in der Pose des Messias inszeniert, sagt Sätze wie: «Ich verbringe nicht gerne Zeit mit Menschen, die mich geistig nicht weiterbringen.» Besonders schätzt er die Gespräche mit der «grossen Führungspersönlichkeit» Prinz Charles, einem seit Geburt steuerfinanzierten Privatier, der das Klima retten will. Innerhalb und ausserhalb der Familie.

1971 veranstaltete Klaus Schwab mit seiner Frau Hilde ein Management-Symposium in Davos. Es kamen 440 Teilnehmer. Fünfzig Jahre später waren es bereits 3000, darunter Staatsoberhäupter, Wissenschaftler, die Schwergewichte aus Finanz und Wirtschaft, und Weltstars aus der Unterhaltungsindustrie. Soziologieprofessor Jean Ziegler, 87, ärgert sich: «Ihm gelingt es, mit seinem WEF-Zirkus, der nichts anderes ist als heisse Luft, ein Millionenvermögen zu machen.»

Der Umsatz von Schwabs steuerbegünstigter Stiftung überstieg vor der Pandemie die 300-Millionen-Grenze, mittlerweile beschäftigt das im Kanton Genf domizilierte World Economic Forum 700 Vollzeitmitarbeiter aus über achtzig Nationen. Industrie- und strategische Partner bezahlen für eine Teilnahme an den Initiativen des Forums zwischen 250 000 und 500 000 Schweizer Franken. Seit 2015 ist das WEF in der Schweiz als gemeinnützige internationale Organisation anerkannt und hat somit die gleichen Privilegien wie das Rote Kreuz.

Was verdient Schwab mit seinem Business, das er unter dem Label «Weltenrettung» betreibt? Als Vorsitzender des Stiftungsrates und Präsident der Stiftungsleitung in Personalunion zahlt er sich ein Jahressalär von rund 800 000 Schweizer Franken aus. Im Vergleich zu seinen illustren Gästen ein eher bescheidenes Einkommen. Doch Schwabs Datingplattform für die Weltelite ist heute eine gutgeölte, Bundessteuer-befreite Geldmaschine.

Die Einnahmen gehen an Schwabs Stiftung, die Ausgaben für die Sicherheitsmassnahmen in Davos werden hingegen dem Schweizer Steuerzahler aufgebürdet: 45 Millionen Franken (2020). Das WEF, das über Reserven von über 300 Millionen Franken verfügt, beteiligte sich bisher lediglich mit rund 2 Millionen. Schwab rechtfertigt die Kostenaufteilung mit der Bedeutung des WEF für die Welt. Er erwähnt Erfolge wie das Davoser Abkommen zwischen der Türkei und Griechenland. Er habe es persönlich eingefädelt und damit einen Krieg verhindert. Manchmal sagt er auch: «Eigentlich ist es [das WEF] ein grosses Familientreffen.» Das Motto bleibt gleich: «Improving the state of the world» – den Zustand der Welt verbessern. Nicht mehr und nicht weniger.

 

«The world is not enough»

In der Öffentlichkeit wirkt Klaus Schwab stets etwas steif und schüchtern. Aber das täuscht. Sein Ego kennt keine Grenzen. Es ist so gross, dass er sich mit fremden Federn schmücken muss. Unverdrossen behauptet er, Urheber der Stakeholder-Theorie zu sein. Diese wurde jedoch bereits 1963 am amerikanischen Stanford Research Institute entwickelt. Angesichts der in der Tat eindrücklichen unternehmerischen Leistung hat er das nicht nötig, aber «The world is not enough».

Ein früherer WEF-Manager schildert, wie Schwab interne Diskussionen abwürgt: «Ich weiss, ich habe recht. Die Frage ist nur, wann.» Folgerichtig ist sein Forum kein Ort für reale Debatten. Wer unfehlbar ist, braucht keine second opinion. Wenn in der römischen Antike ein siegreicher Feldherr im Streitwagen über das Forum zum Capitol fuhr, hatte er stets einen Sklaven dabei, der ihm zuflüsterte: «Bedenke, dass du nur ein Mensch bist.» Auf Klaus Schwabs Triumphwagen hat es nur Platz für Klaus Schwab.

Er beteuert, dass am Weltwirtschaftsforum auch kritische Stimmen Platz haben. Das gilt jedoch nur für Gäste, die untereinander kontroverse Meinungen austauschen. Wer hingegen das WEF kritisiert, erhält keinen Zugang, wer kritisch berichtet, wird nicht akkreditiert. Wiederholt machte die Zürcher Wochenzeitung (Woz) diese Erfahrung. Bemerkenswerter war jedoch die schriftliche Begründung: Das WEF bevorzuge jene Medien, mit denen es auch das Jahr über «zusammenarbeite». Eine WEF-Variante von embedded journalism? Hofberichterstattung wird mit Einladungen ans Weltwirtschaftsforum belohnt.

Seit 1998 residiert das WEF in einem futuristisch anmutenden Gebäudekomplex hoch über dem Genfersee. Wenn Besucher den Firmensitz besuchen, sehen sie als Erstes neben dem Eingang ein Ölgemälde mit dem Konterfei von Klaus Schwab. Das erinnert an den Personenkult vergangener Zeiten.

Doch das WEF hat sein Hauptquartier nicht in Peking, sondern in Cologny, einer der teuersten Gemeinden der Schweiz. Für einen Quadratmeter Bauland bezahlt man bis zu 38 000 Schweizer Franken. Schwab überblickt von seinem lichtdurchfluteten Büro aus die malerische Landschaft der Schweizer Riviera. Je höher die Teppichetage, desto kleiner und unbedeutender erscheinen die Menschen unten auf den Strassen.

Schwab ist ein Kind der Teppichetage, das in einem eigenen Universum aufwuchs. Sein Vater war kaufmännischer Direktor des Zürcher Maschinenbauers Escher Wyss (seit 1969 Sulzer AG). Schwab sagt Sätze wie: «Wenn es uns allen schlechtgeht, kann es dem Einzelnen nicht gutgehen.» Geht es Klaus Schwab schlecht? Er hat den «planetarischen Notfall» diagnostiziert. Wer, ausser Klaus Schwab, könnte das Unheil noch abwenden?

Deshalb haben er und ein Autorenteam ein Buch geschrieben: «Covid-19: The Great Reset» («Covid-19: Der Grosse Umbruch)», ein Plädoyer für eine «Neugestaltung der Welt», wie sie in keiner Demokratie zu verwirklichen ist. Obwohl er im Vorwort sein Buch «einen bescheidenen Beitrag» nennt, lässt er auf rund 330 Seiten keinen Zweifel daran, dass hier ein bedeutendes Manifest «zur Rettung der Welt» vorliegt. Mit dem Buch will er «den richtigen Weg weisen», und es versteht sich von selbst, dass nur Klaus Schwab den richtigen Weg kennt.

Er malt den Zustand der Welt in düsteren Farben, eine Dystopie jagt die andere, er warnt vor sozialen Unruhen, gar vor Revolutionen – und bevor wir vollends in Panik geraten, reicht uns der Erlöser die Hand und präsentiert sein «Komitee zur Rettung der Welt», die absolute Herrschaft der Technokraten, Weltkonzerne und internationalen Organisationen, eine radikale Transformation von oben nach unten. Es ist ein Plädoyer für historisch gescheiterte Theorien, die dem Menschen nur staatliche Misswirtschaft, weniger Wohlstand, Pressezensur und eine tiefere Lebenserwartung beschert haben.

Er schreibt, die Pandemie müsse als «Gelegenheit genutzt werden, um institutionelle Veränderungen in die Wege zu leiten» und einen Reset zu erzwingen. Auch Wolfgang Schäuble, von 2009 bis 2017 deutscher Finanzminister, sagte in einem Interview mit der Hannoverschen Allgemeinen: «Der Widerstand gegen Veränderungen wird in der Krise geringer. Wir können die Wirtschafts- und Finanzunion, die wir politisch bisher nicht zustande gebracht haben, jetzt hinbekommen.»

 

Angst gebiert falsche Propheten

Daraus schliessen Verschwörungstheoretiker, Covid-19 sei von langer Hand geplant worden, und verweisen auf den «Event 201», der am 18. Oktober 2019 in New York stattfand. Das Johns Hopkins Center for Health Security hatte damals mit dem WEF, der Bill & Melinda Gates Foundation und Seuchenexperten eine Pandemie durchgespielt. Bei Verschwörungstheoretikern ist der «Event 201» genauso beliebt wie die «Area 51», die angeblich gefakte Mondlandung und «Elvis lebt».

Dabei ist es ziemlich normal, dass sich Gesundheitsminister mit Seuchenexperten zusammensetzen, um Pläne für den Ernstfall auszuarbeiten, zumal wir auch in Zukunft Pandemien erleben werden, ausgelöst von sogenannten Zoonosen, vom Tier auf den Menschen übertragbaren Infektionskrankheiten. Katastrophenpläne braucht man, bevor man welche braucht, und heute dringender denn je. Täglich starten über 200 000 Flugzeuge und bringen Menschen und Viren von einem Ort zum andern. Was früher in eine Epidemie ausartete, wird heute gleich zur Pandemie.

Covid-19 ist real, doch immer mehr Regierungen, Parteien und Institutionen sehen darin eine einmalige Chance, die Angst der Bevölkerung auszunützen. «Angst hat die Götter erschaffen», sagte der römische Philosoph Lucretius, aber Angst gebiert auch Despoten und falsche Propheten. Man beruhigt die Bevölkerung damit, dass die Massnahmen, sowohl die sinnvollen als auch die weniger sinnvollen, lediglich vorübergehend sind. Vorübergehend bedeutet in der Politik stets: für immer.

1915 erhob der Bund wegen des Ersten Welts eine «direkte Bundessteuer», die er «Kriegssteuer» nannte, ab 1934 «Krisenabgabe», und nach Ausbruch des Zweiten Weltkriegs hiess sie «Wehrsteuer». Der Krieg ist vorbei, die direkte Bundessteuer ist geblieben. Und genau das – die Fortführung der Massnahmen – befürchten viele nach Ausklingen der Pandemie. Weil Politik und Medien kaum noch Vertrauen geniessen.

Wie in jedem populären Katastrophenfilm folgt im letzten Buchkapitel die Erlösung: Ein Technokratenkomitee zur Rettung der Welt beendet die «Tyrannei des BIP-Wachstums». Eine «globale Ordnungsmacht» nach marxistischen Prinzipien bringt eine aus den Fugen geratene Welt wieder in Ordnung, angeführt von einer EU im Weltformat unter dem Kommando von WHO, Uno, dem Internationalen Währungsfonds (IWF) und dem «Grossen Steuermann» Klaus Schwab.

Wäre die Welt ein Computerspiel, «Sim City – The Pandemic», der Spieler würde gleich zu Beginn Schwabs «Great Reset» umsetzen, die Demokratie abschaffen und das chinesische Social-Credit-System einführen. Nur, wir sind keine Pixel, und kontroverse Debatten sind die Tugend der Demokratie.

Selbst wenn man Schwabs Kernaussagen eins zu eins zitiert, wird man von ihm umgehend als Verschwörungstheoretiker diffamiert. Schwab ist dünnhäutig. Vielleicht sollte er sein eigenes Buch nochmals lesen.

Ein wichtiger Punkt in Schwabs «Neugestaltung der Welt» ist die Abschaffung des Bargeldes. Das Argument «Schwarzgeld unterbinden» war nicht wirklich überzeugend, das Argument «Hygiene» schon eher. Bestrebungen gab es bereits vor Ausbruch der Pandemie, denn der Staat braucht die Möglichkeit, bei Bedarf die digitalen Sparguthaben der Bevölkerung per Mausklick zu plündern. Wie 2013 auf Zypern, als übers Wochenende der «grösste Bankraub der Geschichte» (Spiegel) abgewickelt wurde.

Wir wissen alle, dass man die weltweite Staatsverschuldung von aktuell 62,5 Billionen Dollar nicht mehr anständig tilgen kann. Wenn man in Schwabs global überregulierter Welt nur noch mit dem Handy bezahlt, kann sich das «Komitee» per Mausklick direkt bedienen. Wer das Bargeld kapert, kapert den Menschen.

 

Reisende soll man nicht aufhalten

Ergänzt man Schwabs «Gesundheitszertifikat am Handgelenk» mit Tracing- und Traffic-Funktionen, sind wir schon ziemlich nah beim chinesischen Social-Credit-System, das jedes Fehlverhalten mit Bewegungseinschränkungen oder Geldbussen (die in Echtzeit abgebucht werden) bestraft. Wäre es nicht auch für das Klima hilfreich, wenn der CO2-Fussabdruck jedes Individuums sichtbar wäre? Ein grünes Social-Credit-System zur Rettung der Erde?

Schwab macht keinen Hehl daraus, dass er das chinesische System mag. Er ist Ehrenbürger der Hafenstadt Dalian in der Provinz Liaoning, 2018 erhielt er die Freundschaftspreismedaille Chinas für seinen Einsatz in der Reform- und Öffnungspolitik. Es kommt nicht von ungefähr, dass das WEF auch in Peking ein Büro betreibt. Es wurde jahrelang von Schwabs Sohn Olivier geleitet, der mit einer Chinesin verheiratet ist. Er hat dort bereits rund 300 Firmen für eine WEF-Mitgliedschaft gewinnen können.

Was Klaus Schwab wirklich denkt, aber nicht sagt, lässt sich auf der Website des World Economic Forums nachlesen. Er lässt die Dänin Ida Auken, ein Mitglied der Young Global Leaders des WEF, für seine «schöne neue Welt» schwärmen. Sie beschreibt das Jahr 2030 so: «Ich besitze nichts, habe keine Privatsphäre, und das Leben war nie besser.» Gilt das auch für den Messias? Nicht erstaunlich, dass die Mehrheit der Schweizer Bevölkerung das WEF als steuerfinanzierte Privatparty einer abgehobenen Elite ablehnt.

Schwab droht ab und zu damit, seine Manege ins Ausland zu verlagern. Reisende soll man nicht aufhalten. Mit Ausnahme der Davoser Hotellerie, der Tourismusvereine und der eingeladenen VIPs würde niemand die Zirkusgäste vermissen, die zu Hunderten in die Schweiz jetten, um den Leuten einzutrichtern, dass sie dem Klima zuliebe auf Flugreisen (und einiges mehr) verzichten sollten. Bei den anschliessenden Partys mit Apéro très riche bedauert die «Grossfamilie», dass sich so viele Menschen ausgeschlossen fühlen.

Wie viele Technokraten, die privilegiert aufgewachsen sind, versteht auch Schwab die Natur des Menschen nicht wirklich. Er glaubt, dass die Gesellschaft während und nach der Pandemie mehr Empathie und Solidarität zeigen wird.

Die Geschichte belegt das Gegenteil. Epidemien und Pandemien haben die Gesellschaft stets gespalten und zu egoistischem und asozialem Verhalten geführt, weil jeder Nachbar eine potenzielle Gefahr darstellte. Nur gerade nach örtlich und zeitlich begrenzten Naturkatastrophen beweisen die Menschen Solidarität. Schwab unterschätzt die Natur des Menschen, den Drang nach Selbstbestimmung und Freiheit.

Während in China (mit Ausnahme von Hongkong) kaum jemand vermissen wird, was er nie genossen hat, zeigen die gesellschaftlichen Verwerfungen in der westlichen Welt, dass wir uns nicht zu einem kleinen Pixel degradieren lassen werden, das von einem Software-Algorithmus gesteuert wird und uns von der Wiege bis zum Tod begleitet, bevormundet, belohnt und bestraft. Schwabs Utopie nützt nur den Technokraten, die sie entworfen haben.


 

103 Blick »Ich esse meine Freunde nicht«

 In der Antike assen die Menschen selten Fleisch. Zu teuer. Fleisch war den Reichen vorbehalten. Das ist heute nicht anders. Während in armen Ländern wie Bangladesch oder Mosambik weniger als sieben Kilo Fleisch pro Kopf und Jahr verspiesen werden, sind es in den USA und Australien über 100 Kilo.

Zu den frühen Vegetariern gehörten um 500 v. Chr. die Anhänger des Universalgelehrten Pythagoras: Sie hielten fleischlose Ernährung für gesünder und hilfreicher für die Askese. Doch erst 1801 wurde in London ein Vegetarier-Verein gegründet. Der irische Literaturnobelpreisträger (1925) George Bernard Shaw (1856–1950) schrieb: «Tiere sind meine Freunde, und ich esse meine Freunde nicht.»

Heute gehört fleischlose Ernährung in Industrieländern mehrheitlich zum Lifestyle einer jungen, gut ausgebildeten urbanen Gruppe, aber es ist noch zu früh, um auf einen weltweiten Trend zu schliessen. Der Westen ist nicht die Welt. Nicht alle auf diesem Planeten können sich den Luxus leisten, woke zu leben.

In den vergangenen Jahrzehnten konnten noch nie so viele Menschen einer extremen Armut entkommen. Aber die wollen endlich Fleisch essen. Auch wenn Corona vorübergehend Millionen wieder verarmen liess, wird der weltweite Fleischkonsum nach der Pandemie weiter steigen. Allein in den letzten 20 Jahren hat die Weltbevölkerung um rund 1,6 Milliarden zugenommen.

Es gibt viele nachvollziehbare Gründe, wieso jemand auf Fleisch verzichtet. Manchmal sind es ethische, religiöse, gesundheitliche, ökologische Bedenken oder das Tierwohl.

Da wir immer tiefer in unberührtes Tierreich vordringen, werden Zoonosen, also Übertragungen von Viren von Tier zu Mensch, häufiger auftreten und den Appetit auf Fleisch nicht gerade fördern.

Den Durchbruch für das «fleischlose Fleisch» werden nicht jene erzielen, die Eingänge von Fleischproduzenten blockieren, sondern die von Aktivisten wenig geschätzten Nahrungsmittelkonzerne, die in ihren Labors Fleisch aus Muskelzellen züchten. Stark im Kommen sind auch kreative Start-ups, die Planted Meat produzieren, also pflanzenbasierten Fleischersatz.

Am Ende entscheiden Geschmack, Preis, Marketing und Distributionskanäle über die Akzeptanz. Bis dann gilt: Essen und essen lassen.

Das indiskrete Interview

© Die Weltwoche – 06. Januar 2022



Weltwoche: Wer ist ein Mensch, der zu wenig Anerkennung bekommt?

Cueni: Dr. med. Erika Preisig, die sich international für eine liberale Freitodpraxis einsetzt.

Weltwoche: Wo werden Sie am liebsten gestreichelt?

Cueni: Ich bin da nicht so wählerisch. Gesicht ist gut, Penis ist auch nicht schlecht.

Weltwoche: Verdienen Sie genug?

Cueni: An der Börse: Ja. Als Autor: Nein. Weil mein Verlag seit einem Jahr ankündigt, die Autorenhonorare umgehend zu überweisen.

Weltwoche: Wovor fürchten Sie sich?

Cueni: Vor einem endlos langen Sterben auf einer Intensivstation. Ich mag nicht Schlange stehen.

Weltwoche: Wer ist Ihr Vorbild?

Cueni: Als Teenager Henry Miller. Als Erwachsener vielleicht John Law of Lauriston, der Mann, der nie aufgab und Geld aus Papier erfand.

Weltwoche: Welche Eigenschaften schätzen Sie bei einer Frau am meisten?

Cueni: Humor, Selbstironie, Authentizität, Empathie, ein grosses Herz; die Körbchengrösse ist mir hingegen egal.

Weltwoche: Welcher Bundesrat ist überflüssig?

Cueni: Lügenbaron Alain Berset mitsamt seinem Hut.

Weltwoche: Wer sollte unbedingt in den Bundesrat gewählt werden?

Cueni: Eine Person mit Unternehmerblut, die nicht von der Uni direkt in die Politik ging.

Weltwoche: Wessen Tagebuch würden Sie sofort lesen wollen?

Cueni: Keins. Mein Vater notierte fünfzig Jahre lang, was er zu Mittag ass. Als John F. Kennedy starb, schrieb er: «Hackbraten mit Kartoffelstock. Kennedy erschossen.»

Weltwoche: Welche Ihrer wahrhaftigsten Überzeugungen würden nur die wenigsten Menschen mit Ihnen teilen?

Cueni: Dass Schenken mehr Freude macht als Beschenktwerden.

Weltwoche: Wie oft lügen Sie pro Tag?

Cueni: Lügen ist mir zu kompliziert. Man verstrickt sich früher oder später in Widersprüche.

Weltwoche: Glauben Sie an Gott?

Cueni: Ich glaube nicht an blaue Elefanten, die in meinem Kühlschrank Saxofon spielen. Somit glaube ich auch nicht an Gott.

Weltwoche: Wann hatten Sie das erste Mal Sex?

Cueni: Als Schüler fuhr ich per Autostopp nach Paris, um mit einer Prostituierten Sex zu haben. Datum ist mir entfallen, alles andere ist mir geblieben.

Weltwoche: Welche Waffe haben Sie zu Hause?

Cueni: Die komplette Ausrüstung eines römischen Legionärs mit gladius, pilum und pugio. Seit Herbst 2015 habe ich auch einen Revolver.

Weltwoche: Wären Sie gerne eine Frau?

Cueni: Nein, es wäre zu schwierig, einen einfachen Mann wie mich zu finden, der kaum Ansprüche stellt, seine Frau verwöhnt und sie jeden Tag zum Lachen bringt.

Weltwoche: Was stört Sie an Ihrem Körper?

Cueni: Dass er in Slow Motion zerfällt und ich das bei vollem Bewusstsein mitansehen muss.

Weltwoche: Mit welcher bekannten Frau möchten Sie einen schönen Winterabend verbringen?

Cueni: Bekanntsein ist mir echt zu wenig, das ist nicht abendfüllend. Weniger bekannte haben oft den besseren Charakter, das gilt auch für weniger schöne.

Weltwoche: Nehmen Sie Drogen?

Cueni: Nein, sicher nicht. Meine Fantasie sprudelt von Kindesbeinen an wie eine Fontäne.

Weltwoche: Was ist der beste Ratschlag, den Sie je bekommen haben?

Cueni: Gib auf, du wirst es eh nicht schaffen.

Weltwoche: Würden Sie Ihrem Partner oder Ihrer Partnerin einen Seitensprung verzeihen?

Cueni: Kommt drauf an, ob ich den Kerl mag. Aber eher nicht.

Weltwoche: Warum sind Sie noch nicht Veganer?

Cueni: Ich bin kein dressierter Pudel, der jede Marotte des Zeitgeistes mitmacht. Unter der Woche esse ich Gemüse, Früchte, Eier, Käse. Am Wochenende asiatisch mit chicken oder Fisch, aber stets mit viel Chili.

Weltwoche: Sie dürfen ein neues Gesetz machen. Was gilt ab sofort?

Cueni: Ausländische Sexualstraftäter werden nach Verbüssung ihrer Strafe umgehend ausgewiesen. Der Schutz der Frauen in unserem Land hat Priorität.

Weltwoche: Haben Sie schon getötet?

Cueni: Ich weiss gar nicht, wo ich anfangen soll . . . Eine Menge Trauerfliegen, eine Armee Stechmücken und die eine oder andere Wespe. Bei meinem Vater hat es nicht geklappt.

Weltwoche: Wer hat Sie am meisten geprägt?

Cueni: Das tägliche, stundenlange Training meines spastischen Sohnes über viele Jahre hinweg, der langsame Krebstod meiner ersten Frau, meine anschliessende Leukämieerkrankung, die asiatische Lebensfreude meiner jetzigen Frau.

Weltwoche: Hätten Sie lieber eine andere Nationalität, und wenn ja, welche?

Cueni: Ich möchte weder eine andere Nationalität noch ein anderes Geschlecht. Es ist, wie es ist, und ich mache das Beste daraus.


Claude Cueni: «Genesis» (2020). 304 S., Fr. 36.90; «Hotel California» (2021). 160 S., Fr. 27.90. Beide Romane erschienen bei Nagel & Kimche.


 

Wie mich Ben Hur vom Rauchen befreite

 

Kaum hatte ich als Teenager mit Rauchen angefangen, wollte ich wieder damit aufhören. Aber es war kompliziert. Das Mädchen, das ich gerade kennengelernt hatte, rauchte. Sie bot mir eine Zigarette an. Ich wollte die Frau, aber nicht die Zigarette, und dachte, damit ich die Frau bekomme, muss ich wohl die Zigarette nehmen. Die erste Mary Long schmeckte scheusslich, aber es war der Beginn einer grossen Jugendliebe.

Jahre später wollten wir beide mit dem Rauchen aufhören. Wir warfen unsere Zigaretten in den Müll und schauten uns den Dokumentarfilm von Mario Cortesi an: «Der Duft der grossen weiten Welt» (1980). Er zeigte Cowboys, die durch die Prärie reiten, Marlboro-Männer. Doch als sie aus dem Sattel stiegen und zu reden begannen, verrutschte uns das Gesicht: Die harten Kerle hatten einen Luftröhrenschnitt, und ihre Stimmen waren kaum verständlich. Der Schock sass tief. Jetzt brauchten wir wirklich eine Zigarette.

Dann hörten wir wieder auf. Bis zum Geburtstag meiner mittlerweile verstorbenen Frau. Weder die Blumen noch die Uhr noch meine Kochkünste machten sie glücklich: «Könntest du uns wenigstens Zigaretten holen?» So ging das ewig weiter. Wenn wir gemeinsam mit Rauchen aufhörten, entwickelte meine Frau Hyperaktivitäten, sie mutierte zu einer weiblichen Ausgabe von Meister Proper. Ich hingegen wurde zum schweigsamen Couchpotato, der sich Western und historische Monumentalfilme anschaute. Es blieb kompliziert.

Einmal bestellten wir uns vom Bundesamt für Gesundheit Hochglanzbroschüren mit Abbildungen von Raucherbeinen und kaputten Lungen. Wir klebten die Blätter an die Küchenschränke. Und rauchten eine Mary Long. Wir waren noch keine 30 und dachten, dass alte Menschen zu einer anderen Rasse gehören und alte Kranke sowieso. Und Churchill war immerhin 91 geworden. Wir dachten, wir würden ewig jung und gesund bleiben. Irgendwie.

In den Medien erschienen vermehrt Artikel, die auf die Gefährlichkeit des Rauchens hinwiesen, doch die Sitzungszimmer bei Fernsehanstalten waren immer noch so verqualmt wie Pennsylvania nach der Schlacht von Gettysburg. Mir erging es wie Clint Eastwood. Jedes Mal wenn er seinen Zigarillo wegspickte und einen Bad Guy vom Pferd schoss, zündete er sich den nächsten Glimmstängel an. Kein wirklich gutes Vorbild.

Als Lucky Luke nach 30 Millionen verkaufter Alben dem blauen Dunst abschwor, wurde der Wilde Westen zur Non-Smoking Area. Dieter Scholz hätte ein Vorbild sein können. Er trampte meilenweit für eine Camel durch die Serengeti und gab nach sechs Jahren das Laster auf. Doch Jahre später gestand er, er sei ein Fake-Raucher gewesen, er habe nie geraucht. Anders als der Marlboro-Mann Wayne McLaren. Er starb 1992 an Lungenkrebs.

Meinen 474. Versuch startete ich in der Nacht auf den 1. Januar 2000. Ich zündete mir einmal mehr «die letzte Zigarette» an und schaute mir einen Film auf DVD an: «Ben Hur» mit Charlton Heston. Ich dachte: Was waren das doch für arme Schweine auf diesen römischen Galeeren, und nach einem weiteren Glas Rotwein fühlte ich mit Charlton Heston und dachte: #MeToo, ich sei eigentlich auch ein armes Schwein, das in den Galeeren der Zigarettenindustrie angekettet sei ohne Aussicht auf Befreiung.

Verzichtet man aufs Rauchen, fängt man früher oder später wieder an. Manchmal aus Frust, manchmal aus Freude, man ist da nicht so wählerisch, eine Ausrede findet sich immer. Niemand verzichtet gerne. Ich wollte dieses Mal nicht verzichten, sondern mich befreien. Wie Ben Hur. Das war neu. Obwohl in der römischen Kriegsmarine keine angeketteten Sklaven auf den Ruderbänken sassen, sondern durchtrainierte Legionäre, wurde Ben Hur Teil meiner Autosuggestion. Ich überlebte die Tortur der ersten Tage, und wie fast alles im Leben wird Neues nach einiger Zeit zur Gewohnheit. Das gilt für das Gute wie auch für das weniger Gute. Sparen Sie sich also all die teuren Ratgeber. Der Sieg beginnt im Kopf, das ist nicht nur im Fussball so. Beim Rauchen lautet das Schlüsselwort: Befreien, nicht verzichten.

Und ja, ich bin immer noch Nichtraucher.

102 Blick »Ein Tesla im Jahre 1914«

Ein Tesla im Jahre 1914

«Jeder Arbeiter muss möglichst wenige und möglichst einfache Handgriffe immer wiederholen – und das möglichst schnell.» So begründete der US-amerikanische Ingenieur Frederick W. Taylor (1856– 1915) seine Forderung, wonach in Zukunft nicht mehr der Mensch, sondern das System Priorität hat.

 

Der Wunsch nach Automatisierung, Beschleunigung und Gewinnoptimierung führte Mitte des 19. Jahrhunderts zu den Demontagebändern in den Schlachthöfen von Detroit. Eine Gruppe schlitzte im Akkord Rinder auf, die nächste Gruppe entfernte die Eingeweide, und das Fliessband gab den Takt an. Brauchte ein Schlachter bisher zehn Stunden, um mit seinen Gehilfen eine ganze Kuh zu zerlegen, reduzierten ab 1865 die Fliessbänder die Arbeit auf fünfzehn Minuten. Was früher noch drei Dollar die Stunde kostete, schlug gerade noch mit einem halben Dollar zu Buche, denn jetzt konnten auch Ungelernte eingesetzt werden.

 

Das hat den Farmersohn Henry Ford (1863–1947) nachhaltig beeindruckt. Er war seit frühester Jugend ein Technikfreak und träumte davon, ein Auto zu entwickeln, das sich günstig produzieren liess. Bereits 1914 führte Ford in seinen Werkhallen fliessende Montagebänder ein und ermöglichte mit seinem «Fordismus» auch anderen Branchen billige Massenfertigung.

 

Was heute vor den Toren Berlins entsteht, halten Analysten für ähnlich revolutionär wie Fords Fliessbänder vor rund hundert Jahren. Hier findet die Revolution des Karosseriebaus statt. Benötigte der Unterboden des Models 3 bisher 70 verschiedene Metallteile, pressen nun gigantische Gussmaschinen alles in ein einziges Teil, so einfach und schnell, als handle es sich um ein Spielzeugauto. Während bei der Konkurrenz ein Auto die Fertigungshalle verlässt, werden es bei Elon Musk gleich drei sein.

 

Weniger revolutionär gebärdet sich der Berliner Stadtrat, der zwar Elektrofahrzeuge fördern will, aber immer noch keine definitive Baugenehmigung für die «Gigafactory» ausgestellt hat. An Weihnachten sollte der erste von jährlich 500 000 Teslas die Fabrik verlassen, aber Elon Musk macht gerade die Erfahrung, dass es wohl einfacher ist, den Mars zu kolonisieren, als die ideologisch gelähmte Berliner Bürokratie zu bewegen.

 

 

*Kolumne »Champagner und clevere Witwen«

Die erste Champagner-Flasche explodierte wie eine Bombe. Das dünne Glas hielt dem Druck, der beim zweiten Gärungsprozess stattfindet, nicht stand. Im 17. Jahrhundert schützten sich Kellermeister deshalb vorsorglich mit einer schweren Eisenmaske. Es war ausgerechnet einer jener Männer, die am liebsten Wasser predigen, der auf die Idee kam, dickeres Glas herzustellen. Pierre Pérignon, ein französischer Mönch, hatte das Verfahren der Flaschengärung weiterentwickelt und dickwandige Glasflaschen mit verschnürbaren Korken in Auftrag gegeben. Als er 1715 starb, hinterliess er ein umfangreiches Schriftwerk, aber sein prickelnder Schaumwein blieb ziemlich trüb.

Es war schliesslich die 27-jährige Witwe Barbe-Nicole Clicquot-Ponsardin, die ein Verfahren erfand, um die Heferückstände zu beseitigen. Nach dem plötzlichen Tod ihres Ehegatten musste sie eine Weinhandlung übernehmen, die jährlich hunderttausend Flaschen Champagner produzierte.

Doch die Witwe Clicquot gab dem edlen Tropfen nicht nur ihren Namen, «Veuve (Witwe) Clicquot», sie prägte als erste Frau an der Spitze eines Champagnerhauses auch den Mythos des Savoir-vivre und präsentierte ihren Champagner selbstbewusst an allen Höfen Europas. Die resolute Unternehmerin setzte sich in der Männerwelt durch, kaufte Weinberge hinzu und gründete eine Bank. Und das in einer Zeit, in der Frauen nicht einmal ein eigenes Bankkonto eröffnen durften. Als sie 1866 starb, produzierte ihre Firma bereits 750 000 Flaschen im Jahr.

Nur gerade acht Jahre später sorgte eine weitere Französin mit dem prickelnden Traubensaft für Furore. Louise Pommery war 41, als auch sie ihren Ehemann verlor. Sie überwand die Trauer und produzierte den ersten Champagner «Brut».

Heute werden jährlich etwa 390 Millionen Flaschen Champagner produziert, aber den Namen «Champagner» dürfen nur jene tragen, die ihre Rebwurzeln auch tatsächlich in der französischen Champagne haben. Jede zweite Flasche trinken die Franzosen gleich selbst, ein Grossteil geht nach England und in die USA und fast eine Million an ein Land, das Alkohol verbietet und verurteilte Frauen hinrichtet: die Vereinigten Arabischen Emirate.


*erschien erstmals im Januar 2019 und wird aus Aktualitätsgründen nochmals gepostet


 

101 Blick »Grittibänz, Sexist im Hefeteig

 


Kolumne 101


Eigentlich ist der Grittibänz ein Männlein aus Mehl, Zucker, Salz, Butter und Hefe (Stuten), weshalb man ihn auch Stutenkerl nennt. Im Mittelalter gehörte er zu den Gebildebroten, die man Kranken nach Hause brachte, wenn sie nicht mehr in der Lage waren, die Eucharistie zu empfangen. Der vom Priester gesegnete Grittibänz trug die stilisierte Mitra des Bischofs und einen gekrümmten Bischofsstab in der Rechten. Der Kranke biss nun dem süssen Gottesmann den Kopf ab, verspeiste die gezuckerten Beine und Arme, und wenn er allmählich gesundete, hatte der Grittibänz Wunder bewirkt.

Dass man Gesegnetes verspeist, ist in vielen Religionen business as usual. Katholiken mögen Weizenbiskuits aus ungesäuertem Brotteig, aber im Ernstfall ziehen sie dann doch Pillen und Infusionen vor. Nicht gesegnet, aber ärztlich verordnet.

Im Laufe der Jahrhunderte setzte der Zeitgeist dem Grittibänz zu. Sein Bischofsstab wurde durch eine Tonpfeife ersetzt. Doch im 20. Jahrhundert schlug der Zeitgeist erneut zu, und der Grittibänz wurde Nichtraucher.

Überlebt hat der «Gritti». So bezeichnete man früher einen alten Mann, der mit gespreizten Beinen frei herumläuft. Eigentlich ein Fall von toxischer Männlichkeit, ein Sexist im Hefeteig. Man könnte ihn jetzt mit dunkler Schokolade übergiessen, denn ein schwarzer Schoko-Grittibänz mit gespreizten Beinen würde eher toleriert. Man dürfte ihn einfach nicht Grittimohr nennen.

Als Kompromiss könnte man zusätzlich eine weibliche Figur backen. Zur eindeutigen Identifikation müsste man sich auf biologische Merkmale beschränken. Der Mann hätte einen Penis, die Frau zwei Brüste, doch beides könnte nach Ablauf der Backzeit ungeahnte sexistische Formen angenommen haben. Also lieber nicht. Ich habe mit Teigmodellieren so meine Erfahrungen gemacht.

Doch selbst wenn eine Bäckerei in Zukunft Grittifrau und Grittimann in die Auslage stellt, ist sie nicht gefeit vor Schmierereien oder gar Todesdrohungen. Denn es fehlt die Inklusion non-binärer Grittis.

Vielleicht sollten wir den Hefeklumpen gescheiter zu einer geschlechtsneutralen Kugel formen und mit Mandelsplittern bestücken, bis sie aussieht wie das Spike-Protein der Virusvariante B.1.1.529.


Soeben erschienen / Dezember 2021:

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Highnoon im Wilden Westen Asiens

 


Besser lesbarer Text escheint nach dem Zeitungsausschnitt.


 



Am 9. Mai 2021 wählen die Philippinen einen neuen Präsidenten. Rodrigo Duterte kann kein zweites Mal antreten. Die »election period« beginnt am 9. Januar 2022 und endet am 8. Juni 2022. In dieser Zeit ist das Tragen von Feuerwaffen verboten. Aus einem guten Grund. Im Wilden Westen Asiens wurden in den bisherigen Wahljahren jeweils zwischen 120 und 310 Menschen erschossen.


Blick – 06. Dezember 2021

CLAUDE CUENI

Alle grossen Männer haben viele Feinde», lacht Ferdinand Marcos Jr. (64) in die Kamera, als ihn die Schauspielerin Toni Gonzaga in ihrer TV-Show «Toni Talks» fragt, wie er das Kriegsrecht unter seinem Vater, dem Diktator Ferdinand Marcos (1917– 1989), erlebt hat.

«Viele Feinde» – das sind wie viele? Spätere Regierungen haben 75 000 Verbrechen dokumentiert, 70 000 Menschen wurden in Militärlagern interniert, davon 34 000 gefoltert, 3240 ermordet und einige Tausend sind spurlos verschwunden.

Marcos Jr. ist in den sozialen Medien omnipräsent. In bisher 188 Videoblogs schwärmt er gut gelaunt von seinem grossartigen «Dad». Wir erfahren, dass er die gleiche Kleidergrösse hat wie sein Vater, die gleiche Stimme, und dass er und sein «Dad» praktisch identisch seien. Bereits als 23-Jährigen ernennt ihn sein Vater zum Vizegouverneur der Heimatprovinz Ilocos Norte, sechs Jahre später zum Gouverneur. Als Strohmann der Telekommunikationsfirma Philcomsat bezieht er ein für die damalige Zeit astronomisches Jahresgehalt von rund 1,16 Millionen Dollar.

Dass er nun für das Amt des philippinischen Staatspräsidenten kandidiert, hat praktische Gründe. Es ist für den Marcos-Clan die letzte Möglichkeit, den Malacañang-Palast zurückzuerobern.

2016 kandidierte Marcos Jr. für das Amt des Vizepräsidenten. Er unterlag knapp. Rodrigo Duterte (76) wurde Präsident und bezeichnete Marcos als seinen fähigsten Nachfolger für die Wahlen 2022. Auf den Philippinen ist nur eine einzige Amtsdauer möglich, sie dauert sechs Jahre.

Wo Duterte draufsteht, steckt der Marcos-Clan drin, eine Oligarchen-Dynastie, die seit Generationen die Provinz Ilocos Norte beherrscht. Bereits Duter-tes Vater Vicente diente unter dem Diktator. Die Marcos finanzierten 2016 einen Teil des Wahlkamps von «Dirty Harry», wie die «Financial Times» Duterte nennt. Als Gegenleistung durften sie nach dessen Wahlsieg den einbalsamierten Leichnam des Diktators auf dem Heldenfriedhof begraben. Seit 1993 war der Patriarch auf dem Familienanwesen in einem Glassarg aufbewahrt. Die «National Historical Commission of the Philippines» und zahlreiche Opfer protestierten vehement gegen die Verlegung. Vergebens.

Auf den Philippinen gilt «utang na loob», die gegenseitige Bringschuld. Was im familiären Umfeld die Bande stärkt und das fehlende Sozialsystem ersetzt, fördert in der Politik die Korruption. Diktator Marcos hatte bereits 1965 nach seinem Einzug in den Malacañang-Palast mit der gezielten Plünderung des Landes begonnen und bei ausländischen Banken Konten eröffnet. Auch bei der damaligen Schweizerischen Kreditanstalt (heute Credit Suisse), die nach dem Sturz des Diktators 700 000 Franken an die neue Regierung zurücküberwies.

Bei seinem Amtsantritt hatte Marcos noch ein Vermögen von 30 000 Dollar deklariert, als Präsident verdiente er jährlich 63 000. Als er 1986 aus dem Land verjagt wurde, hatte er bereits zehn Milliarden Dollar geraubt, nach heutigem Wert etwa 50 Milliarden Dollar. Egal, ob Japan Kriegsreparationen leistete, die Weltbank ein Darlehen überwies oder jemand eine Baubewilligung beantragte, «Mister 15 Prozent» zweigte jedes Mal eine Provision ab. Als er 1972 das Kriegsrecht erklärte, galten die Philippinen als das zweitkorrupteste Land der Welt.

Der Junior verspricht keinen Neuanfang. Er will das Werk seines Vaters fortsetzen. Als Vizepräsidenten hat er jedoch nicht Duterte gewählt, sondern ausgerechnet dessen Tochter Sara (43). Seitdem nennt ihn Duterte einen verwöhnten Kokainkonsumenten, der zu schwach sei für das Amt des Präsidenten.

Nun hat Duterte ein Problem. Ihn erwarten nach Ablauf seiner Amtszeit zahlreiche Anklagen. Der internationale Strafgerichtshof in Den Haag ermittelt wegen 7000 Morden, je nach Quelle fielen über 20 000 Menschen Dutertes «War on Drugs» zum Opfer. Duterte kennt die Spielregeln. Als er 2016 Präsident wurde, liess er gleich die Justizministerin Leila de Lima (62) medienwirksam im Parlament verhaften. Sie sitzt seitdem in Untersuchungshaft.

Auch Marcos Jr. hat ein Problem. Er wurde wegen Steuerhinterziehung zweimal rechtskräftig verurteilt, sein Bachelor der Universität Oxford ist genauso erfunden wie die Kriegsauszeichnungen seines Vaters. Mutter Imelda (92) hatte bereits 901 Klagen am Hals. In letzter Instanz wurde sie jeweils freigesprochen. «Die Königin der Diebe», wie sie im Volksmund heisst, wohnt mit vier Dienern in einer der teuersten Wohnungen der Philippinen, ausgestattet mit Gemälden von Michelangelo, Gauguin und Picasso. In Interviews klagt sie tränenreich, dass sie verarmt sei und von einer kläglichen Kriegswitwenrente lebe.

Die Marcos kämpfen an allen Fronten um die Rückkehr in den Malacañang-Palast. Mit Estelito Mendoza (91) führt der Superstar der philippinischen Anwälte die juristischen Schlachten: Er war Justizminister unter Diktator Marcos und rechtfertigte das blutige Kriegsrecht. Jetzt will er dem Junior zur Macht verhelfen. Er intervenierte bei der Wahlaufsichtskommission, um zu verhindern, dass Marcos wegen Steuerbetrugs disqualifiziert wird.

Am 9. Mai 2022 wird gewählt. Nach heutigem Stand liegt das Tandem Marcos/Duterte deutlich in Führung. Für westliche Medien schwer verständlich.

Mit einem Durchschnittsalter von 23 (Schweiz: 42,7) haben die Philippinen eine sehr junge Wählerschaft. Sie hat die Diktatur nicht am eigenen Leib erfahren und bezieht ihre Informationen aus den sozialen Medien. Eine junge Filipina sagt mir, sie wähle Marcos, weil er jeder Studentin pro Semester 6000 Pesos (120 Franken) schenke. Ein Schullehrer erklärt mir, alle Gräueltaten, die man den Marcos nachsage, seien Fake News. Ein Taxifahrer in Manila fragt, wozu Geschichte eigentlich gut sei, das sei doch alles vorbei. Wenn er sich bloss nicht täuscht.


Claude Cueni (65) ist Schriftsteller, Blick-Kolumnist und lebt in Basel. Er schrieb den Philippinen-Roman «Pacific Avenue». Zuletzt erschienen bei Nagel & Kimche «Genesis – Pandemie aus dem Eis» (2020) und «Hotel California» (2021).


 

 

*Kolumne »Der Wein der Papst wurde«

1299 kaufte der französische Mönch Bertrand de Goth eines der ältesten Weingüter in Bordeaux und kelterte Wein. Bereits sechs Jahre später machte ihn sein Freund, der skrupellose König Philipp IV., zum Papst. Ihre Majestät hatte zuvor ihren Dauerrivalen, den italienischen Papst Bonifaz VIII., zum Allmächtigen geschickt.

Bruder Bertrand, der nun Papst Clemens V. geworden war, galt als intelligent, aber auch als hypochondrisch veranlagt, weil er dem Schutz des lieben Gottes eben doch nicht so richtig traute. Er vermachte die Rebberge seinen Mönchsbrüdern, die den Wein gleich umtauften.

In den Armen der Comtesse

Der neue Papst hatte bereits ein besseres Geschäft gewittert, er verkaufte Kardinalshüte dem Meistbietenden und verlegte seinen Sitz nach Avignon. Im Zuge des «klementinischen Jahrmarktes» beschenkte er seine adligen Verwandten mit allerlei Privilegien und genoss ein ausschweifendes Leben in den Armen der bildschönen Comtesse de Foix Talleyrand de Périgord. Sie soll kostspieliger gewesen sein als «das ganze Heilige Land».

Während Weintrinker den Namen Pape Clément eher mit einem Bordeaux assoziieren, erinnern sich Verschwörungstheoretiker an die Auflösung des Templerordens, die der König mit Hilfe des willensschwachen Papstes durchsetzte. Man warf den reichen Tempelrittern, die immer wieder den König vor dem Bankrott gerettet hatten, Homosexualität und Blasphemie vor, um sie enteignen zu können.

«Never give up»

Jacques de Molay, der letzte Grossmeister des Templerordens, gestand unter der Folter und wurde öffentlich verbrannt. Auf dem Scheiterhaufen widerrief er und verfluchte den Papst. Der trinkfreudige Diener Gottes folgte ihm ein paar Tage später ins Himmelreich.

Überlebt hat hingegen die Reblaus, die Mitte des 19. Jahrhunderts grosse Teile der französischen Weinanbaugebiete zerstörte. Während des Zweiten Weltkriegs beherzte der Agraringenieur Paul Montagne Winston Churchills Devise «never give up», kaufte das marode Weingut und produzierte nach etlichen Rückschlägen den heutigen Pape-Clément.

100 Prozent Papst

Robert Parker, der Papst der Weingläubigen, bewertete ihn in seiner Weinbibel auch schon mit dem Punktemaximum. Die Bestandteile: 60% Cabernet Sauvignon, 40% Merlot, 100% Papst.


*erschien 2018

Alle vierzehn Tage erscheint eine neue Blick-Kolumne.

An den kolumnenfreien Freitagen erscheinen ältere Kolumnen, deren Themen immer noch aktuell sind.


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100 Blick »Mein Jahresrückblick«

Kim Jong Un rüstet ab, leider nur gewichtsmässig.

Brexit & Exodus. Das britische Königshaus sorgt sich ums Klima. Innerhalb und ausserhalb der Familie.

Angela Merkel geht, ihre Fachkräfte bleiben.

Taiwan fürchtet chinesische Aggression, Amerika Joe Bidens fortschreitende Demenz. Darmspiegelung beweist: Biden ist nicht dement.

Nicht überraschend: Antike Genome belegen Sex zwischen Neandertalern und ersten Europäern.

Neurowissenschaftler beweisen: Mit Darmbakterien junger Mäuse lassen sich Gehirne alter Mäuse deutlich verjüngern. Müssen wir Scheisse essen?

Smalltalk mit Apéro riche an der Uno-Klimakonferenz in Glasgow. Gefragt sind Flugzeugtaxis, Fünf-Sterne-Küche und Escort-Dienste.

Chinas CO2-Emissionen übertreffen die aller OECD-Länder zusammen. Demonstrationen erlaubt. Aber nur in der Zelle.

Greta wird pragmatisch. Sie modelt für «Vogue Scandinavia», tanzt und singt wie Mutter Malena, macht Fotoshootings mit Hund und ohne Hund.

Die Weltbevölkerung wächst weiter, der Planet hingegen nicht. Wo Kinderreichtum ein Statussymbol ist, bleiben Europas Sozialsysteme die Traumdestination.

In der Kultur zählt nur noch die richtige Gesinnung. Preisträger müssen weiblich sein, farbig oder mindestens einen non-binären Gärtner mit Migrationshintergrund haben.

Taliban erobern Afghanistan und versprechen: Jetzt wird alles anders. Sie erschiessen in Nangarhar 13 Hochzeitsgäste. Sie haben Musik gehört. Früher hätten sie gleich alle massakriert.

China entwickelt Hyperschallraketen, der Westen beanstandet Ananas auf der Pizza Hawaii.

Fallschirmjäger Denny Vinzing warnt nach seiner Rückkehr aus Afghanistan: «Die meisten halte ich nicht für integrierbar. Sie leben nach ganz anderen Werten. Die Stellung der Frau ist radikal anders. Die kommen hier nicht zurecht.»

Auf Herbst 2015 folgt Herbst 2021. Hersteller von «Red Pepper»-Ladysprays verzeichnen steigende Umsätze.

Pandemie: Kann man verlorenes Vertrauen mit einer Tüte Haribo wiederherstellen?

Weltuntergänge im Konjunktiv. Japan entwickelt genmanipulierte Tomaten, die beruhigend wirken. Experten empfehlen Tomatenkonsumpflicht und Tomatenzertifikate.


Die ersten 100 Kolumnen (mit 100 ganzseitigen Bildern) 

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*Kolumne »Die einen haben Uhren, die andern Zeit.«

 

Zeit ist Geld», schrieb Benjamin Franklin 1748 in seinem «Leitfaden für junge Kaufleute». Der Graf von Rumford kritisierte die «unglaubliche Bummelei» in Verwaltung und Produktion und forderte Arbeitszeitkontrollen, denn nur mit einer exakten Zeitmessung könne man planen und Ziele festlegen.

Während man sich in der Landwirtschaft noch nach Sonnenaufgang und Sonnenuntergang richtete, gerieten die Fabrikarbeiter im Zuge der Industrialisierung im 19. Jahrhundert unter das Diktat der Zeitmessung. Maschinen sollten 60 bis 80 Stunden die Woche «arbeiten». Die Kontrolluhr wurde zum «Herzschlag des Kapitalismus» (Karl Marx), sie gab an den Fliessbändern den Takt an. Die neue Pünktlichkeit wurde zur neuen Tugend. Sie bedeutete mehr Effizienz, höhere Gewinne und schaffte einen entscheidenden Vorteil gegenüber Ländern ohne Zeitdisziplin.

Das ist bis heute so. In einem Vergleich mit 31 Ländern belegt die Schweiz Platz eins. Nirgends laufen die öffentlichen Uhren genauer, nirgends sind die Wartezeiten kürzer. Am Ende der Skala finden sich weniger industrialisierte Länder in Afrika, Asien, dem Nahen Osten und Lateinamerika. Das Schlusslicht ist Mexiko. Dort durchdringt die Langsamkeit das tägliche Leben bis ins Mark. Pünktlichkeit gilt bei privaten Einladungen als unhöflich, weil man damit rechnet, dass der Gast ein bis zwei Stunden «zu spät» kommt.

Ein lockeres Zeitgefühl und die kulturelle Eigenart, alles auf morgen zu verschieben, sind enge Geschwister. In diesen Ländern besteht der Alltag zu einem beträchtlichen (unproduktiven) Teil aus Warten. Warten auf verspätete Busse, Züge, Amtspapiere, warten auf andere Leute. Es versteht sich von selbst, dass langsame Kulturen im Laufe der letzten 200 Jahre abgehängt wurden und scheiterten.

Ein junger nordafrikanischer Migrant beklagte in einer Doku, dass Europa ihn stresse, weil hier alles organisiert sei, nie gehe eine Maschine kaputt, nie könne man Pause machen. Ironischerweise suchen Wirtschaftsmigranten in Europa ein besseres Leben und bringen ausgerechnet jene Kultur der Langsamkeit mit, die (nebst anderen Faktoren) mitverantwortlich ist für das Scheitern ihrer Heimatländer. Die einen haben Uhren, die andern haben Zeit.


*erschien 2018

Alle vierzehn Tage erscheint eine neue Blick-Kolumne und an den kolumnenfreien Freitagen erscheinen ältere Kolumnen, deren Themen immer noch sehr aktuell sind.


 

099 Blick »Der Mann, der niemals schlief«

Sein Logo war ein wachendes Auge, sein Wahlspruch: «We never sleep» (Wir schlafen nie). Der Schotte Allan Pinkerton (1819–1884) war der Sohn eines Polizisten und gehörte in jungen Jahren zu den Arbeiterführern, die sich für die Zulassung von Gewerkschaften, die Einführung von Frauenrechten und die Reduktion der Arbeitszeit auf zehn Stunden einsetzte. Um einer bevorstehenden Verhaftung zu entkommen, floh er nach Chicago.

 

Dort gründete er eine Fassbinderei und hatte bald einmal zehn Angestellte, die allerdings nicht die Arbeitsbedingungen hatten, für die er einst gekämpft hatte. Seine Beobachtungsgabe war legendär. Als er dem Sheriff eine versteckte Fälscherei meldete, machte ihn dieser zum Polizeidetektiv. Die rückständigen Fahndungsmethoden brachten den Selfmademan zur Weissglut. Er gründete die erste private Detektei der USA, die Pinkerton Agency. Sie wurde zum Vorbild für die spätere US-Bundespolizei FBI. Von Anfang an nutzte er die aufkommende Fotografie und legte Verbrecherkarteien an.

 

Eisenbahngesellschaften wurden seine besten Kunden. Da die Zugverbindungen von Ost nach West durch unbewohntes Gebiet führten, hatten Outlaws ein einfaches Spiel. Bald jagten Pinkertons Männer die Legenden des Wilden Westens: die Dalton-Brüder, Jesse James, Butch Cassidy und Sundance Kid. Seine Erfolge hallten bis nach Washington.

 

Er erhielt einen neuen Job. Während des Amerikanischen Bürgerkriegs (1861–1865) spionierte er als «Secret Agent» die Truppen der Südstaatler aus. Als der James Bond des Wilden Westens einen Mordanschlag auf US-Präsident Abraham Lincoln aufdeckte, ernannte ihn dieser zu seinem persönlichen Leibwächter.

Nach dem Krieg baute der einstige Sozialist sein Agenturnetz aus und liess im Auftrag von Fabrikbesitzern Streikende verprügeln. An einem einzigen Tag kamen dabei neun Arbeiter und sieben Detektive ums Leben.

 

Pinkerton starb mit 65, nicht etwa an einer Schussverletzung, sondern an einem bakteriellen Infekt. Er hatte sich bei einem Sturz auf die Zunge gebissen und sich geweigert, einen Arzt aufzusuchen. So kam der Arzt zu ihm und stellte den Tod fest.

 

Überlebt hat jedoch die Pinkerton-Detektei. Sie wurde 1999 vom schwedischen Sicherheitskonzern Securitas AB übernommen.

098 Blick »Zum fressen gern«

Es gibt fast so viele Formen von Kannibalismus wie Sportarten. In einigen Kulturen verspeiste man die Feinde, um sicherzugehen, dass sie kein Comeback versuchen, in anderen Regionen ass man geliebte Verwandte, damit sie in einem weiterleben. Azteken opferten ihren Göttern menschliche Herzen, um sie milde zu stimmen. Katholiken nehmen noch heute symbolisch den «Leib Christi» zu sich.

 

Mythologien, Sagen und Literatur sind voll von Geschichten über Menschen und Wesen, die sich gegenseitig auffressen. Robinson rettet Freitag vor dem Suppentopf der Kannibalen, in Slawomir Mrozeks Theaterstück «Auf hoher See» stimmen drei Schiffbrüchige darüber ab, wer von ihnen zuerst gefressen wird.

 

Einige Geschichten basieren auf wahren Gegebenheiten. Als die uruguayische Rugby-Mannschaft 1972 in den Anden abstürzte und die Männer 72 Tage lang von der Zivilisation abgeschnitten waren, begannen sie sich gegenseitig aufzuessen. Ähnliches wird aus dem abgeriegelten Leningrad während des Zweiten Weltkrieges berichtet. Kannibalismus war fast immer die Folge von ausserordentlichen Notsituationen oder Ausdruck von religiösem Aberglauben.

 

Kannibalismus ist heute eher selten. 2017 berichtete das Beratungsgremium Emrip der Uno, dass im Kongobecken immer noch Menschenfleisch verspeist wird. Bei uns machen Psychopathen gelegentlich von sich reden wie zuletzt der Rotenburger Armin Meiwes (2001) oder «Der Kannibale von Pankow» (2021).

 

Im Reich der Tiere gibt es die «Selbstversorger», die den eigenen Nachwuchs fressen, «narzisstische» Schlangen», die sich gleich selbst verschlingen, und Bären und viele andere, die ihre Artgenossen verspeisen.

 

Überlebt hat der Kannibalismus in der Sprache. In der Wirtschaft spricht man von Kannibalisierung, wenn ein Unternehmen gleichartige Produkte zu verschiedenen Preisen anbietet. Privat kokettieren wir damit, dass wir unseren Partner «zum Fressen gern» haben, seinen Po knackig finden, seine Ohrläppchen süss, und nicht selten verwechseln wir beim Sex den Partner mit einem Big Mac, wenn wir ihm in Draculamanier in den Hals beissen.

 

Wer davon nicht satt wird, kann sich im Supermarkt Mönchsköpfe (Tête de Moine) kaufen und, auf eigene Gefahr, Frauenschenkel oder Mohrenköpfe.

097 Blick »Long Covid im Mittelalter«

Viele, die noch zu Mittag fröhlich gewesen, sah man des Abends nicht mehr unter den Lebenden.» So beschrieb im Jahre 1834 der Arzt Justus F. C. Hecker in seinem Buch «Der englische Schweiss» eine der merkwürdigsten Seuchen des Mittelalters.

Merkwürdig deshalb, weil sie 1485 zum ersten Mal aus dem Nichts auftauchte, innert Stunden tötete und ebenso plötzlich wieder verschwand. Merkwürdig auch deshalb, weil sie nicht Kranke und Alte dahinraffte, sondern vor allem Gesunde im besten Alter. Zur allgemeinen Verwirrung waren auch sehr viele Adlige und vermögende Kaufleute betroffen. Deshalb, und wohl nur deshalb, ist diese Seuche besonders gut dokumentiert. Den Namen verdankt sie einem von vielen Symptomen: kolossales Schwitzen.

Henry Tudor, der spätere König Heinrich VII., soll die Seuche eingeschleppt haben, als er mit fünftausend Mann in England einfiel und in der Schlacht von Bosworth Richard III. besiegte. Kaum war er ins massiv überbevölkerte London einmarschiert, erkrankten die Einwohner an einem grippeähnlichen Virus und sonderten übel riechenden Schweiss ab.

Mediziner standen vor einem Rätsel. Einige vermuteten eine besonders aggressive Erkältung, andere glaubten an ein unglückliches Zusammen treffen mit den damaligen Pocken- und Pest-Epidemien, Religiöse hielten es für eine Strafe Gottes. Es folgten vier weitere Wellen, jeweils im Abstand von circa zehn Jahren. Und jedes Mal berichteten Chronisten über Langzeitfolgen. Long Covid im Spätmittelalter.

Allen fünf Wellen ging Starkregen voraus, der gewöhnlich Ratten aus ihren Löchern treibt. Es folgten sehr heisse Sommer. Wer im Freien arbeitete, atmete zwangsläufig den Staub von getrocknetem Rattenkot ein und erkrankte nach kurzer Inkubationszeit an einem Hantavirus, das die Lunge angreift. Eine von vielen Theorien. Eine gängige Behandlung bestand darin, die Kranken warm einzupacken. Es bewirkte das Gegenteil.

Im Unterschied zu früher starten heute täglich über zweihunderttausend Flugzeuge und bringen Menschen und Viren von einem Ort zum andern. Was früher in eine Epidemie ausartete, wird heute gleich zur Pandemie. Doch heute haben wir Impfstoffe. Deshalb sollten wir «impfen statt schimpfen».

Claude Cueni (65) ist Schriftsteller und lebt in Basel. Er schreibt jeden zweiten Freitag im Blick. Zuletzt erschienen bei Nagel & Kimche «Genesis – Pandemie aus dem Eis» (2020) und «Hotel California» (2021).

©weltwoche »Faust Gottes will Präsident werden«

Manny Pacquiao, philippinischer Boxweltmeister in acht Gewichtsklassen, zieht es in die Politik. Es ist der Fight seines Lebens. Die erste Runde lief schlecht.


Claude Cueni ist Schriftsteller und lebt in Basel. Er ist mit einer Filipina verheiratet und Autor des Philippinen-Romans «Pacific Avenue». Zuletzt erschienen von ihm bei Nagel & Kimche «Genesis» (2020) und «Hotel California» (2021).


Ich habe mein Bestes gegeben, aber mein Bestes war nicht gut genug», gestand der 1,66 Meter kleine philippinische Boxer Manny Pacquiao, 42, nach seiner klaren Niederlage gegen das kubanische Kraftpaket Yordenis Ugás, 35. In jener Augustnacht in Las Vegas stand der Weltmeister in acht Gewichtsklassen wohl zum letzten Mal im Ring. Nach dem Kampf wurde er gefragt, ob er nun für das Amt des Staatspräsidenten kandidiere. Seine Antwort: «Ich weiss es nicht. Es ist sehr viel komplizierter als Boxen.»

Einen ersten Vorgeschmack hatte er bereits 2010 erhalten, nachdem er in den Kongress gewählt worden war. Abgeordnete kritisierten, er habe null Ahnung, interessiere sich nicht für die Dossiers, sondern nur für seine Karrieren als Boxer, Sänger, Model, Schauspieler, Prediger und Markenbotschafter. Als Pacquiao 2016 gar in den Senat gewählt wurde, spotteten einige, das sei weiter nicht schlimm, als Abgeordneter sei er lediglich an vier von 179 Sitzungen erschienen.

Tausend Häuser für die Ärmsten

2016 war auch das Jahr, in dem der bekennende Sozialist Rodrigo Duterte zum Staatspräsidenten gewählt wurde. «Dirty Harry» (Financial Times) überredete Pacquiao zu einem Parteiwechsel und machte ihn später zum Vorsitzenden seiner PDP-Laban-Partei. Die beiden wurden Freunde. Bis zu jenem 5. September, als Pacquiao in einem Live-Interview mit dem Nachrichtenportal Rappler seine Kandidatur für das Amt des Staatspräsidenten ankündigte und seinem einstigen Mentor vorwarf, er schütze die korrupten Politiker, die Milliarden von Pesos aus dem Corona-Fonds verschwinden liessen. Für viele Zuschauer war der Auftritt ihres Nationalhelden, der erneut die Partei gewechselt hatte, irritierend. Pacquiao konnte sich weder differenziert noch pointiert ausdrücken. Man hatte den Eindruck, er verstünde nur mit den Fäusten zu sprechen.

Wer ist dieser Jahrhundertboxer, der dem Staat 2,2 Milliarden Pesos (rund 40 Millionen Schweizer Franken) Nachsteuern schuldet und den Ärmsten in seiner Heimatstadt tausend Häuser schenkte? Die Doku «Manny» von 2014 zeichnet seinen Aufstieg aus den Slums von General Santos City nach und schildert, wie er als Teenager in den Ring stieg, um seine Familie zu ernähren. Für seinen ersten Fight erhielt er zwei Dollar. Mittlerweile hat er im Ring eine halbe Milliarde verdient.

Seinen kometenhaften Aufstieg feierte das Energiebündel früher mit Sex, Drugs and Rock ’n’ Roll. Bis ihm eines Nachts zwei Engel erschienen, «weiss, mit grossen Flügeln». Pacquiao wurde ein strammer Evangelikaler, ein Fundamentalist, der die Bibel wörtlich nimmt. Als er in einem Interview behauptete, Homosexuelle seien «schlimmer als Tiere», verlor er in Umfragen (vorübergehend) nicht nur 12 Prozentpunkte, sondern auch seinen Hauptsponsor Nike. Pacquiao entschuldigte sich und legte gleich nach: Homosexuelle verdienten gemäss der Bibel den Tod. Punkt. Und ja, er ist auch für die Wiedereinführung der Todesstrafe. Kann er dennoch Präsident werden in einem Land, in dem selbst ein Rambo wie Duterte sich für die gleichgeschlechtliche Ehe und den Schutz der LGTB-Community aussprach?

Über ein Dutzend Celebrities, Senatoren und Bürgermeister haben ihre Kandidatur angemeldet. Darunter auch Ferdinand Marcos, 64, der Sohn des gleichnamigen Diktators (1917–1989), der rund 30 000 Kritiker in Militärlagern internieren liess. Die Frist für die Registrierung läuft am 8. Oktober aus. Bei der letzten Umfrage lag Dutertes Tochter, die Rechtsanwältin Sara Duterte-Carpio, 43, in Führung, doch vor ein paar Tagen hat sie sich überraschend um eine dritte Amtszeit als Bürgermeisterin von Davao City beworben. Taktik?

Duterte verzichtet

Last-Minute-Pirouetten sind im Inselstaat nicht ungewöhnlich. Wer für das Amt des Staatspräsidenten kandidiert, ernennt jeweils seinen Vize, obwohl beide nicht als Duo, sondern separat gewählt werden. So kann es sein, dass ein gewählter Präsident den Vize des Gegners kriegt.

Ein amtierender Präsident darf nicht zu einer zweiten Amtszeit antreten. Deshalb bewarb sich Duterte als Vize, doch Pacquiao wollte ihn auch nicht und ernannte Lito Atienza, den achtzigjährigen Sprecher des Abgeordnetenhauses, zu seinem Vize. Dieser war von 1998 bis 2007 Bürgermeister von Manila und ist wie Pacquiao ein radikaler Gegner von Familienplanung und Sexualaufklärung. Letzte Woche hat Duterte überraschend seinen Verzicht erklärt. Taktik?

Bis zum Wahltag am 9. Mai 2022 wird sich das Bewerberfeld nochmals lichten: Schmutzkampagnen, gefakte Lebensläufe und Bestechungsskandale werden einige ausknocken. Manny Pacquiao wird wie üblich sein Bestes geben, aber sein Bestes könnte ausserhalb des Rings nicht genug sein.


 

096 »Die Lust am Weltuntergang«

Hintergrund: Ab Montag, den 4. Oktober 2021 will Extinction Rebellion Zürich lahmlegen, um die Regierung zum Handeln zu zwingen.


«Wir werden die Regierung zum Handeln zwingen. Und falls sie nicht handeln, werden wir sie in die Knie zwingen und eine Demokratie kreieren, die fit ist für unser Ziel. Und ja, einige könnten sterben bei diesem Prozess.» Das sind die Worte von Antidemokrat Roger Hallam, Mitbegründer von Extinction Rebellion (XR), nachzusehen in einem Video vom 4. Februar 2019. Noch deutlicher äussert sich der andere Co-Gründer, Stuart Basden, der am 10. Januar 2019 einen Essay in den sozialen Medien veröffentlichte, wonach es bei XR gar «nicht um das Klima geht», sondern um einen «Great Reset».

Offiziell spendet die Organisation Climate Emergency Fund bis zu 500’000 Pfund für die öffentlichen Inszenierungen der «esoterischen Weltuntergangssekte» (Jutta Ditfurth), die bis vor kurzem ihre Homepage noch mit Totenköpfen schmückte. CEO ist Trevor Neilson, der zusammen mit einem Enkel von Warren Buffett die Investmentholding I(x) Investments gründete.

Aktienfonds, die auf einen «Great Reset» spekulieren, liegen im Trend. Der schwedische PR-Manager und Finanzunternehmer Ingmar Rentzhog gründete das Unternehmen «We don’t have time», bestehend aus einer Aktiengesellschaft und einer Stiftung. Rentzhog ist Mitglied des Climate Reality Project des früheren US-Vizepräsidenten Al Gore. Er gilt als Entdecker von Greta Thunberg. Sie sass vorübergehend im Vorstand seiner Stiftung. Dank Greta, die mittlerweile mit ihrer Familie in Antifa-Shirts posiert, konnte Rentzhogs Aktiengesellschaft Millionen an Frischgeldern generieren.

Financiers bezahlen Aktivisten, die Regierungen erpressen

Wenn jemand in grüne Technologien investiert, ist das eine sehr gute Sache. Problematisch wird es, wenn Financiers zur Förderung ihrer Investments kostümierte Aktivisten bezahlen, die demokratisch gewählte Regierungen mit der Androhung strafbarer Handlungen erpressen.

Heiligt der Zweck die Mittel? XR meint Ja. Ähnlich wie die Finanzsekte Scientology ködert XR Jugendliche, die aufgrund des altersbedingten Mangels an Lebenserfahrung anfällig sind für groteske Angstkampagnen. Dringend notwendige Innovationen zum Schutz der Umwelt werden jedoch von aktiven Forschern in den Labors entwickelt und nicht von passiven Street-Potatoes, die andere daran hindern, zur Arbeit zu gehen.

Claude Cueni (65) ist Schriftsteller und lebt in Basel. Er schreibt jeden zweiten Freitag im Blick. Zuletzt erschienen bei Nagel & Kimche «Genesis – Pandemie aus dem Eis» und «Hotel California».

095 »Geld arbeitet nicht? Na sowas«

 

«Es gibt tausend Möglichkeiten, sein Geld auszugeben, aber nur zwei, Geld zu verdienen. Entweder wir arbeiten für Geld, oder Geld arbeitet für uns.»

Wer hat das behauptet? Bernard Baruch (1870–1965). Der US-amerikanische Financier begann seine berufliche Laufbahn als Börsenbroker. Noch vor Erreichen des 30. Lebensjahrs war er ein vermögender Mann, mit 40 der ungekrönte «König der Wall Street», mit 50 ein bedeutender Philanthrop (dank dem Kapital, das er arbeiten liess).

Solche Geschichten erwecken den Eindruck, der Aktienmarkt sei Gambling für Reiche, und man verdiene das Geld im Schlaf. Es gibt zwar den computergesteuerten Hochfrequenzhandel, aber in der Regel braucht es interdisziplinäres Wissen, um an den Finanzmärkten erfolgreich zu sein. Das Aneignen von Wissen ist zeitintensiv und setzt Arbeit voraus. Dagobert Duck gibt es nur im Comic.

Heute fressen Negativzinsen (und morgen die zu erwartende Inflation) unser Erspartes auf. Zur Sicherung der Altersvorsorge muss man zwingend sein bereits als Einkommen und Vermögen versteuertes Geld arbeiten lassen. Der eine braucht viel, der andere wenig. Wer in den 1980er-Jahren für 3500 Dollar Apple-Aktien kaufte, ist heute Millionär, auch wenn er ein Leben lang als Briefträger unterwegs war.

Die Welt wird durch Umverteilung nicht dauerhaft besser oder gerechter. Wir kennen alle die Geschichten von Geschwistern, die zu gleichen Teilen geerbt haben. Die einen verprassten ihren Anteil, die anderen vermehrten ihn. Superreiche haben stets die Möglichkeit, umgehend ihre Koffer zu packen. Hat man sie einmal verscheucht, bezahlt der Mittelstand den Steuerausfall mit höheren Abgaben, und der Standort Schweiz bleibt auf Jahre hinaus ramponiert. Man nimmt die Superreichen ins Visier, trifft aber KMU und Normalverdiener, die um 6 Uhr morgens aufstehen.

Neid ist ein schlechter Ratgeber, gefragt ist Pragmatismus. Auch wer astronomisch anmutende Einkommen und Vermögen stossend findet, sollte nicht vergessen, dass die 1 Prozent Superreichen 43 Prozent der Bundessteuer bezahlen.

Geld arbeitet nicht, wir schon? Ein klar ausformulierter Initiativtext hätte tatsächlich Arbeit bedeutet. Die 99-Prozent-Initiative ist ein Überraschungsei, Populismus aus Entenhausen.

094 Blick »Lasst uns gendern«

Das neue Gender-Lexikon ist da. Würde ich die gendergerechten Wortalternativen übernehmen, sähe mein Text so aus: Als «autorierende Person» (bisher Autor) habe ich mich gefragt, wie man eine gendergerechte Version von «Der Spion, der aus der Kälte kam» betiteln könnte – «Die auskundschaftende Person, die aus der Kälte kam». In Erwägung zog ich auch einen Krimi um eine «Bank ausraubende Person» (Bankräuber) und entschied mich dann für einen «Mensch-in-Rüstung-Roman» (Ritterroman), eine Fortsetzungsgeschichte für «medienbeziehende Personen» (Abonnenten).

Ich borgte das «Fahrrad mit tiefem Einstieg» (Damenvelo) meiner «Eheherzperson» (Ehefrau). Leider rammte mich eine «qualifizierte, fahrzeugführende Person» (Berufskraftfahrer). Eine «approbierte pharmazeutische Fachkraft» (Apotheker) aus dem Geschäft gegenüber eilte mir zu Hilfe. «Beobachtende Personen» (Augenzeugen) filmten, wie ich über den Strassenpassierstreifen (Fussgängerstreifen) humpelte und bei einer «Lebensmittel verarbeitenden Person» (Koch), die einen Foodtruck betrieb, Cola mit Shrimps bestellte.

Der Betreiber war ein «Mensch mit internationaler Geschichte» (Einwanderer), spielte als «torhütende Fachkraft» beim FC Venceremos und war nebenbei eine «Produkt erzeugende Person» (Erzeuger), die bereits viermal erfolgreich produziert hatte. Wir unterhielten uns gerade darüber, ob es für das Wort «Bergführer» eine genderkorrekte Alternative gab, als sein Tesla-Reiskocher Feuer fing und wenig später eine «feuerbekämpfende Person» (Feuerwehrmann) seine Crevetten unter Wasser setzte.

Auch das deutsche Gleichstellungsbüro des Auswärtigen Amtes empfiehlt die Gendersprache zur Umerziehung der Männer. Denn diese penisbehangenen Säugetiere sind sexistisch, Unterdrücker, schlechte Väter und noch schlechtere Ehemänner, kurzum: Männer sind Schweine. Und obwohl die Gender-Onanisten angeblich alle Menschen gleich behandeln wollen, führen sie eine Apartheid der Geschlechter ein und erkoren den Rassismus gegen weisse Männer zum Lifestyle.

Wie reagieren «Autorierende» (Autoren)? Sie verhunzen ihre Texte bis zur Unlesbarkeit, denn jetzt zählt auch bei «Werkschaffenden der Sprache» nur noch die richtige Gesinnung.


Claude Cueni ist Schriftsteller und lebt in Basel. Er schreibt jeden zweiten Freitag im BLICK. Zuletzt erschienen bei Nagel & Kimche »Genesis – Pandemie aus dem Eis« und »Hotel California«.


 

Happy Birthday, Robert Crump (78)!

Happy Birthday Robert Crump (78)!

Zwischen 1965 und 1972 erschien sein Comicstrip FRITZ THE CAT, der 1972 als Animationsfilm in die Kinos kam. Er erzählt die Geschichte des sex- und drogensüchtigen Katers Fritz. Der Kultfilm war damals erst ab 18 zugelassen, heute würde er wohl gar nicht mehr zugelassen. Auch daran erkennt man, wie prüde, intolerant und humorlos die westliche Öffentlichkeit geworden ist.


Die Woke-Bewegung ist der/die/das wieder aufgewachte Bünzli aus grauer Vorzeit.


COMIC, das Magazin für Comic-Kultur schrieb:

 

Ein versoffener, rüdiger Kater

Er säuft, er ist ein Mann ohne Moral und Ethik, er nimmt Drogen, er behandelt Frauen wie Dreck, er ist die Person gewordene Antithese zur Hippie-Bewegung der 1960er Jahre: Robert Crumbs Fritz the Cat ist all das und noch mehr, denn mit dem Establishment kann er auch nicht. Ein wütender junger Mann spricht hier, verklausuliert in den Underground-Comics einer Zeit, in der alles im Aufbruch war – auch das Medium selbst.

Aus heutiger Sicht sind die Eskapaden von Fritz mindestens kurios, manchmal auch abstoßend, durchaus aber immer noch faszinierend. (…)

Crumbs berühmteste Schöpfung war dabei so etwas wie die Speerspitze, was weniger an den Comics selbst, sondern an dem Umstand lag, dass Ralph Bakshi einen Zeichentrickfilm inszenierte, der 1972 weltweit für Furore sorgte und mehr als 100 Millionen Dollar einspielte. Das machte Fritz und seinen Schöpfer bekannter, als es noch so viele Comic-Geschichten jemals hätten tun können.

Damit wurde aber auch der Anfang vom Ende eingeläutet. 1964 ersonnen und 1965 erstmals publiziert, ließ Crumb seinen Antihelden 1972 mit der Geschichte „Fritz the Cat Superstar“ sterben, weil er das Gefühl hatte, dass der Film seiner Schöpfung nicht gerecht geworden war. Darum erlaubt er dem Kater eine letzte Sexkapade, bevor er zulässt, dass dessen Geliebte ihm einen Eispickel in den Hinterkopf rammt.

(…)


 

093 Blick »Es war doch nur eine Frau«

© Blick 20. August 2021


Claude Cueni ist Schriftsteller und lebt in Basel. Zuletzt erschienen bei Nagel & Kimche «Genesis – Pandemie aus dem Eis» (2020) und «Hotel California» (2021).


«Es war doch nur eine Frau», sagte der junge Afghane Hussein K. bei der Vernehmung. Der bereits in Griechenland verurteilte Sexualtäter hatte 2016 die 19-jährige Studentin Maria L. vergewaltigt und brutal ermordet. August 2021: Zwei Afghanen ermorden ihre 34-jährige Schwester, weil sie die westliche Lebensweise annahm. Dazwischen: immer wieder Vergewaltigungen und Ehrenmorde.

Ex-Bundeskanzler Helmut Schmidt (1918–2015) hatte einst gefordert, dass man eine weitere Zuwanderung aus völlig fremden Kulturen unterbindet, das schaffe nur «ein zusätzliches dickes Problem».

Eine Minderheit, die dem Ruf ihrer Landsleute schadet

Es ist gut, wenn man ein grosses Herz hat, aber es sollte noch eine Spalte frei sein für den Verstand. Man kann afghanische Kinder, Frauen und Familien aufnehmen, aber wir sollten nicht leugnen, was seit Herbst 2015 in Europa geschieht, und keine weiteren allein reisende und gewaltgewohnte Jungs aus dem Hindukusch aufnehmen, die Frauen als nuttiges Freiwild, unsere Gesellschaft als Beutegesellschaft und unsere Toleranz als Schwäche betrachten. Sie sind nicht integrierbar und strapazieren mit ihrer niedrigen Frustrationstoleranz und eingebildeten Ehrverletzungen unsere Gastfreundschaft.

Sie sind eine Minderheit, das sei hier ausdrücklich betont, aber sie schaden dem Ruf ihrer integrierten Landsleute, denen teilweise bewundernswerte Karrieren gelingen. 

Privat würde man jeden Gast vor die Tür stellen, der sich an einem Familienmitglied sexuell vergreift. Sind nicht auch Frauen im eigenen Land schützenswert? Fehlt es an Empathie für unbekannte Opfer?

Man sollte aus den Fehlern lernen

Ex-Parteichef Helmut Hubacher (1926–2020) erklärte es so: «Für viele Sozialdemokraten war jeder Ausländer ein armer Siech, den man wie einen Kranken hegen und pflegen musste. Dass auch Ausländer kriminell sein und nicht anständig arbeiten können, wurde ausgeblendet.»

Nach 40 Jahren Mitgliedschaft trat Ursula Sarrazin (Ehefrau von Thilo Sarrazin) aus der Partei aus: «Die SPD ist zu einer Partei geworden, in der man die Wirklichkeit nicht mehr beschreiben darf.»

Die Realität ist nun mal so, wie sie ist. Ob es uns gefällt oder nicht. Man sollte aus den Fehlern lernen. Tun wir das nicht, «retten wir nicht Afghanistan, sondern werden selbst zu Afghanistan» (frei nach Peter-Scholl Latour).

Claude Cueni (65) ist Schriftsteller und lebt in Basel. Er schreibt jeden zweiten Freitag im Blick. Zuletzt erschienen bei Nagel & Kimche «Genesis – Pandemie aus dem Eis» und «Hotel California».

Weltwoche: Tagebuch

© Die Weltwoche – 12. August 2021


Claude Cueni ist Schriftsteller und lebt in Basel. Zuletzt erschienen bei Nagel & Kimche «Genesis – Pandemie aus dem Eis» (2020) und «Hotel California» (2021).

Im Mai erhielt ich meine zweite Pfizer/Biontech-Impfung. Jeder hat sein eigenes Risikoprofil und wägt ab. Da ich seit einer leukämiebedingten Knochenmarktransplantation immunsupprimiert bin und sechs der neun gelisteten Vorerkrankungen habe, hielt ich in meinem Fall das Risiko einer Impfung für das kleinere Übel. Hatte ich Nebenwirkungen? Vor dreissig Jahren hätte ich gesagt: O ja, es war schrecklich. Heute sage ich: Nicht der Rede wert. Die chronische Fatigue von Krebskranken nach einer Transplantation ist Long Covid hoch zehn. In einer Studie klagten 40 Prozent der Placebogruppe über Nebenwirkungen . . . «Generation beleidigt» ist auch «Generation wehleidig». Man fragt sich manchmal, wie unsere Vorfahren den Zweiten Weltkrieg durchgestanden haben.

In meinem Bekanntenkreis werden viele gegensätzliche Standpunkte vertreten. Ich habe damit kein Problem. Die einen misstrauen einem Impfstoff, der im «beschleunigten Verfahren» zugelassen wurde, andere vertrauen dem Wohlwollen der Götter, Geschichtslose wähnen sich in einer Nazi-Diktatur und wieder andere lehnen die Eingriffe in unsere Grundrechte ab. Der Ton wird gehässiger. Ich halte es für eine zeitgeistbedingte Unreife, dass manche glauben, sie könnten nur mit Leuten befreundet sein, die zu 100 Prozent ihre Meinung teilen. Niemand ist das Mass aller Dinge. Selbst auf einem Dating-Portal wird man kaum jemanden mit hundert Matching-Punkten finden.

Es gibt jedoch eine Gemeinsamkeit: den enormen Vertrauensverlust in Politik, Medien und Wissenschaft. Alain Berset und seine Task-Force haben zu oft die Unwahrheit gesagt. Wissenschaftler widersprechen sich im Stundentakt. Einige deutsche Kliniken melden falsche Zahlen, weil sie für jedes belegte Intensivbett staatliche Zuschüsse erhalten. Medien richten sich nach der Dramaturgie erfolgreicher TV-Serien: Eine Staffel folgt der nächsten, eine Angstkampagne löst die nächste ab, Horrorvisionen im Konjunktiv, das nächste Virus könnte das Schlimmste sein.

Es ist auch für mich mittlerweile irrelevant, was Alain Berset und seine Task-Force verkünden. Ich halte mich an meine Vertrauensärzte. In meinem Bekanntenkreis arbeiten viele im Gesundheitswesen. Mit einer Ausnahme sind alle geimpft. Zwei Monate nach der zweiten Impfung hatte ich die maximale Anzahl Antikörper. Wie lange noch? Sechs Monate, zwölf Monate, lebenslänglich? Die Angaben wechseln wie die wöchentlichen Lottozahlen. Mittlerweile sind alle Risikogruppen und jene, die sich impfen lassen wollten, geimpft. Was nun?

Ich bin mir durchaus bewusst, dass die Pandemie dreist missbraucht wird, um, wie es Wolfgang Schäuble in einem Interview formulierte, Dinge durchzusetzen, die ohne Pandemie nicht möglich gewesen wären (Hannoversche Allgemeine, 21. 8. 2020). Die Pandemie kann langfristig einen Vorwand liefern, um den von Klaus Schwab geforderten «Great Reset» durchzusetzen, eine grüne Variante des chinesischen Social-Credit-Systems ohne Bargeld. Ist das denkbar? Obwohl ich gegen die Abschaffung des Bargeldes bin (weil sie den gläsernen Bürger schafft), bezahle ich aus hygienischen Gründen nur noch mit der Karte . . .

Fazit: Slow down. Jeder hat sein eigenes Risikoprofil. Abhängig von Alter und Gesundheitszustand. Wer eine andere Meinung hat, ist kein Feind. Die Pandemie wird vorbeigehen. Kein Grund für Gehässigkeiten gegenüber Andersdenkenden. In einem demokratischen Rechtsstaat kann man an der Urne jene abstrafen, die sich an der plötzlichen Machtfülle berauscht haben.

Dienstag, 3. August:

Jetzt, wo ich geimpft bin und nach beinahe zwei Jahren freiwilliger Quarantäne wieder mit Dina im Freien spazieren kann, kaufen wir uns bei Orell Füssli einen Schweizer Hotelführer. Inmitten von Büchern stapeln sich die wunderbaren amerikanischen Peanut Butter Cups von Reese. Steht es so schlecht um den Buchhandel, dass man diversifizieren muss? Demnächst Zahnbürsten und Kartoffelschäler?

Montag, 9. August:

Auch Greta Thunberg, 18, muss diversifizieren. Ihr Eventmanager Svante Thunberg weiss Rat. Greta posiert als Cover-Girl der skandinavischen Vogue -Ausgabe. Der «alte, weisse Mann» Alexandrov Klum hat sie als esoterische Hohepriesterin im Märchenwald in Szene gesetzt. Das Porträt verfasste Tom Pattinson, ein Mann von «toxischer Männlichkeit». Greta trägt laut eigenen Angaben dem Klima zuliebe nur Secondhand-Klamotten, die irgendwelche «Klimasäue» einst neu gekauft haben. War auch die Hochsee-Rennjacht «Malizia II» vom Trödlermarkt? Pattinson zitiert Greta: «In der einen Sekunde werde ich von meinen Eltern kontrolliert, ich kann nicht selbständig denken; in der nächsten Sekunde bin ich ein böses, manipulatives kleines Kind.»


 

Meine Woche 30/2021

Das traditionelle Balikbayan-Shopping ist für mich heute genauso befriedigend wie früher eine Woche Sardinien. Wie jedes Jahr senden wir im August Balikbayan Boxen auf die Philippinen. Das Containerschiff erreicht im November Manila. Von dort geht es weiter auf die Insel Negros. Die Boxen erreichen den Zielort nach ca. 3 Monaten, also wenige Wochen vor Weihnachten.

Ca. zehn Prozent der philippinischen Gesamtbevölkerung (101’000 Mio.) leben im Ausland. Über 80 Prozent sind Frauen. Sie sind sehr familienorientiert, wobei der Begriff »Familie« wesentlich breiter gefasst ist.

Monatlich senden die Overseas-Filipinas eine halbe Million Balikbayan Boxen und jährlich rund 32 Milliarden Dollar auf die Insel, das sind über 10 Prozent des Bruttosozialproduktes.

In der Schweiz leben ca. 10.000 Filipinas, die meisten arbeiten im Gesundheitswesen und werden sehr geschätzt. 1975 lebten erst 188 Filipinas in der Schweiz.


© Transportbilder http://www.philswissexchange.ch die auch unsere Boxen verschifft.


 

 

092 Blick »Lollipops für Unentschlossene«

© Blick Kolumne 092 vom 6.8.2021


Wie kann man Süsses geniessen, ohne dass die Finger dabei klebrig werden? Schimpansen waren die Lehrmeister unserer Vorfahren. Mit einem dünnen Ast kratzten sie Honig aus den Bienenstöcken, behielten den Ast und leckten ihn sauber. Der erste Lollipop. In der Antike pflegte man Früchte, Mandeln und Sesam in Honig einzulegen und die gehärtete Masse aufzuspiessen.

Das taten auch George Smith und sein Kumpel Andrew Bradley in den 1880er-Jahren. Sie steckten alles Mögliche auf einen Stängel. Bei einem Pferderennen beeindruckte sie ein Pferd namens Lolly Pop. So nannten sie dann auch ihren ersten kommerziellen Lutschstängel, der die Welt der Kinder erobern sollte.

Heute nutzen Eltern gerne einen Lollipop, um ihre Kinder zu belohnen. Oder gefügig zu machen. Esswaren eignen sich vorzüglich für die Dressur. Ratten dressiert man mit Bananenscheiben, Hunde mit Knochen, Katzen mit Fisch.

Könnte man einige Unentschlossene mit Lollipops in die Impfzentren locken? Kommt drauf an. Auf der philippinischen Insel Negros erhält man nach dem Impfen fünf Kilo Reis. In einem Land, in dem ein durchschnittlicher Jahreslohn in etwa einem durchschnittlichen Schweizer Monatslohn entspricht, ist das durchaus ein Anreiz.

Dass solche Lockangebote auch in Deutschland funktionieren, deutet auf einen sinkenden Lebensstandard hin. In Niederbayern gibts ein kleines Geschenk, so eine Art Überraschungs-Ei, in Regensburg gibts Freigetränke, in Kelheim eine Bratwurst mit Semmel, in anderen Städten Kinotickets oder ein Bier. Wäre in der Schweiz eine Zuger Kirschtorte Anreiz genug?

Auf der schweizerischen Hochpreisinsel ist kein Lollipop gross genug, um alle Gruppierungen umzustimmen. Die einen misstrauen einem Impfstoff, der im beschleunigten Verfahren zugelassen wurde, andere vertrauen dem Wohlwollen der Götter, Geschichtslose wähnen sich in einer Nazi-Diktatur. Die Beweggründe sind so vielfältig wie unsere Parteienlandschaft. Vielleicht wäre ein Steuerrabatt für einige Anreiz genug. Unsere tiefe Impfquote verlängert die Pandemie und kostet den Bund wesentlich mehr.

Disclaimer: Ich bin zweifach geimpft und pflege weder wirtschaftliche noch sexuelle Beziehungen zu Impfstoff-Herstellern.


 

Meine Woche 29/2021

Dienstag, 08.00 Augenspital (chronische GvHD), 15.00 Lac Léman. Ich wollte endlich das Château de Chillon besuchen, das ich einst als Inspiration für einen Kinofilm »Sigurd« vorgesehen hatte. Als Kind mochte ich Tintin, als Primarschüler war »Sigurd, der ritterliche Held« von Hansruedi Wäscher, mein beliebtester Comic. Ein etwa gleichaltriger Basler war ebenfalls ein begeisterter Sigurd Fan. Ich traf ihn per Zufall 1982 in einer Basler Videothek, die er als 25-jähriger gegründet hatte. Wir wussten nichts von unserer gemeinschaften Leidenschaft aus Kindstagen, wir kannten uns nicht.

34 Jahre später begegneten wir uns wieder: Er war mittlerweile als Besitzer der Highlight Communication (Constantin Film) ein international erfolgreicher Filmproduzent und Sportvermarkter: Bernhard Burgener (Ex-FCB-Präsident). Er hatte wie ich noch alle Sigurd Abenteuer im Kopf und zu meinem sehr grossen Erstaunen hatte er die Filmrechte erworben und schlug mir vor, einen Entwurf für einen Kinofilm zu schreiben. Ich war sehr euphorisch, begann sofort mit den Recherchen*, doch dann kam das Leben dazwischen und ich musste Sigurd in Labans Kerker zurücklassen.

Obwohl das alles Schnee von gestern ist, war ich nach vielen Jahren immer noch neugierig, das Schloss mit eigenen Augen zu sehen. Bereits im Innenhof endete meine Visite. Ich hatte schlicht vergessen, dass ich aufgrund der fortschreitenden Polyneuropathie keine Schlosstreppen mehr hochkomme. Comedy. Dina und ich haben herzhaft gelacht. Sehr schöne Gegend diese Schweizer Riviera.


*Ich gab Sigurd einen historischen Rahmen: Die Zeit von Friedrich I., genannt Barbarossa, von 1155 bis 1190 Kaiser des römisch-deutschen Reiches.


 

Blick fragt: Wieso sollte man Ihr Buch lesen?

»Blick« hat 8 Autorinnen und Autoren gefragt, wieso man ihre Bücher lesen sollte. Hier also meine schamlose Eigenwerbung:


Darum geht es:

Der Song »Hotel California« ist der Soundtrack dieses surrealistischen Romans. Ein Mann wacht in der kalifornischen Wüste auf. In der Ferne sieht er ein Hotel ohne Nachbarschaft. Man kann es jederzeit betreten, aber nie mehr verlassen. Der Mann ist auf der Suche nach seiner noch ungeborenen Tochter Elodie. Absurd? Ja, ziemlich absurd.


Darum könnte es für Sie interessant sein:

Marc Stucki schrieb auf Facebook: »Wenn ich meiner Tochter nur ein Buch auf ihren Lebensweg mitgeben dürfte – das wäre es.« Den Text schrieb ich ursprünglich für meine ungeborene Enkelin Elodie, da ich sie nicht mehr als Teenager erleben werde. Das Ganze ist mir entglitten, es wurde ein Lebensratgeber in Romanform. Ich sage Elodie, was im Leben wirklich zählt, weil man das erst am Ende des Lebens erfährt. Wenn es vorbei ist. Wenn es zu spät ist. Das ist die Ironie unseres Daseins. Radiolegende Francois Mürner kommentierte auf Amazon »Muss man gelesen haben«. Gehört dieses Buch in Ihren Reisekoffer? Das geringe Gewicht spricht auf jeden Fall nicht dagegen.


Hotel California, Nagel & Kimche


 

091 Blick »Muss Schneewittchen sterben?«

Seit 1955 schläft Schneewittchen in einem der meistbesuchten Freizeitparks der Welt, im Disneyland Resort in Kalifornien. Die Pandemie zwang die Betreiber vorübergehend zur Schliessung. Nach 400 Tagen endlich die Wiedereröffnung. Die Tageszeitung «San Francisco Chronicle» sandte zwei Woke-Journalistinnen zur Inspektion.

Die beiden Expertinnen blieben wie versteinert vor dem schlafenden Schneewittchen stehen, die von einem Prinzen wachgeküsst wird, und stellten die Frage, die zum Politikum wurde: Hätte der Prinz Schneewittchen, die 1812 in einen komatösen Schlaf verfiel, nicht zuerst um Erlaubnis fragen sollen, bevor er sie wachküsst?

Da sie schlief, wäre das selbst für erfahrene Märchenerzähler eine Herausforderung. Hätte der Prinz sanft ihre Hand streicheln sollen? Ein No-Go in Zeiten von #MeToo!

Schwarze küsst Ladyboy wach

Die beiden Journalistinnen verlangten, dass man das über zweihundert Jahre alte Märchen der Gebrüder Grimm umschreibt. Wieso schrieben sie nicht gleich selber ein gendergerechtes Märchen mit woken Figuren?

Denkbar wäre eine schwarze Frau (nicht zu dick, nicht zu dünn, nicht zu hübsch, nicht zu sexy), die einen thailändischen Ladyboy wachküsst. Und was wird aus den sieben Zwergen? Sie sind entweder homosexuell, bisexuell, heterosexuell, fluidsexuell, sexuelle Flexitarier oder noch Forschende. Und wo bleibt die Inklusion? Wir brauchen die Zwerge in allen Hautfarben, Geschlechtern, Alters- und Einkommensklassen. Dann gibts mehr Zwerg*innen als Bäum:innen im Wald:in.

Woke-People erreichen heute nicht selten Kabarett-Niveau. Expertin Deanne Carson meint zum Beispiel, man müsse auch Babys vor dem Wickeln um Erlaubnis fragen. Leslie Kern fordert ein Verbot von Hochhäusern, weil sie diese als sexistische Symbole erkannt hat, die in den Himmel ejakulieren.

Anmassende Wohlstandsverblödung

Traut man den Online-Umfragen, halten jeweils etwa 90 Prozent der Leserschaft diese Diskussionen für ziemlich bescheuert. Es ist somit vor allem ein Medienthema, eine peinliche Anbiederung an den Zeitgeist, der von einer anmassenden Minderheit im elitären Milieu ausgebrütet wird.

Wenn man bedenkt, wie Menschen in Armutsländern täglich um das nackte Überleben kämpfen, empfindet man diese Wohlstandsverblödung zum Fremdschämen.


Claude Cueni (65) ist Schriftsteller und lebt in Basel. Er schreibt jeden zweiten Freitag im Blick. Kürzlich erschien im Verlag Nagel & Kimche sein Roman «Hotel California – Botschaft an Elodie».


 

090 Blick »Gringokiller«

© Blick 9.7.2021

Für die Schärfe von Chili gibt es sogar eine eigene Messskala. Die Sorte, die obenausschwingt, ist nichts für schwache Geschmacksnerven. Kein Wunder, wird Chili auch als Waffe eingesetzt. Und manchmal als Potenzmittel.


Claude Cueni

Die Zunge brannte, die Speiseröhre stand in Flammen, das Herz raste, und bevor Christoph Kolumbus zusammenbrach, schossen entzündungshemmende Endorphine in sein Gehirn und linderten den Schmerz.

Nachdem Kolumbus 1492 nicht Indien, sondern Amerika entdeckte hatte, irrte er auch bei dieser scharfen Chilischote. Er hielt sie für eine unbekannte Pfeffersorte und nannte sie ganz unbescheiden «spanischer Pfeffer». Chili war jedoch in Mittel- und Südamerika seit rund 9000 Jahren bekannt, verbreiteter als Mais, und diente als Schmerz- und Heilmittel. Die Göttin Tlatlauhqui-cihuatl-ichilzintli wachte über die rote Schote, die fast jeder Mahlzeit beigemischt wurde.

In Europa schmeckte das Essen damals unglaublich fad. Nur Könige, Adlige und Geistliche konnten sich Gewürze leisten. Die Diener Gottes verspottete man als Pfeffersäcke, weil sie in Saus und Braus lebten. Pfeffer wurde zeitweise sogar in Gold aufgewogen. Unter den Seefahrernationen war deshalb ein Wettlauf zu den sagenumwobenen Gewürzinseln ausgebrochen.

Würzen, wärmen, Angreifer vertreiben

Es gibt heute über 200 verschiedene Chilisorten mit unterschiedlichen Namen, die bekanntesten sind Jalapeño und Cayenne. Ja, der Cayenne-Pfeffer hat nichts mit Pfeffer zu tun, er besteht ausschliesslich aus Chili. Die Schoten unterscheiden sich in Geschmack, Grösse, Farbe und Schärfe recht stark voneinander. Die Schärfe ist dem brennenden Capsaicin geschuldet und wird in Scoville-Einheiten gemessen. Mexikanische Jalapeños haben weniger als 5000 Scoville, es gibt jedoch einige südamerikanische Sorten mit Spitzen von bis zu 300’000 Scoville. Die krasseste Schärfe weist der Manzano-Chili auf, nicht umsonst wird er «Gringokiller» genannt.

Während Azteken ihre Feinde zur Abwechslung dem beissenden Rauch gerösteter Chili aussetzten, würzen wir heute unsere Pfeffersprays mit Chili. Auch in der Medizin hat die Schote überlebt. Wir finden sie in Wärmepflastern, die man bei Hexenschuss auf den Rücken klebt.

Chili statt Viagra

Da Capsaicin auch die Durchblutung fördert, benützen es Experimentierfreudige als günstigen Viagra-Ersatz. Sofern man sich für Tabasco entscheidet, sollte man die Chilisauce nur über das Essen tröpfeln und nicht an der hilfsbedürftigen Körperstelle einreiben.


Claude Cueni (65) ist Schriftsteller und lebt in Basel. Im März erschien im Verlag Nagel & Kimche «Hotel California», ein Lebensratgeber in Romanform für seine Enkelin. Cueni schreibt jeden zweiten Freitag im Blick.


 

089 Blick »Greenpeace: Einst gemeinnützig, heute oft gemeingefährlich«

25. Juni 2021

©Blick-Kolumne von Claude Cueni über die Radikalisierung von Greenpeace.


Statt die Umwelt zu schützen fungiert Greenpeace heute als Selbstverwirklichungsplattform für Risikosportler, die sich ihre Abenteuer mit Spendengeldern finanzieren lassen. Rechtsbruch gehört zum System.


Claude Cueni


1978 hörte erstmals eine breite Öffentlichkeit von der 1971 gegründeten Umweltschutzorganisation Greenpeace (grüner Frieden). Mit einem Fisch-Trawler protestierten sie gegen den isländischen Walfang, gegen die Robbenjagd auf den Orkney-Inseln und gegen die Entsorgung von radioaktivem Müll in den Ozeanen. Ich fand das toll und spendete Geld, obwohl ich damals kaum welches hatte. 

Paul Watson, der Co-Gründer von Greenpeace, nannte sein Baby rückblickend die «grösste Wohlfühlorganisation der Welt», ihr Geschäft bestünde darin, den Menschen ein gutes Gewissen zu verkaufen. Ja, ich fühlte mich gut und hielt es für üble Nachrede, wenn Aussteiger wie Watson behaupteten, Greenpeace sei mehr am Spendensammeln interessiert als an der Rettung der Natur.

Mit dem Abgang der Realos kam die Radikalisierung

Auch Co-Gründer Patrick Moore warf nach 15 Jahren das Handtuch: «Greenpeace hat sich von Logik und Wissenschaft verabschiedet», Ideologen würden dominieren, jeder, der auch nur geringfügig von der Linie abweiche, würde als Öko-Judas diffamiert. Sind alle Realos weg, bleibt ein radikaler Kern übrig, der jede Verhältnismässigkeit verliert, weil ihm das Korrektiv fehlt. 

Einst gemeinnützig, heute oft gemeingefährlich. Straftaten häufen sich: Hausfriedensbruch, Sachbeschädigung, versuchte Nötigung, besonders schwere Fälle von Diebstahl, gefährliche Eingriffe in den Strassenverkehr, gefährliche Körperverletzung. Mit solchen Aktionen erwirtschafteten die «Gewaltfreien» 2019 einen Umsatz von 368 Millionen Dollar (das meiste davon Spenden) und zahlten ihrer Angestellten Jennifer Morgan 168’000 Euro Lohn. 2014 verzockte die grüne Geldmaschine mit hochspekulativen Termingeschäften 3,8 Millionen Dollar an der Börse.

Der Kämpfer gegen VW fährt selber einen VW

Greenpeace ist heute attraktiv für selfiehungrige Risikosportler, die sich ihre Abenteuer mit Spendengeldern finanzieren lassen und «dem Klima zuliebe» um die Welt jetten.

Der 38-jährige Chirurg, der kürzlich mit seinem motorisierten Gleitschirm über das mit 14’000 Zuschauern besetzte Münchner Stadion crashte, nahm für eine altbekannte Message Tote in Kauf. War das gemeinnützig? Diente die Aktion der Umwelt oder eher der Spendenakquisition? Der uneinsichtige Wiederholungstäter protestierte gegen VW. Und fährt selbst einen VW Golf.


Claude Cueni (65) ist Schriftsteller und lebt in Basel. Im März erschien im Verlag Nagel & Kimche «Hotel California», ein Lebensratgeber in Romanform für seine Enkelin. Cueni schreibt jeden zweiten Freitag im Blick.


 

»Wir haben Monopoly gespielt«

© Die Weltwoche – 24. Juni 2021


Der Untergang der Moorhuhn-Schmiede Phenomedia (2001) wäre Stoff für eine Komödie, der Finanzskandal von Wirecard (2021) der Plot für einen internationalen Thriller. Beide Gründer waren Schulabbrecher aus einfachen Verhältnissen. Vieles verlief ähnlich, aber eine Sache war anders.


von Claude Cueni


Was da passiert ist, hatte mit normalen Welten nichts zu tun. Es war völlig verrückt», gestand Markus Scheer, der Gründer der «Moorhuhn»-Schmiede Phenomedia, «wir haben ‹Monopoly› gespielt. Aber mit richtigem Geld.» Fünf Jahre nach dem Börsengang stand er 2004 vor den Richtern der 6. Strafkammer des Bochumer Landgerichts. Sie warfen dem damals 35-Jährigen Bilanzschwindel, Insiderhandel, Steuerhinterziehung und Erpressung vor. Er soll mit fünf Kumpels den Umsatz mit einem «raffinierten System aus Luftbuchungen» frisiert haben, um den Aktienkurs in die Höhe zu treiben. Beim Börsengang im Herbst 1999 war seine Phenomedia-Aktie mit 22,90 Euro am Neuen Markt gestartet. Zwischenzeitlich hatte sie 90 Euro erreicht und war schliesslich auf 86 Cent gecrasht. Erst nach vier Jahren Prozessdauer gestand Scheer, er habe «Fehler gemacht, schlimme Fehler». Nach 120 Prozesstagen landeten er und sein Finanzvorstand für drei Jahre hinter Gittern.

Markus Scheer war wie viele erfolgreiche Firmengründer ein Schulabbrecher, der den Schulstoff für weitgehend unnütz hielt, weil er von Anfang an genau wusste, was er wollte: Scheer wollte Spiele programmieren. Das Handwerk hatte er sich als Kind am legendären Spielecomputer C64 beigebracht.

Durchbruch mit Fake News

Bereits als Teenager wurde er Chefentwickler bei der 1988 gegründeten Firma Starbyte, die mit ihren Wirtschaftssimulationen den entstehenden Computerspielemarkt aufmischte und Kultstatus erreichte. 1992 teilte Starbyte das Schicksal vieler Pioniere, denn nicht selten bestraft das Leben auch jene, die zu früh kommen. Starbyte schlitterte in die Insolvenz. Scheer gründete eine neue Firma und fokussierte auf kleine Werbespiele, die im Auftrag von Firmen produziert wurden. Eines dieser advertising games war ein Shooter für Johnnie Walker. Attraktive Hostessen forderten abends Barbesucher zum Spielen auf dem Notebook auf. Wer genügend virtuelle Moorhühner abschoss, erhielt einen Drink spendiert. Der Erfolg war überschaubar.

Wesentlich interessanter schien Scheer, was sich an der Deutschen Börse abspielte. 1997 wurde nach dem Vorbild der amerikanischen Technologiebörse Nasdaq ein Aktienindex für neue Technologien ins Leben gerufen: der Nemax. Viele junge Firmen nutzten den Neuen Markt zur Beschaffung von frischem Kapital für eine schnellere Expansion. Nur brauchte es für einen erfolgreichen Börsengang Fleisch am Knochen, Content, ein prall gefülltes Portfolio. Scheer vereinigte kleinere Spieleproduzenten unter dem Namen Phenomedia und wagte 1999 mit einem bescheidenen Jahresumsatz von 4,8 Millionen Euro den Gang an den Neuen Markt. Im Börsenprospekt hatte er interaktives Fernsehen, Handy-Games und all das versprochen, was die Fantasie von Analysten und Anlegern beflügelte. Über Nacht spülte das IPO (Initial Public Offering) 22 Millionen Euro in die Firmenkasse. Scheer löste seine Versprechen ein und kaufte weitere kleine, aber innovative Firmen zusammen, er kaufte Wachstum. Der redegewandte Scheer und seine Jungs gehörten bald zu den Lieblingen der Finanzpresse. Der allgemeine Hype am Neuen Markt befeuerte den Aufstieg enorm. Plötzlich hatte jede Metzgerei eine Internetadresse, und das berühmte Hausmädchen begann erstmals in seinem Leben Aktien zu kaufen. Only the sky is the limit. Es war schliesslich das reanimierte Moorhuhn des Digital Artist Ingo Mesche, das den Aktienkurs durch die Decke brechen liess. Der Pressesprecher der Phenomedia hatte diversen TV-Journalisten gesteckt, dass in einigen Firmen kaum noch gearbeitet würde, weil angeblich auf den Firmencomputern nur noch Moorhühner gejagt würden. Die Fake News verbreiteten sich wie ein Lauffeuer. Wie gut musste ein Spiel sein, wenn moorhuhnsüchtige Angestellte sogar ihre Kündigung in Kauf nahmen?

Vorlage für eine Komödie

Bereits im März 2001 wurde in einer Ad-hoc-Mitteilung bekanntgegeben, dass für das Jahr 2000 ein Rekordergebnis verzeichnet worden sei, eine Umsatzsteigerung von erstaunlichen 236 Prozent auf 31,9 Millionen Euro. Die Aktie stieg um 6,5 Prozent. Noch wussten die begeisterten Anleger nicht, dass Phenomedia in Wirklichkeit einen Verlust von 8,3 Millionen eingefahren hatte. Scheer ahnte, dass auch Moorhühner nicht ewig lebten und dass bei weiteren Verlusten die Aktie das Schicksal der Moorhühner teilen würde.

Auf Scheers Schreibtisch standen stets zwei Computer. Auf dem zweiten lief eine seiner geliebten Wirtschaftssimulationen. Gründete man als virtueller Firmenboss dreissig Tochterfirmen und schickte eine Million im Kreis herum, konnte jede Firma jeweils einen Umsatzzuwachs von einer Million verbuchen, und jeder Rundgang brachte dem virtuellen Mutterhaus zwar nicht mehr Gewinn, aber dreissig Millionen mehr Umsatz. Am Neuen Markt waren tiefrote Zahlen okay. Solange der Umsatz stieg. Amazon war der beste Beweis. Konnte das, was in einem Computerspiel zum Erfolg führte, auch in der Realität funktionieren? Scheer konnte nicht widerstehen. Mit Scheinfirmen, Luftbuchungen und Bilanzschwindel blähte er den Umsatz auf. Die Banken, so Scheer, brachten ihm «schubkarrenweise frisches Geld» und rieten ihm angeblich davon ab, einen erfahrenen Senior Manager beizuziehen. Dass Phenomedia als Anbieter von Handy-Games die Firmenzentrale ausgerechnet in einem Bochumer Funkloch gebaut hatte, sah man den Newcomern nach. Ihr smarter Kundenakquisiteur erklärte den Erfolg wie folgt: »Wir ziehen unsere geilen Anzüge an und quatschen ein bisschen über Phenomedia.» Das Einzige, worüber alle genau Bescheid wussten, war der aktuelle Aktienkurs. Insiderhandel war später ein weiterer Anklagepunkt. «Geile Anzüge», das war einem externen Wirtschaftsprüfer zu wenig. Er deckte auf, was man bei Computerspielen cheat nennt, in der Realität aber Betrug ist. Scheer reagierte umgehend und stellte den Unbequemen als Finanzchef ein. Der Absturz war nur aufgeschoben. Im nächsten Jahr schlug ein neuer Wirtschaftsprüfer Alarm, die Staatsanwaltschaft liess sechs Führungskräfte verhaften, die Aktie verkam zum Pennystock und hinterliess Tausende von geprellten Kleinanlegern, Investoren, Kreditgebern und jungen Arbeitslosen.

Während die Phänomedialen die Bilanzen «lediglich» um fünfzehn Millionen aufgebläht hatten, betrug der mutmassliche Finanzschwindel beim deutschen Zahlungsabwickler und Finanzdienstleister Wirecard 1,9 Milliarden Euro. Auch das untergetauchte Wirecard-Vorstandsmitglied Jan Marsalek wuchs in einfachen Verhältnissen auf und brach frühzeitig die Schule ab. Markus Scheer sagte vor Gericht, er habe mächtig sein wollen, das hatte auch Jan Marsalek gewollt. Er gilt als Hauptverdächtiger im Finanzskandal der Wirecard.

Während der Niedergang der Phenomedia lediglich eine Fussnote in der Geschichte der New Economy bleiben wird, ist Wirecard der «grösste Börsen- und Finanzskandal der deutschen Nachkriegszeit». Phenomedia könnte die Vorlage für eine Komödie sein, Wirecard ist hingegen der Plot für einen internationalen Thriller im Umfeld von Marsaleks dubiosen Aktivitäten in Libyen, geheimdienstlichen Kontakten und gefakten Firmensitzen, die mit Schauspielern besetzt wurden. Doch in einem Punkt unterscheiden sich die beiden Skandale ganz erheblich: Wirecard genoss einen besonderen Schutz. Die Münchner Staatsanwaltschaft, die Finanzaufsicht Bafin, die Wirtschaftsprüfer: Sie alle wollten jahrzehntelang nicht wahrhaben, was immer offensichtlicher wurde. Bereits 2003 stellte der Blogger Jigajig die Ungereimtheiten in der Wirecard-Bilanz online. Seine Beiträge wurden gelöscht. Vergebens. Die Betrugsvorwürfe häuften sich in den folgenden Jahren. 2016 startete Matthew Earl, Managing Partner bei Shadow Fall Capital, seine Serie vernichtender Blog-Beiträge. Er wurde verfolgt und bedroht. Anfang 2019 verbreitete die Financial Times in einer Artikelserie die Vorwürfe des Wirecard-Juristen Pav Gill, der als Senior Legal Counsel für Wirecard Asia Pacific zuständig war. Die Dokumente wurden weltweit verbreitet. Die Münchner Staatsanwaltschaft eröffnete ein Strafverfahren, aber nicht gegen die Chefetage von Wirecard, sondern gegen den Whistleblower Pav Gill. Zuerst wurde ihm Geld angeboten. Pav Gill lehnte ab. Dann folgte ein Psychoterror der üblen Sorte. Gills Mutter erlitt einen Schlaganfall.

Unterstützung von Merkel

Erstaunlich, dass sich Angela Merkel noch im September 2019 in China für Wirecard ins Zeug legte. Auch wenn sie im April vor dem Untersuchungsausschuss wie üblich jedes Fehlverhalten von sich wies, entstand doch der Eindruck, als hätten Deutschland und seine Finanzinstitutionen aus falsch verstandenem Patriotismus ein Unternehmen geschützt, das die Bundesrepublik zum europäischen Silicon Valley hätte upgraden sollen. Wieso auch erfahrene Wirtschaftsprüfer zehn Jahre lang geschwiegen haben, wird wohl Gegenstand der Ermittlungen sein.

Markus Scheer hat seine Strafe abgesessen und wieder als Unternehmer Fuss gefasst, Jan Marsalek und einige seiner Komplizen sind untergetaucht. In Sicherheit sind sie nicht. Gefahr droht ihnen nicht nur von der Justiz, sondern auch von all den geschädigten «Geschäftspartnern», die nun zur Jagd blasen. Es gibt für Kriminelle nichts Verlockenderes, als geraubtes Geld zu stehlen. Jan Marsalek wird gejagt, er ist das neue Moorhuhn. Auf den Philippinen kostet ein Auftragskiller in Polizeiuniform gemäss Cebu Daily News fünfzig Dollar.


 Claude Cueni ist Schriftsteller und lebt in Basel. Im März erschien von ihm im Verlag Nagel & Kimche «Hotel California», ein Lebensratgeber in Romanform für seine Enkelin.

 

Rezension: Hotel California

Literatur & Kunst / Weltwoche vom 10. Juni 2021

Vermächtnis für die Enkelin

Von Rolf Hürzeler

Claude Cueni: Hotel California. Nagel&Kimche. 160 S., Fr. 27.90

Wer im Hotel «California» eincheckt, kommt nie mehr heraus. Denn das Haus steht für das Ende des menschlichen Daseins. Der Schriftsteller Claude Cueni hat die Metapher gewählt, weil er vor mehr als zehn Jahren an den Folgen einer Leukämie schwer erkrankt ist und ohne Aussicht auf Genesung lebt. Mit seinem neuen Buch «Hotel California» hat er nun einen feinfühligen Text für seine ungeborene Grosstochter geschrieben. Das Buch trägt den erklärenden Untertitel «One more thing: Meine Botschaft an Elodie». Die Enkelin begegnet der Leserschaft als wachsender Fötus, den Cueni auf das Leben vorbereitet. Eine eigentliche Handlung hat die Novelle nicht, aber die Irrungen und Wirrungen rund um das Hotel zieht der Autor als roten Faden durch eine widersprüchliche, zum Teil schwerverständliche Welt.

Kraft und Kreativität

Denn zu dieser gehört Cuenis Unterbewusstsein. Immer wieder erlebt der Erzähler albtraumartige Begegnungen, etwa mit einer Pythonschlange: «Ich sass plötzlich auf einem schuppenartigen Ding …» Was witzig beginnt, endet apokalyptisch: «Es wurde dunkel um mich herum, als sie meinen Kopf verschlang und mühsam durch ihren engen Körper nach hinten presste …» Neben diesen absurden Halluzinationen gibt Cueni seiner Enkelin Elodie praktische Ratschläge für das Leben, die nur jemand mit viel eigener Lebenserfahrung erteilen kann; so, wenn er vom Wert des Geldes berichtet. Er relativiert die Bedeutung des Besitztums und rät dagegen, menschlichen Beziehungen umso mehr Sorge zu tragen. Am wichtigsten ist ihm jedoch die Bereitschaft, den Überlebenskampf nicht zu scheuen: «Als ich Hals über Kopf aus meinem Elternhaus floh und keine Schulen mehr besuchte, trug ich Flip-Flops und fünf Franken im Sack.» Später verdiente Cueni ein Vermögen mit Computergames und seinen Romanen. Immer wieder arbeitet der Autor mit Versatzstücken aus seinen früheren, weitgehend autobiografischen Büchern. Cueni wählte den Titel des Buches «Hotel California» nach dem Ohrwurm der Band Eagles aus dem Jahr 1976, deren Musik ihm in der Jugend offenbar wichtig war. Noch heute findet er in Erinnerungen wie diesen Halt und Zuversicht. Was dieses Buch auszeichnet, sind die Kraft und die Kreativität, die Cueni aus seinem Schicksal schöpft; damit macht er seiner Leserschaft Mut.

088 Blick »Trickst Panini?«

Es begann mit einem Flop. Die Gebrüder Panini druckten Sammelalben mit Blumenbildern zum Einkleben. Damit umdribbelten sie wohl alle möglichen Zielgruppen: Erwachsene kaufen keine Alben, und Kinder mögen Superman mehr als Orchideen.

 

1961 brachte Panini deshalb ein Sammelalbum mit 90 Aufklebebildern italienischer Fussballmannschaften heraus. Mit Erfolg. Bereits an der WM 1970 in Mexiko kam die Verpackungsmaschine Fifimatic zum Einsatz, um zu verhindern, dass in einem 5er-Päckchen zweimal das gleiche Bild vorkam. Je mehr Päckchen man kaufte, desto höher war die Wahrscheinlichkeit, dass man zweimal den gleichen Spieler hatte.

 

Für viele Kids war es wohl ein Schock, dass sie ausserhalb von Hotel Mama der harten Realität ausgesetzt waren und aus fünfzig Tüten viermal Víctor Espárrago von Nacional Montevideo zogen und kein einziges Mal Pélé. Der Frust gebar die Verschwörungstheorie, wonach Panini trickste und ein Ersatzspieler öfter vorkam als ein Weltstar.

 

Zwei Mathematiker der Uni Genf gingen der Sache nach und kauften zwölf Boxen à hundert Päckchen mit jeweils fünf Bildern, also insgesamt 6000 Sticker. Das Ergebnis: Jeder Spieler kam exakt neun Mal vor.

 

Bis zur WM 2006 kaufte ich jedes Jahr ein Sammelalbum. Ohne Bilder. Die Kioskverkäuferinnen reagierten oft irritiert: «Sie brauchen wirklich keine Bilder?»

 

Es war ein Italiener aus Mailand, der schliesslich hinter mein Geheimnis kam. «Ist es Zufall», mailte er, «dass in Ihrem Vatikanthriller ‹Andate e uccidete› (Gehet hin und tötet) fast alle Kardinäle und Mafiosi die Spielernamen der italienischen Nationalmannschaft von 1990 haben?»

 

Ich gestand, dass ich die Namen für meine Film- und Romanfiguren jeweils den Panini-Alben entnehme. Damit gehe ich sicher, dass russische oder argentinische Namen authentisch sind. Von Salvatore Schillaci (Juventus) lieh ich zum Beispiel den Vornamen, von Franco Baresi (AC Milan) den Nachnamen. Panini-Fussballalben waren integraler Bestandteil meiner Autorenbibliothek.

 

Mittlerweile kann man die Namen googeln, und die Panini-Gruppe erwirtschaftet in über 120 Ländern mit rund tausend Mitarbeitern einen Umsatz von über einer Milliarde Euro. Egal, wer die EM gewinnt, Panini bleibt Weltmeister.

087 »Braucht eine Regierung Fußfeßeln?«

© Blickkolumne vom 28. Mai 2021

Fussketten aus Bronze kennt man seit über 4000 Jahren, also seit Menschen fähig sind, Metalllegierungen aus Kupfer und Zinn herzustellen. Aus der römischen Antike sind derart viele Exponate erhältlich, dass man sie bereits für 900 Franken erwerben kann. 

Während der Pandemie wurde eine neue Variante notwendig: die unsichtbare Fussfessel, die unbescholtenen Bürgern nicht viel mehr Freiheiten einräumt als Straftätern mit elektronischen Fussfesseln.

Am 13. Juni stimmt das Volk über das Covid-19-Gesetz ab, da auch das Notrecht ein Verfalldatum hat: sechs Monate. Wie üblich versteckt man eine Kröte in einem Bündel guter Massnahmen. Die Kröte räumt dem Bundesrat auch in Zukunft weitreichende Befugnisse ein und schwächt somit Parlament und Demokratie. Man kann das Gesetz trotzdem annehmen. Sofern man der Regierung traut.

Aber Vertrauen muss man sich verdienen. Während der Pandemie wurde es teilweise verloren. Aufgrund der widersprüchlichen und teils völlig unlogischen Massnahmen kamen Zweifel an der Kompetenz der stets zaudernden Akteure auf. Nach vorsätzlichen Falschinformationen (Maskenlüge etc.) ist der Schaden irreparabel. Auch ein Borsalino-Hut kann keine Pinocchio-Nase verdecken. Massnahmen zur Kompensierung von Erwerbsausfällen können auch auf parlamentarischem Weg aufgegleist werden, und Medienförderung gehört nicht in ein Pandemiegesetz. 

Gesundheitsminister Alain Berset droht wie üblich und warnt davor, dem Bundesrat mit einem Nein einen Denkzettel verpassen zu wollen. Seine Befürchtung ist berechtigt. Ein Teil der Bevölkerung ist nachhaltig verärgert über ihren Angestellten, den sie jährlich mit rund 460’000 Franken entlöhnt. 

Die Regierung braucht nicht mehr Machtbefugnisse, sondern krisenerprobte Macher mit Unternehmerblut, die mehr am Schutz der eigenen Bevölkerung interessiert sind als an der Selbstdarstellung. Es braucht Aktiv-Bundesräte, die sich nicht der Geschwindigkeit eines hochverschuldeten Bürokratiemonsters anpassen, das im Schlafwagen zwischen Brüssel und Strassburg hin- und herpendelt und selten durch die Kraft des Handelns überzeugt.

Am 13. Juni geht es um Vertrauen. Auch Volksvertreter brauchen Fussfesseln, sonst wird messerscharf wieder butterweich. 

Claude Cueni (65) ist Schriftsteller und lebt in Basel. Soeben erschien im Verlag Nagel & Kimche «Hotel California», ein Lebensratgeber in Romanform für seine Enkelin. Cueni schreibt jeden zweiten Freitag im Blick.

086 Blick »Zerstört eure Armbanduhren!«

© Blick– 14. Mai 2021 – Kolumne Geschichte von Claude Cueni


Zerstört eure Armbanduhren!

Falls Sie an Ihrem Handgelenk eine Armbanduhr mit römischem Zifferblatt haben, sollten Sie diese Kolumne zu Ende lesen. Es geht um Ihre Reputation, denn an einer Uhr kann man nicht nur die Zeit ablesen (und die Vergänglichkeit des Daseins), sondern auch Ihre Haltung. Sind Sie tatsächlich «woke» (aufgewacht) oder frönen Sie noch dem selbstgerechten Schlaf der «White Supremacy», der weissen Überlegenheit?

Wir müssen über römische Ziffern reden. Sie sind das Erbe älterer italischer Völker und wurden von den Etruskern und Römern übernommen. Heute verwendet man diese Zahlschriften für die Zählung von Päpsten, Königen und oft auch für Kapitelüberschriften in Büchern.

Nachdem wir gelernt haben, dass auch Schach, Jasskarten, Mathematik, klassische Musik und Fotografie rassistisch sind, haben die «Aufgeweckten» ihre Realsatire mit einer weiteren Episode fortgesetzt und den römischen Zahlen den Krieg erklärt.

Pariser Museen, die eigentlich Kulturgut konservieren sollten, haben begonnen, die römischen Ziffern auf den Museumstäfelchen durch die bei uns gebräuchlichen indischarabischen Zahlen zu ersetzen. Der Sonnenkönig Louis XIV. ist nun Louis 14. Begründung: Man wolle niemanden ausgrenzen.

Werden jetzt auch Pariser Museumstafeln in alle rund 6900 Sprachen übersetzt? Damit niemand ausgegrenzt wird? Fühlen Sie sich eigentlich ausgegrenzt, wenn Sie indische Gurmukhi-Schriftzahlen, ägyptische Hieroglyphen oder eine chinesische Speisekarte nicht entziffern können?

Egal, ob Sie diese Entwicklung als Zeichen intellektueller Verblödung halten oder gar als Hinweis auf einen kulturellen Niedergang: Durchsuchen Sie Ihre Wohnung nach römischen Zifferblättern, zerschmettern Sie Opas Kettenuhr, reissen Sie Ihrer antiken Standuhr mit einer Beisszange die römischen Ziffern aus und vergessen Sie nicht, die Trümmer auf Facebook zu posten!

Was nützt Ihr Woke-Sein, wenn es andere nicht erfahren? Sollten die Medien auf Ihre Zivilcourage aufmerksam werden, erleben Sie fünfzehn Minuten Berühmtsein und animieren einige unterbeschäftigte Mitmenschen, Kirchtürme zu stürmen, um in Talibanmanier die Zifferblätter zu säubern. Fortsetzung folgt? Aber sicher.


Claude Cueni (65) ist Schriftsteller und lebt in Basel. Soeben erschien im Verlag Nagel & Kimche «Hotel California», ein Lebensratgeber in Romanform für seine Enkelin.

Weltwoche: Cancel Culture bei Playmobil

Cancel Culture bei Playmobil

 

Spielzeug ist ein Spiegel der Kultur. Veränderten sich die Figuren früher jahrzehntelang nicht, müssen die Hersteller heute ihr Sortiment oft innert Stunden dem Zeitgeist anpassen.

 

Claude Cueni

Spiel- und Actionfiguren spiegeln den Zeitgeist. Bereits in der Steinzeit gab es figürliche Darstellungen aus Holz, Lehm, Knochen, Ton oder Stein, wobei man sich bei einzelnen Objekten nicht einig ist, ob es sich um kultische Objekte oder Spielzeug handelt.

Im Mittelalter wurden Spielfiguren geschlechtsspezifischer und dienten auch dazu, die Kinder der Adligen auf ihre spätere Rolle vorzubereiten: Buben erhielten Ritterfiguren, Mädchen Puppen. Die meisten Kinder mussten jedoch mit dem spielen, was die Natur hergab. In weiten Teilen der Welt ist das immer noch so.

Nach dem Siebenjährigen Krieg (1756–1763) wurden Zinnsoldaten aus Weissmetall populär, und mit dem Aufkommen des Bürgertums entstanden die ersten Werkstätten, die für den Nachwuchs des neuen Mittelstandes produzierten.

Winnetou statt Hitler

Um 1900 bastelten Otto und Max Hausser Spielzeugsoldaten aus Sägemehl und Leim und verstärkten sie innen mit einem Draht. Was im Kinderzimmer Spiel war, wurde für Max Realität. Er fiel 1915 als deutscher Soldat an der Westfront. Sein Bruder Otto machte alleine weiter und produzierte in den 1930er Jahren drei Millionen Elastolin-Figuren jährlich.

Mit Beginn des Zweiten Weltkrieges besetzten Hitler und Co. die Vitrinen in den Spielzeugläden, sie hatten fein modellierbare Köpfe aus Porzellan, um den Erkennungswert zu steigern. Nach Kriegsende wurden die kleinen Goebbels und Mussolinis aus den Regalen verbannt, mancher SS-Scherge fiel zu Hause diskret Mamas Staubsauger zum Opfer.

Nazis, das waren die andern gewesen. Otto Hausser zog der Wehrmacht die Porzellanköpfe wie der Zahnarzt die Weisheitszähne. Er ersetzte sie durch neutrale Häupter. Die Kleider wurden mit den Farben von Schweizer Armeeuniformen übermalt, und Hausser widmete sich unverfänglichen Themen: Winnetou statt Hitler.

In den 1970er Jahren produzierten Hersteller wie Hausser Elastolin-, Britains-, Starlux-, Timpo-, Marx- und Airfix-Plastikfiguren aus allen Epochen, vom keltischen Druiden bis zum Zulu-Krieger. Doch als die US-Armee die ersten Napalmbomben über Vietnam abwarf und Millionen gegen den Krieg protestierten, kam erneut Mutters Staubsauger zum Einsatz. Nur Farmtiere überlebten.

Erst viel später gelang den kleinen Buffalo Bills und Ivanhoes eine digitale Auferstehung. Der Wilde Westen wurde ins Weltall gebeamt, und Roboter waren die neuen Ritter.

Zuvor hatte 1973 die Ölkrise die Weltwirtschaft erschüttert. Die Preise für Kunststoffe explodierten, und Horst Brandstätter (1933–2015), der Urenkel von Playmobil-Gründer Andreas Brandstätter, stand am finanziellen Abgrund. Bisher hatte er Kindermöbel aus Kunststoff hergestellt. Was nun?

Wenn der Markt die Karten neu mischt, erkennt man den wahren Unternehmer. Brandstätter zauderte nicht, wie wir das von schöngeistigen Politikern gewohnt sind, er überzeugte durch die Kraft des Handelns und akzeptierte die veränderte Situation als neue Normalität. Die Krise zwang ihn zu mehr Kreativität.

Hatte er bis anhin auf grossflächige Kunststoffartikel gesetzt, entschied er sich nun für kleine Spielfiguren, die kaum Kunststoff benötigten. Er gab seinem Entwicklungsleiter, Hans Beck (1929–2009), einem gelernten Tischler, der als Neunzehnjähriger aus der sowjetischen Besatzungszone in den Westen geflüchtet war, den Auftrag, ein Spielkonzept zu entwickeln, das man laufend ausbauen konnte. Beck winkte die Chance seines Lebens.

Mit dem Erfolg kam der Ärger

Bereits als Jugendlicher hatte er für seine Geschwister Modellbauten und kleine Spielzeuge hergestellt, nun konnte er seine Leidenschaft zum Beruf machen. Er entwickelte einen kleinen Bauarbeiter mit Babyface. 1974 präsentierten Brandstätter und Beck anlässlich der Nürnberger Spielwarenmesse Figurengruppen von Bauarbeitern, Rittern und niedlichen Indianern. Der enorme Erfolg rettete Brandstätter vor dem Konkurs.

1976 folgten weibliche Figuren, ab 1981 Kinder und Babys, später Tiere, Bauten, Autos und Eisenbahnen. Der Vollblutunternehmer Brandstätter und der wortkarge Beck waren ein perfektes Duo, der eine ein begnadeter Verkäufer und Macher, der andere der verspielte Kreative.

Die beiden legten den Grundstein für die Neuausrichtung einer Firma, die heute mit einer Jahresproduktion von über hundert Millionen Playmobil-Figuren mehr als eine halbe Milliarde Umsatz generiert und weltweit knapp 5000 Menschen beschäftigt: Mittlerweile tummeln sich über 2,8 Milliarden dieser abstrakten Figuren in Kinderzimmern, Sandkästen und Staubsaugersäcken.

Mit dem Erfolg kam der Ärger. Gleich mit der ersten Figur, einem Bauarbeiter. Beck hatte ihm eine Bierkiste in den Schubkarren gelegt, weil Bauarbeiter im Sommer gerne ihren Durst mit einem Bier löschen. So viel Realität wollten einige Freizeitpädagogen den Kinderaugen ersparen. Brandstätter gab nach. Die Playmobil-Welt wurde zur alkoholfreien Zone.

Bald darauf erregte das Playmobil-Set mit der Flughafen-Sicherheitskontrolle den Unmut amerikanischer Eltern. Die Szene mit bewaffneten Flughafenpolizisten, Metalldetektor und Röntgenmaschine verhindere angeblich, dass Kinder den staatlichen Sicherheitsapparat hinterfragen. Was Kinder bei jedem Ferienflug erleben, sollte ihnen zu Hause erspart bleiben.

Die New York Times bot den Entrüsteten eine Plattform, um den deutschen Spielzeughersteller in die Knie zu zwingen. Obwohl den US-Kids die Figuren viel zu brav sind und die USA deshalb nie ein starker Absatzmarkt waren, nahm Playmobil das Set aus dem Handel.

Jedes Nachgeben ermuntert Nachahmer zum nächsten Shitstorm. So auch eine Mutter aus Kalifornien. Sie stellte mit Entsetzen fest, dass im Piraten-Set ihrer Kinder nebst Papageien, Säbel und Augenklappe auch ein winzig kleiner silbergrauer Ring beigelegt war, den man gemäss Booklet an den Hals eines dunkelhäutigen Seeräubers stecken konnte.

Die schockierte Mutter hätte das Teil in den Müll werfen oder sich mit der karibischen Sklavenrepublik des 17. Jahrhunderts befassen können. Damals kaperten Piraten zahlreiche Sklavenschiffe, nahmen den Unglücklichen die Halsringe ab und boten ihnen die Chance, sich ihnen als gleichberechtigte Piraten anzuschliessen. Somit konnten Kinder mit dem Set Sklavenbefreiung spielen.

Hätten sie können. Denn die geschichtslose Mutter fand eine neue Lebensaufgabe und schwang die beliebte Rassismuskeule. Das Unternehmen erklärte, auf der Verpackung zeige man unmissverständlich, dass der Sklave kein Gefangener sei, sondern ein normales Mitglied der Crew. Niemand wollte es hören, der «Sklavenkragen» verschwand aus dem Sortiment.

Hans Becks Grundsatz war stets: «Kein Horror, keine vordergründige Gewalt, keine kurzfristigen Trends». Nach fünfzig Jahren waren diese Vorgaben kaum noch durchsetzbar. Der Markt verlangte nach neuen, trendigen Themen. Dinosaurier, Drachen und Geisterschlösser säumten nun die Verkaufsregale; Polizisten wurden hochgerüstet, Piraten feuerten aus Kanonen, römische Legionäre formierten sich zur Schlacht. Der Zeitgeist gebar kurzfristige Trends, und das Aufspüren von politisch unkorrekten Spielfiguren erreichte die Attraktivität von Gesellschaftsspielen.

Als Nächstes brachten sich Tierschützer ins Rampenlicht und verlangten die Befreiung des Tanzbären aus dem Mittelalter-Set. Tierdarbietungen gehörten früher zu jedem Mittelaltermarkt wie heute Riesenräder zu Jahrmärkten. Erneut wollte eine geschichtslose Minderheit einem Spielzeughersteller vorschreiben, wie realistisch seine Themenwelten sein dürfen. Playmobil, bereits erprobt im Kniefall, dislozierte die Tanzbären in das Zoo-Set.

Die nächste Kritik betraf die Gleichstellung von Mann und Frau in der Playmobil-Welt. Vielleicht wollte das Unternehmen mit der weiblichen Räuberin im Bankräuber-Set dem Stereotyp des sanften weiblichen Wesens entgegenwirken.

Jeder Shitstorm hat ein Verfalldatum

Was gut gemeint war, wurde als «positiver Sexismus» angeprangert. Dabei hatte Playmobil die Bankräuberin als Identifikationsfigur für Kinder entwickelt, die nicht immer brav sein wollten, Pippi Langstrumpf auf der schiefen Bahn. Das Experten-Magazin Der Spiegel belehrte Playmobil, dass nur fünf Prozent aller Banküberfälle von Frauen verübt würden.

Jetzt wurde mehr Realität gefordert. Hätte sich Playmobil nach realen Statistiken gerichtet und einen bärtigen Mann aus dem Nahen oder Mittleren Osten mit Kalaschnikow produziert, hätten die Spiegel-Inquisitoren wahrscheinlich weniger Realität gefordert.

Ob eine Figur genehm ist oder nicht, entscheidet nicht eine bornierte Minderheit, die sich Firmenbashing zum Hobby gemacht hat, sondern die Käufer beziehungsweise ihre Kinder. Am beliebtesten sind die verschiedenen Polizei-Sets, kaum gefragt sind hingegen Wintersportarten.

Mittlerweile setzt Playmobil auf Multikulti. In allen Themenwelten sehen wir schwarze, braune und weisse Menschen. Das macht durchaus Sinn, werden die Figuren doch in über hundert Ländern verkauft. Um der inflatorisch missbrauchten Rassismuskeule zu entfliehen, ersetzte man nachträglich auch den weissen Zahnarzt (Artikel 6662) durch einen schwarzen Zahnarzt (Artikel 70 198).

Dauerte es früher Jahre, bis gesellschaftliche Veränderungen ihren Niederschlag in der Spielzeugproduktion fanden, werden Spielzeughersteller heute innert Stunden gezwungen, ihr Sortiment dem flüchtigen Zeitgeist anzupassen. Sie sollten widerstehen. Jeder Shitstorm hat ein Verfalldatum. Nicht selten fördert er sogar den Absatz der beanstandeten Produkte. Es geht schliesslich nicht um giftige Farbstoffe, sondern um das Gift der Political Correctness. Wer es im Leben allen recht machen will, sollte am Morgen im Bett bleiben.

 

Claude Cueni (65) ist Schriftsteller und lebt in Basel. Soeben erschien im Verlag Nagel & Kimche »Hotel California«, ein Lebensratgeber in Romanform für seine Enkelin. Nagel & Kimche. 160 S., Euro 18.–.

 

085 Blick »Hungerlöhne im sechsstelligen Bereich«

In der römischen Antike wurden Frauen aus dem normalen Volk schief angesehen, wenn sie versuchten, mit ihrer Schönheit Geld zu verdienen. In fast allen Kulturen haben die Männer strenge Regeln für die Berufstätigkeit der Frauen festgelegt. Trotzdem war es für Modehersteller notwendig, ihre neuen Kreationen mit Models präsentieren zu können. Deshalb wurden in den Villen der Adeligen oft Sklaven für den privaten Catwalk eingesetzt.

Nach dem Ersten Weltkrieg krempelte die Modeschöpferin Coco Chanel die Branche um, ihre Mannequins verliessen die privaten Salons und betraten die öffentliche Bühne unter dem Applaus von Presse, Promis und vermögenden Gästen. Die jungen Frauen, die bisher eher mobile Kleiderständer waren, wurden Models mit eigener Medienpräsenz. Sie waren keine stummen Darstellerinnen mehr, sondern entwickelten sich zu Supermodels, die für Paparazzi genauso lukrativ wurden wie Stars aus der Film- und Musikindustrie. Den erfolgreichsten Frauen gelang die Vermarktung der eigenen Berühmtheit ausserhalb der Modeltätigkeit, sie wurden Markenbotschafterinnen oder erfolgreiche Businessfrauen.

084 Blick »Hört auf, euch ständig zu entschuldigen!«

 
Kolumnist Claude Cueni über den Knigge-Ratgeber und Zeitgeist-Moralisten

Adolph Knigge wurde mit seinem Benimmratgeber weltberühmt. Dabei hielt er selber wenig von Political Correctness. Die Knigges der Gegenwart hingegen sind bornierte Zeitgeist-Moralisten, immer auf der Jagd nach dem nächsten Fauxpas.


«Man soll nie vergessen, dass die Gesellschaft lieber unterhalten als unterrichtet sein will», schrieb ausgerechnet Adolph Knigge (1752–1796), der Sohn einer verarmten Adelsfamilie. Die Mutter starb, als er elf Jahre alt war, der Vater, als er 14 war. Immerhin erbte er. Leider nur Schulden in der Höhe von 130’000 Reichstalern. Wer heute klagt, das Leben spiele nicht fair, findet Trost in historischen Biografien.

Berühmt wurde Knigge mit seinem Benimmratgeber, der seit 1788 unzählige Male dem Zeitgeist angepasst wurde. Ironischerweise hatte er selbst nicht viel übrig für die Political Correctness seiner Zeit, verspottete die «erbärmlichen Hofschranzen» und das ganze «Hofgeschmeisse» in adligen Kreisen. Mit schöner Regelmässigkeit wurde er aus Organisationen und herrschaftlichen Prinzen- und Fürstenhöfen geschmissen.

Die Knigges der Gegenwart sind bornierte Zeitgeist-Moralisten im Umfeld amerikanischer Universitäten. Zeichneten sich bisher kontroverse Debatten durch die intellektuelle Schärfe der Beteiligten aus, triumphiert heute die Lautstärke über das Argument. Die Jagd auf politisch Unkorrekte hat mittlerweile die Attraktivität von Gesellschaftsspielen.

Die Welt ist ein einziges Fettnäpfchen

Wer findet den nächsten Fauxpas? Hat jemand vor 30 Jahren sein Gesicht schwarz bemalt, als er in einem Schultheater den Othello spielte? Blackfacing! Oh, sorry. Darf ich einen Sombrero tragen? Kulturelle Aneignung! Oh, sorry. Darf man Filipinas loben, weil sie die Lebensfreude in den Genen haben? Positiver Rassismus! Oh, sorry. Darf ein Bleichgesicht die Gedichte einer Afroamerikanerin übersetzen? Darf ein Nichtitaliener eine Pizza in den Ofen schieben?

Die Empörungslust kennt keine Grenzen, die Welt, ein einziges Fettnäpfchen. Während auf dem Planeten Milliarden Menschen ohne sauberes Wasser, sanitäre Anlagen und ausreichend Nahrung ihr Dasein fristen, trampelt der Mob der Erleuchteten wie eine wild gewordene Bisonherde durch die Weiten der Internets.

Nachdem sich Knigge überall unbeliebt gemacht hatte, entwickelte er sich zum Satiriker: «Man vergesse nicht, dass das, was wir Aufklärung nennen, anderen vielleicht als Verfinsterung scheint.» Er würde uns heute zurufen: «Hört auf, euch ständig zu entschuldigen!»

Claude Cueni (65) ist Schriftsteller und lebt in Basel. Er schreibt jeden zweiten Freitag im Blick. Soeben erschien bei Nagel & Kimche sein neuer Roman «Hotel California – Meine Botschaft an Elodie».

083 Blick »Macht Geld weniger glücklich?«

 

Varius Marcellus erhielt als Prokurator des kaiserlichen Privatvermögens ein Jahresgehalt von 300’000 Sesterzen, der Augenarzt Decimius Eros Merula hinterliess seinen Erben 500’000 Sesterzen. Woher wir das wissen? Sie liessen ihren Kontostand auf ihren Grabstein meisseln.

Was damals Anerkennung über den Tod hinaus bedeutete, würde heute als Protzerei verspottet. Höchstens Boxer Floyd Mayweather oder Donald Trump könnte so was einfallen. Der Neid auf Menschen, die mehr besitzen, ist je nach Kultur verschieden. Während man in Asien Reiche als Vorbilder sieht, hat im Westen der Rasenmäher Hochkonjunktur. Nur gerade Weltstars wie Kanye West oder Ronaldo gönnt man die Millionen. Und Lottomillionären: Man könnte ja der nächste sein.

Als der reichste Mann Dänemarks bei einem Terroranschlag auf Sri Lanka drei Kinder verlor, stand in jeder Schlagzeile, dass er Milliardär ist. Als wolle man der Leserschaft sagen: Seht, Geld macht auch nicht glücklich. Als hätte ihn ein durchschnittliches Vermögen vor einer derartigen Tragödie bewahrt. Bestraft das Schicksal Glück mit Unglück? Dieser Aberglauben versetzt gemäss Swisslos immer wieder Lottomillionäre in Panik.

Ironischerweise streben die meisten Menschen nach mehr Geld, obwohl sie jenen, die ein paar Tausender mehr haben, pauschal Moral, Empathie und Glücksfähigkeit absprechen.

In der Schweiz besitzen die 300 Reichsten zusammen 707 Milliarden. Einige haben geerbt (letztes Jahr 95 Milliarden). Einige investieren in Firmen (und Arbeitsplätze) oder engagieren sich karitativ, andere sitzen zum Zeitvertreib in Parlamenten oder jetten von Vernissage zu Vernissage

Bringt mehr Geld mehr Glück? In Ländern, wo der Tagesverdienst bei zwei Dollar liegt, ganz bestimmt. In Wohlstandsgesellschaften mit staatlicher Rundumversorgung kokettiert man gerne damit, dass Geld nicht so wichtig ist, weil man genug davon hat, um Dinge zu kaufen, die man nicht braucht, aber trotzdem will, um Leute zu beeindrucken, die man gar nicht mag.

Weltweit belegen Studien, dass das persönliche Glück proportional zum Einkommen steigt. Aber nicht unbeschränkt. Bei uns liegt die Grenze bei einem Monatslohn von ca. 7500 Franken. Ab dann zählen Dinge, die man mit Geld nicht kaufen kann.


© Blick 2021


 

082 Blick »Waren Hänsel & Gretel Raubmörder?«

«Kommt mit», sagte der Hahn, «etwas Besseres als den Tod können wir überall finden.» Die Gebrüder Grimm hinterliessen uns über 200 Märchen. Einige ihrer Geschichten haben einen historischen Hintergrund.

Die grausamen Hungersnöte während des Dreissigjährigen Krieges (1618–1648) waren noch nicht vergessen. Millionen Menschen starben auf den Schlachtfeldern, und noch mehr erlagen Hunger und Seuchen. Marodierende Soldaten zogen mordend und plündernd durch Europa, die Nahrung wurde knapp, die Preise stiegen, die Wirtschaftskrise ruinierte die Überlebenden. Fälle von Kannibalismus sind überliefert. Nicht selten boten Eltern aus Verzweiflung ihre Kinder auf öffentlichen Märkten als Tagelöhner oder Dienstmädchen an. Einige setzten ihre Kinder im Wald aus wie die Eltern von Hänsel und Gretel. Der Vater war Holzhacker und gehörte zu den Ärmsten der Armen.

Weltwoche: Habemus episcopum

© Weltwoche – 25. Februar 2021 / Ausgaben-Nr. 8, Seite: 33

 

Wie es kam, dass der neue Churer Bischof, Joseph Bonnemain, eines Morgens in meinem Wohnzimmer sass.

von Claude Cueni

Ein Superman wird Bischof», kommentierte Raphael Rauch, Redaktionsleiter des Schweizer Religionsportals Kath.ch, die Wahl von Joseph Bonnemain, 73, zum neuen Bischof von Chur. Seinen guten Ruf hat sich der Sohn eines Jurassiers und einer Katalanin in den letzten vierzig Jahren als Priester und Spitalseelsorger erworben. Seit 2002 war Bonnemain, Dr. med. und Dr. iur. can., auch Sekretär des Fachgremiums «Sexuelle Übergriffe im kirchlichen Umfeld» und oberster kirchlicher Richter im Bistum Chur. Wie kam es, dass er eines Morgens im Jahre 2014 in meinem Wohnzimmer sass?

Einige Monate zuvor war mein autobiografischer Roman «Script Avenue» erschienen. Ich hatte meinen Kurzaufenthalt im damaligen Knabeninternat in Schwyz beschrieben und dabei über die sexuellen Belästigungen eines Präfekten gespottet. Als die Medien über diese biografische Fussnote aus dem Jahre 1973 berichteten, kündigte der damalige Schwyzer Regierungsrat Walter Stählin (SVP) umgehend eine Task-Force an, um dieser uralten Geschichte nachzugehen. Doch niemand kontaktierte meine damaligen Mitschüler. Aus gutem Grund. Einige wären bereit gewesen, als «Zeitzeugen» den Sachverhalt zu bestätigen.

Schon bald verkündete Stählin wahrheitsgemäss, er habe keine Fakten. Manchmal lügen Politiker selbst dann, wenn sie die Wahrheit sagen. Hatte ich mich anfangs noch über die Publicity gefreut, ärgerte ich mich nun darüber. Denn in «Script Avenue» erzählte ich auf 640 Seiten das Leben eines Schweizer Forrest Gump von 1956 bis 2010, also rund fünfzig Jahre Zeitgeschichte. Die Ereignisse im Internat Schwyz füllten lediglich ein paar Seiten, aber plötzlich waren sie das einzige Thema. Jede mediale Empörung hat ein Verfalldatum. Irgendwann war das Interesse erloschen.

Er hatte noch ein paar Fragen

Aber nicht ganz. Ich erhielt überraschend eine E-Mail von Joseph Bonnemain aus Chur. Der damalige Bischofsvikar fragte, ob er mich besuchen könne, er hätte da noch ein paar Fragen. Selbstverständlich. Ich war über sein Interesse erstaunt, da das einstige katholische Internat Kollegium Maria Hilf 1973 vom Kanton übernommen worden war und nicht mehr im Verantwortungsbereich des Bistums lag. Wieso war Bonnemain noch interessiert? Der Kanton Schwyz hatte sich hartnäckig geweigert, ihm die Liste meiner damaligen Mitschüler auszuhändigen. Das hatte den Ermittler in ihm geweckt. Ich war neugierig, einen «Kirchendetektiv» kennenzulernen, zumal ich in meinem Thriller «Der Bankier Gottes» den Nunzio Apostolico Con Incarichi Speciali, den Spezialagenten des Papstes, zur Hauptfigur gemacht hatte.

An jenem Morgen im Jahre 2014 trat ein charismatischer und bescheidener Mann aus dem Fahrstuhl, der aufrichtiges Interesse an der Aufklärung der damaligen Vorfälle hatte. Aber wir sprachen über andere Dinge, über das Sterben, über den Tod, denn meine erste Frau war an Krebs gestorben, und er hatte als Spitalseelsorger vielen Sterbenden beigestanden. Er sprach nicht über Gott, sondern über die Demut und Bescheidenheit, die einen das Leben lehrt, wenn man Menschen sterben sieht. Der eigentliche Grund seines Besuchs war beinahe nebensächlich geworden. Erst am Ende sprachen wir über die Vorfälle in Schwyz, die nach beinahe fünfzig Jahren nur noch den Charakter einer Anekdote über die missglückten sexuellen Avancen eines Priesters hatten. Ich übergab Bonnemain die Namen und Adressen jener, die bereit waren, meine im Roman «Script Avenue» erwähnten Vorfälle zu bestätigen. Ich nannte ihm den Namen des fehlbaren Priesters und zeigte ihm auch meine damaligen Tagebucheinträge.

Die beste Religion

Obwohl ich den Glauben an Götter für eine Form des Aberglaubens halte, blieb mir die Begegnung nachhaltig in Erinnerung. Ich traf an jenem Tag eine beeindruckende Persönlichkeit, die wohltuend authentisch, unaufgeregt und mit Empathie über Menschen sprach. Es versteht sich von selbst, dass er im seit Jahrzehnten zerstrittenen Bistum etliche Gegner hatte und weiterhin hat.

Auch im christlichen Umfeld wird mit unchristlichen Methoden um Einfluss gerungen. Aber auch wenn die katholische Kirche mittlerweile weltweit jedem Missbrauchsopfer durchschnittlich fünftausend Euro bezahlt, ist der Exodus der Mitglieder nicht mehr aufzuhalten. In Deutschland brachen letzte Woche die Server zusammen, weil fünftausend Gläubige gleichzeitig ihren Kirchenaustritt meldeten. Sie waren erzürnt, dass der Kölner Kardinal Rainer Maria Woelki ein Gutachten zurückhielt, das den sexuellen Missbrauch der katholischen Priester im grössten Bistum Deutschlands aufarbeitete.

Ist das Vertrauen einmal verloren, wird es schwierig. Der Wunsch nach Spiritualität bleibt, esoterisch angehauchte Patchwork-Religionen gewinnen an Attraktivität. Auf den neuen Bischof von Chur wartet eine Herkulesaufgabe, die selbst Superman nicht bewältigen könnte. Die beste Religion ist immer noch, ein gutes Herz zu haben (Dalai Lama).


Claude Cueni ist Schriftsteller und lebt in Basel. Am 15. März erscheint bei Nagel & Kimche sein neuer Roman «Hotel California».


 

081 Blick »Entscheidet Twitter ob Gott existiert?«

Wenn Freiheit überhaupt etwas bedeutet, dann bedeutet sie das Recht darauf, den Leuten das zu sagen, was sie nicht hören wollen.» Das Zitat von George Orwell (1903–1950) wird gerne bemüht, aber im Alltag kaum noch gelebt.

Mark Zuckerberg (35) ist stolz, dass seine Algorithmen mittlerweile über 90 Prozent der Hass- und Hetzkommentare seiner 2,2 Milliarden Nutzer identifizieren. Hass und Hetze, das ist stets das, was der politische Gegner verbreitet. Für Fake News sind externe Faktenchecker zuständig. Entscheidet morgen ein 18-jähriger Student aus Santa Rosa, ob der Asteroid Oumuamua ein ausserirdisches Taxi und ob Christi Himmelfahrt «falsch», «teilweise falsch», «Satire» oder «Meinung» ist?

In der Praxis gilt die Weltanschauung von Zuckerberg und Twitter-Chef Jack Dorsey (43), der gemäss BBC innerhalb weniger Tage über 70 000 Accounts von Verschwörungstheoretikern gelöscht hat. Wer Einfluss nimmt auf den Inhalt und selektiv löscht oder die Reichweite minimiert, handelt nicht mehr als Gastgeber einer Plattform, sondern als Verleger, der die politische Ausrichtung definiert. Würde Twitter als Verlag klassifiziert, wäre er für jeden einzelnen der 6 Millionen Tweets verantwortlich, die pro Sekunde gepostet werden.

Je mehr gelöscht und gesperrt wird, desto mehr Leute wechseln auf neue Plattformen, bis dann der Werbeslogan von Procter & Gamble gilt: «Meister Proper putzt so sauber, dass man sich drin spiegeln kann.» Dorsey und Zuckerberg sehen dann nur noch Dorsey und Zuckerberg. Keine Plattform kommuniziert mehr mit der andern. Kein Wettbewerb der Ideen mehr. Niemand weiss, was ihm vorenthalten wurde.

Der ausbleibende Widerspruch fördert zwar den gegenseitigen Applaus, aber man sollte sich nicht zu früh freuen, denn irgendwann frisst der Wahn seine Schöpfer.

Robespierre war ein linker Anwalt aus der französischen Provinz, der sich für die Abschaffung der Todesstrafe einsetzte. Kaum an der Macht, wurde er ihr eifrigster Benutzer. Nach über 16 000 Hingerichteten war er selbst an der Reihe. Er versuchte, sich durch Suizid der Guillotine zu entziehen, und schoss sich dabei den Kiefer weg. Intellektuelle sind manchmal auch in praktischen Dingen furchtbar ungeschickt.


Claude Cueni (65) ist Schriftsteller und lebt in Basel. Er schreibt jeden zweiten Freitag im BLICK. Am 15. März erscheint bei Nagel & Kimche sein neuer Roman Hotel California.


 

080 Blick »Rassismusdebatte im Reagenzglas«

 


©Blick 5.2.2021

Rassismusdebatte im Reagenzglas

»Bitte, Allah, gib mir die Kraft, damit ich heute nicht all diese Männer und weissen Leute da draussen töte.« Das war ein Tweet der Kanadierin Yusra Khogali, Co-Gründerin von Black Lives Matter, der in Torontos »City News« abgedruckt wurde. #Aufschrei blieb aus. Als die schwarze Talkmasterin Oprah Winfrey klagte, sie habe in der Schweiz Rassismus erfahren, war die Solidarität gross. Wäre sie weiss gewesen, hätte man gesagt: Was für eine eingebildete Zicke.

Die Senegalesin Alima Diouf, Geschäftsführerin des Schweizer Vereins »Migranten helfen Migranten«, sagt: »Jeder Mensch ist ein Rassist. Es gibt auch Rassismus unter Schwarzen: Wenn ein Senegalese nicht will, dass seine Tochter einen Nigerianer heiratet.«

Wer wirklich wissen will, wie Rassismus gelebt wird, sollte sich in Afrika, dem Nahen Osten oder Asien umsehen. In Ermangelung empörungswürdiger Verhältnisse leisten sich einige den Luxus, im beschaulichen Westen Rassismusdebatten im Reagenzglas zu führen. Sie spielen sich in Kolonialherrenmanie als Schutzmacht dunkelhäutiger Menschen auf und betrachten jeden Nicht-Weissen als »arme Siech« (Rassismus?) dem man unter die Arme greifen muss. Aber niemand hat sie darum gebeten.

Würden diese »Antirassisten« über den goldenen Tellerrand hinausschauen, würden sie feststellen, dass die meisten Menschen ausserhalb des Westens weder Fragen nach der Herkunft (Rassismus!) noch (stereotypische) Komplimente als »positiven Rassismus« sehen.

Als ich in Hongkong arbeitete, wurde ich mehrmals täglich nach meiner Herkunft gefragt, und rasch fielen Stereotypen wie: Schweizer sind reich, essen Käse und haben Uhren, aber wenig Zeit. Wurde ich etwa Opfer von »positivem Rassimus«? Ich freute mich über die unverkrampfte Kontaktaufnahme.

Muss ein Metzgermeister, der für Lionel Messi schwärmt, zuerst einige Semester »kolonialrassistische Stereotype« studieren, bevor er einem argentinischen Kunden sagen darf, dass seine Landsleute das Dribbeln im Blut haben?

Übereifrige »Antirassisten« sollten in Erwägung ziehen, dass sich kaum jemand für ihre abgehobene Wahrnehmung interessiert und dass sie mit ihrem Feindbild vom »alten weissen Mann«, möglichweise rassistischer sind als ihnen lieb ist.


Claude Cueni (65) ist Schriftsteller und lebt in Basel. Er schreibt jeden zweiten Freitag im BLICK. Am 15. März erscheint bei Nagel & Kimche sein neuer Roman »Hotel California«.


 

Wieso das Volk ihren »Dirty Harry« liebt.

BLICK-Kolumnist und Schriftsteller Claude Cueni ist mit einer Filippina verheiratet und beschäftigt sich seit Jahren intensiv mit dem Land. Er nennt die Heimat seiner Frau den «Wilden Westen Asiens».


Seit elf Jahren unterhalte ich mich fast täglich mit der Grossfamilie und dem Bekanntenkreis meiner philippinischen Ehefrau über Videochat. Während wir bei uns Leute bemitleiden, die während der Quarantäne ihren Geburtstag alleine mit Netflix verbringen müssen, herrscht in einigen philippinischen Provinzen tatsächlich Hunger, etwas, das wir nur vom Hörensagen kennen.

Viele sind arbeitslos und haben weder Versicherungen noch Sozialhilfe. Eine Gruppe von Schullehrern sagte mir, Duterte schicke zwar den Gemeindevorstehern 6000 Pesos (zirka 120 Schweizer Franken) für jeden Bewohner, der besonders von Armut betroffen sei. Aber die Gelder würden zuerst an Verwandte und Bekannte verteilt, und somit würden die besonders Bedürftigen oft leer ausgehen.

Corona-Polizisten feierten Silvester-Partys mit

Auf den Philippinen gilt «Utang na loob», die gegenseitige Bringschuld, ein anderes Wort für Vetternwirtschaft. Wer also keine grosszügigen Verwandten im Ausland hat, ist existenziell bedroht: Er hat kein Erspartes, er hat buchstäblich nichts. Was man zu Geld machen konnte, liegt bereits bei einem der 18’500 Pfandleihern.

Vor den Feiertagen drohte Duterte in einer Fernsehansprache, dass «seine Soldaten» jeden töten würden, der die Corona-Massnahmen nicht einhält. Die Leute feierten trotzdem ausgelassene Silvesterpartys, ohne Mundschutz, ohne Abstand. Ich fragte mehrere Partygänger, ob sie nicht Angst hätten, erschossen zu werden. Schallendes Gelächter. Was aus dem tausend Kilometer entfernten Malacañang-Palast käme, sei eh nur «Bulabula» (Blabla), und im Übrigen würden auch Corona-Polizisten und Gemeindevorsteher ohne Masken das Neue Jahr feiern.

Wenig Mitleid mit den Opfern von Dutertes Säuberungen 

Wein trinken und Wasser predigen. Wenn das Vertrauen in die Behörden sinkt, leidet die Disziplin. Wie auch bei uns. Viele haben damit gerechnet, dass sich die Menschen eines Tages von ihrem «Rody» abwenden, doch das Gegenteil ist der Fall. 91 Prozent stimmen seiner Politik zu und begründen es damit, dass Dutertes Krieg gegen Drogen ihre persönliche Sicherheit verbessert habe.

Sie erwähnen, dass die öffentlichen Schulen nun kostenlos und viele neue Spitäler, Schulen und Verkehrsverbindungen gebaut worden seien. Mit den Opfern von Dutertes Säuberungen hat man wenig Mitleid in einem Land, das ständig von Naturkatastrophen heimgesucht wird. Wer weiss, hätten wir in Europa eine Strassenkriminalität wie im «Wilden Westen Asiens», wir würden vielleicht auch einen «Dirty Harry» wählen.


 

Interview mit Francisco Sionil José (96)

2016 interviewte ich Francisco Sionil José für die Weltwoche. In deutsch ist lediglich sein lesenswertes BuchFrancisco Sionil José wurde 1924 in der philippinischen Provinz Pangasinan geboren, war editor der Manila Times und Korrespondent des Economist. Seine  auf Englisch verfassten Romane wurden in 28 Sprachen übersetzt. Seit Jahren wird er als Kandidat für den Literaturnobelpreis gehandelt.


«Vereinfacht gesagt, ist seine Ideologie die Liebe zum Land und zu den Menschen.»


 

 


Herr José, Sie gehören zu den wenigen philippinischen Schriftstellern, die international erfolgreich sind. Ihre Bücher wurden in 28 Sprachen übersetzt, Sie sind 91 und haben bereits fünfzehn Staatspräsidenten erlebt. Was unterscheidet Rodrigo Duterte von allen andern?

 

Wenn Sie unsere Politik und Geschichte studieren, sehen Sie, dass die jeweiligen Regierungen all die Jahre von wohlhabenden Philippinern manipuliert wurden. Präsident Duterte ist der erste Politiker, der nicht die offene Unterstützung der Oligarchie geniesst. Bei seiner Rede zur Lage der Nation zeigte er auf die Mitglieder des Senats und des Kongresses und sagte: «Ich schulde euch nichts.» Ich glaube, wir stehen am Anfang einer philippinischen Revolution. Schaut man sich unsere Geschichte an, dann sieht man, dass viele Probleme der Philippinen auf die Kolonialisierungen zurückzuführen sind – die erste durch die Spanier, dann jene durch die Amerikaner und am Ende diejenige durch die Japaner. Schliesslich wurden wir durch unsere eigene Elite kolonialisiert. Alle Anzeichen dafür waren bereits 1896 sichtbar, als die philippinische Revolution gegen die spanischen Kolonialbehörden einsetzte.

 

Wann wird diese «Revolution» zu Ende sein?

 

Das lässt sich nicht in zwei, drei Jahren erledigen. Wie lange hat die vietnamesische Revolution gedauert? Die chinesische Revolution fing in den zwanziger Jahren an. Die Französische Revolution dauerte weniger lang, aber fast alle Revolutionen währen über Jahre, vielleicht eine Generation lang, und sie verändern Länder und Gesellschaften für immer, während die Macht von den Unterdrückern zu den Unterdrückten übergeht.

 

Seit Dutertes Amtsantritt am 1. Juli sind gemäss Polizeidirektor Dela Rosa 26 861 mutmassliche Drogenhändler und Süchtige verhaftet und 4742 aussergerichtlich erschossen worden. Rechtfertigt das Ziel die Mittel?

 

Der Krieg gegen Drogen sollte nicht unterbrochen werden. Aber es sollte darauf geachtet werden, dass der sogenannte Kollateralschaden reduziert wird.

 

Wie ist es möglich, dass die Mehrheit eines christlichen Landes diesen blutigen Rachefeldzug gegen Kriminelle gutheisst?

 

Sie misst der Religion einen zu hohen Stellenwert bei. Nazideutschland war auch christlich.

 

Nach hundert Tagen im Amt erreicht Duterte in allen Umfragen immer noch Rekordwerte von 86 Prozent Zuspruch. In den westlichen Medien wird er hingegen als «Donald Trump des Ostens», «Hitler» oder «serial killer» bezeichnet. Wie erklären Sie sich diese Diskrepanz?

 

Trotz aller Kritik, besonders im Ausland, zeigen die jüngsten Umfragen, dass Duterte eine riesige Popularität geniesst. Der Grund dafür liegt in der allgemeinen Wahrnehmung von mehr Frieden und Sicherheit im ganzen Land, verglichen mit der Vergangenheit. Seine Wahl wurde durch Millionen von Philippinern entschieden, die genug von der Korruption auf allen Ebenen unserer Gesellschaft hatten. Sie sind frustriert, dass sich die Erträge der vorherigen Aquino-Administration nicht im Sinne einer verbesserten Wohlfahrt und grösseren Sicherheit ausgewirkt haben.

 

Laut Dela Rosa sollen sich bereits über 800 000 Drogensüchtige gemeldet haben, um einen Entzug zu machen – aus Angst, erschossen zu werden. Es gibt aber viel zu wenig Therapieplätze. Was geschieht mit den Drogenabhängigen in der Zwischenzeit?

 

Das Problem des Drogenentzugs ist seit je ein zentrales Anliegen der Regierung. Entzugskliniken werden in Armee-Camps eingerichtet, aber mit der steigenden Zahl von Süchtigen, die aufhören wollen, werden diese Zentren bald so überfüllt sein wie unsere Gefängnisse.

 

Duterte will die 2006 abgeschaffte Todesstrafe wieder einführen und auch Steuerhinterziehern, illegalen Wettanbietern und Umweltsündern den Krieg erklären. Wird die philippinische Revolution ihre Kinder fressen?

 

Das ist eine schreckliche Möglichkeit. Das Hauptproblem revolutionärer Gewalt besteht darin, dass sie nicht kontrolliert werden kann. Die Philippiner selbst müssen ihre Freiheit vor den Exzessen revolutionärer Gewalt schützen. Es ist die erste Pflicht der Justiz und der Armee, die bürgerlichen Freiheiten zu sichern.

 

Was hat Duterte seit seinem Amtsantritt am 1. Juli erreicht?

 

Die wichtigste Errungenschaft in den ersten hundert Tagen sind tiefgreifende Veränderungen im politischen System, um die Korruption in den höchsten Machtzentren aufzuspüren. Ausserdem hat er begonnen, das Vertrauen in die Armee wiederherzustellen und eine Aussenpolitik zu entwickeln, die sich nicht auf die traditionelle Bindung an die USA beschränkt.

 

Es sieht so aus, als ob er den Krieg gegen Drogen priorisiert hat, aber schauen Sie genau, was gerade geschieht. Zunächst wollte er Bedingungen des Friedens schaffen. Die kommunistische Revolution wurde bedeutungslos. Das Problem im Süden ist weitaus gefährlicher. Daher hat er gleich nach seiner Amtsübernahme Friedensverhandlungen mit allen Gruppen begonnen. Ohne Frieden können sich die Philippinen nicht entwickeln – ein Frieden, der durch Kriminalität, immer wieder in Zusammenhang mit Drogen, so sehr erschüttert worden ist. Vereinfacht gesagt, ist seine Ideologie die Liebe zum Land und zu den Menschen und die Bereitschaft, dafür Opfer zu bringen.

 

Kürzlich begann Duterte eine Pressekonferenz im Stil eines Stand-up-Comedians und plauderte über sein Lieblingsthema «Duterte und die Frauen», es gab Szenenapplaus, es wurde viel gelacht. Plötzlich wechselte er das Thema und liess eine zornige Tirade vom Stapel. Die Schauspielerin und Sängerin Agot Isidro nannte ihn einen Psychopathen. Leidet er an einer bipolaren Störung, wie er selbst einmal behauptet hat?

 

Duterte ist ein äusserst ehrlicher Mann, der seine Gedanken ausdrückt und sehr viel von sich selbst preisgibt. Das ist bewundernswert, aber diese Ehrlichkeit macht ihn auch verletzlich. Seine Schmähreden gegen Präsident Obama, Uno-Generalsekretär Ban Ki Moon und die Europäische Union sind nicht akzeptabel. Bei seiner ersten Rede zur Lage der Nation sagte er, die Philippiner seien selbst deren schlimmster Feind geworden. Nun müssen sie den Willen und den Mut zur Veränderung haben.

 

Das gilt jetzt auch für ihn selbst. Er hat eine Revolution begonnen, die er zu einem erfolgreichen Abschluss führen muss. Der Zweck dieser Revolution liegt in der Gerechtigkeit für die Unterdrückten. Diese Gerechtigkeit ist sehr simpel und bedeutet: drei Mahlzeiten pro Tag, ein Dach über dem Kopf, Bildung für unsere Kinder und medizinische Versorgung für die Kranken. Mit anderen Worten, die Priorität liegt in der wirtschaftlichen Entwicklung. Er muss so viele Arbeitsplätze schaffen, wie er nur kann, und das in kurzer Zeit. Er braucht zudem die Unterstützung von allen, die dazu bereit sind.

 

Duterte nannte den Diktator Ferdinand Marcos den besten philippinischen Präsidenten aller Zeiten. Duterte droht oft mit der Ausrufung des Kriegsrechts. Wird er in Marcos Fussstapfen treten?

 

Er hat völlig unrecht damit, Marcos als den besten Präsidenten zu bezeichnen, den die Philippinen je hatten. Der beste Präsident war Ramon Magsaysay. Zuerst dachte ich, Duterte sei ein wahrer Vorbote der Veränderung wie einst Magsaysay, aber jetzt sehe ich einen Unterschied zwischen den beiden. Magsaysay umgab sich mit den besten Leuten des Landes. Wenn er einen Fehler beging, machte er rechtsumkehrt. In gewisser Weise war Magsaysay selbstlos und demütig. Wenn Duterte Erfolg hat wie Magsaysay, braucht er kein Kriegsrecht. Die Menschen werden ihm folgen.

 

Kürzlich sagte Duterte, Imee Marcos, die Tochter des Diktators Ferdinand Marcos, habe – entgegen früheren Aussagen – seinen Wahlkampf mitfinanziert. Duterte hat erlaubt, dass der 1989 verstorbene Diktator nachträglich auf dem Heldenfriedhof bestattet wird. Dutertes Vater war Mitglied der Regierung Marcos. Duterte unternimmt keine Anstrengungen, das vom Marcos-Clan geraubte Milliardenvermögen zurückzufordern. Welche Beziehung hat Duterte zum Marcos-Clan?

 

Philippinische Politiker würden Geld vom Teufel nehmen, wenn sie könnten. Dutertes Loyalität sollte nicht den Geldgebern seiner Kampagne gelten, sondern den Millionen von Philippinern, die ihm vertrauen und auf ihn zählen. Sehr vieles an der Kritik gegenüber Duterte ist nicht gerechtfertigt, denn sie kommt von Leuten in komfortablen Positionen, die den Kontakt zu den Massen verloren haben.

 

Duterte beschimpft dauernd die katholische Kirche. Es hat ihm bisher nicht geschadet. Verlieren Kirche und Religion auf den Philippinen an Bedeutung?

 

Keine der Kirchen auf den Philippinen hat wirklich politische Macht. Philippiner wählen nicht aufgrund einer Ideologie oder politischen Zugehörigkeit. Sie wählen Persönlichkeiten.

 

Nach dem grossen Erdbeben von Lissabon 1755 verloren viele Menschen den Glauben an einen barmherzigen und allmächtigen Gott. Die Philippinen gehören zu den Ländern, die regelmässig am härtesten von Naturkatastrophen heimgesucht werden. Hat dies keinen Einfluss auf den Glauben?

 

Besuchen Sie an einem Sonntag die Kirchen in unserem Land. Sie sind überfüllt, ganz im Gegensatz zu den Kirchen in Europa, die leer sind.

 

In der Vergangenheit hat man Ihnen vorgeworfen, dass Sie Ihre Bücher auf Englisch schreiben. Sie nannten Ihre Kritiker «Tagalog-Machos». Duterte hat nun den Musiker Freddie Aguilar als Berater beigezogen, um westliche Kultureinflüsse zu unterbinden. Welche Auswirkungen wird das haben?

 

Ich denke nicht, dass ein einzelner Künstler oder zehn Künstler eine Richtung für die Weiterentwicklung der philippinischen Kultur vorgeben können. Die philippinischen Künstler sind mit der Heimaterde verbunden, und diese Verwurzelung wird ihre Kreativität beeinflussen.

 

Duterte hat den Journalisten und Fernsehmoderator Teodore «Teddy Boy» Locsin zum neuen Uno-Botschafter ernannt. Locsin twitterte kürzlich: «Ich glaube, dass das Drogenproblem so gross ist, dass es eine Endlösung braucht, wie sie die Nazis angewendet haben. Daran glaube ich. Kein Entzug!»

 

In den philippinischen Medien wird unglaublich übertrieben, und am besten legt man nicht alles auf die Goldwaage.

 

Das ist keine Übertreibung der Medien. Ich habe den Original-Tweet von «Teddy Boy» Locsin gelesen, und alle seine älteren Tweets bestätigen seine Haltung.

 

Es gibt sehr wenig Antisemitismus auf den Philippinen. Dutertes erste Frau ist eine amerikanische Jüdin. Ich wage, zu behaupten, dass wir hier keinen Antisemitismus haben. Aber es gibt in ganz Südostasien eine latent antichinesische Haltung.

 

Die Philippinen sind für die USA von geostrategischer Bedeutung. Werden die USA tatenlos zusehen, wie sich Duterte nach China, Japan und Russland orientiert? Oder werden sie die zahlreichen Duterte-Feinde zu einem Putsch animieren?

 

Als Bürgermeister von Davao war Duterte ein Pragmatiker, der die objektiven Realitäten des Regierens erkannte. Er hat immer noch 2000 Tage vor sich – genug Zeit, um in einen höheren Gang zu schalten. Duterte wird der Tatsache ins Auge sehen, dass Japan, Südkorea, Taiwan und sogar China ihren Wohlstand den USA verdanken. Duterte muss begreifen, dass China bereits die Insel Panatag übernommen hat. Gleichzeitig können wir uns keine Konfrontation mit China leisten, wir müssen mit dem mächtigen Nachbarn leben. Was Duterte tun sollte: die mächtige chinesische Minderheit auf den Philippinen davon überzeugen, unser Land mitzugestalten, anstatt ihr Geld nach China zu schicken.

 

In der letzten Umfrage sagte eine Mehrheit, sie würde den USA mehr vertrauen als China. Warum will Duterte die Bindungen an die USA lösen und sich China und Russland zuwenden?

 

Sie müssen nicht alles glauben, was Duterte sagt; wir sind genötigt, mehr Beziehungen zu mehr Staaten zu haben. Nicht nur zu den USA.

 

Begrüsst das Militär den Richtungswechsel in der Aussenpolitik?

 

Die Offizierskorps unserer Armee sind Absolventen von West Point und Annapolis. Duterte weiss das.

 

Duterte hat sehr viele Feinde. Angenommen, er würde einem Attentat zum Opfer fallen, wie würden die 16,6 Millionen reagieren, die ihn gewählt haben?

 

Es wäre eine Tragödie, wenn Duterte ermordet würde oder wenn er es dem eigenen Ego gestatten würde, die revolutionäre Bestimmung entgleisen zu lassen. Dann würden wir wieder der Gnade unserer Kolonisatoren anheimfallen und nicht nur unter ihrer Unterdrückung leiden, sondern auch unter der Anarchie ihrer zügellosen Machtausübung.

 

Francisco Sionil José wurde 1924 in der philippinischen Provinz Pangasinan geboren, war editor der Manila Times und Korrespondent des Economist. Seine  auf Englisch verfassten Romane wurden in 28 Sprachen übersetzt. Seit Jahren wird er als Kandidat für den Literaturnobelpreis gehandelt.


 

Mama Weer All Crazee Now (Slade 1972)

Rassismusdebatte im Reagenzglas. Made in Switzerland.


SP-Nationalrätin Yvonne Feri (54) wird Rassismus vorgeworfen, weil sie in der SRF-»Arenea« vom Freitag gesagt hat, US-Vize Kamala Harris könne »sowieso tanzen« weil sie als »dunkelhäutige Person den Rhythmus habe«.


Was soll an diesem Kompliment rassistisch sein?


1.

Wenn ich die philippinische (dunkelhäutige) Grossfamilie meiner Ehefrau Dina anschaue, muss ich sagen: Ja, die haben den Rhythmus im Blut, bereits Zweijährige zeigen mehr Rhythms  als manche weisse Profitänzerin. Dina tanzt aus purer Lebensfreude den halben Tag durch die Wohnung. Auch ihre Freudinnen aus Jamaika und Venezuela haben den Rhythmus im Blut. Auch Afrikaner haben den Rhythmus im Blut. Und erst die Brasilianerinnen… Je wärmer die Temperaturen, desto mehr kocht das Blut in den Adern.


Yvonne Feris Aussage entspricht der Realität. Sie hat ein Kompliment gemacht und muss sich dafür nicht entschuldigen: Nicht einschüchtern lassen, Kapuze hoch und ignorieren.


2.

Wer wirklich wissen will, wie Rassismus gelebt wird, der sollte sich mal in Afrika, Asien, Osteuropa oder in einigen US-Bundesstaaten umsehen. Was wir hier in der Schweiz erleben, sind die alltäglichen Unfreundlichkeiten, die jeder von uns erlebt. Sie werden als Rassimus bezeichnet, wenn die betroffene Person schwarz ist. Was wir hier erleben, ist die rituelle Empörung einer Handvoll privilegiert aufgewachsener Intellektueller, deren Weltbild von theoretischen Abhandlungen und touristischen Ausflügen geprägt ist. Sie deuten die Realität um – bis sie ihrer Ideologie entspricht.


3.

Das »Feministische Streikkollektiv Zürich« hat der SP-Linken Yvonne Feri mit der Selbstherrlichkeit religiöser Fundamentalisten  »rassistische Aussagen und Zuschreibungen« vorgeworfen und die Medien bringen das auf die Titelseite, als sei die ganze Schweiz entsetzt und ausser sich vor Empörung. Diese Debatten im Reagenzglas sind spiessiger als es unsere Eltern in den 1970er-Jahren jemals waren. Muss man einen Studienlehrgang in Rassismus- und Sexismusforschung absolviert haben, um die Vorwürfe zu verstehen? Kann ein zu langes Verweilen im universitären Milieu dem gesunden Menschenverstand schaden?


Es wäre Aufgabe der Medien, mitzuhelfen, die Grenze zwischen Verharmlosung und Übetreibung zu ziehen. Wenn jetzt selbst in den eigenen Reihen vermeintlicher Rassismus diagnostiziert wird, dann fühlt man sich unwillkürlich an Robespierre erinnert: Die Revolution frisst ihre eigenen Kinder. 


Zum Glück ist das alles Zeitgeist. Morgen lachen wir uns darüber krumm.


 

 

 

 

 

 

 

 

079 Blick »Sprechende Uniformen«

Früher rekrutierte man Männer nur im Kriegsfall. Da diese in ihrer traditionellen Kleidung auf dem Schlachtfeld erschienen, war die Unterscheidung zwischen Freund und Feind nicht einfach. Mit der Einführung stehender Heere wurde das Erscheinungsbild der Soldaten vereinheitlicht, ein römischer Legionär war klar von einem karthagischen Krieger unterscheidbar.

Auch Schuluniformen und Berufskleider demonstrieren die Zugehörigkeit zu einer Gruppe. Würde heute ein Ku-Klux-Klan-Anhänger im Kapuzenmantel durch Zürich flanieren, die Empörung wäre gross. Denn dieses «Kleid» ist die «sprechende Uniform» von Rassisten.

Auch das Tragen von Nikab und Burka ist ein politisches Statement, ein radikales Bekenntnis zur Intoleranz. Gemäss etlichen islamischen Rechtsgelehrten ist die Verschleierung mitnichten ein religiöses Gebot, sondern die eigenwillige Religionsauslegung von Fundamentalisten.

Fast ein Drittel der EU-Staaten (und selbst einige muslimische Länder) haben in irgendeiner Form Gesetze gegen Vollverschleierung oder religiöse Kleidung. Sind die alle islamophob? Wenn wir die Herkunftsländer der Muslimas besuchen, halten wir uns an die kulturellen Gepflogenheiten. Das sollte umgekehrt genauso sein. In unserer offenen Gesellschaft zeigt man sein Gesicht.

Es ist nicht relevant, wie viele Verschleierte sich zurzeit im öffentlichen Raum aufhalten, es geht darum, zukünftigen Gästen unsere Regeln des Zusammenlebens verständlich zu machen. Religion ist bei uns Privatsache wie Kuchenbacken. Wer die Vorteile einer säkularisierten Welt in Anspruch nehmen will, muss auch die Regeln akzeptieren.

So wie weisse Kapuzenmäntel für Rassismus stehen, steht der Nikab für die Scharia, für die Borniertheit des Patriarchats, die Verachtung der liberalen Gesellschaft und den Hass auf Gottlose und die gesamte LGBTQ-Community.

Es grenzt an Realsatire, wenn Gruppierungen, die regelmässig für Frauenrechte demonstrieren, sich nun für die «Freiheit» verschleierter Frauen einsetzen, damit diese weiterhin in einem Gefängnis aus Stoff jegliche Identität verlieren.

Die Burka-Abstimmung (Verhüllungsverbot) ist keine Frage von links oder rechts. Es geht um die Wahrung der Prinzipien der Aufklärung auf Schweizer Boden.


 

078 Blick »Blond«

© Blick 8. Januar 2021 / Cuenis Geschichtskolumne 078


»Nur weil ich blond bin, glaub nicht, dass ich blöd bin.» Das ist eine Zeile aus dem Song «Dumb Blond» (1967) der damals 21-jährigen US-amerikanischen Country-Sängerin Dolly Parton. Mit zunehmendem Erfolg (über 100 Millionen verkaufte Alben) wuchsen auch ihre blonde Perücke und ihre Brustimplantate. Rasch hatte sie den Ruf der dummen Blondine, aber die temperamentvolle Senkrechtstarterin reagierte stets selbstbewusst und mit viel Selbstironie.

Seit Marilyn Monroe («Blondinen bevorzugt», 1953) assoziierte man blondes Haar mit Sex, Naivität und Blödheit. Mit den Komödien der kichernden Goldie Hawn erreichte der Blondinenwitz in den 1980er-Jahren den Höhepunkt. Oft schrieb man alte Witze um und ersetzte die «dummen Ostfriesen» oder den «dummen Mantafahrer» durch die «dumme Blondine».

Dolly Parton, die Paten-Tante von Miley Cyrus, feiert am 19. Januar ihren 75. Geburtstag: «Die Leute fragen mich immer, ob es meine eigenen Brüste sind. Ja, sie gehören mir – ich habe sie gekauft und gut dafür bezahlt.» Bisher hat sie für ihre Inszenierung als blondes Kunstobjekt über 600 000 Dollar ausgegeben: «Nichts an mir ist echt, aber alles kommt von Herzen.»

Und ja, sie hat ein grosses Herz: Der Firma Moderna spendete sie eine Million Dollar für die Impfstoff-Forschung. Ihre gemeinnützige Organisation «Imagination Library» verschenkt monatlich Bücher an Kinder im Vorschulalter, bisher über 150 Millionen Mal. Sie setzte sich bereits für die Gay-Community und gleichgeschlechtliche Ehe ein, als die Mütter heutiger Feministinnen noch in der Küche standen. Der Preis waren Morddrohungen und eine Ehrendoktorwürde. Als Songwriterin schrieb sie die Welthits «Jolene» ( 44 Cover-Versionen) und «I Will Always Love You», das achtzehn Jahre später von Whitney Houston gecovert wurde. Egal ob sie als Autorin Bücher schrieb oder als Unternehmerin ihren Freizeitpark «Dollywood» zum Erfolg führte: Die Powerfrau setzte sich durch.

In ihrem Ratgeber «Dream More» rät sie der Leserschaft, mehr zu träumen, mehr zu lernen und mehr zu sein. Die meisten Menschen bereuen am Ende des Lebens, dass sie nie den Mut hatten, das zu sein, was sie sein wollten. Dolly Parton hatte diesen Mut. Happy Birthday, Dolly!

Weltwoche: Pechvögel & Glückspilze 2020

© Die Weltwoche vom 23. Dezember 2020


Den einen hat das Leben einen Tritt verpasst, den andern Flügel verliehen: Gewinner und Verlierer 2020. Von Michael Bahnerth: Die Gewinner:


Claude Cueni Die Welt verdankt ihm ein paar verdammt gute Sätze, einer der besten ist: «Selbstmitleid ist Zeitverschwendung.» Claude Cueni ist 64 Jahre alt und der erfolgreichste Überlebenskünstler dieses Planeten in den Wüsten und Dschungeln seiner selbst.

Seit elf Jahren lebt er nach einer Blutkrebserkrankung mit einem Immunsystem, das kaum der Rede wert ist. Das sind elf Jahre Isolation, sind ein paar Dutzend Spaziergänge im Jahr, wenn wirklich alles zusammenpasst: seine Gesundheit, die Abwesenheit von Grippewellen, von Pollen. Ein Buch zu schreiben, ist für ihn einfacher, als in die Ferien zu gehen. Meist sitzt er zu Hause vor seinen Bildschirmen, tagsüber, nachts, und tippt und schreibt sich in die Welten des Lebens, kommentiert den Irrsinn des Weltenlaufs, die Irrläufe der Vernunft, schafft diese ganze und wundervolle #cuenification der grossen Dinge und des kleinen Zeugs. Sitzt da unter einem kleinen grossen Licht neben einem Hometrainer, umgeben von seinen Schaufensterpuppen, die Figuren aus seinen Romanen abbilden, und seiner Frau, die die Figur seines Lebens ist.

Im Januar sah es so aus, als ob er, der wie einer lebt, der den Koffer schon gepackt hat, es nicht packen und entschwinden würde dorthin, wo die Originale seiner Figuren schon längst sind. Alles war organisiert für das Entschweben; Ort, Datum, Zeitpunkt. Und dann packte er es doch noch, kam zurück nach diesem kleinen Sterben, fast so unzerstörbar wie eine seiner Figuren.


 

Gretas Milliardäre

Gretas Milliardäre – Millionen für den Klimaaufstand


Das Magazin Tichys Einblick wurde von Roland Tichy (*1955) gegründet. Tychi ist ein deutscher Journalist und Publizist. Er war Chefredakteur der Magazine Impulse, Euro und der Wirtschaftswoche. 


 

Am Anfang war Greta, am Anfang einer internationalen Klimahysterie-Kampagne, die seit letztem Jahr ununterbrochen auf die Bürger einwirkt und immer größere Ausmaße annimmt. In kurzer Zeit haben sich zahlreiche Bewegungen / Organisationen gebildet wie zum Beispiel Fridays for future oder Extinction Rebellion, die apokalyptischen Wahnvorstellungen von einer kurz vor dem Kollaps stehenden Welt huldigen und im Namen des Kampfes gegen den Klimawandel gegen die bestehende Ordnung zu Felde ziehen. Als Graswurzelbewegungen werden sie oftmals verklärt, doch es gibt Hintermänner, Profiteure und Finanziers.

Ein neuer Finanzier ist vor circa vier Wochen in den USA entstanden. Es ist eine Organisation namens Climate Emergency Fund (Klima-Notstand-Fonds). Sie sieht die Menschheit in existenzieller Klima-Gefahr und fordert eine dringende Reaktion ein. Wörtlich heißt es: „We believe that only a peaceful planet-wide mobilization on the scale of World War II will give us a chance to avoid the worst-case scenarios and restore a safe climate.“ Angestrebt wird also eine weltweite Mobilisierung im Ausmaß des 2. Weltkriegs (!!!), um den Klimawandel zu bekämpfen. Ziel ist die Sensibilisierung der Öffentlichkeit für die angeblichen Bedrohungen durch den Klimawandel durch eine umfassende Störung des Alltags („large scale disruption of everyday live“). Sprich: das Land soll lahmgelegt werden. Inspiriert von Gruppierungen wie Extinction Rebellion will die neue Organisation sehr viel Geld – vornehmlich bei Milliardären – einsammeln, um Aktivisten und Organisationen bei ihrem Feldzug gegen den Klimawandel zu unterstützen.

Laut der internationalen „Westpresse“ Guardian, Washington Post, Independent oderForbes verteilte der neue Fonds bereits 500.000 Pfund bzw. 600.000 US-Dollar insbesondere an die Organisation Extinction Rebellion sowie zu einem kleineren Teil an Climate Mobilization, die das 2.Weltkrieg-Gerede schon länger praktiziert (siehe hier). Nur innerhalb der nächsten Wochen und Monate wolle der neue Fonds das Hundertfache bei der globalen Finanzelite einsammeln (laut Guardian sagte der Gründer Trevor Neilson, dass die Fonds-Gründer „were using their contacts among the global mega-rich to get a hundred times more in the weeks and months ahead“). Das wären dann also um die 60 Millionen Dollar.

Wer aber nun sind der Climate Emergency Fund und Extinction Rebellion?

Extinction Rebellion – Aufstand statt Protest

Die von den Milliardären großzügig bedachte Organisation Extinction Rebellion wurde erst Ende Oktober 2018 gegründet und sieht sich im Kampf gegen die ökologische Katastrophe. Sie ist bisher vor allem in England aktiv, aber auch in Deutschland gibt es laut eigenen Angaben angeblich mittlerweile schon 75 Ortsgruppen (Stand 16.08.2019). In Deutschland steht die Organisation etwas im Schatten von Fridays for future, denen die mediale Aufmerksamkeit vornehmlich gehört.

Während Fridays for future bisher auf friedliche Demonstrationen und Kongresse setzt, setzt Extinction Rebellion auf Blockaden und droht auch Sabatogeaktionen an (zum Beispiel gegen den Flughafen Heathrow, siehe hier). Sie will Rebellion und Aufstand statt nur Protest (siehe hier). Sie läßt sich als der radikale, gewaltaffine, große Bruder von Fridays for future bezeichnen. Zwischen Extinction Rebellion und Fridays for future gibt es zahlreiche Verbindungen. Man unterstützt sich, wirbt füreinander, und viele von Extinction Rebellion sind auch bei Fridays for future dabei, wie die deutsche Sprecherin von Extinction Rebellion bestätigte (siehe hier). Vom 20.09. bis 27.09.2019 [oder nur an beiden Tagen, die diversen Ankündigungen sind unklar] sind weltweite Generalstreiks von Fridays for future und Extinction Rebellion geplant (siehe hier).

Climate Emergency Fund – neue Geldsammelstelle für Fridays for future & Co

Hinter der neu gegründeten Geldsammelstelle für Fridays for future & Co steht der amerikanische „Geldadel“. Zum Beispiel Rory Kennedy, Tochter von Robert Kennedy, oder Aileen Getty, Enkel des Öl-Tycoons Joan Paul Getty, der einmal als reichster Mann Amerikas galt.

Mitbegründer und Leiter des Climate Emergency Fund ist Trevor Neilson. Er ist auch Geschäftsführer und zusammen mit Howard Buffett, dem Enkel des Multi-Milliardärs Warren Buffett, Mitbegründer von i(x) investments, einer Investmentholding mit Schwerpunkt unter anderem auf erneuerbare Energien und carbon to value-Wirtschaft (= Wiederverwendung von Kohlenstoff in werthaltigen Produkte).

Der Fonds-Gründer Neilson war zudem Direktor der Global Business Coalition, einer Vereinigung von über 200 multinationalen Unternehmen, die mit Geldern von Bill Gates, George Soros und Ted Turner gegründet worden ist. Neilson war auch Mitglied des Teams, das die Bill & Melinda Gates Foundation gründete, und deren Direktor. Er diente außerdem im Weißen Haus unter Präsident Clinton und ist er für die Lobby- und Kampagnenorganisation „One“ tätig. Deren „Jugendbotschafterin“ ist Luisa Neubauer, Mitglied der Grünen und mediales Aushängeschild von Fridays for future.

Großkapital meets Ideologie

Großkapital meets Ideologie – könnte man also kurz sagen. Die einen schaffen das Geld heran, die anderen sollen das Land lahmlegen. Und mittendrin bzw. Ausgangspunkt der Entwicklung seit letztem Jahr: Greta. Beziehungsweise ihre Berater, die nicht nur die Figur Greta aufgebaut haben, sondern auch wichtige Aktivisten bei Extinction Rebellion und Fridays for future sind.

Zu nennen sind beispielsweise Bo Thoren und Janine O´Keeffee. Der schwedische Umweltaktivist Thoren ist einer der Initiatoren von Extinction Rebellion (siehe hier). Er war es, der Greta angeworben und ihr die Idee der Schulstreiks nahegebracht hatte, er ist weiterhin deren Berater und wichtige Bezugsperson (siehe hier und hier). O´Keeffee ist Mitglied der schwedischen Grünen und sowohl für Fridays for future als auch Extinction Rebellion aktiv. Sie unterstützt Greta, „wo sie nur kann“, wie der DLF schreibt (siehe hier).

In dem Zusammenhang sei folgendes erwähnt: Greta erhielt den Zugang zur UN-Klimakonferenz in Kattowitz Anfang Dezember 2018, die ihr die große mediale Bekanntheit brachte, durch die ghanaische Organisation Abibiman Foundation. Diese Foundation organisierte eine Pressekonferenzen mit Greta und Vertretern von Extinction Rebellion (siehe hier).

Eine andere Pressekonferenz der Foundation fand mit Greta und dem Marketingdirektor Marten Thorslund vom Unternehmen „We don’t have time“ statt (siehe hier). Dieses Unternehmen, bestehend aus einer Aktiengesellschaft und Stiftung, will das größte soziale Klima-Netzwerk der Welt aufbauen. Gegründet hat es der schwedische PR-Manager und Finanzunternehmer Ingmar Rentzhog. Rentzhog ist Mitglied des Climate Reality Project des früheren US-Vizepräsidenten Al Gore. Er hat Greta bekannt gemacht und mit ihr geworben, um für sein neues Unternehmen die benötigten Investoren-Gelder hereinzuholen. Greta war zwischenzeitlich für einige Zeit auch Ratgeber im Vorstand der Stiftung (siehe hier).

Fridays for future – das nächste Spendenkonto und wieder Geheimniskrämerei

Rentzhog unterhält gute Kontakte zum Club of Rome, der seit Anfang der 70er Jahre vor der Apokalypse warnt. Im November 2018 moderierte er die weltweite Live-Präsentation des Climate Emergency Plan des Club of Rome (siehe hier). [Die Wortgleichheit mit dem neuen Climate Emergency Fund ist sicher kein Zufall.]

Der Vizepräsident der deutschen Sektion des Club of Rome ist bekanntlich Frithjof Finkbeiner. Dessen Stiftung „Plant-for-the-Planet Foundation“ steuert – wie berichtet – Fridays for future finanziell und organisatorisch. Wer genau die verantwortlichen Personen sind, die für Fridays for future handeln, von wem sie dazu bevollmächtigt wurden und aufgrund welcher Rechtsmacht sie das tun, ist bis heute nicht offengelegt. Bekannt ist, daß es mittlerweile noch mehr Vereine im Umfeld von Fridays for future gibt (organize future! e.V. und Donate for future e.V.), die Spenden für Fridays for future sammeln. Für nähere Informationen über die Hintergründe und finanziellen Ungereimtheiten bei Fridays for future und Verbindungen zur Ökofinanz siehe die TE-Berichterstattung hier, hier oder hier).

Auch die GLS Bank sammelt übrigens Geld für Fridays for future ein – unter dem Label „Companies for future“. Interessant ist, was die Bank darüber schreibt, wer über die Verwendung der Mittel zu bestimmen hat: „Über die Verwendung des Guthabens entscheiden drei Organisatoren von Fridays for Future gemeinsam.“ Eine namentliche Nennung dieser drei erfolgt natürlich nicht. Und wer den drei diese Aufgabe übertragen hat, bleibt unklar. Die Geheimniskrämerei bei Fridays for future geht also weiter. Bezeichnend auch, dass man von „Organisatoren“ schreibt. Damit können genauso die Aktiven wie die Hintermänner gemeint sein. Einer dieser Organisatoren ist möglicherweise der Berufsaktivist Louis Motaal. Er ist – wie berichtet – die rechte Hand Finkbeiners bei der Plant-for-the-Planet Foundation, bewegt sich ständig im Umfeld von Greta und hat auf sich auch die Markenrechte an „Fridays for future“ beim Deutschen Patent- und Markenamt angemeldet. Laut einem Welt-Artikel ist er für das (welches?) Spendenkonto bei Fridays for future zuständig (siehe hier).

Große Transformation – gemeinsames Ziel von Finanzeliten und Linksideologen

Ob Extinction Rebellion, Fridays for future oder andere ähnlich positionierte Gruppen und Organisationen – sie alle wollen die radikale Umgestaltung der Gesellschaft, den Systemwechsel, die „Große Transformation“ zu einer post-industriellen Gesellschaft, wie es schon 2011 in einem Gutachten des wissenschaftlichen Beirats der Bundesregierung heißt. Vorsitzender dieses Beirats war damals Hans-Joachim Schellnhuber, der auch Mitglied beim Club of Rome ist (siehe hier). In ähnlicher Diktion spricht die Heinrich-Böll-Stiftung der Grünen von „Radikalem Realismus“ zum Zwecke einer sozial-ökologischen Transformation.

Die Klima-Politik dient als Vehikel für diese Transformation. Es mehren sich die Stimmen, die diktatorische Mittel zu deren Umsetzung nicht ausschließen, wenn es demokratisch nicht schnell genug machbar ist – schließlich geht es angeblich um das weltweite Sein oder Nicht-sein (siehe hier, hier oder hier). Als Mittel dienen vor allem auch CO2-Steuern und Klima-Zertifikatehandel. Das dadurch mögliche Volumen einer Umverteilung von unten nach oben ist immens. 7.600 Milliarden Euro könnten es allein in Deutschland sein laut Berechnungen von Prof. Fritz Varenholt (siehe hier). Hans-Joachim Schellnhuber schätzte 2016 die erforderlichen Investitionen für eine kohlenstoffarme Infrastruktur weltweit auf 93 Billionen Dollar in den nächsten 15 Jahren (siehehier).

Neue Machtstrukturen, erweiterte Verdienstmöglichkeiten – das läßt die Allianz von Teilen der globalen Finanzelite und linksradikalen Ideologen verständlich erscheinen. Die Anschubfinanzierung für den Klima-Aufstand, die der neue Climate Emergency Fund an Extinction Rebellion und andere Organisationen zur Verfügung stellen will, dürfte sich insofern als lohnendes Investment erweisen. Leidtragende dieser unheilvollen Allianz werden die sogenannten kleinen Leute und der Mittelstand sein. Doch von denen begreifen es viele nicht und klatschen sogar noch Beifall zu ihrer Ausplünderung und Bevormundung.

077 Blick »Mein Jahresrückblick 2020«

©Blick / 11.12.2020

 

Covid-19 hat den Menschen die Zündschnur gekürzt und die sozialen Medien in ein Schlachtfeld der Rechthaberei verwandelt. Der Pizzabäcker fordert ein Ende des Lockdowns, seine Gäste essen die Pizza im Homeoffice. Selbstdarsteller Alain Berset inszeniert sich als Kapitän, doch auf seiner Titanic brilliert der Trödel-Bundesrat mit alternativen Fakten.

 

Der Klimawandel wurde verdrängt, überlebt hat der Altersrassismus, den Greta Thunberg salonfähig gemacht hat. Jetzt können auch Menschen ohne Argumente Diskussionen, die sie überfordern, mit «Ok, Boomer» beenden.

 

Der afroamerikanische Ökonom Thomas Sowell kommentierte die Rassismusdebatte: «Haben wir das Endstadium der Absurdität erreicht, in dem Leute für Dinge verantwortlich gemacht werden, die vor ihrer Geburt stattgefunden haben, und andere Leute nicht einmal für das, was sie heute machen?»

 

Seit Angela Merkels unkontrollierter Grenzöffnung (2015) skandieren in unseren Strassen Barbaren «Allahu Akbar». Sie kamen als Flüchtlinge getarnt, weitere leben bereits unter uns, andere sind noch unterwegs. Der rot-grüne Teppich, den man religiösen Faschisten ausrollte, war ein Akt der Selbstaufgabe. Merkel wird als diejenige in die Geschichte eingehen, die Europa den grössten Schaden seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges zugefügt hat.

 

Über die Festtage hätte Europas Sonnenkönigin gerne die Kavallerie nach Zermatt geschickt, doch Ross und Reiter waren nicht wintertauglich.

 

Der Zeitgeist erlaubt neuerdings, dass man seine Partikularinteressen über den Rechtsstaat stellt. Man darf demnächst die Scheiben des Nachbarn einschlagen und dessen Auto abfackeln, falls man es moralisch begründen kann.

 

Donald Trump werden die Karikaturisten bitter vermissen, obwohl Joe Biden («Wie war die Frage?») nicht nur mit dem Teleprompter Probleme hat.

 

Auf den Philippinen geniesst der bekennende Sozialist Rodrigo Duterte eine Zustimmung von 91 Prozent. Er hat nicht das Chaos ins Land gebracht, sondern das Chaos hat «Dirty Harry» geboren.

 

Das Wetter soll nächstes Jahr wechselhaft werden, die Aktienkurse könnten steigen, aber auch fallen.

 

Für 2021 wünsche ich uns allen: Gesundheit, Humor und Gelassenheit: Wer eine andere Meinung hat, ist kein Feind.

Weltwoche: Komitee zur Rettung der Welt

© Weltwoche 10.12.2020

Ungekürzte Version

 

Komitee zur Rettung der Welt

 

Nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges waren die Menschen finanziell und psychisch zerrüttet und mit der Bewältigung des Neubeginns beschäftigt. Das war eine historische Gelegenheit für einen radikalen Reset: Der Wohlfahrtsstaat wurde ausgebaut, die Charta der UNO in Kraft gesetzt, in Bretton Woods einigten sich 44 Länder auf feste Wechselkurse.

 

Klaus Schwab (*1938), Gründer des Weltwirtschaftsforums (WEF), schrieb zusammen mit seinem Team den Bestseller »Covid-19: Der Große Umbruch (Covid-19: The Great Reset)«. Er glaubt, daß nun auch Covid-19 als »Gelegenheit genutzt werden sollte, um institutionelle Veränderungen in die Wege zu leiten« und einen Reset zu erzwingen: zurück auf Start, Geschichte ausblenden und nochmals alle historisch gescheiterten Rezepte wiederholen.

 

Er beginnt mit Analysen, denen viele zustimmen können. Er beschreibt differenziert die Verkettung historischer, wirtschaftlicher, geopolitischer, gesellschaftlicher, ökologischer und technologischer Fakten, doch in seinem komplexen Räderwerk klammert er ein Zahnrad aus: Die Überbevölkerung mit all ihren gravierenden Auswirkungen auf Resourcen, Klima und Migration. Er glaubt offenbar, im Gegensatz zu Wirtschaftsnobelpreisträger Milton Friedman, daß man sowohl offene Grenzen als auch ein Sozialsystem haben kann.

 

Irritierend ist auch seine Behauptung, es habe während des Lockdowns »keine Luftverschmutzung« gegeben, weltfremd sein Glaube, wonach die Menschen während und nach der Pandemie mehr Empathie und Solidarität zeigen werden. Die Geschichte zeigt, daß in Pandemien Angst und Panik stets zu egoistischem und asozialem Verhalten geführt haben. Nur gerade bei örtlich und zeitlich begrenzten Naturkatastrophen bewiesen die Menschen Solidarität. Doch bei einer Pandemie macht das unsichtbare Virus jeden Nachbarn zum potentiellen Totengräber. Klaus Schwab weiß das, aber er glaubt, daß diesmal alles anders wird.

 

Die Realität widerspricht ihm. Seit Greta Thunberg Altersraßismus salonfähig gemacht hat, ist von Solidarität zwischen den Generationen nicht mehr viel übrig. In einer stark fragmentierten Ich-Gesellschaft, die Partikularintereßen über das Gemeinwohl setzt, bleibt Egoismus die treibende Kraft. Auch die sozialen Medien widersprechen: Sie sind zum Schlachttfeld von Rechthaberei und Intoleranz geworden, draußen demonstrieren zornige Menschen gegen Corona-Maßnahmen. Der Pizzabäcker, der seinen Laden schließen muß, hat nicht die gleichen Intereßen wie der Bankangestellte, der seine Pizza im Homeoffice ißt. Das Einzige, was die beiden gemeinsam haben, ist die Wut. Covid-19 hat allen die Zündschnur gekürzt.

 

In der ersten Hälfte des Buches versucht Schwab mit einer Sowohl-als-auch-Rhetorik Neutralität vorzutäuschen. Er gewährt kontroversen Ansichten Raum und man weiß nie, was eigentlich seine Meinung ist. Hat er eine? Ja, aber die erfährt man erst am Ende des Buches.

 

Schwab zitiert Laotse: »Auch eine Reise von tausend Meilen beginnt mit einem Schritt.« Der erste Schritt in Schwabs »Schöner Neuer Welt« ist wohl die Abschaffung des Bargeldes, denn »sein Staat« braucht die Möglichkeit, bei Bedarf die digitalen Sparguthaben der Bevölkerung per Mausklick zu plündern. Wie 2013 auf Zypern, als übers Wochenende der »größte Bankraub der Geschichte (Spiegel)« abgewickelt wurde. Fast alle Notenbanken planen heute die Einführung von digitalem Zentralbankgeld. Wir wißen alle, daß man die aktuelle Staatsverschuldung von 53 Billionen Dollar nicht mehr auf anständige Art und Weise tilgen kann.

 

Die Pandemie bietet nun die Chance, aus hygienischen Gründen die Abschaffung des Bargeldes zu beschleunigen. Dank Covid-19 zahlen viele Leute nur noch digital und akzeptieren, daß sie dadurch zum gläsernen Bürger geworden sind. Schwab blendet die negativen Seiten nicht aus, er beschreibt die Vorteile jedoch so, daß die Leserschaft zur Einsicht gelangen muß, daß ein »Gesundheitsarmband« mit Tracing- und Traffic-Funktion einen besonderen Schutz bieten könnte. Das chinesische Social-Credit-System kann bereits jedes Fehlverhalten mit Bewegungseinschränkungen oder mit Geldbußen (die in Echtzeit abgebucht werden) bestrafen. Die Akzeptanz in der freien Welt ist eine Frage des Marketings. Wäre es nicht auch für das Klima hilfreich, wenn der CO2-Fußabdruck jedes Individuums sichtbar wäre? Ein grünes Social-Credit-System zur Rettung der Erde?

 

Allmählich wird deutlich, was der Sinn und Zweck dieses Buches ist: der »richtige Weg«. Nachdem uns Schwab mit einer Dystopie im Konjunktiv erschreckt hat, bietet er im letzten Kapitel seine Lösung an: Er wünscht sich ein »Komitee zur Rettung der Welt«, das die »Tyrannei des BIP Wachstums« beendet, er träumt von einer »globalen Ordnungsmacht« nach marxistischen Prinzipien, von einer EU im Weltformat unter dem Kommando von WHO, UNO, IWF und dem »Großen Steuermann« Klaus Schwab. Er bestreitet nicht, daß die Umsetzung seiner Ideen viele Menschen in die Arbeitslosigkeit stürzen würde, und empfiehlt deshalb einen maßiven Ausbau des Sozialstaates.  Man hat den Eindruck, er würde am liebsten alle Menschen enteignen und ihnen monatlich Sozialhilfe überweisen.

 

In seiner »Schönen Neuen Welt« wird der Mensch zur Datenquelle degradiert, zu einem kleinen Pixel, der von einem Software-Algorythmus von der Wiege bis zum Tod begleitet, bevormundet, belohnt und bestraft wird. Schwabs Utopie ignoriert die Natur des Menschen und unterschätzt den Drang nach Freiheit und Selbstbestimmung. Seine Welt nützt nur denen, die sie entworfen haben.


Zahlen zum WEF

Das 1971 von Professor Klaus Schwab gegründete Weltwirtschaftsforum zählt die tausend größten Weltkonzerne zu ihren Mitgliedern. Jeder Konzern bezahlt eine Basis-Jahresmitgliedsgebühr von 42’500 Schweizer Franken und eine Gebühr von 18’000 für die Teilnahme am Jahrestreffen. Industrie- und strategische Partner bezahlen zwischen 250’000 und 500’000, um an den Initiativen des Forums mitzuwirken.

Gemäss Klaus Schwab (Meldung vom 9.12.2020) soll den Teilnehmern in Singapur ausnahmsweise die Gebühr erlassen werden.


 

Heilige Unmoral

© Tages-Anzeiger
– 05. Dezember 2020
 

Heilige Unmoral – wie die Kirche die Spenden für die Armen verprasst

Skandal im Vatikan Hunderte Millionen an Hilfsgeldern für Bedürftige wurden in Hollywoodfilme, Bierbrauereien oder Luxusimmobilien für die Reichsten investiert: Die Römische Kurie wird von der grössten Finanzaffäre der letzten 30 Jahre erschüttert. Dass sie aufgedeckt wurde, ist auch das Verdienst des italienischen Enthüllungsjournalisten Emiliano Fittipaldi.

Oliver Meiler, Rom

«Cupolone», «grosse Kuppel», so nennen die Römer das Dach von Sankt Peter, sie sagen es mit liebevollem Unterton. Die Kuppel spannt sich wie ein Gewölbe über ihre Stadt. Kein weltlicher Bau in Rom darf höher und erhabener sein als Michelangelos Werk, so wollten es die Päpste. Das vermeintlich Heilige sollte über dem Profanen thronen, die Kirche über dem Staat. Moralisch überlegen. Das war natürlich immer schon ein Scherz, die Geschichte ist Zeugin. Aber die architektonische Entrückung ist geblieben.

Ganz besonders eindrucksvoll wirkt das Panorama der Vatikanstadt, dieses kleinen Staates im Staat, ein paar Hundert Einwohner, von Mauern umgeben, wenn man von der Tiberbrücke Umberto I. hinüberschaut. Ist nicht Pandemie, stehen jeden Abend Fotografen auf der Brücke und warten auf das Dämmerrot, den Feuerhimmel über San Pietro. Wenn noch schwarze Wolken den Cupolone umspielen, ist das Drama perfekt, dann entstehen Fotos für Zeiten wie diese.

«Im Vatikan wird gerade der grösste Finanzskandal der letzten 30 Jahre verhandelt», sagt der Investigativjournalist Emiliano Fittipaldi, ein berühmter Enthüller vatikanischer Unheiligkeiten, 46 Jahre alt, Neapolitaner. Wenn nur die Hälfte von dem stimmt, was an Verdachtsmomenten und Ermittlungsthesen schon zirkuliert, ist diese Affäre grösser als Vatileaks 1 (2011) und Vatileaks 2 (2015), die Skandale um die gefrässige Kurie und die Wirrungen bei der Bank des Vatikans. Von Vatileaks 1 heisst es, es habe dazu beigetragen, dass Papst Benedikt XVI. zurücktrat. Bei Vatileaks 2 war Fittipaldi unfreiwillig Hauptfigur, in der Rolle des Aufdeckers. Jetzt aber schreiben die Medien von der «grossen Plünderung des Vatikans», vom «Überfall in der Kurie».

«Komisch, nicht?»

Vor einigen Wochen warf Franziskus einen Kurienkardinal raus, der so mächtig war, dass er Hunderte Millionen Euro aus dem Spendentopf der katholischen Kirche verschieben konnte, fast nach Belieben, mit dem Plazet der Päpste natürlich.

«Dieser Topf war extra bilancio», sagt Fittipaldi, ohne Bucheintrag. Das hat er vor einem Jahr aufgedeckt. Der Peterspfennig für die Armen? In den vergangenen zehn Jahren flossen Millionen in Luxusimmobilien in London, in Fonds auf Malta und Luxemburg, auch in Filmproduktionen, die nichts mit dem Vatikan zu tun hatten. 3,3 Millionen Euro für «Men in Black». 1 Million Euro für «Rocketman», den Film über das Leben des Sängers Elton John. Elton John?

«Komisch, nicht?», sagt Fittipaldi, er hat alle Zahlen im Kopf, jeden Namen, jede Affäre, sie brechen wie ein Strom aus ihm heraus. «Die Diskrepanz zwischen dem, was man gemeinhin vom Vatikan erwartet, und dem, was wirklich ist, ist immens.»

Er hat das schon in allen Facetten erlebt. Zu seinem Fachgebiet kam er eher zufällig. Fittipaldi hat Literatur studiert und dann einen Masterkurs in Journalismus absolviert. Als er 2007 von Neapel nach Rom zog, wies ihm sein neuer Arbeitgeber, das Nachrichtenmagazin «L’Espresso», die Schnittstelle zwischen Politik und organisiertem Verbrechen zu. Macht und Mafia, das ganz grosse Feld, es wurde bald noch grösser. «Wenn du in Rom der Spur des Geldes folgst, landest du immer schnell auf der Via della Conciliazione.» So heisst die Allee, die zum Petersplatz führt. «Unweigerlich.»

Fittipaldi ist ein schmaler, grosser Mann, detailverhaftet, beim Zuhören reisst er seine Augen weit auf. Er sitzt jetzt wieder oft in Fernsehstudios und erzählt unfassbare Geschichten von finanziellen Machenschaften, wie aus billigen Thrillern. Geschichten von Gier und Geiz, von Bruderkriegen unter Kurienkardinälen, von schillernden Figuren aus der Halbwelt, von Spionen und Mätressen. «Die Kirche ist eben eine sehr irdische Institution, eine Männerwelt. Geld, Macht, Sex. Das beschäftigt die Herrschaften schon ungemein.» Er sagt das ganz nüchtern, fast emotionslos. «Ich gehe mit technischer Methodik an die Arbeit, als wäre die Kirche eine Institution wie jede andere.» Fittipaldi ist katholisch aufgewachsen, aber zur Messe geht er schon lange nicht mehr. Manchmal spielt man ihm vertrauliches Material zu, dann prüft er die Quellen, schaut sich die Fakten an, die Beweise dazu und schreibt sie auf, neuerdings für die Zeitung «Domani», deren Vizedirektor er ist.

Die italienischen Medien nennen den aktuellen Fall «Caso Becciu». Angelo Becciu ist ein sardischer Kardinal aus Pattada, einem Ort in der Provinz Sassari, arme Verhältnisse, 72 Jahre alt. Ende September fiel er in Ungnade wegen des Verdachts auf Veruntreuung. Abrupt, wie er fand, völlig unfair. «Der Papst begeht einen Fehler», sagte Becciu, als ihm Franziskus nach einer kurzen und angeblich lauten Unterredung alle Rechte und Privilegien des Kardinalsstands entzogen hat. Nur das Purpurrot darf er behalten, die Farbe des Amtes. «Dabei würde ich doch für den Papst sterben.» Das erste Interview nach dem Rauswurf gab Becciu Emiliano Fittipaldi, und das war nicht selbstverständlich: Die zwei verbindet eine lange, durchwachsene Geschichte.

Becciu war von 2011 bis 2018 Substitut des Staatssekretariats, der zentralen Regierungsbehörde des Vatikans, Herz der römischen Kurie. Substitut hört sich nach zweiter Reihe an. Doch Becciu, der davor lange Jahre als Apostolischer Nuntius den Heiligen Stuhl an vielen Orten der Erde vertreten hatte, war ein sehr mächtiger Mann. Die Nummer drei im Vatikan, wenn man so will, nur der Papst und der Staatssekretär standen über ihm. «Er kennt alle Geheimnisse und Winkel des Vatikans», sagt Fittipaldi, «er ist ein Machtmensch, ein versierter Stratege.» Noch haben die Ermittler des Vatikans keine Anklage gegen Becciu erhoben. Fürchtet man ihn? Oder sind die Beweise zu dünn?

Im Staatssekretariat gab es damals eine Kasse, über deren Inhalt niemand Bescheid wissen sollte. Das Geld darin kam vom «Obolus von Sankt Peter», dem Peterspfennig. Jeden 29. Juni bittet der Papst um Spenden für die Bedürftigsten. Der Deal mit den Gläubigen ist: Ihr gebt mir das Geld, und ich verteile es an die Armen. So war das aber nie. Die Spende floss jeweils in die «cassa» im Staatssekretariat. Als Angelo Becciu übernahm, lagen 750 Millionen Euro in der Kasse, etwa 7 Prozent des gesamten vatikanischen Vermögens, das auf 11 Milliarden Euro geschätzt wird. Das ist eine vage Schätzung. Niemand weiss, wie hoch zum Beispiel der Wert der vielen Immobilien im Besitz der Kirche ist. Allein in Rom sind es Hunderte, ganze Palazzi.

Die 750 Millionen in der Kasse des Staatssekretariats aber waren bar, sofort einsetzbar. Das Geld sollte noch etwas mehr werden. Das wäre an sich nicht verwerflich gewesen, hätte sich die Kirche bei ihren Anlagen von den moralischen Standards leiten lassen, die sie von allen einfordert. Doch Becciu war offenbar der Gordon Gekko der Kurie, wie die Hauptfigur im Film «Wall Street» heisst. 2012 hatte er die Idee, 200 Millionen in eine Ölplattform im Meer vor Angola zu pumpen, ein befreundeter angolanischer Erdölindustrieller wollte sie bauen.

Angelo Becciu war als Nuntius lange Zeit in Luanda stationiert gewesen, so hatte man sich kennen gelernt. Die Idee der Plattform wurde verworfen. Die Investition sei nicht sicher genug gewesen, sagte Becciu.

Abgeraten hatte ihm Enrico Crasso, italienischer Financier, wohnhaft in der Schweiz, früher Angestellter der Credit Suisse, der Hausbank des vatikanischen Staatssekretariats. «Das ist kein Zufall», sagt Fittipaldi, «die Verbindung zur Schweiz hat Tradition.» Als sich in Italien 1929 Kirche und Staat trennten, sahen die Lateranverträge eine beträchtliche Entschädigungssumme für den Vatikan vor. 100 Jahre später erfuhr man, dass die Kirche das Geld sofort in die Schweiz brachte, auf Nummernkonten. «Das ist tief drinnen in ihrer Kultur.»

Anstelle der Ölplattform in Angola rückte eine Immobilie in London ins Interesse des Vatikans: Sloane Avenue 60, ein mächtiges kubisches Gebäude mit viel Glas und rotem Backstein, das früher dem Warenhaus Harrods gehörte. Mitten in Chelsea, beste Lage. Der Makler Raffaele Mincione, der das Luxusobjekt anbot, schwärmte Becciu vor, dass sich darin tolle Wohnungen bauen lassen würden, die man dann an vermögende Kunden verkaufen werde. Er kenne da einen grossartigen Innendekorateur.

Und so investierte der Substitut 200 Millionen Euro aus der «cassa» mit dem Geld für die Ärmsten in eine Luxusimmobilie für die Reichsten. Dafür gab es aber nur einen Teil des Gebäudes, es war ein hoch spekulatives und riskantes Geschäft.

Wahrscheinlich wäre die Geschichte nie aufgeflogen, hätte der Brexit nicht das Britische Pfund in die Tiefe gezerrt – und den Londoner Immobilienmarkt gleich mit. Der Vatikan verlor viel Geld, auch weil er viel zu hohe Kommissionen an die Makler und Mittler entrichtete. Ermittler des Papstes suchen jetzt nach Beweisen für ihre Vermutung, dass auch Kirchenfunktionäre im grossen Stil Geld unterschlagen haben. Bei einem Ex-Angestellten des Staatssekretariats fand die Guardia di Finanza Münzen und Medaillen im Wert von 2 Millionen Euro, dazu 200’000 Euro bar in einer Schuhschachtel.

Becciu war ein Mann der alten Nomenklatura, noch berufen von Benedikt XVI., und er war ein treuer Wegbegleiter von Kardinal Tarcisio Bertone, dem langjährigen Staatssekretär, der Symbolfigur des verschwenderischen Umgangs der Kurie mit dem Geld der Gläubigen. Auch die Geschichte Bertones deckte Fittipaldi auf. 2015 wurden ihm Dokumente zugespielt, die zeigten, dass der hohe Prälat mit Geld aus dem katholischen Kinderkrankenhaus Bambino Gesù in Rom das Penthouse aufhübschte, in dem er bis heute lebt.

Eine halbe Million für den Umbau, vor allem die Dachterrasse soll sehr schön geworden sein. Fittipaldi machte aus der Enthüllung sein Buch «Avarizia», Geiz. Ein Bestseller: 200’000 verkaufte Exemplare, übersetzt in 20 Sprachen. Zusammen mit dem Buch «Via Crucis» des Journalisten Gianluigi Nuzzi, der ebenfalls auf geleaktes Material zurückgreifen konnte, bildete «Avarizia» die Grundlage für Vatileaks 2.

Pressefreiheit? Nicht hier

Dem Vatikan gefiel das gar nicht. Becciu war besorgt, dass sein Kartenhaus ins Wanken gerät. Und Franziskus, der in den Jahren davor versucht hatte, die Missstände in der Kurie aufzuräumen, und dafür ein Sekretariat für Wirtschaft einrichtete, ermahnte jene, die die schmutzigen Geheimnisse ans Licht brachten: die Mitarbeiter der vatikanischen Aufsichtsbehörde, die das Material weitergereicht hatten, und die Journalisten, die es für ihre Bücher nutzten. Auch Fittipaldi und Nuzzi sollte der Prozess gemacht werden hinter dem dicken Gemäuer. Der Vorwurf: Veröffentlichung geheimer Akten. Darauf stehen im Vatikan vier bis acht Jahre Haft. Pressefreiheit? Etwas für die anderen.

Nuzzi wies die Vorladung zurück. Fittipaldi aber ging hin, setzte sich vier Stunden lang auf die harte Holzbank im vatikanischen Tribunal. «Das war stressig», sagt er. «Ich kämpfte um meinen Ruf, sie wollten ihn besudeln, das war ein politischer Prozess.»

Aber es war auch aufregend. Die Welt schaute zu, alle grossen internationalen Sender schickten Kamerateams. Das Buch lief danach hervorragend. Sechs Monate später wurden die italienischen Reporter freigesprochen, weil der Vatikan kein Recht hatte, über sie zu richten. Das war absehbar gewesen, doch der Kirchenstaat ist in solchen Dingen oft erstaunlich dilettantisch, fast schon weltfremd.

Es vergingen zwei Jahre, die Wellen legten sich. Dann ernannte Franziskus Angelo Becciu zum Kardinal und Präfekten der Heiligenkongregation. Eine Promotion, hätte man meinen können. Doch bald wurde klar, dass der Papst ihn befördert hatte, um ihn loszuwerden. Weg vom Staatssekretariat und den Geschäften, rüber ins unverfänglichere Dikasterium der Seligen und Heiligen. Eine erste Entmachtung.

Der Job von Becciu im Staatssekretariat ging an Edgar Peña Parra, einen venezolanischen Erzbischof und engen Vertrauten des Papstes. Der erbte den Investitionsflop an der Sloane Avenue. Doch statt die Anteile zu verkaufen, kaufte Peña Parra noch den Rest dazu, das gesamte Investment des Vatikans betrug nun etwa 350 Millionen Euro. Nie zuvor hatte die Kirche so viel Geld investiert. Und nie so abenteuerlich.

Makler Mincione wurde mit 40 Millionen Euro abgefunden, aus der Schatulle mit dem Peterspfennig. Neu verkehrte der Vatikan nun mit einem schillernden Geschäftsmann, einem gewissen Gianluigi Torzi, der in seiner Karriere oft schon Probleme mit der italienischen Justiz gehabt hatte: etwa wegen betrügerischen Konkurses. Doch im Vatikan kam es niemandem in den Sinn, mal kurz nachzuschauen, mit wem man es zu tun hatte. «Es hätte gereicht, wenn sie Torzis Namen gegoogelt hätten», sagt Emiliano Fittipaldi. Und so sass die Kirche mit ihren 350 Millionen Euro plötzlich im Boot mit diesem Torzi. Im Vertrag inbegriffen: ein Handgeld von 15 Millionen für den Broker. Als sie es merkten, war es schon zu spät.

Der «Fall Becciu» ist also auch ein «Fall Peña Parra» geworden. «Die Geschichte hat zwei Halbzeiten, wie ein Fussballspiel», sagt Fittipaldi. In der ersten spielte der Sarde, die zweite läuft noch, es spielt der Venezolaner. Noch ist nicht klar, in welcher Halbzeit der Vatikan am Ende höher verliert – in der ersten oder in der zweiten.

Der Papst hat dem Staatssekretariat mittlerweile die «cassa» weggenommen. Die Finanzen kommen jetzt alle unter ein Dach, Transparenz und Kontrolle sind das Ziel. «Zum ersten Mal handelt der Vatikan aus eigener Initiative», sagt Fittipaldi. Er spricht von «Vatikanopoli», der Begriff ist angelehnt an «Tangentopoli», wie man in den Neunzigern den Korruptionsskandal in Mailand nannte, den die italienische Justiz mit einer Grossoperation trockenlegte. «Das ist schon mal ein gutes Signal, aber noch keine Garantie für Erfolg.» Erst wenn auch «fedelissimi» des Papstes, engste Vertraute, hart geprüft würden, könne das gelingen.

Gegen Becciu ploppen immer neue Vorwürfe auf. Er soll seine drei Brüder begünstigt haben, heisst es. Einer von ihnen ist Schreiner, er durfte Kirchen renovieren in Ländern, in denen Angelo Botschafter war. Die Rechnungen gingen nach Rom. Ein anderer soll 700’000 Euro für seine karitative Organisation auf Sardinien erhalten haben, die mit der örtlichen Diözese arbeitete. Der dritte Bruder, ein Psychologieprofessor, der nebenbei Bier braut, bekam Geld vom angolanischen Ölindustriellen, dem Freund des Kardinals: 1,5 Millionen Euro. Die Firma nannte er Angel’s S.r.l., Engel GmBH – eine Verneigung vor Bruder Angelo?

Ein unsäglicher Verdacht

Und dann gibt es noch die Geschichte von Cecilia Marogna, einer Managerin aus Cagliari, Sardin, wie Becciu, 39. Eine hübsche Frau, sehr aktiv in den sozialen Medien, was nicht so recht zu ihrem Berufsprofil passen will. Marogna erhielt mehrere Hunderttausend Euro aus dem Staatssekretariat für angeblich geheime Missionen. Etwa für die Verhandlungen zur Befreiung einer kolumbianischen Ordensschwester, die in Mali von Jihadisten verschleppt worden war. Marogna soll nämlich auch eine Paralleldiplomatin sein, perfekt vernetzt mit in- und ausländischen Geheimdiensten. Einen schönen Teil des Geldes aus Rom gab sie für Schmuck, Parfüm und teure Möbel aus, für Kleider, Schuhe und Taschen von Prada, Tod’s und Chanel. Das sei ihr gutes Recht, sagte Marogna, als sie verhaftet wurde, sie habe schliesslich dafür gearbeitet.

Aber hat sie das tatsächlich? Oder war sie am Ende Beccius «dama», wie manche glauben, seine Geliebte? Fittipaldi mahnt zur Vorsicht, oft seien vatikanische Geschichten in Wahrheit ganz anders, als man denke. «Ich habe mal zwei Monate lang an einem Scoop gearbeitet, bis ich merkte, dass ein Kardinal die Geschichte von A bis Z erfunden hatte, um einem Rivalen zu schaden.» Alle Akten waren gefälscht, für den Abfalleimer.

Äusserst unwahrscheinlich kommt ihm jetzt auch eine These vor, die in den vergangenen Wochen Schlagzeilen gemacht hat, es ist eine unerhörte Vermutung. Becciu soll Zeugen dafür bezahlt haben, dass sie sich als Missbrauchsopfer ausgaben im Prozess gegen seinen grossen Rivalen, den australischen Kardinal und früheren Präfekten im Wirtschaftssekretariat, George Pell. Um ihn auszuschalten. Man muss sich das mal vorstellen, es wäre der grösste Skandal von allen, Sloane Avenue hoch zehn. «Bisher gibt es aber keine Beweise dafür», sagt Fittipaldi. «Nichts, gar nichts.» Im Vatikan gibt es Stimmen, die behaupten, die Entourage von Pell habe die These in die Welt gesetzt, um sich zu rächen. Er mache bei diesen Spekulationen nicht mit, sagt Fittipaldi. Und tut es damit doch.

Ihm sind schon viele Scoops gelungen, belegt mit Fakten und Dokumenten. «Aber Journalistenpreise holt man damit keine in Italien», sagt er und lacht. Wer nicht ständig herunterbete, wie wunderbar dieser Papst sei und Amen, der gelte als Gotteslästerer, als Nestbeschmutzer. Das Charisma von Franziskus nehme viele Kollegen gefangen, sagt Fittipaldi. Und macht sie befangen. «Auf mich wirkt es ja auch.» Es blendet ihn aber nicht bei der Arbeit.

Stadtstaat mitten in Rom

350-Millionen-Euro-Deals mit schillernden Geschäftsmännern: Über der Basilika im Vatikan braut sich etwas zusammen. Foto: Christian Hartmann (Reuters)

Wollte die Händler aus dem Tempel jagen: Papst Franziskus. Foto: Keystone

Im Zentrum des Skandals: Kardinal Becciu. Foto: Reuters

Im Fokus der Kollegen: Journalist Emiliano Fittipaldi. Foto: Imago

«Die Kirche brachte das Geld sofort in die Schweiz.»

Emiliano Fittipaldi

«Wenn du in Rom der Spur des Geldes folgst, landest du immer schnell im Vatikan.»

Emiliano Fittipaldi

Textauszug »Pacific Avenue«

 

In der Kiste waren 81 schwarze Büchlein gestapelt, es waren die Tagebücher meines Vaters. Sollte ich sie lesen? Ich dachte, vielleicht wäre das eine Möglichkeit, mehr über diesen seltsamen hageren Blonden im hellblauen Hemd zu erfahren.

Ich griff wahllos in die Kiste und nahm das erste Büchlein heraus, schlug es auf und las: 14. April 1958. Rösti mit Blutwurst. 20.00 Pfarrei. Also wollte ich meinem Vater noch eine Chance geben, damit er mir möglicherweise aufzeigen konnte, dass auch sein Leben in einem gewissen historischen Kontext gestanden hatte.

Nächster Griff in die Kiste: Tagebuch 1963. Hm, haben Sie da irgendeine Erinnerung? Die Vögel von Hitchcock und die erste Lebertransplantation. Dass der Patient nicht überlebte, gehört ins nächste Jahr. Ich schlug eine der letzten Seiten des Jahres 1963 auf: Weihnachten in Vilaincourt. Durchfall. Jurassische Küche. Alte Hexe. Ich vermute, er sprach über die Kochkünste meiner über alles geliebten Großmutter Germaine. Ich muss sie hier in Schutz nehmen, denn die Magen-Darm-Probleme hatte mein Vater, weil er ständig ins Goldene Fass flüchtete und dort eiskaltes Bier trank und die Serviertöchter anhimmelte. Ich kann das bezeugen, denn ich musste ihn jeweils begleiten. Ein Bier, ein Sirup. Erinnern Sie sich?

Ich muss an dieser Stelle erwähnen, dass nicht jeder Tag im Leben eines Menschen der absolute Hammer ist. Mozart schrieb zum Beispiel am 17. Juli 1770 in sein Tagebuch: »Gar nichts erlebt. Auch schön.« Aber immerhin tiefgründiger als: Bohnensuppe.

Sind wir jetzt fertig?, hat meine Lektorin am Rand notiert. Noch nicht ganz.

Ich wollte damit nur zum Ausdruck bringen, dass jedes Leben repetitiv wird, weil das erste Mal nur einmal das erste Mal ist, also einmalig, und was nachher folgt, ist vielleicht eine Variante, aber immer auch eine Wiederholung. Oder können Sie sich an Ihren 475. Orgasmus erinnern? Aber der erste Kuss ist Ihnen bestimmt noch allgegenwärtig. Es gibt Leute, die in ihren Tagebüchern sehr intime Gedanken niederschreiben. Kafka notierte zum Beispiel: »Ein erstes Zeichen beginnender Erkenntnis ist der Wunsch, zu sterben.« Flaubert schrieb in sein Reisetagebuch Dinge wie: »Donnerstag, den 17. Januar, Nil, Sonne, Bäder, Lustknaben. Spital Kasr-el’-Aini. Hübsche Fälle von Syphilis. Negerinnen poussieren.« Das gibt doch was her, oder?

Aber ich will dennoch versuchen, meinem Vater einigermaßen gerecht zu werden, denn Mozart hat uns allen bewiesen, dass nicht an jedem Tag etwas Außerordentliches passieren kann. Um in Erfahrung zu bringen, ob jemand siebzig Jahre lang nur Trash in seine Tagebücher notiert hat, muss man ein Datum wählen, das historisch bedeutsam ist.

Also versuchte ich es mit dem 22. November 1963. Ich weiß nicht, ob Sie sich erinnern, was damals geschah. Wirklich nicht? Ich erinnere mich, dass ich damals die Basler Nachrichten und die National Zeitung im Kleinhüninger Quartier verteilte. Beide Blätter haben das historische Ereignis mit einer seitenfüllenden Fotografie auf die Frontseite gesetzt. Ich hatte Gänsehaut! Es gibt Ereignisse, wie später 9/11, bei welchen jeder noch ganz genau weiß, was er in dieser Stunde getan hat. Also musste doch auch mein Vater diesen historischen Augenblick in seinem Tagebuch erwähnt haben. Ich schlug es auf und las: Kennedy erschossen. Nüdeli mit Hackbraten. 20.00 Pfarrei.

 

Cueni, Claude. Pacific Avenue (German Edition) Wörterseh Verlag. Kindle-Version.

 

 

076 Blick »Lizenz zum Sterben«

© 27.11.2020 

Krieg führen lasse die anderen, heirate!» Das war die Erkenntnis eines Mannes, der fünfzehn Jahre lang Krieg geführt und durch eine Heirat vorübergehend auch seinen persönlichen Frieden gefunden hatte. Kaiser Maximilian I. (1459–1519) war nicht nur «der letzte Ritter», sondern auch der «erste Kanonier», weil er die Kriegsführung modernisierte und der Militärmedizin mit der «strukturierten Triage» sein Siegel aufdrückte. In Kriegszeiten sollten verwundete Soldaten je nach militärischem Rang Vorrang und Zivilisten letzte Priorität haben.

Die Triage wurde bereits im alten Ägypten praktiziert, in Europa regelte 1787 ein königlich-preussisches Reglement die Vorgehensweise verbindlich. Dominique Jean Larrey, Sohn eines Schuhmachers, setzte im Laufe der napoleonischen Kriege als Militärarzt und Feldchirurg eine neue Triage durch. Er nahm keine Rücksicht auf den militärischen Rang der Verwundeten. Er galt deshalb als «Freund der Soldaten». Mit seinen fliegenden Lazaretten führte er Notamputationen auf dem Schlachtfeld durch, und es war ihm egal, ob der Verwundete Freund oder Feind war.

Mit der Pandemie ist das Thema Triage wieder in den Schlagzeilen. Wer kriegt das letzte Beatmungsgerät? Die Schweizerische Gesellschaft für Intensivmedizin (SGI) hat nun gemeinsam mit den Akademien der Wissenschaften Schweiz (SAMW) neue Richtlinien erlassen. Eine neunstufige Skala soll Intensivmedizinern bei Bedarf helfen, Patienten nach medizinethischen Grundsätzen zu klassifizieren und dafür zu sorgen, dass Entscheide im Nachhinein transparent und nachvollziehbar sind.

Wer aber in den kommenden Wintermonaten durch die Triage fällt, sollte wenigstens die Wahl haben, sein absehbares Ende durch eine externe Freitodbegleitung innerhalb des Spitals abzukürzen. Falls er dies ausdrücklich wünscht. Zurzeit sind Freitodbegleitungen in Universitätsspitälern juristisch nicht zulässig, obwohl Sterbehilfe keine Tötung wäre, sondern eher Schmerzbefreiung mit Todesfolge.

Leider leisten sich viele Gesunde eine Gutmenschenethik, die weder auf Schmerzerfahrung noch auf Empathie beruht. Die Erlösung, die man dem geliebten Haustier gewährt, sollte man auch dem Menschen gewähren. Sofern er dies wünscht.

075 »Verbrechen mit 4 Buchstaben«

 

An Weihnachten 1913 erschien in der Beilage der 1860 gegründeten Zeitung «New York World» das erste Kreuzworträtsel. Es enthielt 31 Suchbegriffe, war rautenförmig und noch ohne schwarze Felder aufgebaut. Der britische Journalist Arthur Wynne soll es erfunden haben, die Idee stammte von seinem Grossvater. Im Laufe der Jahre führte Wynne symmetrische Gitter ein und begrenzte die Worte mit schwarzen Quadraten.

 

Das kniffligste Kreuzworträtsel fand man jedoch nicht in den später erscheinenden Rätselbüchern, sondern 1981 in einem braunen Koffer in der ehemaligen DDR. Ein Bahnarbeiter hatte das Gepäckstück neben den Geleisen in der Nähe von Leipzig entdeckt. Im Koffer lag die Leiche eines siebenjährigen Jungen. Er war sexuell missbraucht und grausam ermordet worden. Die Ermittlungsbehörden erhofften sich Hinweise vom Zeitungspapier, mit dem der Koffer ausgestopft worden war. Sie entdeckten ein von Hand ausgefülltes Kreuzworträtsel.

 

In den folgenden neun Monaten sammelte die Volkspolizei sechzig Tonnen Altpapier in der näheren Umgebung des Tatorts und veranlasste eine halbe Million Schriftvergleiche. Die Ausdauer wurde schliesslich belohnt. In Block 398 wohnte eine Frau, deren Handschrift identisch war mit den ausgefüllten Feldern im sichergestellten Kreuzworträtsel. Sie war jedoch nicht die Täterin. Die gesuchte Person musste also in ihrem Haus verkehren oder verkehrt haben. Sie stiessen auf den Freund ihrer Tochter. Er war der bestialische Mörder.

 

Das Lösen von Kreuzworträtseln gilt heute als geeignetes Gehirnjogging, denn ab dem 50. Lebensjahr prügelt das Alter auf den Stirnlappen des Gehirns, ausgerechnet auf die Stelle, wo die Nervenzellen sitzen, die für die Verarbeitung von Wörtern und Zahlen zuständig sind. Auch unsere Festplatte, der Hippocampus, gerät unter Beschuss. Deshalb werden wir im Alter vergesslicher. Meistens verliert man, was man nicht mehr benutzt. Wer hingegen jeden Tag ein Kreuzworträtsel löst, verjüngt angeblich sein Gehirn um bis zu zehn Jahre. Aber es müssen nicht unbedingt Kreuzworträtsel sein. Hilfreich ist alles, was das Gehirn stimuliert. Förderlich sind auch Memory, soziale Kontakte, grünes Gemüse und Sex.

 

 

074 Blick »Schnitzel ohne festen Wohnsitz«

In den 1970er-Jahren wollten viele von uns Zigeuner sein, denn Zigeuner waren unkonventionelle Lebenskünstler ohne festen Wohnsitz. Das war das Lebensgefühl der Flower-Power-Generation. Wir wollten frei sein. Der Zigeunerlook war populär, er stand für Sex & Drugs & Rock ’n’ Roll. Das Zigeunerleben wurde in Liedern besungen und in Filmen romantisch überhöht. Als Teenager war ich verdammt stolz, als ich als Vagabund per Autostopp durch Europa reiste, denn irgendwie war ich ein bisschen Zigeuner.

Intellektuelle massen sich an, die Bedürfnisse von Randgruppen zu definieren

Soeben ist Göläs Autobiografie «Zigeunerherz» erschienen. Der Religionspädagoge Stefan Heinichen (57) nennt den Buchtitel «eine Verharmlosung und eine Negierung der Bedürfnisse der Sinti- und Roma-Gemeinschaften in der Schweiz». Definiert er neuerdings schulmeisterlich, welche Bedürfnisse Sinti und Roma haben sollten?

Selbst Fahrende nennen sich stolz Zigeuner. Der Schweizer Verein Zigeunerkultur organisiert jeweils die «Zigeunerkulturtage» und schreibt auf seiner Homepage: «Wir benützen dieses Wort aber bewusst und mit positivem Selbstverständnis.»

So stellt sich die Frage, wer eigentlich den Sinti und Roma und der Gesellschaft im Allgemeinen einreden will, dass Zigeuner zum Wortschatz von Rassisten gehört. Der überhebliche Belehrungszwang entsteht stets im universitären Umfeld privilegierter Intellektueller, die den Alltag normaler Leute nur vom Hörensagen kennen und die meiste Zeit mit Genderfragen und künstlichen Debatten über Ampelmännchen und rassistischen Produktebezeichnungen verbringen.

Journalisten versuchen, sich in politischer Korrektheit zu übertreffen

Was diese Sprachpolizei lautstark proklamiert, interessiert praktisch niemanden. Umso grösser ist das Interesse bei jenen Journalisten, die sich gegenseitig in Political Correctness übertreffen wollen.

Wenn also Göläs Biografie den Titel «Zigeunerherz» trägt, wünscht man sich etwas mehr Gelassenheit. Die Meinungsfreiheit endet nicht dort, wo selbst ernannte Kulturkrieger die Grenzen ziehen. Gölä ist einer jener Zigeuner aus der Nach-Woodstock-Ära, so wie auch ich einer war. Wir mochten Zigeuner.

Wahrscheinlich überarbeiten jetzt die meisten Restaurants vorsichtshalber ihre Speisekarten und ersetzen das «Zigeunerschnitzel» durch «Schnitzel ohne festen Wohnsitz».

Claude Cueni (64) ist Schriftsteller und lebt in Basel. Er schreibt jeden zweiten Freitag im BLICK. Sein neuer Thriller «Genesis – Pandemie aus dem Eis» ist im Verlag Nagel & Kimche erschienen.

073 Blick »Wenn Bücher brennen«

«Und nicht wenige, die Zauberei getrieben hatten, brachten ihre Zauberbücher herbei und verbrannten sie vor aller Augen.» Auf diesen Bibeltext beriefen sich religiöse Fanatiker, wenn sie in den folgenden 2000 Jahren unliebsame Schriften den Flammen übergaben. Seit der Antike werden missliebige Schriften öffentlich verbrannt, manchmal zusammen mit ihren Verfassern.

Um 1193 fackelte der islamisch-türkische Eroberer Bakhtiyar Khilji die buddhistische Nalanda-Universität ab, ab dem 4. Jahrhundert loderte die religiöse Pyromanie der römisch-katholischen Kirche, die Inquisition war der vorläufige Höhepunkt.

Der Wahn infizierte alle Kontinente. Der Bischof Diego de Landa liess in Yucatan fast alles vernichten, was in Maya-Schrift verfasst war. Nach den Bücherverbrennungen der Nazis verbrannten die Roten Khmer 1975 in Kambodscha Bibliotheken, im Bosnienkrieg fackelten serbische Nationalisten über eine Million Bücher ab, im März 2001 wurden während eines Gottesdiensts im US-Bundesstaat New Mexico «Harry Potter»-Romane wegen angeblicher Hexerei verbrannt.

Jungsozialist Timo Räbsamen sitzt im Stadtparlament von Wil SG. Im Februar 2019 schrieb er in einem mittlerweile gelöschten Instagram-Post: «Heute brennt die Weltwoche, morgen dann Roger Köppel» – und illustrierte die Zeilen mit einem Foto, das einige Geschichtslose beim Abfackeln einer «Weltwoche» zeigt.

Hätten junge SVPler getextet: «Heute brennt die Wochenzeitung, morgen dann die Chefredaktoren» – es hätte Nazikeulen geregnet. Leider gibt es in den Redaktionen immer mehr «Influencer», die sich als publizistischen Arm eines totalitären Mobs verstehen und zweierlei Mass anwenden.

ARD-Journalist Hanns Joachim Friedrichs (1927–1995) sagte einst: «Einen guten Journalisten erkennt man daran, dass er sich nicht gemein macht mit einer Sache. Auch nicht mit einer guten.»

Alle zu den Wahlen zugelassenen Parteien haben ihre Berechtigung, sie repräsentieren einen Teil der Bevölkerung. Kontroverse Meinungen und zivilisierte Debatten sind die Vitamine einer gesunden Demokratie.

Doch heute gilt: Was von rechts kommt, ist Faschismus, was von links kommt, war bloss Satire. Heinrich Heine (1797–1856) prophezeite: «Dort wo man Bücher verbrennt, verbrennt man am Ende Menschen.»

 

072 Blick »Heute Rebell, morgen Despot«

©Fotolizenzen: Christina Guggeri

In den 1970er-Jahren war es für einen Teenager chic, mit einem PLO-Schal wie jenem des Chef-Terroristen Yassir Arafat herumzulaufen, die Bibel des Massenmörders Mao zu promoten, auf dem Klo ein Poster des Stalin-Verehrers Che Guevara aufzuhängen und den Unrechtsstaat DDR als Paradies zu verklären. Das war links und das war cool und man musste nichts mehr beweisen. Wir stellten unsere Moral über das Gesetz. Illegal war scheissegal.

Sozialistische Parteien mutierten zu Verbotsparteien. Linientreue ersetzte die Debattenkultur, die DDR wurde zum Vorbild. Planwirtschaft statt Marktwirtschaft. Das zugemauerte «Arbeiterparadies» wurde einer der weltweit grössten Umweltsünder. Demonstrieren konnte man nur in der Zelle.

Textauszug Clemens Traub »Future for Friday“

Clemens Traub ist Politik-Student an der Johannes-Gutenberg-Universität zu Mainz und SPD-Mitglied. Momentan ist er Werkstudent beim ZDF in der „heute“-Redaktion.

Clemens Traub ist als ehemaliger „Fridays for Future“-Demonstrant weit davon entfernt, den Klimawandel zu leugnen, distanziert sich aber mittlerweile von der Bewegung. Ein Auszug seiner Streitschrift erschien im Magazin CICERO. Daraus habe ich mit Erlaubnis des Autors einzelne Textstellen in diesen Blog kopiert.

© 2020 Clemens Traub

 

 

Das typische Milieu der meisten „Fridays for Future“- Demonstranten kenne ich gut. Es ist in gewisser Weise mein eigenes und das meines jetzigen Freundeskreises: großstädtisch, linksliberal, hip. Arzttöchter treffen darin auf Juristensöhne.

(…)

Akademikerkinder bleiben unter sich. Ein Querschnitt der Gesellschaft also, den die Klimaproteste abbilden? Weit gefehlt! „Fridays for Future“ ist die Rebellion der Privilegierten, und die Bewegung bietet ihnen die perfekte Möglichkeit, ihren eigenen kosmopolitischen Lebensstil und das eigene Talent zur Schau zu stellen.

(…)

Klimaschutz auf Kosten der sozial Schwächeren

Die Bewegung in ihrem Elfenbeinturm merkt dabei gar nicht, dass ihre Kritik den Lebensstil vieler sozial Schwächerer betrifft, die aus finanziellen Gründen nicht immer die freie Wahl haben. Sie werden als Klimasünder gebrandmarkt, weil sie nicht im Bioladen einkaufen, sondern beim Discounter. Dass es Menschen gibt, bei denen die Sorgen angesichts immer höherer Strom- und Mietpreise die Diskussion über den Verzicht auf Flugreisen von vornherein obsolet machen, das kommt den Demonstranten gar nicht in den Sinn.

Wie auch? In ihrer wohlbehüteten Lebenswelt ist das alles ganz weit weg. Gerade das macht die Bewegung aber zu einem Risiko, denn sie setzt den sowieso schon fragilen Zusammenhalt unserer Gesellschaft aufs Spiel. Für einen großen Teil der Bevölkerung überwiegen jedoch andere, dringlichere Alltagssorgen. Wer angesichts der Ankündigungen der Industrie Angst hat, von Jobabbau betroffen zu sein, für den ist im Moment die Brandrodung im tropischen Regenwald zweitrangig.

(…)

Die oftmals alltagsfern geführten Diskussionen grenzen weniger privilegierte Menschen in der öffentlichen Debatte aus.

(…)

Andauernd hoben sie mahnend den Zeigefinger. Blickten aus dem Elfenbeinturm auf alle Menschen, die anderer Meinung waren, herab.

(…)

Bewegung des sozial privilegierten Nachwuchses

Dieser Zeigefinger wurde langsam, aber sicher das Wiedererkennungsmerkmal der Bewegung. Ihre Feindbilder waren glasklar. Ihr Weltbild gefährlich eindimensional. Meine Großstadtfreunde bekämpften plötzlich alle, die in ihren Augen eine Mitschuld am elend der Welt trugen: die Fleischesser, die Plastiktütenträger, die Dieselfahrer, die Kurzstreckenflieger, die Langstreckenflieger, die Kreuzfahrttouristen, die Landwirte und natürlich die bösen SUV-Besitzer. Aber ganz ehrlich: Gehören wir nicht alle immer mal wieder zu einer dieser Gruppen?

Elitäre Selbstüberschätzung, wohin ich blickte. In ihrer moralischen Überheblichkeit war (und ist) ihnen gar nicht bewusst, wie viele „normale“ Menschen sie damit vor den Kopf stießen.

Meine Einschätzung, bei „Fridays for Future“ handle es sich vor allem um eine Bewegung des sozial privilegierten Nachwuchses, ist inzwischen mit entsprechenden Zahlen belegt.

Finanziert wurde die Studie von der Bündnis 90/Die Grünen-nahen „Heinrich Böll Stiftung“.

Die Studie spricht Bände: Demnach gaben über 90 Prozent der Befragten an, mindestens das Abitur (beziehungsweise die Fachhochschulreife) gemacht zu haben oder dies gerade anzustreben. Eine überwältigende Mehrheit von 90 Prozent!

„Fridays for Future“ verkörpert damit nicht einmal ansatzweise den Querschnitt der Gesellschaft, wie so oft behauptet wurde.

Mich wunderte, wie wenig das ernüchternde Ergebnis der Studie dann jedoch diskutiert wurde. Dabei musste die Gesellschaft doch aufgeklärt werden über den privilegierten Background und die daraus folgende Abgehobenheit der jungen Protestler. Verändert dies nicht den gesamten Blickwinkel auf die bestimmende gesellschaftliche Debatte der letzten Monate?

Gerade die Aushängeschilder der Bewegung kommen allesamt aus „bürgerlichsten“ Verhältnissen.

Da haben wir zum Beispiel Luisa Neubauer, die bekannteste deutsche „Fridays for Future“-Aktivistin. Aufgewachsen ist sie im recht gut betuchten Elbvorort Iserbrook in Hamburg. Alle Hamburger wissen: Nicht gerade eine Wohngegend, die bekannt ist für ihren sozialen Wohnungsbau. Ihr Abitur machte sie in Hamburg-Blankenese.

Es ist das Hamburger Villenviertel schlechthin. Sightseeing-Busse bieten inzwischen Rundfahrten durch das Viertel an, um den neugierigen Touristen die Prachtvillen zu präsentieren. Sie ist Stipendiatin der parteinahen Stiftung von Bündnis 90/Die Grünen und auch Mitglied der Partei. Einer Politikerkarriere steht also nichts im Wege, das sagt sie auch selbst. „Eine Karriere als Politikerin möchte ich nicht ausschließen“, erzählte sie beispielsweise „Zeit Campus“.

Perfekte Selbstvermarktung

Rebellion von unten sieht anders aus. Perfekte Selbstvermarktung trifft es wohl eher. Die Inszenierung als Underdog bekommt jedenfalls Risse. Heute erreicht man Luisa Neubauer nur noch über ihr Management! Demonstranten als Popstars! Und die kann man natürlich auch nicht mehr einfach auf der Straße ansprechen, wenn man zusammen demonstriert. Jedenfalls nicht bei „Fridays for Future“. Also bitte, was für eine naive Vorstellung! Zwar gibt es auch innerhalb der „Fridays for Future“-Bewegung Kritiker der ausufernden Personeninszenierungen, doch eine wirkliche Veränderung ist nicht in Sicht.

Aus der Klimabewegung ist zwischenzeitlich vor allem eines geworden: ein Karrieresprungbrett für den ehrgeizigen Elitennachwuchs. „Fridays for Future“ ist die perfekte Bühne, um von sich Reden zu machen. Vielen der gebildeten Akademikersprösslinge ist das natürlich bewusst. Je mehr mediale Aufmerksamkeit, desto attraktiver ist es, in der ersten Reihe zu stehen. Vermeintlich idealistischer Aktivismus lässt sich inzwischen sehr gut vermarkten.

Einmal einen Auftritt in einer Talkshow ergattern oder zumindest einmal den eigenen Namen in der Zeitung lesen können – all das kann zur Chance des Lebens werden. In vorderster Reihe dabei zu sein fühlt sich nicht nur wahnsinnig gut an, es ist auch eine Art Freifahrtschein für das spätere Berufsleben. Und als wenn das nicht schon ausreichen würde: Eine Flut neuer Instagram-Follower ist natürlich auch noch eine traumhafte Begleiterscheinung. In diesem sinne: Volle fahrt voraus!

Rebell zum eigenen Vorteil

Die Elite von morgen

Die allermeisten „Fridays for Future“-Aktivisten wissen: Ihnen gehört die Zukunft. Viele haben die klassische Biografie eines Kosmopoliten. Ihnen wurde durch ihre soziale Herkunft alles in die Wiege gelegt, um zum Profiteur unseres Systems zu werden. Einfach alles stimmt: das Auftreten, das soziale Umfeld und natürlich die Bildung.

Obwohl sie den Weltuntergang als permanente Drohung vor sich hertragen, bereitet ihnen ihre Zukunft keine Angst. Warum denn auch? Für sie stehen die Türen sehr weit offen. sie beherrschen die komplizierten Regeln unserer individualisierten Wissensgesellschaft ganz genau. Sie werden ihr Praktikum in Brüssel und nicht in Bottrop machen. Lieber EU-Kommission als Einzelhandel. Der wird zukünftig eh keine Chance mehr haben. Und außerdem: Connections regeln! Ihr englischer Wortschatz ist meist größer als der deutsche. Perfekt vorbereitet also auf die Zukunft, komme was wolle. Denn sie sind die Elite von morgen. Das Gefährliche daran: All das ist den Demonstranten meist gar nicht bewusst.

Außenseiter sein, erst das macht das Rebellentum sexy. Was muss ein sozial Abgehängter denken, wenn sich auf einmal wohlhabende Kosmopoliten in der rolle des Außenseiters gefallen! Und sie gefallen sich nicht nur in ihr. Nein, sie inszenieren sie regelrecht.

Statt Gerechtigkeitsfragen bei „Fridays for Future“ mit zu bedenken, reduzierte sich die Bewegung von Anfang an rein auf Fragen des Lebensstils. Auch in meinem Freundeskreis ist Artensterben einfach cooler als Altersarmut. Ist das Thema Gender hipper als Grundrente.

Der neue grün-bürgerliche Habitus regelt das Freund-Feind-Schema der Klimadebatte.

© 2020 Clemens Traub

071 Blick »Ein Denkmal für Polizeibeamte«

   

Seit 1821 stirbt der Luzerner Löwe in seiner Grotte vor sich hin. Mit jährlich rund 1,4 Millionen Besuchern gilt er heute als eines der meistbesuchten Touristenziele Luzerns. Für die meisten ist dieses in Sandstein gehauene Denkmal «das traurigste und bewegendste Stück Stein der Welt (Mark Twain)». Nicht alle wissen, dass der Löwe an den Untergang der Schweizergarde erinnert, die am 10. August 1792 erfolglos die Tuilerien in Paris gegen den Ansturm der aufgebrachten französischen Revolutionäre verteidigte.

Vor elf Jahren warf «eine unbekannte Körperschaft» rote Farbbeutel auf den Löwen, um gegen das Denkmal zu protestieren, aber auch um sich mit Straftätern zu solidarisieren, die im Verdacht standen, in Frankreich Terroranschläge gegen TGV-Züge verübt zu haben. Einige Medien druckten das anonyme Bekennerschreiben als sei es eine offizielle Regierungserklärung.

Einmal mehr wollte ein anonymes Grüppchen der Allgemeinheit vorschreiben, was sie sehen darf und was nicht. Schaden für den Steuerzahler: 75’000 Franken.

Man ändert die Geschichte nicht, indem man die Krankenakte der Zivilisation umschreibt. Der Löwe entsprang Ende des 18. Jahrhunderts dem damaligen Zeitgeist. Vor lauter Empörung vergessen die Vandalen, dass die Liebhaber des Denkmals nicht die Monarchie verherrlichen, sondern die Kunst der beteiligten Bildhauer bewundern.

Vor zwei Jahren gelang dem Luzerner Löwen der Sprung über den Atlantik. Nun stirbt er auch im «Memorial Park» in der US-amerikanischen Stadt Colorado Springs. Er erinnert nicht an die gefallenen Schweizer, sondern gedenkt der dreissig Polizeibeamten, die seit 1895 bei der Verhaftung von Straftätern am östlichen Rand der Rocky Mountains ums Leben gekommen sind. In Stein gemeisselt sind die Worte:

Ich war dort, wo du fürchtest zu sein.

Ich habe gesehen, was du fürchtest zu sehen.

Ich habe getan, was du fürchtest zu tun.

All diese Dinge habe ich für dich getan.

Kürzlich wurde nun auch dieses Denkmal beschädigt. Wenn jeder zerstört, was ihm missfällt, enthüllen wir eines Tages das Denkmal eines Diktators, der einen Bürgerkrieg beendet hat, und von der Biografie der Menschheit bleibt nur noch ein prähistorischer Faustkeil übrig.


© Blick 2020


 

070 Blick »Sind Wahlplakate Littering?«

 

 

Wer Wahlen gewinnen will, sollte sich in der Öffentlichkeit mit berühmten Unterstützern umgeben und es vermeiden, den Leuten mit der Wahrheit die gute Laune zu verderben. Diese Empfehlung stammt nicht etwa aus einem heutigen Strategiepapier, sondern von Quintus Cicero (102–43 v. Chr.), dem Wahlkampfmanager und Bruder des berühmten Marcus Tullius Cicero.

 

Wählbar waren nur Personen, die das 30. Altersjahr überschritten hatten, denn Jüngere hielt man aufgrund der fehlenden Lebenserfahrung und der altersbedingten Leichtsinnigkeit für nicht ganz zurechnungsfähig.

 

Der Eintrag in die amtlichen Bewerbungslisten kostete nach heutiger Kaufkraft ca. 15’000 Franken. Nur Reiche konnten ein Amt anstreben. Fortan mussten sie aber auch bei Hungersnöten mit ihrem Privatvermögen einspringen. Heute haftet keiner mehr persönlich, weder für fehlende Masken, zu späte Grenzschliessungen, zu frühe Lockerung des Lockdowns noch für vorsätzliche Falschinformationen.

 

In der römischen Republik gab es kein politisches Parteiensystem, wie wir es heute kennen, es gab auch keine Wahlprogramme. Somit waren allein Charisma, Volksnähe und die Reputation der Unterstützer ausschlaggebend. Diese liessen den Namen des Kandidaten in roter oder schwarzer Tusche auf Wandverputze malen. Diese sogenannten Wahl-Dipinti säumten Einkaufsstrassen wie heute die Wahlplakate, die in der freien Natur später den Tatbestand des Litterings erfüllen.

 

Gekaufte Stimmen waren genauso üblich wie heute auf den Philippinen, wo der Major einer Barangay (Gemeindepräsident) auf seinem Moped von Haus zu Haus fährt und für umgerechnet ca. vier Franken Stimmen einkauft.

 

Populär waren auch Brot und Spiele, wobei diese dem Kandidaten meistens rote Zahlen bescherten, was seine Wahl erschwerte, da man zu Recht annahm, dass er sich nach einem Wahlsieg auf Staatskosten sanieren würde. Heute, wo die meisten Parteikassen leer sind, begnügt man sich mit bunten Werbegeschenken und anderen Wegwerfartikeln.

 

Wahlplakate haben die antiken Dipinti ersetzt. Oft werden sie beschädigt. Ironischerweise mobilisieren jene Vandalen, die kein Verständnis für Demokratie haben, die Nichtwähler der geschädigten Partei. Und auf die kommt es an.

Interview mit Matthyas Zehnder

 

Claude Cueni: «Ich halte halbe Wahrheiten für die schlimmsten Fakes»

 

PUBLIZIERT AM 26. AUGUST 2020 VON MATTHIAS ZEHNDER / © 2020 matthyaszehnder.ch

 

 

Welches Medium darf bei Dir zum Frühstück nie fehlen?

 

Mein iPad. Seit zehn Jahren lese ich Zeitungen nur noch auf dem iPad. Ich beginne zwischen zwei und drei Uhr morgens mit der «South China Morning Post» und «Rappler», dem philippinischen News-Portal. Dann überfliege ich die Headlines der US-Medien und lese später europäische Zeitungen. Wenn ich gerade an einem Roman bin, kopiere ich die interessanten Artikel in ein Worddokument und lese die News vor dem Mittagessen.

 

Wie hältst Du es mit Facebook, Twitter und Instagram?

 

Twitter und Google+ habe ich schon vor Jahren verlassen. Bei Facebook bin ich vorläufig noch dabei. Ich benützte es mittlerweile vor allem als Werbemedium für neue Bücher und um in Kontakt zu bleiben mit Freunden und Kollegen, die über den ganzen Erdball verstreut sind.

 

Wie hat das Corona-Virus Deinen medialen Alltag verändert?

 

Überhaupt nicht.

 

Wenn Du an die Medien in der Schweiz denkst – war früher alles besser oder schlechter?

 

Weder noch. Ich trauere keinen vergangenen Zeiten nach. Wenn ich den Kulturteil betrachte, stelle ich fest, dass es immer weniger Buchrezensionen gibt, da die Onlinemedien mittlerweile Klickzahlen sehr genau messen können. Und die Leserschaft orientiert sich eher an den Meinungen von Leuten, die gerne lesen. Wenn heute eine Buchrezension in der «Sonntagszeitung» erscheint, wird sie auch in der «Basler Zeitung», im «Bernerobeländer», in der «Berner Zeitung», im «Bund», im «Landboten», im «Langenthaler Tagblatt», im «Tages-Anzeiger», im «Thuner Tagblatt» und in -zig anderen Onlinemedien publiziert. Die Meinungsdominanz der Medienhäuser und der einzelnen Redakteure hat zugenommen. Man muss deswegen nicht jammern, sondern nach neuen Wegen suchen.

 

Haben geschriebene Worte noch Zukunft?

 

Auch digitale Inhalte müssen geschrieben werden und es wird immer Menschen geben, die sich gerne mit einem dicken Buch zurückziehen, um in eine andere Welt abzutauchen. Aber es werden weniger sein. Es gibt immer mehr Leute, die gar keine Bücher lesen, das Unterhaltungsangebot ist einfach enorm und die Zapping-Kultur hat mittlerweile alle Bereiche erfasst. Siebenhundertseitige historische Wälzer sind Liebhaberobjekte. Mit Ausnahme von Krimis (insbesondere Regional-Krimis) und Sachbüchern nehmen die Buchumsätze kontinuierlich ab. Die Belletristik-Verlage verdienen nur noch die Hälfe, die Autoren verdienen nur noch die Hälfte, aber auch hier besteht kein Anlass zum Jammern, sondern Anlass, seine Kreativität im Buchmarkt unter Beweis zu stellen.

 

Was muss man unbedingt gelesen haben?

 

Nichts. Ich unterhalte mich gerne mit meinem Sohn und ein paar Freunden über Bücher, die wir gelesen haben, jeder teilt seinen Eindruck mit, aber keiner käme auf die Idee zu sagen, «das musst du unbedingt lesen». Ich lese gerne Bücher zur Universalgeschichte oder Spezialthemen, aber auch das sind keine Bücher, die andere unbedingt gelesen haben sollten. Ich bin nicht das Mass aller Dinge.

 

Kannst Du schlechte Bücher weglegen oder musst Du Bücher zu Ende lesen?

 

Ich entscheide mich nach ca. 20 Seiten, manchmal schon früher. Wieso soll ich ein Buch zu Ende lesen, wenn ich die Figuren plakativ oder die Dialoge hölzern finde? Das wird auf den nächsten 300 Seiten nicht besser.

 

Wo erfährst Du Dinge, von denen Du nicht gewusst hast, dass sie Dich interessieren?

 

Mein Sohn, ein paar enge Freunde, Online-Medien und soziale Netzwerke wecken mein Interesse für Unbekanntes.

 

Wie lange gibt es noch gedruckte Tageszeitungen?

 

Printmedien sind ein Auslaufmodell. Die älteren Abonnenten sterben aus und die jüngere Leserschaft wächst mit Handy und iPad auf. Meine Frau ist 39, sie hat noch nie eine Printzeitung gelesen und ist trotzdem sehr gut informiert. Ich hatte vor etwa zwölf Jahren die letzte Printzeitung in der Hand. Online ist stets aktueller und bietet der Leserschaft verlinkte Zusatzseiten und Videos. Auch für den Verleger gibt es Vorteile: Er spart Papier-, Druck- und Distributionskosten, das Inkasso ist sehr simpel. Das Mahnwesen fällt weg, weil der Kunde im voraus sein Abo bezahlen muss.

Wahrscheinlich werden einige Special-Interest- und Hochglanzmagazine überleben. Aber der Trend geht Richtung Online-Kiosk: ein einziges Abo erlaubt den Zugriff auf mehrere Dutzend Presseerzeugnisse. Musik- und Filmindustrie weisen den Weg.

 

Sind Fake News eine Gefahr – oder eine Chance für die Medien?

 

Wenn man täglich ein breites Spektrum an Medien liest, sind Fakenews einfach zu entdecken. Ich halte halbe Wahrheiten für die schlimmeren Fakes. Man lässt einfach weg, was der eigenen Weltanschauung widerspricht, aber die Leserschaft kann nie wissen, was weggelassen wurde.

 

Wie hältst Du es mit linearem (live) Radio und Fernsehen?

 

Seit 20 Jahren kein Thema mehr. Mit Youtube, Netflix und anderen Streamingdiensten bin ich ausreichend bedient.

 

Hörst Du Podcasts? Hast Du einen Lieblingspodcast?

 

Nein.

 

Was bedeutet es für die Medien (und die Gesellschaft), dass laut fög 56 % der 16- bis 29-Jährigen zu den News-Deprivierten gehört?

 

Seit dem Herbst 2015 ist das Vertrauen in Medien, Politik und Wissenschaft kontinuierlich gesunken. Bei jedem Thema gibt es fast so viele Meinungen wie Experten. Corona bestätigt dies erneut. Dass insbesondere die 16- bis 29-Jährigen das Interesse an News verlieren, hat sicher auch mit der narzisstischen Selfie-Gesellschaft zu tun. Nichts ist interessanter als das eigene Ich. Sobald der Wohlstand abnimmt und der eigene Lebensstandard gefährdet ist, wird sich das wieder ändern.

 

Tamedia-VR-Präsident Pietro Supino geht davon aus, dass in zehn Jahren zwischen einem Viertel und einem Drittel der Artikel im «Tages-Anzeiger» von Robotern geschrieben werden. Lässt sich Journalismus automatisieren?

 

Teilweise ja. Aber ein News-Roboter greift natürlich stets auf einen Basis-Text zurück, den ein Mensch geschrieben hat. In den 1980er-Jahren gab es eine Software, die selbständig Gedichte schreiben konnte, aber auch hier musste man ein paar Keywords eingeben. Aber absurde Gedichte schreiben ist für einen Roboter einfacher als einen faktenbasierten Bericht über den Nahen Osten zu verfassen.

 

Führt die Digitalisierung zum Tod der Medien oder im Gegenteil zur Befreiung des Journalismus?

 

Sicher nicht zum Tod. Die Musik- und Filmindustrie haben die Digitalisierung überlebt, auch die Medien werden sie überleben. Und die Kundschaft wird ihre Gewohnheiten anpassen. Für ehrgeizige Journalisten ist es die Chance, ein eigenes Onlinemedium zu lancieren. Im Raum Basel hat zum Beispiel Peter Knechtli vor über 20 Jahren mit «onlinereports» ein national beachtetes Medium erschaffen, das sich durch viele Primeurs auszeichnet. Mit «Prime News» und «Bajour» sind zwei weitere Online-Player an den Start gegangen. In Deutschland werden Journalisten, die sich von grossen Verlagshäusern «befreien» und ihre eigenen Online-Medien gründen, immer zahlreicher.

 

Siehst Du für professionellen Journalismus noch eine Zukunft?

 

Bestimmt, aber zurzeit ist eher Meinungsjournalismus populär und fast alle Leitmedien sind zur ironiefreien Zone verkommen. Aber das ist Zeitgeist und flüchtig. Die Leute werden wieder den Wunsch nach ungeschönten Fakten haben: Lesen was ist und nicht das, was ein Journalist gerne verbreiten möchte. Professionellen Journalismus wird es immer geben, aber in einer fragmentierteren Gesellschaft werden die Zielgruppen dünner. Entscheidend wird sein, ob die Leserschaft bereit ist, dafür mehr zu bezahlen.

 

Schreibst Du manchmal noch von Hand?

 

Nur Randnotizen und Einkaufszettel. Ich schreibe am PC und korrigiere meine Texte laufend. Von Hand schreiben oder diktieren ist bei meinem impulsiven Arbeitsstil gar nicht möglich.

 

Ist Donald Trump gut oder schlecht für die Medien?

 

Er liefert täglich ein paar Schlagzeilen. Somit ist er gut für die Medien, egal ob sie ihn mögen oder nicht. Alles was Klickzahlen generiert, ist gut für die Medien. Egal ob DonaldTrump,  Irina Beller oder welcher Penis zu welchem Sternzeichen passt.

 

Wem glaubst Du?

 

Auch ich habe mein Vertrauen in Medien, Politik und Wissenschaft weitgehend verloren. Ich vertraue meinem gesunden Menschenverstand, wobei das wohl jeder von sich behauptet. Bedingungsloses Vertrauen habe ich in meine Frau und meinen Sohn.

 

Dein letztes Wort?

 

Dafür ist es wohl noch zu früh. Aber wenn du darauf bestehst: Es gibt keinen Gott, tut Gutes und geniesst euer Leben.

069 Blick »Ist Schach rassistisch?«

Die ersten schachähnlichen Figuren waren klobige Blöcke und stammen aus Mesopotamien. Sie sind über 5000 Jahre alt. Mit der Verbreitung des Spiels entwickelten sich in den verschiedenen Kulturen zahlreiche Varianten. Als im 7. Jahrhundert muslimische Eroberer das Schach nach Europa brachten, wurde die Figur des Läufers noch als Alfil (Elefant) dargestellt, im 12. Jahrhundert haben ihn die Norweger durch einen Bischof ersetzt. Das Schachbrett hatte damals noch weisse und rote Felder, oft waren auch die Figuren entsprechend bemalt.

1849 gestaltete Nathaniel Cook das Set, wie wir es heute kennen. Die Figuren waren meistens aus hellbraunem und dunkelbraunem Holz. Später gelangten Sets mit Kreuzrittern, Nordstaatlern oder Comicfiguren in den Handel. Unabhängig von der Darstellung nennt man die beiden Parteien heute «Weiss» und «Schwarz», wobei «Weiss» jeweils den ersten Zug ausführt. Ist das rassistisch?

Der öffentlich-rechtliche Radiosender ABC Sidney setzte den Vorwurf in die Welt. Somit hätten Millionen von Eltern, die ihren Kindern die Schachregeln beibrachten, ihrem Nachwuchs Rassismus anerzogen, so wie andere Eltern ihrem Nachwuchs den Opferstatus anerziehen.

Es ist heute üblich, dass Aktivisten in den Redaktionen einen kaum beachteten Tweet herauspicken, um mit Pauken und Trompeten einen Shitstorm loszutreten. Man fragt sich, ob ein mehrjähriges Studium in Dekolonialität, kritischer Weiss-Sein-Reflexion und postkolonialem Erinnern notwendig ist, um nun sogar beim Schach Rassismus zu wittern.

Die Debatte ist mittlerweile entgleist und schlittert zwischen Überempfindlichkeit und Verharmlosung. Es ist heute chic, selbst bei banalsten Kränkungen, die jedem Menschen, unabhängig von der Hautfarbe, widerfahren, rassistische Mikroagressionen zu vermuten.

Würde man das Schach wieder mit weissen und roten Feldern und Figuren bestücken, könnten sich die nordamerikanischen Ureinwohner verletzt fühlen. Soll man also weltweit die Schachregeln dahingehend ändern, dass in Zukunft Schwarz beginnt? Oder wäre das Rassismus mit vertauschten Rollen? Ein Stoff für Kabarettisten. Kann es sein, dass derart bizarre Nebenschauplätze gerade das fördern, was man zu Recht bekämpft?

Hämatologe Prof. Jakob Passweg im Interview

Herr Passweg, was haben Sie aufgrund Ihrer Arbeit über das Menschsein gelernt? –

«Alles»

Der Basler Chefarzt Jakob Passweg erzählt, welche Fragen die Patienten ihm stellen und warum an seiner Pinnwand ganz viele Todesanzeigen hängen.

Von Lucia Hunziker

 

NZZ am Sonntag: Herr Passweg, was fragen Patientinnen oder Patienten unmittelbar nach der Diagnose «Krebs»?

Jakob Passweg: Vielen zieht die Diagnose den Boden unter den Füssen weg. Die meisten sagen deshalb zuerst einmal nichts. Dieses Schweigen muss man als Arzt aushalten. Das meiste, was der Doktor unmittelbar nach einer schwierigen Diagnose sagt, ist sowieso zu viel und verschwindet bei der Patientin oder beim Patienten im Nebel der emotionalen Betroffenheit. 

Wie überbringen Sie die schlechte Nachricht?

Leider kaum je in einer ruhigen Atmosphäre. Ich begegne dem Patienten zumeist zuerst in der Notfallstation. Dort liegt er mit hohem Fieber, ist schummrig im Kopf und hat seltsame Blutwerte. Ich sage ihm, dass er vielleicht an Leukämie erkrankt sein könne und dass das ein grosses Unglück wäre. Dass aber weitere Abklärungen nötig seien, um herauszufinden, was sich hinter den Symptomen verbirgt. 

In Filmen fragen die Menschen als Erstes: «Wie viel Zeit bleibt mir noch?» Was sagen sie tatsächlich?

In der Realität stellen Erkrankte die Frage selten und kaum je so früh. Ausser, der Patient sei an einem Bauchspeicheldrüsenkrebs erkrankt, einer aggressiven Krebsart, bei der die mittlere Lebenserwartung bei drei Monaten liegt. Die Frage nach der verbleibenden Lebenszeit wird meistens erst aufgeworfen, wenn eine Krankheit nach erfolgreichen Behandlungen erneut auftaucht. Also dann, wenn ein sogenanntes Rezidiv ein zweites Mal auftritt und wir keine Medikamente mehr kennen, um die Krankheit unter Kontrolle zu bringen, und wir das Ableben höchstens hinauszögern können.

Für Ihre Patienten sind Sie der potenzielle Lebensretter. Wie wirkt sich das auf Ihre Patientenbeziehung aus?

Es gibt Patienten, die zum Doktor aufschauen. Anerkennung zu erhalten, ist nicht das Unangenehmste, was einem als Arzt passieren kann. Problematisch wird es, wenn Sachen von mir erwartet werden, die ich nicht erfüllen kann.

Zum Beispiel?

Geheilt werden von einer unheilbaren Krankheit.

Wie gehen Sie mit dieser Forderung um?

Das ist schwierig. Ich kann ja nicht sagen: «Herr Müller, Sie erwarten von mir, dass ich Sie heile. Sie wissen aber, dass ich das nicht kann.» Ich versuche, das feiner zu machen.

Was machen Sie konkret?

Es ist glücklicherweise ja nicht so, dass man gar nichts mehr machen kann, wenn eine Heilung nicht möglich ist. Ich versuche dann die Krankheitsprogression hinauszuzögern. Und wenn auch das nicht mehr geht, lassen sich die Schmerzen lindern. Wichtig ist, bei der Behandlung auf realistische Ziele zu fokussieren.

Gibt es etwas, das allen Krebspatienten während der Behandlungen besonders gut tut?

Ja. Das allerwichtigste sind die sozialen Beziehungen. 

Welche Rolle spielt Gott?

Er ist im medizinischen Alltag heutzutage praktisch nicht mehr im Spiel.

Haben Sie genug Zeit für Ihre Patienten?

Schwierige Gespräche benötigen Zeit – die ich selten im gewünschten Masse habe. Heute beispielsweise hatte ich eine Patientin, die so viele Fragen stellte, dass die nachfolgende Person mit viel drängenderen Fragen warten musste. Und das alles zwischen der Verabschiedung einer Sekretärin in die Pensionierung und einem Mitarbeitergespräch. Natürlich ist das meine spezielle Situation als Chefarzt. Es gibt andere Chefärzte, die ihre Rolle in der Hierarchie einnehmen und weniger Patienten selber betreuen. Ich will das anders: Ich habe relativ viele Patienten und Visiten, weil ich Doktor geworden bin, um Menschen zu behandeln. 

Wer spricht mehr: der Patient oder Sie?

Ich. Das ist die Berufskrankheit der Ärzte. 

Wie ist es, jemanden zu behandeln, den Sie persönlich kennen?

Schwierig. Ich bin mit meinen Patienten nicht per Du. Aber es gibt Menschen, mit denen ich per Du bin und die dann zu Patienten werden. Das versuche ich auf einem Minimum zu halten.

Worin liegt die Schwierigkeit?

Es gibt eine optimale Distanz zwischen einem Arzt und seinem Patienten. Ist diese zu weit oder zu nah, können Schwierigkeiten auftreten. Bei Bekannten oder Freunden ist die Beziehung zu nah. Die optimale Beziehung ist eine professionelle.

Weshalb wählten Sie als junger Mensch die Fachrichtung Hämatologie? 

Zunächst zog es mich in die Onkologie, ich wurde aber von der Chefsekretärin umgeteilt. Sie spielte bei der Einteilung der jungen Ärzte Schicksal: Der Passweg geht in eine Leukämie-Abteilung. Dort war es anstrengend, aber auch spannend. Die Bilder der genetisch veränderten Zellen faszinierten mich. Und schon bald erlebte ich als halbfertiger Internist, wie es ist, wenn man in einem Gebiet ein bisschen mehr weiss: Man kann dazulernen, sattelfest werden und gut in dem, was man tut. Da wusste ich: Ich will in die Hämatologie.

Erinnern Sie sich an Ihre erste Patientin oder Ihren ersten Patienten?

Ja. Die Frau kam mit einer Leukämie, die schwierig zuzuordnen war. Ich verschrieb ihr eine Chemotherapie, die in den damals verwendeten Dosen eine Schädigung des Kleinhirns verursachte und schwere Bewegungs- und Koordinationsstörungen auslöste. Das zu begleiten, war schwierig: Die alltäglichsten Bewegungen wie das Heben eines Arms gingen nicht mehr. Die Patientin hat ihre Blutkrebserkrankung glücklicherweise überlebt, und später hat sie sich von den Nebenwirkungen der Medikamente erholt. Aber etwas von den Schädigungen ist geblieben.

Löst Ihre Arbeit oft Schuldgefühle aus?

Ja, die ganze Zeit. Das gehört zu meiner Arbeit wie der weisse Kittel. Als Arzt treffe ich zusammen mit dem Patienten eine Entscheidung. Aber wenn die Behandlung lätz herauskommt, hat der Doktor das Falsche empfohlen.

Wie werden Sie mit den Risiken von Fehlentscheiden und Schuldgefühlen fertig?

Die Möglichkeiten von vielen erfolgreichen Behandlungen müssen alles Schwierige aufwiegen. Was nichts an der Tatsache ändert, dass es in Situationen, in denen es mehrere Behandlungsmöglichkeiten gibt, immer bessere und schlechtere Entscheidungen gibt. 

Belastet Sie während der Arbeit die Ungewissheit, ob eine Behandlung tatsächlich erfolgreich verlaufen wird? 

Ich bin mir meiner Verantwortung bewusst. Vernünftig ist, dass heutzutage viele Entscheidungen in Tumorkonferenzen getroffen werden, bei denen mehrere Ärzte zusammensitzen und gute Argumente für oder gegen eine Behandlung einwerfen. 

Die Verantwortung verteilt sich trotzdem nicht auf mehrere Schultern. 

Richtig. Und die sensibleren Patienten merken, wenn der Doktor nicht von der Richtigkeit einer Behandlung überzeugt ist. Sie fragen dann beispielsweise: «Würden Sie mich so behandeln, wenn ich Ihre Grossmutter wäre?»

Ihre Antwort?

Sie sind nicht meine Grossmutter.

Wer ist der bessere Arzt: der Sichere oder der Zweifler?

Das einzuschätzen, ist schwierig. Möglicherweise ist für viele Patienten der Besserwisser mit der klaren Ansage der gute Doktor. Schliesslich will man bei einem schwierigen Entscheid die Sicherheit, dass richtig entschieden wird. 

Und wen haben Sie als Chefarzt lieber in Ihrem Team?

Den Zweifler. Besserwisser sind unerträglich. 

Als Hämatologe kommen Sie Sterbenden besonders nah. Akzeptieren Ihre Patienten grundsätzlich, dass sie sterben müssen?

In Situationen, in denen es dem Ende zugeht, erlebe ich alles: herzliche Situationen, in denen die Erkrankten sich von ihren Familien verabschieden. Aber es gibt auch Menschen, die sich bis zum Schluss gegen das Sterben wehren. Oder es verdrängen.

Wie machen sie das?

Diese Menschen finden Methoden, um den Gesprächen über ihren nahenden Tod auszuweichen. Sie überhören beispielsweise einfach, dass ich sage, dass es nicht mehr viele therapeutische Optionen gebe und dass man fast nichts mehr machen könne und dass selbst das nichts mehr nütze. Stattdessen fragen sie mich, ob ich ihnen raten würde, noch diese und jene Reise anzutreten. Häufig erwähnen sie Projekte in der Zukunft und erwarten von mir, dass sie diese auch umsetzen können. Beispielsweise an ein Konzert zu gehen. Oder auf eine Kreuzfahrt. 

Kränken Sie solche Ansprüche?

Nein. Aber man muss viele Jahre Doktor gewesen sein, um zu lernen, dass das eigene Wissen und man selber als Person nicht wichtig sind und man nur für den Patienten da ist. Aber ich muss auch aufrichtig sein, wenn der Patient fragt, ob er es auf die Kreuzfahrt schaffe, und ihm sagen, dass ich das nicht glaube.

Halten Sie Patienten davon ab, ihr Sterben zu verdrängen?

Wenn jemand nicht über sein Sterben sprechen möchte, habe ich das zu respektieren. Es liegt nicht an mir, jemandem zu sagen, dass sein Leben endlich sei. Und dass er jetzt im Sterbemodell von Elisabeth Kübler-Ross gefälligst von der dritten Phase in die vierte zu wechseln habe. Der Respekt vor dem Menschen verlangt, dass ich ihn berate und für ihn da bin, nicht aber, dass ich ihn zu etwas zwinge, was er nicht will.

Was ist schwierig in der Behandlung von Patienten, die sterben wollen?

Wenn ein Patient auf der Station stirbt, hat er in der Regel noch ganz viele Behandlungen. Er wird beispielsweise noch künstlich ernährt und erhält über eine Infusion Antibiotika. Da kann man nicht jeden Tag in sein Krankenzimmer treten und etwas anderes abstellen oder abräumen. Statt der Salamitaktik ist ein klarer Schnitt gefragt.

Wie machen Sie diesen?

Man steht hin und sagt: «Wir sind jetzt so weit, dass wir sagen, wir hören auf zu kämpfen. Sind Sie auch bereit dazu?» Im besten Fall sind der Patient und seine Angehörigen auch so weit.

Sie betonen die Rolle der Angehörigen.

Ja. Sie müssen den Patienten durch die Krankheit mittragen – aber auch freigeben. Denn heute sterben immer mehr Menschen im Spital nach einer bewussten Entscheidung, die therapeutischen Bemühungen einzustellen. Es gibt dabei grosse Unterschiede. Die West- und Nordeuropäer akzeptieren recht gut, dass die Sterbephase häufig durch einen gezogenen Stecker eingeläutet wird. In anderen Kulturen wie den afrikanischen, in denen lebensverlängernde Therapien nicht vorhanden sind, ist der Tod noch stärker ein natürliches Ereignis. Da ist manchmal schwierig zu vermitteln, wenn wir im Spital Therapien unterlassen. 

Wirken Angehörige grundsätzlich lebensverlängernd?

Ja. Aber es gibt alle Spielformen. Also auch die Situation, in der eine Ehefrau mir im Vorzimmer sagt, sie möchte, dass ihr Mann nicht mehr leiden muss, dass seine Krankheit eine wahnsinnige Belastung für alle sei und sie einwillige, dass er gehen dürfe. Dass das für alle das Beste sei. Und dann spreche ich im Zimmer mit dem Patienten, und er sagt: «Ich mag nicht mehr und würde gerne sterben. Aber wissen Sie: Ich kann meine Frau nicht im Stich lassen. Ich muss weiterkämpfen.» 

Wie schaffen Sie Klarheit?

Ich mache die Türe auf und sage der Frau: «Bitte kommen Sie doch herein, und sagen Sie doch bitte vor Ihrem Mann, was Sie vorhin gesagt haben.»

Klärt sich die Situation dadurch tatsächlich?

Nein. Denn ich rufe die Frau natürlich nicht rein. Solche Situationen benötigen mehr Fingerspitzengefühl.

Wie begegnen Sie suizidalen Wünschen?

Meine Aufgabe als Arzt besteht darin, Krankheiten zu lindern und das Leben zu verlängern, aber auch darin, das Sterben zu begleiten. Wenn ein Patient den Tod noch ein paar Monate hinausschieben könnte, liegt es nicht an mir, zu entscheiden, dass er noch nicht lange genug gekämpft hat.

Leisten Sie Sterbehilfe?

Bei diesen Patienten ist die passive Sterbehilfe nicht so häufig ein Thema. Weil die Krankheiten in der Hämatologie schnell zum Tod führen, wenn man sie nicht behandelt. 

Wie tröstet man einen Krebsbetroffenen?

Man kann ihm weder sein Schicksal noch sein Leiden nehmen. Aber Erkrankte spüren zwischenmenschliche Wärme sehr gut. Deshalb ist Trost enorm wichtig. Zeigen Sie einem Krebserkrankten, dass Sie verstehen, dass er in einer schwierigen Situation ist. Dass Sie für ihn da sind, die Krankheit mit ihm durchzustehen. Dabei können Sie durchaus einmal grobe Wörter in den Mund nehmen und sagen: «Du bist ein armer Cheib mit dieser Scheisskrankheit.» Und sagen Sie ihm, dass er «es gut macht». Um ihm seine Selbstzweifel zu nehmen. Schuldfragen sind bei vielen Krebspatienten ein Riesenthema.

Ist die Schuldfrage kulturell bedingt?

Nein. Das Suchen nach Gründen, weshalb man einer lebensbedrohenden Krankheit ausgesetzt ist, ist universell. Aber es gibt eine typisch schweizerische Frage: Schweizer wollen wissen, inwiefern sie mit ihrem Verhalten zur Erkrankung beigetragen haben. Sie sind dabei sehr detailbesessen: «Habe ich zu wenig Äpfel gegessen? Oder zu viel? Oder zu wenig Birnen? Oder zu viel?»

Was sagt man Angehörigen, wenn sie einen Liebsten verlieren?

Es gehört zum guten Ton, dass man über einen Verstorbenen etwas Gutes sagt. Niemand will hören: Der Krebsbetroffene ist mit grossen Leiden gestorben – zumal das oft nicht stimmt. Die meisten Angehörigen wollen hören, dass der Krebsbetroffene für sein Leben und seine Familie gekämpft hat wie ein Löwe und dass das leider trotzdem nicht gereicht hat. Das gilt sogar dann, wenn der Patient am Schluss palliativ gepflegt wurde. Die Leute sagen dann: «Er hat einsehen müssen, dass es das Richtige ist, nicht mehr weiterzukämpfen, weil der Preis so hoch war und der Gewinn so klein. Aber er hat das gut gemacht.»

Was vereinfacht oder erschwert Ihnen das Abschiednehmen von Patienten?

Abschied nehmen ist Adieu sagen. Das geht – irgendwie. Schwierig ist es, wenn ein Patient an Komplikationen gestorben ist, die ich nicht kommen sah. Und ganz hart sind Obduktionen. Die Leichenschau verschafft eine brutale Klarheit über die Krankheit und was die Behandlung bewirkt hat. Sie bringt uns im Wissen um eine Krankheit weiter. Deshalb sind Obduktionen so wichtig.

An der Pinnwand Ihres Büros hängen ganz viele Todesanzeigen.

Sie stammen von Patienten. Ich sammle auch die E-Mails mit den Todesmeldungen. Ich habe für sie eigens einen Ordner eingerichtet. Die beiden Sammlungen helfen mir, mich an die Menschen zu erinnern. Sie lassen sich nicht einfach wegschieben.

An wie vielen Beerdigungen ehemaliger Patienten nahmen Sie teil?

In den vergangenen Jahren nahm ich nur einmal teil. Bei einem Verstorbenen, der mir nahestand. 

Was haben Sie aufgrund Ihrer Arbeit über das Menschsein gelernt?

Alles. Ich kann mir keine andere Tätigkeit als die meine vorstellen, in der man so viel erfährt über den Umgang des Menschen mit Schicksalsschlägen, Beziehungen, Scheitern und Hoffen.

068 Blick »Halb Mensch, halb Tier«

Der Löwenmensch aus dem deutschen Lonetal war 31,1 cm gross und ca. 40’000 Jahre alt. Er war aus Mammut-Elfenbein geschnitzt und stellte einen Menschen mit dem Kopf und den Gliedmassen eines Löwen dar.

Mischwesen, sogenannte Chimären, gehören zum festen Personal der Mythologien und religiösen Fabeln. Aus dem Christentum kennen wir die geflügelten Postboten und den gehörnten Teufel mit den Bocksfüssen, aus Ägypten stammt die wohl berühmteste Chimäre: die Grosse Sphinx von Gizeh. Solche Statuen waren in zahlreichen Kulturen der Antike verbreitet. Die griechische Variante erwürgte angeblich vorbeiziehende Reisende, wenn sie das von ihr gestellte Rätsel nicht lösen konnten. Heutige Quiz-Shows sind da wesentlich humaner.

Auch andere Mischwesen erfreuten sich grosser Beliebtheit. Kentauren hatten menschliche Oberkörper mit Pferdeleib, Meerjungfrauen Oberkörper mit Fischunterleib. In zahlreichen Höhlenmalereien war es genau umgekehrt, da hatten die Mischwesen Tierköpfe und die Körper von Menschen.

Leider haben nicht alle die Wirren der Jahrhunderte heil überstanden. Viele wurden später von Fanatikern zerstört. Die Grosse Sphinx von Gizeh hatte im 13. Jahrhundert noch eine Nase, doch 1378 fiel sie islamistischen Bilderstürmern zum Opfer. Dass angeblich Napoleons Artillerie die Nase abgeschossen hat, ist ebenso Fake wie René Goscinnys Geschichte, wonach die Nase abgebrochen sei, als Obelix die Sphinx bestieg.

Was früher der Fantasie der Menschen entsprang, entsteht heute in den Gen-Labors. Mit der Einpflanzung menschlicher Zellkerne in tierische Eizellen entstehen sogenannte Cybride. Als erster Staat der Welt hat Japan dem Forscher Hiromitsu Nakauchi die Genehmigung erteilt, solche Mischwesen heranreifen zu lassen. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis solche Chimären auch tatsächlich ausgetragen werden. Die Technik ist bekannt, und «alles, was sich ein Mensch ausdenkt, wird eines Tages ein anderer realisieren» (Jules Verne). 

China liegt im Wettrüsten mit den USA im militärischen Bereich noch zurück, im IT-Sektor herrscht Gleichstand, und im Design neuer Mischwesen wird China führend sein, denn dort tragen Wissenschaftler kaum Fesseln. Nur Dissidenten.

Basler Zeitung: Alima Diouf

Basler Zeitung
– 01. Juli 2020
 
«Polizisten helfen uns mehr als radikale Linke»

Eine Betroffene über Rassismus Alima Diouf aus Senegal setzt sich seit Jahren gegen Rassismus in Basel ein. Weisse würden die Schwarzen dabei oft bevormunden, sagt sie.

Katrin Hauser

Frau Diouf, Sie haben am vergangenen Samstag eine Veranstaltung durchgeführt, bei der Polizisten mit Dunkelhäutigen zusammensassen. Kommt das nach dem Tod von George Floyd und den Demonstrationen der «Black Lives Matter»-Bewegung nicht fast einer Verbrüderung mit dem Feind nahe?

Was nach dem Tod von George Floyd geschah, war heftig. Meine Chats quollen über von Anekdoten aus der Kolonialzeit und wie wir Schwarze damals gelitten hatten. Die Leute reissen alte Wunden auf. Ich wollte das irgendwann nicht mehr lesen. Wir müssen doch einen Weg finden, wie wir jetzt und heute in Basel gemeinsam leben können.

Viele Dunkelhäutige sehen das anders. 5000 Menschen gingen am 6. Juni in Basel auf die Strasse, um gegen Polizeigewalt und für die Rechte von Schwarzen zu kämpfen.

Ich war zwar nicht dort, aber ich bin mir sicher, die Mehrheit dieser Leute war weiss. So ist es immer. Vor allem die Radikalen unter ihnen haben eine innere Wut, die sie in solchen Momenten ausleben wollen. Sie schüren den Hass gegen die Polizei – auch in unseren Kreisen. Meinen Leuten habe ich gesagt, sie sollen nicht zu dieser Demonstration gehen. Einige von ihnen haben einen illegalen Aufenthaltsstatus. «Während die weissen Aktivisten abends nach der Demonstration zu Hause gemütlich ihren Tee trinken, seid ihr in Ausschaffungshaft», habe ich ihnen gesagt.

Sie organisieren Anlässe mit der Polizei und schützen gleichzeitig Migranten mit illegalem Aufenthaltsstatus. Das ist eine heikle Gratwanderung.

Ich mache nichts Illegales. Ich gehe nicht zu Demonstrationen, bei denen randaliert wird, und verstecke niemanden vor der Polizei. Ausserdem sind wir immer im Gespräch miteinander: Ich habe sogar mit der Basler Polizei vereinbart, dass keine Personen kontrolliert werden in der Gegend, in der wir gerade eine Veranstaltung durchführen.

Wieso diese Einstellung gegenüber Polizisten, wo doch Schwarze tatsächlich häufiger kontrolliert werden als der Durchschnitt? Immerhin war das der Grund für das Treffen.

Was bei dieser Diskussion einfach nie gesagt wird, ist: Die Polizei in unseren Ländern, in Senegal zum Beispiel, geht viel härter vor. Hier gibt es einen Aufstand, wenn Frauen auf der Johanniterbrücke kontrolliert werden. Bei uns in Senegal wurden kürzlich demonstrierende Mütter mit Schlagstöcken in Busse getrieben. In Basel sitzen die Polizisten mit uns zusammen, um über Rassismus zu sprechen. Sie helfen uns damit mehr als radikaleLinksaktivisten. Diese wollen uns sogar davon abhalten, das Gespräch mit der Polizei zu suchen. Einer von ihnen hat mir im Vorfeld der Veranstaltung vom Samstag eine lange Mail geschrieben, dass das nichts nütze. Daraufhin habe ich ihn ausgeladen. Es ist wieder eine Bevormundung: Weisse wollen uns Schwarzen vorschreiben, wie wir unseren Kampf zu führen haben. Dasselbe Problem habe ich auch mit Beauftragten vom Kanton.

Wie meinen Sie das?

Früher habe ich bei der Rassismuswoche des Kantons mitgewirkt. 2018 hiess es, wir müssten uns einer anderen Organisation anhängen. Die Idee war plötzlich, dass weisse, studierte Leute vorne auf einem Podium sitzen und wir Schwarzen im Publikum. Da mache ich nicht mit. Diese Menschen sind mir schlicht zu weiss, um bei einem Rassismuspodium oben zu sitzen.

Diese Aussage ist rassistisch.

Ja, natürlich. Jeder Mensch ist ein Rassist. Sie sind einer, genauso wie ich einer bin. Wir wachsen damit auf, wird uns anerzogen. Es gibt auch Rassismus unter Schwarzen: Wenn ein Senegalese nicht will, dass seine Tochter einen Nigerianer heiratet, etwa.

Sie setzen sich seit Jahren gegen Rassismus ein. Wie stark ist dieser in Basel verbreitet?

In den 26 Jahren, die ich schon in Basel lebe, kann ich mich nicht an einen Monat ohne abwertende Äusserungen erinnern. Sei es im leeren Tram, in dem ich aufgefordert werde, aufzustehen, oder seien es ältere Schweizer, die mir ins Gesicht sagen: «Geh mal nach Hause, du hast hier nichts verloren. Ihr kostet uns nur Geld.» Solche Erlebnisse rauben mir die Energie, manchmal gehen sie mir noch lange nahe.

Womit wäre den Schwarzen aus Ihrer Sicht am besten geholfen?

Die Leute sollen uns unterstützen, etwa indem sie an unseren Veranstaltungen teilnehmen und ihre Meinung sagen. Auch Basler Politiker sind sehr willkommen. Je mehr Menschen dabei sind, desto besser. Die Leitung sollte aber bei denen bleiben, die auch wirklich betroffen sind.

«Weisse wollen uns Schwarzen vorschreiben, wie wir unseren Kampf zu führen haben»: Alima Diouf. Foto: Dominik Pluess

Was die Basler Polizei dazu sagt

Toprak Yerguz bestätigt, dass die Einsatzzentrale über den Anlass im Klybeck vom Samstag informiert war – wie dies immer der Fall sei, wenn Mitarbeiter der Kantonspolizei teilnehmen. In diesem speziellen Fall achte man tatsächlich darauf, dass nicht während der Veranstaltung oder gleich danach auf dem entsprechenden Gelände Personenkontrollen durchgeführt werden. «Das wäre völlig kontraproduktiv. Schliesslich geht es darum, ein Vertrauensverhältnis aufzubauen.»

Der Verein «Migranten helfen Migranten»

Alima Diouf hat 2015 den Verein «Migranten helfen Migranten» gegründet. Seitdem organisiert sie Anlässe und wirkt an verschiedenen Projekten gegen Rassismus mit. Ihre Arbeit wird vom Kanton Basel-Stadt, von Stiftungen und der Bürgergemeinde finanziert. Die 47-Jährige wurde in Senegal geboren, lebt nun schon 26 Jahre in Basel-Stadt und hat die Niederlassungsbewilligung B.

67 Blick »Gold kann man nicht drucken«

© Blick 24.7.2020 / 


Ende des 17. Jahrhunderts war Frankreich bankrott. Der Sonnenkönig Louis XIV. hatte für seine Kriege fast alle Rohstoffe aufgebraucht, es gab kaum noch Metalle, um Münzen zu prägen. Die Wirtschaft brach zusammen und die Bevölkerung hungerte.

Nach seinem Tod übernahm der lasterhafte Duc d’Orléans im Namen des noch unmündigen Ludwig XV. vorübergehend die Regentschaft und begeisterte sich für die Finanztheorien des schottischen Mathematikgenies und Womanizers John Law. Dieser war nach einem tödlich verlaufenen Duell nach Paris geflüchtet und erläuterte nun an den Spieltischen der High Society seine Theorie, wonach nur Geld aus Papier Frankreich retten könne. Das klang irre, denn damals entsprach der Wert einer Münze genau dem Wert des Metalls, das in dieser Münze steckt. Und nun sollte bedrucktes Papier einen Wert haben?

Der Duc erlaubte John Law, seine Theorie in der Praxis zu testen. Das Experiment gelang. Die Wirtschaft wurde mit Unmengen Papiergeld angekurbelt, der Handel florierte, die Börse boomte, aus ganz Europa kamen Menschen, um am Wirtschaftswunder teilzunehmen. Doch als der Duc heimlich die Druckerpresse anwarf, galoppierte die Inflation davon, und wer es sich leisten konnte, rettete sich in Gold. Bis es verboten wurde.

In den USA durften bis 1971 nur Dollarnoten gedruckt werden, deren Gegenwert in Staatsgold hinterlegt war. Um den Vietnamkrieg zu finanzieren, hob Richard Nixon den Goldstandard auf und warf die Druckerpresse an. Der private Goldbesitz blieb bis 1974 verboten.

Ungenügend gedecktes Papiergeld ist mittlerweile Standard. Wenn Politiker vor der Wahl Versprechungen machen, die gar nicht finanzierbar sind, und nach der Wahl die einfache Regel missachten, wonach man weniger ausgeben als einnehmen soll, flüchten die Menschen in Gold. Denn «Gold beschützt Eigentumsrechte». Das schrieb Alan Greenspan 1987. Nachdem er zum Vorsitzenden der US-Notenbank FED gewählt worden war, galt Gold plötzlich als «barbarisches Relikt».

Auch heute drucken Notenbanken Papiergeld wie Konfetti. Viele Menschen fürchten eine Weginflationierung der Schuldenberge und flüchten in Gold. Denn Gold kann man nicht drucken.


 

Sonntagszeitung: Furioser Thriller

Tages-Anzeiger / Sonntagszeitung / Berner Zeitung

– 19. Juli 2020 10:37

Literatur

Neuer Roman von Claude Cueni

Wie die nächste Pandemie aussehen könnte

Claude Cueni hat noch vor Corona ein Szenario für eine globale Viruserkrankung gezeichnet. Und darüber einen furiosen Thriller geschrieben.

Rico Bandle

«Die grösste Gefahr, die der Menschheit droht, sind nicht Kriege, Meteoriteneinschläge, Klimawandel oder Negativzinsen, sondern eine Pandemie.» Wer das sagt, ist Luis C. Mendelez, ein umtriebiger Professor im neuen Roman von Claude Cueni, der in diesen Tagen herauskommt. Das Erstaunliche daran: der Schweizer Schriftsteller hatte das Buch schon vor der aktuellen Corona-Krise fertig geschrieben.

Mendelez will nichts weniger als die Menschheit vor dem Untergang retten. Und zwar, indem er den Leuten das Immunsystem von Ratten einpflanzt, dem resistentesten Säugetier auf unserem Planeten. Die Nager verbreiten zwar das Virus, erkranken aber selber nicht daran. Cueni macht aus diesem Stoff einen filmreifen, apokalyptischen Thriller, dessen Handlung rund um den Erdball führt – und erst noch hervorragend recherchiert ist.

Das Virus kommt per Schiff nach Europa

Erster Schauplatz ist die britische Antarktiskolonie Südgeorgien, wo eingeschleppte Ratten das Ökosystem zerstört haben. Die Rattenplage auf der Insel ist eine historische Tatsache, ebenso deren Bekämpfung durch Tonnen von Giftködern. Es war die bislang grösste Ratten-Ausrottung weltweit. Bloss: Bei Cueni überleben einige Exemplare, die Jahre später per Schiff nach Europa gelangen und im ohnehin schon rattendurchseuchten London eine Pandemie auslösen. Denn diese Nager tragen ein Virus in sich, das vom Tier zum Menschen übertragbar ist.

Cueni verwebt geschickt verschiedene Handlungsstränge. Da begegnen sich zum Beispiel der Besitzer der grössten Rattenbekämpfungsfirma Londons und eine der Zwangsheirat entflohene Inderin, die in ihrer Heimat Ratten darauf trainiert hatte, TNT und Tuberkulose aufzuspüren. Beide kommen mit Professor Mendelez in Kontakt, der besessen ist von der Idee, die DNA des Menschen zu optimieren. «Hier geht es nicht um Ethik, es geht ums Überleben der menschlichen Rasse», verkündet er. Skrupellos arbeitet er seinem angeblich so hehren Ziel entgegen.

Ob es ihm tatsächlich gelingt, mit der sogenannten CRISPR/Cas-Methode – auch sie ist keine Erfindung Cuenis – die Menschen gegen künftige Pandemien immun zu machen, sei hier nicht verraten. Der Weg dorthin jedenfalls ist so spannend, dass man das Buch kaum aus der Hand legen kann.


 

 

Blick: Brandaktueller Pandemie-Thriller

blick.ch – 17. Juli 2020 22:55

von Claude Cueni

Im Jahr 1775 erreichte der englische Seefahrer James Cook die kalte, unwirtliche subantarktische Inselgruppe Südgeorgien. An Bord waren Kartografen, Abenteurer, Matrosen – und Ratten. Die Männer nahmen die Inseln im Südatlantik für ihren König Georg III. in Besitz und zogen weiter. Die Ratten blieben.

Damals lebten bis zu 100 Millionen Vögel auf den Inseln. Zweihundert Jahre später waren neunzig Prozent ausgerottet. Ratten hatten Küken, Eier und oft auch erwachsene Vögel gefressen und sich explosionsartig vermehrt. Deshalb beschlossen Artenschützer, das einstige Vogelparadies zu retten. Ab 2011 warfen sie mit Helikoptern 200 Tonnen Giftköder über den Inseln ab. Sieben Jahre später sandte man zu Kontrollzwecken Spürhunde aus: Auf Südgeorgien gab es keine Ratten mehr.

«Zombieviren» im Schmelzwasser

Diese Berichte weckten damals mein Interesse, und ich begann, Material für einen möglichen Roman zu sammeln. Ich las Studien über das klimabedingte Abschmelzen der Permafrostböden. Im Schmelzwasser schwimmen Mikroben, die jahrhundertelang im Eis gefangen waren. Biologen fanden in siebenhundert Jahre altem Karibu-Kot Viren, die sie im Labor wiederbeleben konnten. Selbst in dreissigtausend Jahre alten Bohrkernen wurden sie fündig. Wissenschaftler warnten vor sogenannten «Zombieviren und -bakterien».

Covid-19 war noch kein Thema, aber wir hatten Sars und die Vogel- und Schweinegrippe erlebt und wussten, dass elf Prozent aller Nagetiere Infekte auf den Menschen übertragen können. Allein in Rattenflöhen nisten über hundert verschiedene Krankheitserreger.

Ich überlegte: Was wäre, wenn Nachfahren der Cook-Ratten sich infizierten und auf dem gleichen Weg, auf dem ihre Vorfahren gekommen waren, nach England zurückkehrten?

Ratten überall

In den letzten Jahren häuften sich Berichte über Rattenplagen in Metropolen. Ratten sind Kulturfolger. Dort, wo sich Menschen niederlassen, bauen auch Ratten ihre Nester. Denn Menschen lassen ihren Dreck überall liegen und bieten den kleinen Nagern täglich ein Festmahl. Schon deshalb müsste Littering mit empfindlichen Geldbussen bestraft werden. In fast allen Grossstädten ermöglichen verdichtetes Bauen und Klimaerwärmung auch schwächeren Nagern das Überleben. Ratten sind schlau und gut organisiert. Sie besitzen eines der besten Immunsysteme. Selbst auf dem Reaktorgelände von Tschernobyl haben sie überlebt.

Der Mensch ist weniger robust. Über Rattenflöhe kann er sich mit dem Pestbakterium Yersinia pestis infizieren. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) registriert pro Jahr etwa dreitausend Pestfälle, meistens in Afrika, neuerdings auch in der Mongolei. Bei einem bakteriellen Infekt hilft Antibiotika. Bisher war das so. Aber allmählich entwickeln wir Resistenzen, weil die Industrie den Nutztieren vorsorglich Antibiotika verabreicht, damit sie sich nicht gegenseitig anstecken, wenn sie auf engstem Raum zusammengepfercht sind. Gelangt ein Bakterium in die menschliche Lunge, kann sich der Erreger via Tröpfcheninfusion verbreiten wie ein Grippevirus.

Pandemien gefährlicher als Klimaerwärmung

Waren all diese Informationen geeignet, um einen Thriller zu schreiben? Vielleicht, aber ich hatte kein Interesse, eine negative Utopie zu entwickeln. Als Teenager mochte ich solche Stoffe, aber heute bin ich eher Optimist, weil ich die enormen Fortschritte in der Medizin am eigenen Leib erfahre. Global betrachtet geht es der Menschheit wesentlich besser als vor fünfzig Jahren. Mein Agent riet mir: Entscheide dich entweder für Science-Fiction oder für eine Fiktion nahe an der Realität.

Ich entschied mich für Letzteres und las Studienberichte, die darlegten, wie man zukünftige Pandemien in den Griff kriegen könnte. Der Molekularbiologie George M. Church inspirierte mich zur Romanfigur Luis Mendelez, die behauptet, dass nicht Meteoriteneinschläge, Erdbeben, Klimaerwärmung oder Negativzinsen das grösste Problem der Menschheit sind, sondern zukünftige Pandemien. Pandemien aus dem Eis?

Allmählich erkannte ich die Umrisse einer möglichen Story. Aber entscheidend sind nicht die Themen, sondern die Hauptfiguren und ihre Widersacher. Nur wenn man die Helden mag, macht man sich Sorgen um sie. Und das ist das A und O jeder Geschichte. Helden müssen nicht perfekt sein, wir sind es auch nicht.

Manuskript fertig, als niemand etwas ahnte

Ich machte eine junge indische Köchin zur Hauptfigur: Nadi. Sie flieht vor einer Zwangsheirat nach London. In ihrer Kammer freundet sie sich mit einer Albino-Ratte an. Sie kann gut mit Ratten. Da sie unter der Einsamkeit leidet, habe ich ihr Hank geschickt. Doch Hank entpuppt sich als Schlitzohr. Nadi verdankt ihm einiges, aber manchmal hat sie allen Grund, ihn zu hassen. Der Roman erzählt die Geschichte von Nadi vor dem Hintergrund einer Pandemie. Sie hat einen beschwerlichen Weg vor sich. Über dreihundert Seiten weit. Der Weg ist die Story. 

Ende 2017 hatte ich mit dem Manuskript begonnen, im Oktober 2019 wurde es während der Frankfurter Buchmesse den Verlagen angeboten. Noch ahnte niemand, dass der Welt mit dem Coronavirus eine Pandemie bevorstand.

Rohbau für die Fantasie

Meistens schreibe ich an zwei oder gar drei Romanen gleichzeitig und entscheide mich erst nach etwa 40 Seiten, welche Story das Casting gewinnt. Es kommt vor, dass Figuren wie Nadi über sich hinauswachsen und sich selbständig machen. Dann fange ich wieder von vorne an. Obwohl ich bereits den nächsten Roman beendet hatte, dachte ich mir immer noch Varianten für das letzte «Genesis»-Kapitel in Sierra Leone aus.

Wahrscheinlich findet jeder Roman seine Vollendung erst in den Händen der Leserinnen und Leser. Denn sie sind es, die mit ihrer Fantasie Landschaften ausmalen, Räume möblieren und den Figuren Gesichter geben. Ich liefere nur den Rohbau.

Claude Cueni, «Genesis – Pandemie aus dem Eis», Nagel & Kimche, 300 Seiten. Ab heute im Handel.

 

066 Blick »Ratte an Chilisauce«

«Ich habe zum Frühstück Rattenfrikassee (Rats en gibelone) genossen, und ich begreife nicht, wieso ich eine so vorzügliche Nahrung nicht gekannt habe», schrieb der Franzose Geoffroy Saint-Hilaire 1870. Der Pariser war Präsident einer zoologischen Gesellschaft, die Grosses im Schilde führte. Paris war von der preussischen Armee umzingelt. Es gab kein Entrinnen aus dem 82 Kilometer langen Belagerungsring. Die Viertelmillion Schafe im Bois de Boulogne waren bereits verspeist, auch Gepökeltes war aufgebraucht.

Deshalb setzte sich die erlesene Gesellschaft im November 1870 zu einer zehntägigen «Grande Bouffe» (grosses Fressen) an den Tisch und liess sich von den besten Pariser Köchen alles servieren, was in den Gassen frei herumlief: Hunde, Katzen und Ratten. Die Not diktierte das Menü.

In vielen Gegenden der Dritten Welt ist das heute noch so. Ratten gehören dort zum Speiseplan wie bei uns das Wiener Schnitzel. Im Süden Nigerias ernähren sich rund 70 Prozent der Bewohner von Rattenfleisch. In Kambodscha werden während der Saison täglich rund zwei Tonnen Ratten nach Vietnam exportiert. Dort ergab eine Umfrage, dass keiner der Arbeiter über die Gesundheitsrisiken Bescheid wusste. Im verarbeiteten Fleisch wurden krank machende Bakterien nachgewiesen.

Vor einigen Tagen warnte die Uno vor zukünftigen Pandemien, ausgelöst durch sogenannte Zoonosen, von Tier zu Mensch übertragbaren Infektionskrankheiten. Die mobile Gesellschaft beschleunigt die Verbreitung.

Doch selbst wenn es gelingen würde, alle Lebendtiermärkte in Asien und Afrika zu schliessen, sind zukünftige Pandemien kaum zu verhindern. Das klimabedingte Schmelzen der Permafrostböden hat bisher unbekannte Viren und Bakterien freigelegt, die teilweise nach Hunderten von Jahren immer noch infektiös waren. Vor vier Tagen meldete die chinesische Nachrichtenagentur Xinhua, dass bei einem Patienten in der Inneren Mongolei erneut das Pestbakterium Yersinia pestis nachgewiesen wurde.

Einige Molekularbiologen glauben, dass man mit der Anwendung der Gen-Schere Crispr-Cas9 das menschliche Genom optimieren könnte, damit das Immunsystem so robust wird wie das der überlebenden Ratten in Tschernobyl.

Link zu Amazon: Alle Kolumnen 1 – 65 im Band »Claude Cuenis Geschichtskolumnen«,

erhältlich als eBook und Taschenbuch mit jeweils 60 ganzseitigen Farbbildern.

NZZ Der schöne Glanz des Extremismus

Neue Zürcher Zeitung
– 03. Juli 2020
 
Der schöne Glanz des Extremismus
Antifaschismus ist wieder in Mode, auch unter demokratischen Linken. Dabei wird mit einer totalitären Tradition kokettiert

Von der spanischen Revolutionärin Dolores Ibárruri, genannt La Pasionaria, gibt es Hunderte Bilder: die Pasionaria beim Singen eines Arbeiterliedes, die Pasionaria mit Soldaten an der Front im Spanischen Bürgerkrieg, die Pasionaria mit gereckter Faust vor einer riesigen Menschenmasse. «¡No pasarán!», so scheint sie zu rufen, «sie werden nicht durchkommen!»

Dann gibt es aber auch noch andere Bilder der stets schwarz gekleideten Frau, die eher selten zu sehen, aber ebenso charakteristisch sind. Eines zeigt sie 1972 mit dem kommunistischen Diktator Nicolae Ceausescu, der Rumänien mit einer Mischung aus Grössenwahn und brutalsten Polizeistaatmethoden regierte. Ein anderes zeigt sie lächelnd mit ihrem Landsmann Ramón Mercader, der in den 1960er Jahren in Moskau im Exil lebte, als ordengeschmückter «Held der Sowjetunion».

Kultur des Verdachts

Mercader war ebenfalls spanischer Kommunist, und seinen Orden hatte er sich verdient, indem er 1940 nach Mexiko reiste, um Josef Stalins altem Rivalen Leo Trotzki einen Eispickel in den Schädel zu rammen. Das war ganz im Sinne von Dolores Ibárruri. Schliesslich war die glühende Antifaschistin eine ebenso glühende Anhängerin des sowjetischen Diktators Josef Stalin, den sie als «Licht der Freiheit und der Gerechtigkeit» verehrte. Seine realen und imaginären Feinde dagegen betrachtete sie als faschistische Verräter, die «wie Raubtiere» ausgerottet werden müssten.

Mutige Kämpfer gegen das Böse, so lernen wir daraus, können böse Absichten haben. So banal diese Erkenntnis auch sein mag, so schwer ist sie für manche Leute zu akzeptieren. Dies besonders, wenn der Kampf gegen das Böse unter dem Titel «Antifaschismus» geführt wird, der derzeit wieder in aller Munde ist. So ist es innerhalb der Linken seit einigen Jahren Mode, Maifeiern und Reden mit Kampfparolen wie «Nie wieder Faschismus!» oder «¡No pasarán!» zu schmücken. Antifaschisten werden pauschal zu Helden erklärt, und seit dem mutmasslichen Mord an George Floyd ist es selbst für die brave SPD-Vorsitzende Saskia Esken Pflicht, sich «selbstverständlich» zum Antifaschismus zu bekennen.

Die Frage, wer und was damit alles gemeint ist, bleibt bei allem Pathos oft diffus. Mit echter Sorge hat der Antifa-Sprech denn auch nur zum Teil zu tun. Zwar entzündet er sich immer wieder an gefährlichen Bewegungen und Tendenzen, vom jahrelang verharmlosten rechtsextremen Terror über den völkischen Flügel der AfD bis zum faschistischen Revisionismus in Italien. Da der Kreis der Faschismusverdächtigen meist auffällig weit gefasst wird, geht es aber um viel mehr als um berechtigte Warnungen. Es geht um Koketterie, aber auch Identifikation mit einem alten Kampfmittel, dessen Patentante nicht umsonst Dolores Ibárruri heisst.

So ist es kaum Zufall, wenn SP-Politiker wie Cédric Wermuth ihre Reden wider den Kapitalismus, den Sexismus, den Rassismus, die SVP, Trump, Davos und die «liberale Elite» aus FDP und CVP mit Parolen wie «¡No pasarán!» und «Kein Fussbreit dem Faschismus!» spicken, um gleichzeitig an die Einheit der Linken zu appellieren. Oder wenn sich Jungsozialisten mit antifaschistischem Pathos mit Linksextremisten solidarisieren, die sich an Maos Roten Garden orientieren und Milchshake-Attacken auf SVP-Politiker als Akte heroischer Gegengewalt feiern.

Wichtig ist in dieser Weltsicht einzig, ob jemand gefühlsmässig der faschistischen Seite zugeordnet wird oder der antifaschistischen. Ob jemand Gewalt ablehnt und sich an demokratische Gepflogenheiten hält, spielt dagegen bei Freund wie Feind keine Rolle. Diese Logik passt bestens zur gegenwärtigen Woke-Kultur, die ihre Stärke gerne in Form von Shitstorms, Schnellurteilen und der Verehrung seltsamer Heiliger demonstriert. Sie gehört indes schon lange zum Wesen eines militanten Antifaschismus, der das demokratisch-kapitalistische «System» zu delegitimieren versucht, indem er möglichst viele Leute als Faschisten entlarvt. Ob Trump, die Polizei, die SVP oder sämtliche AfD-Mitglieder nach wissenschaftlichen Kriterien wirklich faschistisch sind (selbst politisch unverdächtige Historiker bezweifeln es), ist dabei egal. Denn wo ein neuer Faschismus droht, ist Gewalt legitim, und die Frage nach den wahren Zielen der Gewalttäter ist geradezu obszön.

Die Ursprünge dieses demokratiefeindlichen Antifaschismus gehen in die 1920er und die 1930er Jahre zurück, als der ehemalige Sozialist Benito Mussolini in Italien eine militaristische und rassistische Parteidiktatur errichtete, die in vielen Ländern Nachahmer und Bewunderer fand – namentlich in Deutschland. Für die extreme Linke, die sich in den kommunistischen Parteien sammelte, waren Hitler und Mussolini nur die aggressivsten Büttel des Finanzkapitals, das ihrer Meinung nach auch die Demokratie beherrschte. Folglich richtete sich ihr Kampf gegen den Faschismus von Anfang an gegen den Kapitalismus und die Demokratie, die wie 1917 in Sowjetrussland durch eine Parteidiktatur ersetzt werden sollte.

Wofür sie kämpfen, ist egal

Der Kreis der potenziellen Faschisten war dabei von Anfang an beliebig erweiterbar. Das mussten zuerst die deutschen Sozialdemokraten erfahren, die von den Kommunisten als «Sozialfaschisten» diffamiert wurden. Die Logik dahinter: Weil die SPD den Kapitalismus de facto duldete, war sie laut Stalin der «objektiv linke Flügel des Faschismus».

Die Folgen dieser Fehldiagnose waren desaströs: Adolf Hitler kam 1933 auch dank der Spaltung der Linken an die Macht, Tausende Kommunisten und Sozialdemokraten wurden verhaftet und ermordet. Aus dieser Niederlage trugen die Kommunisten jedoch einen nachhaltigen moralischen Sieg davon. Da das europäische Bürgertum zum Teil offen mit Faschisten und Nazis sympathisierte, vermarkteten sie sich geschickt als einzige wahre antifaschistische Kraft, die Sozialdemokraten und liberale Nazigegner bestenfalls als Juniorpartner duldete. Mit Hitler, so schreibt der französische Sozialwissenschafter und Ex-Kommunist François Furet in seinem Werk «Das Ende der Illusion», erhielt Stalin endlich einen Feind nach Mass. Aufgrund ihres mit zahlreichen Opfern errungenen Prestiges bestimmten die Stalinisten nun nicht nur darüber, wer Antifaschist sein durfte (im Prinzip jeder, solange er die Kommunisten nicht kritisierte), sondern auch, wer Faschist war (im Prinzip jeder, der lästig war oder als Sündenbock gelegen kam).

Statt an der Frage, wofür und mit welchen Methoden die Kommunisten eigentlich kämpften, wurden sie nun laut Furet einzig an ihrer Gegnerschaft zu Hitler, Mussolini und Konsorten gemessen. Selbst liberale Bürger und Intellektuelle glaubten nach 1933, man habe es hier mit echten Verteidigern der Freiheit und der Demokratie zu tun – denn so verkündete es ja auch die stalinistische Propaganda. Das ist umso bemerkenswerter, als Stalin unter Applaus seiner internationalen KP-Anhängerschaft in den 1930er Jahren die schlimmsten Verbrechen verüben liess, die jene des «Dritten Reiches» zunächst weit übertrafen: durch Folter konstruierte Schauprozesse gegen «faschistische» Verschwörer, Massendeportationen, Mordjustiz in Hunderttausenden Fällen.

Genauso unerbittlich machte die Führungsriege der KP Spaniens um Dolores Ibárruri im Spanischen Bürgerkrieg (1936 bis 1939) Jagd auf Andersdenkende in den eigenen Reihen, die mithilfe des sowjetischen Geheimdienstes als faschistische Agenten verfolgt wurden. 1939 entlarvte Stalin den linksextremen Antifaschismus endgültig als Lügengebilde, indem er mit Adolf Hitler einen Pakt zur Aufteilung Europas besiegelte. Weil Hitler diesen Pakt 1941 brach und von der Sowjetunion unter enormen Opfern besiegt wurde, lebte der Antifaschismus stalinistischer Prägung nach dem Zweiten Weltkrieg jedoch wieder auf, mit einem Glanz, der bis heute nachwirkt. Zumal sich Politiker, Journalisten und selbst Wissenschafter gerne blenden lassen: Während der Antikommunismus gemeinhin als böse gilt, weil ihn übereifrige Bürgerliche und rechte Militärregime dazu missbrauchten, um gegen Andersdenkende aller Art vorzugehen, sieht man im Antifaschismus nur das Gute. Dies, obwohl er sich auch nach dem Krieg erneut in seiner vollen Widersprüchlichkeit entfaltete.

Ideologie? Welche Ideologie?

So lobte die Philosophin Susan Neiman kürzlich in der «NZZ am Sonntag» ausgiebig den Nachkriegs-Antifaschismus in Deutschland, der in der DDR «von oben» und in der BRD «von unten» gekommen sei, aber allemal «wünschenswert» gewesen sei. Als ob es hüben wie drüben nur um die Aufdeckung alter und neuer Nazi-Netzwerke gegangen wäre. In Wahrheit liessen Stasi-Chef Erich Mielke und seine Genossen im Namen des Antifaschismus Tausende demokratische Gegner einsperren, Volksaufstände niederknüppeln und einen «antifaschistischen Schutzwall» bauen, der als «Mauer» bekannt ist. Auch westdeutsche Berufsrevolutionäre witterten überall Faschisten, die Gewalt und Terror rechtfertigen sollten – unter anderem gegen Holocaust-Überlebende, die kollektiv für die «faschistische» Politik Israels büssen sollten.

All das waren keine Betriebsunfälle, sondern logische Konsequenzen einer überdrehten Ideologie, die sich jederzeit gegen jeden richten kann. Gleichwohl wird heute kaum jemand misstrauisch, wenn DDR-Nostalgiker, alte Stalinisten, Vermummte und jungsozialistische Eiferer an Demos verkünden, Faschismus sei «keine Meinung, sondern ein Verbrechen». Es klingt ja erst einmal gut, weshalb die Medien lieber von «bunten Protesten» berichten, als sich mit der Ideologie hinter solchen Parolen zu befassen.

Und während Hitler-Bezwinger Churchill und andere Ikonen derzeit postum für ihre Sünden büssen müssen, wird Dolores Ibárruri bis heute als Grande Dame des Antifaschismus verklärt, als Demokratin, deren Verstrickungen in den Stalinismus höchstens anzutönen oder als vorübergehendes Problem zu betrachten sind. Für manche Jungsozialistinnen ist sie gar ein Vorbild, das die Linke «einen» wollte. Auf die Idee, das berühmte Denkmal der Pasionaria in Glasgow mit Warnhinweisen zu versehen, ist die Generation Woke dagegen noch nicht gekommen.

«¡No pasarán!»: Im Spanischen Bürgerkrieg richtete sich dieser Schlachtruf gegen Faschisten und gegen alle möglichen Feinde.

065 Blick »Schwarze Sklaven, weisse Sklaven«

«Der König dieses Gebietes hält eine grosse Zahl von Sklaven und Konkubinen.» So berichtet der Geograf Leo Africanus 1510 über seinen Besuch in der afrikanischen Stadt Gao. Ihren kometenhaften Aufstieg verdankte die Hauptstadt des Songhai-Reichs der geografischen Lage am östlichen Nigerbogen und dem Import von Pferden, Waffen und Salz aus Nordafrika. Bezahlt wurde mit Gold und schwarzen Sklaven, die von schwarzen Jägern eingefangen wurden.

Araber versklavten Europäer

Anmerkungen 01 zu »Genesis«

Der US-amerikanische Molekularbiologe George M. Church hat mich vor zwei Jahren zur Romanfigur »Mendelez« inspiriert. Er gehört zu den Pionieren der Genom-Forschung und entwickelte Techniken zur DNA-Sequenzierung.

Die Hauptfigur des Romans »Genesis« ist jedoch eine junge indische Köchin, die vor einer Zwangsheirat nach London flüchtet.

Gestern publizierte Focus ein Interview mit George M. Church. Hier ein Auszug, am Ende der Link zum vollständigen Interview:

 

FOCUS: Ihr Labor zählt zu den Pionieren bei der Genschere Crispr/Cas9. Könnte jemand in absehbarer Zeiteinen Nobelpreis dafür erhalten?

Church: Den gab es kürzlich für das Genome Editing, das die DNA von Pflanzen, Tieren und Menschen zielgerichtet verändert. Dazu dient auch Crispr/Cas9. Ich glaube nicht, dass in einem so kleinen Abstand ein Nobelpreis für eine Sache aus demselben Bereich verliehen wird.

FOCUS: Sie arbeiten daran mit, das ausgestorbene Mammut in arktischen Regionen wiederauferstehenzu lassen. Worin liegt der Sinn dieses Vorhabens?

Church: Das ist nur ein kleiner Teil von dem, was wir tun. Aber ich selbst habe aus Sibirien Proben von sechs eingefrorenen, 43.000 Jahre alten Mammuts mitgebracht und ausgewertet. Die entscheidenden Gene überführen wir in asiatische Elefanten. Sie sind sehr eng mit Mammuts verwandt. Wenn deren Nachkommen auf dem Tundraboden grasen, verwandelt er sich langsam in jene Graslandschaft zurück, die er früher war. Diese Bodenbedeckung bindet deutlich mehr Kohlendioxid.

FOCUS: Das Ganze ist ein Klimaschutzprojekt?

Church: Zu 99 Prozent, ja. Vielleicht rechnetes sich das eines Tages auch ökonomisch.

https://www.focus.de/gesundheit/coronavirus/kampf-gegen-pandemie-samstag_id_12113697.html

064 Blick »Geliebte Monster«

©Blick 12.6.2020

«Gorilla, eine Negerin entführend» nannte Emmanuel Frémiet (1824–1910) seine Bronzefigur, die er für die Ausstellung im Pariser Salon einreichte. Die Jury war schockiert. Im gleichen Jahr hatte bereits der Naturforscher Charles Darwin mit seiner Evolutionstheorie die Gemüter erhitzt. Die Preisrichter hielten sich an die damalige Political Correctness und verbannten den Gorilla hinter einen Vorhang. Die «erzieherische Massnahme» war erfolgreich. Frémiet erschuf zwar erneut einen Affen, gab ihm aber eine weisse Frau zum Frühstück und nannte das Werk «Gorilla, eine Frau entführend». Er erhielt dafür prompt die Ehrenmedaille.

Frémiets bronzener Affe inspirierte zahlreiche Autoren. Kein Geringerer als Edgar Wallace schrieb ein Drehbuch mit dem Arbeitstitel «Die Bestie». Er verstarb noch vor dem Happy End. Überlebt hat nur die Legende, er habe das erste Film-Monster erschaffen.

Das eigentliche Original entstand 1933, «King Kong und die weisse Frau», damals der bis anhin erfolgreichste Kinostart. Da Produzenten zur Risikominimierung gerne auf Fortsetzungen und Neuverfilmungen setzen, gibt es für Monster kein Verfallsdatum. Aber Konkurrenten. Sie sind etwas kleiner, unsichtbar und nisten sich als blinde Passagiere im Organismus von Millionen Menschen ein. Solche Horrorszenarien sind beliebt, deshalb stürmen heute selbst alte Pandemie-Filme wieder die Top Ten der Streamingdienste.

In «Outbreak»(1995) stammte das Virus von Affen und wurde nicht in Wuhan, sondern in einem US-amerikanischen Labor weiterentwickelt. Auch in Danny Boyles «28 Days Later» (2002) sprang ein Affen-Virus auf den Menschen über und infizierte ihn mit «Wut».

In den letzten Monaten brauchte es keinen Infekt, um Menschen in Wutbürger zu verwandeln. Die einen sorgten sich um Lohneinbussen oder Jobverlust, andere hatten in ihrer Jugend nie gelernt, Einschränkungen zu akzeptieren, und nannten die Quarantäne «Isolationshaft», während sie mit einer Tüte Popcorn «Godzilla II» schauten.

Ende Jahr soll King Kong gegen Godzilla antreten. Falls die beiden keine halbe Milliarde Dollar einspielen, werden sie frühzeitig pensioniert. Als Nachfolger empfehlen sich Dinosaurier und Covid-20.

© 2020 NZZ: Corona-Krise in 5 Episoden

Der Koch, sein Chef und das Virus:

Hat der Bundesrat in der Krise auf die richtigen Experten gehört?

Hat die Schweiz zu spät und zu heftig reagiert?

 

Die Corona-Krise in fünf Episoden.

 Von Stefan Bühler, Anja Burri, Michael Furger, Lukas Häuptli, Peter Hossli, Theres Lüthi, Franziska Pfister, Rafaela Roth und Rahel Eisenring (Illustrationen)

06.06.2020, 21.00 Uhr

 

Die Schweiz in der Corona-Krise, das könne man mit einem Flugzeug vergleichen, sagt der Epidemiologe Marcel Salathé. Es gibt einen Defekt an Bord, die Maschine beginnt zu sinken. Die Passagiere spüren, dass etwas nicht stimmt. Aber die Piloten erklären über den Bordlautsprecher, alles sei in bester Ordnung. In Reihe 34 sitzen zwar ein paar Leute, die realisiert haben, was passiert, aber was sie sagen, gelangt nicht bis zu den Piloten ins Cockpit.

 

Salathé sagt zwar keine Namen, aber es ist klar, wen er meint: Einer der Passagiere in Reihe 34, die angeblich genau wussten, was passiert, ist er selbst. Und die Leute im Cockpit, die nicht hätten hören wollen, das sind für Salathé der Bundesrat und die Spitzen des Bundesamtes für Gesundheit, in erster Linie Daniel Koch, der Corona- Verantwortliche.

Wenn man die Geschichte der Krise in der Schweiz auf ein paar wenige Wahrheiten herunterbrechen will, dann ist eine davon der tiefe Graben zwischen den Epidemiologen an den Hochschulen und den Beamten in Bern. Beide Seiten sind davon überzeugt, dass die andere Seite die Situation falsch eingeschätzt hat. Das wäre an sich kein Problem, aber nach allem, was wir heute wissen, wurde die eine Seite von der Politik gehört und die andere nicht.

 

Die Abneigung des Praktikers Daniel Koch gegenüber den Wissenschaftern könnte ein zentraler Grund dafür gewesen sein, dass der Bundesrat lange zögerte und dann unser Land innert weniger Tage zum Stillstand bringen musste – mit all den negativen wirtschaftlichen Folgen, die wir wohl noch lange spüren werden.

Es war eine klassische Vollbremsung: Sie kam spät, und sie war stark. Wieso hat man nicht früher gebremst? Hätte man damit vielleicht den Lockdown verhindern können? Was passierte in den entscheidenden Tagen in den Konferenzsälen in Bern und den Sitzungszimmer der Grossbanken? Warum gab es zuerst keine Masken und nun Hunderte Millionen?

 

Wie Wissenschafter den Bundesrat zu warnen versuchten und an alten Seilschaften scheiterten.

 

Was auf die Welt und damit auf die Schweiz zukommen sollte, war schon früh ziemlich klar, genauer gesagt am 5. Januar. Die Weltgesundheitsorganisation WHO setzte eine Warnung ab: «Pneumonia of unknown cause – China». Sie wurde registriert sowohl im Bundesamt für Gesundheit in Köniz bei Bern als auch bei den Epidemiologen an den Universitäten.

Von diesem Moment an gibt es zwei verschiedene Verhaltensmuster: hier die Wissenschafter, die bald zum Schluss kommen, dass die Lage schnell sehr ernst werden könnte, dass das Virus sich weltweit ausbreiten würde, dass es viele Toten geben könnte. Dort die Bundesverwaltung und die Politik, die weitermachen wie gehabt, zum Beispiel die freisinnige Nationalratspräsidentin Isabelle Moret, die am 12. Januar zu einer fünftägigen Reise nach China aufbricht, um das 70-jährige Bestehen der diplomatischen Beziehungen zu China zu zelebrieren.

 

Moret jettet kreuz und quer durchs Land und reist am 17. Januar wieder zurück ans World Economic Forum nach Davos. Dort erzählt sie am Rande eines Empfangs, dass sie unter anderem einen Minister getroffen habe, der tags zuvor noch in Wuhan weilte. Sie erzählt es lachend, mit einem wohligen Gruseln, so scheint es. Der Ernst der Lage ist bei ihr noch nicht angekommen, so wenig wie bei fast allen anderen WEF-Teilnehmern.

Gesundheitsminister Alain Berset sagt in Davos zu einer allfälligen Corona-Pandemie: «Wir sind sehr gut vorbereitet.» Es ist der 22.  Januar. Am nächsten Tag riegelt die chinesische Behörde die Millionenstadt Wuhan ab. Aus dem Bundesamt für Gesundheit heisst es erstmals, man sei «eher beunruhigt».

Wenige Tage später, am 29. Januar, spricht der Bundesrat in seiner Sitzung erstmals ausführlich über das Virus. Es hat sich bereits in 17 weitere Länder verbreitet und Europa erreicht: Frankreich meldet die ersten Fälle, Bayern verzeichnet einen ersten positiven Test. In Wuhan sind es rund 4500 Infizierte und über 106 Tote. Der Bundesrat berät Massnahmen für Gesundheitskontrollen an Flughäfen. Berset rapportiert die Aktivitäten des BAG: Man stehe in Kontakt mit den Kantonsärzten, Informationen für Einreisende aus China würden aufgeschaltet, eine Hotline eingerichtet. Danach folgt die erste Februarwoche, und Bundesbern verreist in die Sportferien.

Es ist die Zeit, in der die Situation zu eskalieren beginnt und die Erkenntnisse der Wissenschaft sich verfestigen. Die beiden Epidemiologen Christian Althaus und Julien Riou veröffentlichen am 30. Januar eine Studie im Wissenschaftsjournal «Eurosurveillance». Eine zentrale Erkenntnis darin: Das neue Virus hat das Potenzial, sich global auszubreiten. «Es war klar, dass es nicht gut ausschaut», sagt Althaus. Als ihm die Resultate vorliegen, verkauft er sein Aktienportfolio. Die Studie wird weltweit zitiert. Am gleichen Tag erklärt die WHO einen «Notfall im Bereich der öffentlichen Gesundheit von internationaler Bedeutung». «Ab diesem Zeitpunkt hätte man in der Schweiz eine Task-Force zusammenstellen müssen», sagt Althaus heute. Doch im Bundeshaus passiert nichts. Die Bundesratssitzung fällt ferienhalber aus.

 

Unter den Wissenschaftern breitet sich Frustration aus. Man fragt sich, ob das BAG den Ernst der Lage begreift, ob dort epidemiologisches Wissen ausreichend vorhanden ist. Ob man überhaupt Interesse hat an einem Austausch mit der Wissenschaft. Tatsächlich spricht vieles dagegen. Christian Althaus meldet sich bereits im Januar mehrmals beim BAG und bietet Hilfe an. Er ruft Koch direkt an, mailt ihm seine Studie ein paar Tage vor der Veröffentlichung und schreibt, er könnte «beim Auftreten von Sekundärinfektionen in der Schweiz hilfreiche Informationen liefern».

 

Später schreibt er einen Brief an den Bundesrat. Koch wird später gegenüber der «NZZ am Sonntag» sagen: «Herr Althaus hat nie versucht, mich zu kontaktieren, und hat nie beim BAG eine Warnung abgegeben.» Stattdessen sei er mit seinen Modellen sofort zu den Medien gegangen. Doch die E-Mails von Althaus liegen vor. Was Koch sagt, stimmt nicht.

Es scheint immer klarer: Der oberste Pandemieverantwortliche, 65- jährig und kurz vor der Pensionierung, will mit den jungen Epidemiologen nichts zu tun haben. Er ist davon überzeugt, dass ihre Forschung wenig bringt. Die Modelle von Althaus und seinen Kollegen hätten zu wenige Grundlagen für eine seriöse Voraussage und basierten auf unausgereiften Algorithmen, sagt er. Die theoretischen Ansätze der forschenden Wissenschaft taugten in der praktischen Umsetzung nicht.

 

Er und das BAG setzen auf andere Informationen. «Wir haben 30 Jahre Erfahrung mit Grippekurven. Wir wissen recht gut, welche Voraussagen man bei Epidemien machen kann.» Koch greift auf sein eigenes Netzwerk von Praktikern zurück. In engem Austausch mit ihm steht der Spitalinfektiologe Didier Pittet aus Genf. Auch er sieht der Pandemie gelassen entgegen. Am 26. Februar gibt er der Zeitung «Le Temps» ein Interview und sagt, er erwarte in der Schweiz «ein paar Einzelfälle». Es gebe keinen Grund, alarmiert zu sein. Zu diesem Zeitpunkt ist die Situation im Nachbarland Italien bereits ausser Kontrolle. Schulen, Museen und Universitäten sind geschlossen, ganze Gebiete unter Quarantäne.

 

Das BAG, so viel steht fest, schätzt in diesen ersten Wochen des Jahres 2020 die Gefahr völlig anders ein als die Epidemiologen und die WHO. Und die Behörde ist offenbar nicht bereit, die andere Seite anzuhören. Ein Verdacht drängt sich auf: Könnte es sein, dass der Bundesrat zu wenig umfassend informiert war? Dass er nur die Einschätzung seiner Beamten kannte, die sich auf ihre Erfahrung stützen? Und die Erkenntnisse der Epidemiologen drangen nicht bis ins Bundesratszimmer vor, obwohl zwei der wichtigsten nationalen Forschungsgremien dieses Landes von Epidemiologen präsidiert werden: der Forschungsrat des Nationalfonds mit Matthias Egger und die Akademien der Wissenschaften mit Marcel Tanner.

«Wie ist es möglich», sagt Salathé, «dass man sich eine hochkompetente und teure Wissenschaft leistet, aber in diesem entscheidenden Moment nicht auf sie zurückgreift?»

Für diese Vermutung spricht, dass während des Monats Februar, währenddessen die Schweiz ahnungslos Richtung Lockdown steuert, in Bundesbern nicht viel passiert. Als der Bundesrat nach den Skiferien wieder tagt, beschäftigt man sich mit Reise- und Handelseinschränkungen für China. Man beginnt mit Corona-Tests, es sind wenige, und sie fallen negativ aus. Äusseren Anlass zur Beunruhigung gibt es nicht. Auch die Lage im Ausland scheint unter Kontrolle, die Crypto-Affäre lenkt die Aufmerksamkeit weg von Corona.

Derweil schliesst sich aus Sicht der Wissenschafter ein Zeitfenster, währenddessen man den Lockdown hätte verhindern können. So sagt es jedenfalls Marcel Salathé. «Die Wahl zwischen dem Kollaps des Gesundheitswesens und dem Lockdown mit wirtschaftlichem Schaden wäre nicht nötig gewesen.» Es hätte für eine Zeitlang eine dritte Option gegeben, eine sanftere Bremsung, mehr Normalität, vielleicht ein Zustand wie heute.

«Die WHO hat sehr früh und sehr deutlich kommuniziert, dass man das kurze Zeitfenster nützen sollte, um sich auf einen Ausbruch vorzubereiten», sagt Althaus. «Ich fragte mich manchmal, ob die verantwortlichen Stellen in der Schweiz die Pressekonferenzen der WHO verfolgt haben.»

 

Zwei Fragen stellen sich: Was hätte man denn im Februar, als noch Zeit war, tun müssen, um die Vollbremsung zu verhindern? «Man hätte alles versuchen müssen, um die Übersicht über die Infektionsketten nicht zu verlieren», sagt Salathé. «Man hätte intensiver testen müssen. Dafür hätte aber der Bund die Versorgung mit Tests und Hygienemasken schon Ende Januar an die Hand nehmen müssen. Eine frühere Schliessung der Grenze, insbesondere zu Italien, hätte auch geholfen.»

 

Die zweite Frage lautet: Hätte man die Krise besser überstanden, wenn der Bund besser auf die Epidemiologen gehört hätte? Die Frage kann man nicht beantworten. Fest steht: Das wichtigste Ziel, nämlich zu verhindern, dass das Gesundheitswesen kollabiert, hat das BAG erreicht. Dazu kommt: Auch die Szenarien der Epidemiologen können danebenliegen – taten sie zum Teil. Aber das Problem ist, dass sie offenbar gar nicht beachtet wurden.

So entschliessen sich Althaus und Salathé, ihre Warnung öffentlich auszurufen. Es ist Ende Februar, als Althaus der NZZ ein vielbeachtetes Interview gibt. «Ich konnte nicht verstehen, dass man die Epidemie einfach auf uns zukommen liess, als ob nichts wäre. Darum habe ich mich dazu entschlossen.» Am 26. Februar erscheint das Interview. «Man muss nicht die halbe Schweiz unter Quarantäne stellen» lautet der Titel. Von anderen Medien wird vor allem die Zahl «30 000 Tote» aufgegriffen, welche die beiden NZZ-Journalisten als mögliches Szenario nennen und zu dem Althaus bemerkt: «Ein solches Worst-Case-Szenario ist nicht ausgeschlossen.»

Noch während das Interview für die Publikation vorbereitet wird, merkt man im Departement des Inneren von Alain Berset, dass sich die Welle nicht mehr verhindern lässt. Es ist der 25. Februar, der Tag, an dem der Bundesrat von den Ereignissen mitgerissen wird.

 

  1. Die Reaktion: Ein Flug nach Rom

Wie Alain Berset über den Alpen den Ernst der Lage erfasste und der Bundesrat von den Ereignissen mitgerissen wurde.

 

An diesem Dienstag, 25. Februar, um die Mittagszeit hebt in Bern- Belp der Bundesratsjet ab. An Bord: Gesundheitsminister Berset, zwei Kaderleute des BAG, zwei Beraterinnen aus Bersets persönlichem Stab sowie sein Kommunikationschef. Destination: Rom. Die italienische Regierung hat Minister der Nachbarstaaten sowie Deutschlands eingeladen, um zu demonstrieren, wie gut Italien auf die Krise vorbereitet ist. «Es sollte eine PR-Aktion des Gesundheitsministers werden», heisst es aus dem Kreis der Reisegruppe. Doch das Treffen gerät zum Desaster.

Praktisch gleichzeitig wird bekannt, dass in der Schweiz erstmals eine Person positiv getestet wurde. Der Chef des BAG, Pascal Strupler, und Daniel Koch treten um 17 Uhr in Bern vor die Medien und versuchen zu beruhigen. Für die Bevölkerung bestehe «zurzeit ein moderates Ansteckungsrisiko», sagt Strupler. Koch erklärt auf die Frage, ob nun die bevorstehende Basler Fasnacht abgesagt werden müsse: «Im Moment ist nicht vorgesehen, dass man die Massnahmen nun verschärft.»

 

Der Satz ist in dem Moment, in dem er gesagt wird, Makulatur. Denn in Rom wird Berset und seinen Begleitern klar, dass die Behörden in Italien die Kontrolle über die Epidemie verloren haben. «Wir wurden uns bewusst, dass die Lage gerade explodiert», sagt einer, der dabei war. Mit dieser Erkenntnis kehrt die Delegation am späten Abend nach Bern zurück. So spät, dass es nicht mehr reicht, um für die Bundesratssitzung vom nächsten Tag schriftliche Unterlagen zu erstellen. Für Berset ist auf dem Rückflug über die Alpen klar, dass er in den Krisenmodus schalten muss.

Am Mittwoch, 26. Februar, orientiert Berset seine Regierungskollegen mündlich. Auf Freitag wird eine geheime Sitzung angesetzt. Bis dahin bereitet Berset mit seinen Beratern die ersten Massnahmen vor. Sein Stab besteht aus knapp zehn Personen, die sich auch in normalen Zeiten jeden Morgen um 8 Uhr zur Sitzung treffen, intern «die Morgenandacht» genannt. Während der Corona-Krise finden diese Treffen im Sitzungszimmer im Parterre des Innendepartements statt, an einem ausladenden Tisch – so gross, dass die Distanzregeln eingehalten werden können.

Hier erhalten Bersets Anträge an den Gesamtbundesrat den letzten Schliff. Am Freitag, 28. Februar, geht er mit zwei wichtigen Vorschlägen in die Regierungssitzung: Er beantragt, die «besondere Lage» auszurufen, und schlägt vor, Veranstaltungen mit mehr als 1000 Personen zu untersagen. Die Regierung stimmt zu, womit die Absage der Basler Fasnacht besiegelt ist.

In diesem Moment agiert der Bundesrat schneller als die anderen Regierungen in Europa und glaubt, sich mit den Massnahmen etwas Luft verschafft zu haben. In der Woche darauf nimmt er nur noch Retuschen vor. Er entsendet zwei Armee-Ambulanzen zur Unterstützung ins Tessin. Die Stimmung in diesen Tagen ist geprägt von einer «maximalen Ungewissheit».

In Italien ist die Seuche ausser Kontrolle, in der Schweiz hingegen ist die Lage noch ruhig, zumindest oberflächlich. Am 4. März treffen sich die kantonalen Gesundheitsdirektoren in Bern. Es gibt Sandwiches im Plastiksäckchen, die Stimmung ist angespannt, die Meinungen gehen auseinander. Zürich hat noch keine einzige Massnahme erlassen, der Tessiner Gesundheitsdirektor fordert, die Grenzen zu schliessen.

 

Doch eine Grenzschliessung ist für den Bundesrat nicht nur eine medizinische, sondern in diesem Moment auch eine hochpolitische Frage. Die Abstimmung zur Begrenzungsinitiative steht an, die Tessiner Spitäler sind auf die Grenzgänger angewiesen. Kein Nachbarland hat bisher zu diesem Mittel gegriffen. Soll man wirklich dichtmachen? «Die Situation war mit keiner anderen zu vergleichen», sagt die Waadtländer Gesundheitsdirektorin Rebecca Ruiz. «Es gab permanente Unsicherheiten, ein Projekt ohne Meilensteine, ohne Anfang und ohne Ende.»

Rudolf Hauri, Präsident der Kantonsärzte, bemerkt: «Nachträglich kann man sagen, man hätte wohl eine Woche früher reagieren können. Doch man muss bedenken, dass sich die Situation bloss abzeichnete, wir aber nicht wussten, wie sie sich tatsächlich entwickelt.»

Kurz bevor die Welle die Schweiz erreicht, sieht man ein Land in politischer Lähmung. Niemand ist sich sicher, was zu tun ist. Will man handeln – oder noch warten? Kommen wir vielleicht um das Schlimmste herum? Was machen die anderen Länder?

Italien beschliesst den Lockdown, Österreich folgt kurz danach. Der Druck aus den Kantonen wird grösser. Das Innendepartement tagt nun fast rund um die Uhr. In einem Prachtsaal des Hotels «Bellevue» hält man Sitzungen mit Kantonsvertretern ab. Im «Bernerhof», dem nicht weniger prächtigen Sitz des Finanzdepartements, treffen sich Krisenstäbe und Parteienvertreter.

Am 13. März verbietet der Bundesrat Veranstaltungen mit mehr als 100 Personen, verhängt Limiten für Gastrobetriebe, führt Grenzkontrollen zu Italien ein, kündigt die Schulschliessung an und präsentiert ein Hilfspaket für die Wirtschaft. Im engsten Kreis denkt man immer noch nicht ans Schlimmste. «Wir glaubten, wir hätten ein paar Tage Ruhe», erinnert sich ein Bundesratsberater. Einmal mehr kommt es anders.

Am Samstagabend schliesst das Tessin alle Restaurants und Geschäfte. Am Sonntag rufen vier Kantone den Notstand aus und verbieten Versammlung mit mehr als 50 Personen. Die Spitzen des Parlaments brechen die Frühlingssession ab, Österreich und Deutschland machen die Grenzen dicht – und die Infektionszahlen explodieren. Erstmals kommen in der Schweiz innert 24 Stunden über 1000 neue Corona-Infizierte hinzu.

 

Noch am Sonntagabend trifft sich die Regierung zu einer Sitzung, beschliesst den Lockdown und mobilisiert die Armee. Laut mehreren Quellen sträubt sich Finanzminister Ueli Maurer gegen jegliche Massnahmen, die über die bisherigen hinausgehen. Auf der anderen Seite bringt Verteidigungsministerin Viola Amherd sogar eine Ausgangssperre ins Spiel. Die Regierung wählt einen Mittelweg. In der Nacht auf Montag werden die gesetzlichen Grundlagen für die Beschlüsse ausgearbeitet und am Montag vom Bundesrat genehmigt. Um 17 Uhr treten Bundespräsidentin Simonetta Sommaruga, Karin Keller-Sutter, Viola Amherd und Alain Berset vor die Medien.

Dass sich Ende Februar das Virus überall ausbreiten könnte – also auch in der Schweiz – hat der Epidemiologe Christian Althaus mit seinem Modell schon im Januar berechnet. Der Pandemieverantwortliche Daniel Koch hingegen findet noch heute: «Es ist nichts eingetroffen, was Althaus gesagt hat.» Selbst als der Ernstfall da ist, will das BAG von den Epidemiologen offenbar noch nichts wissen – obwohl es zuerst danach aussieht.

Die Behörde hat die Wissenschafter nämlich zu einer Sitzung nach Bern eingeladen. Es ist der 18. März, zwei Tage nach dem Lockdown. Als Marcel Salathé sich zu Hause in Lausanne von seiner Familie verabschiedet, sagt er, er komme vielleicht am Abend nicht zurück. Er rechnet damit, dass der Bund nun eine Task-Force einrichtet und er sich in Bern ein Hotelzimmer nehmen wird. Doch die Sitzung dient nur dazu, die Wogen zu glätten, eine Aussprache, dann werden die Wissenschafter freundlich verabschiedet. Salathé übernachtet doch zu Hause. Drei Tage später twittert er: «In diesen Wochen ist mein Vertrauen in die Politik erschüttert. Nach der Aufarbeitung – was alles falsch lief und wie total veraltet die Prozesse sind – wird kein politischer Stein auf dem anderen bleiben.»

Dass Althaus und Salathé sich öffentlich kritisch äussern, kommt nicht überall gut an. Es sei ihm nahegelegt worden, sich zu mässigen, sagt Salathé. «Ich musste mir überlegen, wie man eine wissenschaftliche Wahrheit vermittelt, ohne jemandem in Bern auf den Schlips zu treten. Das war fast wie in Nordkorea. Man sagte uns: Ihr habt recht, aber wenn ihr es zu aggressiv in den Medien sagt, dann geht die Türe für eine Task-Force zu.» Wer ihm das gesagt, hat will Salathé nicht sagen.

Am 31. März beschliesst der Bundesrat eine Task-Force, Salathé und Althaus gehören dazu.

 

  1. Die Materialschlacht: Masken für Instagram

Warum in der Schweiz zuerst die Masken fehlten und dann die Armee für eine Milliarde Material zusammenkaufte.

 

Am 27. Februar 2020 sitzt Daniel Koch in Bern mit Verantwortlichen des Bundesamts für Gesundheit vor den Medien und sagt einen Satz, der zu den umstrittensten Aussagen dieser Krise gehören wird: «Hygienemasken nützen Menschen, die nicht krank sind, nichts. Es ist nicht bewiesen, dass die Masken eine Wirkung auf die Verbreitung des Virus’ haben.»

 

 Der Satz ist erstaunlich. Schliesslich haben Mitarbeiter desselben Bundesamts zwei Jahre zuvor in den Pandemieplan geschrieben: «Schutzmasken verringern das Übertragungsrisiko und sind deshalb prinzipiell während der gesamten Pandemiewelle einsetzbar.» Darum ist im Plan genau angegeben, wer wie viele Hygiene- und Atemschutzmasken auf Vorrat haben soll: Spitäler, Spitex-Dienste, Arztpraxen, Alters- und Pflegeheime und Privathaushalte. Hygienemasken sind für die Bevölkerung, Atemschutzmasken für das Gesundheitspersonal, gedacht.

Allerdings ist der Pandemieplan in diesem Punkt nicht viel mehr wert als das Papier, auf dem er steht. Bei den Masken-Vorräten handelt es sich nämlich nicht um Vorschriften, sondern um unverbindliche Empfehlungen. Längst nicht alle halten sich daran.

Die Maskenfrage ist eine der verwirrlichsten Episoden dieser Pandemie. Sie steht für eine Planungspanne, an deren Anfang erneut der Verdacht steht, der Bund habe zu spät realisiert, was auf die Schweiz zukommt. Am 12. Februar kommen die Schutzmasken in der Bundesratssitzung zur Diskussion: Ein Konzept für deren Einsatz sei in Arbeit, heisst es, doch «die Verfügbarkeit sei beschränkt». Es kam, wie es kommen musste: Beim Ausbruch der schwersten Pandemie herrscht in der Schweiz massiver Maskenmangel.

Zwar verfügt die Armeeapotheke zu diesem Zeitpunkt über 13 Millionen Hygienemasken. Doch diese reichen – sollte die gesamte Bevölkerung der Schweiz damit versorgt werden – gerade mal für drei bis vier Tage. «Die Spitäler hätten mehr vorsorgen müssen», sagt Daniel Koch heute und räumt ein, dass auch der Bund es unterlassen habe, genügend Schutzmaterial anzulegen. «Solche Verbrauchsgüter sind völlig vernachlässigt worden.»

Könnte es sein, dass Daniel Koch und mit ihm Gesundheitsminister Alain Berset der Bevölkerung nicht aus medizinischen Gründen von Masken abraten, sondern deshalb, weil die Vorräte nie und nimmer reichen. Der Verdacht hält sich hartnäckig – auch wenn Koch heute sagt: «Meine Aussagen zu den Masken hatten nichts mit deren Knappheit zu tun. Wir hätten auf keinen Fall Masken für den öffentlichen Raum empfohlen.»

 

Doch das wird sich ändern, je länger die Krise dauern wird. Koch bleibt zwar bei seiner Haltung, nicht aber die Behörden quer durch die Schweiz. Tramdurchsagen, Plakate, Maskenverteilaktionen an Bahnhöfen – bei geringer Distanz soll man Masken tragen, heisst es, und auch Bundesrat Berset erklärt in einem Interview mit CH Media auf einmal: «Die wissenschaftlichen Erkenntnisse über das Virus machen gewalttätige Fortschritte, und das hat auch einen Einfluss auf die Frage, ob und wann Masken sinnvoll sein können. Ich schliesse deshalb nicht aus, dass wir mit der Lockerung in bestimmten Situationen eine Maske empfehlen.» Wie ist es zu dieser Kehrtwende gekommen?

Am 23. März 2020 steigt in der Schweiz die Zahl der Personen, die an einem Tag positiv auf Corona getestet werden, auf 1455. Das sind, wie man heute weiss, so viele nie zuvor und danach: Es ist der Höhe- oder eher Tiefpunkt der Krise.

In diesen Tagen zieht der Bundesrat die Notbremse und entscheidet, die Verantwortung für die Beschaffung medizinischer Güter, zu denen auch Masken gehören, der Armee zu übertragen. Verteidigungsministerin Viola Amherd setzt Brigadier Markus Näf als sogenannten Beschaffungskoordinator des Bundes ein. Dieser arbeitet im zivilen Leben als Anwalt in einer Kanzlei an der Zürcher Bahnhofstrasse. Der Sprecher des Verteidigungsdepartements, sagt: «Markus Näf kennt den Markt hervorragend. Und er hat Kompetenzen im weltweiten Einkauf von Gütern.»

Näf hat einen Auftrag – und viel Geld zur Verfügung. Er soll für die Schweiz fast 400 Millionen Hygienemasken und 60 Millionen Atemschutzmasken kaufen. Dafür stellt ihm der Bund rund eine Milliarde Franken zur Verfügung. Plötzlich heisst die Losung: Masken müssen her – kosten sie, was sie wollen.

Und die Masken kosten viel. Denn jetzt sind Staaten aus der halben Welt auf der Jagd. Allen voran die USA. Deren Gesundheitsbehörde CDC gibt am 2. April 2020 die Empfehlung ab, dass alle Amerikaner und Amerikanerinnen in der Öffentlichkeit Masken tragen sollen. Auch deshalb ist der Markt völlig überhitzt. «Vor der Corona-Krise hatte eine Hygienemaske zwischen 2 und 5 Rappen gekostet», sagt Markus Näf. «Ende März zahlten wir dafür bis zu 90 Rappen.»

 

Konkurrenten sind allerdings nicht nur andere Staaten, sondern auch Kantone, Gemeinden, Spitäler, Spitex-Dienste und Altersheime in der Schweiz. Das absurde Gegeneinander ist Folge einer sogenannt dualen Beschaffungsstrategie. Es herrscht, wie eine Kadermitarbeiterin eines Spitals sagt, Catch-as-catch-can – Hol dir, so viel du kannst.

Die Zürcher Gesundheitsdirektorin Natalie Rickli etwa beauftragt die Kantonsapotheke mit dem Einkauf von Schutzmaterial. Am 5. April um 17 Uhr 54 landet die erste Maschine aus Schanghai. Der CEO des Spitals Männedorf drängt in die Kabine, reisst eine Kiste auf, kontrolliert das Material. Dann posieren er, Natalie Rickli, der Leiter der Kantonsapotheke und der Pilot für ein Foto. Es erscheint auf Ricklis Instagram-Account.

16 weitere Flüge aus China sollten im Verlauf der Epidemie in Zürich landen, eine mit zwei Produktionsmaschinen an Bord. Sie sollen Masken für die Spitäler produzieren, eine zahlt Zürich, eine das VBS. Wegen Problemen mit der Zertifizierung produzieren sie bis heute nicht. Insgesamt kauft die Zürcher Kantonsapotheke allein 20  Millionen Artikel ein.

Es sind nicht nur Masken, die gefragt sind. Vor den Produktionsstätten der Firma Hamilton Medical in Ittingen und Ems fliegen im März und April Transporthubschrauber der Armee ein und holen Beatmungsgeräte ab. Hamilton hat die Kapazität bis Ende April verdoppelt, die Mitarbeiter arbeiten auch am Wochenende. Ende April sind 600 Apparate ausgeliefert – eine Materialschlacht.

Deshalb zieht der Bundesrat Anfang April zum zweiten Mal die Notbremse: Per Notverordnung zentralisiert er weite Teile des Beschaffungswesens für Medizingüter und Medikamente beim Bund.

Zwischen Ende März und heute kauft der Bund 250 Millionen Hygienemasken. Rund 40 Millionen davon verkauft er zum Selbstkostenpreis den Kantonen und dem Detailhandel weiter. «Wir sind nicht überall mit den Preisen einverstanden, die uns nun in Rechnung gestellt werden», sagt Rickli. 90 Millionen Masken sind gegenwärtig noch in Produktion in China oder auf dem Weg von dort hierher. Und 120 Millionen befinden sich in Lagern in der Schweiz. Diese sind jetzt – fast zwei Monate nach Ausbruch von Corona in der Schweiz – prall gefüllt.

 

  1. Das Geld: Der Anruf kam nach Feierabend

Wie ein paar Banker in neun Nächten das grösste Wirtschafts- Rettungspaket der Schweizer Geschichte schnürten.

 

Es ist Dienstagabend, 10. März. Am Fuss des Zürcher Üetlibergs, im Bürokomplex Üetlihof, macht sich Andreas Gerber auf den Heimweg. Er arbeitet bei der Credit Suisse, ist dort verantwortlich für das Geschäft mit kleinen und mittleren Unternehmen. Gegen 18 Uhr klingelt sein Telefon. Es ist Thomas Gottstein, seit Mitte Februar CEO der CS. «Wir müssen etwas tun für Schweizer KMU», sagt er und skizziert eine vage Idee. Unkompliziert sollen Banken zinslose Darlehen an Firmen vergeben, um sie trotz Lockdown finanziell über Wasser zu halten. «Morgen früh will ich einen Vorschlag», ordnet Gottstein an und stellt Gerber eine Frage: «Wie würdest du Darlehen strukturieren, wenn du die Schweizer Regierung wärst?»

 

Gerber arbeitet mit seinem Team die Nacht durch und skizziert auf zwei A4-Seiten einen Plan, der in 40 Milliarden Überbrückungskredite münden wird. Sie sind Teil eines 72 Milliarden schweren Hilfspakets für die Wirtschaft, des grössten der Schweizer Geschichte. Im Lead sind CS und UBS, die sich Wochen zuvor noch als Feinde im Fall von Tidjane Thiam und Iqbal Khan gegenüberstanden.

Gerbers Team legt in seinem Papier fünf Punkte fest:

  1. Firmen mit Liquiditätsengpässen sollen Geld erhalten.
  2. Der Bund soll Sicherheiten stellen.
  3. Die Banken verteilen das Geld.
  4. Die Refinanzierung geschieht über die Schweizerische Nationalbank.
  5. Der Bund bestimmt eine Stelle, welche die Koordination und Garantieabwicklung unter den Beteiligten sicherstellt.

Am nächsten Tag geht das Papier zu Gottstein, und der setzt sich ans Telefon und holt andere an Bord: Mark Branson, Chef der Finanzmarktaufsicht, Nationalbankpräsident Thomas Jordan, Finanzminister Ueli Maurer. Er habe in eine ähnliche Richtung gedacht, sagt dieser und leitet die Banker an Daniela Stoffel weiter, an die Staatssekretärin für internationale Finanzfragen SIF.

Schliesslich ruft Gottstein Sergio Ermotti an, den CEO der UBS, seinen direkten Konkurrenten. Der Zürcher und der Tessiner reden Englisch. «I actually think it’s a good idea», wertet Ermotti den Vorschlag.

Gottstein instruiert sein Team, die Chefs der Kantonalbanken der Waadt und von Zürich sowie der Raiffeisen anzurufen. Eine aussenstehende Anwaltskanzlei – Baker McKenzie – wird eingeschaltet, um den Prozess juristisch neutral zu unterstützen. Gottstein will verhindern, dass sich die Hausanwälte verschiedener Banken streiten.

 

Bis zum 20. März arbeiten die Banker bis in die frühen Morgenstunden durch. Während Tagen reden sie zuerst miteinander, dann gehen sie mit ihren Anliegen zum SIF. «Das war teilweise eine zähe Angelegenheit», sagt Gerber. «Wir mussten immer wieder warten, bis der Bundesrat einverstanden war. Es galt Notrecht, aber der Bundesrat musste jeweils zuerst Gewissheit haben, was er tun darf.»

Alle Sitzungen laufen über Telefonkonferenzen. Am ersten Tag ist Gerber 13 Stunden am Apparat. Es ist chaotisch. Die Länge der Telefonmeetings wird auf drei bis vier Stunden beschränkt. Als er in einer langen Nacht realisiert, dass er Hilfe braucht für die Abwicklung der Kredite, schickt er eine Mail an die CS-Mitarbeiter und fragt, wer mitarbeiten möchte. Innerhalb von 24 Stunden melden sich 160 Personen, alle aus dem Home-Office.

Die Banken legen fest, die Situation dürfe nicht ausgenutzt werden, um sich gegenseitig Kunden abzuwerben. Firmen müssen die Kredite bei ihrer Hausbank beantragen. Bestehende Kredite dürfen nicht mit Covid-19-Darlehen refinanziert werden. Die Banken harmonieren. «Es ist wie im Krieg, man hat einen gemeinsamen Feind», so Ermotti. «Das Virus zu bekämpfen, hat absolute Priorität.»

Die letzten Fragen zum Rettungspaket werden erst wenige Stunden vor der Medienkonferenz am 20. März geklärt. Bedenken entstehen durch Maurers Forderung, das Geld müsse in dreissig Minuten bei den Kunden sein. «Es war allen klar, dass in dieser Zeit keine detaillierte Kreditprüfung stattfindet», sagt Gerber. Statt die Kreditwürdigkeit zu prüfen, einigt man sich auf eine «Plausibilisierung» des Umsatzes und der weiteren Angaben auf dem Antragsformular.

Am Ende kommt Ermotti mit einem ungewöhnlichen Vorschlag: «Ich habe von Anfang an gesagt, wir Banken sollten an diesen Krediten nichts verdienen, das wird sicher für UBS der Fall sein.» Banken beziehen das Geld bei der SNB zu einem Minuszins von 0,75  Prozent. Geben sie es zinslos weiter, verdienen sie 0,75 Prozent daran, abzüglich Kosten. «Dieser Nettogewinn gehört meiner Meinung nach nicht den Banken», sagt Ermotti. Er einigt sich mit Gottstein, die Gewinne in eine Stiftung für notleidende Unternehmen einzubezahlen.

 

  1. Das Lobbying: Eine PR-Maschine springt an

Wie zwei mächtige Wirtschaftsverbände erfolgreich auf eine rasche Aufhebung des Lockdown drückten.

 

Der Lockdown ist vier Tage jung, der Schock weicht erst langsam. Doch während der Wirtschaftsminister Guy Parmelin in der Bundesstadt Bern vor die Medien tritt und Dutzende von Milliarden Franken Hilfsgelder für die Wirtschaft verkündet, reift in der Finanzmetropole Zürich eine Erkenntnis: Staatliche Unterstützung ist gut, aber ein Ende des Shutdown wäre besser.

Dem Wirtschaftsminister und seinem Staatssekretariat für Wirtschaft Seco trauen sie in Zürich nicht zu, das Ruder in der Corona-Debatte herumzureissen. Es ist keine einfache Zeit für Parmelin, mehrere seiner Familienmitglieder sind an Covid-19 erkrankt. Er versucht, sich in die Debatte einzubringen, verliert sich aber auf Nebenschauplätzen: Er setzt sich in der Regierung für eine baldige Wiedereröffnung der Gärtnereien, Baumärkte und Zoos ein.

 

Doch nicht nur in den Medien, sondern auch im Bundesrat dominiert ein anderer die Diskussion: Gesundheitsminister Alain Berset. Für ihn hat die Gesundheit oberste Priorität. Anfang April gibt er der «Sonntags-Zeitung» ein Interview: Für die Wirtschaft hat er keine guten Nachrichten. Wer zu früh nachgebe, verlängere die Krise, sagt er. Und es sei noch nicht möglich, zu sagen, wann erste Lockerungen möglich würden.

Und so kommt die Maschinerie des mächtigsten Verbandes der Schweiz und bald darauf auch jene der Vertreter Hunderter Hoteliers und Restaurants in Gang: Economiesuisse und Gastrosuisse. Der eine Verband setzt auf vertrauliche Gespräche, der andere auf Poltern in den Medien, und beide sollten mit ihrer Methode Erfolg haben.

«Wir haben uns sehr rasch gefragt: Wie kommen wir aus dieser Krise wieder heraus?», erinnert sich Monika Rühl, Direktorin des Wirtschaftsdachverbandes Economiesuisse. «Es ging natürlich um die Gesundheit der Menschen, aber auch um die Verhinderung gesellschaftlicher Schäden und die Sicherung unseres Wohlstandes.»

Innerhalb des Verbands finden bilaterale Gespräche statt, virtuelle Treffen, grosse Telefonkonferenzen. Am Ende steht ein Plan, er heisst «Leben mit dem Virus. Schrittweise Rückkehr zur Normalität». Die Mitglieder von Economiesuisse formulieren drei Ziele: zusätzliche Verschärfungen vermeiden, die ersten Lockerungen auf möglichst viele Unternehmen ausdehnen und verhindern, dass die Bundesämter die Schutzregeln für die Wiedereröffnung diktieren.

Kurz nach Alain Bersets Interview im April gelingt es den Wirtschaftsvertretern, sich in Bern Gehör zu verschaffen: Nun suchen auch Bersets Mitarbeiter den Kontakt zu den Verbandsspitzen. Anfang April lädt der Bundesrat die Wirtschaftsvertreter in seinen Krisenstab ein. Economiesuisse- Präsident Heinz Karrer telefoniert regelmässig mit den einzelnen Bundesräten, andere Verbandsfunktionäre lassen ihre Kontakte in die Bundesverwaltung spielen.

Am Karfreitag, es ist der 10. April, schickt Economiesuisse schliesslich seinen Wiedereröffnungsplan nach Bern. Sechs Tage später beschliesst der Bundesrat die ersten Lockerungsschritte.

 

Casimir Platzer geht einen anderen Weg. Nach Ostern sitzt der Präsident des Gastronomieverbands wie Hunderte andere Hoteliers und Wirte vor Laptop und Fernseher, um die Pressekonferenz des Bundesrats live mitzuverfolgen. Für sie alle endet der Tag mit einer Enttäuschung. Der Bundesrat schmiedet Pläne für Coiffeure, Gärtner oder Zoos, aber die Restaurants und Hotels erwähnt er mit keinem Wort. Platzer bezeichnet das Schweigen des Bundesrats öffentlich als «Frechheit». Für Berner Verhältnisse ist das eine Eskalation. Aber dafür wird er gehört. Bersets Leute kontaktieren ihn und bitten ihn, weniger konfrontativ aufzutreten. Am 21. April trifft Platzer schliesslich den Gesundheitsminister und kann ihm seine Anliegen erklären.

Am 29. April wird die Wirtschaft erhört: Der Bundesrat hebt den Lockdown schneller auf als geplant. Ab dem 11. Mai können nicht nur Läden, Märkte und obligatorische Schulen, sondern auch Museen, Bibliotheken und Restaurants öffnen. Bundespräsidentin Simonetta Sommaruga begründet den überraschenden Entscheid mit dem Rückgang der Ansteckungszahlen. Vom zunehmenden Druck aus der Wirtschaft sagt sie nichts.

Presse: Tödliche Bakterien im Permafrost

In Sibirien ist es erstmals seit 75 Jahren zu einem Milzbrand-Ausbruch gekommen. Ein Kind ist an der von Anthrax-Bakterien verursachten Erkrankung gestorben. Insgesamt 23 Menschen wurden infiziert.

Das Leben von Nenzen, einem indigenen Volk im Nordwesten Sibiriens, dreht sich um Rentiere. Mit ihren Herden ziehen die Nomadenfamilien durch die menschenleeren, flachen Weiten der Tundra von einer Weide zur nächsten. Ihre Häuser und traditionelle Kleidung machen sie aus Rentierleder.

Im Winter gibt es keinen besseren Schutz vor arktischem Frost. Das Fleisch der Rentiere wird roh und gekocht gegessen. Ausgerechnet diese Nähe zu den Tieren machte die Hirtenfamilien anfällig für eine gefährliche Infektion, die von Huftieren übertragen wird, den Milzbrand – auch bekannt unter der Bezeichnung Anthrax.

Auf der nordsibirischen Halbinsel Jamal wurde im Juli der erste Ausbruch dieser Krankheit seit dem Jahr 1941 registriert. Mehr als 2300 Rentiere sind bereits daran gestorben. Das gefährliche Bakterium wurde auch auf Menschen übertragen. Ein zwölfjähriger Junge ist am Montag an Darmmilzbrand gestorben. Das war offenbar die Folge des Verzehrs von verseuchtem Fleisch.

Insgesamt rund 90 Menschen wurden in die Krankenhäuser der Region gebracht. Bei 23 von ihnen wurde Milzbrand diagnostiziert. Laut Ärzten handelt es sich in den meisten Fällen um eine Krankheitsform, die durch Hautkontakt zu den Tieren übertragen wird und Geschwüre an der Haut verursacht. Die zweite Form, an der auch der Junge gestorben ist, ist gefährlicher. In diesen Fällen treten bei den Erkrankten blutiger Durchfall und Erbrechen auf, das Sterberisiko ist höher. Die Kranken werden mit Antibiotika behandelt.

Das Ausbrechen der Krankheit begann in Sibirien nach einer außergewöhnlichen Hitzewelle. Im Juni und Juli kletterten die Temperaturen am Polarkreis auf 35 Grad. Anfang Juli meldeten die am See Jarojto lebenden Hirten, dass bei ihnen Dutzende und dann Hunderte Rentiere gestorben sind. Zunächst machten sie die direkte Einwirkung der Hitze dafür verantwortlich.

Doch das Tiersterben hörte nicht auf, als die Temperaturen zurückgingen. Am 23. Juli wurde in dem lokalen sozialen Netzwerk „Vkontakte“ ein Hilfeaufruf gepostet: „In der Nomadensiedlung am See Jarojto, bestehend aus zwölf Häusern, sind 1500 Rentiere gestorben, Hunde sind verendet. Überall stinkt es, Kinder haben Hautgeschwüre.“

Das Bakterium Bacillus anthracis wurde nachgewiesen

Die Menschen seien bis jetzt nicht evakuiert worden. In den Proben, die Behörden bei Kadavern genommen und in Labore geschickt haben, wurde der Milzbranderreger, das Bakterium Bacillus anthracis, gefunden.

Russische Experten gehen davon aus, dass es tatsächlich die große Hitze gewesen sein könnte, die zu dem Ausbruch der Infektion führte. Die Sporen von Bacillus anthracis können jahrzehntelang in Kadavern überleben, die im Permafrost begraben sind. Die ungewöhnlich hohen Temperaturen führten zum Auftauen des Bodens, sodass die Bakterien wieder zum Leben erweckt wurden. Sie konnten an die Erdoberfläche gelangen, dort steckten sich erste Tiere an.

„Der Klimawandel spielt hier eine große Rolle“, erklärte Viktor Malejew, ein leitender Epidemiologe der russischen Verbraucherschutzbehörde, dem britischen Radiosender BBC. „Im Boden wurden vor Jahren tote Tiere begraben. Doch aufgrund des Permafrosts wussten wir lange Zeit nicht, was sich dort alles verbirgt.“

Solche Orte mit alten verseuchten Tierkadavern können nach Einschätzung von Experten auch noch nach 100 Jahren gefährlich sein. Der globale Klimawandel und das dadurch verursachte Auftauen des Permafrostbodens haben also mit großer Wahrscheinlichkeit zu dem Krankheitsausbruch geführt.

Spezialeinheit der Armee verbrennt Tote Rentiere

Nachdem den regionalen Behörden das Ausmaß der Gefahr bewusst geworden war, wurde in der betroffenen Region Quarantäne ausgerufen. Hirtenfamilien wurden evakuiert, sie mussten alle ihre Habseligkeiten in der Tundra lassen. „Stellen Sie sich vor – in einem Moment haben die Menschen alles verloren, den ganzen Besitz, ihre Häuser und Rentiere“, erzählte eine Bewohnerin im regionalen Fernsehen. Nun bekommen die betroffenen Familien Hilfe von Behörden und auch privaten Spendern.

Eine Spezialeinheit der russischen Armee, die für den Schutz vor biologischen Waffen zuständig ist, wurde in die Tundra geschickt. Das russische Fernsehen zeigte Soldaten in ABC-Schutzkleidung, die sich darauf vorbereiteten, mit Anthrax verseuchte Kadaver von Rentieren zu verbrennen.

Ein General erzählte, er wisse nicht, wie lange es noch dauern könne, bis das ganze Ausbruchsareal desinfiziert ist. Tote Rentiere seien im Umkreis von zehn Kilometern um die Nomadensiedlung zu finden. Den Hirten war ja nichts anderes übrig geblieben, als die Gefahrenzone zu verlassen und die Kadaver in der Tundra liegen zu lassen. Nun werden die Soldaten sie alle aufspüren und entsorgen müssen.

40.000 Rentiere wurden geimpft

Die Gegend wurde vom Militär abgesperrt. Vorsorglich sind überdies Impfstoffe für Mensch und Tier in die Region gebracht worden. Nach offiziellen Angaben der Behörden wurden bislang schon rund 40.000 Rentiere geimpft.

Außerdem will man bei dieser Gelegenheit auch nach jenen Orten suchen, an denen vor Jahrzehnten verendete Tiere begraben wurden. Auch dort könnte es theoretisch zu einer Freisetzung von Milzbranderregern zu einem späteren Zeitpunkt kommen.

Milzbrand ist in erster Linie eine Krankheit von Tieren. Sie kann aber auch vom Tier auf den Menschen übertragen werden. Die Übertragung von einem Menschen zum anderen ist allerdings sehr unwahrscheinlich.

Das todbringende Bakterium ist im 20. Jahrhundert in Militärlabors sehr gut erforscht worden, da es grundsätzlich auch als biologische Waffe eingesetzt werden kann. Für einen derartigen Angriff würde man Bakterien in der Luft als Aerosol versprühen. Sie können dann in die menschlichen Atemwege eindringen und zu Milzbrand führen.

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Interview Magazin Persönlich

Serie zum Coronavirus

«Ich lebe ständig in Quarantäne»

Im Teil 18 unserer Serie: Der Basler Erfolgsautor Claude Cueni ist jeden Winter in der Quarantäne. Deswegen kann er über die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel nur lachen.

von Matthias Ackeret

Herr Cueni, wie fest beeinträchtigt die Krise Ihren persönlichen Alltag?
Seit meiner leukämiebedingten Knochenmarktransplantation vor elf Jahren bin ich immunsupprimiert, um weitere Organabstossungen zu verhindern. Ich verbringe deshalb freiwillig jeden Winter in Quarantäne. Im August war eine Behandlung auf der Intensivstation notwendig. Seitdem lebe ich einer Dauerquarantäne. Das ist der Preis fürs Überleben. Ich habe das als neue Normalität akzeptiert und abgehakt. Wenn Angela Merkel nach ihrer 14-tägigen Quarantäre sagt: «14 Tage allein zu Hause, das ist nicht leicht», dann kann ich nur lachen.

Also hat das Ganze keinen Einfluss auf Ihr Leben …
Die Pandemie hat durchaus einen Einfluss auf meinen Alltag. Alle vier Spitäler, in denen ich seit Jahren in Behandlung bin, haben die Termine auf unbestimmte Zeit verschoben. Das ist unangenehm, weil man ja laufend mein Blut kontrollieren und die Medikamente anpassen muss. Angenehm ist hingegen, dass meine Frau unbezahlten Urlaub genommen hat und mir Gesellsellschaft leistet. Sonst hätte das Risiko bestanden, dass sie mir das Virus nach Hause bringt. Ich geniesse jetzt jeden Mittag ihre asiatische Küche und mache mich als «human selfie stick» nützlich, wenn sie ihre Videos dreht.

Sie sind Schriftsteller. Was ist der Einfluss auf Ihre Tätigkeit?
Keinen. Es ist alles eine Frage der Einstellung. Ich brauche keine optimalen Bedingungen, um kreativ zu sein. Ich hatte nie welche. Hätte ich darauf gewartet, hätte ich keinen einzigen Roman geschrieben.

Gibt es Ihnen sogar Inspiration?
Literatur ist immer auch Selbsterfahrung. Seit frühester Kindheit inspiriert mich alles was ich sehe, höre oder lese zu neuen Geschichten. Ich bin mein eigener Hofnarr und damit sehr glücklich.

Sie haben über vieles geschrieben, aber haben Sie sich einmal so etwas wie die jetzige Situation vorgestellt?
Ja. Ich muss mich seit meiner Leukämieerkrankung mit Viren, Bakterien, Keimen und dem Immunsystem beschäftigen. Das hat mich zum Roman «Genesis – Pandemie aus dem Eis» inspiriert, der am 20. Juli bei Nagel & Kimche erscheint. Ich schrieb ihn bereits ein Jahr vor dem Ausbruch der Conora-Pandemie. Für mich war immer klar, dass nicht Meteoriten, Ausserirdische oder die Klimaerwärmung das grösstmögliche Unglück für die Menschheit darstellen, sondern eine Pandemie. 

Lesen Sie in der heutigen Zeit?
Auch hier hat sich nichts geändert. Meine Medikamente haben starke Nebenwirkungen. Spätestens um 2 Uhr muss ich aufstehen und beginne meinen Arbeitstag mit meinem Rehab-Programm. Dann verfolge ich das Geschehen an den asiatischen Börsen. Über den Tag verteilt lese ich jeweils circa drei Stunden die internationale Presse. Diese Woche lese ich die Druckfahnen von «Genesis», und anschliessend lese ich das neue Manuskript «Hotel California», bevor ich es meinem Agenten zur Prüfung schicke.

063 Blick »Howgh, Hallo & Hi«

 

Der Stamm der Lakota Sioux grüsste meistens mit «Howgh», einer Kurzform von «Hau kola» (Hallo Freund). Das wichtigste Begrüssungsritual bestand jedoch nicht aus Worten, sondern aus einer Geste. Mit der erhobenen, offenen Hand signalisierte man: Ich bin unbewaffnet.

In den meisten asiatischen Ländern wird bei der Begrüssung Körperkontakt vermieden: In Japan gilt die respektvolle Verbeugung, in Thailand begrüsst man sich mit dem Buddhisten-Gruss «Wai», man faltet zusätzlich die Hände vor der Brust, und in Indien praktizieren vor allem Hindus das sehr ähnliche «Namaste».

Begrüssungsrituale sind nicht nur kulturell bedingt, sondern unterliegen auch dem Zeitgeist. Wer hätte vor 50 Jahren seinen Chef mit Vornamen begrüsst oder den dreifachen Wangenkuss praktiziert? Kinder wurden noch dazu angehalten, Erwachsenen artig die Hand zu schütteln. Seit Covid-19 wird davon abgeraten.

Eine US-Untersuchung stellte fest, dass in den Handabstrichen der Studienteilnehmer Spuren von insgesamt 4742 Bakterienarten gefunden wurden. Lediglich fünf kamen bei allen Probanden vor. Je nach Immunsystem, Säuregrad der Haut und hormonellen Faktoren waren einige Bakterien harmlos, andere nicht.

Wer auf internationalen Flughäfen auf die Toilette geht, wird immer wieder beobachten, wie Fluggäste die WC-Anlagen verlassen, ohne sich die Hände gewaschen zu haben. Je nach Kultur sind die Hygienegewohnheiten sehr unterschiedlich. Auch in der Gastronomie.

Bargeld-Gegner wittern nun eine neue Chance, denn bei jedem Bezahlvorgang wechseln Banknoten mit circa 3000 Bakterienarten den Besitzer. Doch fast alle bisherigen Epidemien und Pandemien haben ihren Ursprung in den teilweise immer noch offenen Lebendtiermärkten, wo aufgrund der extrem unhygienischen Bedingungen Infektionskrankheiten von Tier zu Mensch übertragen werden.

Dass man in Zukunft Händeschütteln nur noch bei der Besiegelung wichtiger Vereinbarungen praktiziert, ist nicht verkehrt. Denn die nächste Pandemie kommt bestimmt.

Würden wir heute die Begrüssungsrituale ändern, wären sie für die nächste Generation selbstverständlich. Vielleicht gilt dann die japanische Verbeugung, eine Luftnummer von «Gimme five» oder einfach «Howgh» und Handy hochhalten.

Presse: Zombieviren aus dem Eis (Focus)

 

Könnte die nächste Pandemie aus dem Permafrost kommen? Davor warnen in der Tat einige Wissenschaftler. Denn das Schmelzen der Permafrostböden drohe Viren freizusetzen, die im Untergrund lauern.

© Focus 21.4.2020

Aufgrund der Erderwärmung tauen die arktischen Regionen, deren Böden dauerhaft gefroren sind, besonders schnell. Sie umfassen rund 25 Prozent der Landgebiete der Erde. Dabei wird organisches Material freigelegt, das auch Knochen und Gewebe von Tieren enthält, die seit Tausenden von Jahren im Permafrost konserviert sind. Sie können Mikroorganismen enthalten, die bei den steigenden Temperaturen aktiviert werden.

Hinzu kommt, dass sich in den Schmelzwassertümpeln oder -strömen, die in großer Zahl entstehen, neue Gemeinschaften von Mikroben bilden. Diese waren in Eis eingefroren, das kleine Klüfte im Boden füllte, und lagen teilweise jahrhundertelang gewissermaßen im Tiefschlaf. Das große Tauen erweckt sie nun zu neuem Leben.

Unlängst trafen sich mehr als 50 Forscher aus aller Welt zu einer Konferenz in Hannover, um zu diskutieren, was diese Auferstehung von „Zombieviren“ und anderen Mikroben für die Menschen sowie die Entwicklung künftiger Infektionskrankheiten bedeuten könnte. „Das Treffen sollte den Anstoß geben herauszufinden, was aus dem Permafrost auftaut, um uns zu töten“, sagte die Veterinärmedizinerin Susan Kutz von der kanadischen University of Calgary bei der Konferenz gegenüber Medienvertretern.

Viren waren noch nach 700 Jahren im Eis intakt und infektiös

Tatsächlich beschrieben belgische Biologen in einer Studie mit dem sinnigen Titel „Zurück in die Zukunft in einer Petrischale“ bereits 2017, welche Gefahr von im Permafrost eingefrorenen Mikroben ausgehen kann. Sie hatten im 700 Jahre altem Karibu-Kot zwei Viren gefunden, die sie im Labor wiederbeleben konnten.

Zwar handelte es sich um Erreger, die Pflanzen bzw. Insekten befallen, doch „bemerkenswerterweise waren diese Viren auch nach 700 Jahren im Eis noch intakt und infektiös“, schreiben die Autoren. „“In den letzten Jahren häuften sich die Hinweise, dass der Permafrost ein gigantisches Reservoir alter Viren und Mikroben ist, die aktiviert und wieder freigesetzt werden, wenn sich die Umwelt ändert.“ Schon zuvor hatten französische Biologen in einem Bohrkern mit 30.000 Jahre altem Eis ein Riesenvirus entdeckt, dem sie später zusehen konnten, wie es eine Amöbe befiel.

„Wahrscheinlichkeit, dass durch die Kombination dieser Faktoren eine Seuche ausbricht, ist sehr hoch“

Die Studienmitautorin Ellen Decaestecker von der Universität Leuven weist auf eine weitere Ursache für potenzielle Pandemien hin: Das immer tiefere Vordringen von Menschen in bis dahin unberührte Lebensräume in der Arktis, etwa um Rohstoffe auszubeuten, aber auch durch den Tourismus. „“Wir ändern die Umwelt durch die Fragmentierung von Lebensräumen und den Klimawandel sehr schnell“, so Decaestecker. „Die Wahrscheinlichkeit, dass durch die Kombination dieser Faktoren eine Seuche ausbricht, ist sehr hoch.“

Diese könne zwar auch Menschen betreffen, doch zuerst würden vermutlich Tiere befallen, befindet Decaesteckers Kollegin Kutz: „Da sie im Gelände verteilt sind und auch in Gebieten grasen, in denen der Permafrost taut, können sie als Indikator dienen und früh warnen, bevor Menschen betroffen sind.“ Deshalb gelte es auf Krankheiten oder andere Anzeichen bei Tieren zu achten. Da die Bewohner der Arktis, voran die indigenen Völker, sich vielfach von den Tieren ernähren, seien auch sie den Erregern ausgesetzt.

Dass die Warnungen nicht aus der Luft gegriffen sind,  zeigt eine Milzbrand-Epidemie, die im Juli 2016 in Nordsibirien in einem Nomadenstamm ausbrach. Berichten der „Siberian Times“ zufolge wurden insgesamt 72 Menschen in Krankenhäuser gebracht, ein zwölfjähriger Junge starb. Zudem fielen dem Milzbrand-Erreger „Bacillus anthracis“ nach Angaben der Behörden 2300 Rentiere zum Opfer. Es war der erste Ausbruch seit 75 Jahren.

Der Erreger könnte von Tieren stammen, die vor 70 Jahren an Milzbrand verendet waren. Ihre Kadaver versanken im Permafrostboden, der im Sommer an der Oberfläche auftaut. Seitdem ruhten die toten Tiere im Eis – bis sie durch die steigenden Temperaturen wieder freigelegt wurden. Hinzu kam damals eine Hitzewelle im nördlichen Sibirien mit Temperaturen zwischen 25 und 35 Grad, die über vier Wochen lang anhielt.

Die Hitze, vermuten Forscher, reaktivierte die Sporen des Bacillus anthracis, die im Eis hundert und mehr Jahre überdauern können. Sie wurden auf Weideflächen geweht, wo sie Rentiere infizierten, die sich dort zur Sommerweide aufhielten. Die Nomaden wiederum steckten sich durch das Fleisch erkrankter Tiere an.

Allerdings kamen Wissenschaftler um den Mikrobiologen Karsten Hueffer von der University of Alaska Fairbanks in einer weiteren Studie zu dem Schluss, dass das Ende des russischen Anthrax-Impfprogramms im Jahr 2007 bei dem Ausbruch eine größere Rolle spielte als der warme Sommer.

Neben den schlagzeilenträchtigen Zombieviren drohen den Arktis-Bewohnern noch weitere gesundheitliche Gefahren. Denn durch die globale Erwärmung wandern viele Tier- und Pflanzenarten nach Norden. Sie könnten neue Krankheitserreger in die Arktis einschleppen. Dort sind die Gesundheitssysteme in der Regel aber nur schwach ausgebaut.

Das kanadische Internetportal „The Narwhal“ nennt ein Beispiel: Zu den sich nordwärts ausbreitenden Arten zählt der Biber. Die Nagetiere sind aber oft von Parasiten (sogenannte Giardien) befallen, die das „Biberfieber“ auslösen. Es geht mit starkem Bauchweh und heftigen Durchfällen einher. Der Erreger kann auch Menschen befallen. Deshalb wird es zunehmend gefährlich, Wasser direkt aus arktischen Gewässern zu trinken, wie es viele Leute dort tun.  Zudem wandern die Stechmücken, die das West-Nil-Virus übertragen, immer weiter nach Norden.

Zugleich nimmt die Bevölkerung durch den Bau neuer Straßen, die Einrichtung von Minen und die Rohstoffexploration Erdöl ständig zu. Die aus dem Permafrost freigesetzten oder eingeschleppten Erreger treffen somit auf immer mehr potenzielle Wirte. Diese Entwicklung betrifft auch viele Tiere – etwa das Karibu. Dessen Bestände in Nordamerika sanken in den vergangenen 25 Jahren um rund 40 Prozent. Ursache des Niedergangs ist unter anderen die Verbreitung von Parasiten, die sich im Magen-Darm-Trakt der Tiere festsetzen. „Die Rolle von Infektionskrankheiten dabei wurde lange übersehen, und der Klimawandel facht dieses Feuer noch an“, konstatiert die Tierärztin Kutz. 

In einer Hinsicht gibt die kanadische Forscherin aber Entwarnung: Auf der Basis der bisherigen Beobachtungen erscheine es unwahrscheinlich, dass aus dem Permafrost so ansteckende und tödliche Seuchen wie aktuell Covid-19 entstehen. Dafür gebe es einen anderen Grund zur Sorge. Die tauenden Böden könnten Bakterien oder Viren enthalten, denen der Mensch bisher nicht nicht begegnet ist – oder aber solche, auf die er mit desaströsen Folgen traf, wie etwa die Spanische Grippe von 2018. Dann sei er ihnen ziemlich schutzlos ausgesetzt, jedenfalls so lange, bis es Medikamente oder einen Impfstoff gibt.

Interview Nationalmuseum

Interview mit Claudia Walder / Mai 2020

Einführung

Claude Cueni ist erfolgreicher Autor und hat gesundheitsbedingt bereits Quarantäne-Erfahrung. Am 17. August erscheint bei Nagel & Kimche sein neuer Wissenschafts-Thriller «Genesis – Pandemie aus dem Eis». 2021 wird sein historischer Roman «Das grosse Spiel» verfilmt.

Persönliches

  1. Herr Cueni, Sie sind erfolgreicher Autor und wurden in einem Interview als «Quarantäneprofi» bezeichnet. Haben Sie Tipps für «Ungeübte»?

Wer jammert, sollte sich bewusstwerden, dass eine Quarantäne mit vollem Kühlschrank, Internet und Netflix eine Luxus-Quarantäne ist. In armen Ländern können sich die Leute nicht einmal Hamsterkäufe leisten.

Grundsätzlich ist eine Tagesstruktur hilfreich, egal ob man um 5 Uhr oder um 9 Uhr aufsteht: Fitness, Online-Zeitungen, Kontaktplfege über die sozialen Medien, in der Küche Neues ausprobieren. Und endlich mal den Keller aufräumen. Alles kann hilfreich sein.

  1. Hilft Ihnen die Isolation beim Schreiben – oder das Schreiben in der Isolation?

Weder noch. Ich kann rasch in meine Geschichten abtauchen und alles um mich herum ausblenden. Ich brauche keine optimalen Bedingungen zum Schreiben.

  1. Wenn Sie ein Charakter in einem Ihrer Bücher wären, wie würden Sie sich beschreiben?¨

In meinem autobiographischen Roman »Script Avenue« finden Sie einen Beschrieb auf 640 Seiten, ein Leben zwischen Tragödie und Comedy.

  1. In welcher literarischen oder filmischen Geschichte würden Sie sich gerne wiederfinden?

In keiner. Ich habe mich mittlerweile an mich gewöhnt.

  1. Sie sind 2019 Grossvater geworden, welches ist das erste Buch, das Sie Ihrer Enkelin schenk(t)en?

Ich arbeite noch daran. Es heisst »Hotel California – One more thing for Elodie«. Die zweite Fassung ist fertig. Es beinhaltet die Dinge, die ich meiner Enkelin noch gerne gesagt hätte, wenn sie erwachsen ist. Sie ist gerade ein Jahr alt geworden.

  1. Ihr neustes Buch «Genesis» trägt den Untertitel «Pandemie aus dem Eis». Zufall?

Da ich seit zehn Jahren immunsuprimiert bin, sind mir die Themen Viren und Bakterien vertraut. Ich war immer der Meinung, dass das grösstmögliche Unglück nicht Kriege, Meteoriteneinschläge, Klimaerwärmung oder Negativzinsen sind, sondern eine Pandemie, weil eine solche nicht auf Regionen beschränkt ist. Das fertige Manuskript wurde von meiner Literaturagentur bereits im Oktober 2019 an der Frankfurter Buchmesse den Verlagen angeboten. Geschrieben hatte ich es in den zwölf Moanten davor. Also weit vor dem ersten Auftritt von Covic-19.

  1. Wenn Sie das Geschehen in Ihrem Buch mit der jetzt eingetroffenen Situation vergleichen, was haben Sie sich anders vorgestellt? Was ist eingetroffen?

Auch bei mir ist der Auslöser eine Zoonose, also eine Übertragung von Tier zu Mensch. Der Fokus liegt aber nicht auf einem Horror-Szenario im Stil von Steven King, sondern auf einer indischen Köchin, die vor einer Zwangsheirat nach London flüchtet, eine zugelaufene Ratte dressiert und sich infisziert ohne selber daran zu erkranken.

Womit ich nicht gerechnet habe: Dass viele Schwerkranke aus Angst vor Ansteckung eine dringend notwendige Spitaluntersuhung verschieben und so den Zeitpunkt verpassen, wenn der Krebs noch keine Metastasen gebildet hat.

  1. Sehen Sie in der Corona-Krise auch positive Aspekte?

Jede grosse Krise ist ein Crash-Kurs in Philosophie. Sofern man lernfähig ist. Für mich hat sich nicht viel geändert. Da mir meine Frau keinen Virus nach Hause bringen will, hat sie unbezahlten Urlaub genommen und sich in Co-Quarantäne begeben. Wir haben es sehr gut miteinander.

  1. Mit welcher Persönlichkeit (real, historisch oder fiktiv) würden Sie gerne chatten/skypen – oder Briefe austauschen?

Mit John Law of Lauriston, dem Mann, der Geld aus Papier erfand und nie aufgab. Die Romanverfilmung hätte dieses Jahr beginnen sollen, aber eine Filmcrew hat mehr als fünf Personen und am Hof des Sonnenkönigs sollten nicht alle Darsteller einen Mundschutz tragen.

  1. Welche Frage würden Sie gerne einmal gestellt bekommen (bekommen Sie aber nie)?

Ich bin nicht so interessant, dass die Öffentlichkeit noch mehr über mich erfahren müsste.

Museum

  1. Welche Gedanken verbinden Sie spontan mit dem Begriff «Museum»?

Zeitreisen. Neues Lernen. Wissen ist sexy.

12. Besuchen Sie Museen lieber real oder virtuell? Und weshalb/wann welches?

Unbedingt real. Regelmässig besuche ich das Gelände des Römermuseums in Augusta Raurica, das Landesmuseum, wenn ich in Zürich bin und das British Museum in London. Aber ich mag auch skurrile Museen wie das Henkermuseum in Liestal.

  1. Was müssen Museen tun, um Sie in Zeiten der Isolation zu erreichen bzw. relevant für Sie zu sein?

Interesse wecken, neugierig machen. Egal ob es eine Ausstellung zum Thema »Guillotine«, »Reisen in der Antike« oder »Zinnfiguren« ist. In Corona-Zeiten müsste es virtuell sein. Man nutzt Zeit und Budget aber besser für eine reale Ausstellung nach Ablauf des Lockdowns.

  1. Was sollte ein historisches Museum heute sammeln, um in Zukunft einmal die Corona-Krise darstellen zu können?

Ein begehbarer Supermarkt mit leeren Regalen, im OFF Nachrichten, in jedem neuen Ausstellungsraum ein vermummter Aufseher, ein Bett auf einer Intensivstation, ein Grabmal nach der Vorlage von Auguste Bartholdis Voulminot-Skulptur in Colmar, ein Rehrudel in einer leeren Bar, ein Kurier auf dem Velo, Food-Delivery. Ein Vergleich mit anderen Pandemien in chronologischer Folge.

  1. Welches ist Ihr Lieblingsmuseum? Welche ist Ihre Lieblings-Museumwebseite? (Sind ja nicht unbedingt das Gleiche.)

Mein eigenes Museum war mir natürlich stets am liebsten. Ich hatte zahlreiche Schaufensterpuppen historisch korrekt eingekleidet und im Wald hinter dem Haus eine römische Mansio gebaut, eine römische Herberge. Der Architekturhistoriker Otto Lukas Hänzi hatte sie entworfen. Die meisten Gegenstände stammten aus Werkstätten, die normalerweise für Museen arbeiten. Es gab einen Keltenwald mit Totenköpfen in den Bäumen, ich wollte das alles der Öffentlichkeit kostenlos zur Verfügung stellen, aber der Kanton hat mir dann verboten, im eigenen Wald weiterzubauen.

Nachhaltig beeindruckt hat mich vor 20 Jahren auch der vor acht Jahren umgebaute »MuséoParc Alésia« im Burgund mit den nachgebauten Belagerungsringen um Alesia im Maßstab 1:1.

Meine Lieblingswebseite ist natürlich die vom Money Museum in Zürich. Die Geschichte des Geldes ist ja auch die Geschichte der Zivilisation und Thema meines Romans über die Erfindung des Papiergeldes.

  1. Gibt es ein Museum, in dem Sie oder ein Werk von Ihnen zu finden sind?

In diversen Römermuseen gab es jahrelang meine Dramatisierung des Gallischen Krieges im Museumshop (»Cäsars Druide / Das Gold der Kelten«). Aber ob das heute noch so ist, weiss ich nicht. Ich denke nicht.

  1. Welches Museum wäre das perfekte Setting für einen Roman / einen Film?

Auf jeden Fall das Landesmuseum. Kein anderes. Ich hatte dort vor 20 Jahren eine Buchvernissage. Mir gefiel die Stimmung in den Sälen nach Einbruch der Nacht.

  1. Stellen Sie sich vor, Sie dürften eine Ausstellung gestalten. Was würden die Besucher zu sehen bekommen? Wie würde die Ausstellung heissen? Und wäre sie real oder virtuell?

»Geschichte als Geschichte erzählen«. Auf jeden Fall real. Jeder Raum eine Epoche mit Schauspielern in historischen Kostümen, die sich untereinander unterhalten, aber nicht mit dem Publikum kommunizieren. Vor dem Gebäude eine historische Strassenkantine mit Fastfood nach damaligen Originalrezepten.

  1. Was war der eindrücklichste Moment, den Sie je in einem Museum erlebt haben?

Das war im History Museum in Hongkong. Es war deshalb eindrücklich, weil es grossartig gestaltet ist und diese Kultur für mich damals neu war. Eindrücklich war auch ein Besuch im Bartholdi-Museum in Colmar. Ich stiess auf ein Gemälde von Charles Bartholdi, dem erfolglosen Bruder des weltberühmten Auguste Bartholdi, der die Freiheitsstatue erschuf. Ich fragte mich, wieso sich die Brüder, beide Kunstmaler, nicht gegenseitig gemalt hatten und erkundigte mich bei der Konservatorin. Sie kopierte mir Briefe der Mutter. Darauf habe ich den Roman »Gigangen« neu geschrieben, die Rivalität der Brüder wurde ein zentrales Thema.

  1. In welchem Museum sollte man sich in 100 Jahren an Sie erinnern? Und weshalb?

In keinem. Ich gehöre nicht zu den Autoren, die sich wahnsinnig wichtig nehmen. Sobald ich tot bin, existiere ich nicht mehr. Und aus die Maus.

 

062 Blick »Die Frau, die niemals aufgab«

 

1761 verbrachte Joseph Grosholtz eine Winternacht in den Armen von Anne-Maria Walder, sie wurde schwanger, und Josef zog in den Siebenjährigen Krieg. Als seine Tochter Marie geboren wurde, lag er bereits erschossen auf den Schlachtfeldern der Grossmächte.

Die junge Witwe zog mit der kleinen Tochter nach Bern, erwarb die Schweizer Staatsbürgerschaft und arbeitete als Hausmädchen für den Arzt Philippe Curtius. Er modellierte für den Anschauungsunterricht menschliche Organe in Wachs. Ein Cousin des französischen Königs wurde auf ihn aufmerksam und bot ihm ein Atelier in Paris an. Zusammen mit seiner Patchwork-Familie zog er an die Seine. Die kleine Marie überraschte mit ihrem Talent und schuf bereits als Teenager ein eindrückliches Wachsporträt von Voltaire.

Während der Französischen Revolution stürmten Aufständische das entstehende Wachsfigurenkabinett und forderten die Herausgabe der in Ungnade gefallenen Zeitgenossen. Die Revolutionäre spiessten die Köpfe auf und trugen sie skandierend durch die Strassen. Im Gegenzug, so die Legende, erhielt Marie echte Köpfe zum Nachmodellieren: Die unter der Guillotine abgetrennten Häupter von Ludwig XVI., Marie Antoinette, Danton und später Robespierre.

Als Curtis starb, erbte Marie die Sammlung und heiratete 1795 den Ingenieur François Tussaud. Dieser war allerdings mehr dem Alkohol als dem Maschinenbau zugeneigt. Die resolute Marie trennte sich von ihm und floh vor dem nächsten Krieg mit ihrem kleinen Sohn nach England.

Nachdem sie 33 Jahre lang mit ihren Wachsfiguren an Jahrmärkten aufgetreten war, eröffnete die mittlerweile 74-Jährige ihr weltberühmtes Museum in London und starb fünfzehn Jahre später. Sie musste nicht mehr miterleben, wie während des Zweiten Weltkriegs deutsche Bomben ihr Kabinett in Brand setzten und ihre Wachsfiguren dahinschmolzen.

Mittlerweile ist Madame Tussauds ein internationaler Konzern mit 23 Niederlassungen und investiert in andere Branchen, da die neuen 3D-Drucktechnologien das alte Geschäft bedrohen. Mit lebensechten 3D-Ganzkörperporträts in farbiger Gips-Keramik bedienen junge Start-ups die narzisstische Gesellschaft: jeder ein Unikum, jeder ein Star und erst noch hitzebeständig.

061 Blick »Besiegte ein Bakterium Napoleon?«

Die Schlacht fand am 18. Juni 1815 in der Nähe des damals niederländischen Dorfes Waterloo statt. Der britische General Wellington besiegte gemeinsam mit dem preussischen Generalfeldmarschall Blücher Napoleons Armee und schickte den Korsen in die Verbannung.

Auf der Atlantikinsel St. Helena erlebte Napoleon sein endgültiges Waterloo: Er starb, fiel womöglich dem Bakterium Helicobacter pylori zum Opfer. Zwei Haare stützten zwar Verschwörungstheorien, wonach er mit Arsen vergiftet worden sei, doch erwiesen ist lediglich, dass sein Hut heute im Deutschen Historischen Museum ausgestellt ist.

Der Name Waterloo, mittlerweile ein Synonym für eine vernichtende Niederlage, überlebte in vielfältiger Art und Weise. Er inspirierte Songwriter (Abba 1974) und war weltweit Namensgeber für über zwei Dutzend Städte. In London tragen ein Bahnhof und eine U-Bahn-Station den Namen, sehr zum Ärger der französischen Regierung. Sie verlangte eine Umbenennung, vergebens. Kapitulieren ist nicht britisch. Weniger standhaft waren die Belgier. Auf Druck von Paris schmolzen sie 180’000 neue Euro-Münzen ein, die an Waterloo erinnerten.

Erhalten blieb uns auch das legendäre Filet Wellington, das sich der Freimaurer Wellington angeblich nach der Schlacht servieren liess. Nebst dem Filet im Teig bescherte Waterloo der Nachwelt auch den edlen Margaux Château Palmer, der es 1961 auf 99 Parker-Punkte brachte. Wellington hatte das französische Weingut seinem treuen General Charles Palmer geschenkt. Trotz enormer Anstrengungen erlebte dieser in den Rebbergen von Bordeaux ein finanzielles Waterloo. Gebodigt hatten ihn weder die Reblaus noch desertierte französische Soldaten, sondern die Bank, die ihm die Verlängerung der Hypothek verweigerte.

Nathan Mayer Rothschild war der Warren Buffett seiner Zeit und der grösste Financier des britischen Imperiums. Einige Autoren warfen ihm vor, dass er dank besseren Nachrichtenverbindungen früher von Napoleons Niederlage erfuhr und diesen Informationsvorteil an der Londoner Börse ausnutzte. Einer seiner Bankkunden, der Dichter und Journalist Heinrich Heine, notierte in seinem Buch «Lutetia» voller Bewunderung: «Geld ist der Gott unserer Zeit und Rothschild sein Prophet.»

 


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Somit endet meine Aktion.

15. Mai 2020

 

060 Blick »Faule Knochen«

© Blick 2020 / Folge 60 /   17.4.2020                                                                                                              

Faule Knochen

Nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges versuchte man zur Normalität überzugehen. Es wurde wieder Fussball gespielt, und das Fernsehen entwickelte sich allmählich zum Massenmedium, es gab plötzlich mehr Fernsehzuschauer als Rundfunkhörer. Die Krönung von Elizabeth II. am 2. Juni 1953 brach alle Rekorde, obwohl der Gründer der Filmproduktionsgesellschaft 20th Century Fox behauptet hatte, dass sich das Fernsehen niemals durchsetzen würde: «Die Menschen werden sehr bald müde sein, jeden Abend auf eine Sperrholzkiste zu starren.»

Ermüdet haben die TV-Zuschauer aber nicht die flimmernden Holzkisten, sondern die Bedienung des Fernsehgeräts, weil man zum Umschalten aufstehen musste. Einer dieser Couch-Potatoes entwickelte deshalb für die Firma Zenith eine Fernbedienung mit Kabel. Er nannte sie treffend «Lazy Bones» (Faule Knochen). Nachdem er zu Hause ein paar Mal über das Kabel gestolpert war, erkannte er ein gewisses Verbesserungspotenzial.

«Lazy Bones» wurde begraben, und sechs Jahre später eroberte der kabellose «Space Commander» die Wohnstuben. Dank der inflatorischen Zunahme an neuen TV-Kanälen wurde das schmale Gerät zur Standardausrüstung, und Kinder wurden nie mehr als menschliche Fernbedienung missbraucht.

Die Zapping-Kultur brachte eine ganze Generation ungeduldiger Zappelphilipps mit verminderter Aufmerksamkeit hervor. In den Printmedien wurden die Texte kürzer, die Bilder grösser, und Filme starteten gleich mit einer dramatischen Szene und integriertem Vorspann.

Die Kurzvideo-Plattform Tiktok erlaubte gerade mal eine Länge von 15 Sekunden. Textnachrichten schrumpften, Emojis wurden die Hieroglyphen der Neuzeit, und die Nutzer fühlten sich wie allzeit vernetzte Space Commander. Je mehr Zeit sie einsparten, desto weniger hatten sie übrig.

Die Nachfahren der «Lazy Bones» gehen nun in Rente. Geräte werden mit der Sprache gesteuert. Geblieben ist die Zapping-Kultur. Jeder ist sein eigenes Medienhaus, sein eigener Zensor. Was nicht sofort überzeugt, wird weggezappt. Auch Jobs, Beziehungen und Kleingedrucktes. Im Wilden Westen bedeutete «zapped» abgeknallt.

059 Blick »Das Viagra der Antike«

«Mir wäre es lieber gewesen, du hättest nach Knoblauch gestunken», soll Kaiser Vespasian einem parfümierten Offizier gesagt haben. Die Gewürzpflanze war das Pesto der römischen Antike und gehörte zur Tagesverpflegung der Legionäre. Sie schleppten auf ihren Gewaltsmärschen dreissig Kilo Gepäck und verbrauchten 10 000 Kalorien am Tag (das Wort Burnout wurde erst 1974 erfunden). Die Soldaten waren anfällig für blutige Füsse und Verletzungen der gröberen Art. Die Pflanze galt als entzündungshemmend und wurde zum Synonym für das Soldatenwesen.

Im Mittelalter wurde Knoblauch in Klöstern angebaut und bei Lungenentzündungen empfohlen. Während der Pest glaubte man gar, man könne mit Knoblauch die Seuche bekämpfen. Die Pest ging vorbei wie alle Pandemien, der Aberglauben ist geblieben.

1733 schrieb Johann Christoph Harenberg seine «Christlichen Gedanken über die Vampire» nieder und legte damit den Grundstein für die Fledermaus, die sich als neurotische Blutsaugerin mit Knoblauch-Phobie in Literatur und Film einnistete.

Einige Studien behaupten, Knoblauch sei wirksam bei Lungeninfekten, weil er die in der Knolle enthaltenen Öle über die Lunge ausscheidet. Für einen nachweisbaren Effekt müsste man allerdings täglich ein Kilo Knoblauch essen, dann hätte es sogar einen positiven Einfluss auf die Blutfette. Aber eher einen negativen auf das Eheleben.

Gerüchteweise hört man, das BAG prüfe die kostenlose Abgabe von Knoblauch zur Durchsetzung von Social Distancing. China könnte liefern. Mit jährlich 21 Tonnen decken sie 80 Prozent des weltweiten Konsums. Für den US-Markt wird der Knoblauch in Haftanstalten vorgeschält. Dabei gelangt der Saft unter die Nägel und verbrennt die Haut. Deshalb nehmen viele Zwangsarbeiter die Knollen in den Mund, schälen sie mit den Zähnen und spucken sie wieder aus.

Heute gilt die Gewürz- und Heilpflanze als Viagra des armen Mannes. Es ist empfehlenswert, dass man vorgängig einen gemeinsamen Apéro mit Moretum einnimmt. Das Knoblauch-Rezept hat uns Apicius hinterlassen, der Paul Bocuse der römischen Antike. Leider ohne Angaben der benötigten Menge an Fetakäse, Selleriegrün und Koriander. Vielleicht nutzen Sie die Pausen im Homeoffice, um es herauszutüfteln.

058 Blick »Drei Experten, drei Meinungen«

 

Falls Screenshot für Sie schlecht lesbar, bitte nach unten scrollen.

Gemäss einer Umfrage in den USA rauchten in den 1960er-Jahren die meisten Ärzte Camel, Zahnärzte empfahlen die Marke Viceroy, und Schlanke griffen zu Lucky Strike. Es gab für jeden Zigarettenhersteller den passenden Experten. Sechzig Jahre später gilt Rauchen als gesundheitsschädigend und wird mit Mundgeruch assoziiert. Meistens weiss man erst Jahrzehnte oder gar Jahrhunderte später, ob der damalige Zeitgeist irrte oder nicht.

Schwieriger ist es bei aktuellen Themen. Zerstört ultraviolettes Licht das Virus Covid-19? Herden-Immunität oder Social Distancing? Ausgangssperre ja oder nein? Beweist Taiwan, das «lediglich» 100 Infizierte hat und viermal grösser ist als die Schweiz, dass man nur mit einem sofortigen Lockdown die Pandemie eindämmen kann? Löst hingegen eine zögernde und führungsschwache Regierung italienische Verhältnisse aus? Für jede Massnahme gibt es einen Experten, der politische Entscheide wissenschaftlich absegnet.

Oft hört man: «Ich bin kein Experte, ich sage nur: Hört auf die Wissenschaft.» Aber wer wählt diese Experten aus? Jene, die laut eigenen Angaben wenig von der Sache verstehen?

Liest man täglich die Beiträge von Cash-Guru Fredi Herbert (83), stellt man fest, dass es für viele Aktien am selben Tag unterschiedliche Empfehlungen der Banken und Vermögensverwalter gibt: kaufen, halten, verkaufen. Am Ende wählt der Laie den Experten aus. Und somit auch die Aktie.

Es gibt zahlreiche Experimente, die das Expertenwesen auf die Schippe nehmen: Schimpansen, die bei der Auswahl von Aktien erfolgreicher sind als angestellte Bankenprofis; renommierte Verlage, die Manuskripte von längst publizierten Bestsellern ablehnen.

Heute wird deshalb vermehrt Software mit künstlicher Intelligenz eingesetzt. Aber es sind wiederum Menschen, die den Computer mit Daten füttern und diese gewichten. Und jeder Entwickler von Computerspielen weiss: Man kann so lange an den Algorithmen schrauben, bis das gewünschte Ergebnis vorliegt.

Am Ende des Tages ist man nicht nur auf eine möglichst grosse Anzahl unterschiedlicher Informationsquellen angewiesen, sondern auch auf den gesunden Menschenverstand. Soweit vorhanden.


Claude Cueni (64) ist Schriftsteller und lebt in Basel. Er schreibt jeden zweiten Freitag im BLICK, gestern veröffentlichten wir überdies seinen persönlichen Erfahrungsbericht aus der Quarantäne. Am 20. Juli erscheint im Verlag Nagel & Kimche sein neuer Roman «Genesis – Pandemie aus dem Eis».


 

Über die Quarantäne

 

© Blick 2020 / Foto: Dina Cueni 22.3.2020

Die Quarantäne macht aus einem das, was man zulässt

Der Schriftsteller und BLICK-Kolumnist Claude Cueni (64) lebt seit Jahren mit reduziertem Immunsystem – und seit Monaten in Quarantäne. Für ihn sind Jammern und Klagen keine Option. 


Nach dem Tod meiner damaligen Frau brach mein Immunsystem zusammen. Ich erkrankte an einer ALL-Leukämie. Eine Knochenmarktransplantation liess den Blutkrebs verschwinden, aber die fremden Blutstammzellen begannen meine Organe abzustossen. Diese Graft-versus-Host-Reaktion (GvHD) wurde chronisch und hat bisher 60 Prozent meiner Lunge abgestossen. Um diesen Prozess zu stoppen, wird das Immunsystem mit zahlreichen Medikamenten erfolgreich unterdrückt. Die Kehrseite: Mit reduziertem Immunsystem ist man anfällig für schwer verlaufende Infekte. Chemos, Bestrahlungen und mittlerweile über 40’000 Pillen haben Folgeerkrankungen ausgelöst.

SRF Skype Interview: Quarantäne

Das Coronavirus zwingt immer mehr Menschen ins Homeoffice oder sogar in die Quarantäne. Wie lange hält man das durch? Unter Umständen jahrelang, wie der Basler Schriftsteller Claude Cueni zeigt. Sein Immunsystem ist nahezu auf null. Das Skype-Gespräch führte Michael Perricone. Aufnahme: 11.3.2020 / Sendung 13.3.2020


Video


SRF: Herr Cueni, wie lange sind Sie jetzt schon in Quarantäne?

Claude Cueni: Ich bin seit Jahren über den Winter immer in Quarantäne – ich habe praktisch ein Generalabonnement. Ich bleibe in der Wohnung und gehe nicht raus. Ich habe keine Besucher.

Sie kommunizieren aber mit Leuten ausserhalb der Wohnung.

Natürlich. Ich habe Kollegen und Freunde, mit denen man sich austauscht, meistens über die sozialen Medien. Das geht prima.

Aber es ist schon eine Vereinsamung?

Ja, man wird zum Robinson. Aber ich bin ein Robinson mit einer grossartigen Frau, deshalb ist es nicht so schlimm.

 

Sie sind Schriftsteller, schreiben fast jährlich ein Buch. Was empfehlen Sie Leuten in Quarantäne, welche diese Inspiration nicht haben?

Man soll nicht auf Dinge fokussieren, die man nicht mehr tun kann, sondern darauf, was man tun kann. Es ist wie bei einer Speisekarte: Man findet dort keine Sachen, die man nicht bestellen kann. Man soll sich nicht wünschen, mit der Frau im Meer zu schwimmen oder mit dem Mountain-Bike im Elsass rumzufahren. Man muss solche Sachen einfach von der Liste streichen. Man macht sich bloss unglücklich, wenn man immer hadert.

 

Auch ins Ausland zu Reisen, ist für Sie seit Jahren keine Option mehr. Weshalb denn eigentlich?

Damit ich keine Keime oder Bakterien auflese. Diese Gefahr ist einfach zu gross. Ich war das Leben lang topfit, habe viel Sport gemacht. Aber nach dem Tod meiner ersten Frau bin ich an Leukämie erkrankt, hatte auch eine Knochenmarktransplantation. Die fremden Zellen stossen meine Organe ab, vor allem die Lunge. Deshalb erhalten Transplantierte Medikamente, die das Immunsystem unterdrücken, damit es keine Abstossungen mehr gibt. Nur ist man dann empfänglich für allerlei, teilweise sehr schweren, Folgeerkrankungen. Das ist der Preis fürs Überleben. Bei mir wurden mittlerweile 60 Prozent der Lunge abgestossen, deshalb schaffe ich keine Höhe 1500 Meter.

Was würde denn passieren, wenn Sie sich mit Corona anstecken?

(Lacht) Das wäre wahrscheinlich das Ende. Das ist ja auch die Befürchtung bei den meisten Hochrisikopatienten. Und sie haben den Eindruck, dass der Bundesrat die Grenzen erst dann schliesst, wenn alle AHV-Bezüger tot sind.

Sie finden, die Massnahmen des Bundesrates sind zu zögerlich. 

Absolut. Wenn jeden Tag 70’000 Grenzgänger hereinkommen (aus Italien, Anm. der Red.) und nur ein Prozent infiziert wäre, dann sind das 700 Leute. Und man argumentiert ja damit, dass man diese Leute auch für das Gesundheitswesen braucht. Aber wenn dieses auch durchinfiziert würde, dann hätte das überhaupt keinen Nutzen gehabt.

Dennoch wirken Sie gelassen. 

Der ganz wichtige Punkt für meine Gelassenheit ist, dass ich dann eine Sterbebegleitung in Anspruch nehmen kann, wenn es so weit ist. Das verstehen die Leute, die dagegen sind, leider überhaupt nicht. Es fehlt ihnen wohl an Lebenserfahrung oder an Empathie. Aber das ist genau die Option, die den Alltag erträglich macht.

Welche Hoffnungen haben Sie? Doch nochmals um die Welt zu reisen? 

(Lacht) Ich denke nicht so weit. Ich denke daran, was ich heute mache und was ich morgen mache.

Seit zehn Jahren sind Sie in dieser Situation. Gibt es da nicht auch Momente der Verzweiflung?

Selten. Aber natürlich, es kommt vor. Dem kann man mit Strategien begegnen: Ich gehe dann meistens an den Computer und schreibe an einem Roman weiter. Oder ich sitze auf dem Sofa und singe Lieder.

 

Sie singen Lieder?

(Lacht) Oldies aus den 70er und 80er Jahren. Denn man kann nicht gleichzeitig singen und sich Sorgen machen.

 

Spüren Sie auch eine Solidarität oder finden Sie, die Leute seien zu Unachtsam?

Ich hörte kürzlich eine TV-Moderatorin nach dem Tod eines Corona-Patienten sagen, der Mann sei bereits 76-jährig gewesen, also nichts, das einem beunruhigen könnte. Das gibt mir schon zu denken.

 

Zum Schluss: Am 20. Juli kommt ihr neuer Roman raus. Wovon handelt er?

Von einer Pandemie! Aber das ist reiner Zufall, das fertige Buch wurde bereits im Oktober an der Frankfurter Buchmesse den Verlagen angeboten. Geschrieben habe ich es in den zwölf Monaten davor.

 

Gibt es ein Happy-End?

Das verrate ich Ihnen doch nicht.

 

 

Interview Krebsliga: Quarantäneprofi

Claude Cueni – Quarantäneprofi

Schweizer Autor, 64 Jahre alt, lebt in Basel.

Claude Cueni – Sie erkrankten 2009 an einer akuten lymphatischen Leukämie (ALL), 2010 folgte eine Knochenmarktransplantation. Seitdem leiden Sie unter einer chronischen Graft-versus-Host-Disease (GvHD). Das heisst, bei Ihnen wird vor allem die Lunge abgestossen. Um dies zu verhindern, wird ihr Immunsystem künstlich niedergehalten. Das macht Sie anfällig für Infekte. Können Sie sich an den Moment erinnern, als Sie realisierten, dass es für Ihre Gesundheit am besten ist, in Quarantäne zu leben?
Seit 2009 verbringe ich jeden Winter freiwillig in der Quarantäne, aber als ich im August 2019 die Intensivstation verliess, sagten mir die Ärzte, ich müsse Infekte vermeiden, dann könne ich noch eine Weile leben, andernfalls könne es schnell vorbei sein. Seitdem lebe ich in einer Dauerquarantäne. Das ist der Preis fürs Überleben. Wenn auch ohne Garantie. Ich habe es rasch als Notwendigkeit akzeptiert und als neue Normalität abgehakt.

Was für Vorkehrungen haben Sie damals sofort getroffen?
Es bedeutet, dass man die Wohnung nur noch für Spitalbesuche verlässt und nach Beginn der Grippesaison keine Besuche mehr empfängt.

Welche Tipps können Sie anderen krebsbetroffenen Menschen geben, welche durch den Coronavirus nun auch nicht mehr in Kontakt mit anderen Menschen kommen sollten?
Die Krankheit macht mich nicht zum Experten. Ein strukturierter und abwechslungsreicher Tagesablauf mit Körperpflege, Fitness, Essenszeiten, Pilleneinnahme ist sicher hilfreich. Es braucht aber auch jemanden im nahen Umfeld, der einkauft und in der Apotheke die Rezepte einlöst. Wenn diese Person fehlt, liefern die Apotheken auch gerne nach Hause, die Grossverteiler sowieso, aber zurzeit gibt es Wartezeiten von ca. vier Wochen. Wenn Sie in der Nacht Krämpfe und Nervenschmerzen haben und früher aufstehen, was bei mir meistens der Fall ist, beginnt der Tagesablauf einfach zeitverschoben.

Claude Cueni, was machen Sie als Quarantäne-Profi persönlich gegen den Blues?
Ich singe Songs aus den 1970ern und 1980ern, denn man kann nicht singen und sich gleichzeitig sorgen. Songs, die man als Teenager gehört hat, öffnen das Tor zur Erinnerung. Man fühlt sich in die Zeit zurückversetzt als das Leben noch unbeschwert und frei von Krankheiten war. Jeder muss seine eigene Strategie finden. Songs sind ein Versuch wert. Online Bücher und Zeitungen lesen, Filme, Dokus und Serien schauen, Computerspiele, kochen… alles was ablenkt, kann hilfreich sein. Man muss sich nicht mit Dingen beschäftigen, die man eh nicht ändern kann. Ändern kann man nur die Einstellung dazu.

Vermissen Sie die Gesellschaft anderer Leute nicht?
Ja, manchmal, wenn jemand eine Mail schickt und schreibt, er würde mich gerne wieder einmal zu einem Kaffee treffen. Oder wenn ich interessante Einladungen erhalte. Aber ich hatte nie einen grossen Freundeskreis. Als meine erste Frau starb und ich sechs Monate auf der Isolierstation lag, konnte ich anschliessend meine Freunde an einer Hand abzählen. Niemand dachte, dass ich überlebe. Man stirbt im Bekanntenkreis meistens bevor man gestorben ist.

Wie pflegen Sie dennoch Kontakte?
Ich lebe seit zehn Jahren eine sehr harmonische Ehe mit meiner Frau Dina. Der wichtigste Aussenkontakt ist mein Sohn. Obwohl er als Strafrichter und Mitinhaber einer Anwaltskanzlei ein volles Programm hat, ruft er mich täglich mehrmals an und wir unterhalten uns eine oder zwei Stunden über Gott und die Welt. Wichtig sind auch die Kontakte über die sozialen Medien. Ich habe über Facebook zwei Freunde gefunden, die ich nicht mehr missen möchte. Über den Messenger tauschen wir uns täglich mehrmals aus und schicken uns interessante Zeitungsartikel. Wir haben viel Humor.

Was macht Isolation mit uns Menschen?
Das, was man mit sich machen lässt. Wenn man viel mit sich alleine ist, braucht es unbedingt eine „Second Opinion“, damit man seine Standpunkte überprüfen kann. Sonst kann man sich verrennen und wird ein schrulliger Kauz.

Die nächste Frage hat nichts mit Corona und Quarantäne zu tun, vielmehr mit Ihrer ursprünglichen Diagnose Krebs. Sind sie heute krebsfrei?
Die Leukämie ist bei mir schon sehr lange nicht mehr nachweisbar. Das Problem sind die Spätfolgen von Chemotherapien, Bestrahlungen und mittlerweile über 40.000 Pillen. Nebst Graft-versus-Host-Disease (GvHD) leide ich an einer „Bronchiolitis Obliterans“, einer rasch fortschreitenden Polyneuropathie und diversen anderen Spätfolgen.

Sehen Sie das Leben, wie Sie es heute führen, als Glück oder als Chance?
Weder Glück noch Chance. Ich kann einem Leben unter dem Damoklesschwert nichts Positives abgewinnen. Aber als Romanautor habe ich das Glück, in meine fiktiven Welten abtauchen zu können. Ich vergesse dann alles. Auch wenn ich nicht schreibe, denke ich über meine Figuren nach, als seien sie real. Ich bin seit frühester Kindheit mein eigener Hofnarr und sehr glücklich dabei.

Claude Cueni – gibt es etwas, dass die Krebsliga tun könnte, um Sie besser zu unterstützen?
Ich finde es sehr gut, dass es die Krebsliga gibt. Als ich an Leukämie erkrankte, sagte mir ein Frauenarzt, den ich erst seit einigen Monaten kannte: „Du brauchst jetzt einen Krankheits-Manager, du wirst bald nicht mehr in der Lage sein, bei all diesen Diagnosen und Behandlungen den Überblick zu behalten.“ Es braucht tatsächlich einen kompetenten Ansprechpartner ausserhalb des Spitalbetriebs, das kann auch die Krebsliga sein.

Ich wünsche allen Menschen, die an einem ähnlichen Schicksal leiden, vom Guten nur das Allerbeste.

Und wir wünschen Ihnen, lieber Herr Cueni, weiterhin viel Inspiration für Ihre Bücher. Mögen alle Viren von Ihren vier Wänden fernbleiben!

57 Blick »Göttliche Dienstleistungen«

In jungen Jahren schlenderte der «lose gegurtete» Dandy Julius Caesar ähnlich provozierend über das Forum wie heutige Träger herunterhängender Baggy Pants. Bis zum Start seiner politischen Karriere hatte er bereits 6,25 Millionen Denare Schulden angehäuft, das hätte damals ausgereicht für 12,5 Millionen Bordellbesuche.

Bereits im alten Rom waren Stimmen käuflich. Caesar finanzierte seine Wahl zum Konsul im Jahre 59 v.Chr. mit Darlehen und musste darauf einen Weg finden, seinen Schuldenberg abzutragen. Der Weg führte nach Gallien. Händler hatten immer wieder über das sagenhafte Gold der Kelten berichtet, das die «Barbaren» als Opfergaben in heilige Teiche und Flüsse warfen. Aus Respekt vor den Wassergöttern, Geistern und Dämonen war es deshalb verboten, in Gewässer zu pinkeln.

Sind heute geopolitische Strategien oder Bodenschätze oft ein Kriegsgrund, waren es in der Antike Gold, Sklaven und die Erweiterung des Reiches. Da es verboten war, ohne Einwilligung des Senats ausserhalb der Staatsgrenzen Krieg zu führen, konstruierte Caesar eine Bedrohung durch die von germanischen Stämmen bedrängten helvetischen Auswanderer und fischte mit seinen Legionen so erfolgreich in keltischen Gewässern und Tempeln, dass der Goldpreis in Rom um 25 Prozent fiel.

Dass man Gold in Flüsse, Weiher und Brunnen warf, sozusagen als Anzahlung für bestellte göttliche Dienstleistungen, war in der Antike weitverbreitet.

Die Tradition wird heute mit den beliebten Wunschbrunnen am Leben erhalten. Obwohl die meisten diesen Aberglauben belächeln, können sie dennoch nicht widerstehen, bei einem Rom-Besuch Münzen in den Trevi-Brunnen zu werfen und sich heimlich etwas zu wünschen.

Auch der Weiher vor dem weltberühmten Löwendenkmal in Luzern ist als Wunschbrunnen bei Touristen beliebt. Täglich werfen vor dem «traurigsten und bewegendsten Stück Stein der Welt» (Mark Twain) Ferienreisende Münzen ins Wasser.

Drei praktisch veranlagte Luzernerinnen wollten vor einem Jahr zukünftiges Glück nicht den Launen der Götter überlassen und fischten die Münzen heimlich aus dem Weiher. Sie durften das Geld behalten. Denn wer Geld wegwirft, gibt seinen Eigentumsanspruch auf.

Claude Cueni (64) ist Schriftsteller und lebt in Basel. Er schreibt jeden zweiten Freitag im BLICK. Seine ersten 50 BLICK-Kolumnen sind unter dem Titel «Die Sonne hat keinen Penis» erschienen.

56 Blick »Sind Sie eine Pizza?«

Der Entscheid fiel um drei Uhr nachts. Noch ahnten die Zyprioten nicht, dass ihr Sparvermögen in Gefahr war. Im entfernten Brüssel einigten sich im März 2013 die Finanzminister der Euro-Zone und der IWF auf eine «einmalige Rettungssteuer», um zypriotische Banken vor dem Kollaps zu bewahren. Alle Bankkunden sollten über Nacht einen Teil ihres Ersparten verlieren. Als die Menschen auf der Insel aufwachten, spuckten die Geldautomaten kaum noch Geld aus, Banken blieben geschlossen. Die «garantierte» Einlagensicherung: gestrichen.

Die Enteignung löste europaweit Entsetzen aus. Nach den Negativzinsen tarnt sich der nächste Angriff auf die Sparvermögen als Vorstoss für die Abschaffung des Bargeldes zwecks Bekämpfung der Kriminalität. Jean-Claude Juncker, Ex-Präsident der EU-Kommission, erläuterte einmal die Standard-Strategie: Wir beschliessen etwas und warten ab, was passiert. Wenn es kein grosses Geschrei gibt, weil die meisten gar nicht begreifen, was da beschlossen wurde, machen wir weiter.

Da bereits heute jeder Laden und jeder Kunde bestimmen kann, ob ein Kauf cash oder digital abgewickelt wird, braucht es keine Bevormundung. Die Abschaffung des Bargeldes erleichtert zukünftige Enteignungen per Mausklick. Man wird diese staatlichen Raubzüge als «einmaligen Klimarappen» deklarieren und laufend umbenennen.

1915 erhob der Bund wegen des Ersten Weltkriegs eine «direkte Bundessteuer», die er «Kriegssteuer» nannte, ab 1934 «Krisenabgabe», und nach Ausbruch des Zweiten Weltkriegs hiess sie «Wehrsteuer». Der Krieg ist vorbei, die direkte Bundessteuer ist geblieben.

Die bargeldlose Gesellschaft wäre auch die Voraussetzung für ein Punktesystem nach chinesischem Muster (Social Scoring), bei dem der gläserne Bürger wie eine Pizza bewertet und mit Punkten belohnt oder bestraft wird. Das digital bezahlte Rindsfilet wird nicht verboten, aber mit einer automatisch eingezogenen Klimaabgabe bestraft.

Man wird die Aufhebung des Datenschutzes damit begründen, dass dies zur Klimarettung notwendig ist, weil trotz aller Kampagnen nicht nur die Zahl der Flugpassagiere weiter steigt. Sinken wird das Vertrauen in den Staat, denn «Bargeld ist geprägte Freiheit» (frei nach Dostojewski).

© Blick 2020

EU-Protokoll / SRF vom 7.2.2020

srf.ch

– 07. Februar 2020 08:04

News – Schweiz

Rahmenabkommen mit Brüssel

EU erhöht den Druck auf Bundesbern

Ein Dokument, das Radio SRF vorliegt, zeigt klar auf: Brüssel will das Rahmenabkommen nicht mehr verhandeln.

Oliver Washington

In einem Protokoll hält die EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen fest, was sie mit Bundesrätin Sommaruga in Davos besprochen hat.

Das Dokument, das Radio SRF vorliegt, enthält pikante Details – etwa, dass ein Nachverhandeln des Rahmenabkommens von Brüssel abgelehnt wird.

Nach dem Spitzentreffen in Davos informierte die EU-Kommission die Mitgliedsstaaten der Europäischen Union darüber, was Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen und Bundesrätin Simonetta Sommaruga miteinander besprochen haben. Mit einem schriftlichen Sitzungsprotokoll das Radio SRF vorliegt.

Eine Bitte an Brüssel

Damit ist nun bestätigt, dass Sommaruga die EU-Politikerin von der Leyen gebeten hat, dass sich die Kommission bis zur Abstimmung über die Begrenzungsinitiative am 17. Mai nicht einmischen solle.

Der Bundesrat hat offensichtlich Angst, dass Äusserungen und Druckversuche aus Brüssel der SVP-Initiative Auftrieb verleihen könnten. Von der Leyen ihrerseits hat zugesichert, dass die Kommission Schweigen werde.

Nur wenige Tage Zeit für die Schweiz

Weiter bestätigt das Protokoll was bereits bekannt ist: Die EU-Kommission gibt der Schweiz nach der Abstimmung vom 17. Mai nur wenige Tage Zeit für ein klares Zeichen zum Rahmenabkommen.

Und von der Leyen betonte gegenüber Sommaruga auch, die EU sei bereit gewisse Punkte im Rahmenabkommen zu präzisieren – nicht aber den Text nachzuverhandeln.

Interessante Klammer im Protokoll

Interessant ist auch, was im Protokoll in einer Klammer nur beiläufig erwähnt ist: das Nein zu Nachverhandlungen widerspreche dem, was einzelne Bundesräte wohl erwartet hätten. Eine diplomatische Klammer, um zu sagen: sie haben es noch immer nicht verstanden – in Bern.

Umgekehrt könnte man sagen: der Bundesrat hat es noch nicht aufgegeben, das Abkommen eben doch nachzuverhandeln.

55 Blick »Elvis lebt!«

Eine Hausfrau aus Michigan begegnete 1988 einem aufgedunsenen Mann, der in einer Filiale von Burger King in Kalamazoo einen Hamburger verdrückte. Das Magazin «Weekly World News» brachte die sensationelle Story auf die Titelseite und erzielte damit die höchste Auflage ihrer Geschichte. Der Mann war angeblich der offiziell 1977 verstorbene King of Rock ’n‘ Roll.

Beim Beatle Paul McCartney war es umgekehrt. 1969 erschien in einer Studentenzeitung der University of Michigan ein Beitrag mit der Schlagzeile «Ist Paul McCartney tot?». Angeblich sollte er drei Jahre zuvor verstorben und seitdem auf Drängen des Managements durch einen Doppelgänger ersetzt worden sein. Dass der Linkshänder auf dem Cover von «Abbey Road» (1969) die Zigarette in der rechten Hand hält und barfuss über die Strasse geht, war ein klares Indiz dafür, dass McCartney im Reich der Toten spazieren geht.

Der Wissenschaftler David Grimes analysierte die populärsten Verschwörungstheorien – wie die geheimnisumwitterte Ufo-Raststätte Area 51 im militärischen Sperrgebiet nordwestlich von Las Vegas. Dort soll sich die Regierung der USA mit Ausserirdischen zum Lunch getroffen haben.

Grimes rechnete aus, dass die Nasa in den 1960er-Jahren beinahe eine halbe Million Mitarbeiter beschäftigte. Also auch Sekretärinnen, die geheime Dokumente kopierten, und unzufriedene Köche und Chauffeure. Je mehr Menschen an einem Geheimnis beteiligt sind, desto wahrscheinlicher ist es, dass es gelüftet wird. Spätestens auf dem Sterbebett würde ein Eingeweihter beichten, dass er mit einem Ausserirdischen einen Joint geraucht hat. Grimes errechnete eine Wahrscheinlichkeit von 95 Prozent und ein Verfalldatum für die Geheimhaltung von maximal drei Jahren und acht Monaten.

Neurologen halten Verschwörungstheorien für eine kreative Leistung des zentralen Nervensystems. Ist der Sauerstoffgehalt in einer bestimmten Hirnregion besonders hoch, erscheint diese auf dem Gehirnscan in gelben und roten Farben. Bei Verschwörungstheoretikern ist dieser Bereich, der für «magisches Denken» und Aberglauben verantwortlich ist, besonders stark durchblutet.

Falls Sie also morgen am Taxistand Michael Jackson begegnen, behalten Sie es gescheiter für sich.


© Blick 2020


 

54 Blick »Schwein gehabt«

Wer im Mittelalter kein Schwein hatte, musste sich mit fleischlosem Essen begnügen. Denn wo kein Schwein war, fehlte das Glück, und der Betreffende war «ein armes Schwein».

Aber auch wer Schwein hatte, war nicht immer glücklich darüber, denn bei Pferderennen und Armbrustwettbewerben erhielt der Viertplazierte als Trostpreis ein Schwein. Er musste damit zur allgemeinen Belustigung durchs Dorf laufen und den Spott ertragen. Er hatte somit Glück im Unglück, also nochmals: «Schwein gehabt».

Einige Historiker behaupten, das glückbringende Schwein sei einem Kartenspiel geschuldet, bei dem das Ass «Sau» genannt wurde. Zog man ein Ass, hatte man Schwein. Wahrscheinlich ist die Herkunft der Redewendung je nach Region unterschiedlich.

Ein niedliches rosa Schwein gilt heute als Symbol für Glück, Reichtum und Zufriedenheit. Auch im chinesischen Horoskop. Im Jahr des Schweins, das heute zu Ende geht, hat man wie üblich einen Anstieg der Geburtenraten verzeichnet. Für Juden und Muslime schwer verständlich, denn bei ihnen gilt das Schwein als unrein.

Im Mittelalter waren die meisten Menschen Analphabeten, und jene, die schreiben konnten, hatten oft eine Sauschrift, die «kein Schwein lesen konnte». Die Formulierung bezog sich jedoch nicht auf das Tier, sondern auf eine angesehene Gelehrtenfamilie namens Swien (Schwein), die manchmal Handschriften nicht entziffern konnte, worauf der enttäuschte Bittsteller klagte, dass «kein Schwein» (kein Swien) das Gesudel habe lesen können.

Während ein «Schwein» sowohl männlich als auch weiblich sein kann und als Beschimpfung gilt, ist die vulgäre Steigerungsform Sau weiblich, und das ist aus feministischer Sicht doch «unter aller Sau». Doch das Schimpfwort hat mittlerweile eine sprachliche Zellteilung mit vielfältigen Mutationen erfahren. Es gibt das saugute Fondue bei saukaltem Wetter zu sauteuren Preisen.

In den sozialen Medien verwechseln manchmal Leute mit reduziertem Wortschatz die Kommentarspalten mit Kotztüten und «lassen die Sau raus». Beliebt ist das Upgrade von Nazi auf «Nazisau», populär seit kurzem die «Klimasau».

Es wäre schön, wenn sich der Veganismus auch in der deutschen Sprache durchsetzen würde.


© Blick 2020 – 24. Januar


 

GODLESS SUN, Textauszug 1-15

 

 

(Diese Manuskriptseiten waren noch nicht lektoriert/korrigiert / Die Druckvorlage ist beim Verlag)

Ich habe das nicht gewollt

Ich habe das alles nicht gewollt, die Sache ist aus dem Ruder gelaufen. Sie schleichen nachts um das Haus, manchmal werfen sie Kieselsteine gegen das Fenster oder tote Fische auf die Veranda. Ich bin sicher, eines Tages wird jemand an der Haustür klingeln und mir ein rostiges Messer in den Bauch stechen. Ich habe das wirklich nicht gewollt. Ich bin auch kein Leader. Ich habe weder Charisma, noch bin ich eine stattliche Erscheinung. Ich gehöre nicht zu den Menschen, die man gleich wieder vergisst, ich gehöre zu den Menschen, die man gar nicht wahrnimmt. Das war immer so, bis vor Kurzem.

Nachdem mich Natascha verlassen hatte, wollte ich ein ruhiges Leben führen, alle 14 Tage einen Geronimo-Heftroman abliefern und ansonsten meinen Frieden haben. Ja, ich schreibe Pulp, Pulp Fiction, Schundromane, Trash, Kioskromane, but don’t judge a book by his cover! Es braucht eine Menge Recherchen und Phantasie um alle vierzehn Tage aus dem Leben von Geronimo zu berichten. Geronimo ist der Kriegerhäuptling und Schamane der Bedonkohe-Apachen. Er starb 80jährig in Fort Sill, Oklahoma. Wenn ich schreibe, muss ich mich an die Serienbibel halten. Alle sieben Autoren müssen sich daran halten. Das gilt auch für die Mistery Serie »Insel des Grauens« und die neue Science-Fiction-Reihe »Orion, Herrscher der Galaxy«. Sie wird nächstes Jahr die Geronimo-Serie ablösen, dann findet der Wilde Westen im Weltall statt, endlose Galaxien statt zerklüfteter Canyons, Flüssignahrung statt Bohnen mit Speck, und Laserkanonen statt dem Peacemaker von Samuel Colt. Streng genommen war Samuel Colt 1836 nicht der Erfinder, sondern lediglich der Patentinhaber und Produzent. Aber Bärbel streicht mir jeweils alle historischen Details. Ich hatte darum gekämpft, dass ich Geronimos ursprünglichen Namen, Bedonkohe, näher erläutern darf, denn er bedeutet »Der Gähnende«, aber Bärbel mailte, so genau wolle es unsere Leserschaft nicht wissen, deshalb würden die Pulp Fiction Leser am Bahnhofskiosk meine Heftromane kaufen und kein Sachbuch bei Amazon bestellen. Ich müsste mich an einem einfachen Publikum orientieren. Das gilt für alle Heftserien. Es gibt klare Regeln: einfache Sätze, am liebsten Hauptsätze, keine vielschichtigen Charaktere und vor allem: No Sex. Es ist in Ordnung, wenn ein Mann seine verdreckten Reitstiefel auszieht, die silberne Gurtschnalle löst, aber dann ist Schluss mit Erotik. Das wäre ein Plot für die pinkfarbene Heftreihe »Leonie«, ein Fortsetzungsroman über eine Prostiuierte, die tagsüber Musikunterricht erteilt und nachts wildfremden Männern einen bläst. »Dylan liebt die Gefahr, aber die Flammen die zwischen ihm und Leonie lodern, jagen sogar dem einsatzerprobten Feuerwehrmann Angst ein«. Nichts für mich. Die Heftserien »Die Gräfin von Venedig« und die Adaption von Hansruedi Wäschers Comic »Sigurd, der richterliche Held« haben sie leider eingestellt. Dabei mag ich History über alles.

In Pulp Fiction Romanen ist History nur Kulisse, Dekoration, mehr nicht. Eigentlich erzählen wir immer die gleichen Geschichten von Liebe, Hass, Verrat, Rache, Macht, Reichtum, und inszenieren sie vor wechselnden Kulissen. Den Wilden Westen mochte ich am meisten. Wenigstens darf ich noch 18 Hefte schreiben bis die Serie von »Orion, Herrscher der Galaxy« abgelöst wird. Geronimo werde ich vermissen. Vor allem Cochise, den Häuptling der Chokonen-Apachen, der ihm die schöne Taz-ayz-Slath ausspannen will. Ich hatte noch reichlich Figurenmaterial, um bis an mein Lebensende neue Plots zu erfinden. Ulzana, Victorio und Nana, sie waren allesamt grosse Mitstreiter von Geronimo, aber sie verfügten nicht über seine Diya, die göttliche Gabe, Visionen zu empfangen und die Ndaa K’ehgodih, die Kraft, das Gehirn der Feinde zu manipulieren und die Gesetze von Zeit und Raum aufzulösen.

Animistische Religionen, Aberglauben und die Manipulation von Menschen, das hat mich schon immer fasziniert, aber Bärbel meint, ich könne ja ein Sachbuch schreiben, aber in Zukunft sei Mistery gefragt. Die etablierten Kirchen verlören immer mehr Mitglieder, sie verlören den Glauben, aber nicht den Aberglauben. Das müsse bedient werden: Mistery sei die Religion des 21. Jahrhunderts.

So hat es mir Bärbel in ihrer Mail erklärt. Sie ist die Chefin des virtuellen Writer’s Room. Sie ist eine der zahlreichen Lektorinnen von Morton & Stanley, die jährlich 18 Millionen Heftromane verkaufen. Bärbel betreut meine Serien und ist somit auch die Lektorin der anderen sechs Autoren. Wir schreiben unter dem gleichen fiktiven Autorennamen, Jack Hogan. Wir sind die Ghostwriter eines Autors, den es gar nicht gibt.

Selbst wenn mich einer dieser Männer, die nachts um das Haus schleichen, erschiesst, werden die neuen Serien überleben. Ich habe einen Vorrat angelegt. Bärbel besteht darauf, dass wir eine Reserve für drei Monate haben, also 6 Heftromane von jeder Serie. Vielleicht würde mich Bärbel vermissen, wenn sie mich niederstechen, vielleicht, aber eher nicht. Aber sie würde zumindest bemerken, dass plötzlich keine neuen Folgen mehr kommen. Ich habe Bärbel noch nie live gesehen. Wir verkehren nur via Mail. Ich habe sie vor Jahren einmal gegoogelt und ein Foto von ihr gefunden. Sie wirkte etwas aufgedunsen, müde, vielleicht war sie früher mal eine schöne Frau, ich weiss es nicht. Jetzt hatte sie tiefhängende Hamsterbacken, halblanges Haar, nicht sehr gepflegt, ich bin sicher, sie war mittlerweile Single und hatte sich daran gewöhnt. Ich mochte sie. Sie war immer sehr nett. Sie hatte eine einfühlsame Art, manchmal bestimmt und dominant, aber doch warmherzig und mütterlich im guten und im schlechten Sinne. Ich hatte den Eindruck, sie habe das Pensionsalter schon überschritten, aber vielleicht ergeht es ihr ähnlich wie uns Ghostwritern: Angesichts der bescheidenen Honorare muss Bärbel arbeiten, bis sie tot umfällt. Wie meine Helden in Dodge City, wenn der Fünfuhrzug einfährt. Aber jetzt fährt kein Zug mehr.

Wäre das alles nicht passiert, wäre ich bestimmt in der alten Villa von Onkel Calvin geblieben. Ich habe mich dort immer wohl gefühlt. Das ehemalige Herrschaftshaus wurde um 1850 von einem Eisenbahnmogul gebaut. Er soll ein visionärer Mann gewesen sein, der an die Zukunft der Eisenbahn glaubte und deshalb seine maison de plaisance direkt an die projektierte Eisenbahnlinie baute. Damals lag die Parzelle noch im Grünen inmitten von Feldern. Heute steht die Villa inmitten von Schrebergärten. Man nennt sie heute Familiengärten, weil Moritz Schreber, der Namensgeber, heute nicht mehr den besten Ruf geniesst. Er war ein Arzt aus Leipzig der zur Zeit der Industrialisierung die sozialen Folgen des Stadtlebens durch die Arbeit im Grünen, in sogenannten Armengärten, abfedern wollte. Er erfand übrigens auch ein Gerät zur Verhinderung der Selbstbefriedigung. Auf jeden Fall nennt man diese Gärten heute Familiengärten, aber man sieht dort unter der Woche kaum junge Leute. Es sind meistens Senioren oder Seniorinnen, die sich mit Akribie ihrem Gemüse widmen und den ganzen Tag über kaum ein Wort miteinander reden. Am Wochenende kommen auch Türken, Albaner, Kosovaren, Italiener und Portugiesen, sie kommen meistens mit der halben Familie, grillen und reden so laut, dass sich wiederum die einsamen Witwer aufregen, die frustriert ihre Erdbeeren pflücken, Weinbergschnecken mit der Gartenschwere vierteilen und darüber nachdenken, was sie später mit dieser vollen Erdbeerschüssel anfangen sollen. Wann waren die Kinder das letzte Mal mit den Enkeln zu Besuch?

Onkel Calvin wohnte im Erdgeschoss der Villa. Er hatte sich in den ehemaligen Salon zurückgezogen, ein pompöser Saal mit einem wuchtigen Kristallleuchter, der über einem langen Konferenztisch hing. An der Stuckaturdecke war ein blauer Himmel mit weissen Wölkchen gemalt, mit putzigen, bunten Vögeln, die sich hinter Rosenranken versteckten. Am Ende des langen Tisches thronte Onkel Calvin in seinem abgewetzten braunen Chesterfield Sessel. Er empfing keine Besucher mehr. Nur mich. Das ist nicht immer so gewesen.

Onkel Calvin hatte mir die beiden oberen Stockwerke überlassen, nicht aus Nächstenliebe, denn Onkel Calvin hat ein Leben lang nur sich selbst geliebt. Vielleicht werde ich später noch darauf zurückkommen, auf jeden Fall war Onkel Calvin mit seinen 87 Jahren nicht mehr so gut auf den Beinen. Treppensteigen, das war ihm zu mühsam geworden, nicht ungewöhnlich diese motorische Einschränkung, das kommt ja nicht von heute auf Morgen, das ist der Trost bei diesen altersbedingten Redimensionierungen, man vollzieht sie in kleinen Schritten, schluckt sie in mundgerechten Portionen, und nachdem sich Onkel Calvin zum ersten Mal den Schenkelhals gebrochen hatte, mied er fortan die oberen Stockwerke.

Ich hatte diese deshalb für mich alleine, fünf grosse Zimmer im ersten Stock und weitere Räume im Dachstock. Hier lagerte noch ein Teil des Mobiliars des früheren Besitzers, vollgestopfte Kommoden, Stühle mit gebrochenen Sitzflächen aus Bast, Tische mit gedrechselten Beinen, vollbeladen mit Bergen von verstaubten Kleidern, von Motten zerfressen, vergilbte Bücher mit spröden Ledereinbänden. Unter dem kleinen Dachfenster standen einige schwere Reisetruhen aus dem 19. Jahrhundert, in einer der Truhen war noch ein alter Katalog, »Malles et sacs de Louis Vuitton, Paris, 1 rue Scribe, Téléphone 239-68. Boîte pour chapeaux de dames, Malle cuir pour hommes«.

Ich weiss, ich verliere mich in Detail, das liegt einerseits daran, dass ich seit 9 Jahren ohne Natascha lebe, aber auch daran, dass es mir körperliche Schmerzen zufügt, dass ich in meinen Heftromanen nicht aus dem Vollen schöpfen darf, dass ich nicht ein bisschen belesener sein darf als das Zielpublikum.

Ich hatte mir im ersten Stock ein kleines Paradies eingerichtet. Jedes meiner Zimmer war im Stil einer Epoche eingerichtet. Das Wild West Zimmer hatte ich als Saloon eingerichtet, Arizona, 19. Jahrhundert, die Wände mit groben Holzplanken verkleidet. Einen Tresen aus alter Eiche mit antiker Spiegelwand hatte ich in Brüssel ersteigert, und den ganzen Kitsch an den Wänden hatte ich von einem Westernstore übernommen, der konkurs gegangen war. Das alte Klavier war schon da, ich spiele nicht Klaiver, ich bin durch und durch unmusikalisch. Ich bewundere deshalb Sänger, Musiker und Komponisten, wie ich eigentlich alle Menschen bewundere, die Dinge können, die ich nicht beherrsche.

Onkel Calvin hat mich einmal darauf hingewiesen. Er hatte stets Zeit, über solche Dinge nachzudenken. Deshalb war er auch nachtragend, wie viele Menschen, die im Alter unsichtbar werden.

Er beschwerte sich oft darüber, dass ich den Boden des Westernzimmers mit schweren Holzdielen verlegt hatte. Er meinte, irgendwann würde der Boden einstürzen und ihn im Schlaf erschlagen. Sein Salon lag direkt unter meinem Saloon. Die Wortverwandtheit kommt übrigens nicht von ungefähr. Französische Trapper nannten während des Goldrausches in Alaska die Holzbaracken, in denen sie Karten spielten, soffen und sich anschliessend gegenseitig erschossen, Saloon, eine ironische Anspielung auf die gediegenen Pariser Salons Ende des 19. Jahrhunderts. Ich hatte dies letztes Jahr in der Folge »Smokey Smith« beiläufig erwähnt. Aber Bärbel hatte es gestrichen. Wie üblich. Ich muss mich offenbar an das Bildungsniveau von Primarschülern halten. Nur bei den Science-Fiction Serien darf ich einen höheren Schulabschluss voraussetzen, was wiederum für mich recherchenmässig einn dreifachen Aufwand bedeutet, weil ich nicht so viel von Raketenantrieben, schwarzen Löchern und der Relativitätstheorie verstehe.

Aber wir waren bei Onkel Calvin, der mich stets daran erinnerte, dass der Schreiner damals einen Mordslärm gemacht hatte. Aber wenn ich den Boden wieder heraus reisse, entgegne ich jeweils, wird das wieder Lärm machen und eine Menge Staub aufwirbeln. Er behauptete dann, dass er daran ersticken würde, und zürnte, ob es das sei, was ich wolle. Dass er sterbe, und ich das Herrschaftshaus für mich alleine habe. Dabei rauchte er wie ein Schornstein, kubanische Zigarren, und litt fürchterlich, wenn die Pollen im Frühjahr ihren Flug antraten. Im Sommer ertrug er die Hitze schlecht, im Herbst war er oft erkältet und im Winter fror er unsäglich und bat mich die Heizung aufzudrehen und gleichzeitig Heizkosten zu sparen, ich solle bei mir oben weniger lüften. Ich sagte ihm einmal, er solle weniger rauchen, das beeinträchtige die Durchblutung in den Füssen, aber er nannte das dummes Zeug und zündete sich eine weitere Zigarre an. Wenn er es zu bunt trieb, erinnerte ich ihn daran, dass ich nie darum gebeten hatte, in seine Villa einzuziehen. Dann hielt er für eine Weile den Mund. Manchmal rächte ich mich an ihm, in dem ich unsere Dialoge in der »Insel des Grauens« einbaute. Dort gibt es auch sowas wie ein verwunschenes Haus, in dem ein alter, mürrischer Mann die Geister der Vergangenheit heraufbeschwört.

Wären all diese schrecklichen Dinge nicht passiert, wäre ich bestimmt in der Villa geblieben, ich hätte das Anwesen renoviert, ich wäre in diesem Land geblieben und hätte mir alles vom Mund abgespart, um das Orion Schlafzimmer noch etwas auzubauen. Ich hätte mir in London noch einen römischen Gladiator in Lebensgrösse bestellt, vielleicht hätte ich mir sogar den neuen Darth Vader aus Plexiglas gekauft. Das Versandhaus in Nevada hatte mir gemailt, dass sie mir die Transportkosten schenken würden. Wahrscheinlich hätte ich auch zwei Schaufensterpuppen gekauft um John Law, das Finanzgenie des 17. Jahrhunderts, und einen Kardinal einzukleiden. Ich denke, Kirche, Naturwissen-schaften und Militär lenken den Lauf der Menschheitsgeschichte. Und die Frauen natürlich, die Liebe, die Leidenschaft, die Besessenheit. Vielleicht auch der Aberglauben, der Boden auf dem Religionen und Sekten gedeihen.

Ja, Science-Fiction liegt tatsächlich im Trend, als hätten die Menschen allmählich die Nase voll von der Realität.

Ich werde nichts renovieren. In Zukunft werden Hotelzimmer mein Zuhause sein. Ich weiss nicht, wohin es mich verschlagen wird, wahrscheinlich wird man mich bis ans Ende der Welt jagen. Aber Science-Fiction könnte ich überall schreiben, in der Hacienda De Los Santos in Mexico oder im Hanoi La Siesta in Vietnam. Die haben sogar ein Spa. Vielleicht gibt’s dort Happy Ending. Bestimmt. Und Highspeed Internet hat heute jedes bessere Hotel. Das ist das einzige was ich bräuchte, um Bärbel weiterhin alle 14 Tage einmal Mistery und einmal Science-Fiction zu mailen.

Ich habe Science-Fiction stets unterschätzt, aber gute Science-Fiction ist die Kombination aus History und Gegenwart. Bei Börsenprognosen benutzt man die Charttechnik. Man schaut, wie sich die Aktie in der Vergangenheit entwickelt hat, wie sie auf politische und psychologische Ereignisse reagiert hat, und wagt eine Prognose. Science-Fiction Autoren sind somit die Charttechniker der Gesellschaft.

Ja, Sie haben Recht, ich leide darunter, dass Autoren von Kioskromanen keine Anerkennung finden. Dabei sind sie für viele Menschen sehr hilfreich. Es gibt im deutschsprachigen Raum mittlerweile über 10 Millionen Honks. Das sind Hauptschüler ohne nennenswerte Kenntnisse. Die lesen Pulp Fiction Romane. Auch labile und frustrierte Menschen mögen Pulp Fiction. Auch Männer mit geistigen oder organischen erektilen Dysfunktionen. In Trashromanen ist ein Mann noch ein Mann. Heftromane bieten Struktur, Orientierung, Trost, Hoffnung. Sie helfen zu akzeptieren, dass das Leben trostlos ist. Albert Camus sagte: »Die Fantasie tröstet die Menschen über das hinweg, was sie nicht sein können, und der Humor über das, was sie tatsächlich sind.« Wir sprachen eben über Orientierung. Die Gewissheit, dass jeden Donnerstag das neue Heft am Kiosk aufliegt, gibt der Woche eine Struktur, genau wie die Abendnachrichten. Darauf ist Verlass. Fällt ein Feiertag auf den Donnerstag, stürzt der Leser in die Abgründe seiner zerrissenen Seele. Er säuft dann den ganzen Gründonnerstag über.

Zu meinen Lesern gehören übrigens viele Alkoholiker, Suchtkranke, Menschen in Krisensituationen. Ich erfahre das meistens in den einschlägigen Foren. Ich poste manchmal etwas unter dem Namen »Crazy Horse« und frage scheinheilig: Wie hat euch eigentlich »Hängt ihn höher« gefallen? Pulp Fiction Leser sind treue Leser, sie werden nie richtig erwachsen und selbst wenn sie ihre Lebenskrise überwinden, besuchen sie weiterhin die geheimnisvolle Insel oder fliegen mit Commander Orion durch die Galaxy. Leser von Schundromanen sind leicht manipulierbar, sie träumen sich ihre Welt zusammen und sind dankbar für Illusionen aller Art. Ich glaube deshalb, dass die meisten religiös sind. Auf ihre Art natürlich.

Gefährlich wird es für uns Trashautoren, und natürlich auch für Bärbel, wenn die Leser ihre Einkommensverhältnisse signifikant verbessern, wenn sie plötzlich reisen. Die Tourismusindustrie ist der grösste Feind der Schundliteratur. Immer mehr Menschen können immer billiger reisen. Die fliegen jetzt selber an all die exotischen Orte, die ich mal beschrieben habe. Ich verliere meine Schauplätze, deshalb ist die neue Science-Fiction-Reihe so wichtig für mein wirtschaftliches Ueberlben. Die Galaxy hat noch keiner beflogen. Ich bin der Pilot, verdiene aber weniger als eine Stewardess.

Seit einigen Tagen erhalte ich die zahlreichen Morddrohungen sogar per Mail, das ist deshalb erstaunlich, weil man den Absender zurückverfolgen kann. Alle Dämme sind gebrochen. Ich hatte die Polizei um Hilfe gebeten, aber ein Beamter riet mir, einen Bodyguard zu nehmen. Ich fragte, ob es nicht die oberste Pflicht eines Staates sei, die Unversehrtheit seiner Bürger zu schützen, doch er meinte, niemand könne mehr für meine Sicherheit garantieren, ich sei selber schuld. Aber ich schwöre, ich habe das nicht gewollt! Niemand konnte mit einer derartigen Eskalation rechnen. Ich verabscheue Gewalt, ich bin Pazifist, nicht aus Schwäche, sondern aus Überzeugung. Ich bin auch sonst, im privaten Umgang, ein sehr friedliebender Mensch, fast schon im asiatischen Sinne harmoniebedürftig. Selbst in meiner letzten Beziehung war ich derjenige, der nachgibt. Ob das Klugheit oder die Feigheit des Pantoffelhelden war, sei mal dahingestellt. Ich weiss bis heute nicht, wieso mich Natascha vor 9 Jahren verlassen hat. Ich dachte, unsere Liebe würde ewig halten.

Vielleicht war ich zu stark mit Geronimo beschäftigt. Oder mit seiner Geliebten. Aber das ist heute kein Thema mehr, ich mag nicht darüber sprechen. Ich weiss, John Steinbeck schrieb in »Jenseits von Eden«, wenn ein Mensch unter keinen Umständen über etwas sprechen wolle, bedeute es, dass er Tag und Nacht darüber nachdenke. Vielleicht hätte mir Natascha einen Tipp geben können, hätte mir erklären können, was ich bis heute nicht verstehe: Wie konnte das alles nur geschehen?

Ich weiss nicht, wie offen ich über die Ereignisse sprechen kann. In unserer narzistischen Gesellschaft akzeptiert man kaum noch abweichende Meinungen. Political Correctness ist die Pflicht zur Realitätsverweigerung. Ich war stets ein entschiedener, ja kompromissloser Befürworter der freien Meinungsäusserung. Meinungsfreiheit bedeutet auch, dass man Dinge sagt, die niemand hören will. Ist von George Orwell, nicht von mir. Ich habe viele Dinge gesagt, die niemand hören wollte. Ich dachte, das kann man aushalten. Darüber kann man reden. Aber wenn Menschen sich nicht artikulieren können, schlagen sie zu. Das macht mir Angst. Ich werde jetzt Dinge schreiben, die niemand hören wollte.

Ich bin erleichtert, dass alles geklappt hat mit meinem Ticket. Ich dachte, vielleicht kriege ich unter meinem bürgerlichen Namen gar kein Ticket mehr, vielleicht verweigert man mir die Ausreise. Aber wer kennt mich schon unter meinem bürgerlichen Namen? Ich habe viele Namen, selbst Gott hat viele Namen, Autoren sowieso. Verzeihen Sie mir bitte, dass ich nicht immer »Autorinnen und Autoren« schreibe, das ist mir einfach zu anstrengend, physisch, aber auch intellektuell. Ich schreibe schliesslich alle 14 Tage einen Heftroman à 64 Seiten, Normseiten, das sind 30 Zeilen à 60 Zeichen. Dafür braucht ein erfahrener Autor eine Woche. Ich kriege 1250 Euro für einen Roman, also 5000 im Monat. Sie werden sich vielleicht fragen, wieso ich mir das antue, wieso ich nicht was Anständiges erlernt habe? Ich bin schreibsüchtig, das ist alles, ich befriedige meine Sucht und verdiene damit meinen Lebensunterhalt. Andere Menschen brauchen Zigaretten, fressen sich voll, kaufen teure Uhren und schnelle Autos, verbringen ihre Freizeit in Casinos oder Bordellen, ich sitze vor meinem Computer, erfinde Geschichten, reise in Gedanken mit meinen Figuren um die Welt, pendle zwischen vergangenen Epochen und zukünftigen Zivilisationen. Es ist die schönste Welt, die ich mir vorstellen kann, die Phantasie. Ich bin zufrieden damit, ich war es jedenfalls lange.

In den letzten Monaten hatte ich oft das Bedürfnis, mich mit den anderen Autoren auszutauschen. Ich bin eigentlich ein Familienmensch, obwohl ich ein Dasein als Robinson friste. Ich denke, ein regelmässiger Austausch unter Berufskollegen, das wäre auch der Wunsch der anderen Autoren, aber Bärbel hat uns für die interne Kommunikation anonymisiert, wir kennen uns lediglich unter Namen wie »Cassidy John« oder »Lady Summerhill«. Ich heisse übrigens »Rebecca La Rue«, und niemand weiss, ob sich ein Amerikaner oder eine Spanierin hinter diesem fiktiven Autorennamen verbirgt. Diese Anonymität ist von »Morton & Stanley« gewollt. Keiner soll sein Honorar mit dem Einkommen der anderen vergleichen können. Für die Leserschaft sind wir alle Jack Hogan.

Viele junge Menschen träumen davon, Schriftsteller zu werden. Aber es ist kein einfacher Job, schon gar nicht, wenn sie in der Pulp Avenue stranden. Wenn Sie abends die »Insel des Grauens« verlassen oder mit Commander Orion aus der Galaxy zurückkehren und hinunterfallen in die reale Welt, in eine Bar, zu einem Date, und wenn sie dann sagen, dass sie Kioskromane schreiben, ist die Dame an der Bar bis ins nächste Jahrzehnt ausgebucht. Problematischer wäre es nur, wenn sie gestehen würden, dass sie arbeitslos sind. Nun gut, das könnte man schönreden und behaupten, man sei Privatier. Aber das Mädchen würde sich fragen, wieso ich wie ein Dudeist rumlaufe. Das sind die Freaks, die sich in der »Church of the Latter-Day Dude« vereinigt haben und den Lebensstil von »The Big Lebowski« verherrlichen. Aber auch das könnte man schönreden und behaupten, dass Multimillionäre heute nicht mehr in Edelklamotten rumlaufen, sondern eher in Jeans, Traineroberteil und Turnschuhen. Die können sich das leisten, die sind auf niemanden mehr angewiesen, die haben genügend Fuck-You-Money. Das bedeutet, sie haben genügend Geld, um in jeder Situation dem Gegenüber Fuck You ins Gesicht zu schleudern. 

Aber das ist nicht mehr mein Thema. Wie alle Menschen, die die meiste Zeit mit ihrer eigenen Phantasie verbringen, neige ich zu Ausschweifungen, vielleicht ist es auch Geschwätzigkeit oder gar eine Geringschätzung der Realität. Manchmal ist Geschwätzigkeit auch Arroganz, ein übertriebenes Ego, manchmal aber auch Ausdruck von Einsamkeit. Ich bin sicher, Robinson hat wie ein Wasserfall geplappert, nachdem ihn Daniel Defoe nach 28 Jahren von seinem tristen Inseldasein erlöst hat.

Aber worauf ich hinauswollte: Ich denke, ich brauche mit 43 Jahren keine neue Beziehung mehr, die länger als eine Nacht dauert. Nachdem mich Natascha verlassen hatte, wollte ich Single bleiben und niemanden im Haus haben, der mich daran erinnert, dass ich einen persönlichen Jahrestag vergessen habe. Freiheit bedeutet, um drei Uhr morgens zum Kühlschrank zu schlurfen und eine Currywurst fressen. Und niemand fragt wieso. Für Natascha war das sicher nicht einfach. Sie war eine jüdische Russin aus Paris, klingt vielleicht etwas exotisch, war es auch. Sie hatte blondes Haar, einen aufrechten Gang und war eine markante Erscheinung, gross, dominant, raumfüllend, und doch sehr fragil, hungrig nach Anerkennung und Fürsorge, als Figur hätte Bärbel Natascha zusammengestrichen, zu komplex, versteht keiner. Auch ich hatte Mühe damit. Aber so war Natascha. Manchmal denke ich darüber nach, wo sie im Augenblick sein könnte, ob sie glücklich in einer Beziehung lebt. Ich verliere mich in Varianten, ausufernden Geschichten und realisiere erst nach Stunden, dass ich mir das alles ausgedacht habe. Natascha ist keine Heftserie, Natascha war 9 Jahre lang meine Freundin. Wir hatten es gut miteinander, dachte ich jedenfalls.

Ich erwähnte schon, dass mir Lovestorys nicht liegen, ich meine als Autor. Ich hatte Bärbel auch schon Alternativvorschläge unterbreitet für eine neue History Serie, »Priscus, Held der Arena«. Mein Held kämpft in der Zeit von Kaiser Titus im Flavianischen Amphitheater. Damals gab es das Kolosseum noch nicht, er kämpfte gegen seinen besten Freund, den Gladiator Verus. Alles recherchiert. Der Dichter Martial hat diesen Jahrhundertkampf in einem Gedicht festgehalten. Wäre das kein Stoff für eine neue Römerserie gewesen? Aber Bärbel sagte, das Thema Gladiatoren sei ausgelutscht, es gebe schon zu viele davon. Ich mailte zurück, genau das könnte ein Hinweis darauf sein, dass das Interesse besonders gross sei, deshalb gebe es so viele Gladiatorenromane. Ich insistierte und mailte, dass ich gerne den Mithraskult der römischen Legionäre dramatisieren würde, den Kult der göttlichen Sonne, aber Bärbel meinte, ich solle doch gescheiter ein Sachbuch zum Thema schreiben, das sei ein ganz anderes Publikum.

Vielleicht habe ich deshalb heimlich Godless Sun geschrieben und bei Crocodile Books publiziert.

Crocodile Books ist kein richtiger Verlag, eigentlich ist es eine Druckerei, die sich selber Durckaufträge beschafft, indem sie Bücher, die niemand publizieren will, gegen Vorschuss druckt und vertreibt. Marlon, mein Verleger, war ein grossgewachsener Mann um die 40, vom Alkohol ausgezehrt. Sein Vater war ein stadtbekannter Kunstmaler gewesen, der sein halbes Leben in Kneipen verbracht hatte. Jetzt ist er tot, an einer Alkoholvergiftung gestorben, aber in den Kneipen der Altstadt hängen seine depressiven Bilder, die er jeweils den Wirten abtreten musste, um seine Besäufnisse zu bezahlen. Die Wirte dachten vielleicht, wenn der alte Oscar so weitersäuft, stirbt er bald und kleckert keine Leinwände mehr voll, dann steigen die Preise, das ist nun mal das Gesetz von Angebot und Nachfrage. Marlon hat mir das einmal erzählt, als er Flyer für einen Pizza Service druckte. Marlon begleitete seinen Vater bereits im Kindsalter auf seinen Kneipentouren. Marlon sieht sich als Rebell. Tagsüber druckt er Visitenkarten und schmale Broschüren, nachts druckt er Dinge, die kein Feuilletonredaktor anfasst, das macht ihm Spass, deshalb hat er auch Godless Sun gedruckt. Er sagte damals, mein Buch sei ihm derart eingefahren, dass er eine ganze Woche nur noch gesoffen habe. Aber ich glaube, das tat er eh. Vielleicht ist es genetisch, schlechte Vorbilder, ich weiss es nicht. Ich war überglücklich, als Marlon Godless Sun druckte und auslieferte. Wir feierten zusammen mit seiner Freundin Aline drei Tage lang. In Aline war ich ein bisschen verliebt. Marlon hatte lediglich 500 Exemplare gedruckt. Einige Dutzend hatte ich selber bestellt, um zu prüfen, ob Bestellvorgang und Lieferung funktionieren. Ja, hat alles funktioniert, ich habe mittlerweile zweihundert Exemplare unter meinem Schreibtisch. Und alle bezahlt. Godless Sun war ein Flop. Ich habe etwa 30 Exemplare verkauft, aufgerundet. Ich traf Aline einmal an einer Bushaltestelle. Sie sagte mir, Marlon saufe immer noch, er schlage sie auch, sie habe eine Fehlgeburt erlitten, er habe sie regelrecht geprügelt. Sie habe sich in der Toilette eingeschlossen und dann sei es passiert, direkt in die Kloschüssel. Man hätte bereits Händchen und Füsschen erkennen können.

»Wie kann Gott sowas zulassen?« hatte sie geschluchzt. Hinter ihr hing ein Plakat der christlichen Agentur für den Glauben. Auf blauem Hintergrund stand in grossen gelben Lettern geschrieben: »Gott liebt dich«.

Ich hatte Aline in den Arm genommen und ihr gesagt, sie könne bei mir wohnen. Sie wohnte zwei Tage bei mir. In der zweiten Nacht erschien Marlon im Treppenhaus und grölte, er würde sich eine Kugel durch den Schädel jagen, wenn sie nicht sofort zu ihm zurückkäme. Aline kramte eilig ihre sieben Sachen zusammen und eilte zur Wohnungstür. Er braucht mich, schrie sie verzweifelt als sie die Treppe hinuntereilte. Mir schien, sie platze schier vor Glück. Es ist mir ein Rätsel, wieso sich Frauen sowas antun. Aber die römische Antike ist leichter zu verstehen als die weibliche Psyche.

Ich habe später, wohl aus Trotz und Verzweiflung, Godless Sun noch ins Englische übersetzt. Ich dachte, der englische Markt ist viel grösser als der deutschsprachige Markt. Das ist schon richtig, aber auch die englische Variante hat sich nicht verkauft, ich habe die englische Ausgabe mit der Amazon Software Create Space als Selfpublisher publiziert, als E-Book und Print on Demand, ausser Spesen nix gewesen. Trotz allem Fleiss war alles Scheisse.

Ich sagte vorhin, ich sei froh gewesen, dass alles geklappt hat mit dem Flugticket und so. Nein, nicht alles hat geklappt. Ich habe damals den Abflug verpasst. Venedig war nie meine Destination, aber es war der nächstbeste Flug aus der Hölle. Ich dachte, flieg doch erst mal nach Venedig, von dort kannst du dann weiterreisen, Hongkong, Südamerika, Neuseeland, Miami, einfach so lange zwischen Ost und West hin- und herfliegen, bis alle meine Spuren verwischt oder meine Maschine abgestürzt ist.

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053 Blick »Kult der Habgier«


 

In den 1950er-Jahren war L. Ron Hubbard mit seinen Science-Fiction-Romanen Dauergast in den US-Bestsellerlisten. Für den Lebemann waren die Honorare nicht genug, und er kam zum Schluss, dass man nur mit einer Religion wirklich reich werden könne. Aus den Episoden seiner SF-Serie «Battlefield Earth» schmiedete er eine Scientology-Bibel, die nicht weniger als die «Säuberung des Planeten» durch «die Übernahme und Kontrolle aller Aktivitäten in der Welt» propagierte.

Hubbard versprach «völlige spirituelle Freiheit und Wahrheit». Doch die Wahrheit überliess er den Fantasielosen. 1974 wurde er in Frankreich wegen Betrugs zu vier Jahren Gefängnis verurteilt. Sein Sohn gestand 1982 vor dem Distriktgericht von Massachusetts: «Mein Vater ist ein Betrüger und war immer ein Betrüger», der religiöse Aspekt der Firma sei nur erfunden worden, um Steuervorteile zu erlangen.

Das «Time Magazine» publizierte 1991 die Titelgeschichte «Kult der Habgier» und bezeichnete Scientology als «riesige, gewinnbringende globale Gaunerei, die durch Einschüchterung ihrer Mitglieder und Kritiker in Mafia-Manier überlebt». Die Organisation verklagte das Magazin. Und verlor. In Frankreich wurde sie 2009 wegen «bandenmässigen Betrugs» zu einer Busse von 600 000 Euro verurteilt.

Absolviert man alle Kurse, bezahlt man über 500 000 Franken und gelangt zur Einsicht, dass man pleite ist. Der bayrische Verfassungsschutz warnt: «Der Staat darf nicht zusehen, wenn eine Organisation Menschen wirtschaftlich ruiniert und geistig abhängig macht.» Die Schweiz schaut zu und stuft die «totalitäre» und «verfassungsfeindliche» Firma als Kirche ein…

Mittlerweile akquiriert die Organisation ihre Opfer mit Kampagnen wie «Sag Nein zu Drogen» und «Jugend für Menschenrechte». Der Niedergang ist trotzdem nicht aufzuhalten, denn die Konkurrenz auf dem pseudoreligiösen Markt wächst parallel zum Mitgliederverlust der Landeskirchen. Mittlerweile gibt es auch die Religion der «Fliegenden Spaghettimonster», eine Gründung des Physikers und Parodisten Bobby Henderson. Seine atheistischen Anhänger huldigen dem Spaghetti-Gott. Das Abendmahl gibts in jeder Pizzeria. Kostenpunkt circa 24 Franken, zur Erleuchtung einen Grappa.


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Die ersten 50 BLICK Kolumnen sind als eBook (colour), Paperback (s/w) und Hardcover (colour) erhältlich.

052 Blick »Wenn die Glocken rufen«

Der französische Schriftsteller Aurélien Scholl (1833–1902) schrieb, selbst Gott brauche Werbung, er habe deshalb Glocken. In der Tat waren die ersten Glocken und Schellen bereits vor viertausend Jahren Bestandteil von kultischen und religiösen Zeremonien.

In der Antike boten Glocken Schutz vor bösen Geistern. Auch die ersten christlichen Kirchenglocken sollten den Teufel fernhalten. Später riefen sie die Gläubigen zum Gottesdienst und kündigten während der Messe die Ankunft des Heiligen Geistes an. Da er nie erschien und die Hoffnung bekanntlich zuletzt stirbt, hören wir seit 2000 Jahren das Geläut. Kirchenglocken hatten früher auch einen praktischen Nutzen: Sie schlugen die Zeit an. Das war hilfreich, denn noch im 18. Jahrhundert hatten die wenigsten Menschen tragbare Uhren.

Die Glocke emanzipierte sich und warnte als Feuerglocke bei Brandgefahr und Stürmen, markierte den Beginn von Veranstaltungen wie Märkten, Unterricht, Sport oder später der Börse. Einige Glocken dienten den Bauern als akustischer GPS-Tracker. Sie konnten in unübersichtlichem Gelände ihre Tiere aufspüren und erst noch Wölfe abschrecken.

Mittlerweile empfinden viele Städter, die (freiwillig) aufs Land ziehen, das Kuhgebimmel als Ärgernis und fordern Kühe ohne Glocken, doch die Bauern fürchten, dass eine entglockte Leitkuh den Respekt der Herde verliert und in Depressionen verfällt – wie ein Macho, dem man den getunten Mazda wegnimmt.

Ein Dorn im Auge beziehungsweise eine Glocke im Ohr sind vor allem die Kirchenglocken, die angesichts der leeren Kirchenbänke eher wie Alarmglocken klingen. Die Landeskirchen verteidigen ihre Glockenuhren heute mit dem Hinweis, sie seien ein Dienst an der Öffentlichkeit, als hätte mittlerweile nicht jeder eine Armbanduhr. Wieso aber eine lärmempfindliche Person freiwillig in die Nachbarschaft einer jahrhundertalten Turmuhr zieht, wird wohl Gegenstand einer neuen ETH-Studie sein.

Mich stören weder Kuh- noch Kirchenglocken. Mein Nachbar Leo sagt, er hätte auch nichts gegen das Gebimmel, wenn auch er zu jeder vollen Stunde auf dem Balkon in sein Alphorn blasen darf.

Textprobe 01 »Script Avenue«

Auch Tante Puce arbeitete in dieser »Fabrik«. Da Onkel Maurice ihr verbat, sich tagsüber um mich zu kümmern, legten sie mich in eine Holzkiste, die auf einer Werkbank neben dem Plumpsklo lag. So verbrachte ich meine ersten Lebensjahre in einer Schraubenkiste. Das klingt hart, aber die Kiste war mit einer grauen Militärdecke ausgepolstert und angenehm weich. Ich war auch nie allein. Ich meine jetzt nicht in der Kiste, sondern allgemein.

Wenn einer aufs Klo musste, kam er unweigerlich an mir vorbei und strich mir mit ölverschmierten Fingern übers Gesicht. Hatte er sich erleichtert, passierte er erneut meine Kiste und strich mir einige Kolibakterien über die andere Wange. Diese Leute hatten noch nie etwas von Robert Koch oder Louis Pasteur gelesen. Auf jeden Fall war dies der Grundstein für eine solide Immunabwehr.

Mein einziger Lichtblick war ein verschmutztes Fenster, das teilweise die Sicht auf eine kleine Schafweide freigab, eigentlich ein idealer Ort, um günstig einen Film über das finsterste Mittelalter zu drehen. Aber wie sollte die Crew jemals Vilaincourt finden?

Die Schafe haben mich geprägt. Selbst ein halbes Jahrhundert später, als ich im Koma lag, erinnerte ich mich an sie. Wenn ich heute Schafe sehe, fühle ich einen Kloß im Hals und versuche, ein Mann zu sein.

Mein Onkel Maurice hatte es auch mit den Schafen. Wenn alle Arbeiter den Stall, oder von mir aus die Fabrik, verlassen hatten, ging Onkel Maurice zu seinen Schafen. Die Tiere mochten ihn nicht, Schafe spüren, wenn sich ein Dreckskerl nähert. Onkel Maurice stellte sich hinter ein Schaf und hielt es an den Lenden fest. Wenn das Schaf ruhig war, ließ er zu meiner großen Verblüffung seine Hose fallen und ich sah seinen nackten, affenmäßig behaarten Hintern. Er vollführte dann rhythmische Bewegungen, ich dachte, dass er das Schaf molk, denn abends, wenn er in die Küche kam, brachte er stets Milch mit. So entsteht Intelligenz. Man beobachtet etwas, bringt es in Zusammenhang mit einer anderen Beobachtung und lernt. Heureka! Das ist der Grundstein der Evolution.

Aber richtig verwirrend war, wenn mein Onkel Maurice abends meine zerbrechliche Tante Puce molk. Er packte sie am Nacken wie seine Schafe und drückte sie über den Küchentisch. Dann ließ er seine Hose runter und führte wieder seine rhythmischen Bewegungen aus. Er war zu dumm, um auch nur zu ahnen, dass ich es nicht vergessen würde. Irgendwie hielt er mich immer noch für einen seelenlosen Embryo. Aber ich vergaß nichts. Ich hatte von klein auf ein Gedächtnis wie ein Elefant. Beneiden Sie mich nicht darum, und lesen Sie weiter.

051 Blick »Cola für den Weihnachtsmann«

Er hiess Bischof Nikolaus von Myra und lebte in der ersten Hälfte des vierten Jahrhunderts in der heutigen Türkei. Als er hörte, dass ein Mann seine drei Töchter auf den Strich schicken wollte, weil er sie mangels Mitgift nicht verheiraten konnte, schlich er sich nachts zum Haus der drei Jungfrauen und warf drei Goldklumpen durchs Fenster. Aus der Legende wurde ein Brauch. Fortan geisterte Nikolaus durch die Jahrhunderte und legte Kindern Geschenke in die Schuhe – eine Grosszügigkeit, die heute berechtigtes Misstrauen erzeugen würde. Ist das etwa der Grund, wieso nicht sein Geburtstag, sondern der Tag, an dem er starb, gefeiert wird?

1931 waren seine blauen und goldenen Umhänge zerschlissen, und er kleidete sich in der Garderobe von Coca-Cola neu ein. Der amerikanische Illustrator Haddon Sundblom prägte in den folgenden 33 Jahren das Bild von Santa Claus, die Figur wurde zum Symbol für Weihnachten. Da auch Sundblom im Alter aufgrund des verlangsamten Stoffwechsels an Gewicht zunahm, wurde auch der Bauch des Weihnachtsmannes immer grösser; und wenn enttäuschte Kinder in den 1970er-Jahren klagten, dass der Nikolaus nicht gekommen sei, behauptete man, er sei beim Nachbarn im Kamin stecken geblieben.

Vor 50 Jahren war der 6. Dezember noch der Tag der Abrechnung. Es waren noch nicht die Kinder, die Erwachsene in Panik versetzten, sondern die Eltern ihre Kinder. Deshalb hatte der Nikolaus stets diesen wortkargen Schmutzli an seiner Seite. Der Mann in Rot erzählte allerlei Fake News über unsere Sünden im ausklingenden Jahr, aber man wagte nicht zu widersprechen, denn hinter ihm stand ebendieser Henkersknecht. Jahrzehnte später wurde er oft wegrationalisiert, um Kosten zu sparen, aber vor allem um die fragile Psyche der Helikopter-Kinder nicht zu verletzen. Das war gut gemeint, denn Gewalt ist keine Lösung. Aber wer dem Schmutzli nie in die Augen geschaut hat, hatte es im späteren Leben schwer, denn an jeder Arbeitsstelle mobbt ein Folterknecht.

050 Blick »Helden in Bronze«

 

Helden in Bronze haben eine jahrtausendealte Tradition. Bereits vor über 2000 Jahren gab der König von Pergamon die Bronze-Statue des «sterbenden Galliers» in Auftrag. Auf der ganzen Welt stehen Staatsmänner im Massstab «grösser als üblich» auf prominenten Plätzen. Sie werden zu touristischen Hotspots oder von Revolutionären vom Sockel gestürzt. Manchmal führt bereits das angekündigte Projekt zu heftigen Kontroversen.

In Berlin wollten die Amerikaner nach dem Mauerfall ihren Ex-Präsidenten Ronald Reagan (1911–2004) mit einer Statue ehren. Sie sollte an seinen historischen Besuch und seinen Kampf gegen die Mauer erinnern: «Mr. Gorbachev, tear down this wall!» («Herr Gorbatschow, reissen Sie diese Mauer nieder!»). Doch die rot-grüne Stadtverwaltung stellte sich quer.

Keinen Einwand hatten sie gegen die Heldenstatue des Künstlers Scott Holmquist. Sie zeigt einen afrikanischen Dealer mit Handy in der Pose eines siegreichen Feldherrn. Vorübergehend stellte Holmquist die drei Meter hohe Bronzestatue im Berliner Görlitzer Park auf. Hier verkaufen Dealer ungestört ihre Drogen. Hans-Jürgen Papier, Ex-Präsident des deutschen Bundesverfassungsgerichts, kommentierte: «Ein Staat, der geltendes Recht in so offenkundiger Weise nicht durchsetzen kann, entzieht den Bürgern das Vertrauen in die Handlungsfähigkeit des Rechtsstaates.»

Wieso wählte Scott Holmquist einen afrikanischen Dealer? Man hätte ihm umgehend Rassismus vorgeworfen, hätte er seine Skulptur nicht «Last Hero» (letzter Held) genannt und in einem Interview mit dem Kulturmagazin «Monopol» präzisiert, dass «Dealer einer heldenhaften Arbeit» nachgehen, weil sie bei «Regen und Kälte draussen sind» und ihre «riskante Arbeit ohne Polizeischutz» verrichten. Provokation als Geschäftsmodell?

Es bleibt das Geheimnis des Künstlers, wieso ein Krimineller, der den Tod ins Gastland bringt, mehr Mitgefühl erzeugt als Berliner Obdachlose, «die bei Regen und Kälte draussen sind» und in Mülleimern nach Nahrung suchen.

Jedes Heldendenkmal steht für die Werte einer Epoche. Einige überleben, andere werden gestürzt. Seit letztem Monat steht Ronald Reagan auf amerikanischem Hoheitsgebiet: auf der Terrasse der US-Botschaft in Berlin.

049 Blick »Die Scheisskolumne«


Bild © Cristina Guggeri, ganze Kollektion auf: https://www.areashoot.net/the-daily-duty-collection/


 

 «Hatten Sie heute Stuhlgang?» Mit dieser Frage will der Arzt erfahren, ob man auf der Toilette gewesen ist. Die Bezeichnung stammt aus dem Mittelalter. Damals sägte man die Sitzfläche von Stühlen aus und hängte einen Topf darunter. Den Inhalt entsorgte man in nahen Sickergruppen oder kippte ihn, wenn es draussen zu kalt war (oder finster genug), aus dem Fenster. Deshalb war es für Nachtschwärmer empfehlenswert, eine Kopfbedeckung zu tragen. Wer kein Glück hatte, glitt unter dem Fenster aus; und wenn noch Pech dazukam, klatschte die nächste Ladung auf den Hinterkopf.

Das Mittelalter war nicht nur aus hygienischer Sicht ein zivilisatorischer Rückschritt. Bereits in der Antike gab es Grosslatrinen mit Wasserspülung und achtzig Sitzplätzen. Trennwände waren nicht erwünscht, denn Toilettenanlagen waren so beliebt wie heute die sozialen Medien. Man entlud nicht nur den Darm, sondern auch den Ärger über Götter und die Welt. Erst ab dem 17. Jahrhundert änderte das Schamgefühl, und die Leute zogen es vor, inkognito auf dem Thron zu sitzen.

Ein beliebtes Toiletten-Graffito war damals: «Drum drücket und dränget mit aller Kraft – für die notleidende Landwirtschaft.» Scheisse war wertvoller als Bitcoins. Der französische Philosoph Pierre Leroux schlug deshalb im 19. Jahrhundert vor, die Steuer mit den eigenen Exkrementen zu bezahlen. In einer direkten Demokratie hätte eine solche Initiative durchaus Chancen. Die Umsetzung könnte allerdings anspruchsvoll sein.

Im modernen Japan verrichten die Leute ihr Geschäft auf topmodernen Washlets, die mit internetfähigen Bedienungspanels ausgerüstet sind. Urinwerte und Blutzuckerspiegel können direkt an den Hausarzt gemailt werden.

Japan ist nicht überall. Weltweit haben über vier Milliarden Menschen keinen Zugang zu sicheren sanitären Anlagen. Jährlich sterben 432 Millionen an verseuchtem Trinkwasser (Unicef 2019). Indiens Premier Modi versprach bei seinem Amtsantritt, hundert Millionen WC-Kabinen zu bauen. Fünf Jahre später hatte er es geschafft. Doch leider nutzen viele die Häuschen als Geräteschuppen. Für eine Verhaltensänderung wird die Ausrufung des Welttoilettentages am 19. November wohl nicht ausreichen.

 

048 Blick »Heute schon demonstriert?« dt./engl.

Heute schon demonstriert?

Demonstrieren gehört in den westlichen Demokratien zu den Minderheitsrechten, und das ist gut so. Es gibt bewilligte und unbewilligte Demonstrationen, einige respektieren das, einige nicht. Demos an der frischen Luft fördern auf jeden Fall die Gesundheit, und als Datingplattform sind sie nicht zu verachten.

Beliebt, weil kaum kontrovers, sind Demos gegen Diktatoren, wobei man sich manchmal fragt, wieso in der friedlichen Schweiz demonstriert wird und nicht am Tatort im Nahen Osten oder in Südamerika. Oder haben uns die Medien verschwiegen, dass all diese Despoten in Wahrheit in luxuriösen Apartments an der Zürcher Goldküste leben? Auf jeden Fall käme kein Schweizer Student auf die Idee, in Burkina Faso für eine fleischlose Kantine zu demonstrieren.

Leider schleichen sich bei vielen friedlichen Demos selbsternannte Antifaschisten ein, die mit faschistischen Methoden Gebäudereinigern, Glasereien und Autowerkstätten neue Aufträge beschaffen. Dass Pubertierende ab und zu Dampf ablassen, ist hormonell bedingt und ziemlich normal. Aber wenn die Trotzphase auch im fortgeschrittenen Alter anhält, liegt es wohl an einem unterentwickelten Verständnis für den demokratischen Rechtsstaat.

Um Frust abzubauen, gäbe es durchaus friedliche Alternativen wie Marathonlaufen, Masturbieren im Lift, Rauschsaufen oder Singen im Wald.

Den Protestierenden bei unbewilligten Demonstrationen ist meistens egal, ob Verkehrsknotenpunkte blockiert, Arbeitswillige im Stau stehen oder der Infarktpatient in der Ambulanz «I did it my way» singt.

Kreative Lösungen sind gefragt. Die vorbildlichsten Kundgebungen sind jeweils der Einmarsch der Athleten bei der Eröfffnung der Olympischen Spiele. Da Fussballstadien nicht ausgelastet sind, könnten sie zeitweise als Demostadion genutzt werden. Publikum wäre im Buchungspreis inbegriffen. Veranstalter von Kaffeefahrten könnten dafür gewonnen werden, die Kundschaft ins Stadion zu fahren. Auf den Totomat-Displays könnte Werbung für Heizkissen, Jägermeister und solarbetriebene Rollatoren geschaltet werden, Kaffee und laktosefreier Kuchen wären umsonst – eine klassische Win-Win-Situation. Wäre dieser Vorschlag nicht eine Demo wert?


© Blick, 1. November 2019


 

047 Blick »Retten Streetpotatoes die Welt?«

Retten Streetpotatoes die Welt?

Die neunjährige Mexikanerin Xóchitl López wuchs im Hochland Chiapas auf. Ihre Eltern waren zu arm, um ihr all das zu kaufen, was für Teenager in der westlichen Welt selbstverständlich ist. Xóchitl hat nie geklagt, dass man ihr die Kindheit gestohlen hat.

Letztes Jahr wurde sie vom Institut für Nuklearwissenschaft der grössten mexikanischen Universität für ihren Solar-Warmwasseraufbereiter aus recyceltem Material mit einem Preis geehrt. Sie sagt: «Es gibt viele Menschen mit niedrigem Einkommen, die sich diese Heizungen nicht leisten können. Deshalb holzen sie Bäume ab, um Brennholz zu gewinnen. Das wiederum beeinträchtigt die Welt durch die globale Erwärmung.» Mittlerweile erhält Xóchitl Unterstützung von Universitäten.

Im Alter von neun Jahren entwickelte Ken Lou «künstliches Holz» aus recyceltem Material, das beim Verbrennen weder Umwelt noch Gesundheit schadet. Er ist der jüngste Erfinder Guatemalas und wurde von der Regierung ausgezeichnet.

Es gibt viele Xóchitls und Kens auf unserem Planeten. Sie leisten Bewundernswertes. Aber für die westlichen Medien sind diese kreativen Teenager, die tatsächlich Nützliches für die Umwelt tun, kaum ein Thema.

Interessanter sind narzisstische Streetpotatoes der antidemokratischen Weltuntergangssekte Extinction Rebellion (XR), die in roten Karnevalskostümen esoterische Partys feiern. Einige nennen sich «Red Brigades» (Rote Brigaden) wie die italienische Terrorgruppe Brigate Rosse, die Ende der 70er-Jahre für 97 Tote verantwortlich war.

Stuart Basden, Gründungsmitglied von XR, bestreitet in einem Essay vom 10. Januar 2019, dass XR eine Klima-Bewegung sei. Co-Gründer Roger Hallam erläuterte am 4 Februar 2019 an einer Veranstaltung von Amnesty International in London seine Strategie zum Systemwechsel und sagte: «Ja, einige könnten bei diesem Prozess sterben.»

Zurzeit versucht XR, friedliche Klimademonstranten zu radikalisieren. Aber der Planet braucht weder grüne Uriellas noch Rote Brigaden, sondern Innovationen. Und sie werden kommen, weil man damit Geld verdienen kann. Extinction Rebellion tut hingegen im Augenblick genau das, was sie der Politik vorwirft: Herumsitzen und «Slogans statt Taten» liefern. Eine Eskalation ist absehbar.


Die Quellen zu den beiden Zitaten.

Bildlizenz: pixabay.com


 

Extinction Rebellion (XR), two Co-Founders in their own words

Extinction Rebellion isn’t about the Climate

Source:

https://medium.com/@plaosmos/extinction-rebellion-isnt-about-the-climate-42a0a73d9d49

 
 
 
Stuart Basden, Jan 10 / 2019

Yes, yes, I know. The climate is breaking down. It’s urgent. An emergency. We’ve only got a few years left to ‘fix’ it.

Indeed, we won’t fix it. Weather patterns will become increasingly unstable and unpredictable, and the effects it will soon have on how humans around the world grow food will be devastating, likely causing harvests to fail across entire continents and food prices to sky-rocket. Millions have already suffered due to the amplified instability. We’re facing imminent societal collapse (whatever that means), both around the world and in the UK. All of our lives are soon going to radically change.

None of this is particularly controversial. When a bus is driving with a certain momentum towards a person, it gets clearer and clearer that it will hit the person. After a certain point, it’s inevitable. And that’s where we stand now, with regards to the momentum of climatic change. The bus is about to hit us. Our lives are about to change. It’s not clear whether or not we’ll survive (as a species). Many species have already been run over. Two hundred species each and every day go extinct.

I’ve been with Extinction Rebellion (XR) from the start. I was one of the 15 people in April 2018 who came together and made the collective decision to try to create the conditions that would initiate a rebellion. I was a coordinator of one of the original five working groups, and I’ve been organising with XR day-and-night since then (frugally living off my savings so I don’t have to work, having quit an industry that paid me £1000/week). And I’ve been in RisingUp (the organisation from which XR has emerged) since the first RisingUp action in November 2016. I’m a RisingUp Holding Group member, and a member of the XR Guardianship Team.

And for the sake of transparency: that previous paragraph is all about me ‘pulling rank’ — I’m trying to convince you to listen to what I have to say…

And I’m here to say that XR isn’t about the climate. You see, the climate’s breakdown is a symptom of a toxic system of that has infected the ways we relate to each other as humans and to all life. This was exacerbated when European ‘civilisation’ was spread around the globe through cruelty and violence (especially) over the last 600 years of colonialism, although the roots of the infections go much further back.

As Europeans spread their toxicity around the world, they brought torture, genocide, carnage and suffering to the ends of the earth. Their cultural myths justified the horrors, such as the idea that indigenous people were animals (not humans), and therefore God had given us dominion over them. This was used to justify a multi-continent-wide genocide of tens of millions of people. The coming of the scientific era saw this intensify, as the world around us was increasingly seen as ‘dead’ matter — just sitting there waiting for us to exploit it and use it up. We’re now using it up faster than ever.

Euro-Americans violently imposed and taught dangerous delusions that they used to justify the exploitation and reinforced our dominance, while silencing worldviews that differed or challenged them. The UK’s hand in this was enormous, as can be seen by the size of the former British empire, and the dominance of the English language around the world. There is stark evidence that everyday racial bias continues in Britain, now, today. It’s worth naming some of these constructed delusions that have been coded into societies and institutions around the world:

  • The delusion of white-supremacy centres whiteness and the experience of white people, constructing and perpetuating the myth that white people and their lives are somehow inherently better and more valuable than people of colour.
  • The delusion of patriarchy centres the male experience, and excludes/hinders female assigned people from public life (reducing them to a possession or object for ownership or consumption). Patriarchy teaches dominating and competitive behaviours, and emphasises the idea that the world is a place of scarcity, separation and powerlessness.
  • The delusions of Eurocentrism include the notion that Europeans know what is best for the world.
  • The delusions of hetero-sexism/heteronormativity propagate the idea that heterosexuality is ‘normal’ and that other expressions of sexuality are deviant.
  • The delusions of class hierarchy uphold the theory that the rich elite are better/smarter/nobler than the rest of us, and make therefore better decisions.

There are other delusions. These delusions have become ingrained in all of us, taught to us from a very young age.

None of these delusions have ended, although some of the arguments that supported them (e.g. phrenology) have been dispelled. They continue to play out through each of us, in our ways of relating, regardless of our identity. The current pride in the history of the British empire, or the idea that the USA is on the side of ‘good’, continues to enable neo-colonialism in 2019, taking the form of palm-oil plantations, resources wars, and the parasitical financial sector, to name but a few. The task of Extinction Rebellion is to dispel these delusions. We need to cure the causes of the infection, not just alleviate the symptoms. To focus on the climate’s breakdown (the symptom) without focusing attention on these toxic delusions (the causes) is a form a denialism. Worse, it’s a racist and sexist form of denialism, that takes away from the necessary focus of the need for all of us to de-colonise our selves.

My ancestors are European, some of whom claimed to ‘own’ people as slaves. There are black people with the name Basden in the Americas, and I have begun to mobilise my (white) family to make contact in order to seek to pay reparations.

However, my own accountability cannot be fully paid through this. The insanity* of the mind of the coloniser continues today. It continues in the extraction of fossil fuels, minerals and water from the earth. It continues in deforestation and industrial agriculture. It continues in a callous culture of consumption, which intensifies each Christmas. It continues in evictions and deportations. It continues in the ways of relating to those around us that perpetuate separation and division.

The result is isolation, pain and suffering. The result can be felt at the individual level — in the endemic levels of loneliness and mental-health illness. It can be felt at the community level — in the theft of land for plunder and profit by largely-European-and-US-based banks and corporations. And it can be felt at the global level — in the polluting of our air and oceans.

So Extinction Rebellion isn’t about the climate. It’s not even about ‘climate justice’**, although that is also important. If we only talk about the climate, we’re missing the deeper problems plaguing our culture. And if we don’t excise the cause of the infection, we can never hope to heal from it.

This article is calling to all of those who are involved in XR who sometimes slip into saying it’s a climate movement. It’s a call to the American rebels who made a banner saying “CLIMATE extinction rebellion”. It’s a call to the XR Media & Messaging teams to never get sloppy with the messaging and ‘reduce’ it to climate issues. It’s a call to the XR community to never say we’re a climate movement. Because we’re not. We’re a Rebellion. And we’re rebelling to highlight and heal from the insanity that is leading to our extinction. Now tell the truth and act like it.

* I use the term ‘insanity’ carefully, with the intention of highlighting the need for healing. Indigenous First Nation people helpfully taught me to see the mindset of the coloniser as a sickness. In no way do I intend to marginalise or discredit the experience of people who have been labelled ‘insane’ by a normative system, nor who identify as being ‘insane’.

** Climate Justice refers to the injustice that those who are affected first and worst by extreme weather events (the people in the poorer countries, the majority of whom live in the Global South) are not likely to be the ones who caused the climate emissions (the people who consume the most, including the pathologically wasteful cultures of Europe and Turtle Island (aka North America), and the rich who live/travel around the world).


Interview mit der Pressesprecherin von XR. 

https://youtu.be/H3kJwQBZOkM


Co-Founder Richard Hallam, Co-Founder, Meeting with Amnesty International


London, 4.2.2019

Video https://bit.ly/2LKrysM Roger Hallam. 06.45 – 06:54

»We are going to force the governments to act. And if they don’t, we will bring them down and create a democracy fit for purpose. And yes, some may die in the process.«


046 Blick »Spinatleugner«

 

Die meisten Kinder hassten es, kotzten es auf den Tisch, warfen mit dem Löffel nach ihrer Mutter oder verkrochen sich in der Waschküche. Ab 1929 wurden Millionen von Kindern mit dieser braunen Pampe zwangsernährt, eine pädagogisch umstrittene Form des Waterboardings. Schuld daran war der amerikanische Comic-Zeichner Elzie Crisler Segar, der den prügelnden Seemann Popeye erfand, der zur Stärkung jeweils eine Büchse Spinat verdrückte.

Als Fleisch während des Zweiten Weltkriegs Mangelware wurde, empfahl man den Soldaten Spinat. Denn Wissenschaftler glaubten, dass der hohe Eisengehalt von 35 Milligramm die Muskeln stärke. In den USA stieg der Spinatkonsum um ein Drittel, und Popeye erhielt in der texanischen Spinathochburg Crystal City ein Denkmal.

Erst im Erwachsenenalter erfuhren die einst traumatisierten Spinatleugner, dass der Eisengehalt pro hundert Gramm nicht 35 Milligramm beträgt, sondern lediglich 3,5 Milligramm. Eine Legende besagt, dass der Schweizer Physiologe Gustav von Bunge 1890 den Eisenwert zwar korrekt berechnet hatte, aber dass er für seine Untersuchungen getrockneten Spinat benutzt hatte.

Frischer Spinat hat einen Wassergehalt von rund 90 Prozent und somit nur gerade 3,5 Prozent Eisen. Da Wissenschaftler unfehlbar sind, schob man die Schuld auf eine Sekretärin, die sich angeblich um eine Kommastelle verhauen hatte. Im Zug der Political Correctness wurde aus dem Fräulein ein Laborant.

Obwohl die Menschen in Europa noch nie so alt wurden, warnen uns regelmässig neue Studien vor dem Genuss einzelner Nahrungsmittel. Jede Studie empfiehlt eine andere tolerierbare Tagesmenge. Mal betrifft es Eier, Erdnüsse, Kaffee, manchmal Rotwein, wobei hier die schädliche Tagesmenge davon abhängt, ob die Studie in einem Weinland durchgeführt wurde. Mediziner in Katalonien empfehlen maximal 70 Gramm Alkohol pro Tag, in Deutschland liegt die empfohlene Obergrenze bei 20 Gramm.

Soeben publizierten die sieben grossen ernährungswissenschaftlichen Institutionen die Mutter aller Studien und kamen zum Schluss: alles Chabis. Die Einteilung in gesunde und ungesunde Lebensmittel sei nicht mehr zeitgemäss.

Wahrscheinlich ist es unserer Unkenntnis geschuldet, dass wir uns überhaupt noch ernähren.

© Blick 4. Oktober 2019, Kolumne 46

045 Blick »Ich gut, Du Nazi«

© Blick, Kolumne 45 vom 20. September 2019


Sie schlugen den Gegnern die Köpfe ab und hängten die Trophäen um den Hals ihrer Pferde. So beschrieb der griechische Geschichtsschreiber Poseidonios das Schlachtritual der Kelten. Diese «haarigen Wilden» sprachen unverständliches Kauderwelsch und wurden deshalb Barbaren genannt, was so viel heisst wie «Stotterer». Im Lauf der Jahrhunderte wechselte die Bedeutung, und der Begriff galt nur noch für unzivilisiertes Benehmen.

Eine ähnliche Verwandlung erlebt der Begriff «Nazi». Was ist ein Nazi? Es gibt den unbelehrbaren Alt-Nazi, der einen Massenmörder verehrt, und es gibt den Neo-Nazi, der weder Hitler noch den Holocaust erlebte und in der Schule einen Fensterplatz hatte.

Nazis haben sechs Millionen Juden ermordet. Kann man jemanden, der Nobelpreisträger Milton Friedman zitiert, wonach man entweder offene Grenzen oder ein Sozialsystem haben kann, mit den schlimmsten Verbrechern der Weltgeschichte gleichsetzen?

Als Nazi werden Rechtsextreme bezeichnet, obwohl einige Historiker immer noch darüber streiten, ob Hitler nun ein Rechtsextremer oder ein Linksextremer gewesen ist. Denn er träumte wie alle Sozialisten von der sozialen Gleichschaltung, und sein Programm bewegte sich zwischen dem linken Totalitarismus Stalins und dem Faschismus des Ex-Kommunisten Mussolini. Karl Marx‘ klassenlose Gesellschaft hiess bei Hitler «Volksgemeinschaft». Ein populärer Witz war damals: «Aussen braun, innen rot.» Was also ist ein Nazi?

ZDF-Korrespondentin Nicole Diekmann (#nazisraus) formulierte es ironisch: «Jeder, der nicht grün wählt, ist ein Nazi.»

Mittlerweile gehört die einschüchternde Nazi-Keule zur populistischen Folklore im deutschsprachigen Raum und ersetzt das Argument.

Jeder Begriff nützt sich durch den inflatorischen Gebrauch ab. In den 70er-Jahren war jemand «geil», wenn er sexuell erregt war. Heute ist alles geil, was Spass macht – ein Song ist geil, Geiz ist geil und eine Burger-Aktion «drei für zwei» ist megageil.

Die nächste Generation wird das Nazi-Wort wahrscheinlich nicht mehr mit den «nationalistischen Sozialisten» in Verbindung bringen. Ich hörte im Sommer einen Teenager fluchen, weil der Tramchauffeur nicht auf ihn gewartet hatte. Er rief ihm nach: «Scheissnazi!»

044 Blick »Desperados auf zwei Rädern«

 

Dass wir heute auf unseren Trottoirs von rücksichtslosen Velo-Rowdys und E-Trottinettlern verjagt werden, hat mit dem Wetter im frühen 19. Jahrhundert zu tun. Und das kam so: Missernten führten zu einer Nahrungsmittelknappheit, zahlreiche Menschen starben den Hungertod. Während wir heute mit der Sexualpädagogin Deanne Carson öffentlich diskutieren, ob man Babys vor dem Wickeln um Erlaubnis fragen muss, hatten die Menschen damals noch echte Probleme.

Auch Karl Freiherr von Drais. Er konnte sich kaum noch das Futter für seine Pferde leisten. Da es damals weder Crowdfunding noch die Kultur des Jammerns gab, erfand er kurzerhand eine hölzerne Konstruktion mit zwei Rädern, eine sogenannte Laufmaschine, ein Vorläufer des Velos, aber noch ohne Pedale. Für den Antrieb benutzte man die Beine. Die «Draisine» erfreute sich rascher Beliebtheit, da man sie nicht füttern musste und sie nie ein Burn-out erlitt.

Doch das Geld, das der Freiherr von Drais beim Futter einsparte, investierte er in Hochprozentiges. Das hielt ihn aber nicht davon ab, 1812 eine «Notenschriftmaschine» zu erfinden, die beim Klavierspielen gleichzeitig die Noten aufzeichnete. Berühmt wurde auch seine «Schnellschreibmaschine» mit lediglich 16 Tasten und ein innovatives Rohrleitungssystem, das von seinen Hauslieferanten, den Schnapsbrennereien, übernommen wurde.

Es war wohl einer Schnapsidee geschuldet, dass er an einer Expedition nach Brasilien teilnahm. Als er fünf Jahre später mittellos zurückkehrte, wollte man den «närrischen Mann» entmündigen, aber seine Schwestern retteten ihn. Mittlerweile war seine Draisine von anderen europäischen Herstellern kopiert und verbessert worden. Er griff wieder zur Flasche. Nach einer Wirtshausschlägerei landete er in der Gosse und wurde zum Gespött: «Freiherr von Rutsch, zum Fahre kei Kutsch, zum Reite kein Gaul, zum Laufe zu faul.»

Heute ist das verkannte Genie auf einer Briefmarke verewigt, und die Weiterentwicklungen seiner hölzernen Laufmaschine sind ein Ärgernis für Fussgänger. Denn im Gegensatz zu Autofahrern geniessen Verkehrssünder auf zwei Rädern fast schon diplomatische Immunität.

043 Blick »Eine Frau sieht rot«

Ende des 19. Jahrhunderts stürmte die zwei Meter grosse Carry Nation mit einer Axt einen Saloon in Kansas und schlug die ganze Bar kurz und klein. Der Sheriff nahm sie wegen Sachbeschädigung fest. Carry protestierte, sie habe den Saloon nicht beschädigt, sondern zertrümmert, und sie werde nach ihrer Haftentlassung weiter wüten.

Dabei hatte alles friedlich begonnen. Carry war schon früh der Frauenorganisation Temperance Union beigetreten, die aus der Abstinenzbewegung der 1870er-Jahre entstanden war. Alkoholsucht war in jener Zeit ein echtes Problem.

Jeder Einwohner über 15 trank im Schnitt achtzig Flaschen Whiskey pro Jahr, also dreimal so viel wie die Nachfahren im 21. Jahrhundert. Arbeiter tranken am Morgen, am Mittag und am Abend, das Land war notorisch besoffen, und ganze Familien stürzten in Elend und Armut. Auch Carrys Biografie war mit Alkoholleichen gepflastert.

Frustriert vom abflauenden Erfolg der Abstinenzler, wollte sich Carry nicht mehr mit Protestliedern und Sitzstreiks vor den Saloons begnügen. Sie liess sich scheiden, gründete mit radikalen Christen eine neue Sektion und griff zur Axt. Sie sagte, Gott persönlich habe ihr die Lizenz zum Hacken erteilt.

Medienwirksam randalierte sie im US-Senat, auf ihren Vortragsreisen wurde sie wie ein Popstar gefeiert. Promis biederten sich an und genossen fortan ihren Whiskey heimlich, während Carry nach über hundert zertrümmerten Saloons das Merchandising entdeckte und kleine Äxte mit der Aufschrift «Saloon-Zerschmetterer» verkaufte.

Wie die meisten Massenbewegungen, die zu Beginn ein durchaus legitimes Anliegen haben, radikalisiert sich bei nur mässigem Erfolg eine ungeduldige Minderheit und begeht Straftaten, die sie als moralische Pflicht zum Widerstand deklariert. 

Greta Thunberg lehnt Gewalt ab. Das wiederholt sie auch, wenn sie zum Fotoshooting ein T-Shirt der gewalttätigen Antifa anzieht oder im Hambacher Forst mit zwei Vermummten posiert, die zur «Rettung des Klimas» Angestellte des Stromkonzerns RWE mit nicht ganz CO2-freien Molotow-Cocktails angriffen und verletzten.

Der Flirt mit demokratiefeindlichen Straftätern ist wohl als Drohung zu verstehen. Falls ja, könnte es bald heissen: Friday was yesterday.


 

 

 

042 Blick »Braveheart hätte Brüssel abgefackelt«


Jede Nation hat ihren Freiheitshelden, wir haben unseren Wilhelm Tell, die Philippinen ihren Lapu-Lapu und die Schotten ihren Wallace, besser bekannt als Braveheart (US-Film mit Mel Gibson, 1995). Was sie alle gemeinsam haben, ist ihr mutiger Kampf gegen einen übermächtigen Unterdrücker.

Auch der Arverner-Fürst Vercingetorix war ein Freiheitsheld. Nach der Niederlage von Alesia musste er vor Cäsar niederknien und seine Waffen strecken. Gallien war «befriedet», nun galten römische Gesetze, und der römische Silberdenar wurde der Euro der Antike.

Feige Fürsten unterwarfen sich hingegen kampflos, weil Cäsar ihnen Ämter anbot. In zweitausend Jahren ist aber noch niemand auf die Idee gekommen, diese Bücklinge als Freiheitskämpfer zu bezeichnen.

Es ist deshalb bemerkenswert, dass sich heute eine Gruppierung, die sich einer völlig zerstrittenen EU unterwerfen will, ausgerechnet «Operation Libero» nennt. Das Wort bedeutet so viel wie «unabhängig/frei». Sie wollen Errungenschaften verschenken, zu denen sie nichts beigetragen haben, und fragten auf ihrer Homepage: «Willst du unsere Freiheit in Europa verteidigen? Werde ein Braveheart.» Ein Freiheitskämpfer, der sich unterwirft? Braveheart hätte eher Brüssel abgefackelt.

Worin besteht die «Befreiung», wenn die mutlosen Liberos kampflos aufgeben wollen, was sich die meisten der 512 Millionen EU-Bürger sehnlichst wünschen: direkte Demokratie. Was erhalten sie im Gegenzug? Betreute Demokratie?

Worin besteht die «Befreiung», wenn man sich einer diktatorischen Union unterwirft, die immer weniger von Mitbestimmung und Meinungsfreiheit hält und die Besteuerung von Bargeld plant, um den bargeldlosen Verkehr durchzusetzen? Wenn Erspartes nur noch virtuell verfügbar ist, wird es für die europäischen Zentralbanken ein Leichtes, «einmalige» Zusatzsteuern von den Konten der Bürger abzuheben. Per Mausklick übers Wochenende.

Ist es wirklich «progressiv», wenn ein zukünftiger «Nettozahler» vor einer Union mehrheitlich maroder Staaten kapituliert?

Libero ist der charmante Arm der EU-Bürokratie, das hochmütige Pepsodent-Lächeln des neuen Versailles. Es geht nicht um links oder rechts, es geht um die direkte Demokratie: ja oder nein.


English translation


Every Nation has its freedom heroes, we have our William Tell, the Philippines, their Lapu-Lapu and the Scots their Wallace, better known as Braveheart (US-the movie with Mel Gibson, 1995). What they all have in common is their brave fight against an overwhelming oppressor.

Also, the arverni Prince Vercingetorix was a freedom hero. After the defeat of Alesia, he had to stretch in front of Caesar, kneel down, and his weapons. Gaul was pacified””, now the Roman laws were in force, and the Roman silver denarius was the Euro of the ancient world.

Cowardly Prince threw themselves, however, without a fight, because Caesar offered them Offices. In two thousand years no one has come up with the idea to call these kippers, as a freedom fighter.

The opposite of independent and free

It is remarkable, that today, a grouping, a completely fractious EU under throw want of all things, “Operation Libero” is called. The word means as much as “independent/free”. You want to give away achievements to which you have not contributed, and asked on their Homepage: “do you Want to defend our freedom in Europe? A Braveheart will.” A freedom fighter who throws himself under? Braveheart would have rather burned in Brussels.

What is the “liberation”, when the discouraged Liberos want to go down without a fight, which most of the 512 million EU citizens desperately: direct democracy. What you get in return? Supervised Democracy?

lifted up Pepsodent-Smile

What is the “liberation”, if you throw in a dictatorial Union that holds less and less of participation and freedom of expression and the taxation of cash plans, the cashless transport to enforce? If Savings is only virtually available, it will withdraw for the European Central banks a Lightweight, “one-time” additional taxes from the accounts of citizens. By a mouse-click away over the weekend.

Is it really “progressive” if in the future a “net contributor” in front of a Union majority capitulated addresses of ailing States?

the Libero is the charming Arm of the EU bureaucracy, the haughty Pepsodent-Smile of the new Versailles. It’s not about left or right, it’s about direct democracy: Yes or no.


Francais / mauvaise traduction


Chaque Nation a son Héro, nous avons notre Guillaume Tell, les Philippines Lapu-Lapu et les Cloisons de vos Wallace, mieux connu sous le nom Braveheart (US-Film avec Mel Gibson, 1995). Ce qu’ils ont tous en commun, c’est votre courageux Combat contre un puissant Oppresseur.

La Arverner-Prince Vercingetorix était un Freiheitsheld. Après la Défaite d’Alésia, il dut César de s’agenouiller et de ses Armes. La gaule était «pacifié», maintenant, étaient considérés par la Loi romaine, et romain Silberdenar l’Euro a été l’Antiquité. Figue Princes se soumirent en revanche, sans combat, parce que César vous Offices offert. Dans deux mille Ans, mais personne n’est venue l’Idée de cette Bücklinge en tant que Combattants de la liberté, de la désigner. Le Contraire de indépendant et libre.

C’est pourquoi Il est intéressant de noter que, aujourd’hui, à un Groupement, se sont totalement agressifs de l’UE, de soumettre, justement, «Opération Libero» est appelé. Le Mot signifie «indépendant/free». Vous voulez Réalisations faites à rien d’avoir contribué, et a demandé sur sa page d’Accueil: «Veux-tu de notre Liberté en Europe défendre? Vais un Braveheart.» Un Combattant de la liberté, se soumet? Braveheart aurait plutôt Bruxelles brûlé à la torche. Quelle est la «Libération», si les découragés Liberos, sans renoncer à ce que la plupart des 512 Millions de Citoyens de l’UE ardemment désirer: la Démocratie directe. Qu’obtenez-vous en Retour? Supervisé Par La Démocratie?

Enflé Pepsodent-Sourire Quelle est la «Libération», si on dictatorial Union européenne soumet, de moins en moins de Participation et d’Expression, l’estime et l’Imposition de l’Argent prévoit, pour les transactions du Trafic? Si des Économies encore virtuel est disponible, pour les banques Centrales européennes Léger, «une fois» de taxes additionnelles sur les Comptes des Citoyens de décrocher. D’un Clic de souris pour le Week-end. Est-il vraiment «progressif» si l’un des futurs «Contributeurs nets» avant une Union majoritairement maroder Unis capitulé? Libero est la charmante Bras de la Bureaucratie européenne, l’orgueilleux Pepsodent-Sourire de nouveau de Versailles. Il ne s’agit pas de gauche ou de droite, il s’agit de la Démocratie directe: oui ou non.


 

041 Blick »Dinner für alle«

Dinner für alle

Kaiser Domitian, ein paranoider Rambo der römischen Antike, führte nicht nur Krieg gegen iranische Reitervölker, korrupte Beamte, Atheisten, lesbische Priesterinnen und homosexuelle Senatoren, sondern auch gegen den Dichtestress in Roms Gassen.

Die zahlreichen Garküchen erschwerten ein Durchkommen. Es war nicht die Qualität der gesalzenen Erbsen und Gemüsesuppen, die beinahe die ganze Bevölkerung zu den Strassenkantinen trieb, sondern der Umstand, dass die Unterschicht in ihren kleinen Mietwohnungen keine Feuerstellen zum Kochen hatte und Brennholz eh den Reichen vorbehalten war. Wollte man eine warme Mahlzeit, war man auf die privat betriebenen Imbissbuden angewiesen.

Garküchen breiteten sich entlang der Handelswege aus. An Grossanlässen wie den Spielen im Circus Maximus oder an den Olympischen Spielen waren die Fleischspiesse und Pasteten nicht mehr wegzudenken. Beim Bau des Regensburger Doms vor 700 Jahren versorgten bereits «dampfende Würstchenbuden» die Bauarbeiter. Zwischen zwei Brothälften eingeklemmt wurde der Imbiss später zum Hotdog.

Die Geschichte der antiken Garküchen bis zur McDonald’s-Systemgastronomie zeigt die Veränderungen in der Ernährung einer zunehmend mobilen Gesellschaft.

Da wir uns heute einbilden, immer weniger Zeit zu haben und googeln müssten, wie man ein Spiegelei brät, sind Strassenküchen auch in der westlichen Welt wieder im Trend. Sie stillen unsere Sehnsucht nach exotischen Ferienzielen, wo Street Food immer noch zum Stadtbild gehört wie damals im alten Rom.

Ärger macht den Freiluft-Gastronomen nicht mehr der Kaiser, sondern der Dichtestress im Paragrafen-Dschungel einer regulierungswütigen Bürokratie. Als die thailändische Regierung vor zwei Jahren die Strassenküchen in Bangkok verbot, musste sie bereits am nächsten Tag zurückkrebsen. Denn günstiger Street Food ist für die Bevölkerung Asiens unverzichtbar.

Und Kaiser Domitian? Hatte er Erfolg? Er wurde ermordet, nicht von einer zornigen Strassenköchin, sondern von freigelassenen Sklaven und Gladiatoren. Im Auftrag seiner Ehefrau Domitia Longina, die zu Recht um ihr Leben fürchtete.


© Englisch translation by Adrian McDonalds, KXan36, Dallas, USA


The Emperor Domitian, a paranoid Rambo Roman antiquity, not only led the war against Iranian horse-people, corrupt officials, atheists, lesbian priestesses, and gay senators, but also against the sealing stress in Rome’s streets.

The numerous food stalls difficult one to get Through. It was not the quality of the salted peas and vegetable soups, the drive to nearly the whole population of the street canteens, but the fact that it had under-layer in your small rental apartments have no fire for cooking and firewood was always reserved for the Wealthy. You wanted a hot meal, we had to rely on the privately operated food stalls.

food stalls spread along the trade routes. At large events like the Games in the Circus Maximus or the Olympic Games, the meat kebabs and pies were an indispensable part. During the construction of the Regensburg Cathedral 700 years ago steaming stalls of Sausages-served already “” the construction worker. Between two bread halves, the Snack bar was clamped later to the hot Dog.

The history of ancient food stalls up to the McDonald’s system gastronomy shows the changes in the diet of an increasingly mobile society.

As we imagine today to have less and less time and Google would have to how to fry an Egg, are the street kitchens in the Western world back in the Trend. You are breast-feeding goals, our longing for an exotic holiday, where Street Food is still in the city, like the time in ancient Rome.

Anger makes the free air-restaurateurs no longer the Emperor, but the sealing stress in the paragraph jungle of a regulation-happy bureaucracy.

the Thai government two years ago, the street kitchens in Bangkok ban, she had to cancers already back the next day. For more affordable Street Food for the population of Asia is indispensable.

And the Emperor Domitian? He had success? He was murdered not by an angry street cook, but of freed slaves and gladiators. On behalf of his wife, Domitia Longina, the feared right to your life.

040 Blick »Die Wetterhexe« dt./engl.

Zuerst kam der Regen. Neun Monate lang. Die Menschen klagten und beteten. Dann kam die Hitze, elf Monate lang, sie war ungewöhnlich stark, «glühend und schrecklich», wie ein Chronist im Jahr 1540 berichtete, mit Temperaturen von weit über 40 Grad. In Italien war es bereits im Winter wärmer gewesen als normalerweise im Hochsommer. Ganze Seen trockneten aus, in Basel konnte man an einigen Stellen den Rhein zu Fuss überqueren, Wälder brannten, Felder verkümmerten, Ernten fielen aus, das Vieh verendete auf den Weiden, in Europa verdursteten über zehntausend Menschen, viele kollabierten bei der Feldarbeit, die Nahrungsmittelpreise schossen in die Höhe, Mord und Totschlag waren die Folge.

In über 300 Chroniken wird Europas grösste Naturkatastrophe detailliert geschildert. Das meteorologische Phänomen übertraf alle späteren Hitzesommer bei weitem.

Da man damals davon ausging, dass alles im Leben einen Sinn hat und einer gewissen Logik folgt, suchte man nach einer Ursache. Wer war dafür verantwortlich? Wer zum Teufel hatte gesündigt? Wen hatte Satan als Werkzeug für diesen «Wetterzauber» benutzt? Das musste eine Hexe sein, die sich mit schwarzer Magie auskannte.

Die Wahl fiel auf die 50-jährige Prista Frühbottin. Sie verkehrte mit Menschen am Rande der Gesellschaft und gehörte somit zu den üblichen Verdächtigen. Am 29. Juni 1540 wurde sie in Wittenberg wegen angeblichem «Wetterzauber» und dem Vergiften der Weiden zusammen mit ihrem Sohn verhaftet. Sie wurden Opfer der damals populären Hexenprozesse. Zusammen mit zwei anderen «teuflischen Gesellen» schmiedete man sie an Eichenbalken. Sie wurden «geschmäucht und abgedörrt», bis nur noch ein Häufchen Asche übrig blieb.

Die angebliche «Wetterzauberin» erlangte eine gewisse Berühmtheit. Selbst Martin Luther erwähnte sie in einem Brief an seine Ehefrau und nannte die Hexenverbrennung «nichts Neues, weil auch in diesen Landen der Teufel tobt», und bezeichnete die Hinrichtung als «Gottes Strafe für die Verachtung seines lieben Wortes».

Es dauerte 473 Jahre, bis der Rat der Stadt Wittenburg Prista Frühbottin und ihre Familie rehabilitierte.


© Englisch translation by Adrian McDonalds, KXan36, Dallas, USA


First, the rain came. For nine months. The people complained and prayed. Then the heat came, for eleven months, she was unusually strong, “glowing and terrible,” as a chronicler in the year 1540 reported, with temperatures well over 40 degrees. In Italy, it was already warmer in the Winter than it normally is in the height of summer. All the lakes dried up, and in Basel one could cross in some Places the Rhine on foot, forests burned, fields, stunted Crops were lost, cattle dead in the pastures, in Europe, thousands of people, many collapsed working in the field of thirst and ten, the food prices shot up, murder and mayhem were the result.

In more than 300 Chronicles is described by Europe’s largest natural disaster in detail. The meteorological phenomenon exceeded all of the later heat of the summer by far.

Since it was at the time, that everything in life has a meaning and a certain logic follows, they looked for a cause. Who was responsible? Who the hell had sinned? Who had used Satan as a tool for “weather magic”? This had to be a witch who was familiar with black magic.

The choice fell on the 50-year-old Prista Frühbottin. You consorted with people on the margins of society, making it one of the usual Suspects. 29. June, 1540, she was arrested in Wittenberg due to alleged “weather magic” and the Poison of the pastures together with their son. They were victims of the then-popular witch trials. Together with two other “devious bachelor” was forged to oak beams. They were geschmäucht “and abgedörrt” until only a pile of ash remained.

The alleged “Weather witch” gained a certain notoriety. Even Martin Luther is mentioned in a letter to his wife and called to the witch-burning “is nothing New, because even in this Land of the devil is raging,” and described the execution as “God’s punishment for the contempt of his love word”.

It lasted for 473 years, until the Council of the city of Wittenburg Prista Frühbottin and your family rehabilitated.

Claude Cueni (63) is a writer and lives in Basel. He writes every second Friday of the VIEWS.

Interview, Buch, Salis Verlag 2019

Claude Cueni:

»Der Mensch ist stärker als er meint.«

 


Interview von Steven Schneider


 

Claude Cueni, warum lacht man, wenn es längst nichts mehr zu lachen gibt?

Einige haben den Rhythmus im Blut, ich vielleicht den Humor. Mir fällt einfach immer ein ironischer Aspekt ein, eine Pointe, ein Wortspiel, in zahlreichen Alltagssituationen steckt eine Menge Komik. Mir fällt das sofort auf und ich speichere ab.

 

Worüber können Sie lachen?

Über mich. Ich gehöre nicht zu den Autoren, die sich furchtbar ernst oder gar zu ernst nehmen.

 

Lebt es sich besser mit dem Tod vor Augen?

Besser sicher nicht. Aber anders. Man ist auf den Augenblick fokussiert. Es ist ein eigenartiges Gefühl, wenn die Zukunft abhandenkommt. Es ist ein Wechsel zwischen Gelassenheit und Gleichgültigkeit.

 

Würden Sie es als Wunder bezeichnen, dass wir uns überhaupt unterhalten können?

Nein, ich glaube nicht an Wunder. Dass ich wider Erwarten noch am Leben bin, verdanke ich nicht einem unsichtbaren Freund, sondern der modernen Medizin, der hämatologischen Abteilung des Basler Uni-Spitals und einem anonymen Knochenmarkspender.

 

Wie würden Sie es dann bezeichnen, dass Sie nach dem vermeintlichen Schlusspfiff eine Verlängerung geschenkt bekommen haben? Glück, Schicksal?

Der Glauben an ein Schicksal mag tröstlich sein, weil er uns von jeder Schuld freispricht, aber es ist auch die Weigerung, Verantwortung zu übernehmen. Ich weiß nicht, wieso ich noch am Leben bin. Nennen wir es also einen glücklichen Zufall.

 

Und dank dieses glücklichen Zufalls können Sie nun weiter Verantwortung übernehmen. Wofür?

Als Vater tragen Sie lebenslänglich Verantwortung. Das bedeutet nicht, dass sie ihren Kindern reinreden, das bedeutet, dass Sie immer für sie da sind. Ich bin auch dafür verantwortlich, dass es meiner Frau nach meinem Tod weiterhin gut geht. Auch ohne mich.

 

Glauben Sie, dass Ihre Geschichten, die Sie in die Welt hinausschicken, auch ein Hilfsangebot sind?

Einige Leserinnen und Leser sehen das tatsächlich so. Seit meinem autobiografischen Roman Script Avenue, schreiben mir viele Leute, die schwer erkrankt sind oder andere schwerwiegende Schicksalsschläge zu meistern haben, zum Teil viel schwierigere als meine. Für diese Menschen ist es schön, mit jemandem in Kontakt zu treten, der Ähnliches durchstehen muss und nicht aufgibt. Wenn es geht, besuche ich sie auch im Spital, falls es mit dem Taxi erreichbar ist. Aus Brasilien erhielt ich einmal eine Mail von einem Spastiker, der mir dankte, weil die Figur des jungen, spastischen Kelten in Cäsars Druide/Gold der Kelten ihn motiviert hatte, sich aufzuraffen und wieder Arbeit zu finden. Nach Das Grosse Spiel schrieben mir auffallend viele gescheiterte Unternehmer, dass sie dank meinem Romanhelden John Law ihre Firmenpleite überwunden und wieder Mut gefasst haben.

 

Ein detailreiches Buch über den Begründer der modernen Finanzwirtschaft, das jetzt auch als Serie in Deutschland verfilmt wird. War Ihnen eigentlich bewusst, dass, wie John Law, Ihre Figuren eine derart starke Wirkung auf andere haben können?

Nein, sicher nicht. Ich habe keine Botschaft. Aber ironischerweise schöpfe ich heute Kraft aus Romanfiguren, die ich selbst erschaffen habe.

 

Welche Romanfigur aus Ihrem Universum bringt Sie zum Lachen?

Wenn Onkel Arthur in der Pacific Avenue den Ich-Erzähler anschreit: »Hat dir jemals eine Romanfigur die Fresse poliert?«, kann ich immer noch darüber lachen. Eigentlich erheitern mich alle meine Figuren immer wieder, auch im Alltag liegt eine Menge Situationskomik, man muss nur beobachten, genau zuhören und später die schrägen Szenen mit einer gewissen Ernsthaftigkeit beschreiben, lachen sollen die Leser.

 

Bei Ihnen klingt es so, als sei gutes Schreiben ein Kinderspiel.

Meine Produktivität ist keine besondere Leistung. Es ist vielleicht ein Akt der Verzweiflung, vielleicht eine chronische Zwangserkrankung. Wahrscheinlich beides. Als ich die Script Avenue schrieb, träumte ich oft Pulp-fiction-mäßige Szenen oder Slapstick-Dialoge und lachte im Schlaf. Dann wachte ich abrupt auf und setzte mich an den Computer. Das ist völlig normal, wenn man sich rund um die Uhr in seiner eigenen fiktiven Welt bewegt. Meine Frau imitiert mich dann beim Frühstück und wir blödeln herum. Aber ich rechne es ihr hoch an, dass sie mich nachts nie aufweckt. Denn Sie weiß: Ich arbeite.

 

Woher nehmen Sie die Kraft, trotz Zerfall und Schmerzen großartige Bücher zu schreiben?

Ich wuchs in einem religiösen und gewalttätigen Irrenhaus auf und flüchtete in eine Phantasiewelt, in die Script Avenue. Ich musste enorm viel Kraft und Mut aufbringen, um dieser finsteren Welt zu entfliehen und in eine neue Welt einzutreten, die mir kaum bekannt war. Ich habe mein Leben von da an stets als sportliche Herausforderung gesehen. Never give up. Mein Freiheitsdrang war enorm. Jedes erfolgreich gemeisterte Hindernis gab mir Mut, auch höhere Herausforderungen durchzustehen.

 

Sie scheinen sehr leidensfähig zu sein.

Ja. Kommt hinzu, dass ich mich fast ein Leben lang mit dem Alltag in den verschiedenen Epochen beschäftigt habe, um meine historischen Romane möglichst authentisch niederzuschreiben. Hunger, Krieg, Armut, Krankheit und Tod waren alltäglich. Ich habe von den damaligen Zeitgenossen viel gelernt.

 

Zum Beispiel?

Verglichen mit früher sind wir heute eine wehleidige, selbstverliebte Schneeflöckchen-Gesellschaft, die nichts mehr aushält, schnell aufgibt und nach immer mehr staatlicher Bemutterung ruft.

 

Schlechte Aussichten für uns.

Nun, der Mensch ist stärker als er meint, sonst wäre unsere Spezies längst ausgestorben. Man muss akzeptieren, dass das Leben nie gerecht ist, weder im Guten noch im Bösen.

 

Ich persönlich finde es eine schöne Vorstellung, dass es im Leben gerecht zugeht.

Wieso sollte es gerecht sein? Es gibt keine höhere Instanz, die für Recht und Ordnung sorgt. Nach dem großen Erdbeben 1755 in Lissabon fragten sich die Leute: Wenn es einen allmächtigen Gott gibt, der eingreifen möchte, aber nicht kann, dann ist er impotent. Könnte er eingreifen, tut es aber nicht, dann ist er bösartig.

 

Ist man ehrlicher, wenn man dauernd an seine Endlichkeit erinnert wird?

Ja, natürlich. Das ist auch befreiend. Ich bin sicher direkter geworden, aber versuche stets dabei freundlich zu bleiben. Es ist der Ton, der die Musik ausmacht.

 

Ihre beiden autobiografischen Romane sind, um bei der Musik zu bleiben, vielschichtige Symphonien. Darin  entsteht ein irres Universum, brüllend komisch, höchst tragisch. Am Schluss der Script Avenue schreiben Sie: »Da es mein letztes Buch sein wird, soll es mein bestes werden. Es soll ein ehrliches Buch werden. Authentisch. Nicht alle werden es mögen.« Es wurde trotzdem ein Bestseller.

Gute Geschichten entstehen nun mal nicht im Schlaraffenland. Je beschissener die Biografie, desto besser das Buch. Das ist ein Glück für die Leser, aber Pech für den Autor.

 

Sie könnten wohl auch das Sterben zur Komödie machen.

Als mir der Arzt anhand einer Grafikkurve zeigte, wie meine Lunge kontinuierlich von den fremden Blutstammzellen abgestoßen wird, dachte ich mir: »Wenn das jetzt ein Aktienkurs wäre, ich müsste die Aktie sofort verkaufen.« Mir fallen auch in solchen Situationen stets heitere Dinge ein, sofern es mich alleine betrifft. Ich kann nichts dagegen tun, ich bin mein eigener Hofnarr geworden.

 

Und dieser Hofnarr hilft Ihnen zu überleben?

Zum Überleben hilft eher der Rückzug in die eigene Phantasiewelt. Bei mir war es eben diese fiktive Script Avenue meiner Kindheit. Sie war die einzige Möglichkeit einer bedrohlichen Umgebung zu entkommen. Aber auch ich erreiche manchmal meine rote Linie. Wenn man plötzlich in der Nacht Atemnot kriegt, Muskelkrämpfe oder Nervenschmerzen hat, völlig übermüdet ist, dann braucht es viel Disziplin, um das durchzustehen. Es gibt Autoren, die behaupten, sie bräuchten ideale Bedingungen zum Schreiben. Ich kann darüber nur lachen.

 

In der Pacific Avenue sagen Sie: »Gesunde legen die Latte zum Suizid manchmal ziemlich tief. Wird man ernsthaft krank, verschiebt man sie etwas nach oben und noch etwas nach oben, denn man begreift, dass das Leben einmalig ist, dass es keine zweite Chance gibt und dass eine Existenz voller Schmerzen und Einschränkungen immer noch besser ist als keine. Tote trinken im Sommer keine eisgekühlte Cola mehr.« Sie waren schon mehrmals auf der Kippe zum Tod. Kann man nachher einfach normal weiter machen?

Nein, man verliert das Urvertrauen in das Leben. Ein Alltag unter dem Damokles-Schwert ist zermürbend, aber ich habe eine großartige Frau an meiner Seite, die mich mit ihrer Lebensfreude und Zuneigung wieder auf andere Ideen bringt. Ich fokussiere auf das Jetzt. Seneca sagte, das Leben ist lang genug, wenn man es richtig nutzt. Ich versuche es, das Leben ist einmalig und äußerst interessant. Man muss nicht hadern, sondern schätzen, was immer noch möglich ist. Lesen und Schreiben und am Wochenende ein Glas Bordeaux und die Frühlingsrollen meiner Frau.

 

Sind Sie nie neidisch auf andere gleichaltrige oder gar ältere Männer, die bei bester Gesundheit sind?

Nein, Neid war mir schon als Kind absolut fremd. Der Erfolg der andern hat mich stets angespornt. Ich freue mich, wenn andere in meinem Alter noch topfit sind. Was hätte ich davon, wenn sie genauso krank wären wie ich? Nichts. Und Neid auf Materielles ist etwas für faule Menschen. In Asien werden erfolgreiche Menschen bewundert, sie spornen an, in unserer Neidkultur kommt gleich der Rasenmäher.

 

Was ist schöner: Liebe zu geben oder geliebt zu werden?

Als Kind will man geliebt werden, als verliebter Teenager schenkt man Liebe, entzieht sie aber auch wieder, als Vater stellt man sich zurück und schenkt bedingungslose Liebe und im reiferen Alter gelangt man zur Erkenntnis, dass Schenken mehr Freude bereitet als Beschenktwerden. Sofern man ein bisschen Weisheit erlangt hat.

 

Ihre erste Frau ist 2008 an Krebs verstorben, nachdem Sie sie viele Monate zu Hause gepflegt hatten.

Es war eine unmenschliche Aufgabe, 24 Stunden am Tag, aber meine Frau bestand darauf, dass nur ich sie pflege. Ich weiß nicht, ob ich es heute wieder tun würde. Aber wahrscheinlich schon. Nach ihrem Tod war ich am Boden zerstört, mein Immunsystem im Eimer, ich hatte ständig Entzündungen und ein Jahr später Leukämie. Für meinen Sohn war es besonders schwierig, weil er innert kurzer Zeit auch noch seine beiden Großeltern verloren hatte. Und der Hund war ebenfalls gestorben. Ich nahm einen Tag nach dem andern und vermied, in die Zukunft zu schauen. Ich habe nicht damit gerechnet, mich erneut zu verlieben. Ich las das Herbstgedicht von Rilke: »Wer jetzt kein Haus hat, baut sich keines mehr. Wer jetzt allein ist, wird es lange bleiben.« Ich dachte, so wird es wohl sein.

 

Aber so war es natürlich nicht, wenn man die Script Avenue gelesen hat.

Ich flog mit meinem Sohn nach Hongkong. Ich hatte ein Jobangebot im Advisory Board einer börsennotierten Computerspiel-Firma. Mein Sohn traf eine junge Chinesin, seine jetzige Frau, und ich lernte eine Filipina kennen, meine heutige Ehefrau Dina. Als sie ein Jahr später erstmals in die Schweiz flog, lag ich bereits in einem Isolierzimmer der Hämatologie mit tellergroßen blauen Flecken am Körper. Ich sagte Dina, ich würde die nächsten Wochen nicht überleben, es sei besser, zurückzufliegen, ich bot ihr eine hohe Summe an, damit sie auf den Philippinen ein Business eröffnen kann. Doch sie sagte, in ihrer Kultur würden die Frauen nicht davonlaufen, das täten nur die Männer. Und im Augenblick würde ich ja noch leben und für sie zähle nur das Jetzt. Wir haben heute eine tiefe und sehr harmonische Beziehung und nehmen es mit Humor, dass sich einige Leute wegen des Altersunterschieds den Hals verrenken. Je kleiner die Stadt, desto grösser die Verrenkung.

 

Was liebt Ihre Frau an Ihnen?

Sie bringen mich in Verlegenheit, ich frage gescheiter meine Frau. (…) Also, sie sagt, ich sei ein einfacher Mensch, sehr lieb, unkompliziert und nie böse, selbst wenn ich große Schmerzen habe. Und sie liebe meinen Humor. Sie nennt mich abwechselnd Honey Bunny oder Warren Buffett.

 

Ihre beiden Kosenamen machen mich neugierig.

Wir hatten uns in Hongkong zusammen Pulp Fiction angeschaut. In der Eröffnungsszene sagt die Figur Honey Bunny »I love you, Pumpkin«, und Pumpkin antwortet: »I love you Honey Bonny.« Und dann springt er auf den Tisch und schreit: »Everybody be cool this is a robbery!« War ein kleiner Scherz, den wir uns nicht mehr abgewöhnen konnten. Den Namen »Warren Buffett« erhielt ich, weil ich seit Jahren mit Börsengeschäften Geld verdiene.

 

Was lieben Sie an Ihrer Frau?

Ihre Lebensfreude, ihre Herzenswärme, ihre mentale Stärke, ihren Wissensdurst, ihre Geduld, ihre Cleverness, ihre Lebensphilosophie und natürlich, dass das Leben mit ihr so unkompliziert und harmonisch ist. Beinahe hätte ich ihre außerordentlichen Kochkünste vergessen.

 

Ihre Spezialität?

Es gibt Leute, die stundenlange Fahrten in Kauf nehmen, um bei ihr zu essen. Ihre Spezialitäten sind Teriyaki Beef, Adobong Manok, Pankit, scharfe Springrolls und ihr Cassava Cake, ein Dessertkuchen aus der Wurzelknolle der Maniokpflanze und Macapuno, einem weichen Kokosfleisch. Nicht zu verachten sind auch ihre Karaoke-Einlagen während des Kochens.

 

Hitverdächtig.

Es ist kein Zufall, dass überall auf der Welt zierliche Filipinas mit Reibeisenstimmen Musik-Casting-Shows gewinnen. Sie singen mit soviel Herzblut, als ginge es um Leben und Tod. 

 

Macht Ihre Frau aus Ihnen einen besseren Menschen?

Meine erste Frau, die ich als Teenager kennenlernte, hat mich ohne Zweifel sozialisiert, später auch domestiziert und während ihrer langjährigen Krebserkrankung tyrannisiert. Dina bringt enorm viel Lebensfreude in meinem Alltag, sie macht mich glücklich und glückliche Menschen sind oft auch bessere Menschen, weil sie zufrieden sind. Dina verdanke ich sehr viel. Trotz Krankheit, habe ich heute das bessere Leben.

 

Wie unterscheiden sich Frauen von Männern?

Ich bin nicht Experte. Man sollte auch nicht verallgemeinern. Ich erzähle deshalb nur über meine Erfahrungen nach dem Tod meiner ersten Frau und den sechs Monaten auf der Isolierstation: Die meisten Kollegen hatten nicht wirklich Eier. Wenn sie einen Schnupfen haben, rufen sie den Notarzt und wenn ein Kollege schwer erkrankt, machen sie sich aus dem Staub, schämen sich später und getrauen sich deshalb nicht mehr Kontakt aufzunehmen, wenn man wider Erwarten überlebt hat. Frauen sind anders. Nicht alle, aber generell sind sie mental stärker, treuer, sie laufen nicht davon.

 

Was ist Liebe?

Bedingungsloses Vertrauen und Vertrautheit, Heimat.

 

Haben Sie auch Ihrer Frau wegen überlebt?

Das hat mir der Oberarzt der Hämatologie schon mehrmals gesagt, aber ich dachte stets, weder ich noch Dina haben Einfluss auf den Bürgerkrieg in meinem Körper und wir könnten lediglich die Art und Weise beeinflussen, wie wir damit umgehen. Aber mittlerweile muss ich meinem Arzt recht geben, ich denke nicht, dass ich ohne Dina so lange überlebt hätte.

 

Welche Figur in Ihrer Script Avenue macht Ihnen etwas vor in Sachen Liebe?

Maricel. Maricel ist Dina. Und ich verliebe mich als Romanfigur in Maricel. Die Szenen habe ich besonders gerne geschrieben und dabei ein paar Tränen vergossen. Tja, ein Autor, der von seiner eigenen Geschichte überwältigt wird und die Tastatur wässert, ist natürlich auch Stoff für eine Komödie. Im neuen Roman Der Mann, der Glück brachte verliebt sich der Ich-Erzähler in eine Elsässerin, doch es ist natürlich immer Dina, in die ich mich erneut verliebe. 

 

Worauf kommt es an im Leben?

Zu Lebzeiten ist das individuell verschieden. Wenn das Ende naht, bedauert man, dass man soviel Lebenszeit mit idiotischen Dingen verbracht hat, dass man zu viel gearbeitet und den Freundeskreis zu wenig gepflegt hat. Es stirbt sich leichter, wenn man mit einer gewissen Befriedigung auf sein Leben zurückschauen kann, wenn man weiß, dass man schwierige, aber lösbare Aufgaben gemeistert hat, wenn man einige Träume realisiert und das Leben anderer Menschen signifikant verbessert hat. Denn nach dem Tod heißt es schon bald »aus den Augen, aus dem Sinn«, man wird schnell vergessen, sofern man keine Schulden hinterlassen hat. Überleben tut man nur im Gedächtnis der Menschen, die man geliebt hat oder denen man Gutes getan hat. Aber auch das erlischt mit der Zeit wie alles im Leben. Und am Ende spielt eh alles keine Rolle, weil Tote keine Erinnerung haben.

 

Was soll auf Ihrem Grabstein stehen?

Ich will keinen Grabstein. Ich will auch kein Land zum Vermodern beanspruchen. Ich will kremiert werden. Meine Frau und mein Sohn werden sich die Asche teilen, wobei sie sich noch nicht im Klaren sind, wer die Arme und wer die Beine kriegt.

 

Sterben und sterben lassen

Die Weltwoche publizierte kürzlich einen kritischen Artikel zur Sterbehilfe. Das Problem dabei: Ein gesunder Mensch kann nicht fundiert über das Thema urteilen. Niemand hat das Recht, mir vorzuschreiben, wie ich mein Leben beenden soll.

Von Claude Cueni

Mein Sohn hat mir abgeraten, diesen Beitrag zu schreiben. Er meint, ich würde in der Öffentlichkeit langsam als «Autor wahrgenommen, der niemals stirbt». Mein Sohn ist nicht nur das Beste, was mir jemals im Leben passiert ist, er ist auch seit einem Vierteljahrhundert mein fähigster Lektor, meine zuverlässige second opinion. Als Jurist und Strafrichter hat er eine andere Sicht der Dinge.

Ich zögerte noch aus einem anderen Grund, diesen Beitrag zu schreiben. Weil ich Matthias Ackeret zustimme, wenn er in seinem kritischen Artikel zur Sterbehilfe schreibt: «Dass ein alter, krebskranker Mensch, der dem Tod geweiht ist, sich für die Sterbehilfe entscheidet, ist nachvollziehbar.» Also machte eine Replik wenig Sinn. Ich hätte höchstens angefügt, dass es auch nachvollziehbar ist, wenn es sich um einen lediglich mittelalterlichen, krebskranken Mann handelt.

Was solche Debatten erschwert, ist stets der Umstand, dass jeder von einem anderen Fallbeispiel ausgeht. Ackeret legt den Fokus auf einen eher seltenen Fall: eine mehr oder weniger gesunde Frau, die sich entschied zu sterben. Den gibt es natürlich auch, aber er ist die Ausnahme.

Mut zum Weiterleben

Rico Bandle bat mich ein paar Tage später, meine Absage nochmals zu überdenken und einen Text zu schreiben, der meine eigene Situation beschreibt. Ich mag meine eigene Geschichte nicht mehr hören, und vielen Leserinnen und Lesern geht es vielleicht ähnlich. Aber als er mich fragte, ob sich denn ein Gesunder fundiert zum Thema Sterbehilfe äussern könne, setzte ich mich an den Computer.

Als ich im Herbst 2009 an Leukämie erkrankte und die Überlebenschancen gering waren, holte ich in Frankreich eine Zweitmeinung ein. Der Arzt meinte, an einer Leukämie zu sterben, sei kein schöner Tod und es sei in diesem fortgeschrittenen Stadium nicht falsch, das Leben zu beenden. Ich kontaktierte vom Spitalbett aus diverse Sterbehilfeorganisationen. Bei einem Verein hatte ich den Eindruck, es ginge um einen Termin für eine Fensterreinigung: «Wann können wir anfangen?» Grosses Vertrauen setzte ich hingegen in Frau Dr. med. Preisig von Lifecircle. Sie war die Einzige, die um meine vollständige Krankenakte bat, diese ausgiebig studierte und mich dann in einem dreistündigen Gespräch davon abhielt, voreilig zu handeln. Sie entsprach in keiner Weise dem negativen Bild, das die Medien von ihr zeichnen. Sie hat auch nie über Geld gesprochen oder um ein Honorar gebeten. Abschliessend sagte sie, sie sei einfach da, wenn es nicht mehr ginge. Eine Sterbehelferin, die Mut zum Weiterleben macht? Ja, das ist Frau Dr. med. Preisig.

Ich lebe wahnsinnig gerne. Das Leben ist hochinteressant. Wenn ich um zwei Uhr morgens aufstehe (unfreiwillig), freue ich mich, auf dem iPad die News der internationalen Presse zu lesen. Über Whatsapp erhalte ich täglich ein berührendes Video meiner Enkelin. Sie ist acht Wochen alt, ich will sie aufwachsen sehen. Wenn meine Frau um fünf in mein Arbeitszimmer kommt, umarmen wir uns nach zehn Jahren immer noch wie Frischverliebte. Wir haben es gut miteinander. Ich habe ein wunderbares Leben. Ich bin umgeben von humorvollen Menschen, ich mag Ironie, Sarkasmus und eine Prise Zynismus, Lachen ist eine gute Medizin.

Therapiebedingte Langzeitschäden

Im letzten Herbst setzte der Bürgerkrieg in meinem Körper wieder ein. Seit der leukämiebedingten Knochenmarktransplantation stossen die fremden Blutstammzellen meine Organe ab. Nach zehn Jahren sind sechzig Prozent der Lunge irreversibel zerstört. Mir reichen vierzig Prozent zum Schreiben. Zum Treppensteigen hätte ich gern ein bisschen mehr.

Je länger man eine solche Krankheit überlebt, desto wahrscheinlicher ist das Auftreten von therapiebedingten Langzeitschäden. Wie zum Beispiel die Polyneuropathie. Wenn Sie an gewissen Tagen einen Buchstaben in die Tastatur tippen, ist es so, als hätte der Zahnarzt einen Nerv getroffen. Ich musste deshalb mit Schreiben aufhören. Ich schrieb in meinem autobiografischen Roman «Script Avenue»: «Solange ich schreibe, werde ich nicht sterben.» Das gab mir zu denken.

Die Polyneuropathie begann bereits vor einigen Jahren. Zuerst verklebten nur die Fussgelenke, und es gab immer weniger Tage und Nächte, in denen ich nicht von Muskelkrämpfen und Nervenschmerzen gepeinigt wurde. Dauererschöpfung. Atemlos durch die Nacht. Aber ohne Helene Fischer.

Meine Wohnung gleicht heute einer Krankenstation. Manchmal möchte ich einschlafen und nie mehr aufwachen. Aber ich steige immer noch jeden Morgen auf mein Fitnessvelo, mache Kraftübungen und singe eine Stunde lang die Oldies und Chansons der siebziger Jahre. Singen ist gut für die Lunge, und man kann nicht gleichzeitig «Aux Champs-Elysées» singen und Trübsal blasen. Das Leben unter dem Damoklesschwert ist anspruchsvoll, es braucht Disziplin und Wille.

Bereits an Weihnachten 2017 musste ich mit einem schweren Lungeninfekt ins Spital. Die Behandlung wurde schwierig, weil ich noch den Rotavirus auflas. Als man mich in einem kritischen Zustand auf die Intensivstation verlegen wollte, warf ich das Handtuch. Ich rief Frau Dr. med. Preisig an, sie war im Urlaub und bereit, diesen zu unterbrechen. Wir vereinbarten den 13. Januar 2018. Meine Frau brachte mich mit einem Sauerstoffkonzentrator nach Hause und wurde meine Tag- und Nachtschwester. Die nächsten fünf Tage verbrachte ich meistens auf dem Klo. Als der Virus erledigt war, begannen die Lungenmedikamente zu wirken. Ich kriegte nochmals die Kurve, zum dritten Mal innerhalb von zehn Jahren. Ich hatte überlebt, aber auf einem nochmals tieferen Niveau.

Mangel an Empathie?

Die Gewissheit, dass ich das Leiden im allerschlimmsten Fall abkürzen kann, macht mein Martyrium erträglich. Das ist ein ganz wichtiger Punkt, den kaum ein Gesunder versteht. Ohne Handbremse würde kein Mensch in ein Auto steigen. Frau Dr. med. Preisig verdient deshalb für ihre Arbeit höchste Wertschätzung.

Wenn sich gesunde Leute über Sterbehilfe äussern, haben sie kaum eine Ahnung, wie tief man ins Elend abrutschen kann, wenn Schmerzen schwer kontrollierbar und Heilungsaussichten ausgeschlossen sind. Ist es ein Mangel an Vorstellungsvermögen oder ein Mangel an Empathie?

Meine erste Frau starb nach vierzehnjähriger Krankheit an Krebs. Sie hatte sterben wollen wie ihre geliebten Hunde. Ihr Arzt hielt sie davon ab, er sagte, heute sterbe man schmerzfrei. Meine Frau hatte bis zuletzt Schmerzen, die Morphiumspritzen behinderten die Atmung. Ihr Arzt meinte später, sie hätte sich ins künstliche Koma versetzen lassen sollen, dann wäre sie schmerzfrei gestorben.

Auf den Tod warten ist definitiv nicht mein Ding. Als mein Vater vor einigen Monaten mit 95 im Sterben lag, fragte er mich bei jedem Besuch: «Was mache ich eigentlich hier? Auf den Tod warten?» Ich habe ihm nie geantwortet. Es war seine Entscheidung.

Ich bin leidensfähig, sehr sogar, ich bilde mir ein, ich sei ein schwerverletzter römischer Legionär vor Alesia. Ich kann mich gut mit fiktiven Figuren identifizieren. Tragikomische Szenen bringen mich zum Lachen, manchmal zum Weinen. Ich bin längst mein eigener Hofnarr geworden.

Ich habe mittlerweile mein Ableben sowohl mit meinem Arzt als auch mit meiner Familie besprochen. Mein Sohn und meine Frau werden sich die Asche teilen, wobei noch nicht klar ist, wer die Arme und wer die Beine kriegt.

An der Schwelle zum Tod

Ich liebe das Leben unglaublich, ich werde nicht leichtfertig aufgeben, ich bin es meiner Familie schuldig, ich bin es auch den Ärzten und dem gesamten Pflegepersonal schuldig. Sie haben sich enorm um mich bemüht und mir ein Leben in der Verlängerung geschenkt. Auch wenn die Zukunft abhandengekommen ist.

Je kürzer meine Lebenserwartung wird, desto mehr geniesse ich die Natur. Bücher verlieren an Bedeutung. Was überlebt, sind die Gene und die guten Taten.

Die Gerüchte über meinen baldigen Tod sind etwas verfrüht. Denn ich habe wieder mit Schreiben begonnen, bin an der letzten Überarbeitung meines neuen Romans. Ich glaube an die Fortschritte der Medizin, walking dead wird zur chronischen Erkrankung.

Ich werde immer wieder gefragt, ob man an der Schwelle zum Tod nicht doch noch religiös wird. Als Teenager bezeichnete ich Gott als Sankt Nikolaus für Erwachsene. Heute halte ich Religion für die grösste Betrugsgeschichte der Menschheit, für eine groteske Form des Aberglaubens. Manchmal schreiben mir Leute anonym, der liebe Gott bestrafe mich. Aber es sterben leider auch Babys an Leukämie, bevor man ihnen Religiosität wie eine Schluckimpfung verabreicht.

Wenn ich eines Tages das Palliativstadium erreiche, werde ich es akzeptieren, und niemand hat das Recht, mir vorzuschreiben, wie ich das Leben beenden soll. Dieser Niemand ist nicht derjenige, der mir um zwei Uhr morgens beisteht, wenn ich mich wie Kafkas Käfer vor lauter Krämpfen und Nervenschmerzen nicht mehr selber aufrichten kann. Wenn ich es eines Tages beenden muss, dann wird es kein Suizid sein, sondern Schmerzbefreiung mit Todesfolge. Wieso soll ein vernünftiger Mensch ausgerechnet das Sterben dem Zufall überlassen?

Leben und leben lassen. Sterben und sterben lassen. Jeder Film geht einmal zu Ende. Ist das etwa ein Grund, den Film nicht anzuschauen? Ich habe akzeptiert, dass jedes Leben ein Verfalldatum hat. Wie jedes Mandarinenjogurt auch. Seneca sagt, das Leben sei nicht zu kurz, wenn man es richtig genutzt habe. Das ist so, no bad feelings.

© Die Weltwoche vom 25. April 2019
 
 
 

39 Blick »Zu wenig Planet« dt./engl.

 


© Blick 28. Juni 2019 / Folge 39


Vor rund 70’000 Jahren schrumpfte die Weltbevölkerung aufgrund eines Temperatursturzes auf einige Tausend Exemplare. Nach der erneuten Klimaerwärmung hatte der Mensch die Möglichkeit, sesshaft zu werden, Ackerbau und Viehzucht zu betreiben, Vorräte anzulegen und sich fleissig zu vermehren.

Als Julius Cäsar die Helvetier bei Bibracte zur Umkehr zwang, lebten bereits rund 250 Millionen Menschen auf der Erde, zu Beginn des 17. Jahrhunderts waren es 500 Millionen. Ernteausfälle, Hungersnöte, Seuchen und Kriege verhinderten einen weiteren Zuwachs. Das änderte sich im 19. Jahrhundert dank der industriellen Revolution, Fortschritten in der Medizin und Ertragssteigerungen in der Landwirtschaft.

Als Winston Churchill 1965 starb und die Rolling Stones die Berliner Waldbühne zertrümmerten, hatte sich die Weltbevölkerung auf rund 3,3 Milliarden mehr als versechsfacht. Heute zählt die Uno 7,7 Milliarden und sagt für 2050 9,7 Milliarden voraus.

Es versteht sich von selbst, dass alle umwelt- und klimapolitischen Massnahmen verpuffen, wenn die Weltbevölkerung in diesem Tempo weiterwächst.

Mehr Menschen verbrauchen mehr Ressourcen. Ein Mangel führt zu Krieg. Ein Überschuss an jungen Männern sowieso.

Weltweit hat eine Frau im Schnitt 2,5 Geburten, in Afrika sind es 4,4. Hätten diese Frauen die Wahl, schreibt die Gates-Stiftung, wäre das Bevölkerungswachstum um dreissig Prozent reduziert. Doch wegen Armut, mangelnder Bildung und weil in etlichen Drittweltländern Kinderreichtum ein Statussymbol ist, sind viele Bemühungen vergebens. Während in Grossbritannien 92,6 Prozent aller Frauen Verhütungsmittel benutzen, sind es im Südsudan lediglich 4 Prozent. Bill Gates sagt: «Kein Geld dieser Welt kann Afrika retten, nur Geburtenkontrolle.»

Im Gegensatz zur privaten Entwicklungshilfe zerstören staatliche Hilfsmassnahmen aus dem Westen oft das einheimische Gewerbe, füllen die Taschen korrupter Regierungen und besänftigen das schlechte Gewissen der Geberländer. An der demografischen Entwicklung ändert sich nichts.

Ein Uno-Botschafter nennt sie deshalb eine «tickende Zeitbombe». Das ist nicht Science-Fiction, das ist Mathematik.


column by Claude Cueni about the population growth

Translation by Adrian McDonald


In Front of around 70’000 years, the world population shrank due to a temperature fall to a few Thousand copies. After re-warming the person had the opportunity to settle down to grow Crops and livestock, inventories and multiply diligently.

When Julius Caesar forced the helvetii at Bibracte to repentance, lived around 250 million people on the earth, at the beginning of the 17th century. Century, there were 500 million. Crop failures, famines, pestilence and wars prevented a further increase. This changed in the 19th century. Century thanks to the industrial Revolution, advances in medicine and increases in yield in agriculture.

died As Winston Churchill in 1965 and the Rolling Stones, the Berlin forest stage smashed, had six times the world’s population, approximately 3.3 billion more than. Today, the UN counts 7.7 billion, and predicts that by 2050, 9.7 billion.

It goes without saying that all of the environmental and climate fizzle policy measures, when the world population is growing at this rate.

more and More people consume more resources. A deficiency leads to war. A Surplus of young men anyway.

in the World, a woman on average has 2.5 births in Africa is 4.4. These women had the choice, writes the Gates Foundation, would be to reduce the population growth of thirty percent. However, due to poverty, lack of education and because in many third world countries, children are wealth, a status symbol, are a lot of efforts in vain. While in the UK, 92.6 percent of all women use contraception, in South Sudan, only 4 per cent. Bill Gates says: “No money in the world can save Africa, only birth control.”

In contrast to the private development aid destroy the state aid measures from the West, often the local business, filling the pockets of corrupt governments and appease the bad Conscience of the donor countries. To the demographic development, nothing will change.

A UN Ambassador she calls, a “ticking time bomb”. This is not Science Fiction, this is mathematics.

38 Blick »Nach uns die Sintflut« dt./engl.


Claude Cueni about the destruction of the environment

Translation: Adrian McDonalds

“is Constantly tormented of the earth,” said the Roman officer Pliny, as he had to watch as a mine Manager, as slaves in Spanish mines, the Rock is perforated, until it crashed like a porous bone and down to the valley thundered. “As the winner, you can look to the fall of nature.”

Around eighty thousand tons of lead picked up by the Romans every year, from the ground to water pipes and kitchenware, although you could detect the toxicity of yellow-grey skin of the miners. Also for the manufacture of linen dresses you used toxic substances, many of the workers died of lung cancer and tuberculosis. Waste disposed of in rivers, how is that even today in many third world countries. The expanding settlements they cleared all the forests, the eroded soil, Floods were the result.

the stench in the streets

That dirty air, rivers full of feces and contaminated soil make people sick, and then we knew already in ancient Rome. You got annoyed, but mostly about the putrid stench that wafted through the alleys.

Pliny wrote: “We are poisoning yourself what makes us live.” He came to the conclusion that the human nature is detrimental for so long, until it hurt him.

this Is so? In the 20-million metropolis of New Delhi, the toxic exceed on some days steam the of the WHO set the red line to the fifty-fold. Often the Smog engulfs the lunch time, the sun’s light. In the list of the cities with the highest air pollution, we find six Indian cities. However, the country has excellent engineers, physicists, and chemists.

nature exploiters and anti-social

Also in lung surgeons report an increase in the number of broken lungs. While the climate is still about the causes will be discussed, the opinions on the subject of environmental pollution are unanimous.

In their After-me-the-deluge mentality of different industrial natural exploiters of anti-social, leave their garbage everywhere. Improvement is not in sight. More likely, the optimization of the human genome is more likely, so that man is similarly resistant as the rats of Chernobyl.

 


Nach uns die Sintflut

«Ständig wird die Erde gequält», klagte der römische Offizier Plinius, als er als Minenverwalter mitansehen musste, wie Sklaven in spanischen Bergwerken den Fels durchlöcherten, bis er wie ein poröser Knochen zusammenkrachte und ins Tal hinunter donnerte. «Wie Sieger blicken sie auf den Sturz der Natur.»

Rund achtzigtausend Tonnen Blei holten die Römer jedes Jahr aus dem Boden, um Wasserleitungen und Geschirr herzustellen, obwohl man die Giftigkeit an der graugelben Haut der Bergarbeiter erkennen konnte. Auch für die Herstellung von Leinenkleidern benutzte man giftige Stoffe, zahlreiche Arbeiter starben an Lungenkrebs und Tuberkulose. Abfälle entsorgte man in Flüssen, wie das heute noch in vielen Drittweltländern üblich ist. Die expandierenden Siedlungen holzten ganze Wälder ab, der Boden erodierte, Überschwemmungen waren die Folge.

Dass Dreckluft, Flüsse voller Fäkalien und verseuchte Böden die Menschen krank machen, wusste man bereits im alten Rom. Man ärgerte sich aber vor allem über den fauligen Gestank, der durch die Gassen wehte.

Plinius schrieb: «Wir vergiften selbst das, was uns leben lässt.» Er kam zum Schluss, dass der Mensch der Natur so lange schadet, bis sie ihm selbst schadet.

Ist das so? In der 20-Millionen-Metropole Neu-Delhi übersteigen an manchen Tagen die toxischen Schwaden die von der WHO gesetzte rote Linie um das Fünfzigfache. Oft verschlingt der Smog bereits um die Mittagszeit das Sonnenlicht. In der Liste der Städte mit der höchsten Luftverschmutzung finden wir sechs indische Städte. Dabei hat das Land hervorragende Ingenieure, Physiker und Chemiker.

Auch bei uns berichten Lungenchirurgen über eine Zunahme von kaputten Lungen. Während beim Klima noch über die Ursachen diskutiert wird, sind die Meinungen beim Thema Umweltverschmutzung einhellig.

In ihrer Nach-mir-die-Sintflut-Mentalität unterscheiden sich industrielle Naturausbeuter allerdings kaum von Asozialen, die ihren Müll überall liegen lassen. Besserung ist nicht in Sicht. Wahrscheinlicher ist eher die Optimierung des menschlichen Genoms, damit der Mensch ähnlich resistent wird wie die Ratten von Tschernobyl.

© Blick, Folge 38 vom 14. Juni 2019


 

37 Blick »The myth of the cancer-healing vegan blood«

Column, Claude Cueni

In ancient Rome were celebrating gladiatorial combat was originally part of the Funeral. The organizers wanted to honor the deceased with the diluted blood and the spectacle for a political office recommend. Gladiator blood was regarded as a miracle cure. It was used for the “cure” of epilepsy. Doctors contradicting each other. Nevertheless, the need remained for 500 years until the ban of the arena games, around 400 after Christ.

The gladiators died out, the remained but to believe. Charles Henri Sanson, the executioner of the French Revolution, wanted to be a doctor, but had to take the Henkerjob of the father. Kill instead of Heal. He reported in his diaries that each of onlookers huddled under the scaffold to the blood to absorb drops, seeping between the planks of wood through it, when the severed head plopped into the wicker basket. These blood-stained textiles it was said of a healing effect.

but think in Red

blood is always a Symbol for vitality and life force. It was the firm Conviction that you do not appease with blood the gods only, but also disaster to avert, and could cure the Ill. Blood rituals are as old as mankind. In all cultures, blood had a magical effect. Already Odysseus lured into the underworld, the souls of the dead with a blood sacrifice. But a religious coloring has often believe. In Christianity, the priest drinks the communion of the blood of Christ for the spiritual strengthening.

… and a pinch of Himalayan salt

While the country churches are constantly losing members, get an alternative Patchwork-religions of the inlet, because the need for community and spirituality remains the same, and so are looking for a number of Stops in a Mix of radical nutrition and fast rules, green fundamentalism, strictly regulated extremism and a pinch of Himalayan salt.

The most Militant among them, claim that vegan blood cancer heal. Anyone who has dies of cancer and non-vegan eats, it’s your own fault. The cancer vegan Mari Lopez preached last year, 500’000 followers, that chemo therapies are unnecessary. She died a few months later. How many Desperate have followed her advice, is not known.

37 Blick »Heilendes Gladiatorenblut« dt./engl.

deutsch / english


© Blick 2019 / Kolumne 37 vom 31. Mai 2019


The myth of the cancer-healing vegan blood – column, Claude Cueni

In ancient Rome were celebrating gladiatorial combat was originally part of the Funeral. The organizers wanted to honor the deceased with the diluted blood and the spectacle for a political office recommend. Gladiator blood was regarded as a miracle cure. It was used for the “cure” of epilepsy. Doctors contradicting each other. Nevertheless, the need remained for 500 years until the ban of the arena games, around 400 after Christ.

The gladiators died out, the remained but to believe. Charles Henri Sanson, the executioner of the French Revolution, wanted to be a doctor, but had to take the Henkerjob of the father. Kill instead of Heal. He reported in his diaries that each of onlookers huddled under the scaffold to the blood to absorb drops, seeping between the planks of wood through it, when the severed head plopped into the wicker basket. These blood-stained textiles it was said of a healing effect.

but think in Red

blood is always a Symbol for vitality and life force. It was the firm Conviction that you do not appease with blood the gods only, but also disaster to avert, and could cure the Ill. Blood rituals are as old as mankind. In all cultures, blood had a magical effect. Already Odysseus lured into the underworld, the souls of the dead with a blood sacrifice. But a religious coloring has often believe. In Christianity, the priest drinks the communion of the blood of Christ for the spiritual strengthening.

… and a pinch of Himalayan salt

While the country churches are constantly losing members, get an alternative Patchwork-religions of the inlet, because the need for community and spirituality remains the same, and so are looking for a number of Stops in a Mix of radical nutrition and fast rules, green fundamentalism, strictly regulated extremism and a pinch of Himalayan salt.

The most Militant among them, claim that vegan blood cancer heal. Anyone who has dies of cancer and non-vegan eats, it’s your own fault. The cancer vegan Mari Lopez preached last year, 500’000 followers, that chemo therapies are unnecessary. She died a few months later. How many Desperate have followed your advice, is not known.


deutsch


In alten Rom waren Gladiatorenkämpfe ursprünglich Bestandteil von Begräbnisfeiern. Der Veranstalter wollte den Verstorbenen mit dem verflossenen Blut ehren und sich mit dem Spektakel für ein politisches Amt empfehlen. Gladiatorenblut galt als Wundermittel. Es wurde für die «Heilung» von Epilepsie verwendet. Ärzte widersprachen. Trotzdem hielt sich der Brauch 500 Jahre lang bis zum Verbot der Arenaspiele um 400 nach Christus.

Die Gladiatoren starben aus, der Aberglauben blieb. Charles Henri Sanson, der Henker der Französischen Revolution, wollte Arzt werden, musste aber den Henkerjob des Vaters übernehmen. Töten statt Heilen. Er berichtete in seinen Tagebüchern, dass sich jeweils Schaulustige unter das Schafott drängten, um Bluttropfen aufzunehmen, die zwischen den Holzplanken hindurchsickerten, wenn der abgeschlagene Kopf in den Weidekorb plumpste. Diesen blutbefleckten Textilien sagte man heilende Wirkung nach.

Blut war stets ein Symbol für Vitalität und Lebenskraft. Man war der festen Überzeugung, dass man mit Blut nicht nur die Götter besänftigen, sondern auch Unheil abwenden und Kranke heilen konnte. Blutrituale sind so alt wie die Menschheit. In allen Kulturen hatte Blut eine magische Wirkung. Bereits Odysseus lockte in der Unterwelt die Seelen der Verstorbenen mit einem Blutopfer. Aberglauben hat oft eine religiöse Färbung. Im Christentum trinkt der Priester beim Abendmahl das Blut Christi zur spirituellen Stärkung.

Während die Landeskirchen laufend Mitglieder verlieren, erhalten alternative Patchwork-Religionen Zulauf, denn das Bedürfnis nach Gemeinschaft und Spiritualität bleibt bestehen, und so suchen Etliche Halt in einem Mix aus radikalen Ernährungs- und Fastenvorschriften, grünem Fundamentalismus, streng reguliertem Extremismus und einer Prise Himalaya-Salz.

Die Militantesten unter ihnen behaupten, dass Veganerblut Krebs heile. Wer an Krebs stirbt und sich nicht vegan ernährt hat, ist selber schuld. Die krebskranke Veganerin Mari Lopez predigte letztes Jahr ihren 500’000 Followern, dass Chemotherapien überflüssig sind. Sie starb wenige Monate später. Wie viele Verzweifelte ihrem Rat gefolgt sind, ist nicht bekannt.

36 Blick „Ist Gott impotent oder bösartig?«

 

© Blick 17. Mai 2019 / Kolumne 36


Es begann um 9.30 Uhr. Man schrieb den 1. November 1755, Allerheiligen in Lissabon. Die Strassen waren menschenleer. Die Stadtbewohner hatten sich in den Kirchen versammelt, um der Toten zu gedenken. Plötzlich bebte die Erde, die Gewölbe von über 100 Gotteshäusern brachen ein und begruben die Gläubigen unter sich. Wer schwer verletzt überlebte, erstickte an der gigantischen Staubwolke, die sich über den Trümmern erhob und den Himmel verdunkelte. Die brennenden Kerzen in den Kirchen und die offenen Feuerstellen in den Häusern entfachten verheerende Brände. Wer sich ans Ufer des Tejo retten konnte, wurde kurz darauf von zwanzig Meter hohen Wellen in den Tod gerissen. Der Tsunami flutete die Küsten Nordafrikas, und die Nachbeben brachten sogar im fernen Luxemburg eine Militärkaserne zum Einsturz. In den Trümmern von Lissabon stahlen und mordeten marodierende Banden.

Nach der Jahrhundertkatastrophe kämpften alle um die Deutungshoheit. Protestantische Geistliche hielten das Unglück für eine Bestrafung der katholischen Portugiesen, weil sie die falsche Konfession hatten und weil ausgerechnet an diesem Tag das Inquisitionsgericht tagen sollte. Katholiken wiederum erkannten eine Strafe Gottes für das dekadente Leben in der damals reichsten Stadt Europas. Dieser Deutungsversuch geriet jedoch ins Wanken, als die Menschen erfuhren, dass ausgerechnet das Rotlichtviertel die Katastrophe unbeschadet überstanden hatte. Wieso hatte Gott Prostituierte am Leben gelassen? Jeder hatte eine Meinung dazu, und da Meinungen nichts kosten, gab es viele davon.

Das Erdbeben markierte den Beginn der Erdbebenforschung und beeinflusste den Städtebau: Die Häuser erhielten Brandmauern, die Strassen wurden breiter. Aber das nachhaltigste Beben fand in den Köpfen der Europäer statt. Die Menschen fragten irritiert, wieso ein allmächtiger und gütiger Gott so viel Leid zugelassen hatte. Diese öffentlichen Debatten ebneten den Boden für Aufklärung, Wissenschaft und Vernunft.

Der schottische Philosoph David Hume schrieb: «Will Gott Böses verhindern, kann es aber nicht? Dann ist er impotent. Kann er es, will es aber nicht? Dann ist er bösartig.»


ENGLISH


Column by Claude Cueni on the earthquake of Lisbon 1755 / translation Adrian McDonalds

It began at 9.30 am. You wrote the 1. November 1755, all saints day in Lisbon. The streets were empty of people. The town residents had gathered in the churches to commemorate the dead. Suddenly, the earth shook, and the vaults of over 100 houses of worship, broke and buried the faithful among themselves. Those who survived seriously injured, choked on the gigantic cloud of dust that rose above the rubble, and the sky darkened. The burning candles in the churches and the open fires in the houses sparked devastating fires. Who could save to the banks of the Tagus, was ripped out of twenty-Meter-high waves in the death. The Tsunami flooded the coasts of North Africa, and the aftershocks brought as far as Luxembourg is a military barracks to collapse. In the rubble of Lisbon, marauding gangs, stole, and murdered.

After the century of disaster, all fought for the sovereignty of interpretation. Protestant clergy had the misfortune to be a punishment of the Catholic Portuguese, because they had the wrong religion and because, of all things, on this day the Inquisition days. Catholics detected, in turn, a God’s punishment for the decadent life in what was then the richest city in Europe. This interpretation of the trial but was shaken when the people heard that the red light district that had survived the disaster unscathed. Why had left God prostitute alive? Everyone had an opinion, and since opinions cost nothing, there were many of them.

The earthquake marked the beginning of the earthquake research and influenced the urban design: The houses were fire-walls, the roads were wider. But the most sustainable earthquake took place in the minds of the Europeans. The people asked irritated, why an omnipotent and benevolent God had allowed a lot of suffering. These public debates have paved the ground for enlightenment, science and reason.

The Scottish philosopher David Hume wrote: “is there to prevent the God of Evil, can it? Then he is impotent. He can do it, don’t want to do it? Then he is malicious.”

Claude Cueni (63) is a writer and lives in Basel. He writes every second Friday of the VIEWS.


FRANCAIS


Claude Cueni sur le Tremblement de terre de Lisbonne en Vue

Il a commencé à 9h30. On a écrit le 1. Novembre 1755, jour de la Toussaint, à Lisbonne. Les Rues étaient désertes. Les habitants de la ville avaient les Églises se sont réunis pour commémorer les Morts. Soudain la Terre trembla, les Voûtes de plus de 100 lieux de culte se sont effondrés, et les enterrèrent les Fidèles à se. Celui qui, grièvement blessé, a survécu, étouffait à la gigantesque Nuage de poussière, de Débris et, levant le Ciel obscurci. Les Cierges dans les Églises et les Cheminées dans les Maisons ont déclenché des Incendies dévastateurs. Qui se sur la Rive du Tage, de les sauver, a été, peu après, de vingt Mètres de haut, dans des Vagues de la Mort déchiré. Le Tsunami a inondé les Côtes de l’Afrique du nord, et les Répliques ont même apporté dans l’extrême Luxembourg une Caserne militaire de l’Effondrement. Dans les Ruines de Lisbonne ont volé et mordeten marodierende Gangs. Après la Jahrhundertkatastrophe se battaient tous pour l’Interprétation. Protestante Spirituelle gardé le Malheur, pour la Punition des Portugais catholiques, parce qu’ils la fausse Religion avaient et parce que, justement, ce Jour-là, le tribunal de l’Inquisition jours. Les catholiques, à leur tour, ont reconnu la Punition de Dieu pour la Vie décadente de l’époque, de Ville les plus riches d’Europe. Cette Deutungsversuch a cependant Vaciller, comme les Gens ont appris que, justement, le Quartier rouge de la Catastrophe, sans préjudice avait survécu. Pourquoi Dieu avait des Prostituées laissé la Vie? Tout le monde avait une Opinion, et parce que les Opinions ne coûte rien, il y avait beaucoup de celui-ci. Le Tremblement de terre qui a marqué le Début de l’étude des tremblements de terre et de l’influence de l’Urbanisme: Les Maisons ont reçu des Murs coupe-feu, les Routes ont été plus large. Mais le plus puissant Tremblement de terre a eu lieu dans l’Esprit des Européens. Les Gens demandaient irrité, et pourquoi, un tout-puissant et bienveillant de Dieu tant de Souffrances avait admis. Ces Débats publics ont préparé le terrain pour la Sensibilisation, de la Science et de la Raison. Le Philosophe écossais David Hume écrit: «Dieu Veut empêcher le Mal, mais ne peut pas? Ensuite, il est impuissant. Il peut, mais ne veut pas? Ensuite, il est méchant.» Claude Cueni (63) est un Écrivain et vit à Bâle. Il écrit chaque deuxième Vendredi.


 

35 Blick »Pfeffer auf dem Mond«

 

© Blick, Kolumne 35 vom 3. Mai 2019


Pfeffer auf dem Mond

Wenn eine Nervensäge im Mittelalter die Geduld seiner Mitmenschen strapazierte, wünschte man ihn ins Pfefferland. Man nahm irrtümlicherweise an, dass das Land, wo der Pfeffer wächst, am weitesten entfernt ist.

Pfeffer war damals unglaublich teuer, weil er auf einer monatelangen und gefährlichen Reise von Arabern und Venezianern auf dem Landweg von Indien nach Europa transportiert wurde. Nur vermögende Leute konnten sich Pfeffer leisten, also Adel und Klerus. Man nannte sie deshalb abschätzig «Pfeffersäcke». Das Gewürz war ein Statussymbol, zeitweise eine Zweitwährung, die mit Gold aufgewogen wurde. Wer also in Europa Pfefferkörner kaufen wollte, bezahlte eine «gepfefferte Rechnung».

Arme Leute, und das waren damals die meisten, würzten ihre Speisen mit Senfbrühe. Diese wurde so eifrig benutzt wie heute Ketchup. Zu jedem Essen «gab man seinen Senf dazu», auch das eine häufige Redewendung heute

Die ewigen Rivalen Spanien und Portugal teilten sich die Welt und wollten über das Meer die legendären Gewürzinseln erreichen. Der portugiesische Seefahrer Vasco da Gama fuhr der afrikanischen Küste entlang und entdeckte die Route nach Indien. Sein Landsmann Magellan fuhr hingegen für den Erzfeind Spanien Richtung Westen und fand die Passage zum Pazifik. Im September 1519 war er mit fünf Schiffen und 234 Männern aufgebrochen, nach knapp drei Jahren kamen 18 Überlebende zurück, vier Schiffe waren gesunken, aber das letzte war voll beladen mit Pfefferkörnern, Muskat und Zimt im Wert von 500 Golddukaten. Das entsprach den hundertfachen Expeditionskosten.

Magellan hatte nichts davon. Der philippinische Stammesfürst Lapu-Lapu hatte ihm einen Strich durch die Rechnung gemacht beziehungsweise einen Speer durch die Brust gebohrt.

Magellans erste Weltumsegelung war der Auftakt zur blutigen Christianisierung Südostasiens und der Vorabend der Globalisierung. Mittlerweile liegt Asien vor der Haustür.

Deshalb wünscht man sich heute nervige Menschen nicht mehr ins Pfefferland, sondern auf den Mond. Es ist allerdings fraglich, ob es dort oben genügend Platz gibt.

34 Blick »Der Wolf kommt«


 

© Blick vom 20. April 2019


Der griechische Dichter Äsop, der vor rund zweieinhalbtausend Jahren lebte, ist kaum bekannt, berühmt ist hingegen seine Fabel vom jugendlichen Hirtenjungen, der immer wieder um Hilfe schreit («Der Wolf kommt!»). Die Dorfbewohner eilen zu Hilfe, kein Wolf weit und breit. Als dann der Wolf tatsächlich kommt, bleiben die Leute zu Hause.

Wer 1972 als Teenager eine Buchhandlung betrat, muss ganz schön erschrocken sein. Der Bestseller «Die Grenzen des Wachstums» war omnipräsent. Wer damals 16 war, ist heute 63, und falls er ab 1981 das Hamburger Magazin «Der Spiegel» gelesen und aufbewahrt hat, findet er heute in seiner Sammlung 38 Cover-Stories, die mehr oder weniger das Ende der Welt voraussagen: «Der Wald stirbt» (1981), «Wer rettet die Erde?» (1989), «Vor uns die Sintflut» (1995), «Achtung, Weltuntergang» (2006), um nur einige zu nennen.

Alles, was man zum ersten Mal erlebt, prägt sich wie ein Brandzeichen ein, egal, ob es das Sterben eines geliebten Menschen ist, der erste Sex oder die erste Fernreise in einen anderen Kulturkreis. Das gilt auch für die erste Schocknachricht.

Auch wenn der Weltuntergang noch auf sich warten lässt, so haben diese übereilten Prophezeiungen doch zu einer Sensibilisierung beigetragen.

Jugendliche, die noch kaum der Pubertät entronnen sind, werfen ergrauten Politikern vor, den Planeten zugrunde zu richten, weil sie altersbedingt die Folgen ihrer Tatenlosigkeit eh nicht mehr erleben werden. Das ist teilweise zutreffend.

Die Passivität der Erwachsenen hat aber auch damit zu tun, dass die Älteren seit 38 Jahren Weltuntergänge erleben und überleben und mittlerweile ähnlich reagieren wie die Dorfbewohner in der Fabel von Äsop. Einem Teenager, der noch vom hormonellen Tsunami getrieben wird und Halt in radikalen Schwarz-Weiss-Ideologien sucht, fehlt mangels Lebenserfahrung schlicht die Möglichkeit, etwas, das er zum ersten Mal erlebt, vernünftig einzuordnen.

Könnte er das, wäre ihm bewusst, dass das ungebremste Bevölkerungswachstum das grösste Problem der Menschheit ist. Es ist ein sehr heikles Thema, das man lieber ausklammert. So wie es auch schon die Betreiber von Hotel Mama gemacht haben.


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33 Blick »Panik Wallfahrten«


© Blick, Kolumne 33 vom 5. April 2019


Wir brauchen keine Panik-Wallfahrten

Der italienische Universalgelehrte Galileo Galilei widerlegte 1614 die damals herrschende Meinung, wonach Luft kein Gewicht habe. Dann behauptete er auch noch, dass sich die Erde um die Sonne drehe. Mehr als 99 Prozent der damaligen Wissenschaftler waren anderer Meinung und bezeichneten Galileos Behauptungen als Blasphemie.

Der Astrophysiker Nir Joseph Shaviv sieht sich mit einer Ablehnung von 97 Prozent seiner Kollegen konfrontiert. Er sagt, Wissenschaft sei keine Demokratie. Der deutsche Bundestag lud ihn nach Berlin ein, um seine Thesen darzulegen.

Shaviv behauptet, dass die Klimaerwärmung im frühen Mittelalter wesentlich stärker war, weil die Sonneneinstrahlung höher und die Vulkantätigkeit niedriger war. Es sei irreführend, nur die letzten 100 Jahre für Klimamodelle beizuziehen. Viele halten seine Aussagen für «Quatsch». Aber besteht das Prinzip der Wissenschaft nicht gerade darin, als gesichert geltende Erkenntnisse permanent in Frage zu stellen?

Dass die kolossale Umweltverschmutzung die Gesundheit schädigt und vom Menschen verursacht wird, stellt niemand in Frage. Auch die Klimaerwärmung bezweifelt niemand. Strittig ist nur, ob sie eine jahrtausendealte Naturkonstante mit wechselnden Eis- und Hitzeperioden ist oder ganz oder teilweise vom Menschen verursacht wird.

Man kann nun die medial befeuerte Panik für die Erhebung neuer Abgaben nutzen. Man kann die Klimakeule zur neuen Nazikeule machen. Aber dem Klima ist das ziemlich egal. Gefragt sind Visionen. Ist historisches Wissen Voraussetzung dafür?

Wer hätte sich früher vorstellen können, dass eines Tages die stinkenden Dampflokomotiven durch elektrische Eisenbahnen ersetzt werden, kaputte Herzen durch gesunde, Menschen auf dem Mond landen und Telefone mobil werden?

Während wir darüber debattieren, was wir alles verbieten (oder besteuern) könnten, bauen die Japaner Wasserstoffautos und glauben, den CO2-Ausstoss der Neuwagen bis in 30 Jahren um 90 Prozent senken zu können. 

Die Welt von morgen braucht keine Panik-Wallfahrten, sondern Ingenieure und den Glauben von Jules Verne, wonach alles, was sich ein Mensch ausdenkt, eines Tages von einem anderen Menschen realisiert werden wird.


© Blick, Kolumne 33 vom 5. April 2019


 

32 Blick »Täglich grüsst der Weltuntergang«

Bereits vor zweitausend Jahren zogen selbsternannte Propheten durch die Gegend und versetzten die Bevölkerung in Panik: «Der Weltuntergang ist nah! Tut Busse!» Da diese Warner offenbar eine Standleitung zu höheren Mächten hatten, sammelten sich die Ängstlichen und Humorlosen um sie herum und frassen ihnen aus der Hand.

Wer am meisten Angst verbreitete, hatte am meisten Anhänger. Mit der Figur des Teufels errang das Christentum die Pole-Position. Fortan schwebte das Damokles-Schwert über den Köpfen der Sünder und bestimmte ihr Handeln.

Die Zukunft nach Nostradamus

Der Meister der Panikmache ist Nostradamus, der die Zukunft bis ins Jahr 3797 voraussagte und klugerweise 1566 verstarb, damit ihm niemand seine Irrtümer vorwerfen konnte.

Als im Sommer 1999 «ein grosser König des Schreckens» vom Himmel runterfahren sollte, bestand kein Zweifel daran, dass Putin (oder eher Kim Jong Il?) die Welt zerstören würde. Da die beiden anderweitig beschäftigt waren, wurden die nebulösen Verse nachträglich als poetische Beschreibung einer Sonnenfinsternis interpretiert und fortan hiess es, Nostradamus habe die Sonnenfinsternis vorausgesagt.

Greta, das sprechende Flugblatt

Die heutigen Weltuntergangs-Propheten sind keine Religionsführer, sondern Wissenschaftler. Der Club of Rome publizierte 1972 «Die Grenzen des Wachstums», Ölvorräte würden bis 2010 versiegen. Wann haben Sie zuletzt getankt? Dann krabbelte der Borkenkäfer in die Redaktionsstuben, und wir nahmen Abschied von der Tanne in Nachbars Garten.

Die aktuelle Panik-Kampagne mit einem autistischen Mädchen als sprechendes Flugblatt war eine clevere Idee des PR-Profis Ingmar Rentzhog. Nur nützt sie weniger dem Klima als dem Aktienkurs seiner Firma und den beiden Aktiengesellschaften von Gretas Vater.

Klima retten, Pony reiten

Wenn «Klima retten» nicht zum neuen «Pony reiten» verkommen soll, braucht es technische Innovationen und Hilfen zur Geburtenkontrolle, denn die Mehrheit im Westen will sich nicht einschränken, und die Dritte Welt wird nicht auf die begonnene Industrialisierung verzichten.

Die Dreckschleudern in den Fabriken des 19. Jahrhunderts wurden nicht durch Verschrottung der Dampfmaschinen und einem folkloristischen Rückfall in die Pubertät beseitigt, sondern durch neue Erfindungen (und soziale Verbesserungen).

Claude Cueni (63) ist Schriftsteller und lebt in Basel. In seinem Roman «Godless Sun» beschrieb er die Entstehung einer neuen Naturreligion. Cueni schreibt jeden zweiten Freitag im BLICK.


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31 Blick »Mobile Neandertaler«

© Blick vom 8. März 2019, Kolumne 31

Mobile Neandertaler

Im alten Rom war es ähnlich wie heute mit dem Flugverkehr. Ein Beamter klagte: «Alle wollen Strassen, bloss nicht in ihrer Nachbarschaft.» Zuvor hatte sich schon Julius Cäsar mit dem Thema beschäftigt und sich Einbahnstrassen und Fahrverbote ausgedacht, aber die Umsetzung war schwieriger als die Eroberung Galliens.

Bridget Driscoll wäre hingegen lieber nicht berühmt geworden. Als sie am 17. August 1896 in London auf dem Weg zu einer Tanzveranstaltung war, traf sie auf Roger. Genauer gesagt: auf ein seltsames Ding, das mit einer Geschwindigkeit von sechs Stundenkilometern auf sie zuschlingerte. Der französische Ingenieur Emilie Benz hatte seinen Roger-Benz zusammengeschraubt und mit vier Rädern versehen. Bridget erlitt eine tödliche Kopfverletzung und ging als erstes Opfer eines Autounfalls in die Geschichte ein.

Das war neu. Denn bisher brachen sich die Londoner auf dem holprigen und von Pferden vollgepissten Pflaster eher die Knochen, wenn sie sich zwischen Tierkadavern und ineinander verkeilten Kutschen ihren Weg bahnten.

Mit der zunehmenden Motorisierung verschwanden zwar Tonnen von Pferdeäpfeln aus dem Strassenbild, aber tödliche Unfälle häuften sich und machten eine Strassenverkehrsordnung notwendig.

1868 wurde in London die erste gasbetriebene Verkehrsampel installiert, sie explodierte bereits nach wenigen Wochen. Erst mit der Elektrifizierung wagte man einen neuen Anlauf. 1920 leuchteten in New York dreifarbige Ampeln für Fahrzeuge und ab 1933 in Kopenhagen die ersten Ampeln für Fussgänger. Es folgten Schilder, Zebrastreifen, Tempolimits, Sicherheitsgurt und vor rund 50 Jahren der Airbag.

Städtebauliche Massnahmen, eine Verbesserung der Fahrzeugtechnik und verkehrspädagogische Pflichtschulungen wurden laufend verbessert.

Doch ausgerechnet die Politik gefährdet heute die Sicherheit auf den Strassen und setzt sich über die Warnungen der Experten hinweg. Neulenker, die auf Automaten gelernt haben, dürfen seit 1. Februar ohne Zusatzprüfung geschaltete Autos fahren. Rechtsvorbeifahren und Rechtsüberholen auf Autobahnen soll auch noch erlaubt werden. Freude herrscht unter den mobilen Neandertalern.

30 Blick »Lucky Luke & die echten Daltons«.

© Blick Folge 30, 22. Februar 2019

 

Lucky Luke & die echten Daltons

 

Im Wilden Westen Mitte des 19. Jahrhunderts sorgten Marshalls für Ruhe und Ordnung in den Städten. Frank Dalton war einer von ihnen. Aber nicht lange. Bereits im Alter von 28 Jahren wurde er von einem Outlaw erschossen. Seine Brüder Bob und Grat, auch sie Marshalls, waren darüber so erbost, dass sie die Branche wechselten und sich fortan mit ihren Brüdern Emmett und Bill in den Fachbereichen Pferdediebstahl, Eisenbahn- und Banküberfall weiterbildeten.

 

Der Erfolg stieg ihnen zu Kopf, und im Oktober 1892 wollten Bob, Grat und Emmett gleich zwei Banken aufs Mal ausrauben. Bill war verhindert, er sass gerade im Knast in Kansas. Er wurde von den Berufskollegen Dick Broadwell und Bill Power vertreten.

 

Doch vor der C. M. Condon & Company Bank in Texas wurden sie von einem bewaffneten Aufgebot gestellt und niedergeschossen. Ein berühmtes Foto vom 5. Oktober 1892 zeigt vier Leichen, zwei Daltons und die beiden Kumpels. Emmett Dalton war nicht auf dem Foto, denn er überlebte trotz 23 Schussverletzungen.

 

Er wurde zu lebenslanger Haft verurteilt und nach 15 Jahren begnadigt. Erneut musste er die Branche wechseln. Den neuen Job fand er nicht als Rausschmeisser in einem Saloon, sondern inmitten von Western-Kulissen aus Pappkarton. Er wurde historischer Berater in Hollywood, schrieb das Drehbuch zum Film «Beyond the Law» und spielte den Bösewicht gleich selbst. Mit sechzig schrieb er seine Autobiografie «When the Daltons Rode» (Als die Daltons ritten) und starb.

 

Nicht wirklich. 1946 erweckte ihn der Comic-Zeichner Morris zu neuem Leben. Er hatte mit Lucky Luke eine Figur erschaffen, die schneller als ihr Schatten schiesst, aber es fehlten noch einige Bösewichte. Vier der Dalton-Brüder wurden seine ewigen Gegenspieler, der Kleinste war smart, der Grösste doof. Ab 1955 füllte René Goscinny (ab 1959 auch Texter von «Asterix») die Sprechblasen. Nach seinem Tod übernahmen jüngere Autoren.

 

Während Comic-Zeichner wie Hergé (24 Alben) ihre Figuren mit ins Grab nahmen und testamentarisch weitere Abenteuer verboten, gönnte Morris seinen Millionen Fans weitere Geschichten (bisher 78 Alben) und seinen Erben neue Lizenzeinnahmen.

Highway to hell. Kein Nachruf.

© Weltwoche vom 10. Januar 2019

Der Teufel, der ihn verfolgte

Im autobiografischen Roman «Script Avenue» liess ich meinen Vater frühzeitig sterben. Nun ist er tatsächlich tot. Zuvor kam es zu einer eigenartigen Begegnung. 

Von Claude Cueni

Ich habe meinen Vater nicht aus Rache getötet, ich wollte ihn auch nicht bestrafen, ich habe ihn aus Angst getötet. Das erste Mal 1980 in meinem Erstlingswerk «Ad acta». Später, als ich mit «Das Gold der Kelten» den Gallischen Krieg dramatisierte, liess ich ihn von einem nubischen Sklaven vergewaltigen, von römischen Legionären ans Kreuz nageln und schliesslich vor den Toren Alesias jämmerlich zugrunde gehen. Vergebens. Nachts schlich er sich in meine Träume zurück, er hatte Arme wie Monsterkraken. Sie stanken nach abgestandenem Zigarettenrauch und Feldschlösschen-Bier. Mit einem Beil zerhackte ich die Hände, die so viel Übles getan hatten. Sie wuchsen nach wie die Häupter der Hydra. Ich erträumte mir Schwerter, Harpunen und die Machete von Danny Trejo in Robert Rodriguez’ «Machete Kills», die Hydra wuchs nach.

«Nüdeli mit Hackbraten»

Schliesslich beendete ich 2014 mit meinem autobiografischen Roman «Script Avenue» die Endlosschlaufe. Ich liess den «hageren Blonden im hellblauen Hemd» eines natürlichen Todes sterben. Die Beerdigung verlief unblutig. Ich dachte, die Dämonen würden jetzt tief unter der Erde vermodern, Staub zu Staub. Doch im Folgeband «Pacific Avenue» erhielt ich von einem DHL-Boten die Tagebücher meines Vaters. Offenbar hatte er noch ein bisschen weitergelebt. Ich las seine Tagebücher und dachte, vielleicht könnte ich mehr über diesen merkwürdigen Menschen erfahren, aber er hatte nichts Bewegendes festgehalten. Mozart schrieb am 13. Juli 1770 wenigstens: «Gar nichts erlebt. Auch schön.» Mein Vater notierte am 22. November 1963: «Nüdeli mit Hackbraten, 20:00 St. Anton.» Das war der Tag, an dem Kennedy erschossen wurde.

Ich hörte nichts mehr von meinem Vater, jahrelang. Bis mich schliesslich im Herbst dieses Jahres eine SMS erreichte. Mein Vater liege im Sterben, er habe den Wunsch geäussert, mich nochmals zu sehen, er sei sehr unruhig in der Nacht. Ich bestellte ein Taxi und besuchte ihn im Pflegeheim, sein Zimmer war leer. Die Schwester sagte, er sei im Frühstücksraum. Nur gerade zwei Personen sassen an einem viereckigen Tisch, eine alte Frau, die ins Leere starrte, und gegenüber ein alter, ausgemergelter Greis in einem Rollstuhl, das bisschen Haar wie lose Sträucher in der Wüste, ein einziger Zahn war ihm geblieben.

Das musste mein 95-jähriger Vater sein. Ich setzte mich neben ihn und wartete. Er bemerkte, dass sich jemand gesetzt hatte, vermied es aber, den Kopf zu drehen. Wir sassen eine ganze Weile da. Vor ihm war ein Teller mit einem Butterbrot, das jemand in kleine Stücke geschnitten hatte. Ich war gewarnt worden, er sei beinahe taub. Deshalb hatte ich kleine Zettel vorbereitet mit Antworten auf Fragen, die er mir möglicherweise stellen würde. Auf dem ersten Zettel stand: «Ich trage einen Mundschutz, weil ich keine Immunabwehr habe.»

Es ärgerte ihn, dass jemand ihm einen Zettel vors Gesicht hielt, er warf einen flüchtigen Blick darauf, dann gleich einen zweiten, plötzlich schaute er mir direkt ins Gesicht, ich zog meinen Mundschutz für einen Augenblick herunter, er ergriff meinen Unterarm, schaute an die Decke und dankte Gott, dass er das noch erleben durfte. Seine Hand war immer noch riesig, aber sie hatte nicht mehr das Ausmass einer pazifischen Riesenkrake mit klebrigen Saugnäpfen. Die Haut hatte sich dunkel verfärbt, stellenweise bläulich, als hätte jemand seine Lebensenergie gedimmt, als hätte das Blut bereits begonnen zu verdicken und sich zu setzen. Ich begriff, dass man die Hydra nicht besiegt, indem man sie jede Nacht enthauptet, man besiegt sie, indem man sie sein lässt.

Martyrium im Worst Case

Die Kommunikation war einfacher als erwartet. Die meisten Fragen hatte ich geahnt und die Antworten auf den Zetteln notiert. Eine Pflegerin sagte ihm, er solle brav den Mund auftun. Kaum hatte er es getan, schob sie ihm ein Stück Brot in den Mund und bestrich die restlichen Brotwürfel mit einer zusätzlichen Butterschicht. Mein Vater rief laut, dieses Heim sei ein Gefängnis. Die Pflegerin lachte, offenbar hielt sie es für einen Scherz. Aber ich bin sicher, er hatte es ernst gemeint und nur so getan, als fände er es lustig, wie ein Kleinkind behandelt zu werden.

Er sagte der alten Dame gegenüber, dass ich ihr Sohn sei. Sie reagierte nicht. Als er es wiederholte, stand sie auf, nahm ihren Rollator und bewegte sich auf mich zu. Sie crashte gegen meinen Stuhl. Ich dachte, vielleicht hat sie Probleme mit den Augen oder mit der Motorik. Sie crashte erneut gegen meinen Stuhl, immer und immer wieder, wie eine verwelkte Jeanne d’Arc mit ihrem Sturmbock. Ich fragte sie, ob ich vielleicht ihren Stuhl besetzt habe, aber das konnte ja nicht sein, weil sie bereits sass, als ich reinkam. Ich stand auf und schob meinen Vater in sein Zimmer zurück.

Wir setzten uns auf den kleinen Balkon. Er sagte, es sei schon merkwürdig, wie ein Leben ende, er sitze hier und warte auf den Tod. Ich schwieg. Hätte ich ihm etwa sagen sollen, dass ich seit Jahren Mitglied von Lifecircle und Exit bin, weil ich seit zehn Jahren hauptberuflich krank bin und Lebensfreude und Humor unter dem Damoklesschwert nur deshalb intakt sind, weil ich das Martyrium im Worst Case abkürzen könnte? Ich behielt diese Gedanken selbstverständlich für mich. Jeder soll sterben, wie er mag. Mein Vater hatte sich für den christlichen Kreuzgang entschieden, da er glaubte, dass sein unsichtbarer Freund es nicht gerne sehen würde, wenn er sich heimlich aus dem Staub machte.

Mein Vater hatte viel zu erzählen, es war sein Leben, ich war nur eine Fussnote, er hatte nie Kinder gewollt, weder Ehefrau noch Familie. Aber jetzt, wo das Ende nahte, kam ihm in den Sinn, dass es da noch ein paar Blutsverwandte gab. «Ich bin seit zehn Jahren verheiratet», hatte ich auf einem der Zettel notiert. Er äusserte den Wunsch, meine Frau kennenzulernen, also kamen wir am nächsten Tag zu zweit. In ihrer Gegenwart blühte er auf, sang ein joviales Mundartlied über Vergänglichkeit und Tod und dass am Ende eh alles scheissegal sei. Ich erfuhr mehr über ihn als in meiner gesamten Kindheit. Er sagte, er sei vom Dittinger Dorfpfarrer vergewaltigt worden, seine Mutter sei nicht eingeschritten. Dass auch er weggeschaut hatte, als zwei meiner Cousins jahrelang von einem Onkel vergewaltigt wurden, hatte er verdrängt. Seine Biografie hatte er neu erfunden. Schliesslich sagte er, sein ganzes Leben sei schiefgelaufen, er habe viel Unrichtiges getan, so vielen Menschen Unrecht getan, aber daran sei nicht er schuld, sondern der Teufel, der ihn seit Geburt verfolge.

Reue und Hader am Lebensende sind der highway to hell, weil es für alles zu spät ist – ein dornenreicher Abschied, wenn Körper und Geist im Gleichschritt ermatten, bis man endlich aufhört zu existieren. Ich empfand Mitleid für einen Menschen, der heuchlerische Frömmigkeit zum Lifestyle erhoben, aber ein durch und durch unchristliches Leben geführt hatte. Wer ein Leben lang nur an sich denkt, hat am Lebensende niemanden, der an ihn denkt. Ich hörte ihm trotzdem zu, «no bad feelings anymore», die «Script Avenue» war meine reinigende Neunzig-Grad-Wäsche gewesen. Jetzt war alles in trockenen Tüchern.

Todesanzeigen sind Fake News

Als ich Anfang Oktober die SMS erhielt, er sei in der Nacht gestorben, bekam ich feuchte Augen. Seit meine erste Frau vor zehn Jahren gestorben ist, passiert das auch, wenn eine Cartoon-Figur stirbt. Empathie gehört zwar zum Rüstzeug eines Autors, aber weniger wäre mir offen gestanden lieber. Aber wenn man im Leben genügend Leid erfahren hat, entwickelt man ein grösseres Einfühlungsvermögen.

Mein Vater wollte keine Todesanzeige. Vielleicht fürchtete er, man würde wenig Vorteilhaftes über ihn schreiben, obwohl Todes- anzeigen meistens Fake News der gröberen Art sind. Ich hätte getextet: «Er lebte länger als erwartet und deutlich länger als verdient. Sein Tod beweist, dass das Böse tatsächlich sterben kann.» Dass mein Vater 95 Jahre alt wurde, ist vielleicht der ultimative Beweis, dass es keinen Gott gibt.

Man kann von jedem Menschen etwas lernen, sowohl vom Positiven als auch vom Negativen. Ich erinnere mich, wie er mich als Knirps an der Hand aus der Wohnung schleifte, nachdem er meine Mutter mit einer brutalen Ohrfeige vom Taburett gefegt hatte. Als ich übermüdet neben ihm im Wirtshaus «Sommereck» sass, sagte er: «Wenn du einmal gross bist, musst du mit deiner Frau auch so verfahren.» Dann bestellte er das Übliche, «ein Bier, einen Sirup».

Muss ich ihm dankbar sein? Ohne ihn hätte ich als Teenager wohl nie die nötige Kraft gehabt, diesem gewalttätigen und religiösen Irrenhaus zu entfliehen. Hätte er Eier gehabt, wären mir keine Strausseneier gewachsen. Mein Leben lang war ich stets bemüht, nicht so zu werden wie er. Ich werde ihn nur vermissen für das, was er nie gewesen ist.

Claude Cueni ist Schriftsteller und lebt in Basel. Zuletzt erschien von ihm «Warten auf Hergé» (Münster-Verlag). Am Sonntag, 13. Januar, 12.35 Uhr auf Radio SRF 2 Kultur: «Musik für einen Gast» mit Claude Cueni.

 

© Weltwoche vom 10. Januar 2019

Interview Hessischer Rundfunk

Anmoderation: Kai Völker

Vor genau 90 Jahren sind sie zum ersten Mal in ein Abenteuer gezogen. Der junge Mann mit der hochstehenden Locke und sein kleiner weißer Hund. Tim und Struppi haben Millionen Leser in der ganzen Welt begeistert. Was wir heute über ihren Erfinder Hergé wissen, begeistert dagegen wenig. Claude Cueni, Buch- und Fernsehautor aus Basel, hat über Hergé recherchiert. Und einen Essay und einen Roman geschireben. Hallo, Claude Cueni!

Hergé, der Erfinder von Tim und Struppi, stand den belgischen Nazis nah. Merkt man das den Geschichten von Tim und Struppi an?

Heute kaum noch. Die ersten Alben erschienen ja ab 1929 in Schwarzweiss und wurden später von Hergé und seinen unterschlagenen Co-Autoren gekürzt, koloriert und laufend der political correctness angepasst. Das einzige was erhalten geblieben ist, sind die antisemitischen Zeichnungen des  skrupellosen jüdischen Bankiers Bohlwinkel im Geheimnisvollen Stern.

Seine Nähe zu den Ideen der Nazis hat Hergé und dem Erfolg seiner Geschichten rund um Tim und Struppi nie geschadet. Das ist aus heutiger Sicht kaum zu verstehen. Haben Sie eine Erklärung?

Das hat ihm anfangs schon geschadet. Nach dem Krieg wurde er ja viermal als Nazi-Kollaborateur verhaftet, verbrachte eine Nacht im Gefängnis, verlor für zwei Jahre sämtliche Bürgerrechte, wurde mit einem Berufsverbot belegt… aber der Rechteinhaberin Moulinsart ist es gelungen, mit Hilfe zahlreicher Fans, die heute als Autoren oder Journalisten arbeiten, den Mythos Herge zu erschaffen. Eine grossartige Geschichtsfälschung.

Sie selber sind mit den Geschichten von Tim und Struppi groß geworden. Sie haben die Geschichten verschlungen und geliebt. Geht das auch heute noch, wo sie die ganze Geschichte von Hergé kennen?

Gute Frage. Als Kind liebt man Tim & Struppi und interessiert sich nicht für Hergé. Wenn ich mir heute eine Haddock-Büste kaufe oder eine Mondrakete, kaufe ich Kindheitserinnerungen. Wir erinnern uns nicht an Hergé, sondern an die Abenteuer von Tim & Strupi, an die Zeit, in der wir der Erwachsenenwelt entflohen und im Schatten des Arumbaya Fetisch vor uns hinträumten.

Für viele Fans von Tim und Struppi war sicher auch ihr Erfinder Hergé ein Held. Sie haben ihn vom Sockel gestoßen. Wie waren die Reaktionen?

Es gab einen Shitstorm aus Belgien und Frankreich. Ich habe damit gerechnet und deshalb im Anhang des Romans WARTEN AUF HERGE 143 Quellen aufgeführt, alles ist transparent, jeder kann es überprüfen und trotzdem die Fakten schönreden. Ich habe damit kein Problem, wir leben in eine freien Land. Und wissen Sie, wenn Sie es allen recht machen wollen, müssen sie am morgen im Bett bleiben.

Mit welchem Zitat würden Sie Hergé am besten charakterisieren?

»Wenn mir eine Idee gefällt, assimiliere ich sie vollständig, und ich vergesse augenblicklich und für immer, dass sie von einem anderen stammt.«

Wofür werden Volksvertreter gewählt?

© Blick, Samstag, 18. August 2018


Gewalt von nicht-integrierten Migranten gegen Frauen wird lieber tabuisiert als thematisiert. Schriftsteller und BLICK-Kolumnist Claude Cueni hat das bei seinem Roman «Godless Sun» selber erlebt.

Max Frisch sagte einst: «Wir riefen Arbeitskräfte, und es kamen Menschen.» Heute müssen wir sagen: «Wir riefen Flüchtlinge, und es kamen nicht nur Flüchtlinge.» Sondern auch ein paar junge, gewaltgewohnte Abenteuermigranten aus frauenfeindlichen Kulturen, die unsere Toleranz als Feigheit verspotten.

Als Angela Merkel im Herbst 2015 eigenmächtig die Grenzen öffnete, warnten europäische Geheimdienste, Polizeipräsidenten und Soziologen vor den Folgen einer unkontrollierten Zuwanderung aus patriarchalischen Gesellschaften. Soziologe Gunnar Heinsohn sagte: «Wo es zu viele junge Männer gibt, wird getötet.» Merkel traf keinen vernünftigen Entscheid, sondern einen politischen.

Und sogleich die Nazikeule

«Refugees welcome» war populär, als ich den Roman «Godless Sun» schrieb. Wer Integrationswillige von Integrationsunwilligen unterschied, wurde gleich mit der Nazikeule erschlagen. Da das Thema zu meinem neuen Romanstoff passte, flocht ich die Flüchtlingskrise ein und las jeden Morgen auf dem iPaddie Online-News der deutschen Lokalzeitungen. Denn nur Regionalmedien berichteten anfangs regelmässig über die tägliche Gewalt, über Angriffe auf Frauen, über die Zunahme von Antisemitismus und Homophobie und über blutige Auseinandersetzungen zwischen verfeindeten Ethnien und überforderten Polizeikräften.

Wer das nicht relativierte, war ein Hetzer. Wenn sich Skeptiker in Talkshows zu Wort meldeten, blendete die Redaktion das Bild eines weinenden Kindes ein, der Kritiker starb augenblicklich den medialen Tod. Meinungsvielfalt galt nur noch unter Gleichgesinnten. Die neue Political Correctness führte zu einer Schweigespirale, aber nicht zur Lösung des Problems.

Houellebecqs «Unterwerfung»

Als «Godless Sun» erschien, hielten mich einige für einen Schwarzmaler, was ich durchaus verstehen konnte, denn was sie in den nationalen Medien lasen, entsprach nicht den aufwendigen Recherchen, die meinem Roman zugrunde liegen. Ich hatte Fakten dramatisiert und in eine nahe Zukunft extrapoliert. 

Der Deutschlandfunk nannte «Godless Sun» das deutsche Pendant zu Michel Houellebecqs «Unterwerfung». Der Redaktor mailte, es sei sehr schwierig gewesen, die Rezension durchzuboxen, es habe Widerstand gegeben. Obwohl der erste Buchtrailer im Internet 1,4 Millionen Aufrufe erzielte, war es nicht einfach, eine Lesung zu organisieren. Nur eine kam zustande. Ein Buchhändler bat um Verständnis, sagte, er möge das Buch, aber die Kundschaft würde ihm eine solche Veranstaltung verübeln.

Opfer finanzieren Täter

Es hat nun zwei Jahre gedauert, bis man einsah, dass die Entwicklung nicht so verlief wie erhofft, dass einige Migranten bei uns jene Kultur ausleben, die ihre Heimatländer zum Scheitern gebracht hat. Sie schaden nicht nur dem Gastland, sondern auch ihren Landsleuten, die sich bei uns vorbildlich integriert haben. Ich kenne einige davon.

Leider gibt es immer noch Politiker, die jedes Gewaltdelikt als bedauerlichen Einzelfall bagatellisieren und Frauen Empfehlungen geben, wie sie sich durch gemässigte Kleidung, Pfeffersprays, verkürzte Ausgangszeiten und eine Armlänge Abstand schützen können. Absurderweise finanzieren die Opfer von Gewaltdelikten mit ihren Steuerzahlungen nicht nur jene Politiker, die sie im Stich lassen, sondern auch die Sozialkosten der Gewalttäter.

Lieber Gewalt verharmlosen

Viele Politiker wollen das Risiko vermeiden, als fremdenfeindlich eingestuft zu werden und bei der nächsten Wahl durchzufallen. Lieber Gewalt verharmlosen als gemeinsame Sache mit dem politischen Gegner machen. Aber wenn man Probleme lösen will, muss man sie beim Namen nennen. Und handeln. Dafür werden Volksvertreter gewählt.

 

«Godless Sun» von Claude Cueni

 

Im Kreuzfeuer der Fanatiker 

Im 2016 erschienenen Bestseller «Godless Sun» von Claude Cueni (62) geht ein Atheist, der sein Geld mit dem Schreiben von Groschenromanen verdient, den Ursprüngen der Religionen nach, dem Sinn des Lebens – und gerät unversehens in Konflikt mit religiösen Fanatikern. Den brisanten aktuellen Hintergrund liefern Flüchtlingskrise, Migration, Islamisierung und eine westliche Gesellschaft, die mit ihrer Toleranz gegenüber der Intoleranz ihre Werte aufs Spiel setzt. Als Begleitbuch zu «Godless Sun» erschien die «Bibel der Atheisten», eine Sammlung von Zitaten zum Thema von Xenophanes bis Woody Allen.

Der Schriftsteller und BLICK-Kolumnist Claude Cueni lebt in Basel. Im November erscheint sein neues Buch «Warten auf Hergé».

04 Blick »Keine Nobelpreise für Haram«


Die Schweiz kommt mittlerweile auf 30 Nobelpreise (alle Kategorien / Stand September 2020)


 

Nein, Sie werden keinen Nobelpreis erhalten. Die Frist für Nominierungen ist abgelaufen. Der Begründer, Alfred Nobel (1833–1896), Sohn eines Rüstungsfabrikanten, war ein schwedischer Chemiker und Erfinder. Sein jüngerer Bruder Emil starb zusammen mit vier anderen Mitarbeitern bei einem Experiment mit seinem Nitroglycerin.

Sein grösster Coup gelang ihm jedoch mit dem Ballistit, einem raucharmen Pulver, das Schusstechnik und Kriegsführung revolutionierte. Alfred Nobel starb, nachdem er 355 Patente angemeldet und 90 Sprengstoff-Fabriken gebaut hatte. Er hinterliess ein enormes Vermögen, mit dem seit 1901 die Nobelpreise finanziert werden.

In den folgenden 115 Jahren haben gerade mal zwei muslimische Wissenschaftler in den Königsdisziplinen Medizin, Physik und Chemie eine Auszeichnung erhalten. Im gleichen Zeitraum kommt die Schweiz auf 20 Nobelpreise. Wieso ist das so?

Vor rund 1000 Jahren hätten arabische Wissenschaftler noch alles abgeräumt. Das war die Blütezeit des weltoffenen und toleranten Islams, und Bagdad war das Zentrum von Wissenschaft und Forschung.

Aber mit dem Aufkommen des Wahhabismus setzte sich die Doktrin durch, wonach alles Wissen schon im Koran angelegt ist und die Wissenschaft sich danach richten muss. Wie soll man da Nützliches für das 21. Jahrhundert entwickeln? Das Prinzip der Wissenschaft ist ja gerade, dass man unabhängig von seiner Weltanschauung vermeintlich gesichertes Wissen immer wieder hinterfragt.

Eine Gesellschaft, die auf den weiblichen Teil der Bevölkerung verzichtet und nur zwischen halal und haram (erlaubt oder nicht erlaubt) unterscheidet, verharrt in ewiger Stagnation, weil die Voraussetzungen für Innovationen fehlen.

Das Prinzip der Wissenschaft ist auch in der politischen Diskussion unentbehrlich. Man tut der Gesellschaft keinen Gefallen, wenn man Kritiker reflexartig mit orchestrierten Empörungsritualen einschüchtert. Political Correctness ist heute das Halal-Haram des freien Westens, das Gegenteil von Aufklärung.

Aber Denkverbote lösen keine Probleme. George Orwell sagte: «Freiheit bedeutet Dinge zu sagen, die andere nicht hören wollen.» Leider gibts für kluge Zitate keinen Nobelpreis.

 

©Blick 23. Februar 2018

Interview Weltwoche 5. April 2018

© 2018 Weltwoche – Interview mit Rico Bandle

Herr Cueni, Sie leben noch. Ein Wunder!

Eher ein Triumph der Medizin. Mein Überleben verdanke ich der guten Behandlung in der Hämatologie des Balser Unispitals. Aber ich lebe weiter unter dem Damoklesschwert. Seit der Leukämie bedingten Knochenmarktransplantation herrscht Bürgerkrieg in meinem Körper. Die fremden Blutstammzellen stossen meine Organe ab. Aber ja, ich lebe noch. 

Bei Ihnen hat man das Gefühl, die Aussicht, jederzeit sterben zu können, habe Sie produktiver gemacht. 

Dieses Jahr habe ich bisher sechsmal die Wohnung verlassen, vier Mal für einen Spitaltermin.  Jeder Kriminelle mit Fussfesseln hat mehr Bewegungsfreiheit. Was soll ich den ganzen Tag tun? Reha? Dunkle Schokolade essen? Ich stehe jeden Tag um spätestens drei Uhr morgens auf, unfreiwillig. Dann mache ich das, was ich mir bereits als Kind angewohnt habe. Ich ziehe mich in meine Fantasiewelt zurück, in meine «Script Avenue». Ich bin ein zufriedener Mensch, wenn ich in meine Welt zurückkehre, hier bin ich zu Hause. 

Verhält man sich anders, wenn man weiss, dass man nicht mehr lange zu leben hat?

Die einen pflanzen noch einen Baum, die andern fällen einen Baum, weil sie den Überlebenden keinen Schatten gönnen. Ich tue weder das eine noch das andere. Vieles habe ich bereits verschenkt, ich fokussiere auf das Jetzt und geniesse es auch. Das Leben ist einmalig. Aber ich mache mir keine Illusionen. Ausserhalb der Familie bleibt man nur in Erinnerung, wenn man Schulden hinterlassen hat. Das Einzige, was bleibt, ist das, was man für andere getan hat. 

Was man für die Familie getan hat?

Nein, auch für andere Leute. Seit meinem Buch «Script Avenue», schreiben mir viele Leute, die schwer erkrankt sind oder andere schwerwiegende Schicksalschläge zu meistern haben, zum Teil viel schwierigere als meine. Für diese Menschen ist es schön, mit jemandem in Kontakt zu treten, der Ähnliches durchstehen muss und nicht aufgibt. Wenn es geht, besuche ich sie auch im Spital, falls es mit dem Taxi erreichbar ist.

Sie veröffentlichen alle paar Monate ein Buch. Verspüren Sie den Drang, vor dem Tod noch möglichst viel zu publizieren?

Nein, sobald Sie tot sind, hat das alles keine Bedeutung mehr. Aber wenn ich mit etwas Neuem beginne, möchte ich es auch zu Ende bringen. Also werde ich von meinen Figuren zur Eile gedrängt und vernachlässige mein Reha-Programm. Jetzt ist eben «Der Mann, der das Glück brachte» erschienen, der nächsten Roman, »Warten auf Hergé«, liegt bei den Testlesern. Vielleicht ist es eine Zwangserkrankung, vielleicht ein Akt der Verzweiflung, wahrscheinlich beides. 

Eine Zwangserkrankung?

Die Geschichten entwickeln sich mittlerweile auch weiter, wenn ich nicht am Computer sitze. Mein Gehirn arbeitet auch wenn ich schlafe, dann kann ich am nächsten Tag die Szenen wie ein Sekretär niederschreiben. Meine Frau rezitiert manchmal beim Frühstück die Dialoge, die ich im Schlaf gemurmelt habe. Aber sie weckt mich nie in der Nacht, denn sie weiss, ich arbeite. 

Sie können noch selber Tippen? 

Ich habe eine Brille, bei der eine Seite abgedeckt ist, weil die Augen infolge Pillen und Schlafmangel manchmal auseinanderdriften. Der Sauerstoffkonzentrator steht für Notfälle neben dem Pult. Und ich habe Chirurgenhandschuhe für den Fall, dass die Nervenschmerzen in den Fingerkuppen mich am Schreiben hindern. Das sind alles Nebenwirkungen der Behandlung, aber das ist okay, ist alles Einstellungssache. Wenn ich von anderen Autoren höre, dass sie nur unter ganz bestimmten Voraussetzungen schreiben können, kann ich herzhaft lachen. 

Der Horror wäre, mitten in einem Buch zu sterben.

Ich sage immer im Scherz: Solange ich schreibe, sterbe ich nicht. Da ist etwas Wahres daran. Man erkrankt ja oft erst nachdem etwas Schwieriges beendet ist. So war es auch nach dem Tod meiner ersten Frau. Ich war während der Pflegejahre nie krank, nach ihrem Tod war ich total erschöpft, mein Immunsystem im Eimer und ein Jahr später erkrankte ich an Leukämie.

Viele Leute, die in einer ähnlichen Situation sind wie Sie, werden gläubig. Die Aussicht, dass nach dem Tod nicht alles vorbei ist, ist tröstlich. Bei Ihnen scheint das Umgekehrte der Fall zu sein: Ihr rationaler Atheismus scheint unverrückbar.

Absolut. Wenn mir Leute sagen, es kommt etwas nach dem Tod, so tönt das für mich etwa so, als würde jemand behaupten, in meinem Briefkasten sei ein blauer Elefant, der Saxophon spielt. Eine völlig absurde Vorstellung. Jede Religion ist für mich eine Variante des Aberglaubens. Aber jeder soll glauben, was er will.

Es ist doch traurig, an nichts glauben zu können, was nicht beweisbar ist. Religion, auch wenn sie noch so absurd erscheint, spendet Wärme.

Ja, es ist ohne Zweifel sehr tröstlich, wenn man mit Hilfe religiöser Phantasien die beschränkte Lebenszeit ins Unendliche verlängern kann. Für mich besteht der Trost darin, dass man es im Extremfall selber beenden kann. Das ist ein ganz wichtiger Punkt! Ich bin weder lebensmüde noch lebenssatt, ich lebe wie schon gesagt sehr gerne. Aber erst die Gewissheit, dass es für den worst case eine Handbremse gibt, macht den Alltag erträglich. Und wenn ich Wärme brauche, umarme ich meine Frau. 

Ihr aktueller Roman, «Der Mann, der das Glück brachte», ist ein Krimi rund um eine Person von der Lotteriegesellschaft, die die Gewinner benachrichtigt und berät. Hierfür haben Sie mit jenem Mann gesprochen, die diese Aufgabe für Swisslos übernimmt, Willy Messmer. 

Mit ihm habe ich mich ausgetauscht, die Geschichte und die Figuren sind aber fiktiv, das möchte ich betonen. Interessant ist, dass es einige Gewinner plötzlich mit der Angst zu tun kriegen. Sie haben das Gefühl, dass nach dem grossen Glück ein Unglück folgen werde. Als ob das Eine mit dem Anderen abgegolten werden müsse. 

Ist da etwas dran?

Sicher nicht. Aber ich kann das Gefühl nachvollziehen. Auch ich hatte als Teenager solche Phobien: Wenn ein Manuskript fertig war und ich es auf die Post brachte, hatte ich stets die Befürchtung, ich würde unterwegs von einem deux chevaux überfahren, ausgerechnet jetzt, wo ich meinen Nobelpreis verdächtigen Roman an den Suhrkamp Verlag abschicken wollte. Ein Stoff für Woody Allen. 

Man hört oft Geschichten, dass Lottomillionäre ihr Geld rasch wieder los sind.

Die Medien lieben diese Geschichten. Die Leser wohl auch. Ein Michael Carroll arbeitete bei der Müllabfuhr, gewann umgerechnet 13,6 Millionen Euro, nach 5 Jahren war alles weg. Er arbeitet heute wieder bei der Müllabfuhr. Das sind krasse Ausnahmen, die Realität sieht ganz anders aus. Gemäss einer Umfrage von Swisslos hatte der Gewinn bei 87 Prozen der Befragten keinen grossen Einfluss auf Alltag und Umgebung. Die Hälfte gab an, dass sie sich lediglich ab und zu Kleinigkeiten leisten wie auswärts essen, Ausflüge oder Ferien. Sie geniessen und schweigen. Das ist die Normalität.

Vor zwei Jahren haben Sie «Godless Sun» veröffentlicht, eine apokalyptische Vision angesichts der fortschreitenden Migration, insbesondere durch Muslime. Seither sind Sie als «rechter Autor» abgestempelt. Würden Sie den Roman wieder schreiben?

Als das Buch herauskam, galt ich als «Schwarzmaler«. Es war die Zeit, kurz nach»dem Angela Merkel im Herbst 2015 verfassungswidrig im Alleingang die Grenzen geöffnet hatte. Da musste man jeden Zuwanderer «Flüchtling» nennen. Zitierte man öffentlich eine Statistik starb man den medialen Tod. Mittlerweile hat der Wind gedreht. Trotzdem würde ich das Buch nicht mehr schreiben.

Weshalb nicht?

Weil es sinnlos ist. Die negativen Folgen der unkontrollierten Massenzuwanderung sind irreversibel. Wäre ich in Afrika geboren, ich garantiere Ihnen, nichts könnte mich davon abhalten, nach Europa zu kommen. Aber wenn hundertausende Testosteron getriebene junge Männer aus verfeindeten Ethnien bei uns aufeinanderprallen, führt das früher oder später zu gesellschaftlichen Verwerfungen. Wenn die Wähler den Politikern, die ihre Fehlentscheide bis zu ihrem Amtsende aussitzen wollen, weiterhin ihre Stimme geben, ist das ihr gutes Recht, das ist Demokratie. Aber ich spiele nicht den Sisyphos. 

Das tönt resigniert. Houellebeck hatte auch Erfolg mit demselben Thema.

Houellebecks Bücher kann man nicht totschweigen. Er ist bekannt genug, um mit einem solchen Buch eine Debatte zu lancieren. Das ist mir nicht gelungen. 

Gerade die Kulturszene ist gnadenlos gegenüber Leuten mit abweichender Meinung: Eben hat sich der Suhrkamp-Verlag von seinem Starautor Uwe Tellkamp distanziert, weil er sich kritisch zur Einwanderungspolitik geäussert hat. Sie selbst haben noch nie einen Preis erhalten, obschon «Script Avenue» zum Stärksten gehört, was die Schweizer Literatur in den letzten zehn Jahren herausgebracht hat.

Wer sich für Rechtsgleichheit einsetzt und linke und rechte Gewalt und Intoleranz gleichermassen verurteilt, gerät in Verdacht, ein Verräter zu sein. Ich war dabei, als SVP-Politiker Oskar Freysinger Mitglied des Schweizer Autorenverbands werden wollte. Wer damals im Sinne von Voltaire der Aufnahme zustimmte, galt als persona non grata. Ich setzte mich für Freysinger ein, obwohl ich weder seine Bücher noch seine Ansichten mag. Mit Ausnahme von mir und einem Tessiner waren alle für die Ablehnung von Freysingers Antrag. Ich bin dann als einziger aus dem Verband ausgetreten. 

Aus Protest?

Wer meine Ansichten nicht teilt, ist nicht mein Feind. Aber mit dieser Auffassung gehört man im Kulturbetrieb zu den Randständigen. Das ist auch der Grund wieso ich nach 20 Büchern in vierzig Jahren noch nie an die Solothurner Literaturtage eingeladen wurde. Was die Szene zusammenhält, ist die gemeinsam praktizierte Intoleranz gegenüber anderen. Aber ich bin niemandem böse. No bad feelings. Mich interessiert mehr, ob meine Frau heute abend ihre philippinischen Frühlingsrollen kocht.

 

BLICK KOLUMNE HISTORY

© Blick, 18. Mai 2018 – No. 10 Der Wein, der Papst wurde

© Blick, 4. Mai 2018 – No. 9 Selfies mit Tinte

© Blick, 20. April 2018 – No. 8 In den Sack spucken

© Blick, 6. April 2018 – No. 7

© Blick, 23. März 2018 – No. 6

© Blick, 9. März 2018 – No. 05

© Blick 23. Februar 2018 – No. 04

© Blick 9. Februar 2018 – No. 03

© Blick 27. Januar 2018 – No. 02

 

© Blick 12. Januar 2018 – No. 01


 

Aus der geschützten Werkstatt für Pädophile

20minuten schreibt heute (7.1.2018):

Es geht um unerwünschte sexuelle Avancen und Belästigungen bis hin zu Vergewaltigungen. Beschuldigt sind Priester, Ordensleute und Nicht-Kleriker. Bei der Bischofskonferenz sind bis heute gegen 250 sexuelle Übergriffe gemeldet worden. Sie ereigneten sich zwischen 1950 und heute. Betroffen sind über 140 Kinder und Jugendliche sowie 88 Erwachsene.

Das erinnert mich an die Kontroverse im Jahre 2014 im Zusammenhang mit meinem autobiograhischen Roman »Script Avenue« (640 Seiten). Auf zwei Seiten hatte ich die sexuellen Belästigungen im Internat Schwyz Mitte der 70er Jahre erwähnt.  Nicht aus Empörung, sondern weil es eine der autobiographischen Episoden war, die meine Einstellung zur Katholischen Kirche verständlicher machte.

Eine Innerschweizer Zeitung zitierte damals aus dem Roman. Regierungsrat und Bildungsdirektor Walter Stählin (SVP) zeigte sich »sehr betroffen« und rief medienwirksam eine »Task Force« ins Leben, die rasch zum Schluss kam, dass es keine Fakten gibt und das Ganze wohl meiner Phantasie entsprang.

Sie hatten keinen einzigen damaligen Mitschüler befragt. Damit sie »wahrheitsgetreu« sagen konnten: Wir haben keine Fakten.

Stattdessen erwähnten sie Mails von Ehemaligen, die in den 60er Jahren im Internat gewesen waren… und die Vorgänge Mitte der 70er Jahre bestritten –  obwohl sie den fehlbaren Präfekten Costa gar nie gekannt hatten…

Nach wochenlangem Aufwand fand ich schliesslich die Anschriften zweier damaligen Internatskollegen (der eine wohnte in Maroko). Sie waren bereit, als Zeitzeugen auszusagen. Aber Walter Stählin, der kurz vor der Beendigung seiner Amtszeit stand, hatte »kei Luscht«.

Ich liess es dann dabei bewenden, weil ich nun wirklich keine Lust hatte, dass man einen 640seitigen Roman in der Oeffentlichkeit auf ein paar wenige Zeilen reduziert.

Ich erhielt Monate später Besuch aus dem Bistum Chur. Sie hatten die Sache aufklären wollen, aber der Kanton Schwyz hatte sich geweigert die Liste der damaligen Intenatsschüler auszuhändigen… Ich übergab darauf Msgr. Dr. med., Dr. ius. can. Bischofsvikar Bonnemain Joseph Maria, den ich als sehr integre und beeindruckende Persönlichkeit kennenlernte, die Anschriften und Telefonnummern von zwei damaligen Mitschülern, die bereit waren, als Zeitzeugen auszusagen. Ich zeigte ihm auch den folgenden (pubertären) Tagebucheintrag:

Das Glockengebimmel regt mich auf, der schwule Präfekt auch. Die zu niedrige WC Türe auch. Die Abfallkörbe finde ich hingegen lustig: WC St. Johann, WC Don Bosco.

Ich weiss nicht, ob die beiden Zeitzeugen mittlerweile kontaktiert wurden. (Nachtrag vom 23.8.2018: Nein, sie wurden nicht.)

*

Zum besseren Verständnis:

Der fehlbare Präfekt hiess Costa. Er fasste uns beim morgendlichen Waschgang gerne überraschend an den Hintern, es ging also um sexuelle Belästigungen und nicht um mehr. Als kraftstrotzende 17jährige hätten wir uns zu wehren gewusst, aber er näherte sich stets überraschend von hinten. Einige fragten sich, wieso diese uralte Geschichte nach so vielen Jahren auftaucht. Eine »Anklage« nach so vielen Jahren wäre in der Tat lächerlich, aber in einem autobiographischen Roman gehören die zwei Seiten dazu, um darzulegen, wieso die Hauptfigur die katholische Kirche für eine geschützte Werkstatt für Pädophile hält.

*

Das Kollegium Schwyz, 1856 vom Kapuzinerpater Theodosius Florentini gegründet, wurde bis 1972 vom Bistum Chur geführt, von da an übernahm der Kanton Schwyz die Schule. Bis 2001 gehörte ein Internat mit unterrichtenden Priestern dazu. Daher das damals angespannte Verhältnis zwischen Bistum Chur und Kanton Schwyz.

Pilotfilm Cobra 11 – Die Autobahnpolizei

Wiederholung am 3. Juli 2017 auf RTL Nitro um 23.10

Die Erstausstrahlung fand am 12. März 1996 bei RTL statt und hatte 10 Millionen Zuschauer

Meine Hommage (Drehbuch) an #Hergés Figuren: Der #Pilotfilm zur #RTL Serie »Alarm für Cobra 11« mit dem Titel »Bomben bei Kilometer 92« wurde bereits in 120 Ländern ausgestrahlt.

Ich war seit frühester Kindheit ein Tintin-Fan, Tintinologen werden deshalb diverse Charaktere und Szenen aus den Tim-und-Struppi-Alben erkennen: Schulze & Schulze als Bauarbeiter, Prof. Bienlein, Rascar Capacs, die alte Frau, die eine Telefonzelle besetzt, – weil es draussen regnet usw. usf. 

RTL NITRO ist kostenlos und unverschlüsselt mit einem digitalen Satelliten-Receiver über Astra 19,2° zu empfangen.

Seit dem Start im März 1996 wurden in über 160 Folgen rund 3.100 Autos zu Schrott gefahren, 794 Gangster verhaftet, 300.000 Meter Film belichtet und ein paar Tonnen Popcorn verspiesen. 


Inhalt (Wikipedia):


Ein neuer Fall für Kriminalhauptkommissar Frank Stolte und Kriminalhauptkommissar Ingo Fischer. An einer Autobahnböschung detoniert eine als Krabbendose getarnte Bombe. Zwei Straßenarbeiter überleben mit knapper Not. Sofort scheint der Täter mit Richie Weber gefasst, da dieser kurz vorher mit Bomben entlang der Autobahn gedroht hatte. Kurz darauf wird bei einem Trödler eingebrochen. Die gestohlenen Sachen werden wenig später mit einer Kassette und einer Zinnfigur in der Nähe der Autobahn gefunden. Auf der Kassette gibt sich ein gewisser „Rascar Capac“ als Urheber des Bombenanschlags zu erkennen. Er fordert 1 Million DM in bar und ein Kilo Gold. Bei dem Trödler finden die Kommissare heraus, dass es sich bei „Rascar Capac“ um eine Figur aus einem Tim und Struppi-Comic handelt. Nach einer gescheiterten Lösegeldübergabe wird eine Baustelle umgestellt, sodass es zu einer Massenkarambolage kommt. Für Frank beginnt ein Katz-und-Maus-Spiel. Zuerst wird er vom Bombenleger in ein Schwimmbad geschickt, als dort aber auch Ingo auftaucht, schickt „Rascar Capac“ Frank in ein Museum. Dort scheitert allerdings die Geldübergabe, als ein Museumswächter den Sack mit dem darin enthaltenen Geld stiehlt. Nachdem auch diese Lösegeldübergabe gescheitert ist, wird der Polizist Marcus Bodmar durch einen Anschlag von „Rascar Capac“ schwer verletzt und warnt die Kommissare vor weiteren Anschlägen. Revierleiterin Katharina Lamprecht hat nach den Anschlägen mit der Presse zu kämpfen. Doch der Fall nimmt eine unerwartete Wendung, als herausgefunden wird, dass der Sprengstoff, den Rascar Capac benutzt, schon früher einmal von dem Terroristen Khalid Masharid benutzt wurde. Dieser sitzt allerdings im Gefängnis. Auch bei einem Gespräch mit dem Terroristen kommen die Kommissare nicht weiter. Erst durch einen Tipp des verletzten Marcus Bodmar, der im Krankenhaus alle Tim und Struppi-Comics durchgelesen hat, finden die Kommissare in einem stillgelegten Autobahnbunker den Sprengstoff, den Khalid einst benutzt hatte. Als die Kommissare dem Terroristen mitteilen, dass sie seinen Sprengstoff gefunden haben, finden sie auch heraus, dass es Steve Kröger ist, ein ehemaliger Häftling, dem Khalid den Aufenthaltsort seines Sprengstoffes verraten hat, und der sich hinter dem Pseudonym „Rascar Capac“ versteckt. Nun kommt es zu einer letzten finalen Lösegeldübergabe, bei der Kröger Frank erst durch die ganze Stadt schickt und später in einem Hotel das Geld durch einen Wäscheschacht werfen lässt. Doch Kröger wird zusätzlich von Ingo und Anja Heckendorn, welche als Ersatz für Bodmar neu im Team ist, verfolgt. Es beginnt eine Verfolgungsjagd, bei der Frank auf das Dach von Krögers Auto springt. Schlussendlich rast Kröger mit seinem Wagen in einen Güterzug und kann leicht verletzt verhaftet werden, doch er verspricht wiederzukommen.



Weitere verfilmte Drehbücher  vom gleichen Autor


 

Manchester

Nach dem Pariser Attentat auf die Redaktion von Charlie Hebdo (2015) sagte Bundesrätin Doris Leuthard in ihrem Tweet vom 7. Januar 2015: »Satire ist kein Freipass. Aber keine Darstellung, keine Publikation legitimiert Gewalt. Das ist aufs Schärfste zu verurteilen.«

Also irgendwie selber schuld? ViktorGiacobbo schrieb damals ans UVEK, dass auch das Bundesratsamt kein Freipass sei, um nach den ermordeten Karikaturisten die Satiriker zu ermahnen.

Wer damals die Wurzel des Uebels im »politischen Islam« (religiöser Faschismus) sah, wurde als islamophob bezeichnet oder als Hetzer diffamiert. (Ich habe seit der Publikation meines Romans »Godless Sun« Erfahrung damit.)

Was schreibt nun die (mittlerweile) Bundespräsidentin Doris Leuthard nach Manchester auf Twitter? «Die Tatsache, dass das Anschlagsziel einmal mehr Leute sind, die auswärts ein Konzert geniessen wollen, ist entsetzlich». Sie sei in Gedanken bei den Betroffenen und empfinde tiefes Beileid mit den Opferfamilien.

Diese repetitive Heuchelei ist unerträglich, wenn man bedenkt, dass der rechtskräftig verurteilte 32jährige Iraker XX aus der Schaffhauser IS-Zelle »ausgewiesen« wurde… aber »bleiben darf«

(https://www.srf.ch/news/schweiz/is-unterstuetzer-wird-ausgewiesen-und-darf-bleiben)

weil ihm angeblich im Irak die Todesstrafe droht. Das bedeutet im Klartext: Der Schweizer Regierung ist die Unversehrtheit eines nachweislichen Terrorunterstützers wichtiger als die Unversehrheit der eigenen Bevölkerung bzw. der Steuerzahler, die für Kost, Logis, Gesundheitskosten, Gratisanwälte usw. usf. derjenigen aufkommen, die die Ausrottung dieser (ungläubigen) Steuerzahler propagieren. Obwohl er laut dem Eidgenössischen Justiz- und Polizeidepartement (EJPD) stellt er weiterhin eine Gefahr für die Schweiz dar (SRF 22.12.16).

Man muss nicht Autor sein, um sich auszudenken, was geschieht, wenn wir eines Tages nicht 80 Gefährder im Land haben, sondern 800. Zum Schutz aller hier lebenden Muslime, die sich bei uns integriert haben (die grosse Mehrheit), muss man jener radikalen Minderheit, die das nicht will, das Aufenthaltsrecht entziehen. Und nicht nur auf dem Papier.

#chronos (1967)

1967 verkündeten »Die Beatles« »All Your Need Is Love«, darauf rief David Garric die Mutter seiner Angebetenen an und flehte »Dear Mrs. Applebee«, die »Rollings Stones« kamen hingegen gleich zur Sache: »Lets spend a night together«; »Procol Harum« stand eher auf Meerjungfrauen (A Whiter Shade of Pale) und Scott McKenzie empfahl »San Francisco« (und ein paar Blumen im Haar), doch die »Bee Gees« wollten lieber nach »Massachusetts« zurück und »Herman’s Hermits« beklagte das ganze Jahr über »No Milk today«.

Und in Solothurn gründete 1967 ein 16jähriger Schlagzeuger die »The Scouts«: Sein Name Chris von Rohr. Später rockte er mit Krokus alle Bühnen der Welt, Krokus wurde die erfolgreichste Schweizer Rockband aller Zeiten.

1967 erschienen »Bonnie and Clyde« in den US Kinos, die Geschichte eines Liebespaares, das in den 1930er als Bankräuber national berühmt wurde. Faye Dunaway und Warren Beatty ballerten sich durch die USA und ärgerten das Time Magazin, das »Gewalt der grausigsten Art« diagnostizierte und den »Mythos des guten Gangsters« verurteilte. Der Film wurde mit Auszeichnungen überhäuft. Mittlerweile haben Wirtschaftswissenschaftler der Royal Statistical Society den Mythos »Bankraub« entzaubert. Statistisch gesehen »verdient« ein Bankräuber pro Einsatz  15.823.– Euro. Somit wäre sogar eine Anstellung an der Frittenmaschine von McDonalds mit 13. Monatslohn und Fortzahlung im Krankheitsfall lukrativer. Mit jedem zusätzlichen Banküberfall erhöht sich erst noch die Wahrscheinlichkeit, dass »Bonnie und Clyde« Nachahmer ihren Big Mac hinter Gittern verspeisen.

1967 kam »Die Reifeprüfung« (The Graduate) mit dem jungen Dustin Hoffman auf die Leinwand. Er spielte den schüchternen College-Absolventen Benjamin Braddock, der mit einer verheirateten Frau eine Beziehung eingeht (die Affäre mit deren Tochter kam etwas später). Aeltere Frau mit jungem Liebhaber, das war für damalige Verhältnisse revolutionär.

„Sie versuchen doch jetzt, mich zu verführen, nicht wahr?“

Der Evangelische Filmbeobachter fand den Streifen deshalb »unnötig«, die Redakteure des Internationalen Filmlexikons hingegen: »Temporeiche Gesellschaftssatire, die gleichermaßen die verkalkte Moral des amerikanischen Establishments und die Weltfremdheit der jungen Generation aufs Korn nimmt.“

Um Herzensangelegenheiten ging es auch am Groote Schuur Hospital in Kapstadt. Christian Barnard und sein Team führten die erste Herztransplantation durch. Patient Louis Washkansky überlebte 18 Tage und starb an den Folgen einer Lungenentzündung. Die Medikamente, die das Abstossen des neuen Herzens verhindern sollten, hatten im Gegenzug sein Immunsystem lahmgelegt. Der Medienforscher Eckart Roloff nannte die Operation, die weltweit für Furore sorgte, die »publizistische Entdeckung des Patienten«.

Nicht mehr zu retten war das Herz des einstigen Medizinstudenten und Playboys, den die Berliner taz den »Marlboro Mann der Linken« nannte. Ein peruanischer Offizier hatte die Symbolfigur der Kubanischen Revolution erschossen, den Argentinier Ernesto Rafael Guevara de la Serna, der als »Che Guevara« zur Heiligenikone mutierte, aber eine ähnliche Demontage erlebte wie seinerzeit Mutter Theresa. Vor der Vollversammlung der Vereinten Nationen rechtfertigte der Stalinverehrer Folter, Mord und Arbeitslager. In einem Interview mit Sam Russell vom sozialistischen »Daily Worker« sagte Guevara, er hätte während der Kubakrise Atomraketen gegen die USA abgefeuert, wenn sie unter kubanischer Kontrolle gestanden hätten…


Mit dieser Kolumne verabschiede ich mich nach zweieinhalb Jahren und rund 60 Chronos Jahresrückblicken. Danke fürs Lesen! Die gesammelten #chronos sind neu im Buchhandel erhältlich: 

 

#chronos (1967)

1967 verkündeten die Beatles «All You Need Is Love», darauf rief David Garric die Mutter seiner Angebeteten an und flehte «Dear Mrs. Applebee», die Rolling Stones kamen hingegen gleich zur Sache: «Let’s Spend A Night Together»; Procol Harum standen eher auf Meerjungfrauen («A Whiter Shade of Pale») und Scott McKenzie empfahl «San Francisco» (und ein paar Blumen im Haar), doch die Bee Gees wollten lieber nach «Massachusetts» zurück und Herman’s Hermits beklagten das ganze Jahr über «No Milk Today».

Und in Solothurn gründete 1967 ein 16-jähriger Schlagzeuger die The Scouts; sein Name: Chris von Rohr. Später rockte er mit Krokus alle Bühnen der Welt, Krokus wurde die erfolgreichste Schweizer Rockband aller Zeiten.

Der Mythos Bankraub

1967 erschien «Bonnie and Clyde» in den US-Kinos, die Geschichte eines Liebespaares, das in den 1930ern als Bankräuber national berühmt wurde. Faye Dunaway und Warren Beatty ballerten sich durch die USA und ärgerten das Time Magazine, das «Gewalt der grausigsten Art» diagnostizierte und den «Mythos des guten Gangsters» verurteilte. Der Film wurde mit Auszeichnungen überhäuft. Mittlerweile haben Wirtschaftswissenschaftler der Royal Statistical Society den Mythos «Bankraub» entzaubert. Statistisch gesehen «verdient» ein Bankräuber pro Einsatz 15?823 Euro. Somit wäre sogar eine ­Anstellung an der Fritten­maschine von McDonald’s mit 13. Monatslohn und Fortzahlung im Krankheitsfall ­lukrativer. Mit jedem ­zusätzlichen Bank­überfall erhöht sich erst noch die Wahrscheinlichkeit, dass «Bonnie und Clyde»- Nachahmer ihren Big Mac hinter ­Gittern verspeisen.

1967 kam «Die Reifeprüfung» («The Graduate») mit dem jungen Dustin Hoffman auf die Leinwand. Er spielte den schüchternen College-Absolventen Benjamin Braddock, der mit einer verheirateten Frau eine Beziehung ­eingeht (die Affäre mit deren Tochter kam etwas später). Ältere Frau mit jungem Liebhaber, das war für damalige Verhältnisse revolutionär. «Sie versuchen doch jetzt, mich zu verführen, nicht wahr?» DerEvangelische Filmbeobachterfand den Streifen deshalb «unnötig», die Redaktoren des Internationalen Filmlexikons fanden hingegen: «Temporeiche Gesellschaftssatire, die gleichermassen die verkalkte Moral des amerikanischen Establishments und die Weltfremdheit der jungen Generation aufs Korn nimmt.»

Um Herzensangelegenheiten ging es auch am Groote Schuur Hospital in Kapstadt. Christian Barnard und sein Team führten die erste Herztransplantation durch. Patient Louis Washkansky überlebte 18 Tage und starb an den Folgen einer Lungenentzündung. Die Medikamente, die das Abstossen des neuen Herzens verhindern sollten, hatten im Gegenzug sein Immunsystem lahmgelegt. Der Medienforscher Eckart Roloff nannte die Operation, die damals weltweit für Furore sorgte, die «publizistische Entdeckung des Patienten».

Demontierte Heiligenikone

Nicht mehr zu retten war das Herz des einstigen Medizinstudenten und Playboys, den die Berliner taz den «Marlboro-Mann der Linken» nannte. Ein peruanischer Offizier hatte die Symbolfigur der Kubanischen Revolution erschossen, den Argentinier Ernesto Rafael Guevara de la Serna, der als Che Guevara zur Heiligenikone mutierte, aber eine ähnliche Demontage erlebte wie seinerzeit Mutter Teresa. Vor der Vollversammlung der Vereinten Nationen rechtfertigte der Stalin-Verehrer Folter, Mord und Arbeitslager. In einem Interview mit Sam Russell vom sozialistischen Daily Worker sagte Guevara, er hätte während der Kubakrise Atomraketen gegen die USA abgefeuert, wenn sie unter kubanischer Kontrolle gestanden hätten … Claude Cueni ist Schriftsteller und lebt in Basel.


Dies war nach zweieinhalb Jahren die letzte #chronos Kolumne. Danke fürs Lesen, Kommentieren, Kritisieren und Loben.


 

#chronos (1980)

«Mr. John Lennon?», fragte Mark Chapman, als die Musiklegende vor dem New Yorker Dakota-­Gebäude aus dem Auto stieg. Der frühere Drogenabhängige und das Mitglied der Born-Again-Christians-Sekte streckte sein Idol aus sechs Metern Entfernung mit fünf Schüssen nieder. Nach der Entlassung aus einer psychiatrischen Anstalt hatte Chapman die fixe Idee entwickelt, dass eigentlich John Lennon für sein verpfuschtes Leben verantwortlich sei. Eine halbe Stunde nach dem Attentat erlag der Kopf der Beatles im Roosevelt General Hospital seinen Verletzungen.

Einen friedlichen Tod starb hingegen der jugoslawische Staatspräsident Josip Broz Tito. Der notorische Schürzenjäger und Heiratsschwindler war viermal verheiratet und mit einer Amtszeit von 35 Jahren der am längsten regierende Diktator Jugoslawiens: «Ich regiere ein Land mit zwei Alphabeten, drei Sprachen, vier Religionen und fünf Nationalitäten, die in sechs Republiken leben, von sieben Nachbarn umgeben sind und mit acht Minderheiten auskommen müssen.» Selbst für einen ehemaligen WWII-Marshall kein einfach zu lösendes Problem.

Schwierig, aber lösbar war Erno Rubiks Zauberwürfel, der 1980 den deutschsprachigen Raum erreichte. Das bunte Drehpuzzle des ungarischen Bauingenieurs und Architekten Rubik diente ursprünglich dazu, das räumliche Denkvermögen der Studenten zu schulen. Rubiks Cube lässt sich in 43 Trillionen verschiedene Positionen bringen und wurde mittlerweile 350 Millionen Mal verkauft, aber nur gerade der junge Holländer Mats Valk schaffte es bisher, alle 54 Farben in 5,5 Sekunden zu sortieren.

Das Jahr 1980 begann mit dem Einmarsch der Sowjet­armee in Afghanistan. Man wollte den Ausgang des tobenden Bürgerkriegs zugunsten von Moskau beeinflussen und so den Süden der Sowjetunion sichern. In den folgenden zehn Jahren kämpften sie gegen dreissig verschiedene Mujaheddin-Gruppen, die vom Westen, aber auch von der islamischen Welt unterstützt wurden.

Vorerst ohne direkte westliche Beteiligung begann im September der «erste Golfkrieg», die militärische Auseinandersetzung zwischen Irak und Iran um die Vorherrschaft am Persischen Golf. Mit der Operation «Eagle Claw» versuchten die USA die 52 US-Diplomaten aus der Teheraner Geiselhaft zu befreien. Sie scheiterten. Nicht an den Gotteskriegern, sondern an Sandstürmen und defekten Sea-Stallion-Helikoptern.

Das auf allen Ebenen gescheiterte Unternehmen «Adlerklaue» kostete am Jahresende Jimmy Carter die zweite Amtszeit und öffnete das Weisse Haus für Ronald Reagan. Daran änderte auch Carters Kritik an «fehlerhaften Meinungsumfragen» nichts, die er in seiner berühmten «malaise speech» ein Jahr zuvor gehalten hatte. Verkohlte Soldatenleichen im Wüstensand und Helikopterschrott bescherten dem Friedensnobelpreisträger eine bittere Wahlniederlage.

«Paku paku» nannte ein japanischer Professor und Gamedesigner sein neues Game, das 1980 unter dem Namen «Pac-Man» nach Europa kam. Ursprünglich hiess es «puck», die englische Bezeichnung für Kobold. Aber als die Kids an den Automaten aus dem Buchstaben P ein F machten, war eine Namensänderung angezeigt. Mittlerweile hat sich der Klassiker mehrere Hundertmillionen Mal verkauft und hat zahlreiche Nachahmer inspiriert.

Cliff Richard bedauerte, «We Don’t Talk Anymore», und The Eagles hatten darauf «Heartache Tonight». Das hatte auch Robert De Niro, als er in «Raging Bull» Jake LaMotta spielte: «Am ersten Abend, als ich hier anfing, hab ich den Besitzer gefragt: Wo ist denn hier die Toilette? Da sagt der: Sie sind mittendrin.»

#chronos (1997)

1997 war «Ein Toter auf der Flucht». So hiess Band 1859, das letzte Kioskheft aus der Bastei- Westernreihe, die 1957 gestartet worden war. Keine geeignete Badewannenlektüre war hingegen ein Roman, den der britische Bloomsbury-Verlag mit einer wenig optimistischen Startauflage von lediglich 500 Exemplaren in den Handel brachte. Das Buch, das mittlerweile in 65 Sprachen und 200 Ländern über 100 Millionen Mal verkauft wurde, stammt aus der Feder der Engländerin Joanne K. Rowling. «Harry Potter und der Stein der Weisen» soll die Autorin gemäss dem Forbes Magazin innerhalb von sieben Jahren zur Milliardärin gemacht haben.

Milliardäre wollten auch Jungunternehmen am «Neuen Markt» werden, der neuen New-Economy-Börsenplattform, die nach dem Vorbild der amerikanischen Technologiebörse Nasdaq startete. Die Anfänge erinnerten an die holländische Tulpenmanie am Ende des 16. Jahrhunderts. Das Ende auch.

Im Reichwerden übten sich auch die Albaner. Nach dem Fall des Kommunismus waren die Neokapitalisten noch etwas unerfahren und vertrauten ihr Geld dubiosen Firmen an, die ihnen pro Monat bis zu fünfzig Prozent Zins versprachen. Als das Schneeballsystem der Ponzi-Firmen zusammenbrach, verloren Zehntausende ihr gesamtes Erspartes. Wütend ­plünderten sie Militärlager, bewaffneten sich und griffen staatliche Institutionen an. Kriminelle Clans füllten das Macht­vakuum, bis die OSZE internationale Schutz­truppen schickte, um geordnete Neuwahlen zu ermöglichen.

1997 übergab das Vereinigte Königreich, nach Ablauf der Pachtzeit von 99 Jahren, Hongkong, die New Territories (und 1,5 Millionen an der Vogelgrippe H5N1 erkrankte Hühner) an die Volksrepublik China. Seitdem ist die ehemalige britische Kronkolonie eine chinesische Sonderverwaltungszone mit freier Marktwirtschaft, «ein Land, zwei Systeme» (Deng Xiaoping).

1997 manövrierte James Cameron mit einem Reisebudget von über 200 Millionen US-Dollar die «Titanic» nochmals gegen einen Eisberg. Der mit elf Oscars prämierte Monumentalfilm sprengte alle bisher gekannten Dimensionen und machte Kate Winslet und Leonardo DiCaprio, die als Besetzung eigentlich nur zweite und dritte Wahl gewesen waren, zu Weltstars. Die berührendste Szene war mit einem Lied von Céline Dion unterlegt: «My Heart Will Go On».

In der Nacht zum 31. August 1997 fuhr Henri Paul mit übersetzter Geschwindigkeit durch den Autotunnel unter der Place de l’Alma in Paris. Im Blut hatte er einen Cocktail von 1,8 Promille, das Antidepressivum Prozac und Tiapridal zur Behandlung von Alkoholismus. Beim Aufprall gegen einen der Betonpfeiler erlitt er schwerste Gesichtsverletzungen, seine beiden Passagiere im Fonds überlebten den Unfall nicht: Lady Di und ihr Freund Dodi Al-Fayed. Diverse Medien, darunter auch das ZDF, behaupteten später, Henri Paul sei von einem Killer des MI6 mit einer Stroboskop-­Lichtblitzkanone gebl